I
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis II
1 Einleitung 1
2 Phasen der Stadtentwicklung: Die sozial-räumlich polarisierte Stadt im
geschichtlichen Kontext 3
2.1 Phase I: Die prosperierende Hafenstadt des 19. Jahrhunderts. 3
2.2 Phase II: Wirtschaftlicher Niedergang und Stadtverfall nach dem Zweiten
Weltkrieg 3
2.2.1 Prozesse und Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg 4
2.2.2 Momentaufnahme des krisengeschüttelten Marseille: Die sozial-
r äumlich polarisierte Stadt als Resultat der Entwicklungen. 5
2.3 Phase III: Aufbruchsstimmung in Marseille - aktuelle Entwicklungen und
Transformationsprozesse 7
2.3.1 Stadterneuerung im Zuge des Projektes Euroméditerranée 9
2.3.2 Weitere Stadtentwicklungsprogramme (Auswahl) 14
3 Chancen und Risiken der aktuellen Stadtentwicklung 15
4 Schluss. 19
Literaturverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Nord-Süd Verhältnis der Arbeitslosigkeit und
Sozialwohnungsverteilung nach Arrondissements.............................. 6 Abbildung 2: Überblick über die Projekteinheiten des Stadtentwicklungsprojekt «Euroméditerranée»........................................................................... 10 Abbildung 3: Das Dock von La Joliette ................................................................ 11 Abbildung 4: Die Umgestaltung der Rue de la République .................................. 12
Einleitung 1
1 Einleitung
Marseille, die älteste Stadt Frankreichs, befindet sich nach Jahren der ökonomischen Stagnation derzeit in einem tief greifenden Transformations- prozess,der darauf abzielt, eine neue Dienstleistungsökonomie zu etablieren. Während der Wandel hin zu einer modernen Dienstleitungsökonomie in vielen südeuropäischen Metropolen bereits vollzogen ist, zeichnet sich dieser Prozess in Marseille erst jetzt ab (Kazig 2004: 46). Diese Verzögerung lässt sich erklären unter der Berücksichtigung der historischen Entwicklungen und der Planungspolitik. So führte das Fehlen geeigneter Maßnahmen und Strategien, um die Folgen der Deindustrialisierung, Dekolonisierung, Verlagerung von wichtigen Hafenfunktionen aus dem Stadtgebiet und der starken, in kurzer Zeit erfolgten Zu-und Abwanderungsströme zu bewältigen, dazu, dass großflächige Innenstadt- und Hafenbereiche in ihrer Bausubstanz degradierten, massive Arbeitsplatzverluste zu verzeichnen waren und ein relativ hoher Anteil der einkommensstärkeren Bevölkerungsschichten abwanderte (Megerle 2008b: 23). Diese Entwicklungen setzten alle nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein und lösten die wirtschaftliche Prosperität des 19. Jahrhunderts ab, in der Marseille zu einer führenden Handelsstadt in Frankreich und in der Welt aufstieg. Die Phase des Niedergangs, welche einher ging mit der Imageprägung als „ville en crise“ (Megerle 2008b: 25), ist Mitte der 1990er Jahre durch eine aufkommende, optimistische Stimmung in der Wirtschaft in eine Phase des Aufbruchs umgeschlagen. Im Zuge der Globalisierung kristallisierte sich mehr und mehr die Signifikanz der Konkurrenzfähigkeit zwischen Städten und Regionen heraus 1 , welche dazu führte, dass sowohl nationale wie auch supranationale Akteure neue Wege in der Raumplanung, Politik und Wirtschaft einschlugen. Aufgrund dieser neueren Tendenzen, d.h. der Ausrichtung der nationalen Wirtschaft und Strukturentwicklungspolitik auf den globalisierten Markt, erhält Marseille aufgrund seiner günstigen geostrategischen Lage eine entscheidende Rolle als „Drehscheibe zwischen dem Mittelmeerraum und dem zentralen Wirtschaftsraum der EU“ (Megerle 2008b: 24) und somit auch eine unverzichtbare Rolle für die internationale Konkurrenzfähigkeit des französischen Staates (s. Megerle 2008a: 362). Es zeigte sich aber zu dieser Zeit, dass Marseille zwar das Potential eines wirtschaftlichen Angelpunktes besaß, jedoch die
1 Zurückzuführen auf die Wachstumsorientierung der neoliberalen Politik der 1980er Jahre in den
USA und Großbritannien im Zuge dessen sich Stadtmarketing und public-private-Partnership
entwickelten (Lichtenberger 2002: 109-110).
Einleitung 2
Funktion nicht erfüllen konnte, da sich die Stadt mitten in der Krise befand. Dies und das Fehlschlagen von Gegenmaßnahmen seitens der Marseiller Politik führte dazu, dass 1995 der französische Staat als Akteur in das Geschehen eingriff und «Euroméditerranée», ein milliardenschweres Stadterneuerungsprojekt, ins Leben rief. Ziel dieses Projektes ist es die Krise durch einen ersten, starken Impuls zu überwinden und somit den Transformationsprozess hin zu einer prosperierenden Metropole, d.h. hin zu einer modernen Dienstleitungsökonomie, zu initiieren (Megerle 2008a: 362). Dieses Stadtumbauprojekt ist bei weitem nicht das Einzige, sondern „nur ein Teil einer ausgedehnten Stadterneuerung“ (übers.; Megerle 2008a: 368). Die städtebauliche Situation stellt sich daher als ein komplexes Gefüge dar, da sich „innerstädtische Entwicklungsprozesse, -programme undprojekte sowohl zeitlich als auch räumlich überschneiden“ (übers.; Megerle 2008a: 368).
Im Zuge dieser dritten, aktuellen Phase, der «Phase der ökonomischen Aufbruchsstimmung», kristallisierten sich Probleme im sozialen Raum der Stadt heraus, welche vor allem im „Spannungsfeld zwischen Aufwertung [der Stadtviertel] und Marginalisierung [der verwundbaren Bevölkerungsgruppen]“ (Megerle 2008a: 357) deutlich werden. Ziel dieser Hausarbeit ist es, dieses zuvor genannte Spannungsfeld, welches unter anderem durch die Stadtentwicklungsprojekte gespeist wird, genauer zu analysieren. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf das Projekt «Euroméditerranée» gelegt, da dieses als Flaggschiff der Stadterneuerungsprojekte angesehen werden kann. So werden im dritten Kapitel die Chancen und Risiken der aktuellen Stadtentwicklung dargestellt. Dazu ist es notwendig, dass der geschichtliche Kontext der sozial-ökonomischen Entwicklung Marseilles aufgearbeitet und in die Betrachtung der aktuellen Geschehnisse mit einbezogen wird, da diese die rezenten Prozesse in einem nicht geringen Maße beeinflussen.
Phasen der Stadtentwicklung 3
2 Phasen der Stadtentwicklung: Die sozial-räumlich polarisierte Stadt im geschichtlichen Kontext
Die für das aktuelle Geschehen signifikanten Entwicklungen haben ihren Ursprung in der Moderne, als die Industrialisierung und die Kolonisierung als wesentliche Elemente das wirtschaftliche und politische Geschehen bestimmten. Von diesem Zeitpunkt an lassen sich drei Phasen der geschichtlichen Entwicklung der Stadt konzeptionalisieren: In der ersten Phase stellt sich Marseille als eine boomende Handelsmetropole dar. Auf diese folgt die Phase des wirtschaftlichen Niedergangs und Stadtverfalls. Die dritte, aktuelle Phase, die «Phase des Aufbruchs und der Versuch der Überwindung der Krise», ist durch ein optimistisches Wirtschaftsklima geprägt, welches die ökonomische Dynamik der Stadt anregt und als Resultat einen Transformationsprozess einleitet.
2.1 Phase I: Die prosperierende Hafenstadt des 19. Jahrhunderts
Marseille avancierte im 19. Jahrhundert mit dem Einsetzen der Industrialisierung und der synchron ablaufenden Erschließung der Überseekolonien im Zuge der Kolonialisierung zu einer bedeutenden Handels- und Hafenstadt (Megerle 2008b: 25). Der damit einhergehende wirtschaftliche Aufschwung führte zu einer nennenswerten Zuwanderung von Immigranten, welche anfangs aus den ärmeren Bergregionen des Marseiller Hinterlandes und später aus Italien kamen (Megerle 2008a: 359). Die Stadt wuchs hierdurch signifikant.
„Mit der Erschließung des zweiten Kolonialreichs (Afrika und Ostasien) mussten die Hafenanlagen vom historischen Vieux Port in den nördlichen Stadtbereich von La Joliette verlegt werden“ (Megerle 2008b: 25). Dies ist insofern wichtig, da durch diese Verlegung der Hafenfunktionen der Grundstein der sich später abzeichnenden sozial-räumlichen Polarisation der Stadt in einen nördlichen von Industrie- und Hafenfunktionen geprägten und einen südlichen bürgerlichen Bereich gelegt wurde (Megerle 2008b: 25). Mehr zu der sozial-räumlichen Polarisation in Kapitel 2.2.2.
2.2 Phase II: Wirtschaftlicher Niedergang und Stadtverfall nach dem Zweiten Weltkrieg
Im Folgenden werden die Prozesse und Entwicklungen, welche die Krise sukzessive hervorriefen, beschrieben. Daraufhin folgt eine Momentaufnahme der
Phasen der Stadtentwicklung 4
Stadt Marseille, d.h. es werden die Auswirkungen der Entwicklungen sowohl auf die räumliche als auch auf die soziale Dimension erläutert.
2.2.1 Prozesse und Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg
Der wirtschaftliche Niedergang und Stadtverfall Marseilles nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist auf vier wesentliche Entwicklungen zurückzuführen. Diese sind die Verlegung der Hafenfunktionen aus dem Stadtgebiet, die Dekolonisierung, massive demographische Veränderungen sowie die Deindustrialisierung.
So führte erstens die Verlegung zahlreicher Hafenfunktionen aus dem Stadtgebiet - ein Prozess, der bereits nach dem Ersten Weltkrieg begann und sich weiterhin fortsetzte - dazu, dass die Wirtschaft geschwächt wurde und die Stadt in ihrer Funktion als Handelshafen an Bedeutung verlor (s. Megerle 2008a: 359; Megerle 2008b: 25). Zweitens spielte die Dekolonisation eine entscheidende Rolle. Die verbleibenden Hafenfunktionen im Stadtgebiet erlitten im Zuge dieser Entwicklung einen weiteren massiven Bedeutungsverlust, der auf die geringeren und rückläufigen Handelsbeziehungen mit den Ex-Kolonien des Maghrebs zurückzuführen ist (s. Megerle 2008b: 25; Kazig 2004: 46). Als Algerien 1962 unabhängig wurde, kam es in Marseille zu einer «demographischen Explosion» durch die «pieds noirs» (Rückkehrer aus Algerien) (Megerle 2008b: 25). Dies bedingte einen enormen Wohnungsbau zwischen den 1960er und 1970er Jahren, da Wohnraum für weit mehr als 100 000 Immigranten aus dem Maghreb geschaffen werden musste (Kazig 2004: 46). Diese Wohnungen, darunter ein hoher Anteil Sozialwohnungen, wurde vorwiegend in den nördlichen Stadtteilen angesiedelt (s. Abb. 1) (Megerle 2008b: 25). Bereits kurze Zeit später (in den 1980er und 1990er Jahren) erfolgte auf die Zuwanderung eine Abwanderung von 110 000 Einwohnern vorwiegend in das Umland von Marseille 2 (Megerle 2008b: 25). Bei den Emigranten handelt es sich, im Gegensatz zu den Immigranten aus dem Maghreb, vorwiegend um Personen aus einkommensstärkeren und bildungsstärkeren Bevölkerungsschichten. Aufgrund dieser Entwicklung wurde die wirtschaftliche Struktur der Stadt wiederum geschwächt, da auf der einen Seite ökonomische Leistungsträger die Stadt verließen und auf der anderen Seite zum Teil wirtschaftlich und sozial schwächere Bevölkerungsschichten zuwanderten (Immigranten aus den Ex-Kolonien). Diese Entwicklung im
2 Suburbanisierungsprozess: Aufgrund des ökonomischen Aufstrebens der Region «Provence-
Alpes-Côte d'Azur» als High-Tech Region findet eine Abwanderung ins Hinterland von
Marseille statt, wobei günstige Bodenpreise in der Provinz um Aix diesen Prozess
begünstigen (s. Megerle 2008: 359-361).
Arbeit zitieren:
B.A. Maurice Schönert, 2010, Sozialgeographische Herausforderungen in Marseille, München, GRIN Verlag GmbH
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