INHALTSVERZEICHNIS
KAPITEL I: EINLEITUNG. 1
I.1 Literaturlage zur Medienhilfe. 4
I.2 Vorgehen Anmerkungen. 6
KAPITEL II: ZUM KONZEPT DER MEDIENHILFE. 7
II.1 Definition Medienhilfe. 7
II.2 Medienhilfe als Teilaspekt einer Information Intervention 11
II.3 Zwischenergebnis zur Medienhilfe im Kosovo. 16
II.4 Demokratisierung durch Medien: Theoretische Einordnung. 17
II.4.1 Kommunikationswissenschaft. 18
II.4.2 Politikwissenschaft. 20
II.5 Zwischenfazit. 24
KAPITEL III: RAHMENBEDINGUNGEN DER MEDIENHILFE IM KOSOVO. 25
III.1 Gesellschaftlicher Rahmen. 25
III.2 Historischer Rahmen. 27
III.3 Historisches Zwischenfazit: 33
III.4 Der Schattenstaat. 34
III.5 Medien im Schattenstaat. 35
III.6 Anforderungen an die Medienhilfe im Kosovo. 37
KAPITEL IV: INTERNATIONALE AKTEURE IM KOSOVO. 38
IV.1 Die internationale Zivilverwaltung im Kosovo. 38
IV.2 Akteure der Medienhilfe im Kosovo. 40
IV.3 Die Medienhilfepyramide. 42
IV.4 Strategien der Medienhilfe im Kosovo. 43
IV.4.1 Ausgangssituation. 44
IV.4.2 Medienregulierung in einem dynamischen Umfeld. 47
IV.4.3 Pluralisierung durch neue Sender. 49
IV.4.4 Ausbildungs- und Vernetzungsinitiativen. 51
IV.5 Zusammenfassung 52
KAPITEL V: DIE RUNDFUNKWIRKLICHKEIT ALS RESULTAT DER MEDIENHILFE. 54
V.1 Der Lokale Rundfunk im Kosovo - Senderlandschaft. 54
V.1.1 Strukturen und Lizenzen. 55
V.1.2 Wirtschaftliche Situation der Sender. 56
V.1.3 Beschäftigungsstruktur. 57
V.1.4 Das KFOR-Engagement. 59
V.1.5 Internationale Spenden. 64
V.1.6 Programminhalte. 66
V.2 Sendeinhalte - Die Märzunruhen 2004. 67
V.3 Zwischenfazit zur Rundfunkwirklichkeit. 71
Kapitel VI : Fazit und Ausblick. 72
VI.1 Fazit. 72
VI.2 Ausblick. 75
VII: LITERATURVERZEICHNIS. 77
VIII: ANHANG: 84
KAPITEL I. EINLEITUNG
Für die etwa zwei Millionen Einwohner des Kosovos senden täglich über 100 Radio- und Fernsehstationen. Acht Jahre nach Ende des Kosovokrieges hat sich in der von der UN verwalteten Provinz eine Senderlandschaft gebildet, bei der die Anzahl der Stationen - welche einer relativ kleinen Bevölkerungszahl gegenübersteht - grotesk hoch wirkt. Die Stadt Prizren im Süden des Landes ist beispielsweise mit ihren 170.000 Einwohnern der Sitz von sieben Radio- und vier Fernsehstationen, die ausschließlich für die Stadt und deren Umland senden. Vor Ort empfangbar sind neben diesen lokalen Sendern zusätzlich auch die provinzweit sendenden Stationen sowie Programme aus Nachbarstädten.
Der Kosovo hat damit eine der höchsten Dichten von Rundfunksendern weltweit. 1 Auf 19.000 Einwohner des Kosovos kommt rechnerisch ein Radio-oder Fernsehsender. 2 Bedenkt man, dass zwischen 1990 und 1999 als Maßnahme serbischer Repression lokaler Rundfunk in der Sprache der Bevölkerungsmehrheit (albanisch) verboten war, so könnte man von einer fruchtbaren Medienpolitik der internationalen Interimsverwaltung in Rahmen der UN-MIK 3 sprechen. Die Förderung von Meinungspluralismus war stets ein Ziel beim Wiederaufbau des Mediensektors im Kosovo, dieser sollte durch ein hohe Anzahl an Rundfunkanbietern gewährleistet werden. Jedoch bedeutet Anbieterpluralismus nicht automatisch Meinungspluralismus. Im Kosovo führt die Menge an Sendern neben anderen Faktoren dazu, dass selbst die an der Neuordnung der Rundfunklandschaft beteiligte OSZE 4 von einem „verheerenden Zustand“ spricht, in dem sich der lokale Rundfunksektor befände, wirtschaftlich wie inhaltlich. 5 Viele Sender wären ohne internationale Unterstützung nicht überlebensfähig, 6 die Anzahl an kommerziellen Sendern ist verglichen mit den geringen Investitionen in Werbung durch die örtliche Wirtschaft viel zu hoch. Die schlechte finanzielle Situation führt dazu, dass einige Radiosender auf teure journalistische Inhalte verzichten und ausschließlich Musik spielen. Da es im Kosovo aber internationale Akteure waren und sind, die den Rundfunk regulieren und mitfinanzieren stellt sich die Frage, wie es zu solchen Fehlentwicklungen kommen konnte.
1 Jedoch ist aufgrund der ungeklärten Statusfrage des Kosovos der Vergleich mit anderen Staaten schwierig.
2 Überträgt man diese Quote nach Münster, so sendeten aus der Aaseestadt 14 Radio- oder Fernsehsender. In der münsterschen Peripherie gelegene Städte wie Telgte verfügten aber ebenfalls über eigene Sender, die wiederum nach Münster hinein sendeten. 3 United Nations Interim Administration Mission in Kosovo (UNMIK) 4 Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Deren Mission im Kosovo hat die Abkürzung OMIK, welche für „OSCE Mission in Kosovo“ steht. 5 „The Status of the local broadcasting sector in Kosovo is, except of few stations, devastating.“ In: LAUE (2005): Local electronic media S. 6 6 Vgl.: LAUE (2005): Local electronic media S.20
1
Die zugespitzte Frage „Wie viele Medien braucht der Kosovo?“ kann und will die vorliegende Arbeit nicht beantworten; auch können hier nicht die durch Medienhilfe bewirkten Demokratisierungserfolge erhoben werden. Der Arbeit geht es darum, die Ziele der Medienhilfe und deren Auswirkungen auf den Mediensektor im Kosovo zu ermitteln. Zu diesem Zweck werden Vorgehen und Interessen der Hauptakteure beleuchtet und deren Auswirkungen auf die Rundfunklandschaft dargestellt. Es soll geklärt werden, ob die hohe Anzahl an Rundfunksendern ein gewolltes oder ungewolltes Resultat oder lediglich ein Nebenprodukt der Medienhilfebemühungen im Kosovo ist. Die Konflikte im Kosovo wurden seit jeher durch Spannungen auf lokaler Ebene hervorgerufen, hatten aber stets eine übergeordnete Dimension. Handelt es sich bei der Konfrontation zwischen Serben und Albanern zwar vordergründig um einen innerstaatlichen Konflikt zwischen zwei rivalisierenden Ethnien, so prallen hier auch zwei Weltreligionen aufeinander: Christ-lich-orthodoxe Serben und muslimische Albaner.
Die strategische Bedeutung des Kosovo und seiner Konflikte resultiert aus dessen geografischer Lage; noch in Europa liegend grenzen hier muslimischer und christlicher Einflussbereich aneinander. Vor diesem Hintergrund ist auch das starke internationale Engagement zur Befriedung und zur Demokratisierung der Unruheprovinz erklärbar. Die damaligen Motive, die zur Intervention geführt haben bestimmen bis heute das Handeln der internationalen Akteure vor Ort. Im Jahre 1999 galt es zu verhindern, dass die umliegenden Staaten vom Konflikt im Kosovo destabilisiert werden. Ferner sollte die Gefahr gebannt werden, dass organisiertes Verbrechen und (islamistischer) Terrorismus vor Ort - also mitten in Europa - einen Nährboden finden. Die internationale Intervention erfolgte also nicht „nur“ aus humanitären Motiven zum Schutz der Bevölkerung, sondern auch aufgrund sicherheitspolitischer Interessen der beteiligten Staaten.
Solche Einzelinteressen der mitwirkenden Staaten lassen sich auch bei der Gestaltung eines neuen Rundfunksystems im Kosovo wiederfinden. Mit der Demokratisierung des Kosovos sollte eine Eskalation der ethnischen Spannung mittelfristig verhindert werden; langfristig sollte das internationale Engagement zu einer Verankerung demokratischer Wertvorstellungen innerhalb der Gesellschaft beitragen. Freie und demokratische Medien sollten die Bevölkerung informieren und somit einen Grundstein zu deren politischer Partizipation legen. Demokratisierung durch Medien - dies ist das Hauptziel (oder der kleinste gemeinsame Nenner) der internationalen Akteure, die am Neuaufbau der Medien im Kosovo beteiligt sind. Trotz dieses gemeinsamen
2
Hauptziels sind weitere - sich teils widersprechende - Interessen der Institutionen vor Ort auszumachen: Die internationalen Akteure versuchen meist eigene medienpolitische Ziele umzusetzen, um sich hierüber weitergehenden Einfluss auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen im Kosovo zu sichern. Derlei Einflussnahmen auf das Rundfunksystem und einzelne Sender erfolgen mit den Mitteln der Medienhilfe, einem Instrumentarium also, dessen Ziel die Beeinflussung fremder Kommunikationsräume ist. Medienhilfe ist demnach als außenpolitische Maßnahme zur Umsetzung staatlicher Interessen der jeweiligen Gebernation zu klassifizieren, da durch sie politische und gesellschaftliche Entwicklungen und Verhältnisse außerhalb des eigenen Hoheitsgebietes beeinflusst werden sollen. Die Ausgangslage des internationalen Medienhilfeengagements im Jahre 1999 lässt sich als mediales Vakuum bezeichnen: Es gab keinen Rundfunksender im Kosovo, folglich auch kein Rundfunksystem. Dieses stellte für die UN 7 und die KFOR 8 ein Problem dar, denn es existierte keine Möglichkeit, die Bevölkerung über das eigene Vorgehen und geplante Maßnahmen zu in-formieren. Als Folge der ‚rundfunklosen’ Neunziger Jahre fehlte es potenziellen neuen Sendern an ausgebildetem Personal, technischem Equipment und vor allem an Geld. Die meisten Sendeanlagen waren während des Krieges zerstört worden, überdies waren grundlegende volkswirtschaftliche Voraussetzungen für den Betrieb kommerzieller Rundfunkstationen nicht erfüllt. Eigentumsrechte an ehemaligen staatlichen Einrichtungen oder dem Privatbesitz geflohener Serben waren ungeklärt. Ethnisch war die Provinz tief gespalten; die wenigen verbliebenen Serben mussten vom Militär vor Racheakten durch die Albaner geschützt werden. Die albanische UÇK 9 sah sich als legitime sowie siegreiche Armee und versuchte sich medialen Einfluss zu sichern, indem sie das Gebäude des ehemaligen Staatssenders RTP 10 besetzte, was die NATO 11 gerade noch verhindern konnte. 12 Betrachtet man - als Resultat achtjähriger Medienhilfebemühungen - die heutige Rundfunkwirklichkeit im Kosovo, so ist offenkundig, dass nicht all diese Ziele verwirklicht werden konnten. Werden ethnische oder politische Konflikte in den Medien thematisiert, so geschieht dieses vielfach nicht objektiv, sondern in vereinnahmender und aufhetzender Weise. Auf gesamtge-
8 Die KFOR (engl. Kosovo FORce) ist die im Jahre 1999 nach Beendigung des Kosovo-Krieges aufgestellte multinationale militärische Formation unter der Leitung der NATO. 9 Die UÇK (zu deutsch: Befreiungsarmee des Kosovo) war eine albanische paramilitärischfreischärlerische Organisation, die zwischen 1996 und 1999 mit militärischen Mitteln für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpfte.
10 Radio-Televisija Pristina (RTP) war der für die gesamte Provinz Kosovo sendende staatliche Sender innerhalb des jugoslawischen Senderverbundes Jugoslovenska Radio-Televizija (JRT).
11 North Atlantic Treaty Organisation (NATO) 12 Vgl.: GRÄPER (2006): Medienhilfe S. 208
3
sellschaftlicher Ebene ist eine Versöhnung zwischen den Ethnien nicht absehbar, im Norden des Landes sind Städte aus Angst vor ethnischen Übergriffen noch immer geteilt. Gründe für diese bestehenden Defizite sind natürlich in der außerordentlich vertrackten politischen und gesellschaftlichen Situation im Kosovo zu suchen. Die Überbrückung solch tiefsitzender interethnischer Kluften stellt ohnehin eine langfristige gesellschaftliche Aufgabe dar, bei der das bisher achtjährige internationale Engagement im Kosovo nur eine Starthilfe sein kann. Das Instrumentarium der Medienhilfe wird aber angesichts der wachsenden politischen Bedeutung medialer Kommunikation in (Post-)Konfliktzonen an anderer Stelle wieder zum Einsatz kommen. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, die Erfolge und Defizite der Medienhilfe im Kosovo darzustellen und Anforderungen für künftige Medienhilfeeinsätze zu formulieren. Im Rahmen eines Ausblicks im Schlussteil sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, um Medienhilfe als Demokratisierungsinstrument zukünftig effektiver gestalten zu können.
I.1 Literaturlage zur Medienhilfe
Wissenschaftliche Betrachtungen zu Techniken der Beeinflussung fremder Kommunikationsräume finden bisher hauptsächlich an einer Forschungseinrichtung angesiedelt am juristischen Institut der Universität Oxford statt 13 . Der dortige Professor Monroe E. Price lieferte einen ersten Überblick zu Akteuren, deren Zielen sowie einige Fallbeispiele. 14 Fallstudien zum Wirken externer Medienhilfeakteure im Kosovo lieferte bisher nur der Sammelband „Forging Peace“ 15 , jedoch handelt es sich hierbei um kurze Aufsätze. Trotz ihrer Kürze sind es diese Untersuchungen, die als erste die neue Rolle der Medien in (Post-) Konfliktzonen berücksichtigten: Medien werden nicht mehr nur als Informationsträger im Rahmen der von Armutsbekämpfung bestimmten Entwicklungshilfe, sondern als zentrale Akteure der Demokratisierung begriffen, die meist aufgrund außenpolitischer Ziele erfolgt. Im deutschsprachigen Raum beschränkt sich die Literatur zur Medienhilfe als außenpolitisches Instrument auf die noch unveröffentlichte Dissertation von Friederike Gräper. 16 Sie leistet Grundlagenarbeit, da sie den Begriff Me- 13 Das“Programme in comparative media law and policy“ (PCMLP) wurde 1996 durch Profes-sor Monroe E. Price am „Centre for Socio-Legal Studies“ gegründet welches Teil der juristischen Fakultät der Universität Oxford ist. 14 PRICE (2000): Reconstructing the media
Verfasst anlässlich des von der Weltbank ausgerichteten Workshop zur „Role of Media in Economic and Democratic Development“ im Jahr 2002. 15 Price/THOMPSON (2002): Forging Peace 16 GRÄPER (2006): Medienhilfe
4
dienhilfe erstmals für die Wissenschaft definiert, als Instrument der Außenpolitik verortet und beteiligte Akteure ermittelt. Die Quellen dieser wenigen wissenschaftlichen Literatur zum Thema Medienhilfe finden sich vorwiegend in der sogenannten Grauen Literatur. Da sie häufig von Medienhilfeorganisationen - meist in Form von Rechenschaftsberichten und Strategiepapieren - herausgegeben wird, stellt sie vielfach eigene Projekterfolge in den Vordergrund. Die Texte sind meist wohlwollend formuliert und entscheidende Präzisierungen fehlen; so wird als Projektziel die Schaffung eines demokratischen Mediensystems ausgegeben, dessen mögliche Ausgestaltung bleibt aber unklar. Eine genaue Beleuchtung der medienpolitischen Zielsetzungen, welche zum Engagement der (womöglich eigenen) Organisation in einem Zielgebiet geführt hat, ist nicht zu finden. Die Studie „Local electronic media in Kosovo“ 17 herausgegeben von der OSZE bietet beispielsweise detailliertes empirisches Material zum Zustand der örtlichen Sender, daher ist sie Grundlage meiner Ausführungen über die wirtschaftliche Situation der lokalen Rundfunksender im Kosovo. Allgemein fehlt jedoch eine Analyse der Interessen und Konzepte der beteiligten Institutionen sowie die theoretische Einordnung der Medienhilfe. Das ‚Fehlen’ dieser wichtigen Informationen ist natürlich durch den Charakter dieser Veröffentlichungen bedingt, schließlich sind es Erzeugnisse von unmittelbar beteiligten Organisationen. Es ist also künftig Aufgabe der Wissenschaft, Motive und Strategien der Medienhilfe herauszuarbeiten und deren Auswirkungen und Erfolge objektiv zu bewerten. Als Primärquellen der vorliegenden Arbeit dienen Dokumente der UNMIK, der OSZE, der US Regierung und ihrer Implementierungsorganisation USAID 18 sowie diverser Subkontraktoren der Medienhilfe. Als Sekundärquellen dienen Erfahrungsberichte von Medienhilfepraktikern sowie die wenigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Komplex Medienhilfe. Die einzige wissenschaftliche Veröffentlichung zur Medienhilfe im Kosovo von angemessenem Umfang ist - wie erwähnt - die Arbeit von GRÄPER. Im Gegensatz zu ihr konzentriere ich mich auf das Fallbeispiel Kosovo. Die Rundfunkwirklichkeit im Kosovo wird als Resultat der Medienhilfebemühungen gesehen, daher wird sie als Analyserahmen verwandt: Hat Gräper den Begriff Medienhilfe als Maßnahme der Außenpolitik definiert, so möchte die vorliegende Arbeit Auswirkungen der Medienhilfe auf den örtlichen Rundfunk im Kosovo beleuchten.
17 LAUE (2005): Local electronic media
18 Die United States Agency for International Development (USAID) ist die mit der Entwicklungszusammenarbeit betraute Behörde der Vereinigten Staaten.
5
I.2 Vorgehen & Anmerkungen
Nach einer theoretischen Einführung in das Konzept der Medienhilfe in Kapitel II soll eine Einführung in historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Kosovos (Kapitel III) die Ausgangslage des internationalen Engagements schildern. Motive und Strategien der im Kosovo beteiligten Medienhilfeakteure werden in Kapitel IV herausgearbeitet. Kapitel V skizziert die Rundfunkwirklichkeit im Kosovo anhand struktureller Faktoren, geht aber auch auf die gesendeten Inhalte ein. Kapitel VI bilanziert Erfolge und Versäumnisse der Medienhilfe im Kosovo und unterbreitet Vorschläge für einen zukünftig effektiveren Einsatze der Medienhilfe.
Bezüglich der gewählten Schreibweise innerhalb dieser Arbeit gilt es an dieser Stelle folgendes klarzustellen: Die albanische Schreibweise der Provinz ist „Kosovë“ was ausgesprochen wie „Kosova“ klingt 19 . Die serbisch kyrillische Schreibweise ist „“ und wird „Kosovo“ ausgesprochen. Im Rahmen dieser Arbeit wird die serbische Schreibweise verwendet, da die Provinz (noch) Teil des Staatsgebiets der Republik Serbien ( ) ist. Mit dieser Auswahl ist jedoch keinerlei Stellungnahme im interethnischen Konflikt um das Gebiet verbunden, selbiges gilt auch beim Gebrauch des Adjektivs „kosovarisch“.
Der Ausdruck „Albaner“ umfasst nicht nur die Bürger des Staates Albanien (Republika e Shqipërisë), sondern auch alle im Kosovo lebenden Menschen, die sich kulturell und sprachlich bedingt als Albaner sehen. Auch der Ausdruck „Serben“ umfasst alle Menschen, die sich dem serbischen Volk zugehörig fühlen, egal ob im Kosovo oder im Staat Serbien. Hervorhebungen im Text und die Namen von Medienangeboten, etwa Deutsche Welle oder RTK sind kursiv geschrieben Anmerkungen innerhalb der Zitate erfolgen in eckigen [], innerhalb des Textes in runden Klammern (). Bezeichnungen internationaler Akteure sowie deren Abkürzungen sind so weit wie möglich deutschsprachig, wo sie allerdings nicht gebräuchlich sind, wurde die englischsprachige Bezeichnung verwendet, z.B. IBS für International Broadcasting Services (anstatt internationaler Auslandssender). Längere Zitate werden kursiv hervorgehoben, in ihnen wurde die jeweils verwendete Schreibweise aus den Quellen übernommen und die Arbeit folgt den neuen Regeln der Rechtschreibung.
19 In der Literatur ist auch die Schreibform „Kosov@“ zu finden. Mit dieser Neuschöpfung soll eine neutrale Position im albanisch-serbischen Streit um die Schreibweise des Provinznamens verdeutlicht werden.
6
KAPITEL II: ZUM KONZEPT DER MEDIENHILFE
Warum Maßnahmen zur Medienförderung im Kosovo als Medienhilfe mit außenpolitischer Zielsetzung und nicht als entwicklungspolitische Demokratieförderung zu klassifizieren sind, soll im Folgenden geklärt werden. Sollten bislang außenpolitische Ziele durch gezielten Medieneinsatz umgesetzt werden, so geschah dieses meist durch internationale Auslandssender (IBS) welche vom jeweiligen Stammland bezahlt wurden und in andere Hoheitsgebiete hinein sendeten. Sie wurden vielfach persuasiv eingesetzt; Ziel war die Beeinflussung von Meinungen, Einstellungen und Verhalten von Individuen 20 sowie die Untergrabung eines staatlich kontrollierten Nachrichtenmonopols. Die verschiedenen Formen politischer Kommunikation fanden besonders im 20.Jahrhundert von vielen Regierungen während der Kriege - den heißen und dem kalten - eine breite Anwendung.
Das Bewusstsein, dass man durch gezielten Medieneinsatz Entwicklungen innerhalb eines Zielgebiets beeinflussen kann, ist eine konstante Annahme der Entwicklungspolitik. Dieses Politikfeld hat innerhalb der letzten Jahrzehnte verschiedene Paradigmenwechsel erfahren: Demokratieförderung ist das aktuelle Leitmotiv der Entwicklungspolitik; zuvor war es wirtschaftlicher Aufbau, in den 1970er Jahren wurden soziale Aspekte ergänzt. Unabhängig von der Zielsetzung der Entwicklungspolitik wurden Medien - insbesondere Radio - stets genutzt um Botschaften und Informationen kostengünstig zu verbreiten.
Wenn Außenpolitik und Entwicklungspolitik heute dasselbe Ziel - die Demokratieförderung in Staaten - verfolgen, so geschieht dieses aus unterschiedlichen Motiven. Die Außenpolitik tut dieses aus sicherheitspolitischen Überlegungen - gemäß Immanuel Kants These vom demokratischen Friedenwährend die Entwicklungspolitik Demokratie als Grundlage wirtschaftlichen und sozialen Wandels identifiziert hat.
II.1 Definition Medienhilfe
In der folgenden Herleitung und Definition des Begriffs werden mögliche Maßnahmen der Medienhilfe genauer erläutert. Dabei erfolgt eine Abgrenzung zwischen der Strategie der Medienhilfe und anderweitigen Einflussnahmen auf die Rundfunklandschaft außerhalb des eigenen Staatsgebiets, wie beispielsweise dem Betrieb von International Braodcasting Services (IBS)
20 Vgl.: BONFADELLI (2000): Medienwirkungsforschung S. 79-81
7
durch eine Regierung. Bei beiden Maßnahmen handelt es sich zwar auch um Instrumente zum Eingriff in fremde Kommunikationsräume, jedoch erfolgen diese Maßnahmen aus anderen Motiven als im Falle der Medienhilfe. Bei internationalen Auslandssendern (IBS) handelt es sich um offen operierende nationale Redaktionen, welche in der jeweiligen Sprache der Empfängeröffentlichkeit in ausländisches Zielgebiet hinein senden. Motive zum Betrieb sind die Imageförderung für das jeweilige Stammland, die Bereitstellung von Information im Empfängerland und als Hauptaufgabe die Beeinflussung politischer Entwicklungen im Empfängerland. 21
"International broadcasting is the elegant term for a complex combination of State-sponsored news, information, and entertainment directed at a population outside the sponsoring State's boundaries. It is the use of electronic media by one society to shape the opinion of the people and leaders of another. It involves what was once with pride called propaganda." 22
Dennoch ist IBS keine Form von Medienhilfe, da es sich bei den staatlichen Zuwendungen für die IBS letztendlich um Investitionen in die Medienstruktur des eigenen Landes handelt.
Vor der Definition durch GRÄPER 23 hatte sich für den Begriff „Medienhilfe“ noch keine einheitliche Nomenklatur entwickelt. Unter Medienhilfe-Praktikern und in der meist englischsprachigen Literatur werden Begriffe wie „Medienhilfe“, „Media Development“, „Media Promotion“ oder auch „Medien Politik“ ohne eine eindeutige Definition verwendet. 24 Der in der Literatur weit verbreitete Begriff „Media development“ wird von der niederländischen NGO „Press Now“ über die Medienhilfe der OSZE in verschiedenen Ländern Osteuropas definiert als:
" activity undertaken to help media outlets work according to the professional and ethical standards which are today expected in, and of, democratic societies. Media development can include a range of actions directed at media organisations themselves, or at their political, economic, legal and regulatory contexts" 25
21 Zum Beispiel: British Broadcasting Company (BBC,) World Service, Deutsche Welle, Radio Vatikan
Vgl.: GRÄPER (2006): Medienhilfe S. 22f 22 PRICE (2002): Media and Sovereignty. S.200
23 An dieser Stelle möchte ich auf die Arbeit „Medienhilfe als Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik. Ziele, Motive und Implementierungswege internationaler Akteure in Bosnien-Herzegowina und Kosovo“ von Friederike Gräper (2006) verweisen. Da sich dieses Werk als erstes deutschsprachiges Werk fundiert mit den dem Thema auseinandersetzt, greife ich zur Definition des Begriffs Medienhilfe im Folgenden auf dieses Werk zurück und verwende den Begriffe in meiner Arbeit analog. 24 Vgl.: GRÄPER (2006): Medienhilfe S.16 25 Vgl.: GRÄPER (2006): Medienhilfe S.17.
Die Autorin zitiert folgenden Report: PRESS NOW (2005): Media development
8
GRÄPER klassifiziert die Medienhilfe als neue Methode der Außenpolitik.
„In theoretischer Perspektive wird Außenpolitik verstanden als ein Interaktionsprozess, in dem ein Staat grundlegende Ziele und Werte in Konkurrenz zu denen anderer Staaten zu realisieren versucht.“ 26
Diese Definition von Außenpolitik umfasst bereits drei wichtige Charakteristika der Internationalen Medienhilfe im Kosovo: Erstens sind auf Planungs-und Finanzierungsebene Staaten bzw. (zwischen-) staatliche Organisationen Hauptakteure der Medienhilfe. Zweitens geht es um die Umsetzung eigener Interessen vor Ort, welche drittens im Zielgebiet vielfach zu den Maßnahmen anderer Akteure in Konkurrenz treten. Medienhilfe umfasst also „diejenigen Aktivitäten von Staaten oder multilateralen Organisationen, die darauf abzielen, das Mediensystem in einem anderen Land zu verändern und die bewusst auf einheimische Medien oder ihre politischen, wirtschaftlichen oder rechtlichen Rahmenbedingungen Einfluss nehmen, um dieses Ziel zu erreichen.“ 27
Den Akteuren einer so definierten Medienhilfe stehen laut GRÄPER folgende Maßnahmengruppen zur Einflussnahme auf das Mediensystem in einem Zielgebiet zur Verfügung:
1) Finanzielle Unterstützung einheimischer Medien 2) Materielle Unterstützung einheimischer Medien durch die individuelle wie auch allgemeine Bereitstellung von Sachspenden 3) Journalistische und wirtschaftliche Professionalisierungsmaßnahmen von Akteuren vor Ort
4) Inhaltliche Hilfe durch Abgabe von Programmteilen 5) Organisatorische Hilfe durch Unterstützung peripherer medienbe-
6) Rechtliche Hilfe durch die Entwicklung von Gesetzen und Regulierungen, die den Mediensektor direkt oder indirekt betreffen. 7) Die Verhinderung von ungewollten Medien und Medieninhalten
26 HAFTENDORN (2001): Deutsche Außenpolitik S.13
27 Vgl: GRÄPER (2006): Medienhilfe S.18
9
Aus diesen Überlegungen resultiert folgende Zusammenfassung über das Wesen der Medienhilfe:
Internationale Medienhilfe umfasst als neues Instrumentarium der Außenpolitik diejenigen Aktivitäten von Staaten oder multilateralen Organisationen, die dazu dienen, das Mediensystem in einem anderen Land zu verändern. Dabei wird auf im Zielgebiet der Medienhilfe ortsansässige Medien oder ihre politischen, wirtschaftlichen oder rechtlichen Rahmenbedingungen Einfluss genommen, um dieses Ziel zu erreichen. Es wird zwischen Maßnahmen zum Aufbau und der Unterstützung örtlicher Medien (positiven) und negativen Maßnahmen unterschieden, welche darauf abzielen die Verbreitung unerwünschter Medieninhalte zu verhindern. Da Medienhilfe also als außenpolitische Maßnahme zu verstehen ist, sind auch die Auftraggeber der Medienhilfemaßnahmen -also Regierungen und Institutionen - für Zieldefinitionen und Vorgehen der Medienhilfe verantwortlich. Auf lokaler Ebene können auch Akteure wie NGOs, Militär und privatwirtschaftliche Unternehmen für die Medienhilfe tätig sein.
Obschon sowohl die Medienhilfe als Instrument der Außenpolitik als auch die Entwicklungskommunikation die Beeinflussung fremder Kommunikationsräume anstreben, will nur die Medienhilfe das örtliche Mediensystem bzw. das gesamte politische System im Sinne der politischen Ziele der Im-plementierungsorganisationen verändern. Die Entwicklungshilfe verfolgt hingegen willentlich einen Ansatz, der den Menschen vor Ort die Freiheit gibt, einen „selbstbestimmten Entwicklungsweg“ 28 zu gehen. Punkt sieben des Medienhilfeinstrumentariums verweist auf die sogenannten negativen Maßnahmen im Instrumentarium der Medienhilfe. Im Gegensatz zu den positiven Maßnahmen (Punkte 1-6) umfassen die negativen Maßnahmen technische, politische und in drastischen Fällen auch militärische Mittel, um die Verbreitung ungewollter Medieninhalte zu verhindern. Das um die negativen Maßnahmen erweiterte Instrumentarium kennzeichnet die mitunter schwer abzugrenzenden Unterschiede zwischen der Medienhilfe (implementiert in die Außenpolitik) und der Medienförderung als Teil der Entwicklungshilfe. Sollte es demnach für das Fallbeispiel Kosovo gelingen, den Gebrauch von negativen Medienhilfemaßnahmen nachzuweisen, wäre es möglich von einer außenpolitischen Zielsetzung hinter den Medienförderungsmaßnahmen vor Ort - und somit von Medienhilfe - zu sprechen. Dazu müsste der Gebrauch von technischen, legislativen oder militärischen Maß-
28 BMZ(2006): Medienhandbuch S. 362
10
nahmen durch die internationalen Akteure zu einer Verhinderung von ungewollten Medien und Medieninhalten nachgewiesen werden.
II.2 Medienhilfe als Teilaspekt einer Information Intervention
Indem man den Betrachtungszeitraum vergrößert - und auch die militärische Intervention durch die NATO in den Blick nimmt - ist es möglich alle Aspekte der internationalen Intervention im Kosovo zu betrachten, also nicht nur die Zivilverwaltung durch die UNMIK. Die militärischen Maßnahmen fanden zwischen dem 23. März und dem 10. Juni des Jahres 1999 im Rahmen des Vorgehens der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien statt. Die zivilen Maßnahmen begannen mit der Verabschiedung der Sicherheitsresolution 1244 durch die Vereinten Nationen, ebenfalls am 10.Juni 1999. Die Beeinflussung des Informationsraums Kosovo und Serbien erfolgte durch zivile, aber auch durch militärische Maßnahmen.
Die Medienhilfe war als Mittel der Außenpolitik sowohl Teil der militärischen Angriffsphase, als auch der zivilen Wiederaufbauphase. Der Gedanke, durch den gezielten Einsatz bzw. durch die Unterdrückung von Medieninhalten einen kriegerischen Konflikt befrieden zu können wurde erstmals 1997 durch Jamie F. Metzl in seinem Aufsatz „Information Intervention: When Switching Channels Isn't Enough“ in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ geäußert.
„United Nations should establish an independent information intervention unit with three primary areas of responsibility: monitoring, peace broadcasting, and, in extreme cases, jamming radio and television broadcasts.” 29
METZL skizziert in diesem Aufsatz die „information intervention“ 30 als Strategie zur Verhinderung von Völkermord in Konfliktzonen, wenn dieser durch Massenmedien forciert bzw. organisiert wird. Eine information intervention böte für die Intervenierenden eine günstige Möglichkeit, in einen Konflikt einzugreifen.
„The political cost of doing everything is usually prohibitive. The moral cost of doing nothing is astronomical.” 31
Ein günstiger Eingriff in in finanzieller wie auch in politischer Hinsicht. Gefahren und Kosten für die intervenierenden Staaten seien auf ein Minimum be- 29 METZL(1997): Information Intervention S. 17.
Im Folgenden wird beim Begriff „information intervention“ aus Gründen der besse- 30
ren Lesbarkeit auf die Anführungsstriche verzichtet. 31 THOMPSON (2002): Defining Information Intervention S. 41. Anmerkung: „prohibitive"(engl.) bedeutet zu deutsch “unerschwinglich teuer”
11
schränkt, da mitunter das Zielgebiet nicht einmal betreten werden müsse, schließlich sei die information intervention nicht zwingend an einen militärischen Einsatz gekoppelt. 32
Die Idee der information intervention sei dem Autor vor dem Hintergrund des Versagens der Internationalen Gemeinschaft bei der Verhinderung des Bürgerkriegs in Ruanda 1994 gekommen. 33 Metzl bezeichnet die information Intervention als eine „sanfte Form“ 34 der Humanitären Intervention 35 , deren Ziel es sei, den Missbrauch von Massenmedien innerhalb eines, meist innerstaatlichen, kriegerischen Konflikts zu verhindern. Die information intervention könne analog zur Humanitären Intervention mitunter gegen den Willen der Regierung des Zielstaates eingesetzt werden. Diese Untergrabung sei aber vor dem Hintergrund der möglichen Verhinderung von massenhaften Menschenrechtsverletzungen zu tolerieren, denn:
„the doctrine of humanitarian intervention defines a narrow range of exception to this standard, where state souvereignty can be infringed to halt large-scale human rights violations.” 36
Ein Missbrauch finde insbesondere statt, wenn durch die Medien Aufrufe oder gar explizite Instruktionen zu massenhaften Verletzungen der Menschenrechte erfolgten, wie z.B. im Falle des Senders Radio - Television Libre des Milles Collines (RTLM) in Ruanda. 37 Hauptaufgabe einer information intervention sei es,
„first to provide counter information that opposes harmful incitement, and second to proscribe or suppress the latter if necessary“ 38 .
32 „Jamming would be carried out in as low-risk a manner as possible, preferably from neigh-boring countries or from advanced aircraft, like the U.S. EC-130 Commando Solo with jamming and broadcasting capabilities, flying beyond the range of potentially hostile ground groups.”
METZL (1997): Information Intervention S. 18. 33 Vgl.: METZL (1997): Rwandan Genocide 34 THOMPSON (2002): Defining Information Intervention S. 41.
35 Die Autoren MINEAR, SCOTT und WEISS definieren im Glossar ihres Werkes “The news media, civil war, and humanitarian action“ Humanitäre Interventionen als “noncensensual humanitarian activities mounted from outside an areain crisis, sometimes invilving the threat or the use of military force“. Eine information intervention könnten jedoch analog zu Humanitären Intervention auf Grundlage der Anti - Genozid - Konvention durchgeführt werden und somit legitimiert werden.
Vgl.: MINEAR/SCOTT/ WEISS (1996): The news media S.108 36 METZL (1997): Rwandan Genocide S. 646
37 Im April des Jahre 1994 kam es in Ruanda zu einem organisierten Völkermord des Hutu Stammes an Mitgliedern des Tutsi Stammes bei dem 800000 Menschen ermordet wurden. Hutu Extremisten nutzten den Radiosender „Radio - Television Libre des Milles Collines“ (RTLM) sowohl zum Aufruf zum, als auch zur Organisation des Völkermordes. Im Programm der Radiostation - wurden den Hutu-Milizen strategische Anweisungen Errichtung von Straßensperren gegeben und sogar Listen mit „Feinden“ verlesen, welche noch zu ermorden wären.
Vgl.: METZL (1997): Rwandan Genocide 38 THOMPSON (2002): Defining Information Intervention S. 42
12
Zeitlich lasse sich die information intervention in eine „pre-conflict, mid-conflict, and post-conflict“ 39 Phase gliedern, wobei jeder Phase ein anderer inhaltlicher Schwerpunkt zugeordnet werden könne. Bei den Operationen der pre-conflict Phase stünde das sogenannte „peace broadcasting“ 40 im Vorder-grund. Dabei soll die Krisenregion durch Rundfunksender wie Voice of America, Deutsche Welle und die BBC in der jeweiligen Landessprache mit „unbiased - or at least more responsible - news and information“ 41 versorgt werden. Die Inhalte dieser Sendestrecken sollen das staatliche Propagandamonopol durchbrechen, und die Bürger mit objektiven Nachrichten versorgen. Während der „mid-conflict“ Phase stünde die Unterdrückung der Propagandasender im Vordergrund. Dieses könne technisch in Form von „radio jamming“ erfolgen, einem Verfahren, bei dem Störsender das Senden auf bestimmten Frequenzen einfach verhindern. Die beiden geschilderten Maßnahmen, das „peace broadcasting“ und das „radio jamming“ , könnten aus benachbarten Staaten der Krisenregion erfolgen, also ohne, dass Einheiten dazu das Zielgebiet betreten müssten. Dadurch könne man die information intervention auch dort einsetzen, wo die politischen wie finanziellen Kosten bzw. die Gefahren für die Einheiten vor Ort im Falle einer konventionellen Intervention zu hoch seien.
Neben den oben erwähnten Chancen zur Konfliktverhinderung bzw. deren Entschärfung durch den gezielten Einsatz von Medieninhalten, beinhaltet die dritte Phase der information intervention eine langfristigere friedenssichernde Perspektive.
“The other is media development activity, which, in various ways, aims to assist in building a democratic media sphere.” 42
Durch den Aufbau dieser freien Medien könne in der Postkonfliktphase kurzfristig ein geeignetes Umfeld für freie Wahlen geschaffen werden. Langfristig sollten diese neuen freien Medien zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Demokratisierung beitragen. 43
In einem umfangreicheren Aufsatz METZLs, der die Völkerrechtliche Legitimation seiner neuen Strategie beleuchtet, nennt der Autor weitere Akteure in deren Handeln die neue Strategie implementiert werden könnte: 39 THOMPSON/PRICE (2002): Introduction S. 8
40 Der Begriff „peace broadcasting“ stammt aus Metzls Aufsatz in Foreign Affairs. Monroe E. Price definiert “peace broadcasting” als „the insertion of an channel, that is ´objective´ and has as its goal defusing conflict” Vgl.: PRICE (2002): Media and Sovereignty S. 178 41 METZL (1997): Information Intervention S. 17 42 THOMPSON/PRICE (2002): Introduction S.8 43 Vgl.: THOMPSON/PRICE (2002): Introduction S.8ff.
13
„Information intervention includes a broader range of intermediary or information-related techniques available to the UN, NATO, or the United States as they engage in avoiding conflict, in conflict itself, and in peacekeeping operations.” 44
Auf den Kosovokonflikt bezogen lassen sich Anzeichen dafür finden, dass die Strategien der information intervention beim Umgang der US-Regierung im Kosovokonflikt umgesetzt worden sind: Am 8. April 1999 errichteten die Vereinigten Staaten einen „ring of transmitters“ um das serbische Staatsgebiet. Von sechs Sendestationen aus wurde die serbische Bevölkerung mit „´factual´ information“ versorgt, welche durch „staff and freelancers serving Radio Free Europe and the Voice of America“ produziert worden waren. 45 Definiert man dieses Vorgehen als
„the insertion of an channel, that is ´objective´ and has as its goal defusing conflict” 46 ,
so handelte es sich hierbei um „peace broadcasting“ im Sinne einer information Intervention. Ob auch technische Anstrengungen unternommen wurden um serbischen Rundfunk im Sinne eines „radio jamming“ zu stören ist unbekannt. Dokumentiert hingegen ist die Bombardierung des staatlichen serbischen Fernsehsenders RTS am 23. April 1999 bei dem 16 Angestellte des Senders ums Leben kamen 47 , sowie die Verbannung des Senders aus dem Programmbouquet von EUTEL-SAT zur selben Zeit. 48 Neben diesen Parallelen zwischen der von Metzl erdachten Strategie der information Intervention und dem Vorgehen der US-amerikanischen und NATO Truppen im Kosovo, lassen sich weitere, politisch institutionelle Indizien dafür finden, dass im Kosovo Metzls Strategie angewandt wurde. Am 30. April 1999, also sieben Tage nach der RTS-Bombardierung, erfolgte die Gründung der „International Public Information Group“ (IPIG) auf direkten Erlass (Presidential Decision Directive) durch US-Präsident Bill Clinton. 49 Angesiedelt war diese neue Gruppe im Außenministerium im Bereich „Under Secretary for Public Diplomacy and Public Affairs“. Zu Ihren Mitgliedern 50 gehörten, neben Vertretern des Außenministeriums, auch USAID 51 , das „National Intelligence Council“
44 PRICE (2002): Media and sovereignty S.178 45 Vgl.:COURSON (1999): U.S. to crank up
46 Definition von “peace broadcasting” im Sinne einer “information intervention” In: PRICE (2002): Media and sovereignty S. 178 47 Vgl.: DARBISHIRE (2002): Non - Governmental Perspectives S. 330f 48 Vgl.: Price (2002): Media and Sovereignty S. 78 49 WHITE HOUSE(1999): Presidential Decision
50 Quelle der folgenden Aufführung der Mitgliedsinstitutionen der IPIG ist: PRICE (2002): Media and Sovereignty S. 173
51 USAID: Die „United States Agency for International Development“ (zu dt.: „Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung“) ist eine Behörde der Vereinigten Staaten für Entwicklungszusammenarbeit. Die unabhängige Bundesanstalt koordiniert die gesamten Aktivitäten der Außenpolitik der Vereinigten Staaten im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit.
14
(NIC) 52 , das „National Security Council“ 53 , das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten (DoD) 54 und des „Joint Chiefs of Staff“ (JCS) 55 .
„The composition of this group, particulary the inclusion of members of the intelligence and military community, was designed to reflect the importance of media structure to foreign policy and national security.“ 56
Die Gründung der IPIG und deren Zusammensetzung stießen in den USA auf parteiübergreifende Kritik, bezüglich der offensichtliche Vermischung von militärischen und zivilen Interessen im Rahmen der US-Außenpolitik. Durch die Einsetzung von Jamie F. Metzl als deren Vorsitzenden, scheint die Strategie der information intervention als opportunes Werkzeug in das außenpolitische Handeln der US Regierung implementiert worden zu sein. Nun stellt sich jedoch die Frage, ob die information intervention nach Metzl also bereits Einfluss auf die strategischen Planungen und deren militärische Umsetzung durch die NATO hatte. Eine Aufklärung dieser Frage bietet die Aussage Metzls in einem Interview vom Oktober 2000:
„Our IPI co-ordination group was already functioning when the Kosovo war began.“ 57
Die optimistische Annahme, dass mit dem Ende des Kalten Krieges die Zeit der staatlichen gesteuerten Propaganda vorüber sei, war durch die Gründung dieser Gruppe widerlegt. Jedoch waren die Adressaten dieser staatlich gelenkten Informationspolitik nicht mehr die Bevölkerungen kommunistische Staaten, deren Kollaps mit medialen Mitteln forciert werden sollte. Die Pro-paganda sollte dazu dienen, das Amerikabild in der zu Welt verbessern, um nicht noch mehr als bisher zur Zielscheibe von islamistisch motiviertem Ter-ror zu werden. Ein neues Amerika-Image sollte nun vor allem der Bevölkerung jener Konfliktregionen vermittelt werden, die US Außenpolitik von Armut und aufkeimenden islamischen Fundamentalismus bedroht sah. Der
52
Das „National Intelligence Council“ (NIC) ist das Zentrum für strategische Studien innerhalb der „United States Intelligence Community“(IC). Mitglieder der IC sind 16 Behörden, welche mir Belangen der Sicherheit und Außenpolitik betraut sind.
53 Der Nationale Sicherheitsrat (amtl. National Security Council) der USA ist ein über die innere Sicherheit beratendes Gremium der Vereinigten Staaten von Amerika. Den Vorsitz hat der jeweilige US Präsident.
54 Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten (amtl. United States Department of Defense, DoD) wurde 1947 ins Leben gerufen. Das Verteidigungsministerium hat seinen Sitz im Pentagon und hatte im Jahr 2006 einen Etat von 419,3 Mrd. USD .
55 Die „Joint Chiefs of Staff“(JCS) sind ein Gremium, in dem die einzelnen (Ober-) Befehlshaber der US-amerikanischen Teilstreitkräfte zusammengefasst sind. Den JCS untersteht ein umfangreicher militärischer und ziviler Planungs- und Führungsapparat. 56 PRICE (2002): Media and Sovereignty S. 173
57 THOMPSON (2002): Defining Information Intervention S. 55.
15
Regierungswechsel im Jahre 2001 und die Terroranschläge des 11. Septembers 2001 im selben Jahr führten zu personellen Umbesetzungen im Under Secretary for Public Diplomacy der US Außenministeriums. Die Perzeption des islamistischen Terrors als Gefahr, auch für US Zivilisten führten aber eher zu einer Betonung der Notwendigkeit, das weltweite Amerika-Image positiver zu gestalten. Durch die Tatsache, dass Metzls Strategie in erster Linie in eben solchen Konfliktzonen zum Einsatz kommt, welche aufgrund ihrer Armut einen idealen Nährboden für Fundamentalismus jeder Art bieten, legt die Annahme nah, dass die information intervention auch weiterhin Anwendung finden wird. Berichte über eine (fehlgeleitete) Störung des Senders EUTEL-SAT durch die US Armee im Januar 2007 nähren diese Einschätzung. 58
„[.] Metzl´s philosophy, in it´s most extended form, anticipated the actions taken after 2001 by the Bush administration in it´s campaign to win ´hearts and minds´.” 59
II.3 Zwischenergebnis zur Medienhilfe im Kosovo
Bei der im Kosovo geleisteten Medienförderung handelt es sich um zivile Maßnahmen innerhalb einer „information intervention“ und somit um Medienhilfe. Für die vorliegende Arbeit bedeutet dies, dass Medien als Subjekte und Akteure zu betrachten sind, die an der gesellschaftlichen Demokratisierung mitwirken sollen. Dieses wäre ebenfalls der Fall, wenn das internationale Engagement unter einer rein entwicklungspolitischen Zielsetzung erfolgt wäre. Da im Kosovo jedoch auch außenpolitische Strategien das Handeln der Akteure beeinflussen, müssen die örtlichen Medien auch als Interessensobjekte angesehen werden, mit denen externe Akteure Einfluss auf die Entwicklungen vor Ort nehmen wollen.
Medien sind und waren Interessensobjekt der Machthaber im Kosovo: Hatte Serbien 1990 den Großteil des kosovarischen Rundfunks verboten 60 und die verbliebene staatliche Station Radio-Televisija Pritina (RTP) zu einer Abspielstation eigener Propaganda gemacht, so war das Vorgehen der NATO-
58 EinerMeldung zufolge habe die US-Armee am 13. und 24. Januar 2007 bei der geplanten Störung des irakischen Fernsehsenders al-Zawraa versehentlich die Satellitenübertragung zweier Nachrichtenagenturen und mehrerer Rundfunksender auf dem Satelliten EUTEL lahmgelegt. Aus einer internen Mitteilung an eine der betroffenen Nachtichtenaguntur ginge her-vor, dass es sich beim Ausfall um eine externe Störung durch die US Armee gehandelt habe.Vgl.: Klein (2007): Angriff von US-Armee 59 PRICE (2002): Media and Sovereignty S. 175
60 Genauere Angaben zur serbischen Unterdrückung einheimischer Medien im Kosovo enthält das dritte Kapitel. Die Bemühungen der NATO serbische Sender zu stören und alternative Informationsquellen zu schaffen werden im folgenden Abschnitt genauer beschrieben.
16
Arbeit zitieren:
Tobias Düttmann, 2007, Internationale Medienhilfe als Beitrag zur Demokratisierung eines Transformationsstaates, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan: Internationale Medienhilfe als Beitrag zur Demokratisierung eines Transformationsstaates ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan: neuer Titel erschienen: Internationale Medienhilfe als Beitrag zur Demokratisierung eines Transformationsstaates
Tobias Düttmann hat einen neuen Text hochgeladen
Autoritäres Erbe und Demokratisierung der politischen Kultur
Festschrift für Hajo Funke
Micha Brumlik, Steffen Hagemann
Demokratisierung im internationalen Vergleich
Neue Erkenntnisse und Perspekt...
Gert Pickel, Susanne Pickel
Der Kommentar In Antike Und Mittelalter: Beitrage Zu Seiner Erforschun...
Wilhelm Geerlings, Christian Schulze
HENDRIK HERPS SPIEGHEL DER VOL
K Freienhagen-Baumgardt
Grenzen der Zentralisierung von Zulassungs- und Aufsichtsentscheidunge...
Rechtsgutachten im Auftrag der...
Karl-E. Hain
Kosovo Report: Conflict * International Response * Lessons Learned
Independent International Commission on, Independent Intl Commission on Kosovo
The Kosovo Report: Conflict, International Response, Lessons Learned
Independent International Commission on, Independent Intl Commission on Kosovo
0 Kommentare