Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses I
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abkürzungsverzeichnis IV
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis VI
1 Forschungsfrage und Herangehensweise 1
2 Konstruktion der Wirklichkeit 2
2.1 Konstruktivismus 2
2.2 Das individuelle Gedächtnis 3
2.2.1 Wahrnehmung und Speicherung von Informationen 4
2.2.2 Erinnerung. 6
2.2.3 Vergessen 8
2.2.4 Der Einfluss der Emotionen. 8
2.2.5 Fazit 8
2.3 Das kulturelle Gedächtnis 9
2.3.1 Forschungsgeschichtlicher Hintergrund 10
2.3.2 Begriff 10
2.3.3 Einführung 11
2.3.4 Topoi des kulturellen Gedächtnisses 13
2.3.5 Soziale Funktionen 14
2.3.6 Erinnerungspolitik 16
2.3.7 Kulturelles Gedächtnis in den Medien 18
2.3.8 Kulturelles Gedächtnis und Geschichtswissenschaft 19
3 Geschichte der deutschen Minderheit in Böhmen, Mähren und
Österreich-Schlesien 21
3.1 Deutsche Besiedelung und Herrschaft der Habsburger 21
3.2 Erstarken des Nationalgedankens 22
3.3 Neuordnung nach 1918 23
3.4 Volkstumsbewegung 25
3.5 Die „Sudetenkrise“ 26
3.6 Protektorat Böhmen und Mähren 28
3.7 Zwangsumsiedlung, Flucht, Vertreibung 29
3.8 Beneš-Dekrete 30
3 9 Fazit 31
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses II
4 Erinnerungskulturen der Vertreibung 31
4.1.1 Die deutsche Erinnerungskultur der Vertreibung. 32
4.1.1.1 1945-1957: Vergangenheitspolitik 33
4.1.1.2 1958-1984: Kritik der Vergangenheitsbewältigung 35
4.1.1.3 Ab 1985: Erinnerung 36
4.1.2 Die tschechoslowakische Erinnerungskultur der
Vertreibung 38
4.1.2.1 1945-1989 39
4.1.2.2 Ab 1989 39
4.1.3 Fazit 40
5 Die „Sudetendeutsche Landsmannschaft“ 42
5.1 Konstruktion einer Volksgruppe 42
5.2 Organisation und Aktivitäten 43
5.3 Ziele 44
5.4 Die „Sudetendeutsche Zeitung“ 45
5.5 Rechtsradikale Einflüsse 47
5.6 Die SL als Repräsentation der „Volksgruppe ? 48
5.7 Fazit 49
6 Empirische Untersuchung der Sudetendeutschen Zeitung 50
6.1 Hypothesen 50
6.2 Konzeption der Inhaltsanalyse 54
6.2.1 Stichprobe 54
6.2.2 Vorgehen 55
6.2.2.1 Codierung auf Artikelebene 55
6.2.2.2 Codierung auf Aussagenebene 55
6.3 Ergebnisse 56
6.3.1 Anlässe zur kulturellen Erinnerung 56
6.3.1.1 Anlässe und Themen 56
6.3.1.2 Beteiligung von Politikern 58
6.3.1.3 Vorkommen codierter Aussagen. 59
6.3.1.4 Zwischenfazit 61
6.3.2 Topoi des kulturellen Gedächtnisses 61
6.3.2.1 Graphische Auswertung 61
6.3.2.2 Analyse 66
6 3 3 Umgang mit der Vergangenheit 71
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses III
6.3.3.1 Graphische Auswertung 71
6.3.3.2 Analyse 72
6.3.3.3 Zwischenfazit 74
6.4 Gesamtfazit der Inhaltsanalyse 75
7 Fazit. 75
8 Quellen- und Literaturverzeichnis 77
9 Anhang 89
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses IV
Abkürzungsverzeichnis
AIKUD Institut für Allgemeine und Interkulturelle Didaktik e. V. aktual. aktualisiert Aufl. Auflage Aufnahmel. Aufnahmeländer Ausg. Ausgabe bzw. beziehungsweise Bd. Band BdV Bund der Vertriebenen BRD Bundesrepublik Deutschland CSR Tschechoslowakei CSU Christlich-Soziale Union DDR Deutsche Demokratische Republik Ders. Derselbe Dies. Dieselbe Dt./ dt. deutsche DNP Deutsche Nationalpartei DNSAP Deutsche Nationalistische Arbeiterpartei Dr. Doktor Emnid TNS Emnid Medien- und Sozialforschung GmbH e. V. eingetragener Verein etc. et cetera EU Europäische Union Fl. Flüchtlinge Ges. Gesellschaft Her-Herkunftsgesellschaft kunftsges. Hrsg. Herausgeber Jahrg. Jahrgang Jhdt. Jahrhundert Jud. Juden KZ Konzentrationslager NATO North Atlantic Treaty Organization
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses V
nichtdt. nichtdeutsch Nr. Nummer NS Nationalsozialismus/ nationalsozialistisch National. Nationalsozialisten O.J. Ohne Jahr O.V. Ohne Verfasser PR Public Relations Prof. Professor SBZ Sonderbesatzungszone SdJ Sudetendeutsche Jugend SdP Sudetendeutsche Partei Sddt. Sudetendeutsche SHF Sudetendeutsche Heimatfront sic. „tatsächlich so“ SL Sudetendeutsche Landsmannschaft SLÖ Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich Sonst./ sonst. Sonstige SudZ Sudetendeutsche Zeitung Tsch. Tschechoslowakische u. a. unter anderem UN United Nations verf. verfolgte VS VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH WK Weltkrieg z. B. zum Beispiel
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses VI
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
Tab. 1: Zeitungsstruktur Sudetendeutsche Zeitung……………………....46 Tab. 2: Analyse der wesentlichen Anlässe/ Themen in der Sudetendeutschen Zeitung………………………………………………………...57
Tab. 3: Wesentliche Anlässen/ Themen mit dem jeweiligen Durchschnitt an codierten Aussagen……………………………………….…..…60 Tab. 4: Analyse der Anlässe/ Themen……………………………………...88 Tab. 5: Analyse der traditionellen Topoi des kulturellen Gedächtnisses..90 Tab. 6: Analyse des Umgangs der Akteure mit der Vergangenheit……..92 Abb. 1: Schaubild zum Artikel „Kulturelle Schemata und interkulturelles Lernen“……………………………………………………………….…4 Abb. 2: Die Siedlungsgebiete der Sudeten………………………………... 28 Abb. 3: Das Wappen der Sudetendeutschen……………………………….43 Abb. 4: Sudetendeutsche Zeitung…………………………………………....47 Abb. 5: Die traditionellen Topoi des kulturellen Gedächtnisses - Täter...63 Abb. 6: Die traditionellen Topoi des kulturellen Gedächtnisses - Opfer………………………………………………………………….....64
Abb. 7: Die traditionellen Topoi des kulturellen Gedächtnisses - Helden…………………………………………………………………...65
Abb. 8: Umgang der Akteure mit der Vergangenheit…………………….71
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 1
1 Forschungsfrage und Herangehensweise
„Man entdeckt nicht die Wahrheit; man erschafft sie.“ (Antoine de Saint-Exupéry)
Diese Arbeit möchte der Frage nachgehen, wie und warum Menschen die Wahrheit suchen und stattdessen ihre eigene Wirklichkeit finden. Im Mittelpunkt steht dabei die Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“: Sie zeigt auf, dass sich Kollektive wie etwa Familien, Stämme, Ethnien oder Nationen ihre Version der Vergangenheit konstruieren und dabei Gegenmeinungen außer Acht lassen oder sogar angreifen. Ihren Niederschlag finden die Vergangenheitsvorstellungen vor allem auch in den Medien dieser Kollektive. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es deshalb, die Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses in einem Medium empirisch nachzuvollziehen. Als Beispiel dient die Verbandszeitung „Sudetendeutsche Zeitung“ der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die als Vertriebenenorganisation die Interessen der nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen Tschechoslowakei geflüchteten bzw. vertriebenen Deutschen vertritt.
Der inhaltliche Teil gliedert sich in fünf Kapitel. In einem ersten Abschnitt werden die Prinzipien von Wirklichkeits- und vor allem Vergangenheitskonstruktionen auf individueller wie auf kollektiver Ebene erläutert. Nach dieser Einführung sollen die folgenden Kapitel die theoretische Grundlage für die Inhaltsanalyse der Sudetendeutschen Zeitung legen: Der erste Teil fasst den Stand der Geschichtsforschung zur Historie der deutschen Minderheit auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei von den ersten Siedlungen bis zur Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Diese Erkenntnisse dienen als Folie für die in der Verbandszeitung vermittelten Vergangenheitskonstruktionen. Der folgende Abschnitt setzt nach Ankunft der Vertriebenen in Deutschland ein. Nun werden die historischen Ereignisse aber bereits mit der Ausbildung und dem Wandel von Erinnerungskulturen in der tschechoslowakischen bzw. der deutschen Gesell- schaft verknüpft. Die Erläuterungen dienen als Beispiele für die vorausge-
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 2
henden Einheiten zum kulturellen Gedächtnis, setzen dabei aber auch gleichzeitig den Rahmen für die genauere Betrachtung des kulturellen Gedächtnisses der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die mit ihren Vergangenheitsvorstellungen zum Großteil im Widerstreit zu tschechoslowakischen/ tschechischen bzw. gesamtdeutschen Positionen steht. Das letzte theoretische Kapitel stellt schließlich die Sudetendeutsche Landsmannschaft bzw. die Sudetendeutsche Zeitung genauer vor und geht dabei u. a. auf Geschichte, Organisation und Ziele ein.
Als Ergebnis der Ausführungen stehen schließlich eine Reihe von Hypothesen zur Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses in der Sudetendeutschen Zeitung. Sie sollen in der folgenden Inhaltsanalyse bestätigt bzw. widerlegt werden. Die Arbeit schließt mit einem Fazit.
2 Konstruktion der Wirklichkeit
Was ist Wahrheit? Das eine solche Frage sehr schwer zu beantworten ist, wird in diesem Kapitel klar. Es wird erläutert, aus welchen Gründen und mit welchen Mitteln und Ergebnissen Menschen Vorstellungen über die Wirklichkeit und insbesondere die Vergangenheit bilden. An Ausführungen zur Erkenntnistheorie des Konstruktivismus schließen sich Betrachtungen zum individuellen Gedächtnisses nach den Erkenntnissen der Neurobiologie bzw. -Psychologie an. Sie bilden die Grundlage für Erläuterungen zu kollektiven Vergangenheitsvorstellungen mit der vor allem soziologisch geprägten Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“.
2.1 Konstruktivismus
Mit der Frage nach der Wahrheit, ob eine solche existiert und wenn ja, ob sie vom Menschen mit seinen begrenzten Möglichkeiten erfasst werden kann, hat sich die Philosophie seit Jahrtausenden beschäftigt. Die Erkenntnistheorie des Konstruktivismus nimmt hierbei die Position ein, dass der Mensch die Wirklichkeit nicht objektiv wahrnehmen kann, sondern
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 3
1 Der Konstruktivismus ist keine homogene Theorie, sonsie nur konstruiert.
dern ein Ansatz, der von Vertretern verschiedenster wissenschaftlicher Disziplinen verfolgt wird. Der deutsche Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Siegfried Schmidt unterscheidet dabei grundsätzlich drei Herangehensweisen: biologisch-neurowissenschaftliche (Maturana, Varela, Roth), kybernetische (Foerster) und philosophisch-soziologische (Luhmann). Der Radikale Konstruktivismus ist dabei eine Strömung, die die Erkenntnisse von 2 verschiedenen Disziplinen vereint, als Begründer gilt Ernst von Glasersfeld. „Konstruktion“ bezeichnet hier „Prozesse […], in deren Verlauf Wirklichkeitsentwürfe sich herausbilden, und zwar keineswegs willkürlich, sondern gemäß den biologischen, kognitiven und soziokulturellen Bedingungen, denen sozialisierte Individuen in ihrer sozialen und natürlichen Umwelt unterworfen 3 Diese Bedingungen entziehen sich in hohem Maße der Einflussnahsind.“
me des Einzelnen. Konstruktion lässt sich damit kaum bewusst steuern und ist ein Prozess, der sich nicht im Verlauf, sondern nur im Ergebnis anhand der Beeinflussung von Beobachtung, Kommunikation und Handeln beobachten lässt. Die grundsätzliche Existenz der Wirklichkeit wird vom Radikalen Konstruktivismus jedoch nicht angezweifelt.
2.2 Das individuelle Gedächtnis
Im Folgenden soll die Funktionsweise der Konstruktion von Wirklichkeit im menschlichen Gehirn mit Erkenntnissen der Neurobiologie und Psychologie erklärt werden. Dabei wird klar, dass auch aus der Sicht dieser Wissenschaften die Realität nicht objektiv erfahrbar ist. Im Einzelnen werden die Prozesse der Wahrnehmung und Speicherung von Informationen, des Erinnerns und des Vergessens betrachtet. Den Abschluss bilden eine Ausführung zum Einfluss von Emotionen auf das Gedächtnis und eine Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse.
1 Vgl. Gabler Verlag O.J..
2 Vgl. Schmidt 1994, S. 4.
3 Ebd. 1994, S. 5.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 4
2.2.1 Wahrnehmung und Speicherung von Informationen
Das Gehirn funktioniert nach der Logik, dass Informationen, denen keine wie auch immer geartete Bedeutung zugemessen werden kann, sinnlose Informationen darstellen. Bedeutung aber entsteht nur, wenn einzelne Sachverhalte miteinander verknüpft werden.
Auf neurobiologischer Ebene ist das Gehirn deshalb aus einer sehr großen Anzahl von Neuronen aufgebaut, die in fortlaufenden Lernprozessen immer wieder neue Verbindungen eingehen und dabei hochkomplexe Strukturen 4 Um zu entscheiden, welche Informationen wie miteinander verknüpft bilden.
und damit gedeutet werden, benötigt das Gehirn festgelegte Denkmuster, die in der kognitiven Psychologie als „Schemata“ bezeichnet werden. Schemata werden sowohl für die Selektion und Interpretation neu eingehender Informationen eingesetzt, als auch für die Speicherung und fortwährende Neuordnung von bereits bestehendem Wissen.
Der deutsche Erziehungswissenschaftler Karl-Heinz Flechsig vergleicht die Funktionsweise der Schemata im Gehirn mit geordneten und etikettierten Schubladen, die allerdings in Wirklichkeit flexible und miteinander in Verbindung stehende Kategorien sind. Im Rückgriff auf Abelson (1976) unterscheidet er vier verschiedene Repräsentationsebenen von Schemata:
Abb. 1: Schaubild zum Artikel „Kulturelle Schemata und interkulturelles Lernen“
4 Vgl. Schmidt 2010, S. 191.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 5
Quelle: Flechsig 1998.
Grundsätzlich wird zwischen „Wahrnehmungsschemata“ und „Handlungsschemata“ unterschieden, die zwar miteinander in Verbindung stehen, aber 5 Die erste Stufe, die „episodisehr unterschiedlich ausgestaltet sein können.
schen Schemata“ werden bei simplen und spezifischen Informationen einge- 6 „wiez. B. das Eingießen von Tee in eine Tasse“. 7 Komplexere Sachsetzt
verhalte zu Kategorien wie etwa „Einkaufen“ werden auf der zweiten Repräsentationsebene mit generischen, abstrakten Schemata verarbeitet. Auf der dritten und vierten Repräsentationsebene finden sich schließlich kulturelle
5 Vgl. Schmidt 2010, S. 191.
6 Vgl. Flechsig 1998.
7 Ebd.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 6
Schemata, die je nach Kultur mitunter stark voneinander abweichen können. 8 (3. Stufe) Dies umfasst einfachere kulturelle Modelle wie etwa „Eigentum“ als auch extrem komplexe Kategorien wie „Werte und Normen, Menschen- 9 (4.Stufe). Die höchste bilder und Weltbilder, Mythen und Lebensmuster“
Ebene stellt damit die Basis für die Interpretation der einfacheren kulturellen 10 Zusätzlich verfügt jeder Mensch über angeborene Schema-Schemata dar.
ta wie etwa „Lidreflex und Sprachkompetenz, […] Grundschemata wie hell- 11 Alleanderen dunkel, angenehm-unangenehm oder schnell-langsam“. Schemata sind das Ergebnis von Lernprozessen.
Die Denkkategorien sind in der Regel sehr stabil: Informationen, die dazu geeignet sind, vorhandene Schemata zu bestätigen und damit zu verstärken werden mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Aufmerksamkeit belegt. Dagegen werden Informationen, die nicht in die vorhandenen Kategorien passen, 12 weit häufiger von der bewussdurch die sogenannten „Perseveranzeffekte“
ten Wahrnehmung ausgeschlossen oder durch Herstellung von Kausalbeziehungen und Umformung, Hinzufügung und Weglassen von einzelnen Ele- 13 Zielist die menten verändert bis sich wieder ein kohärentes Bild ergibt. Vermeidung einer kognitiven Dissonanz. Nur in wesentlich selteneren Fällen werden Schemata unter dem Einfluss von neuen, entgegengesetzten Infor- 14 Dasämtmationen angepasst und verändert oder neue Schemata gebildet. liche Prozesse der Assimilation und Interpretation von Sachverhalten unbewusst ablaufen, werden die Konstruktionen jeweils nicht als solche erkannt 15 und vom Menschen als Wirklichkeit wahrgenommen.
2.2.2 Erinnerung
Ähnlich unzuverlässig und erstaunlich vergleichbar funktioniert nach dem Hirnforscher Prof. Dr. Wolf Singer unsere Erinnerung von episodischen Ereignissen, also Informationen, die sich auf persönliche Erlebnisse und
8 Flechsig 1998.
9 Ebd.
10 Vgl. ebd.
11 Ebd.
12 Vgl. Lay; Spada 2000, S.9.
13 Vgl. Singer 2000, S.5 f.
14 Vgl. Flechsig 1998.
15 Vgl. Singer 2000, S. 6.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 7
nicht nur auf allgemeine Fakten beziehen: Bei diesem hochkomplexen Vorgang müssen die an verschiedenen Orten im Gedächtnis gespeicherten Informationsstücke wieder bewusst gemacht und zu einem Gesamteindruck verknüpft werden. Fehlende Elemente werde dabei oft - ähnlich der erstmaligen Einspeicherung - rekonstruiert. Die Genauigkeit und der Detailreichtum von Erinnerung kann grundsätzlich sehr unterschiedlich sein. Prof. Dr. Singer erklärt mit einem Rückgriff auf die Evolutionsgeschichte, dass das episodische Gedächtnis ursprünglich vor allem für der Verortung von Futter diente. Orte und die damit verbundenen Ereignisse werden aus diesem Grund besonders gut erinnert.
In Bezug auf die Verlässlichkeit von Erinnerungen lassen Forschungen vermuten, dass jeder Erinnerungsvorgang gleichzeitig eine erneute Speicherung darstellt, in die nun die Situation zum Zeitpunkt der Erinnerung einbezogen 16 17 Prof. Dr. Singer folgert daraus: „Und so könnte durch Erzählen und wird.
Wiedererzählen das ursprünglich Erinnerte ständig neue Modifikationen erfahren und den aktuellen Sichtweisen des Erzählenden immer aufs Neue angepasst werden - und da der Erzählende nicht merkt, daß seine Erinnerung beim Erinnern labil wurde und in dem neu definierten Kontext wieder alsallerdings veränderte - Erinnerung konsolidiert wird, nimmt er seine Erzählungen immer als authentische Ersterinnerungen wahr, obgleich sie sich ge- 18 wandelt haben“ .
Das erwähnte Erzählen als sprachliche Formulierung von Erinnerung sieht Singer dabei selbst besonders kritisch: Nach dem Prozess des Erinnerns durch die bereits beschriebene Rekonstruktion von Einzelinformationen zu einem Gesamteindruck muss dieser nun in sprachlich gültige Formen über- 19 „Dieserfordert Auswahl, Prioritätensetzung, Auflösung assosetzt werden. 20 ziativer Verknüpfungen und Reihung nach seriellen Ordnungsprinzipien.“ Jede Erzählung muss so zwangsläufig hinter dem Erlebten zurück bleiben, es kommt zu weiteren Verzerrungen und Vereinfachungen.
16 Vgl. Goller 2009, S. 95.
17 Vgl. ebd., S.8 ff.
18 Ebd., S. 10.
19 Vgl. Singer 2000, S. 2.
20 Ebd., S. 2f.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 8
2.2.3 Vergessen
Was aber ist mit Informationen passiert, die nicht mehr erinnert werden können? Wie Singer erläutert, geht die Neurobiologie davon aus, dass - sofern keine Krankheit vorliegt - einmal gespeicherte Inhalte nicht verloren gehen, sondern vielmehr durch neue Informationen „überschrieben“ werden. Vor allem wenn diese neuen Informationen bereits gespeicherten Inhalten ähnlich sind, werden sie teilweise mit der Verknüpfung derselben Neuronengruppen repräsentiert, was eine klare Trennung der Sachverhalte erschwert. In der Folge werden die Erinnerungen unscharf oder verschwinden scheinbar ganz. Durch bestimmte Assoziationen können sie aber oft zu ei- 21 nem viel späteren Zeitpunkt wieder erinnert werden.
2.2.4 Der Einfluss der Emotionen
Die vorgestellten Prozesse der Wahrnehmung, Speicherung und Erinnerung von Informationen werden in hohem Maße von Emotionen geprägt. So lösen unbekannte Sachverhalte, für die noch keine Bearbeitungsmuster zur Verfügung stehen, in der Regel negative Gefühle wie Unsicherheit oder Angst aus. Emotionen können sowohl fest in kognitive Kategorien eingebun- 22 den sein und diese aktiv prägen, als auch eigene Schemata bilden , „die
aus affektiven Begriffs- Imaginations- und Körperassoziationen bestehen und 23 mit andere affektiven und kognitiven Schemata verbunden sind.“ Emotional aufgeladene Informationen werden bevorzugt wahrgenommen, verarbeitet und dadurch auch grundsätzlich mit größerer Wahrscheinlichkeit 24 erinnert.
2.2.5 Fazit
Die wichtigsten Erkenntnisse der Neurobiologie bzw. - Psychologie für die Fragestellung dieser Arbeit lassen sich wie folgt zusammenfassen:
21 Vgl. Singer 2000, S. 11.
22 Vgl. Schmidt 1994, S. 10 f.
23 Ebd. 1994, S. 11.
24 Vgl. Szesny O.J., S. 1.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 9
•
Wahrnehmung, Speicherung und Erinnerung von Informationen
Aus diesen Ergebnissen wird klar, dass es die eine, allgemeingültige Wahrheit aus neurobiologisch/ -psychologischer Sicht nicht geben kann. An ihrer Stelle stehen so viele Wirklichkeitskonstruktionen wie es Menschen gibt. Gleichzeitig ist jeder Mensch notwendigerweise darauf angewiesen, seine eigene Konstruktion für die Wahrheit zu halten und notfalls gegen abweichende Vorstellungen zu verteidigen. Je emotionaler und damit wichtiger die Inhalte für den Einzelnen sind, desto schärfer werden diese Auseinandersetzungen geführt.
Gedächtnis ist somit etwas zutiefst Individuelles. Gleichzeitig könnte man jedoch auch das Gegenteil behaupten, denn die Schemata sind wie beschrieben zum allergrößten Teil kulturell bedingt. Ein individuelles Gedächtnis ist demnach ohne ein Kollektiv, in das es eingebettet ist, nicht denkbar. Das folgende Kapitel untersucht aus diesem Grund das Phänomen des kollektiven oder kulturellen Gedächtnisses.
2.3 Das kulturelle Gedächtnis
Zu Beginn der Erläuterungen stehen Ausführungen zum forschungsgeschichtlichen Hintergrund und den unterschiedlichen Bezeichnungen des Phänomens, gefolgt von einer Einführung in die Thematik. Anschließend werden die traditionellen Topoi des kulturellen Gedächtnisses aufgezeigt wobei auch auf Veränderungen durch die fortschreitende Globalisierung eingegangen
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 10
wird. Es folgen Erläuterungen zu den Zusammenhängen von kulturellem Gedächtnis und Macht und die Maßnahmen der Erinnerungspolitik sowie das Kapitel „kulturelles Gedächtnis in den Medien“. Hier geht es um die Rolle der Medien für die kulturelle Erinnerung bzw. die Konsequenzen des Wandels der Tradierungsformen von Inhalten des kulturellen Gedächtnisses weg von der mündlichen Überlieferung hin zu Massenmedien. Einen zusammenfassenden Abschluss bilden Ausführungen zum Verhältnis von subjektivem kulturellem Gedächtnis und dem Anspruch nach „objektiven“ Geschichtswissenschaften.
2.3.1 Forschungsgeschichtlicher Hintergrund
Schon bei Plato finden sich Gedanken zur Theorie des kulturellen Gedächtnisses. Im modernen Sinne wurde der Begriff dagegen erst ab Ende des 19. / Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt und erlebte seit den achtziger Jahren 25 Als wichtigster Vertreter des 20. Jahrhunderts einen breiten Aufschwung. gilt der französische Soziologe und Philosoph Maurice Halbwachs (1877 -1945), der die Theorie des „mémoire collective“ („kulturelles Gedächtnis“) 26 und mit seinen Werken „Les Cadres sociaux de la mémoire“ begründete
(„Der soziale Rahmen des Gedächtnisses“,1925) und „La Mémoire collective“ 27 28 (1950 posthum veröffentlicht) bis in die Gegenwart prägt. Schon von Beginn der Forschungen an wurden diese Ansätze zum kulturellen Gedächtnis international und in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen weiterverfolgt. Bedeutende Studien zu dem Phänomen stammen beispielsweise von Sigmund Freud, Henri Bergson, Emile Durkheim und Frede- 29 rick Bartlett.
2.3.2 Begriff
Angesichts der Vielfalt der unterschiedlichen Herangehensweisen und Konzepte kann es nicht verwundern, dass keine allgemein verwendete Bezeich-
25 Vgl.
26 Vgl. Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich O.J.a
27 Vgl. Erll 2010, S. 7 f.
28 Vgl. Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich O.J.b
29 Vgl. Olick 2010, S. 153 f.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 11
nung der Theorie existiert: Während Maurice Halbwachs vom „kollektiven Gedächtnis“ spricht und andere Wissenschaftler den Terminus „soziales Gedächtnis“ verwenden, plädiert die deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Astrid Erll für den Begriff „kulturelles Gedächtnis“: “According to anthropological and semiotic theories, culture can be seen as a three-dimensional framework, comprising social (people, social relations, institutions), material (artifacts and media), and mental aspects (culturally defined ways of thinking, mentalities) (cf. Posner). Understood in this way, “cultural memory“ can serve as an umbrella term which comprises “social memory“ (the starting point for memory research in the social sciences), “material or medial memory” (the focus of interest in literary and media studies), and “mental or cognitive memory” (the field of expertise in psychology and the neurosciences) [Her- 30 vorhebungen im Original].”
2.3.3 Einführung
Nach Astrid Erll kann das Phänomen des „kulturellen Gedächtnisses“ grundsätzlich auf zwei verschiedenen Ebenen betrachtet werden: Die erste Ebene hat das individuelle, biologische Gedächtnis zum Ausgangspunkt und betont, dass die individuellen kognitiven Schemata immer in hohem Maße von dem 31 sozialen Umfeld des Individuums geprägt werden. Damit ein soziales System Bestand hat, müssen die beteiligten Individuen miteinander agieren können. Dies aber ist nur auf der Basis eines gemeinsamen Bezugsystems möglich. Siegfried J. Schmidt nennt dieses geordnete System von kulturell geteilten Schemata „Wirklichkeitsmodell“. Als „kollektives Wissen“ wird es durch fortwährende Interaktionen innerhalb der Gesellschaft herausgebildet und durch das Individuum mit der Sozialisation verinnerlicht. Dabei erlangen nur solche Kategorien Bedeutung, die für die Kultur in ihrem Lebensumfeld tatsächliche Relevanz besitzen, insbesondere und kulturübergreifend werden Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, 32 der Emotionen, der Moral und der Haltung gegenüber der Umwelt geregelt.
30 Erll 2010, S. 4.
31 Vgl. ebd. 2010, S. 5.
32 Vgl. Schmidt O.J., S. 7 ff.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 12
Vor allem die Wissenschaften der Neurobiologie, Sozialpsychologie und Oral History betrachten das Phänomen des „kulturellen Gedächtnisses“ unter die- 33 sen Gesichtspunkten.
Die zweite Ebene von „kulturellem Gedächtnis“ hat dagegen nicht den Einfluss des sozialen Umfeldes auf das Individuum im Fokus, sondern setzt direkt bei der Gesellschaft an. Schmidt entwirft für diesen Aspekt die Theorie des „Kulturprogrammes“: Die von den Individuen einer Kultur geteilten Kategorien wären bedeutungslos, wenn es kein „Programm“ gäbe um in der Gesellschaft mit und über diese Kategorien zu kommunizieren. Das Kulturprogramm „als gesellschaftlich verbindliche Bezugnahmen auf das Wirklichkeits- 34 verbindetaus diesem Grund die kognitiven Kategorien mit dem modell“
Kommunikationssystem. Es bestimmt über interkategoriale Verknüpfungen, affektive und normative Bewertungen und Wichtigkeit der einzelnen Katego- 35 Vonbesonderer Bedeutung ist hier rien innerhalb des Wirklichkeitsmodells.
selbstverständlich die Sprache, die Kategorien und ihre Bewertungen be- 36 nennt und dadurch differenzierteren sozialen Austausch erst ermöglicht. Die fortwährende gesellschaftliche Verhandlung und Weitergabe des kulturellen Wirklichkeitsmodells durch Zeichensysteme, Handlungen, Institutionen und Medien ist damit der Schwerpunkt der zweiten Ebene von „kulturellem Gedächtnis“ und wird vor allem innerhalb der wissenschaftlichen Disziplinen der Soziologie und der Kulturgeschichte betrieben. Sie soll auch den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden. Der Begriff „Gedächtnis“ hat hier keinen 37 Um den biologischen Hintergrund, sondern dient lediglich als Metapher. Prozesscharakter zu betonen, wird auch häufig der Begriff „kulturelle Erinnerung“ verwendet. Wie bereits erläutert, werden Erinnerungen aus evolutionären Gründen bevorzugt mit Orten wie etwa Monumenten, Gedenkstätten und Museen verbunden. Aber auch Kunst und Medien, Jahrestage, Vorträge, Symposien usw. werden zur kulturellen Erinnerung genutzt. Wie Schmidt betont, stellen derartige Gelegenheiten zur Erinnerung jedoch selbst keine
33 Vgl. Erll 2010, S. 5.
34 Schmidt 2004, S. 3
35 Vgl. ebd.
36 Vgl. Schmidt 1994, S. 13.
37 Vgl. Erll 2010, S. 5.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 13
38 sondern bieten lediglich einen Anlass bzw. ein Medium, Erinnerungen dar,
um Inhalte des kulturellen Gedächtnisses im Rahmen von „Erzählungen“ und Ritualen zu vermitteln.
Schmidt fasst sein Modell zum kulturellen Gedächtnis mit dem Satz zusammen: „Im Gesamtrahmen gesellschaftlich bewerteter Wirklichkeitskonstrukte sowie kommunikativer und kultureller Konditionierungen konstruiert Gesell- 39 schaft Wirklichkeit.“
2.3.4 Topoi des kulturellen Gedächtnisses
Die kulturellen Gedächtnisse verschiedener Kollektive weichen oft stark voneinander ab: Fragen der Moral, des Umweltbewusstseins oder auch nur der richtigen Begrüßungsart können im gesellschaftlichen Aushandlungsprozess komplett unterschiedlich entschieden worden sein. Wenn es allerdings um für das Kollektiv prägende Ereignisse der Vergangenheit und damit um die eigene Identität geht, finden sich nur sehr wenige und interkulturell vergleichbare Inhalte, die die traditionellen Topoi des kulturellen Gedächtnisses bilden. Vor allem im Hinblick auf das nationale Gedächtnis konstatiert Aleida Assmann: „Hier geht es regelmäßig um solche Bezugspunkte in der Geschichte, die das positive Selbstbild stärken und im Einklang mit bestimmten Handlungszielen stehen. Was nicht in dieses hero- 40 ische Bild passt, wird dem Vergessen anheimgegeben.“ Dementsprechend finden vor allem Erzählungen über glorreiche Siege Einlass in das nationale Gedächtnis. Aber auch Niederlagen und die Rolle als Opfer werden erinnert, sofern sie entweder die Grundlage für Erzählungen von heldenhaften Widerstand bilden oder aber „vom Pathos unschuldigen 41 sind. Elemente des Versagens, des Unrechts und der Leidens verklärt“
Schuld werden dagegen in aller Regel aus dem kulturellen Geschichtsbewusstsein ausgeklammert. Erst in neuerer Zeit ist hier eine Veränderung zu beobachten: In einer globalisierten Welt können gegensätzlich geprägte kulturelle Gedächtnisse, etwa von Siegern und Besiegten, kaum mehr ignoriert
38 Vgl. Schmidt 2010, S. 196 f.
39 Schmidt 1994, S. 13.
40 Assmann 2008, S.1.
41 Ebd.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 14
werden und stellen durch die vielfältigen transnationalen Beziehungen eine potenzielle Bedrohung von Frieden und Wohlstand dar. Dadurch werden die kulturellen Gedächtnisse zur Anerkennung fremden Leidens und eigener Schuld gedrängt. Assmann betont hier: „Zu den wichtigsten Neuerungen gehört, dass nunmehr Vergeben und Vergessen ebenso entkoppelt sind wie 42 An die Stelle von Vergessen unliebsamer Ereignis-Erinnern und Rächen.“
se tritt so im Idealfall die aktive und auch transnational geteilte Erinnerung, 43 die der gemeinsamen Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen dient.
Die Selektivität der Erinnerungen, die in das kulturelle Gedächtnis Einlass finden, verweist wieder auf die Parallelen und das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von individuellem und kulturellem Gedächtnis: Beide neigen dazu, sich gegen Inhalte, die den eigenen Überzeugungen zuwiderlaufen, abzugrenzen. Informationen, die dem eigenen Selbstbild und etablierten Schemata zuwiderlaufen, werden ignoriert oder umgewandelt und damit verfälscht, um die Kohärenz der Wirklichkeitskonstruktionen nicht zu gefährden. Vergangene Ereignisse werden notfalls im Lichte aktueller Gegebenheiten und Ziele umgedeutet.
2.3.5 Soziale Funktionen
Ein näherer Blick auf die Funktionen, die das kulturelle Gedächtnis innerhalb einer Gesellschaft erfüllt, macht deutlich, warum der Kohärenz der Wirklichkeitskonstruktionen eine so hohe Bedeutung zukommt und gegebenenfalls große Anstrengungen unternommen werden, um ein einheitliches Bild zu wahren: Das kulturelle Gedächtnis ist sehr eng mit der Identität einer Gesellschaft verbunden. Auf der Ebene des Individuums wird Identität als „die in 44 definiert. Dies sich und in der Zeit als beständig erlebte Einheit der Person“ lässt sich auch auf Kollektive übertragen, wie Psychologin Qi Wang erklärt: 45 “a sense of who we were gives rise to a sureness about who we are” . Sowohl die individuelle als auch die kollektive Identität konstituiert sich stets in
42 Assmann 2008, S.2.
43 Vgl. ebd.
44 Abteilung für Medizinische Psychologie Universität Freiburg 2000.
45 Wang 2008.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 15
der Spannung zwischen Selbstbild und Fremdbild. Dadurch spielen sowohl die Versicherung der eigenen Identität (des eigenen kulturellen Gedächtnisses) innerhalb der Gruppe, als auch die Vertretung der Identität nach außen, die Interaktion mit und die Distinktion von anderen Gruppen eine große Rol- 46 KulturelleIdentität ist wie das kulturelle Gedächtnis veränderungsunwille.
lig, aber nicht veränderungsresistent. Sie wird in sozialen Prozessen fortwährend neu ausgehandelt, wenn auch vorrangig mit dem Ziel der Bestätigung. Eine mit dem Mittel der kulturellen Erinnerung gefestigte Gruppenidentität kann auch bei der Aufarbeitung von gemeinsamen Erlebnissen und insbesondere von Traumata eine große Bedeutung entwickeln: Die Betroffenen erfahren durch den Austausch mit anderen Opfern Verständnis und knüpfen emotionale Bindungen. Die gemeinsame Erinnerung durch Gedenkorte, Riten etc. verleiht dem Erlebten Ausdruck und kann zur Heilung beitragen. Oft finden Betroffene durch den Zusammenschluss zu Interessensvertretungen auch die Möglichkeit, mit dem Trauma verbundene Forderungen wie etwa 47 Entschädigungszahlungen durchzusetzen.
Für das Individuum erhalten die sozialen Funktionen des kulturellen Gedächtnisses um so mehr Bedeutung, je stärker es sich mit der Gruppe identifiziert, das heißt, je stärker seine Identität auf der Gruppenidentität aufbaut und von ihr abhängt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Fortbestehen eines kulturellen Gedächtnisses bei fortschreitender Individualisierung seiner Träger: Tatsächlich beschreibt Flechsig, dass die Homogenität von Gesellschaften zunehmend einer kulturellen Ausdifferenzierung weicht. Individuen können heute einer Vielzahl von verschiedenen Kulturen angehören, die von ihrer Freizeitgestaltung, ihrer beruflichen, religiösen oder 48 Mit zunehmender Komplexisexuellen Orientierung etc. bestimmt werden.
tät einer Gesellschaft aber sinkt automatisch die Zahl und Verbindlichkeit der 49 als allgemeingültig angesehenen Inhalte im kulturellen Gedächtnis , was
wiederum einen direkten Einfluss auf den Zusammenhalt und die Funktionsfähigkeit des sozialen Systems hat. Dieses Phänomen tritt nicht nur in Zu- 46 Vgl.Abteilung für Medizinische Psychologie Universität Freiburg 2000.
47 Vgl. Wang 2008.
48 Vgl. Flechsig 1998.
49 Vgl. Esposito 2010, S. 183.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 16
sammenhang mit Individualisierung auf, sondern auch auf der kollektiven Ebene, wenn unterschiedliche Ethnien etwa in Folge von Migrationsbewegungen neben- und miteinander leben und es zur Kollision der kulturellen Gedächtnisse kommt. Die Steigerung der Mobilität im Zuge der Globalisierung erhöht hierfür noch die Wahrscheinlichkeit.
In einer solchen Situation versuchen die verschiedenen Akteure zumeist, ihre eigenen Positionen mit dem Ziel der Hegemonie zu verteidigen bzw. durchzusetzen. Sie bedienen sich dazu den Mitteln der „Erinnerungspolitik“.
2.3.6 Erinnerungspolitik
Erinnerungspolitik kann in zwei verschiedene Aspekte unterteilt werden: Zum einen wird Erinnerungspolitik auf der Basis des in jedem Individuum und jedem Kollektiv angelegten grundsätzlichen Bedürfnisses der Verteidigung eigener Wirklichkeitsentwürfe betrieben. Zum anderen kann Erinnerungspolitik aber auch der gezielten Instrumentalisierung des kulturellen Gedächtnisses zur Durchsetzung von Machtansprüchen dienen. Grundlage dieses Phänomens ist die Tatsache, dass jedweder auf die Gegenwart oder die Zukunft gerichtete Machtanspruch auf Legitimation durch die Vergangenheit angewiesen ist. Je brüchiger diese Legitimation, desto größer das Bemühen der Akteure, die Deutungshoheit über die Vergangenheit zu erreichen. Ein besonders klares Beispiel bilden hier diktatorische Regime, die durch eine große Zahl von Denkmälern, Monumenten und offizielle Gedenktagen verbunden mit aufwendigen Zeremonien versuchen, die kulturelle Erinnerung in ihrem Sinne zu prägen. Vor allem Denkmäler und Monumente dienen hier nicht nur als Herrschaftssymbol in der Gegenwart, sondern sollen gleichzeitig einen Einfluss auf das kulturelle Gedächtnis kom- 50 Aleidaund Jan Assmann fassen diese mender Generationen entwickeln.
Mechanismen zusammen: „Herrschaft legitimiert sich retrospektiv und vere- 51 wigt sich prospektiv.“
Erinnerungspolitik mit dem Ziel der Legitimation ist jedoch nicht auf politische Führung beschränkt, sondern wird von einer Vielzahl von Individuen und In-
50 Vgl.
51 Ebd., S. 124.
Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses 17
stitutionen aktiv zur Rechtfertigung der eigenen Identität, von Verhaltenswei- 52 sen, Interessen, Forderungen etc. betrieben.
In pluralistischen Gesellschaften kommt es hier zwangsläufig zu Kollisionen, wenn gegensätzliche Machtansprüche verbunden mit der jeweils eigenen Version des kollektiven Gedächtnisses aufeinandertreffen. Herrscht eine Sichtweise der Vergangenheit vor, so konstituiert sich das kulturelle Gedächtnis der Minderheit als „Gegenerinnerung“ mit dem Ziel der Delegitimierung der Mehrheitsmeinung. Gegenerinnerung ist damit nicht auf die Sicherung 53 von Macht in der Gegenwart ausgerichtet, sondern auf die Zukunft. In modernen Gesellschaften werden die „klassischen Instrumente“ der Erinnerungspolitik wie Monumente und Gedenkveranstaltungen durch mediale Möglichkeiten der Einflussnahme im Sinne der Public Relations ergänzt. Die Kommunikationswissenschaftlern Merten und Westerbarkey definieren: „Public Relations sind ein Prozeß intentionaler und kontingenter Konstuktion wünschenswerter Wirklichkeiten durch Erzeugung und Befestigung von Ima- 54 Imagesist dabei die Bezeichnung für kognitive ges in der Öffentlichkeit.“ 55 Entsprechend den Erkenntnissen der Neurobio-und emotionale Schemata.
logie ist die „Befestigung“ bereits vorhandener Schemata immer einfacher ist als die „Erzeugung“ neuer Kategorien. Im Rahmen des kulturellen Gedächtnisses haben Versuche der Beeinflussung durch Public Relations demnach umso mehr Erfolg, je stärker sie auf bereits vorhandenen Schemata aufbauen können. Dies ist etwa gegeben, wenn Erinnerungsgemeinschaften durch interne PR gestärkt werden sollen. Externe PR als Instrument der Erinnerungspolitik ist dagegen unwesentlich schwieriger zu bewerkstelligen. Hindernisse trete vor allem auf, wenn Schemata beeinflusst werden sollen, die stark emotional verknüpft und/ oder im engen Bezug zur Identität der jeweiligen „Gegenseite“ stehen.
52 Vgl. Meyer 2010, S. 177.
53 Vgl. Assmann 1994, S. 125 f.
54 Merten; Westerbarkey 1994, S. 210.
55 Vgl. ebd. S. 206.
Arbeit zitieren:
Damaris Stocklassa, 2011, Mediale Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses am Beispiel der Sudetendeutschen Zeitung, München, GRIN Verlag GmbH
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