Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2.Theorie des Selbstkonzeptes. 3
3. Die Stücke Ibsens und das Selbstkonzept. 8
3.1 Et dukkehjem 8
3.1.1 Noras Rollen. 9
3.1.2 Noras Selbstbild 11
3.1.3 Rollenvorstellungen der Gesellschaft 13
3.1.4 Schlussfolgerung 14
3.2 Gengangere 17
3.2.1 Helene Alvings Rollen. 18
3.2.2 Helene Alvings Selbstbild 20
3.2.3 Rollenvorstellungen der Gesellschaft 21
3.2.4 Schlussfolgerung 21
3.3 Hedda Gabler. 23
3.3.1 Hedda Gablers Rollen 24
3.3.2 Hedda Gablers Selbstbild 25
3.3.3 Rollenvorstellungen der Gesellschaft 27
3.3.4 Schlussfolgerung 27
4. Vergleich der Stücke Ibsens 29
5. Schlusswort 32
6. Literaturverzeichnis. 34
6.1 Bücher. 34
6.2 Internetquellen. 36
2
1. Einleitung
Im Anschluss an das von mir im Sommersemester 2006 besuchte Seminar Ibsens Psychosen bei Dr. Klaus Müller- Wille, entschloss ich mich, diese Seminararbeit zu verfassen. Die Suche nach einem Thema und nach der Fragestellung gestaltete sich schwieriger als erwartet. Zwar bot das im Seminar behandelte Material viele interessante Ansätze, doch bis sich aus meiner vagen Idee ein klares Konzept herauskristallisierte, dauerte es einige Zeit. Von Beginn an hatte mich der Einfluss der Gesellschaft samt deren Moralvorstellungen auf die Charaktere diverser Stücke Ibsens interessiert. Da die Regeln und Normen besonders auf das Leben der Frauen - und somit der weiblichen Figuren Ibsens - einwirkten, schien mir dieser Ansatz am spannendsten. Als ich das Thema so weit eingegrenzt hatte, war die Wahl der Stücke ein leichtes: Et Dukkehjem, Genangere und Hedda Gabler erwiesen sich mit ihren herausragenden weiblichen Hauptfiguren Nora Helmer, Helene Alving und Hedda Gabler als perfekt geeignet für meine Arbeit. Die Fragestellung musste jedoch noch konkretisiert werden und so entschloss ich mich, die Diskrepanz zwischen der eigentlichen Persönlichkeit - dem Selbstbild der Protagonistinnen - und den von der Gesellschaft konstruierten Rollen, sowie die möglichen Folgen bei einer Abweichung zwischen den zwei Aspekten zu untersuchen. Von diesem Ausgangspunkt aus werde ich einige theoretische Aspekte zum Thema des Selbstkonzeptes, der Rolle und der Normen erläutern. Im Kapitel zum Selbstkonzept werde ich versuchen, eine möglichst homogene Zusammenfassung zu geben, um die relevanten Aspekte bezüglich der Fragestellung aufzugreifen, die aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat. Das Hauptgewicht liegt auf der Analyse der Werke Ibsens. Ich werde einzeln auf die drei Stücke eingehen und die weiblichen Hauptfiguren sowohl bezüglich ihrer Rollen und ihres Selbstbildes analysieren als auch die gesellschaftlichen Rollenvorstellungen beschreiben. Schliesslich werde ich die Stücke bzw. die Protagonistinnen einander vergleichend gegenüberstellen.
2. Theorie des Selbstkonzeptes
Jeder Mensch ist einzigartig. Diese Einmaligkeit setzt sich aus Aussehen, Geschichte und Persönlichkeit zusammen, wobei diese Punkte eng miteinander verwoben sind. So kann das Aussehen beispielsweise die Geschichte, den Verlauf des Lebens, und die Persönlichkeit einer Person prägen. Zudem interagiert ein Mensch mit seiner Umwelt:
3
Er lebt in einer bestimmten Situation, agiert und reagiert darauf und auf die ihn umgebenden Menschen. Durch die regelmässige Interaktion in Gruppen entwickeln sich aus diesen Gruppen Normen 1 und Rollen. Diese Normen unterstützen meist die Interessen der herrschenden Gruppe. 2
„Normen sind Verhaltensregeln, die in Gruppen oder Gesellschaften Geltung haben. Normen beziehen sich nicht nur auf Verhalten, sondern auch auf Denken und
3 Wahrnehmen, ja auch auf nicht bewusst gesteuerte Körpervorgänge oder Gefühle.“ Als Rollen definiert Klaus Feldmann „Erwartungen von Bezugsgruppen, die an Positionen[…]gerichtet sind“. 4 Unterschiedliche Rollen verfügen über unterschiedliche Macht und somit ist es einer Person innerhalb einer Rolle möglich, das Handeln Anderer zu beeinflussen. 5 Die diversen Rollen sind jedoch nicht einzeln zu betrachten, sondern immer in ein Rollensystem eingebunden. So sind neben den Intra- Rollenkonflikten 6 auch Inter-Rollenkonflikte 7 möglich.
„Rollen werden […] primär nicht vom Rollenspieler, sondern den Bezugsgruppen- und personen geformt. […] Dies steht in einem Spannungsverhältnis zu den professionellen
Werten Autonomie, 8 Individualisierung und Selbstkontrolle.“ 9 Nebst den Normen als Verhaltensregeln sind Rollen somit als Verhaltenserwartung definiert.
Konformität gehört auch zu den in einer Gesellschaft und für Personen relevanten Begriffen. Es gibt äussere Konformität, die mittels Fremdkontrolle durch Belohnung oder Bestrafung aufrechterhalten wird. Innere Konformität (Akzeptanz, Einstellung, Internalisierung von Rollen) wird im Gegensatz dazu über Selbstzwang und interne Kontrolle beibehalten. 10 Der Begriff des Selbstkonzepts ist in diesem Zusammenhang zentral, da die psychische Gesundheit einer Person massgeblich von den zuvor genannten Spannungsverhältnissen beeinflusst wird. Die Rollen und das Selbstkonzept einer Person können - müssen aber nicht - gegensätzlich sein. Sind sie jedoch nicht
1 Zentrale, in der Analyse verwendete Begriffe werden kursiv hervorgehoben.
2 Damit sind Gruppen gemeint wie beispielsweise die Stammesältesten oder die reiche
Oberschicht, die einen höheren Status, Rang etc. haben und so über Macht
gegenüber anderen Gruppen verfügen.
3 Vgl. Feldmann, S. 70
4 Vgl. ebda., S. 66
5 Vgl. ebda., S. 64
6 Konflikt innerhalb einer einzelnen Rolle
7 Konflikt zwischen zwei verschiedenen Rollen
8 Autonomie 1. Selbständigkeit (in nationaler Hinsicht), Unabhängigkeit 2. (Philos.)
Willensfreiheit. Vgl. Duden
9 Vgl. Feldmann, S. 70
10 Vgl. ebda., S. 73
4
übereinstimmend, kann diese Diskrepanz zu Schwierigkeiten, Leiden und Krisen führen, worauf später noch weiter eingegangen wird. 11
Nach Barbara Steffen - Bürgi bedeutet das Selbstkonzept die Gesamtheit von Auffassungen und Überzeugungen in Bezug auf die eigene Person, d.h. alle Kognitionen und Gefühle sich selbst gegenüber. 12 Das Selbstkonzept wird in der Literatur auch mit dem Begriff Selbstbild 13 gleichgesetzt. Das Selbstkonzept existiert nicht von Geburt an, sondern wird erworben sowie erlernt und kann sich im Laufe eines Lebens verändern. Seine Elemente werden durch die Interaktion einer Person mit der Umwelt entwickelt. 14 So tragen einerseits Einschätzungen Aussenstehender und andererseits Selbstbeobachtung zum Selbstbild bei. Es lassen sich drei verschiedene Typen des Selbstkonzeptes unterscheiden:
„Das Real - Selbstkonzept als Einschätzung des Ist -Zustandes der eigenen Person, das Ideal -Selbstkonzept als Einschätzung davon, wie man als Person sein möchte, und das
Soll -Selbstkonzept als Einschätzung davon, wie man sein sollte.“ 15 Hierbei ist zu erwähnen, dass das Selbstkonzept einer Person nicht in allen Bereichen und Aspekten gleich stark bewusst sein muss, was mit einer mehr oder weniger bewussten Reflexion zusammenhängt. Das Selbstbild ist auch nicht neutral, 16 sondern enthält „normalerweise mit Emotionen verbundene […] Beurteilungen der Person [und] auch Wert- und Gefühlskomponenten“ 17 d.h. rein subjektiv und individuell geprägte Aspekte. Es kann aus unterschiedlichen Gesichtspunkten bewertet werden: So gibt es einerseits den sozialen Vergleich mit anderen Personen, den temporalen mit sich selbst zu einem anderen Lebenszeitpunkt und den kriterialen Vergleich, welcher den absoluten Massstab darstellt. 18 Das Selbstwertgefühl ist hierbei die massgebende Bewertungskomponente. Mummendey definiert “self - esteem“ 19 als „individuelle[n] Grad an positiver Selbstbewertung, also an Selbstwertgefühl oder Selbstachtung […] Fasst man Selbstkonzepte als Einstellungen zur eigenen Person auf, so stellt self - esteem die evaluative oder affektive, also bewertende Komponente dieser
Selbsteinstellung dar.“ 20
11 Vgl. Steffen - Bürgi, S. 14
12 Vgl. ebda., S. 9
13 In Folge werden diese Ausdrücke gleichbedeutend benutzt.
14 Vgl. Steffen - Bürgi, S. 9
15 Vgl. ebda., S. 10, Hervorhebung N.R.
16 Vgl. ebda., S. 11
17 Vgl. ebda., S. 12
18 Vgl. ebda., S. 12
19 Englisch für Selbstwert(gefühl)
20 Vgl. Mummendey, S. 69
5
Da das Selbstkonzept diese grosse Anzahl von Faktoren umfasst, hat es einen massgeblichen Einfluss auf die Wahrnehmung und Interpretation einer Person. Barbara Steffen - Bürgi erwähnt hierzu, „dass Emotionen offenbar nicht durch die Ereignisse selbst bestimmt werden, sondern dadurch, wie wir die Dinge interpretieren.“ 21 Weil das Selbstkonzept als zentraler Bezugspunkt einer Person dient, wirken sich Störungen desselben natürlich massiv auf ein Individuum aus. So bildet ein negatives Selbstkonzept - eine pessimistische Einschätzung der eigenen Person und der Zukunft - ein Charakteristikum depressiver Zustände. Insbesondere die Diskrepanz zwischen dem zuvor erläuterten Real - und Idealkonzept führt zu depressiven Emotionen. Die Bilder, wie man sich selbst einschätzt und wie man sein möchte, klaffen auseinander. Aus einem Missverhältnis von Real - und Sollkonzept kann hingegen Angst entstehen. 22 Die eigene Einschätzung, wie man ist, entspricht in diesem Fall nicht den Normen, die man sich setzt und die einem gesetzt werden. So glaub man beispielsweise seiner Rolle nicht gerecht zu werden. Die verschiedenen, beschriebenen Diskrepanzen basieren auf Strukturen des Selbstkonzeptes, welche nicht zusammenpassen. Auch wenn diese Missverhältnisse nicht in jedem Fall in krankhaften Zuständen enden müssen, verursachen sie jedoch unweigerlich Stress und führen zu seelischer Belastung, was zu einer Krise führen kann, welche durch „den Verlust von Lebensplänen und -zielen, von hochgeschätzten Aktivitäten, der Ausübung bestimmter Rollen sowie zum Teil [durch] den Verlust von Anerkennung und
Wertschätzung [und der] Unterbrechung der Kontinuität des Lebens“ 23 geprägt werden. Eine Krise indiziert die Bewältigung der bedrohlichen Situation: Erfolgreiche Bewältigungsstrategien stärken das positive Selbstkonzept einer Person, während ein erfolgloser Bewältigungsversuch zu einem niedrigen Selbstwertgefühl, Identitätsdiffusion und zum Gefühl der Verfremdung der eigenen Person führen kann. 24 Eine Krise stellt folglich sowohl eine Chance als auch eine Gefahr dar.
Ein weiterer, wichtiger Aspekt des Selbstkonzeptes findet sich im Zusammenwirken von Gesellschaft und Individuen in Form einer Stigmatisierung, welche die Diskriminierung einzelner Menschen oder sozialer Gruppen beinhaltet. 25 Ein Stigma entsteht durch Devianz, welche durch eine Entfernung oder Abkehr vom “Normalzustand“ definiert ist.
21 Vgl. Steffen- Bürgi, S. 13
22 Vgl. ebda., S. 14
23 Vgl. ebda., S. 19
24 Vgl. ebda., S. 21
25 Vgl. Glaus Hartmann, S. 164
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Nonkonformes Verhalten kann somit beispielsweise in einer Stigmatisierung resultieren. Diese Diskriminierung hat in der Regel einen negativen Einfluss auf das Selbstkonzept und kann eine Krise verursachen. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass ein Stigma sich von Kultur zu Kultur unterscheidet und je nach Epoche verändern kann. Wie Rollen können auch Stigmata hervorgebracht werden, um Macht auszuüben und Normen durchzusetzen. 26 Nach Marlis Glaus Hartmann kann Stigmatisierung ebenfalls als Identitätsstrategie interpretiert werden, 27 da ein Stigma einer Person eine Eigenschaft, eine Tat oder einen Wesenszug zuschreibt, wobei es psychische, physische und soziale Stigmata gibt. 28
Weitere wichtige Elemente, die das Selbstkonzept und den Selbstwert belasten können, sind Schuld und Schande. Nach Viktor Gecas leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Sozialisation und sozialen Kontrolle, da sie dem Bewusstsein entspringen gegen Normen verstossen zu haben. 29
„Guilt is the feeling associated with moral self - condemnation. It arises when one commits a transgression against internalized rules and values, and then judges oneself to
be morally inadequate.” 30
Nach Gecas bringt Schuld Personen dazu zu gestehen, sich wegen begangener Taten zu sorgen, Vergebung zu ersuchen und den angerichteten Schaden zu beheben. Im Gegensatz dazu ist Schande ein selbstbezogenes Gefühl, welches auf dem Verlust von Achtung oder Respekt in den Augen anderer basiert. 31 Jedoch kann Schande auch sehr intensiv erlebt werden, beispielsweise als akute Demütigung, Kränkung, Verlust des Gesichtes, der Ehre oder des Stolzes. Nach Gecas sind verschiedene Reaktionen auf Schande üblich, um gegen sie vorzugehen und sie somit zu beheben. 32 Dies ist einerseits der Rückzug aus dem sozialen Kontext, wie beispielsweise Verstecken des Gesichtes bis zu der extremsten Art in Form des Selbstmordes und andererseits, im Gegensatz zum Rückzug, aggressives Verhalten, welches sich gegen das Umfeld richtet, um aktiv gegen die Schande bzw. deren Ursache oder Verursacher vorzugehen und sie somit zu nivellieren. 33
26 Vgl. Glaus Hartmann, S. 165
27 Vgl. ebda., S. 166
28 Vgl. ebda., S. 167
29 Vgl. Gecas, S. 95
30 Vgl. ebda., S. 95
31 Vgl. ebda., S. 96
32 Vgl. ebda., S. 96
33 Vgl. ebda., S. 96
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Arbeit zitieren:
Nina Ratavaara, 2007, Analyse der Auswirkungen der Rollenvorstellung der Gesellschaft auf das Selbstkonzept der drei weiblichen Hauptfiguren in drei Stücken von Henrik Ibsen und mögliche daraus resultierende Schwierigkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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