„Who is the real Barack Obama?“
Die Grenzen der Kommunikation bei Derrida, Butler und Laclau [Abstract]
Jacques Derrida hat die Hermeneutik der sozialen Kommunikation herausgefordert. Er beschrieb die Wiederholbarkeit des Zeichens als ein Prinzip, das widersprüchliche Wortbedeutungen miteinander vermittelt. In diesem Essay wird nach dem Verhältnis gefragt, dass Derrida zwischen sozialer Ordnung und ihrem Außen entwirft. Es wird sich eine radikale Tendenz in Derridas Werk zeigen: seine Theorie räumt den ‚Parasiten’ der Normalsprache unbedingten Zutritt zu den gesellschaftlichen Ritualen ein. Zu dieser Schlussfolgerung gelangt er, weil er die Wirkungsmächtigkeit diskursiver Grenzen vernachlässigt und sie dem ethischen Projekt der Dekonstruktion unterordnet. Ein soziologisch reichhaltigerer Begriff der Kommunikation lässt sich entwickeln, wenn man die Diskurstheorien Judith Butlers und Ernesto Laclaus hinzuzieht. Sie beschreiben die Öffnung der Bedeutung als einen voraussetzungsreichen Prozess. Ein solcher muss gegen die blinde und machtvolle Gleichförmigkeit sozialer Praxis behauptet werden, wozu es der strategischen Intervention handelnder Subjekte bedarf. Die Wirkungen des sprachlichen Mediums gehen aber nicht in einer Politisierung der Grenze auf. Am Beispiel einer missglückten Wahlkampfrede John McCains wird die eigensinnige, vorpolitische Funktionsweise der Sprache hervortreten, die Derridas Theorie des Zeichens zu denken gibt.
Barack Obamas Slogan „Yes, we can“ trug dazu bei, dass er John McCain bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen im Januar 2009 bezwingen konnte. Die performative Kraft dieser unbestimmten Handlungsaufforderung dynamisierte seine Wahlkampagne. Es gäbe demnach Anlass genug, um den letzten US-Wahlkampf als schillernden Beweis für das Gelingen performativer Sprechakte zu betrachten. Allerdings sorgte auch John McCain für Schlagzeilen: er scheitere nicht nur an den Wahlurnen, sondern auch an seiner eigenen Sprachpolitik. Bei einer öffentlichen Rede warf er die Frage auf: „Who is the real Barack Obama?“ Und aus dem Publikum schallte es zurück: „terrorist“. McCain war darüber sichtlich verwundert. Schließlich kreiste seine Rede bis dato um den vermeintlichen wirtschaftspolitischen Schlingerkurs Obamas. Das Publikum formierte sich darauf hin jedoch nicht zu einem zivilgesellschaftlichen Eingreiftrupp, der den Terroristen Obama festzusetzen
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versuchte, sondern brach in allgemeines Lachen aus. Die Sprechsituation war unentscheidbar geworden. Der offizielle Wahlkampf vermischte sich mit dem wachgerufenen Szenario einer äußeren Bedrohung. Was draußen bleiben sollte, die Aggression gegenüber den ausgemachten Staatsfeinden, befand sich plötzlich im Inneren des politischen Systems. Im Mittelpunkt dieses Essays steht die Frage, wie sich das Misslingen von McCains Sprechakts aus der Wiederholungsstruktur der Sprache verstehen lässt? Jacques Derrida hat diese in seiner Analyse der Iterabilität des Zeichens untersucht. Aus der Eigenschaft der Sprache, dass Zeichen in Abwesenheit ihres Senders zitiert werden können, folgerte er, dass kommunikative Akte von einem dissonanten Überschuss an Bedeutung umlagert werden. Diese Störungen symbolisieren die sogenannten Parasiten der Normalsprache. Sie unterwandern die Grenzen zwischen ernsten und unernsten; offiziellen und inoffiziellen Sprechsituationen (Derrida 2001). Auf diese Weise erklärte Derrida Sinnkrisen zum grundlegenden Merkmal von Kommunikation.
Aber bezeugt nicht die Skandalträchtigkeit des McCainschen Fauxpas, dass es sich hier um eine Ausnahme in den Ritualen der politischen Kommunikation handelt. Werden die Äußerungen von PolitikerInnen nicht normalerweise in einem eindeutigen Kontext verstanden? Judith Butler hat die verbreitete Kritik an Derrida auf den Punkt gebracht: „Derrida setzt die strukturelle Ebene der Sprache in Gegensatz zu ihrer semantischen und beschreibt ein autonomes strukturelles Verfahren, das anscheinend jeden gesellschaftlichen Rückstand abgeschüttelt hat.“ (Butler 2006: 232) Um die mediale Wirkungsweise der Sprache abwägen zu können, werden in diesem Essay diskurstheoretische Ansätze hinzugezogen, von denen die Entgrenzung und Begrenzung sprachlichen Sinns entzerrt wird, um diese verschiedenen Prozesse durch kontingente Strategien der Wiederholung aktualisieren zu lassen. Die Hegemonietheorie Ernesto Laclaus sowie Butlers Analyse performativer Wiederholungszwänge weisen auf Stabilisierungsprozesse hin, welche die strukturelle Offenheit von Kommunikationsmedien überlagern. Die Gelingensbedingungen von Sprechakten werden dabei nach den Zwecken sozialer Ordnung gestaltet. In der ersten theoretischen Bewegung werden demnach die gesellschaftlichen Mechanismen der Sinnproduktion herausgestellt. Dabei gerät auch in den Blick, wie Subjekte, durch blinde Verhaftung oder kritische Emanzipation an der Normierung der Sprache mitwirken. Sobald diese Argumentation entwickelt ist, wird eine zweite theoretische Bewegung einsetzen. In ihrem Verlauf wird erneut der Eigensinn des sprachlichen Mediums hervorgehoben werden,
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der diesen politisch-strategischen Komplex - unter gewissen Umständen - irritieren und einer gewissen Unverfügbarkeit der Welt aussetzen kann. 1
Spätestens seit Luhmanns Theorie sozialer Systeme gehört der Kommunikationsbegriff zu den Grundlagen der Soziologie. Wenn aber das Verhältnis zwischen der Offenheit und Geschlossenheit sozialer Praxis weiterhin zu den aktuellen Forschungsfragen zählt (Reckwitz 2003: 94ff.), so muss auch die Transformierbarkeit des Sprechens und die Deutungsoffenheit kommunikativer Akte erst noch geklärt werden. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Kontinuität oder Diskontinuität der Bedeutung wiederholt und an verschiedenen gesellschaftlichen Orten problematisch wird. Zum Beispiel wenn die traditionellen Geschlechterarrangements durch die Arbeitslosigkeit von Männern an ihrer reibungslosen Reproduktion gehindert werden und die Zuschreibungen von männlich und weiblich uneindeutig wird. Oder wenn politische Strategien sich gegen sich selbst richten und, wie am Beispiel McCains noch ausführlicher gezeigt werden soll, Worten einen Sinn geben, von dem sie später nicht mehr los kommen. In dieser Untersuchung werden die verschiedenen Sichtweisen dargelegt, die sich für die Theorie sozialer Kommunikation ergeben, sobald die allgemeinen Bedingungen der Signifikation berücksichtigt werden. Sprache verliert dabei den Charakter eines willfährigen Instruments. Sie erscheint als ein Medium, das Informationen überträgt und dadurch den Prozess der Übertragung selbst problematisiert, d.h. heißt die Unterscheidung zwischen Identität und Differenz; hier und dort; Selbst und Anderem erschwert.
Die strukturelle Eröffnung der Kommunikation: Derridas Iterabilität des Zeichens Ein zentraler Schauplatz dieser theoretischen Auseinandersetzung ist Derridas prominenter Essay Signatur Ereignis Kontext. Dem Begründer der Sprechakttheorie John L. Austin wirft er darin vor, mit dem Ausschluss der Parasiten, die den unernsten Gebrauch einer ernsten Normalsprache repräsentieren (Derrida 2001: 32), seine Analyse von Sprechakten in die metaphysischen Sprachphilosophie eingereiht zu haben (Derrida 2001: 32). Im Zentrum der
1 Auch Peter Fuchs hat untersucht, wie sprachliche Disseminationen in gesellschaftliche Grenzen eingebettet sind. Dabei griff er nicht auf die Traditionslinie der Diskurstheorie zurück, sondern profilierte den Kommunikationsbegriff der Systemtheorie. Zu Recht wies er darauf hin, dass der alterierenden Kraft der Sprache entgegengewirkt wird, indem sich stabile Beziehungen zwischen System und Umwelt ausbilden. In seinem Entwurf der „Kommunikationsmaschine“ werden aber nicht die konkreten Bedingungen reflektiert, unter denen Abdichtungen des Sozialen durch die Wirkungsweise der Sprache dennoch unterlaufen werden (Fuchs 1995). Dieses Potenzial zum Sinnbruch wurde ausführlich von Urs Stäheli untersucht. Die poststrukturalistischen Ansätze von Laclau, Butler und Derrida konfrontiert er mit dem strukturkonservativen Horizontbegriff Luhmanns. Die Widerspenstigkeit von Medien denkt er analog zu der hier vertretenden Position, als ereignishafte Ablenkung des Sinns, deren Möglichkeit sich im materiellen Wirkungsfeld der Sprache konstituiert (Stäheli 2000). Stähelis Analyse wird hier aber in einem Punkt erweitert: in der Wendung des Schriftbegriffs gegen das totalisierte Politische bei Butler und Laclau.
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religiösen Vorstellungswelt stehen nach Derrida die lebendige Gegenwart absoluter Subjektivität, namentlich Gott und die zu ihm redenden Subjekte (Derrida 1983: 19, 35), sowie das hermeneutische Modell der Übertragung. Jeder kommunikative Akt scheint demnach eine wechselseitige Transparenz der Kommunikationsteilnehmer zu erzeugen. Mit der Dekonstruktion trübt sich hingegen die Sicht auf den Anderen. Aufgrund der Unabschließbarkeit des Kontextes scheint jede Mitteilung von einem Gewirr sich widersprechender Interpretationen umlagert zu sein - zumindest für denjenigen, der sich akribisch um ein wahrhaftiges Verstehen bemüht. Jede vermeintlich authentische Auffassung wird immer hilflos gegenüber der kritischen Nachfrage bleiben: „Und wenn es eine Lüge war?“. Der subjektiv gemeinte Sinn (Weber 2005: 4) wird auf diese Weise unerreichbar. An dieser These entzündete sich vor mehr als drei Jahrzehnten eine hitzige Debatte. Einer ihrer Protagonisten war John R. Searle, ein Schüler Austins und wichtiger Vertreter der Sprechakttheorie. Er polemisierte gegen Derrida, dass jede Strategie des radikalen Bruchs nicht von den Intentionen des Sprechers absehen könne: „Derrida has a distressing penchant for saying things that are obviously false“ (Searle 1977: 203). Auch Habermas ging hart mit Derrida ins Gericht, dessen theoretische Annahmen er in die Nähe der jüdischen Mystik rückte. Indem er die Oppositionen des Sprachgebrauchs einebnet, folge Derrida einem religiösen Interpretationismus, der in ein unabschließbares Offenbarungsgeschehen einmündet (Habermas 1988: 211ff.).
Diese Aufregung blockierte lange Zeit eine produktive Auseinandersetzung mit Derridas Kommunikationstheorie. Im Mittelpunkt seiner Argumentation stehen die Wechselwirkungen zwischen dem realen und dem semiotischen Kontext sprachlicher Ausdrücke. Unter realem Kontext versteht Derrida eine aktuelle Sprechsituation, in der ein Subjekt seine Ausdrücke bewusst mit Bedeutung versieht und ihre soziale Effektivität aufmerksam überwacht (Derrida 2001: S.32ff.) In dieser kritischen Definition, die Derrida für eine Prämisse der Austinschen Sprechakttheorie hält, tritt ein intentionaler Sprecher als Agent und Ordnungshüter der konventionellen Ordnung sprachlicher Performanzen auf. Derrida enttäuscht diese Kontrollphantasie, indem er darlegt, wie der reale Kontext von einem semiotischen Kontext überrascht wird. Mit dem Begriff des semiotischen Kontextes ist die grundlegende Struktur des Zeichens gemeint, die allgemeinen Bedingungen der Signifikation (Derrida 2001: 27). In der Auseinandersetzung mit Austin beschreibt er diese ausgehend von der Iterabilität des Zeichens: „Diese Iterabilität - (iter, nochmals, kommt von itara, anders im Sanskrit, und alles Folgende kann als Ausbeutung dieser Logik gelesen werden, die die Wiederholung mit der Andersheit verknüpft) strukturiert das Zeichen [marque] der Schrift selbst, übrigens ganz
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gleich, um welchen Schrifttypus es sich auch handeln mag […]“(Derrida 2001: 24) Derrida analysiert das kommunikative Handeln entlang einer wesentlichen Struktureigenschaft sprachlicher Zeichen: ihre Wiederholbarkeit. Ließen sich sprachliche Ausdrücke nur ein Mal verwenden, so könnten sie nicht reguliert werden. Jeder Versuch sich mit einem anderen zu verständigen, müsste immer wieder von Null beginnen, ohne auf ein etabliertes Repertoire von Codes zurückgreifen zu können. Jedes Element der Sprache funktioniert somit aufgrund seiner minimalen, d.h. weder exakten noch unveränderbaren Wiedererkennbarkeit. Es muss stets noch einmal lesbar sein. Und das obwohl der Zeitpunkt seines Auftretens, seine Aussprache oder Satzstellung variieren. Derrida spricht hier auch von einer gewissen Idealität des Sinns, insofern Bedeutung in Schemen konserviert wird, die dem laufenden Wandel des Kontextes entgegenwirken.
Zugleich distanziert er sich von der konservativen Auffassung, wonach sich sprachlicher Sinn kontinuierlich reproduziert und stets in Bezug zu einer ursprünglichen Instanz bestimmt werden muss. Schließlich bewirkt die Wiederholbarkeit des Zeichens, dass es in der doppelten Abwesenheit von bezeichnendem Subjekt und bezeichneter Sache verwendet werden kann. Die Zuschreibung von Bedeutung ist demnach in zweierlei Hinsicht unabhängig: Sie hängt weder von der wahren Referenz auf einen Gegenstand ab noch von einer authentischen Auslegung im Sinne des vorgängigen Absenders. Oder wie Derridas es formuliert: „Die Idealität der Bedeutung hat einen strukturell testamentarischen Wert.“ (Derrida 2003: 129) Daraus ergibt sich auch die wesentliche Möglichkeit, mit dem jeweiligen Kontext des Sprachgebrauchs zu brechen. In seiner Wiederholbarkeit transzendiert das Zeichen den Augenblick seiner Verwendung; entwirft sich auf die Zukunft, ohne deren konkrete Ausgestaltung im Vorhinein zu determinieren. Die Iterabilität des Zeichens zerbricht alle Sicherheitsvorkehrungen, die eine kritische Stellungnahme zur konventionellen Verwendung eines Zeichens verhindern könnten. Aus diesem Grund installiert Derrida die Iterabilität des Zeichens als Agentin einer strukturellen Befreiung des Sinns, die den Bann des intentionalen Bewusstseins und seiner expressiven Kommunikation auflöst.
Neben seinem zeitlichen Vorauseilen konstitutiert sich die subversive Kraft des Zeichens auch durch die Verräumlichung seiner Oberfläche. Ein Intervall trennt die verschiedenen Signifikanten voneinander, setzt sie in Differenz zueinander und erzeugt den bedeutungsvollen Text als einen veränderbaren Beziehungsraum. Aufgrund dieser Disjunktion der syntagmatischen Kette sind die sprachlichen Glieder niemals in dem Kontext befangen, in den sie die jeweils sprechenden Subjekte platzieren. Jedem Zeichen kann eine unkonventionelle Bedeutung aufgepropft werden (Derrida 2001: 18ff.). Entscheidend für
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Derridas Kritik an der Sprechakttheorie ist, dass die Iterabilität des Zeichens nicht auf eine Polysemie von Äußerungen hinausläuft. Anstatt eine geordnete Abfolge heterogener Sprechweisen zu benennen, insistiert er auf eine strukturelle Interkontextualität. Sprachlicher Sinn entsteht demzufolge durch ein Intervall zwischen den Zeichen wie zwischen den Kontexten und wird durch ebendiese räumlichen Aussparungen, einer unabschließbaren Kombinierbarkeit und den entgrenzenden Effekten der Iteration ausgesetzt. Derrida wirft Austin vor, dass er diese graphematische Struktur der Lokution ausschließen würde. Dies zeigt sich an dem folgenschweren Ausschluss der Parasiten, durch den Austin ein scharfes Bild von den Konventionen der sogenannten Normalsprache gewinnen will.
„Zweitens sind unsere performativen Äußerungen als Äußerungen gewissen anderen Übeln ausgesetzt, die alle Äußerungen befallen können: Und auch sie schließen wir für unsere Untersuchung in voller Absicht aus, obwohl eine umfassendere Theorie sie einschließen könnte. Ich meine zum Beispiel folgendes: In einer ganz besonderen Weise sind performative Äußerungen unernst oder nichtig, wenn ein Schauspieler sie auf der Bühne tut oder wenn sie in einem Gedicht vorkommen oder wenn jemand sie zu sich selbst sagt. Jede Äußerung kann diesen Szenenwechsel in gleicher Weise erleben. Unter solchen Umständen wird die Sprache auf ganz bestimmte, dabei verständliche und durchschaubare Weise unernst gebraucht, und zwar wird der gewöhnliche Gebrauch parasitär ausgenutzt.“ (Austin 2007: 44)
Die Normalsprache wird auf diese Weise als ein störungsfreier Bereich modelliert. Nur unter dieser Vorraussetzung kann garantiert werden, dass sprachliche Performanzen gelingen und die sich mitteilenden Subjekten über ein verlässliches Medium verfügen. Die forschungsstrategische Exklusion der Parasiten ist auch deshalb geboten, da Austin an anderer Stelle zugesteht, dass die Möglichkeit kreativen Zitierens bereits im Inneren des normalen Sprachgebrauchs wurzelt: „[…] das Verunglücken ist eine Krankheit, der alle Handlungen ausgesetzt sind, die in allgemein üblichen Formen oder zeremoniell ablaufen müssen, also alle konventionellen Handlungen“ (Austin 2007: 41). Die Kontroverse zwischen Austin und Derrida dreht sich somit nicht um die Frage, ob sprachliche Ausdrücke zitiert werden können oder nicht. Es geht vielmehr darum, auf welche Weise die Pluralität des Zeichengebrauchs einkalkuliert werden muss. Ist der Parasitismus eine bloße Möglichkeit, etwas das in der Sprache auf uns lauert, ohne das wir jederzeit davon berührt werden? Oder gibt es ein ständiges Rauschen in der Kommunikation, dass die Eindeutigkeit sprachlichen Sinns
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verschwimmen lässt? Die Rezeption von Signatur Ereignis Kontext ist dadurch erschwert, dass Derrida selbst zu beiden Interpretationen Anlass gegeben hat. Man kann hierbei zwischen einer starken und einer schwachen Lesart unterscheiden, die in der Sekundärliteratur aber oft zugleich angewandt werden und unvermittelt nebeneinander stehen bleiben (Moebius 2008: 62ff.; Smith 1998: 236; Distelhorst: 30).
Nach der starken Lesart, die maßgeblich von Habermas verbreitet wurde (Habermas 1988: 211ff.), insistiert Derridas Parasitismus-These darauf, dass jeder konventionelle Sprechakt beständig irritiert und in ein Verhältnis zu einem antagonistischen Anderen gesetzt wird. Die Wiederholungsstruktur des Zeichens bindet jeden konventionellen Sprachgebrauch an einen oppositionellen Kontext des Sprechens und paradoxiert jede Identifizierung sprachlichen Sinns. Der Vorwurf an Austin lautet entsprechend, dass er das Ereignis der Parasitierung ausgeschlossen hätte, um es in das Jenseits der schieren Möglichkeit zu verbannen. In Limited Inc. heißt es dementsprechend: „In dieser Hinsicht unterscheidet Sec [Signatur Ereignis Kontext; Anm. des Verfassers] klar Möglichkeit und Eventualität; die Möglichkeit, die Tatsache, daß Performative immer zitiert werden können [...] ist nicht diese Eventualität, das heißt die Tatsache dieser möglichen Ereignisse der Zitate, oder dieser „Mißerfolge“ [malheurs], die geschehen, die sich ereignen, und die, ebenso unbestreitbar, Austin von seiner Analyse, von seinen „gegenwärtigen Ausführungen“, zumindest de jure und für den Moment ausschließt.“ (Derrida 2001: 139) Die Wirkung der Iterabilität gleicht auf diese Weise einer Entgrenzung. Sie erhöht die Diffusion zwischen verschiedenen Sinnarealen. In der absehbaren, antizipierbaren Abwesenheit des ursprünglichen Senders - die bei Derrida von keinem Dritten, keiner (sozialen) Vermittlungsinstanz zwischen abwesendem Sender und potenziellem Empfänger überbrückt wird - schlagen die Eröffnungsleistungen des Zeichens voll durch. Zwar wäre derart nicht die Umschrift eines Zeichens garantiert, aber eine gegebene Hierarchie zwischen konventionellen und subalternen Sprechweisen infragegestellt und mit der Möglichkeit ihrer Verkehrung konfrontiert. Die Eventualität der Parasiten ist somit ein Ausläufer ihrer antizipierten, zukünftigen Ermächtigung, von der die klare Unterscheidung von Gegenwart und Zukunft unterlaufen wird. Der Kontext konventioneller Sprechakte erscheint somit irreduzibel ungesättigt. Derrida betont, dass es ihm dabei nicht um eine Unbestimmtheit des Zeichens geht, als ob seine Bedeutung entweder leer oder unentwirrbar wäre. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht vielmehr die Paradoxierung von Sprechakten, die auf einem unentscheidbaren Terrain, heteronomer Lesarten angesiedelt werden (Derrida 2001: 229). Die Eventualität der Parasitierung offeriert so die Möglichkeit
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einer Transformation des parasitierten Zeichenkörpers. Sie eröffnet die Chance, sprachliche Konventionen umzuschreiben.
Die schwache Interpretation des Parasitismus ist hingegen von Austins eigener Problematisierung des Rituals nur schwer zu unterscheiden. Zwar geht Derrida auch hier davon aus, dass die Parasiten die Normalsprache jederzeit heimsuchen. Die alterierende Wirkung der Parasiten wird aber unspezifischer definiert. Sie umfasst gleichermaßen die schlichte Wiederholung eines Syntagmas an einer anderen Raum-Zeit-Stelle; die beliebige Variation eines Zeichens, zum Beispiel in der Aussprache, oder die radikale Umschrift seiner Bedeutung. Derrida schreibt: „Die Iterabilität setzt eine minimale restance voraus [...] damit die Selbst-Identität in, quer durch und selbst hinsichtlich der Veränderung [altération] wiederholbar und identifizierbar ist.“ (Derrida 2001: 89) Hieraus rechtfertigt sich eine Interpretation, für die bereits mit der Zeitlichkeit sprachlicher Einheiten die strukturelle Ereignishaftigkeit der Parasiten ausgewiesen wäre. Ihre Teilhabe am Körper des Eigenen bekundet sich darin, dass sich in der Wiederholung Identität und Differenz beständig vermitteln. „Ein Haus ist ein Haus, ist ein Haus, ist ein Haus“ - ein Zeichen kann zu verschiedenen Zeitpunkten denselben Inhalt haben und streng genommen dennoch zu einem anderen werden, da es den Index einer nochmaligen Verwendung trägt. Auf diese Weise kann einerseits der grundlegende Charakter des Parasitismus behauptet werden und andererseits die Bindung des jeweiligen Sprachgebrauchs an alternative Vokabulare durchtrennt werden. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass dieses fortlaufende, minimale Anderswerden des Zeichens den grundlegenden Prozess der sprachlichen Sinnkonstitution bildet. An diesem setzen auch starke Ausschläge sprachlichen Sinns an. Jeder revolutionäre Bruch mit Konventionen, deren literarische Umgestaltung oder politische Umwälzung, keimt folglich in der Differenzialität der Sinnkonstitution (Bertram 2002: 99ff.; Khurana 2007: 70ff., 126ff.). Derridas Zeichentheorie eröffnet sicherlich wertvolle Einblicke in die Funktionsweise des Mediums Sprache. Sie macht verständlich, wie sich sozialer Wandel auf der Ebene der Sprache darstellt bzw. wie diese selbst soziale Veränderung hervorbringt. Allerdings tendiert Derrida dazu, die radikale Eröffnung sprachlichen Sinns als ein a priori der Wiederholbarkeit einzusetzen. In dieser starken Lesart, durch die Derrida prominent wurde, verdeckt er das Spannungsfeld, das die Wiederholungsstruktur der Sprache strukturiert und sie gleichermaßen zum Instrument für konservative wie für subversive Strategien macht. Daran schließt sich folgende Frage an: Muss nicht die Realisierung dieser beiden Wiederholungspfade (wie in der schwachen Lesart), stärker an eine historisch kontingente Praxis gebunden werden, anstatt eine strukturelle Vorentscheidung zu fällen? Im Anschluss werden deshalb die
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Diskurstheorien von Butler und Laclau betrachtet , um die Strategien der Begrenzung oder Entgrenzung detailliert zur portraitieren. Auf diesem Pfad lässt sich auch der reale Kontext der Kommunikation anders definieren, als Derrida es getan hat: es wird eine Wiederholung des Gleichen denkbar, die nicht mehr von einem subjektiven Zentrum beherrscht wird.
Strategien der Begrenzung und Entgrenzung: die gesellschaftliche Logik des Sprechens bei Butler und Laclau
Parasitäre Entgrenzungen werden in der Hegemonietheorie unter dem Begriff der Dislokation verhandelt. Laclau fasst darunter die unentscheidbare Verortung gesellschaftlicher Systeme, die sich in ihrem Konstitutionsprozess auf sich selbst beziehen und zugleich an einen antagonistischen Anderen binden. Auf ähnliche Weise wie die Dekonstruktion, aber entlang eines anderen Themas, distanziert sich Laclau von der Vorstellung substanzieller Identitäten. Wenn er die diszlozierte Ontologie der Gesellschaft aufzeigt, grenzt er sich hauptsächlich von der marxistischen Theorie der Gründung ab, wonach sich der Kommunismus nahtlos aus den inneren Widersprüchen des Kapitalismus entwickeln würde. Der politische Prozess der Emanzipation scheint dabei unabhängig von der Kontingenz sinnhafter Praxis abzulaufen (Laclau 2007: 28). Demgegenüber betont Laclau, dass diskursive Ordnungen - oder Systeme, wie er sie desöfteren nennt - sich nur in Bezug auf ein antagonistisches Außen etablieren können. Erst die Existenz eines antagonistischen Anderen spannt die Unterscheidung von Innen und Außen auf, die jede Organisation von Selbstidentität voraussetzt (Laclau 2007: 69; Dyberg 1998: 41; Marchart 1998: 11). Durch diese gemeinschaftliche Exklusion verbinden sich bedeutungstragende Elemente zur einer diskursiven Einheit. Ihre Differenz wird somit durch ihre Äquivalenz überschrieben, aber keinesfalls gelöscht. Die Gründung eines Systems muss folglich den Umweg über eine radikale Negativität nehmen. Diese entzieht sich jedoch dem Versuch ihrer (dialektischen) Integration und lässt sich nicht als positives Element in die Relationen eines diskursiven Feldes einbinden (Laclau 1990: 6ff.). Diese Widerspenstigkeit wird von Laclau folgendermaßen bebildert: „[...] with antagonism, rules and identities are violated: the antagonist is not a player, but a cheat.“ (Laclau 1990: 11) Die Konstitution eines sinnhaften Systems gleicht somit einer paradoxen Bewegung. Diese führt einerseits zu einer radikalen Andersheit hin, weil dieses Andere als Reflexionsfläche benötigt wird, und führt anderseits von dieser Andersheit weg, um einen Bereich des Eigenen entgegen seiner Parasitierung zu stabilisieren. Die letzte Operation erfolgt, indem das, was jenseits der Grenze liegt, als externe Bedrohung für die Kohärenz und den Erhalt eines Systems dargestellt wird.
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Die wohlbekannte politische Strategie, Minderheiten zu verdammen, weil ihre Kultur die Werte einer Gemeinschaft verletzen würde, verschleiert somit nur das tiefere Problem einer jeden Systembildung (Laclau 1990: 21; Dyberg 1998: 31ff.; Zizek 1998: 125). Die entgrenzte Kontextualität des Zeichens wirkt sich somit auch auf ritualisierte Selbstbeschreibungen aus. Anders als Derrida entwickelt Laclau aus der Analyse von Mehrdeutigkeiten die Notwendigkeit einer hegemonialen Stiftung von Grenzen, mit der die Paradoxien der Signifikation überlagert werden. Ein System würde seine Operationsfähigkeit verlieren, wenn es sich unaufhörlich seine eigene Grundlosigkeit vergegenwärtigen würde. Allein über eine politische Institiuierung des Sozialen lässt sich der konstitutive Mangel vernähen 2 und der Systemkontext für eine gewisse Zeit schließen (Laclau 2007: 89). Um die Komplexität eines Systems zu vereinfachen, bedarf es der Inkarnation des Ganzen ausgehend von einer partikularen Position. Als Symbol der Einheit kann sie alle Elemente eines Systems umfassen: „Diese Relation, in der ein partikularer Inhalt zum Signifikanten der abwesenden gemeinschaftlichen Fülle wird, nennen wir ein hegemoniales Verhältnis.“ (Laclau 2007: 74) Hegemonie übernimmt demnach die Funktion, Knotenpunkte zu installieren, die einzelne Signifikanten dazu privilegieren, die diskursive Verkettung von Zeichen in einen übergreifenden Kontext zu integrieren (Laclau/Mouffe 2006: 150).
Nach Laclau zeigt sich die erfolgreiche Einrichtung sozialer Ordnung darin, dass die Spuren ihrer eigenen Kontingenz überblendet werden. Die Objektivität des Sozialen verdichtet sich in einem Prozess der Sedimentation. An die Stelle eines dislozierten Möglichkeitsraumes tritt die Kohärenz von Vergangenheit und Zukunft. In dem Maße, wie eine hegemoniale Formation an Stabilität gewinnt, prägt sich in das kollektive Gedächtnis - die sozial geprägten Erfahrungswelten - neben den Narrativen ihrer Gründung auch die beobachtbare Effizienz ihrer Reproduktion ein. Zukünftigkeit wird dadurch letztlich als Verlängerung und Wiederholung von Systemgeschichte erlebt.
Das Verhältnis zwischen der Normalsprache und ihren Parasiten lässt sich anhand der Hegemonietheorie folgendermaßen bestimmen. Der Iterabilität des Zeichen, in ihrer starken Lesart, entspricht ein Zustand der Dislokation bzw. eine fragile Konstitution sozialer Ordnung, die noch von den Spuren ihrer eigenen Kontingenz umlagert wird. Entgegen dieser
2 Die Rede von Knotenpunkten - deren Verbindung zur Inkarnationslogik gleich deutlich werden wird - geht auf Lacans Analyse von Stepp-Punkten (points de capiton) zurück, die sich auf die privilegierten Signifikanten einer
Signifikationskette bezieht. Damit hängt auch die doppelte Bedeutung der ‚Naht’ zusammen. Dieser Begriff
verweist einerseits auf die mangelnde Übereinstimmung des Subjekts mit dem (begehrten) Anderen, das
Scheitern seiner vollen Konstitution sowie andererseits auf Formen der imaginären Kohärenz, die eine
ontologisch abwesende Fülle vertreten (Laclau/Mouffe: 150, 246).
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paradoxen Lage lässt sich die Unterscheidung von Innen und Außen; ernsten und unernsten Sprechakten rehabilitieren, sobald hegemoniale Eingriffe in das sprachlichen Geschehen berücksichtigt werden. Die Hegemonietheorie entwirft eine politische Signifikationslogik, mit der sich erklären lässt, wie dominante »Lektüreprinzipen« historisch etabliert werden (Dyberg 1998: 36).
Auch Judith Butler verbindet Signifikation und Macht. Ihr sozialpsychologischer Konstruktivismus präsentiert die Anwendungsbedingungen sprachlicher Äußerungen als einen Gegenstand von Regulationstechniken, die Bedeutung formieren, um sie für die Interessen hegemonialer Projekte einzuspannen. Stärker als Laclau hebt sie die Zeitlichkeit und Wiederholungsstruktur der Sprache hervor. Ihr Hauptaugenmerk liegt darauf, wie sich die patriarchale und heterosexuelle Matrix des Geschlechterverhältnisses reproduziert. Diese Untersuchungen haben jedoch exemplarischen Charakter für eine allgemeine Theorie diskursiver Performativität.
Maßgeblich für Butlers Überlegungen ist der Begriff der Anrufung. Er benennt die zentrale Vermittlungsinstanz zwischen diskursiver Ordnung und ereignishaften Sprechakten; Diskurs und einer körperlichen Subjektivität. Anrufungstechniken beziehen ihre Wirkungsmächtigkeit aus der Kollaboration eines Sprecher mit der diskursiven Ordnung, der einen Anderen, den Adressaten seiner Mitteilung, in ihre regulativen Mechanismen einführt. Das klassische Beispiel ist hierfür ist die vergeschlechtlichenden Anrufung des Kindes durch den Arzt. Der Akt der Benennung zitiert die gesellschaftlichen Konventionen der Namensgebung. Butler möchte in diesem Zusammenhang in Anlehnung an Austin den Handlungscharakter von Äußerungen unterstreichen. Butler schreibt in Körper von Gewicht: „Die feststellende Aussage ist philosophisch gesprochen, in einem gewissen Grade immer performativ“ (Butler 1997: 33) Wenige Seiten weiter führt sie aus: „In der Sprechakttheorie ist eine performative Äußerung diejenige diskursive Praxis, die das vollzieht oder produziert, was sie benennt.“ (Butler 1997: 36)
Die Macht von Diskursen ist jedoch keine feststehende Größe, jenseits der Variation sozialer Praxis, sondern muss sich in dieser Praxis, die hier als kommunikatives Verhalten in Erscheinung tritt, beständig erneuern und behaupten. Butler schreibt: „Es gibt da keine Macht, die handelt, sondern nur ein dauernd wiederholtes Handeln, das Macht in ihrer Beständigkeit und Instabilität ist.“ (Butler 1997: 32) Diese temporale Offenheit diskursiver Felder versteht Butler jedoch nicht so, als ob sie zwangsläufig in das Erleben der Kommunikationsteilnehmer eintreten würde - wie in der starken Lesart von Derridas Parasitismusthese. Es handelt sich eher um eine objektive Eigenschaft sprachlicher Strukturen, deren Einfluß von einer
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konventionellen Autorisierung bzw. einer historisch kontingenten Selbstautorisierung abhängt. Solange die Hegemonie eines Diskurses gesichert ist, bleibt die Propfbarkeit des Sinns aber genauso ungenutzt wie unerkannt. Sie tritt hinter seine intersubjektiv erwartete Kontinuität zurück. 3
Inmitten sprachlicher Performanzen wirkt aus diesen Gründen ein Wiederholungszwang der ihrem parasitären Befall vorbeugt. An dieser Stelle wird ein allgemeiner Aspekt diskursiver Ordnung deutlich, der sich schon bei Laclau gezeigt hat: sie ist auf ein konstitutives Außen angewiesen; sie benötigt eine Grenze, um die Normierung von annehmbaren und unannehmbaren Versionen des Selbst zu schärfen. Subjektivierung vollzieht sich dabei entlang der gesellschaftlichen Regulation des Sagbaren (Butler 2006: 206). Die Neumodellierung des männlichen Körperschemas, seiner sexuell legitimen bzw. illegitimen Körperöffnungen, wird gerade dadurch unterbunden, dass beispielsweise die Aussage „Er ist ein Junge“ ihren eindeutigen Sinn behält.
Man würde Butler und Laclau aber nicht gerecht werden, wenn man ihre Emphase auf die Kontingenz sozialer Praxis vernachlässigen würde. Beide haben sich stets dafür interessiert, wie Strategien der Begrenzung und Strategien der Entgrenzung vermittelt werden können. Das Wechselspiel von Identität und Differenz, das Derridas akribisch erforscht, bleibt auf verschobenem Terrain gewahrt. Den Ausgangspunkt für gesellschaftliche Veränderungen sieht Butler im wesentlichen Scheitern der Anrufung. Die Versuche das subjektive Begehren zu vereinheitlichen und einer idealen Subjektivität anzunähern, entschlüsselt sie als Grundlage seiner Inkongruenz. Die Praxis der Resignifikation erweist sich in diesem Kontext als parasitäre Bewegung. Sie ermächtigt das ausgeschlossene Leben, indem sie neben der Sprache der Konvention, auch die relationale Bindung des legitimen Begehrens an ein verbotenes und zugleich erotisiertes Objekt ausnutzt.
In diesem Zusammenhang verfeinert Butler auch ihre Theorie des Subjekts. Die Distanz zum Diskurs versucht sie auf eine Weise zu denken, die Subjekte von Subjektivität und ihrer Subjektposition unterscheidbar werden lässt, ohne dabei auf substantialistische Annahmen zurückzugreifen. Anstatt aus der Kluft zwischen den grammatischen Positionen - zwischen Subjekt, Prädikat und Objekt - die Vorstellung eines voll-verantwortlichen Handlungsträgers abzuleiten, verharrt ihre Analyse bei den narrativen Zirkeln, in die sich die Genealogie des Subjekts verstrickt. Um die Entstehung des Subjekts zu beschreiben, muss man bereits
3 Körper können auf zwei sich ergänzende Weisen daran beteiligt sein, diesen Schleier aufrecht zu erhalten. Die Eindeutigkeit der Geschlechtszeichen ist zum Einen darauf zurückzuführen, dass sie mit den Geschlechtskörpern übereinstimmen, das heißt ihre dingliche Referenz als passend erfahren wird. Zum Anderen basiert sie auf einem verkörperten Regelverstehen, das die Bedeutung von Zeichen präreflexiv mit Evidenz versieht (Butler 2006: 201, 239; Butler 1997: 62, 183).
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voraussetzen, was man erklären will. Genauso löst sich die Vorstellung seiner vorsozialen Gegebenheit auf, sobald das Werden des Subjekts in den Blick gerät, das sich nur entlang der unendlichen Verkettung von Sprechakten entfaltet (Butler 2001: 10, 33, 110). Im Endeffekt wirken hier zwei Richtungen der Verursachung untrennbar zusammen: Einerseits bedarf es einer psychischen Disposition, die zur Gesellschaft hinführt und einen Resonanzboden diskursiver Performativität erzeugt. Andererseits entsteht das Innere eines Subjekts, seine Psyche, erst durch das Bemühen sich selbst den Folien sprachlicher Referenz entsprechend zu gestalten.
In Prozess der gesellschaftlichen Veränderung wird nun die minimale Aktivität mobilisiert, über die das Subjekt handelnd an seiner zwangsförmigen Hervorbringung teilnimmt. Da es stets etwas aus sich heraus vollbringt, ist es nie vollkommen in die je besonderen Formen seiner Subjektivierung gebannt. Faktisch zeigt es sich als Handlungskapazität, die für unterschiedliche Zwecke mobilisierbar ist und deshalb quer zu den empirisch variierenden Mustern von Subjektivität liegt, ohne schlicht unabhängig von diesen zu existieren. Das Subjekt ist kein unbestimmter Ort, eher ein Medium pluraler Identifizierung (Butler 2001: 22).
Entgegen dem Dunst naturalisierten Geschlechtsidentität denkt Butler eine Handlungsmacht, die es erlaubt, mit Autorität zu sprechen, ohne autorisiert zu sein (Butler 2006: 246ff.). Im Zentrum dieser Bemühungen stehen diejenigen Begriffe, die als Schaltstellen der hegemonialen Identifizierung fungieren. In dieser Hinsicht folgt Butler auf gewisse Weise Derrida und seinen ‚Strategien des Beerbens’. Sie verweist ebenfalls auf die semiotischen Kräfte zum Bruch, die Intervalle zwischen den Syntagmen und die Unabschließbarkeit des Kontexts, um daraus »das politische Versprechen des Sprechakts« zu destillieren. Anrufungen sind trotz ihrer Effektivität, niemals vollständig souveräne Handlungen. Ihr Einsatz evoziert prinzipiell die Unvorhersehbarkeit ihrer illokutionären und perlokutionären Wirkung beim Anderen. Ein jeder Sprechakt kann zum Anlass für eine neuartige räumliche Situierung von Begriffen und eine wiederholende Rekontextualisierung werden (Butler 2006: 252, 108ff.). Die Techniken der Resignifikation bewegen sich also zwischen dem affirmativen Bezug auf eine Konvention, mitsamt ihrer identitätsstiftenden Kraft, und einem von ihr abgesetzten Ort der machtvollen Neueinsetzung diskursiver Ordnung. 4
4 Diese Spannung kennzeichnet auch die Parodie der Geschlechternomen, Butlers bevorzugtes Instrument der subversiven Sinnpropfung. Bei der Travestie handelt es sich ebenfalls um eine entgrenzende Strategie der
Wiederholung - und hier besteht ein entscheidender Unterschied zu Derrida - die auf einer kalkulierten
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Laclau interessiert der Wandel von Bedeutung hinsichtlich der politischen Konjunkturen, in denen gesellschaftliche Totalität verschoben wird. Die Markierung der antagonistischen Systemgrenze sowie die Repräsentation ihrer Einheit erscheinen ihm als Ergebnisse des politischen Wettbewerbs. In diesem konkurrieren verschiedene hegemoniale Projekte darum, überlieferte universelle Semantiken - zum Beispiel Geschlecht, Demokratie, Gerechtigkeit, aber auch das Universelle schlechthin - jetzt und für die Zukunft zu besetzen (Laclau 2007: 64). Es gilt die Wiederholbarkeit des Zeichens den eigenen Ordnungsinteressen entsprechend zu gestalten.
Das Gleiten des Sinns wird von Laclau auf seine Möglichkeitsbedingungen befragt. Inmitten der Polysemie von Selbstbeschreibungen stößt er dabei auf eine basale Leere des Sinns. Die Ambivalenz zwischen Differenz und Äquivalenz evoziert einerseits das politische Bestreben die absolute Identität eines Systems zu erreichen und besiegelt andererseits, dass die Zeichen der Einheit leer bleiben. Der repräsentative Akt, der die differentiellen Positionen einer Gesellschaft versammeln soll, zeigt sich nicht als Erfüllung, sondern im Gegenteil als
Entleerung. 5 Die Bedeutung einzelner Signifikanten wird von einer übergreifenden Beschreibung, dem Einheitsgesichtspunkt diskursiver Artikulation, nicht aufgehoben, sondern verliert durch sie tendenziell an konkreter Bestimmung. Wenn das System auf sich zurück kommt, verliert es sich gleichermaßen.
Im Systemhorizont erscheint unter diesem Blickwinkel nicht eine lineare Zukunft, sondern die wesentliche Offenheit seiner Identität (Laclau 2007: 54; Marchart 2007: 15). Ein erneutes Gleiten der Äquivalenzdimension - deren entleerender Effekt nie bis zur völligen Sinnlosigkeit ausgereizt wird - kann unmöglich ausgeschlossen werden. Zwar lässt sich der ideologische Schein errichten, das System besäße einen objektiven Grund, das verhindert aber nicht, dass seine wesentliche Dislokation fortbesteht. Offenkundig wird dies, wenn die Konflikte einer diskursiven Ordnung reaktiviert werden. Es zeigt sich dabei, dass aus der Vielzahl diskursiver Elemente stets neue Körper der Inkarnation hervortreten können. Wie schon bei Butler so ist auch für Laclau Macht eine wesentliche Triebkraft gesellschaftlicher Veränderung. Die Umschrift leerer Signifikanten impliziert eine ebenso bedeutsame Stellung des Subjekts, dessen Freiheit er als Ausübung eben jener Macht denkt: Intervention beruht und unter besonderen Bedingungen der Erscheinung steht: Sie folgt dem Spielplan der
Theater oder den Treffen der Subkultur.
5 Laclau entwickelt die Offenheit und Propfbarkeit des Sinn aus den ambivalenten Effekten der Grenzziehung, ohne notwendigerweise auf die Zeitlichkeit des Sinns zu rekurrieren. Eine solche Positionsanalyse unterschiedet
sich sicherlich von Derridas Begründung der Iterabilität des Zeichens ab, die nicht nur die Intervalle einer
textuellen Struktur hervorhebt, sondern auch deren erneutes Vorkommen als Bedingung ihrer (De-)Konstitution.
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als Moment der Entscheidung. In Hegemonie und radikale Demokratie bekannte Laclau sich noch zum Foucaultschen Erbe, in dem das Subjekts innerhalb eines Feldes von Subjektpositionen dezentriert wird. Er unterstrich das Prinzip der Streuung, wonach die Zurechnung auf Subjekte von den vielfältigen Orten auszugehen hat, an denen sie als Sprechende in Erscheinung treten (Laclau/Mouffe 2006: 152ff.; Foucault 1981: 158, 177). Allerdings präsentiert Laclau eine viel stärkere Version des Subjekts, wenn er dieses als Agenten der Veränderung zu denken versucht. An dieser Stelle relativiert Laclau die soziale Abhängigkeit des Subjekts und rehabilitiert es, gerade wegen des Mangels einer objektiven Gründung seiner Identität, als ursächlichen Produzenten des Sozialen. Aus der Dislokation diskursiver Ordnung zieht Laclau demnach zwei Konsequenzen: Zum Einen verliert subjektive Identität an Kohärenz, da Selbstverhältnisse analog zur Relationalität sozialer Systeme verlaufen, mitsamt der daraus folgenden Unentscheidbarkeit. Zum Anderen ergibt sich aus diesem Mangel an Strukturierung der Einsatzpunkt freier Entscheidung. Wenn Diskurse objektiv daran scheitern, sich selbst zu gründen, dann bedarf es der freien Setzung eines Subjekts, um das offene Spiel der Differenzen zu fixieren und den Kontext zu bestimmen, in dem ihre Relationen artikuliert werden (Laclau 2007: 123; Laclau 1990: 39f.). Laclaus Theorie des Subjekts mündet in einem emphatischen Bezug auf die menschliche Schöpfungskraft: „Totale Repräsentierbarkeit ist nicht länger als Möglichkeit vorhanden, aber das heißt nicht, daß ihre Notwendigkeit verschwunden wäre. [...] In diesem Sinn hat die Aufgabe der Bestrebungen nach »absolutem Wissen« ermunternde Effekte: Einerseits können die Menschen sich als die wahren Schöpfer wieder erkennen und nicht länger als die passiven Empfänger einer prädeterminierten Struktur; andererseits kann, da alle sozialen Akteure ihre konkrete Endlichkeit erkennen müssen sich niemand für den wahren Weltgeist halten.“ (Laclau 2007: 42) Die Hegemonietheorie beruft sich in letzter Konsequenz zwar nicht auf eine absolute Freiheit des Subjekts, schließlich ist Politik ein dynamischer Raum wechselseitiger Limitation, aber diese Arena betreten die Kontrahenten jeweils aus sich heraus. In einem letztlich unproblematischen Selbst finden sie das Maß, um die Grenzen des Sozialen neu zu regeln.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Butlers und Laclaus Politik der Grenze ein hoher Wert auf subjektive Handlungskapazitäten gelegt wird. So entspricht der Kontinuität von Sprachgebräuchen das Verhaftet-Sein von Subjekten in die Ordnung des Intelligiblen. Die
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Resignifikation von Zeichen beschreibt Butler wiederum als Effekt subjektiver Initiative, der Bereitschaft die Potenziale einer differentiellen Sprache zu mobilisieren, um das Signifikat neu zu kontextualisieren. Zwar betont auch Derrida, dass er das »Subjekt in der Szene der Schrift« zu denken versucht, anstatt es schlicht für abwesend zu erklären (Derrida 2001: 95). Bei ihm wird allerdings nicht deutlich, welche Auffassung des Subjekts nach der Kritik eines metaphysischen Logozentrismus noch gerechtfertigt ist. Auch wenn Laclau und Butler die Kategorie subjektiven Erlebens aufwerten, versuchen sie intentionalistische
Argumentationsweisen zu vermeiden. Die Stabilisierung sprachlicher Bedeutung, die Eingrenzung des realen Kontextes, ist hauptsächlich so zu verstehen, dass sie einen Umweg über ritualisierte Verfahren der Bedeutungsregulierung nimmt. Die Schließung und Öffnung von Sinngrenzen knüpfen Laclau und Butler demnach an strategische Eingriffe in das Kommunikationsgeschehen. Anhand der missglückten Wahlkampfrede John McCains wird sich im folgenden jedoch zeigen, dass die Wirkungen der Sprache nicht vollkommen in der politischen Ausgestaltung diskursiver Ordnung aufgehen.
Die situative Unkontrollierbarkeit der Sprache: McCains missglückter Sprechakt John McCain ließ in seiner Wahlkampagne das Gerücht streuen, Barack Obama hätte früher in Kontakt zu Terroristen gestanden. McCains Wahlkampfteam versuchte diesen Verdacht an Obamas Verbindungen zu Bill Ayers festzumachen. Dieser gehörte in den siebziger Jahren den Weatherman an, die für eine Reihe von Anschlägen auf öffentliche Einrichtungen verantwortlich waren. Derartige Anschuldigungen haben in den USA bekanntlich eine besondere Tragweite. Sie rückten Obama in die Nähe eines diffusen Sammelbeckens von Fundamentalisten, das die USA in ihrem ‚Krieg gegen den Terror’ zu bekämpfen versuchen. Im Ergebnis wurde der innenpolitische Kontext des Wahlkampfs durch diese propagandistische Manöver durchlöchert. Es wurden Szenarien herauf beschworen (Guantanamo, Irak, Afghanistan), in denen die USA mit Gewalt gegen Terroristen vorgehen und mit der Auseinandersetzung zwischen Obama und McCain analogisiert. Die republikanische Wählerschaft sollte den Eindruck gewinnen, als ginge es dabei um nichts geringeres, als das Überleben der Nation und ihrer Bevölkerung. Während des bereits erwähnte Auftritts im Oktober 2008 verlor McCain über diese Anschuldigungen kein Wort; dennoch kamen sie zur Sprache. Er beschäftigte sich gerade mit der Wirtschaftspolitik Obamas, die in seinen Augen weder seriös noch verlässlich sei, als er sein Publikum fragte: „What does he plan for America? In short: Who is the real Barack Obama?” Im Kontext seiner vorhergehenden Ausführungen war die rhetorische Funktion
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dieser Frage, Obama als unberechenbare Figur zu präsentieren, als jemanden, den es erst noch zu befragen und zu hinterfragen gilt, entgegen der gloriosen Erscheinung, die er im Laufe des Wahlkampfes angenommen hatte. McCain hat demnach sehr wohl versucht, die Identität Obamas zu eröffnen und die Bedeutung seines Namens, mitsamt ihren assoziativen Rändern, ins Gleiten zu bringen. Als seine Frage dann von einer schreienden Männerstimme mit „terrorist“ beantwortet wurde, war er dennoch sichtlich überrascht: seine Rede stockte einen kurzen Moment und McCain blickte verblüfft, mit gerunzelter Stirn in die Menge. Den Spielraum von Zuschreibungen, den sein Sprechakt auftat, konnte er nicht mehr kontrollieren. Aus dem Zweifel, den er an Obamas Wirtschaftspolitik sähen wollte, wurde eine grundlegende Skepsis gegenüber seiner Person. Diese war von seine Wahlkampagne zwar systematisch gestreut worden, allerdings an anderen Orten und zu anderen Zeitpunkten. Von diesen Sinnpropfungen kam McCain nun nicht mehr los. Das von ihm verwendete Medium war zu sehr mit Bedeutung überladen, als dass der Signifikant Obama sich in einem einfachen Kontext hätte einschließen lassen. Nach kurzem Zögern fuhr McCain dennoch fort sein Skript abzuspulen. Ironischerweise warf er nun seinem politischen Gegner vor, dass jeder der Obamas wirtschaftspolitische Kompetenz befragt, „angry barrages of insults“ zu hören bekommt. Auch das Publikum beruhigte sich. Verachtung und Hass, die sich für einen Moment eruptiv den Weg bahnten, wurden nicht weiter verfolgt. Es formierte sich kein entfesselter Mob, der brandschatzend auf die Suche nach Obama ging, um der Aneignung seines Signifikanten nonverbale Gewalt folgen zu lassen. 7 Es zeigt sich, dass diese kommunikativen Dissonanzen jeweils keinen Wechsel des Kontextes bewirkten, der offizielle Wahlkampf kippte nicht eine Straßenschlacht um, sie erzeugten vielmehr eine Unentscheidbarkeit der Situation. Die Sinngrenzen wurden dabei nicht im Rahmen einer politischen Taktik überflutet, weder McCain noch sein Publikum verfolgten hier irgendeine Strategie. Beide Seiten wurden durch das sprachliche Medium vielmehr auf eine Weise affiziert, die jede Phantasie einer politischen Einhegung der Sprache zerstört. McCain wurde durch die Wahrnehmbarkeit seiner Worte mit den unvorhergesehenen Erinnerungen und Besetzungen seiner Wähler konfrontiert. Deren Affekte wiederum wurden durch die Worte eines anderen mobilisiert, bevor eine politische Absicht die eigenen Äußerungen in ein rationales Kalkül hätte einbinden können. Die kommunikative Störung in McCains Rede erzeugte eine gewissermaßen vorpolitische Situation, die sehr wohl politische
7 Dass diese Phantasie in den Reihen der republikanischen Wähler durchaus latent mitgeschwang, zeigte sich während eines Auftritts von Sarah Pallin. Ihre vorgetragene Kritik an Obama wurde von einem Zuhörer mit
einem lautstarken „kill him“ kommentiert.
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Konsequenzen hatte. So musste sich McCain letztlich, nach einer Serie vergleichbarer Vorfälle, zum Anwalt Obamas aufschwingen und ihn als rechtschaffenden Bürger, ja sogar als vertrauenswürdigen Kandidat für das Präsidentenamt verteidigen - und zwar vor seiner eigenen Anhängerschaft.
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse wird verständlich, auf welche Eigendynamik der Sprache Derrida hinwies, als er in Signatur Ereignis Kontext schrieb: „Schreiben ist das Produzieren eines Zeichens [marque], das eine Art Maschine darstellt, die ihrerseits produktiv ist und die durch mein zukünftiges Verschwinden prinzipiell nicht daran gehindert wird, zu funktionieren und sich lesen und umschreiben zu lassen.“ (Derrida 2001: 25) Daran anschließend lässt das Missglücken von McCains Sprechakt Zweifel aufkommen, ob sich die Spannung zwischen der Abhängigkeit und Handlungsfähigkeit eines »post-dekonstruktiven Subjekts« (Moebius 2003: 127ff.), wie sie bei Laclau und Butler skizziert wird, von einer politischen Ratio überdeterminieren lässt. Lässt sich in der turbulenten Sprachpolitik McCains nicht ein Turbulenz des Politischen selbst erkennen? Butler und Laclau legen nah, dass die konfliktreichen Interessen der Subjekte, die sich auf politischem Terrain begegnen und widersprechen, den letzten Grund der Stiftung von Welt und Erfahrung ausmachen. Bei Laclau verdichtet sich diese Vorstellung im Begriff der Entscheidung. Dass jemand sich zu etwas entschieden hat, lässt sich nur unter der Bedingung seiner Freiheit sagen. Auf Sprechakte gemünzt heißt das, sie sind nur dann Produkt einer Entscheidung, wenn sie weder durch vorgängige Regeln noch durch nicht-sprachliche Referenzen, beispielsweise durch die Beschaffenheit von Körpern, vollständig determiniert sind (Laclau 1999: 127): „Eine Entscheidung treffen heißt Gott verkörpern. Das bedeutet zu behaupten, dass jemand zwar nicht Gott ist, er jedoch so zu verfahren hat als wäre er Er.“ (Laclau 1990: 131). Auf diese Weise ersetzt er die objektive Gründung der Gesellschaft durch die Instanz eines sich selbst gründenden Subjekts. Derridas vehemente Kritik am Logozentrismus und der Figur eines selbstpräsenten Subjekts wird hier schlagartig wieder lebendig. Sicherlich weisen Dekonstruktion und Hegemonietheorie mehrere Gemeinsamkeiten auf. So spricht auch Derrida von der Dekonstruktion als einer »hyperpolitisierenden Bewegung« (Derrida 1999: 187). Die von ihrer eröffneten Erfahrungsräume machen politische Projekte denkbar, die auf widersprüchliche Weise mit der grundlegenden Unentscheidbarkeit des Sozialen umgehen. Gegenüber dieser strategischen Freizügigkeit müsse das ethische Anliegen der Gerechtigkeit, die Verantwortung gegenüber dem Anderen, mit aller Macht durchgesetzt werden (Derrida 1999: 189). Bemerkenswert ist aber, dass Derrida Prozesse der Identifikation mit jenen der Deidentifkation zusammen denkt und beide im Punkt der Entscheidung
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zusammenführt. Wer entscheidet und was entschieden wird, kann demnach nicht unter Berufung auf ein entscheidendes Subjekt vorausgesetzt werden. Schließlich ist es das Subjekt selbst, das aus der Entscheidung als seiner eigenen hervorgeht. Seine Attribute bleiben in der Schwebe und gewinnen erst an Kontur, wenn es handelnd die Initative ergreift und sich gegenüber der Sozial- und Dingwelt positioniert. In dieser Auseinandersetzung legt es den Inhalt seiner Wahl fest (Derrida 1999: 185ff.). Ein solches Vermittlungsgeschehen ist viel komplexer als Laclaus Vorstellung von selbstreferentiellen Gründungsakten. Seine Freizügigkeit gewinnt das Subjekt auf einem endlichen und dennoch offenen Gebiet, beispielsweise einem Text ohne eindeutigem Lektüreprinzip. Dort verschafft es seinen kreativen Fähigkeiten Geltung und wirkt an der Organisation einer ihm gegenübertretenden Andersheit mit. In dem es dieses Andere oder diesen Anderen hervorbringt, d.h. aus einem vielfältigen Potenzial an Seinsweisen eine mögliche Gestalt selektiert, bringt es sich selbst als kompetenten Leser oder verantwortungsbewussten Menschen hervor. Auf ähnliche Weise ist auch Butler in ihrer Untersuchung subjektiver Handlungsfähigkeit verfahren. Auch dort erschien die innovative Umschrift eines sprachlichen Systems als gebrochener Prozess. Allein vor dem Hintergrund eines überlieferten diskursiven Feldes lässt sich verdeutlichen, in welche Richtung die Resignifikation von Begriffen eine jeweils gegebene Anordnung von Werten verschiebt und umarbeitet. Eine solche Entscheidung für eine andere Weise der Identifizierung, zum Beispiel eine queere Rekontextualisierung, wirkt auch in dem Sinn deidentifizierend, als der einmal aufgepropfte Sinn wiederum auf seine rituelle Zitation angelegt ist, die unabhängig vom ursprünglichen Subjekt der Entscheidung vollzogen werden kann.
Die absolute Selbstständigkeit des Subjekts löst Butler somit durch die Interdependenzen der Bezeichnung ab (Butler 2001: 20; Diestelhorst 2007: 278). Wie Laclau vom ontologischen Primat der Hegemonie ausgeht (Laclau 2007: 122ff.), so lässt auch Butlers sozialpsychologischer Konstruktivismus durch diesen Zug das Politische triumphieren. Das Subjekt ist politisch. Das Politische wird in dem Maß verabsolutiert, als mit der biologischen Wahrheit des Körpers, dessen äußerer Erscheinung und leibliche Erfahrung, objektive Erkenntnis und die (konstative) mimetische Dimension von Sprechakten fragwürdig wird. Wenn es aber keine Körperlichkeit gibt ohne ihre Signifikation, welche Relevanz besitzt dann aber die Körperlichkeit der Signifikation selbst? In Butlers Theorie diskursiver Performativität werden diskursive Praxen von der körperlichen Lüsten gleichsam tiefer gelegt und hintertrieben. Die körperlichen Irritationen wirken aber nicht als Begrenzung des subjektiven Willens. Sie markieren im Gegenteil den Überschuß des Wollens gegenüber
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seiner sozialen Identifizierung. Diese Ontologie des Begehrens, der kein Rest entgeht, wirft ein besonderes Licht auf die Wiederholungsstruktur des Zeichens. Wenn Macht zum alleinigen Faktor ihres Verlaufs wird, verweist sie abermals auf ein durch Macht erzeugtes, Macht reproduzierendes und Macht verschiebendes Subjekt als das den Wandel und die Beständigkeit der Wiederholungen beherrschende Prinzip. Bei Butler heißt es hierzu: „Die Bedingungen der Macht müssen ständig wiederholt werden, um fortzubestehen, und das Subjekt ist der Ort dieser Wiederholung, einer Wiederholung, die niemals bloß mechanischer Art ist.“ (Butler 2001: 20)
Bei genauer Betrachtung bewirkt die Ausweitung des Diskursbegriffs etwas anderes als die Entgrenzung des Schriftbegriffs. Die Diskurstheorien Butlers und Laclaus distanzieren sich in erster Linie von einem substanzialistischen Determinismus, der sich auf biologische Fakten und historische Entwicklungsgesetze beruft. Demgegenüber stärken sie die kontingenten Praktiken diskursiver Sinnstiftung. Unter anderem in seinem Buch Die Stimme und das Phänomen macht Derrida jedoch deutlich, dass er mit der strukturellen Abwesenheit im differentiellen Gefüge des Zeichens auch eine gewisse Unverfügbarkeit der Welt anmahnt. „Die Möglichkeit des Zeichens ist dieser Bezug zum Tod. Die Bestimmung und die Auslöschung des Zeichens in der Metaphysik sind die Verheimlichung dieses Bezugs zum Tod, der freilich die Bedeutung hervorbrachte.“ (Derrida 2003: 75) Die Erfahrung des Todes markiert eine absolute Abwesenheit. Sie induziert einen radikale Nichtgegenwärtigkeit innerhalb sinnhafter Praktiken und verweist sie gewissermaßen auf ihr eigenes Ende. 9 Tatsächlich sind die Subjekte in ihrem Sprechen auf doppelte Weise an die überbordende Komplexität der Welt gebunden: Erstens gewinnen Aussagen an Bedeutung, indem sie die Verräumlichung der Signifikanten ausnutzen, durch die das sprachliche Medium zu einem Reservoir an verknüpfbaren Einzelteilen wird. Die Differenzen des sprachlichen Sinns greifen auf die Differenzen der Zeichenkörper, ihr Nichtübereinstimmung mit anderen Signifikanten, zurück, um Wörter und Sätze voneinander zu unterscheiden. In der Codierung von Sprache vermitteln sich demnach Selbst- und Fremdreferenz. Um eine Äußerung richtig zu verstehen,
9 Umso mehr scheint es geboten, das zeitliche Vorauseilen des Zeichens und den unendlichen Horizont der Wiederholung, in dem die Subjekte ihr eigenes Verschwinden wähnen können, als Unendlichkeit des eigenen Lebens auszulegen. „Der lebendige Akt, der Leben spendende Akt, die Lebendigkeit, die den Körper des Signifikanten beseelt und ihn in einen bedeutenden Ausdruck verwandelt, die Seele der Sprache scheint sich nicht von sich selbst, von ihrer Selbstgegenwart zu trennen. Sie geht nicht das Wagnis des Todes im Körper eines der Welt und der Sichtbarkeit des Raumes überlassenen Signifikanten ein.“ (Derrida 2003: 105)
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muss man zunächst ihre materielle Eigenheit wahrnehmen, um dann ihrem systemischen Ort, d.h. die relationale Abgrenzung einer sinnhaften Einheit, begreifen zu können. Zweitens entzieht sich die Beziehung, die man durch die eigenen Worte zu einem anderen eingeht, der souveränen Kontrolle des Sprechers. In ihrer Brückenfunktion erzeugt die Sprache einen Zwischenraum, der die eigenen Worte für die Besetzungen und Assoziationen der sozialen Umgebung frei gibt. Wenn Sprechen als soziale Praxis bisweilen als Mittel der Herrschaft und Dominanz funktioniert, so trägt es strukturell die Möglichkeit in sich zum Einfallstor für die ungeordneten Ränder der Sozialwelt zu werden.
Es lässt sich festhalten, dass Derrida in einer Weise mit der Idee absoluter Selbstpräsenz bricht, die auch das Politische an seine Grenze stoßen lässt. Und es ist die Sprache, die wesentlich in Kontakt zu dieser Grenze zu steht. Das Politische erweist sich somit als Teil des Spiels der Signifikanten, ohne dessen ganze Szenerie zu inaugurieren. Im Medium Sprache lässt sich ein Bedeutungsreichtum speichern, der nicht in den engen Bahnen politischen Wandels verbleibt.
Handlungsfelder und sprachliche Variationen: Eine differentielle Typologie von Wiederholungsformen
Im Durchgang durch die Theorien von Derridas, Butler und Laclau haben sich unterschiedliche Sprechweisen gezeigt, die im Hinblick auf ihre Zeitlichkeit sowie ihre Offenheit oder Geschlossenheit variieren. Dieses Verschiedenheit sollen in einer differentiellen Typologie von Iterationsformen aufbereitet werden. Derrida selbst hat eine solche in Signatur Ereignis Kontext angemahnt, ohne sie jemals auszuarbeiten (Derrida 2001: 40).
Unter dem Eindruck des bisher Gesagten müsste ein Typologie von Iterationsformen dreistufig sein: Die zeitliche Struktur von Sprechakten kann von einer Wiederholung des Gleichen bestimmt sein, aber auch in eine latente Parasitierung oder gar in eine parasitäre Unentscheidbarkeit ausufern. Die Realisierung dieser Iterationsformen folgt dabei nicht einer strikten Logik des Entweder/Oder. Gesellschaft stellt keine homogene Totalität und einfache Sprachgemeinschaft dar. Darauf verweist Butler, wenn sie von pluralen Orten der Macht spricht (Butler 2006: 124), genauso wie Laclau, der eine interne Differenzierung sozialer Ordnung anmahnt, zugunsten einer Vielzahl von hegemonialen und gegenhegemonialen Entscheidungspunkten. Gesellschaft wird dadurch als disparates Feld vielfältiger Grenzziehungen denkbar (Laclau 2007: 124; 1990: 59). Das tatsächliche Ausmaß des parasitären Befalls der Sprache kann folglich nicht begriffsanalytisch, sondern nur in einer
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umfassenden empirischen Untersuchung bestimmt werden. 10 Die anschließenden Beispiele sollen den sozialen Ort der jeweiligen Iterationsformen zumindest erahnbar machen. Laclaus Ausführungen zur sozialen Sedimentation und Butlers Beschreibung sich materialisierender Anrufungstechniken lassen sich in einer Wiederholung des Gleichen zusammenfassen. Auf deren soziale Wirkungsmächtigkeit hatte bereits Searle in seiner Auseinandersetzung mit Derrida hingewiesen (Searle 1977. 207). In dem Maße wie die Gewaltförmigkeit diskursiver Ordnung verschleiert wird, bewahren Zeichen ihre Eindeutigkeit trotz ihrer raum-zeitlichen Zirkulation. Die Risse in der seriellen Verkettung von Sinn bleiben unbemerkt, solange politische Strategien das Gelingen von Sprechakten kontrollieren. Vergangenheit und Zukunft werden hier und jetzt angeglichen und in eine Kontinuität des Sinns eingebettet. Eine dermaßen scharfe Distinktion von Innen und Außen, eine vollkommene Grenze setzt keinen totalitären Ausnahmezustand oder eine absolute, d.h. restlose Vergesellschaftung sprachlicher Praktiken voraus (Dyberg 1998: 44). So ist das „Ja, ich will“ in der Heiratszeremonie heute genauso verbindlich und unmissverständlich wie zu Zeiten des Faschismus (Austin 2007: 29). Inseln einer Wiederholung des Gleichen müssen wohl zu den Konstitutionsbedingungen des sozialen Lebens gezählt werden. An einer Wiederholung des Gleichen war sicherlich auch John McCain interessiert, als er sein Publikum fragte: ‚Who ist the real Barack Obama?“. In seiner Rede hatte er Obama bis dahin als unzuverlässigen Wirtschaftspolitiker dargestellt, der kein plausibles Konzept gegen die damals grassierende Finanzkrise vorlegen könne. Auch seine anschließende Frage zielte auf dieses angebliche wirtschaftpolitische Schlingern Obamas. Oder anders gesagt: seine
10 In diesem Zusammenhang ist sicherlich auch Bourdieus Klassenanalyse der französischen Gesellschaft zu erwähnen. Die Kontextualität der Sprache wird bei ihm unter dem Begriff des sprachlichen Marktes geführt, auf dem mögliche Aussagen nach ihrem Wert hierarchisiert werden, der vom Distinktionsprofit bestimmt ist den eine spezifische Sprechweise zu generieren vermag (vgl. Thompson, in: Bourdieu 2005: S.14ff.). Gegenüber der faktischen Pluralität von Märkten und Habituspositionen sorgen bei Bourdieu, ähnlich wie bei Butler und Laclau, politische Vereinheitlichungsprozesse dafür, dass bestimmte Konventionen der Produktion und Auslegung von Aussagen einen verbindlichen Status erhalten und territoriale Hoheiten ausbilden. Es gilt dabei das Gesetz, dass die Verbindlichkeit der Normalsprache zwischen den heterogenen sozialen Räumen schwankt, je nachdem wie offiziell der Charakter einer Sprechsituation ist. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass in bestimmten sozialen Feldern den Parasiten ganz bewusst Einlass gewährt wird. So hält Bourdieu die Öffnung des Sinns für ein Privileg des geschulten Bewusstsein. Wohl nicht ganz zu Unrecht klassifiziert er Derridas Position als gebildeten Relativismus (vgl. Bourdieu 2005: 58). Schließlich erblickt Derrida selbst die Diskussionspraktiken der akademischen Gemeinschaft - die von einem beständigen Austausch zwischen kanonischen, innovativen oder diskreditierten Lesararten geprägt sind - einen Beleg für die paradoxierende Kraft der Sprache (vgl. Derrida 2001: S.26).
12 Anhand von Butlers Essay Kritikloser Überschwang? lässt sich aber zeigen, dass die Latenz der Parasiten gelichtet werden kann, obwohl der Sinnwiderspruch über ein zukünftiges Ereignis konstituiert wird. Bereits vor der Wahl Obamas richtete sich Butler gegen übertriebene Stilisierungen, die ihm zum nationalen Erlöser werden ließen. In einer Zeit, in der die politische Propaganda tobte, fragte sie danach, wie die notwendige Enttäuschung der Heilserwartungen akzeptiert werden könnte, ohne in politischen Zynismus zu verfallen. Butler erfasste die Ambivalenz des Signifikanten Obama, bevor der Präsident Obama faktisch hinter seinen formulierten Ansprüchen zurück bleiben konnte (Butler 2008).
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Befragung zielte darauf ab, den Wirtschaftspolitiker Obama, an dessen ‚Yes, we Can’ die Verheißung eines klaren ökonomischen Aktionsplans gekoppelt war, dauerhaft in Frage zu stellen. Wäre es ihm gelungen die Performanz seiner Worte zu kontrollieren, hätte er seine Rede auf die Wirtschaftpolitik Obamas fokussieren und deren negative Attribuierung identisch wiederholen können.
Latente Parasitierung soll demgegenüber der intermediäre Typus in der dreistufigen Typologie heißen. Darunter fällt das Phänomen sich anbahnender Sprachkrisen. Es geht hier um Situationen, in der sich Erwartungen über die Beständigkeit der Bedeutung entsichern und die gleichförmige Wiederholung von Sinn zum Risiko wird. Zu den bekannten Phänomenen dieser Art gehören auch institutionalisierte Krisen, die nicht zuletzt zu den Routinen den parlamentarischen Demokratie gehören. Genauso wie das Ende einer jeden Regierungszeit absehbar ist, ist auch das Vokabular einer Regierung strukturell davon bedroht sich mit dem nächsten Wahltermin zu erübrigen oder neu konfiguriert zu werden. Obamas „Yes, We can“ wurde von Anfang an, vom Schatten einer realpolitischen Erdung seiner hochtrabenden Visionen begleitet. Auch wenn dieser Slogan zeitweise als leerer Signifikant funktionieren konnte, unter dem sich eine kosmopolitsche Front gegen das neokonservative Lager bildete, so stand er stets im Horizont seiner parasitären Zitation nach der Wahl. Es würde der Zeitpunkt kommen, in der das „Yes, we can“ ironisch gewendet wird, um die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit einzufangen.
In Fall einer latenten Paratisierung bewirkt ein antizipatorischer Vorgriff, dass ein konventionell etablierter und aktuell funktionierender Sprachgebrauch mit einer alterierenden Kraft in Beziehung gesetzt wird. Diese trägt bereits den Anschein eines kommenden Ereignisses. Das derart Antizipierte bleibt aber unscharf und schemenhaft. Es ist noch nicht spruchreif und trägt den Index einer dunklen, aber nicht völlig unsichtbaren Zukunft. Wer hätte beispielsweise vor der Wahl prophezeien können, dass Obama folternde CIA-Agenten vor der Strafverfolgung schützen würde? Oder anders gesagt: Wer hätte die genauen Bedingungen angeben können, unter denen man kritisch über Obamas Wahlversprechen sprechen kann? Die Parasiten sind hier noch nicht durch die Gegenwart hindurch gegangen. Der Parasitismus erscheint als Spuk (Derrida 2001: 115). Eine latente Parasitierung wirkt aus dem Zwischen von An- und Abwesenheit, aber eben nicht als anwesende klare und schon jetzt praktizierbare Alternative des Sprachgebrauchs. 12
Eine parasitäre Unentscheidbarkeit, die den Gegenpol zur Wiederholung des Gleichen darstellt, ereignet sich, wenn die Mehrfachbesetzungen eines Zeichens nicht mehr zeitlich entfaltet werden können und den Index des Vergangenen oder Zukünftigen verlieren. Ein
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Sprachgebrauch wird hier und jetzt in seiner Identität gespalten. Die klare Scheidung von legitimem Innen und konstitutivem Außen wird aufgehoben und die angrenzenden Sinnareale verwickeln sich. Die Bedeutung einer Äußerung berührt so auf einen Schlag historisch sedimentierte oder zukünftig mögliche Kontexte ihrer heteronomen Wiederholung. Derrida definiert den Parasitismus auch als Unentscheidbarkeit zwischen klar umschriebenen Polen (Derrida 2001: 229). Auf diese Weise war auch die Zugehörigkeit des Signifikanten Obama in McCains missglücktem Sprechakt unentscheidbar geworden. Gehörte er noch zu den Narrationen des politischen Systems Amerikas, in dem sich die Präsidentschaftskandidaten trotz ihres programmatischen Streits ein Mindestmaß an Respekt zollen? Oder gehörte Obama bereits dem konstitutiven Außen der USA an, den terroristischen Zellen gegen die mit aller Härte vorgegangen werden muss?
Abschließend kann festgehalten werden, dass Derrida mit dem Begriff der Iterabilität des Zeichens die Beziehung zwischen der Offenheit und Geschlossenheit sprachlichen Sinns als ein andauerndes Vermittlungsgeschehen modelliert hat, das Sprechakte zur Überschreitung von Grenzen treibt. In der Auseinandersetzung mit Butler und Laclau ist aber deutlich geworden, dass sich diese beiden Modi sozialer Kommunikation nur bis zu einem gewissen Grad zusammen denken lassen. Auch wenn jedes Zeichen aufgrund seines verräumlichten Körpers mit jedem gegebenen Kontext brechen kann, können die Bedingungen einer solchen Verschiebung nur unzureichend im Rahmen einer Transzendentalphilosophie sprachlicher Strukturen definiert werden. Die Parasiten treten oftmals nur durch einen machtvollen Aufruhr in Erscheinung. Oder sie stören die Konventionen des Sprechens, weil die mehrfache Manipulation des Sinn verhindert, das sich Worte reibungslos in politische Strategien einpassen. Das Verhältnis zwischen sozialer Praxis und sprachlichem Medium variiert. In den Brennpunkt der gesellschaftlichen Differenzierung rückt dabei die spannungsreiche Einzeichnung von Grenzen. Deren Barrieren sind verschiedener Natur, mal mehr und mal weniger durchlässig, und Ihrer Anzahl folgt die Pluralität sozialer Kommunikation.
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Literatur
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Bertram, Georg W. (2002): Hermeneutik und Dekonstruktion. Konturen einer Auseinandersetzung der Gegenwartsphilosophie. München: Wilhelm Fink Verlag. Bourdieu, Pierre (2005): Was heisst Sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches. Wien: Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagbuchhandlung. Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
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Butler, Judith (2001): Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
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Oliver Powalla, 2009, "Who is the real Barack Obama?", München, GRIN Verlag GmbH
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