I
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Die Wesensbestimmung des Menschen 4
2.1 Die Bestimmung des Denkvermögens 4
2.2 Die Bestimmung des Bewegungs- und Empfindungsvermögen 7
2.2.1 Das Problem des Bewusstseins und der Methodik 10
3 Das Konzept der Seele 13
4 Schluss 15
Literaturverzeichnis II
Einleitung 1
1 Einleitung
Die Frage «Was der Mensch sei, was sein Wesen bzw. seine Natur ausmache» beschäftigt die Denker seit Anbeginn der Philosophie und ist Gegenstand der philosophischen Anthropologie. Auch La Mettrie setzt sich mit diesem Themenkomplex in seinem Werk «Der Mensch als Maschine» auseinander. Dabei steht der Mensch mit den wesensimmanenten Eigenschaften der Empfindungs-, Bewegungs- und Denkfähigkeit im Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung. Traditionell wurden diese Vermögen als Funktionen der Seele angenommen, d.h. als Seelenvermögen charakterisiert: So erkennt Aristoteles die Seele als Grund für die vegetative Bewegung (Stoffwechsel und Fortpflanzung), die Selbstbewegung und die Wahrnehmungs- und Denkfähigkeit des organischen Lebens (SEIDL, HORST 1998: 413b ff). Die Fähigkeit des emotionalen Percipierens, also die Empfindungsfähigkeit, gliedert Aristoteles zwischen die beiden Seelenvermögen des Wahrnehmens und Denkens ein (GLOY, KAREN: 1984: 389-390) 1 . Als Arzt und empirisch ausgerichteter Materialist möchte La Mettrie nun solche Seelenvermögen erklären, indem er die Vermögen auf eine materielle Basis zurückführt, sie aus der Materie, aus der Körperlichkeit des Menschen heraus erklärt oder in den Worten La Mettries: „indem man den Zugang zur Seele gleichsam über die Organe des Körpers sucht“ (LASKA, BERND A. 2004: 21). Sein Verfahren um das „Labyrinth des Menschen“ (LASKA, BERND A. 2004: 21) zu «kartographieren», bedient sich eines methodischen Empirismus, welcher sich an der naturwissenschaftlichen Vorgehensweise von Beobachtung und Erfahrung orientiert (s. LASKA, BERND A. 2004: 20-21; 32; 43; 51). Folglich lässt La Mettrie nur solche Aussagen über das Wesen des Menschen gelten, welche sich anhand sinnlich wahrnehmbarer Fakten nachprüfen lassen oder aus diesen abgeleitet sind. „Insofern lässt sich durchaus sagen, La Mettrie medikalisiere die Anthropologie und werde zum Fürsprecher des Naturalismus, […]“ (CHRISTENSEN, BIRGIT 1996: 131) oder es handele sich um „eine Anthropologie, die besser eine Physiologie genannt würde“ (BARUZZI, ARNO 1968: 25).
Vor allem begründet seine Vorgehensweise aber eine Antimetaphysik, da er die Materie mit den Attributen ausstattet, welche in der klassisch-metaphysischen Vorstellung der Seele zugeschrieben wurden (BARUZZI, ARNO 1968: 26). Zur
1 So wird das Streben als Begierde an den Wahrnehmungsteil, das Streben als Wille an den
denkenden Teil der Seele gekoppelt. Die Emotion als Empfindung (Lust und Schmerz)
aufgefasst, wird an das Wahrnehmungsvermögen der Seele angehängt, als Erkenntnis von
Guten und Bösen an das Denkvermögen der Seele (Gloy, Karen 1984: 390).
Einleitung 2
Erklärung der wesensimmanenten Eigenschaften des Menschen stützt er sich hauptsächlich auf die aus Beobachtung und Erfahrung gewonnen Daten, also auf das sinnlich Wahrnehmbare, die Materie. Damit befindet sich La Mettrie in Opposition zu all den metaphysischen Erklärungsversuchen, die durch die Zurückführung der Seelenvermögen bzw. des Empfindungs-, Bewegungs- und Denkvermögens auf ein transzendentes, immaterielles Prinzip das Wesen des Menschen oder seine Seele bestimmen wollten. Diese antimetaphysische Position verdeutlicht sich bei der Betrachtung der La Mettrieschen Kritik der Seelenlehren, die er gleich zu Anfang seines Werkes tätigt. Neben der Zurückweisung diverser philosophischer und theologischer Anthropologien, verwirft er auch die Seelenbzw. Wesensbestimmungen des Menschen von Locke und Descartes (LASKA, BERND A. 2004: 17-21). „Weil der Empirismus Lockescher Provenienz keinen Ansatz liefert, der das Denken als Eigenschaft der Materie begreifen kann, muss er an einem den Sinnen unzugänglichen Prinzip - der Seele - festhalten“ (CHRISTENSEN, BIRGIT 1996: 130). Auch die dualistische Auffassung des Menschen, wie sie durch Descartes mit der Einführung der «res cogitans» und «res extensa» vollzogen wurde, ist für La Mettrie keine befriedigende Antwort in Bezug auf die Wesensbestimmung des Menschen, da die «geistige Substanz» empirisch nicht zu untersuchen ist und somit der Metaphysik verhaftet bleibt (s. LASKA, BERND A. 2004: 17-18). Die Abkehr vom metaphysischen Denken sehe ich vor allem in seiner Methodik selbst begründet, da seine konzeptionelle Ausrichtung nur jenes gelten lässt, was sinnlich erfahrbar ist. Zum anderen kann die Abwendung auch aus seinem philosophischen Werdegang ersichtlich werden: Im «Lettre critique» kritisiert La Mettrie seine im «Histoire naturelle de l’âme» vertretene metaphysische Grundhaltung mit der Konsequenz, dass er im «Homme maschine» nun eine Erklärung ohne metaphysische Prämissen entwickelt (CHRISTENSEN, BIRGIT 1996: 102-107) 2 . Eine allgemeinere Erörterung für die Abkehr von metaphysischen Erklärungsversuchen des Menschen bzw. der Seelenvermögen findet sich bei PFLUG, GÜNTHER 1953: 512-513: Hier ist es das Aufkommen des neuen Wissenschaftsbedürfnis nach einer empirischen Demonstration, welche die Metaphysik und die logische Beweisführung zur Erklärung des Menschen in den Fachkreisen der Medizin ablöst. Die Skepsis gegenüber logischen Argumenten und der Wissenschaftsglaube 3 finden sich so auch bei La Mettrie: „Der Mensch ist eine so komplizierte Maschine, da[ss] man
2 Eine ausführliche Betrachtung findet sich bei CHRISTENSEN, BIRGIT 1996: Kap. 1.1.1; So könnte
auch eine erneute Beschäftigung mit H. Boerhaaves empirischen Medizinbegriff La Mettries
methodische Emanzipation von den Metaphysikern mitverursacht haben. 3 Für eine ausführliche Positionierung des La Mettrieschen Wissenschaftsverständnisses siehe
CHRISTENSEN, BIRGIT 1996: Kap 2.1 -2.3
Einleitung 3
ihn unmöglich vorab in einen klaren Begriff fassen bzw. definieren kann. Aus diesem Grunde waren alle Untersuchungen, die die größten Philosophen a priori anstellten, indem sie sich sozusagen vom reinen Geiste beflügeln lassen wollten, vergebliche Mühen. Erkenntnisse über das Wesen des Menschen kann man somit
- zwar nicht mit Gewissheit, aber doch mit dem hier höchstmöglichen Grad an Wahrscheinlichkeit - nur a posteriori gewinnen, […]“ (LASKA, BERND A. 2004: 21).
La Mettries Ziel ist es also den Menschen, d.h. seine Eigenschaften des Empfindungs-, Bewegungs- und Denkvermögens, auf eine unmetaphysische, naturalistische Weise zu beschreiben bzw. zu bestimmen. Dabei wird die Seele als Prinzip der Vereinigung dieser Eigenschaften aber nicht gänzlich verworfen, sondern im Gegensatz hierzu wird versucht - ganz im Sinne einer Antimetaphysik
- diese zu materialisieren, sie der sinnlich wahrnehmbaren Welt zuzuführen. Sein Programm ist so vor allem Entmetaphysierung, eine Koppelung des Wesens des Menschen an das Materielle bei einer gleichzeitigen Ausgliederung aus dem Transzendenten. Die vorliegende Arbeit stellt vor diesem Hintergrund nun den Lösungsweg, den La Mettrie zur Bestimmung des Menschen wählt, kritisch dar und prüft ihn auf seine «Begehbarkeit». Ein besonderes Augenmerk soll hier auf seine evolutionär-materialistische Herleitung der Entwicklung des menschlichen Denkens gelegt werden, da diese aus heutiger Sicht für die damalige Zeit als revolutionär erscheint.
Die Wesensbestimmung des Menschen 4
2 Die Wesensbestimmung des Menschen
2.1 Die Bestimmung des Denkvermögens
Argumentativer Ausgangspunkt der Wesensbestimmung des Menschen bildet die aus der Beobachtung gewonnene Wechselbeziehung zwischen physischen und psychischen Zuständen: So verdüstert sich beispielsweise die Seele durch bestimmte Krankheiten, das Alter wirkt sich auf die geistigen Fähigkeiten aus, Kaffee vertreibt Kopfschmerzen und Kummer oder der beschäftigte Geist bringt das Blut in Wallung, so dass der Mensch nicht schlafen kann (LASKA, BERND A. 2004: 22-32). La Mettrie führt diese Beispiele aber nicht an, um die einzelnen Wechselwirkungen nachfolgend peu à peu zu erklären. Vielmehr will er demonstrieren bzw. beweisen, dass tatsächlich Wechselbeziehungen zwischen dem Körper und dem Bewusstseinszustand existieren. Die Signifikanz des Bestehens dieser Korrelationen liegt darin, dass La Mettrie nun in einem zweiten Schritt versucht, ein besonderes Wechselverhältnis aufzudecken: Die Abhängigkeit der Gelehrsamkeit (Intelligenz) von der Quantität und Qualität des Gehirns (LASKA, BERND A. 2004: 32/33). Die Relation dieser beiden Größen erhält er aus dem Vergleich der Anatomie von Mensch und Tier, mit dem Ergebnis, dass die Gelehrigkeit mit einer Steigerung der Masse des Gehirns zunimmt, wobei gleichzeitig auch ein Verlust von Instinkt einhergeht. Im Umkehrschluss erfolgt bei einer Abnahme der Masse eine Verminderung der Zähmbarkeit. Diese empirische gewonnene Erkenntnis oder Deutung, dass „im gesamten Tierreich die Statur der Seele [gemeint sind die Seelenvermögen als Empfindungs-, Bewegungs- und Denkfähigkeit] - und der Intelligenzgrad - mit der Statur des Körpers korrespondiert“ (LASKA, BERND A. 2004: 34) ist für den weiteren Argumentationsgang La Mettries entscheidend. Da La Mettrie den Menschen in die Fauna eingliedert, ihn nur durch einen fließenden Übergang vom Tier getrennt sieht, ist der Mensch das Tier, welches am meisten Gelehrigkeit aufweist, weil es „unter allen Tieren als wesentlichen Unterschied das im Verhältnis zur Körpermasse größte und windungsreichste Gehirn“ (LASKA, BERND A. 2004: 32) besitzt (s. LASKA, BERND A. 2004: 38; 50). Der erhöhte Grad der Gelehrigkeit des Menschen ist also Resultat seiner Physiologie, eine Eigenschaft der besonderen Organisation des Gehirns bzw. der Materie. Auf dieses Ergebnis sich stützend, entwirft La Mettrie nun eine evolutionäre Entwicklung des Geistes, die das Vermögen der Denkfähigkeit des menschlichen Organismus in seiner heutigen Ausprägung klären soll. Er versetzt den Menschen
Arbeit zitieren:
2010, Julien Offray de La Mettrie: Die Wesensbestimmung des Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
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