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1. Einleitung
Kleomenes I. regierte von ca. 520 bis 488 in Sparta.
Der Neue Pauly umschreibt ihn als den „bedeutendsten Repräsentanten der spartanische Führungsschicht um 500 v. Chr. mit hoher persönlicher Autorität“ 1 . Herodot (490/80 - 424 v. Chr.) charakterisiert ihn in seinen „Historien“ als „ etwas schwachsinnig“ 2 , Initiator verschiedener Kriege, Intrigant und in seinem Machtstreben anscheinend ungehindert durch die spartanischen Institutionen. 3 Doch wie weit kann man dem „Vater der Geschichtsschreibung“ diese Einschätzung glauben? In dieser Arbeit soll diskutiert werden, inwiefern Kleomenes I. sich von anderen vorangegangenen Königen in seinen Machtbestrebungen unterschied. Es gilt ebenfalls zu untersuchen, ob er an die Grenzen seiner Möglichkeiten als dominierender Part des Doppelkönigtums ging und welche Rolle das Ephorat unter seiner Herrschaft spielte. Verschiedene Episoden bei Herodot, die das Agieren des agiadischen Königs und des Ephorats wiedergeben, sollen für eine Argumentation die Basis bilden.
Die Forschung sieht sich bei der Charakterisierung der politischen
Verhältnisse in Sparta bekanntlich mit einem großen Quellenproblem konfrontiert. 4 Herodots Darstellung bietet die früheste historische Überlieferung und ist somit neben den zeitgenössischen Dichtungen und archäologischen Befunden die wertvollste Quelle zum frühen Sparta. 5 Da die spätere Überlieferung von Herodot abhängt, bezieht sich diese Arbeit vorwiegend auf seine Schilderungen der Ereignisse. Die wichtigsten Forschungskontroversen zum Thema dieser Arbeit finden sich vor allem bei Andreas Luther 6 , Karl- Wilhelm Welwei 7 , Mischa Meier 8 und Lukas Thommen 9 .
1 Welwei, K.-W., Kleomenes I., in: Cancic, H./ Schneider, H.( Hrsg.), Der Neue Pauly. Enzyklopädie
der Antike, Band 6, Stuttgart 1999, 579-578.
2 Hdt. 5,42.
Hdt. 5,74; 6,74. 3
4 Thommen, L., Lakedaimon Politeia, Stuttgart 1996, S.20.
5 Ebenda.
Luther, A., Könige und Ephoren - Untersuchungen zur spartanischen Verfassungs- 6
geschichte, Frankfurt a. M. 2004.
Welwei. K.-W., Die griechische Polis, Stuttgart ²1998;Welwei, K.-W., Sparta. Aufstieg und 7
Niedergang einer antiken Großmacht, Stuttgart 2004.
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Die von ihnen aufgestellten Hypothesen kommen zu teilweise unterschiedlichen Ergebnissen, vor allem wenn es um die Stellung des Ephorats während der Amtszeit des Kleomenes geht. Die divergierenden Forschungsmeinungen sollen in dieser Arbeit ihre Berücksichtigung finden.
2. Kleomenes I. - ein typisch spartanischer König?
Kleomenes I. war einer der umstrittensten Könige Spartas. Diese Sicht teilen die modernen Historiker mit den antiken. 10 Im folgenden Kapitel soll diskutiert werden, wie sich seine Herrscherpersönlichkeit auf das spartanische Doppelkönigtum und das Ephorat auswirkten.
2.1. Das spartanische Doppelkönigtum
Nach Karl-Wilhelm Welwei bekommen die Handlungsspielräume „und Grenzen des Einflusses spartanischer Könige […] erstmals in der Zeit des Kleomenes I. um 500 schärfere Konturen“. 11 Die weit reichenden Kompetenzen und die Machtfülle, die während der Basilea des Kleomenes I. zutage tritt, sind ,wie hier noch erläutert wird, nicht typisch für die sonstige Position der spartanischen Könige. Nach Herodot fallen unter die „Ehren und Rechte, die die Spartiaten ihren Königen übertragen haben“ unter anderem zwei Priesterämter, das Ausrufen des Kriegszustandes, eine bevorzugte Stellung bei den Mahlzeiten und richterliche Entscheidungen in Erb- und Adoptionsfragen. 12 Aus dem herodoteischen Bericht schließt die Forschung, dass das spartanische Doppelkönigtum zwar mit hohen gesellschaftlichen Ehren versehen war, dafür aber kaum politische Möglichkeiten bot und somit mehr ein „Polisamt als eine Monarchie nach landläufigem Verständnis“ war. 13 Es hatte wenige Teile der zivilen Rechtssprechung inne, und auch das in der
Meier, M., Kleomenes I., Damaratos und das Ephorat, in: Göttinger Forum für 8
Altertumskunde2 (1999): http://gfa.gbv.de/z/1999/dr,gfa,002,1999,a,06 (10.05.2010).
9 Thommen, Politeia.
Clauss, M., Das frühe Sparta. Eine Einführung in seine Geschichte und Zivilisation, München 1983, 10
S.28.
Welwei. K.-W., Die griechische Polis, Stuttgart ²1998, S.115. 11
12 Hdt 6,56f.
13 Meier, Kleomenes I.,S.91.
3
Quelle erwähnte eigenmächtige Erklären des Kriegszustands durch die Könige ist fraglich. Gemeint sein könnte hier vielmehr die Führung des Heeres im Krieg selbst - so schreibt Thukydides (460-399/96) über die Macht des Königs im Felde: „ Denn wenn der König führt, gehen von ihm alle Befehle aus“. 14
Nach Aristoteles (384 - 322) verdient das spartanische Königtum seinen Namen „am ehesten von allen gesetzmäßigen Königtümern, hat aber nicht über alles zu bestimmen“. Es ist vielmehr ein erbliches „Feldherrenamt selbstverantwortlicher Männer auf Lebenszeit“ 15 mit besonderen kultischen Vorrechten. 16 Nach Welwei greift diese Kategorisierung jedoch zu kurz: Die Könige nahmen „durch ihre Herkunft, ihren hohen sozialen Rang, ihren Reichtum und zahlreiche alte Privilegien eine Sonderstellung in der Gesellschaftsordnung“ ein. 17
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die spartanische Apella sowohl über einen Kriegseintritt entschied 18 als auch die Heeresleitung festsetzte, die nicht immer in den Händen eines Königs liegen musste:
„Als die Lakedaimonier immer wieder denselben Orakelspruch erhielten, sandten sie endlich ein Heer unter dem angesehenen Spartiaten Anchimolios, Sohn des Aster, zur Vertreibung der
Peisistratiden aus Athen ab[…]“ 19
Die Forschung konstatiert für diese Zeit eine breitere Verteilung der politischen Macht und ein Zusammenspiel mehrerer politischer Gremien (Ephorat, Gerusia, Damos).
Die Basilea des Kleomenes I. fällt durch gegenteilige Tendenzen einer persönlichen Machtausübung auf. 20 Nach der Darstellung Herodots erscheint der Agiade im alleinigen Besitze der Exekutivgewalt, unbeschränkt durch die Ephoren oder eine andere Behörde.
Thuk. 5,60. 5,66. 14
Aristot. pol.3,1285a. 15
16 Ebenda.
17 Welwei. K.-W., Die griechische Polis, Stuttgart ²1998, S.115.
„Jetzt schickten die Lakedaimonier ein größeres Heer gegen Athen und stellten an dessen Spitze 18
den König Kleomenes, Sohn des Anaxandrides“. (Hdt. 5,63).
19 Ebenda.
20 Thommen, Lakedaimonion, S.87.
4
Das Ephorat, welches vor der Zeit des Kleomenes I. nur selten und in politisch wenig bedeutender Position erscheint, beginnt sich gegen Ende, aber vor allem im Anschluss an seine Regierungszeit zur entscheidenden Institution in Sparta zu entwickeln. 21
2.2. Die Stellung des Ephorats
Im achten Brief Platons, dessen Echtheit nach wie vor umstritten ist, heißt es, Lykurgos habe das Ephorat als „Zaum und Fessel“ zur Erhaltung des Doppelkönigtums geschaffen. 22 Diese Erwähnung kann jedoch außer Acht gelassen werden, ebenso wie die Nachricht, dass König Theopompos(ca. 720 bis 675) das Ephorat zur Stabilisierung des Königtums eingerichtet habe. Die typische Tendenz, die Entstehung politischer Institutionen oder die Einsetzung eines Funktionsträgers auf einen Stifter zurückzuführen, lässt diese Quellen nicht sehr authentisch wirken. 23 Konstatiert werden kann hingegen, dass die Ephoren vor der Basilea des Kleomenes I. sehr selten in den Quellen auftreten. Auch in der großen Rhetra oder den Versen des Tyrtaios (Mitte des7.Jh v. Chr.) werden sie nicht erwähnt.
Immerhin besaßen die Ephoren aber schon damals wichtige Aufsichtsfunktionen, zum Beispiel über die Heloten, an die sie die jährliche rituelle Kriegserklärung aussprachen, aber auch über die Könige, die sie suspendieren konnten. Könige und Ephoren nahmen sich monatlich gegenseitige Eide ab, wie bei Xenophon nachlesbar ist: „ Jeden Monat
schwören sie einander einen Eid, die Ephoren für die Stadt, der König für
sich selbst“ 24 . Dies bedeutet nichts anderes, als dass letztere schworen, ihrem Amt gesetzestreu nachzugehen, woraufhin sich die Ephoren verpflichteten in diesem Fall die Rechte der Könige nicht anzutasten. 25
Meier, Kelomenes I., S.90. 21
22 Plat. Ep. 8, 354 b.
23 Welwei, K-W., Sparta. Aufstieg und Niedergang einer antiken Großmacht, Stuttgart 2004,
S.85.
24 Xen. Lac. 15,7.
25 Welwei, Polis, S.124.
5
Neben allgemeinen kultischen Aufgaben und öffentlichen Tätigkeiten ist uns heute noch bekannt, dass die Ephoren die Gymnopaidiai leiteten. 26 Der athenische „Wahlspartaner“ Xenophon(431- 404), der mit seinem Werk „Verfassung der Spartaner“ von herausragender Bedeutung für die spätere Verklärung des spartanischen Staates ist, umschreibt die Aufgaben der Ephoren im Rückblick folgendermaßen:
„ Die Ephoren sind imstande zu strafen, wen sie wollen, sie sind
bevollmächtigt, auf der Stelle ein Bußgeld einzutreiben, Amtsträger während ihrer Amtszeit abzusetzen, ins Gefängnis zu werfen und auf Leben und Tod anzuklagen. Da sie eine so große Macht haben, lassen sie nicht wie in den anderen Städten die jedes Mal gewählten (Amtsträger) das ganze Jahr hindurch ihre Handlungen nach Gutdünken ausführen, sondern- wie die Tyrannen und die Aufseher über die gymnastischen Wettkämpfe- strafen einen Missetäter augenblicklich, wenn sie seines widerrechtlichen Handelns gewahr
werden.“ 27
Auch Aristoteles setzt im 4. Jahrhundert vor Christus die Stellung der Ephoren mit denen von Tyrannen gleich:
„ Dieses Amt hat bei ihnen [den Spartiaten] den größten Einfluss und
wird aus dem ganzen Volk besetzt […]. Und weil ihr Herrschaftsgebiet allzu groß war, fast wie eine Gewaltherrschaft, waren auch die Könige
gezwungen, ihnen den Hof zu machen[…].“ 28
Ein Aufstieg des Ephorats hin zu dieser machtvollen Stellung, die Xenophon und Aristoteles knapp 100 bzw. 200 Jahre später umschreiben, scheint also unbestreitbar während und/oder direkt im Anschluss an die kleomenesche Regierungszeit stattgefunden zu haben.
Nicht ganz so klar wie dieser Sachverhalt ist nach wie vor, ob diese Entwicklung mit einem konkreten Ereignis während der Regierungszeit des Kleomenes I. in Zusammenhang gebracht werden kann, sowie welche Umstände dabei in Betracht zu ziehen wären und warum diese zur Kompetenzerweiterung des Ephorats beigetragen haben könnten. 29
26
Meier, Kleomenes I., S. 100.
27 Xen. Rep. Lac. 8,3 f.
28 Aristot. pol.2,1270b.
29 Meier, Kleomenes I., S.90.
Arbeit zitieren:
Jasmin Galluzzi, 2010, Kleomenes I.: Könige contra Ephoren, München, GRIN Verlag GmbH
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