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INHALT
Geleitwort 09
Vorwort.............................................................................................................. 11
01 Einleitung 13
02 Das Problem des Leidens in der Gemeinde 17
03 Die Gemeinde - warum sie leidet 23
04 Nur eine kleine Kraft 29
05 Der Heilige Geist im Leiden der Gemeinde 33
06 Unsere Tiefpunkte - Treffpunkte Gottes 35
07 Gott ist mit uns 41
08 Trotz Leid sich von Gott senden lassen 45
09 Leiter, die bereit sind zu leiden 47
10 Warum sich auch Christen einander zu tragen geben 53
11 Von Wölfen und Mietlingen 57
12 Vergeben müssen wir lernen 69
13 Die Sinnhaftigkeit des Leidens 75
14 Angriffe auf die Gemeinde 79
15 Die Unterscheidung der Geister 87
16 Das Prinzip der Emergenz 97
17 Aus Schwachheit stark werden 103
18 Jetzt - die Zeit Seines Kommens 109
19 Erziehung zur Liebe 119
20 Brücken bauen, wo man Abgründe sieht 125
21 Überwinden müssen wir lernen 131
22 Als Überwinder anderen dienen 137
Schlussbemerkung 145
Literaturverzeichnis 149
Der Autor 153
Geleitwort
Das Thema, mit dem sich der Autor in diesem Buch beschäftigt, ist immer wieder von vielen Autoren der Vergangenheit und der Gegenwart ausführlich behandelt worden. Es wirft sich daher die Frage auf: Noch ein Buch zum Thema »Leid«? Ist das nötig? Ja, ist meine spontane Antwort. Und warum ist das so? Erstens, weil dieses Thema nie völlig ausgeschöpft werden kann. Zweitens, weil diese Ausarbeitung eine Betrachtungsweise des Themas darstellt, die einzigartig ist. Das liegt am Autor selbst und an der Art und Weise, wie er dieses Thema behandelt. Auch wenn der Autor im Verlaufe seiner Gedankenentwicklung auf andere Quellen verweist, ist diese Arbeit eine sehr selbständige und kreative Abhandlung des Themas.
Leid ist laut dem Autor sowohl eine individuelle Erfahrung des Einzelnen als auch ein kollektives Erlebnis der Gemeinde. Nicht selten entsteht das Leid in oder sogar durch die Gemeinde selbst. Die Ursachen für das individuelle und kollektive Leid sind vielseitig und nicht immer ergründbar, auch wenn der Au-tor in den Schriften des Alten und Neuen Testaments fündig wird. Ähnlich verhält es sich mit der Frage nach dem Sinn des Leids, um die der Autor auch bemüht ist. Er stellt fest, dass Leid einen Sinn macht, auch wenn wir ihn nicht sofort erkennen und verstehen können. Es bringt uns näher zu Gott, lässt uns wachsen und verwandelt uns mehr in das Ebenbild Jesu Christi, dessen Leben auch von Leid gekennzeichnet war und seinen Höhepunkt am Kreuz von Golgatha fand. Neben Jesus Christus erwähnt der Autor viele andere Personen der Bibel als Zeugen des Leids und als Vorbilder vom Umgang mit Leid.
Es entgeht dem Leser nicht, dass der Autor dieses Thema nicht vom grünen Tisch aus behandelt. Die praktischen Anwendungen lassen erkennen, dass der Autor sehr genau weiß, wie sich individuelles und kooperatives Leid anfühlt und was es im Leben des Einzelnen und der Gemeinde bewirkt. Dieser Aspekt des Buches macht es authentisch und glaubwürdig. Das Buch ist daher keine theoretisch-theologische Reflexion des Themas, sondern eine praktische Betrachtungsweise von Leid im Lichte der biblischen Befunde.
Das Buch macht sehr deutlich, dass Leid ein ständiger Begleiter des Einzelnen und der Gemeinde, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament, war. Es zeigt auch auf, dass es eine unübersehbare Realität jedes Christen und jeder christlichen Gemeinde der Gegenwart ist, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Daher können wir uns der Beschäftigung mit diesem Thema nicht entziehen. Das vorliegende Buch ist hierfür ein hilfreicher und wertvoller Begleiter. Es ist mein Wunsch und Gebet, dass dieses Buch für viele zum Segen wird.
Dr. theol. Heinrich Löwen, Theologe, Autor und Trainer
Vorwort
Leiden zum Thema eines Buches zu machen, erscheint vordergründig etwas gewagt. Aber es ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Gerade als Christen sind wir mit dem Leiden Jesu Christi konfrontiert. Es berührt jeden von uns, ob wir es wollen oder nicht. Lieber möchten wir wie ein Petrus davon Abstand nehmen, als uns damit ernsthaft auseinandersetzen. Vor allem mit dem eigenen Leid, das auch uns in einer Dimension erreicht, wie wir es uns nicht vorzustellen vermochten. So alltäglich das persönliche Leiden und das Leiden in bzw. an der Gemeinde auch sein mögen, es wird vielfach verdrängt. Es soll uns nicht angreifen, nicht in Nöte stürzen und schon gar nicht überwältigen. Dabei bringen wir das Leid der anderen, wie die Geschichte um Hiob zeigt, allzu schnell mit Sünde in Verbindung. Vom eigenen Leid wollen wir dagegen so schnell wie möglich fortkommen. Wir sind da durchaus kreativ. Der Markt an Lösungen verschiedenster Art ist auch schon unüberschaubar; selbst in christlichen Kreisen. Jede Denkschule oder Denkrichtung hat, wie damals auf dem Areopag zu Zeiten eines Paulus, Hochkonjunktur. Nur dass der Versammlungsplatz heute nicht mehr Athen heißt, sondern Internet, das uns den ungefilterten Zugang zur Fülle an Wissen öffnet. Wissen ist heute so für jedermann zum Machtfaktor geworden. Gab es früher den Weisen, so dünkt sich heute jeder weise. Paulus predigte aber schon damals den Athenern den unbekannten Gott.
Wie wenig denken wir darüber nach, welche Auswirkungen scheinbares Wissen mit sich bringt. Weise ist allein Gott. Bei Ihm ist die Quelle der Weisheit. Und nur bei Ihm. Schon das Buch Hiob wusste: »Er fängt die Weisen in ihrer Klugheit« (Hiob 5,13). Die Welt aber suggeriert uns eine Wirklichkeit ohne Ohnmacht; ein Leben, aus dem wir selbst mittels unseres Wissens aussteigen könnten. Und doch: Je mehr wir zu wissen glauben, desto weniger wissen wir tatsächlich. Weltliches Wissen wird so mehr zu einem Surrogat, das unserer Hilflosigkeit und Abhängigkeit abhelfen soll. Der Glaube an einen Lebendigen Gott ist längst obsolet geworden. Auch in christlichen Kreisen zimmert man sich erneut einen Gott, den die Schrift so gar nicht kennt. Das goldene Kalb des Wissens findet immer mehr Zugang auch in unsere Gemeinden und Herzen.
Die Gemeinde ist auf diese Angriffe von innen wenig vorbereitet. Jahrhunderte lang stand der Feind mehr außen vor. Die böse Welt auf der einen Seite; die Gemeinde auf der anderen Seite. Dass heute in der Gemeinde selbst mehr und mehr Konflikte auf- und ausbrechen, zeigt diese Dimension des Teuflischen deutlich. Wie reagiert sie darauf? Darauf möchte das vorliegende Buch Ant-worten geben. Es ist im Kontext eines ersten Buches mit dem Titel »Konflikt-
lösung in Gemeinden. Betrachtungen aus systemischer Sicht«, 2011, grin-Verlag, ISBN 978-3-640-93406-5, entstanden und war ursprünglich als Teil dieses Buches gedacht. Die Bedeutsamkeit der Aussagen und die Fülle an geistlichen Inhalten haben aber ein eigenständiges Buch erforderlich gemacht. Es ist keine Ergänzung zum ersten Buch, wohl aber eine Grundlage, was den Umgang mit Konflikten in der Gemeinde angeht. Hier beschäftigen wir uns weniger mit den institutionellen Rahmenbedingungen der Gemeinde, als viel mehr mit den mentalen Ursachen ihrer Konflikte.
Wo liegen für uns als gläubige Christen die Quellen unseres Heils? In unserem Glauben - oder in unserem Wissen? In unserem Wissen über Jesus - oder in unserer Beziehung zu Ihm? Das vorliegende Buch will uns erneut zu Jesu Füße führen. Es will uns klar machen, dass wir uns nicht selbst helfen können, sondern dass wir einen Helfer nötig haben. Es beschreibt die Extremsituation eines einzelnen Menschen und die der Gemeinde. Im Leid entdecken sie ihren Schöpfer und Heiland. Auch wieder neu. Dass wir das Problem des Leidens also nicht lösen können, gereicht uns aber zum Segen. Wir legen nicht selbst Hand an. Aber der HERR selbst legt Maß an uns. Aus der Tiefe schreien wir zu Ihm; aus der Tiefe vertrauen wir - nicht auf menschliche Weisheit, sondern auf Den, der die Welt überwunden hat. Es ist das Werk des Heiligen Geistes, das unseren Blick auf Jesus lenkt und von uns weg. Es braucht Mut, im Glauben zu überwinden.
H. Karl Kopanitsak,
im Juni 2011
01 Einleitung
Vier Fragen gibt der Apostel Paulus - nach der Hoffnung für Alle - den Philippern mit auf den Weg. In Phil 2,1 heißt es: »Helft und ermutigt ihr euch als Christen gegenseitig? Seid ihr zu liebevollem Trost bereit? Spürt man bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Heilige Geist schafft? Verbindet euch herzliche und mitfühlende Liebe«? Gewiss war der Apostel selbst durch einen langen Prozess der Erziehung gegangen, so dass er durch den Heiligen Geist inspiriert solche Worte für die Gemeinde finden konnte. Der Brief an die Philipper gilt vielen zweifelsfrei als der letzte von sieben Gemeindebriefen, die Paulus geschrieben hat. Er ist zeitlich eingebunden in den Philemon-Brief und den späteren, auch persönlichen Briefen an Timotheus und Titus. So ist der Brief an die Philipper in das persönliche Verhältnis zu Einzelnen eingerahmt.
Es ist nicht zufällig, dass Paulus an sieben Gemeinden schreibt (vgl. dazu auch die sieben Sendschreiben an die Gemeinden in der Offenbarung). Immerhin gilt die Zahl sieben als Symbolik der Vollendung. Selbst Gott ruhte am siebten Tag von Seinen Werken (1. Mo 2,2). Ganz unterschiedlich sind die Briefe und ihre Thematik; man spürt ihnen die Individualität der jeweiligen Gemeinde ab. So macht Paulus im Philipper-Brief die Gemeinde und die Glaubensgemeinschaft zum Mittelpunkt seines Anliegens. Es geht ihm, wie LANGENBERG in seinem Kommentar feststellt, um die »Nach-oben-Berufung Gottes« in Christus Jesus. Er meint damit diese Synthese zwischen Himmel und Erde und die himmlische Berufung, wie sie sich hier auf Erden auswirkt. Leid und Gefangenschaft waren für Paulus keine bloß abstrakten Begriffe. Er kannte sie aus persönlicher Erfahrung. In seinen ebenfalls sieben Gefangenenbriefen macht er deutlich, dass es gerade diese Notlagen und Kämpfe sind, die die Verbreitung des Evangeliums Christi besonders förderten. Ihn verband besondere Herzlichkeit mit der Gemeinde in Philippi. Nicht nur weil sie die erste Gemeinde auf europäischem Boden war, sondern weil Leiden und gemeinsamer Kampf ein enges Band zwischen ihnen knüpften (Phil 1,30). »Der Kampf, den Paulus zu bestehen hatte«, schlussfolgert LANGENBERG, »war nicht so sehr das äußere Leiden um Christi willen, sondern der innere Wettkampf für Christus«. Damit umschreibt er exakt die Anliegen des Agilen Gemeindebaus, den wir mit dieser Schrift fortsetzen wollen. Das Werden des Paulus auf dem Zerbruchsweg und das Werden der Gemeinden werden wir damit besser verstehen lernen. Auf diesem Weg folgten ihm die Philipper; und wir selbst dürfen ihm auf diesem Weg ebenfalls folgen. Wir verstehen das Leiden Christi gerade im eigenen Hören und Sehen - mehr noch als durch eine übernatürliche Offenbarung oder durch altkluge Worte. Nicht zuletzt ist dieser Zerbruchsweg Gottes Mittel, uns Seine ganze Gnadenherrlichkeit zu offenbaren. Wir
sind Ihm nirgendwo näher als im eigenen Leiden, das wir mit Seiner Hilfe überwinden. Es schafft ein inneres Wachsen, das zur Gleichheit und Einheit mit Ihm und miteinander führt. Das ist das eigentliche Geheimnis dieses Weges. Die vorliegende Schrift will aber keine Auslegung des Philipper-Briefes sein; aber sie ist der Versuch, eine Hilfe zum Verständnis des Zerbruchsweges zu geben, auf den Gott uns und die Gemeinde stellt. Nicht umsonst steht die Freude am HERRN als Grundtenor des Briefes so zentral im Mittelpunkt. Trotz all des Leides. Gnade kann mich zwar aus der Welt und zu Gott rufen. Aber wie bleibe ich noch Jahrzehnte danach bei Gott? Gnade begegnet mir in Christus Jesus. Aber wie nah bin ich wirklich an Ihm? Erkennt man in uns etwas von dem Wesen Jesu? Wir sind - als Gemeinde - Herausgerufene, also Heilige. Aber leben wir auch ein heiliges Leben? Leben wir so, dass es Ausstrahlung für andere hat?
Der Feind unserer Seele will nicht, dass wir die Herrlichkeit Christi nach außen tragen. Es ist ihm ein Dorn im Auge, wenn Menschen seinem Machtbereich entrissen werden. Ähnlich ist es mit der Heiligung, die Christi Krone und Herrlichkeit ist. Wie gelingt es aber mir und der Gemeinde, in diese Dimension des göttlichen Segens hineinzukommen? Tagtäglich sind wir angefochten - von außen, aber zunehmend auch von innen, aus der Gemeinde selbst. Die Liebe untereinander bleibt auf der Strecke. Fast hat man schon den Eindruck, aus der Not der Weltlichkeit herausgerufen worden zu sein, um dann in der Not der Gemeinde zu enden. Unter anderen Vorzeichen. Woher kommt dieser Eindruck? Und warum ist die Gemeinde nur mehr zu einem schwachen Zeugnis in der Welt fähig?
Auf der anderen Seite dürfen wir Gottes Wege mit uns und Seiner Gemeinde nicht verkennen. In der Schrift erfahren wir von den Wegen einzelner Personen; von deren Nöten, Schwierigkeiten, Konflikten und Kämpfen. Bis hin zum Zerrbruch also. Und durchweg spüren wir, dass ein inneres Wachstum stattfindet. Ob Abraham, Mose, Jakob, Hiob, Petrus, Paulus. Alle gehen durch Schwierigkeiten; aber sie gehen auch siegreich hervor. Sie hatten das, was man heute vielleicht mit dem Begriff »Resilienz« umschreiben würde. Also die Fähigkeit, trotz widriger Umstände zu wachsen und aus Krisen gestärkt her-vorzugehen. Sie verstanden es weiterzugehen statt liegenzubleiben. Der Apostel Paulus beschreibt in diesem Sinne sein eigenes Werden immer wieder im Kontext des Werdens der Gemeinden, die er gründete oder betreute. Er nimmt uns mit hinein in seine Glaubenskämpfe und lässt uns teilhaben an seinem Werden und den von Gottes Geist gewirkten geistlichen Erkenntnissen. Nirgendwo sonst kam er seinem HERRN näher als gerade in solchen Zeiten. Seine Schwachheit war kein Hindernis; Gottes Kraft kam in ihr zur Vollendung. Wir müssen also nicht meinen, dass es Gottes Herr-
lichkeit zum Nulltarif gibt. Vielmehr eröffnet sich in unserem eigenen Leiden das Verständnis für die Größe und das Kreuz Christi. Wir werden mithineingenommen in die Gemeinschaft Seiner Leiden (Phil 3,10; 2. Tim 2,3; 1.Petr 4,13), aber auch in die Herrlichkeit des Lichtes Christi. Das muss die Gemeinde lernen, wenn sie unterwegs zu Ihrem HERRN ist und Er wiederkommt, um sie zu sich zu holen.
Der Gott, den wir suchten, begegnete uns heilbringend am Kreuz von Golgatha, im Leid und im Tod. Nicht der verklärte Christus kam, um uns zu erlösen, sondern das Lamm Gottes, das die Sünden der ganzen Welt trug. So sind wir im Leid mit Ihm verbunden, aber auch mit Ihm verherrlicht (Röm 8,17). Die Tiefen Gottes erforschen wir nicht so sehr in der Schrift, sondern im täglichen Alltag, der uns so viele Mühen abverlangt. Sie formen uns und schaffen in uns ein über alle Maßen gewichtiges Werk, die Enthüllung des Wesens und des Charakters Christi. Solche Wege sind uns aber fremd, unbekannt, manchmal sogar unbequem. Wir stoßen uns daran, weil sie nicht in unser Denken und unsere Vorstellung passen. Wenn in Christus alle Schätze der Weisheit verborgen liegen (Kol 2,3) und wenn ich um Christus im Bruder weiß, dann werde ich doch alles unterlassen, um ihm mit klugen und weisen Sprüchen zu kommen und ihm die Würde als Mensch und seine Freiheit in Christus abzusprechen und zu rauben.
Dass wir zu dieser Dimension des Denkens überhaupt kommen müssen, macht die ganze Tragweite des Leidens deutlich. Es formt uns nicht nur; es brennt auch alles weg, was dem Wesen und Charakter Christi fremd ist. In Markus 9,49 sagt daher der HERR Jesus: »Denn jeder muss mit Feuer gesalzen werden, wie jedes Opfer mit Salz gesalzen wird«. Er selbst wird uns »mit Heiligem Geist und Feuer taufen« (Mt 3,11). Und in Lk 12,49-50 verheißt Er uns: »Ich bin gekommen Feuer auf die Erde zu bringen, und wie wünschte ich, es wäre schon entzündet. Aber ich muss mich taufen lassen mit einer Taufe, und wie drängt es mich [andere Übersetzung.: wie bin ich bedrängt], bis sie vollbracht ist«. Diese Taufe erlebt heute auch die Gemeinde. Sie ist angegriffen; sie ist bedrängt; sie leidet. Aber das ist nicht ihr eigentlicher Zustand. Denn Feuer reinigt; es brennt nicht nur nieder. Genau so verwirklicht Gott Seine Gedanken, Pläne und Ziele mit uns und mit Seiner Gemeinde.
Im Leiden und im Tod Jesu wird uns Gottes Liebe am sichtbarsten. Mehr noch als in all Seinen Worten, Werken, Wundern, Machtdemonstrationen oder Kraftwirkungen. Dass der Tod Jesu also Gottes Liebe demonstriert, ist die gewaltigste Aussage, die wir kennen. Er ist eine historische Tat - für alle Zeit und Ewigkeit, die über aller Erkenntnis steht. Wir können über geistliche Erkenntnisse streiten; aber diese Tat können wir nicht leugnen. Wir glauben -oder glauben nicht. Danach entscheidet sich unsere Wirklichkeit.
Das Buch beleuchtet das Leiden der Gemeinde aus unterschiedlichen Blickwinkeln. In den Kapiteln 2 und 3 problematisiert es das Phänomen in der Gemeinde und versucht mögliche Ursachen aufzudecken. Die Kapitel 5 - 7 zeigen, dass Gott uns bei allen Schwierigkeiten nicht allein gelassen hat, sondern an und mit der Gemeinde arbeitet. Er hat ihr den Heiligen Geist, den Tröster, gegeben, so dass sie nicht ohne Beistand und Hilfe sei. Er sucht geistliche Leiter, die sich senden und gebrauchen (Kapitel 8, 9) lassen. Dass aber die Angriffe immer häufiger innerhalb der Gemeinde (Kapitel 10) zu finden sind, macht die besondere Dramatik aus.
Breiten Raum nimmt deshalb die Auseinandersetzung mit dem Teuflischen und Dämonischen ein (Kapitel 11, 14 und 15), weil der besiegte Feind sich aufmacht, sich gegen das Kommen Christi aufzulehnen. Hier möchten wir aufzeigen, wie dieser das Ziel Gottes mit der Gemeinde zu zerstören trachtet. Mit dem Begriff der »Emergenz« und der Einordnung in heilsgeschichtliche Zusammenhänge (vgl. Kapitel 16) möchten wir die Sinnhaftigkeit des Leidens für die Gemeinde und den Einzelnen herausstellen. Leiden wirkt Herrlichkeit. Dass aber Gottes Liebe nicht nur aus Schwachheit (Kapitel 17) herausführt, sondern auch der Gemeinde Richtung in bezug auf ihre Berufung gibt, zeigen die Kapitel 18-19. Wir sollen Brückenbauer (Kapitel 20) werden für das Evangelium Christi und als Überwinder (Kapitel 21, 22) anderen dienen. Gott will, dass Seine Gemeinde heilig, rein, herrlich sei - ohne Flecken und Runzeln, wenn Er wiederkommt. Die Gemeinde darauf vorzubereiten, ist das besondere Anliegen des Buches.
Gott muss Absichten mit uns haben, wenn Er die Wüste, den Sturm, die Wellen und all das Leid zulässt. Er hat sie dem Volk Israel nicht erspart und hätte es direkt durch die Wüste ins Verheißene Land führen können. Aber er »ließ sie einen Umweg machen, den Wüstenweg zum Schilfmeer« (2. Mo 13,17-18). Offensichtlich führt uns Gott in Situationen, in denen wir lernen, Vertrauen zu wagen, zu lernen und zu üben. Es ist meine feste Überzeugung und tiefe Gewissheit, dass Einer, nämlich Jesus, da ist, der die Not sieht, kennt und bereit ist zu helfen (vgl. Jes 41, 18-20; 43,18-19). »Der Höchste hat Macht«, schreibt LAMPERTER, »das Bestehende völlig umzukehren. Weil ihm diese Allmacht zu Gebote steht, darum gibt es keine Gewalt der Natur, keine Ungunst der Verhältnisse, keinen Widerstand menschlicher oder übermenschlicher Mächte, die ihn daran hindern können, an denen, die seine Hilfe begehren, Wunder der Rettung zu vollbringen«. 1
1 H. Lamperter, zitiert nach Zeit mit Gott, Diakonissen Mutterhaus, 2/2011, S. 56
02 Das Problem des Leidens in der Gemeinde
In der Begrüßung zu einem „etwas ganz anderen Gottesdienst“ hieß es vor einigen Jahren: »Ich frage dich, Gott: Wo warst du im September letzten Jahres, als fünf junge Menschen, meine Enkelin und ihr Mann mit ihren Freunden, fröhlich von einer Feier kamen? Wo innerhalb von Sekunden zwei kleine Kinder keine Eltern mehr hatten und zwei ihre geliebte Mutti verloren«? Eine Anklage an Gott? Oder doch nur - eine Klage vor Gott?
Was lösen solche Worte ins uns aus? Wie eindringlich sind diese Bilder? Wir kennen Gott als liebenden, gütlichen Vater. Er ist der Gott, der aus Liebe zur Welt (Joh 3,16) Seinen Sohn, Jesus, zu uns sandte. Aber warum lässt Er auch Not, Kummer und Leid - ja sogar Tod - zu? Warum versteht Hiob bis zum Schluss immer noch nichts vom »Warum« seines Leidens? In Psalm 130,1 lesen wir, wie einer tiefstes Leid erfahren hat: »Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir«. So bringen auch wir oft vor Gott, was uns auf der Seele brennt. Doch in dem erwähnten Psalm, wird uns in Vers 4 auch schon eine zweifache Botschaft geschenkt: 1.) Bei Dir ist Vergebung! 2.) Damit man Dich fürchte! Die erste Aussage ist eine klare Verheißung, die zweite schon eher eine Warnung. Gott vergibt uns nicht die Sünde, damit wir fröhlich weiter sündigen; wir sollen vielmehr Ehrfurcht vor Ihm bekommen und die Sünde - endgültiglassen! Denn sie ist »Feindschaft gegen Gott« (Röm 8,7; vgl. auch Jak 4,4). Aber wie oft kommen wir uns hilflos angesichts des Leids vor. Dem persönlichen Leid, aber auch dem Leid anderer. Es scheint so, dass Leid und Schmerz irgendwie zum Leben dazu gehören… und die Menschen überfallen ohne jede Schuld. Unsere Versuche, dem Leid irgendeinen Sinn abzugewinnen, dürften aber wenig erfolgreich sein. Wir erfahren Leiden als Strafe Gottes, die man nicht abwenden darf. Ein anderes Mal als Züchtigung Gottes, bei der man still halten muss. Ist es das, was uns Zufriedenheit gibt? Was uns tröstet? Was uns mit einem Gott, den wir nicht immer gleich verstehen, ins Reine bringt? Kann Gott uns überhaupt darauf eine Antwort geben? Und vor allem: Hat Er sie uns nicht schon längst gegeben? Gleichwohl herrscht bei manch einem die Vorstellung, Gott sei nur für das Gute zuständig; für das Leid sei der Teufel, Satan, verantwortlich. Aber auch das überzeugt uns nicht wirklich, wenn wir uns die Allmacht Gottes wirklich vor Augen führen. Manch anderer meint sogar, Gott habe mit der Schöpfung des Menschen seine eigene Macht sozusagen freiwillig beschränkt. Und da ist es nicht verwunderlich, dass Leid und Tod in die Welt eingebrochen sind. Weder die Vorstellung, in der Ewigkeit würden alle Tränen abgewischt (Off 21,4), tröstet alle Menschen; noch kann sich jeder auf seinen schwachen oder starken
Glauben berufen. Gott ist zwar in den Schwachen mächtig; aber wie lange dauert die Schwachheit?
Von dem Schriftsteller und Spötter Oskar Wilde stammt die bemerkenswerte Erkenntnis: »Wo Leid ist, da ist geweihte Erde. Eines Tages wird die Menschheit begreifen, was das heißt. Vorher weiß sie nichts vom Leben«. Offensichtlich gehören Leben und Leid zusammen - wie siamesische Zwillinge. Man könnte meinen: Ohne Leid - kein Leben. Gerade deshalb hat Jesus für uns gelitten und hatein-für-allemal - die Lösung des Leidens und des Todes gegeben: in Seinem eigenen Sterben am Kreuz. Für unser aller Sünde. Im Leid begegnen wir daher dem Gekreuzigten, im Tod werden wir Ihm gleichgestaltet. So meint es auch Paulus: »Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden« (Phil 3,10; THOMPSONÜbs.).
Paulus spricht hier von einer »vierfachen« Quelle: Jesus selbst, Kraft der Auferstehung, Gemeinschaft der Leiden, Tod - und er bezieht sie jeweils auf den Erretter und Erlöser. In Epheser 1,18-21 schreibt Paulus ebenfalls von dieser gewaltigen Kraftentfaltung Gottes in Christus. Er führt aus: »Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde, mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen«. In der Philipper-Stelle spricht Paulus von »Auferstehung«; hier von »Auferweckung«.
Die Kraft der Auferstehung Jesu werden wir jedoch auf Erden nicht in der ganzen Fülle erfahren, erst wenn wir gleichgeworden sind in seinem Tod (vgl. Röm 6,5). Trotzdem wirkt sie schon jetzt in uns, da unser alter Mensch mit Ihm gekreuzigt (6,6) ist. Das Erkennen dieser Auferstehungskraft korrespondiert mit dem Erkennen der Gemeinschaft Seiner Leiden. Gemeint ist damit der Weg des Zerrbruchs unseres Egos, der schon hier zum Erleben der vollen Freude führt.
Gibt es das aber? Völlige Freude - trotz Schmerz und Leid? Man erkennt mit dem Herzen, man fühlt mit dem Herzen und man liebt mit dem Herzen. Nur so können wir Gottes Herz schauen und uns in Seine Ziele und Pläne hineinnehmen lassen. Jesu Leid und Tod brachte daher für uns die größte Freude - die Freude des ewigen Lebens. Wir erkennen, dass es auf Erden keinerlei Spielraum gibt; wohl aber eine Wahlmöglichkeit. Denn allein im Mann von Golgatha liegen das Heil und die persönliche Errettung. Darum: Wo Leid ist, da geschieht etwas, vielleicht sogar Entscheidendes zwischen
Gott und den Menschen. Wo Leid ist, da bleiben wir nicht, wie wir waren. Da kommen wir vielleicht in eine neue Beziehung zu Ihm. Und auf die Gemeinde übertragen: Da kommen wir auch in Beziehung zueinander und lernen den anderen achten, schätzen und lieben.
Manche sagen deshalb: Gott leidet mit. In Seiner Gemeinde, in Seinem Geschöpf. Er ist nicht einfach nur teilnahmslos. Er will auch uns zum Mitleiden bewegen, damit wir andere trösten und anderen helfen können. Jesu Tod am Kreuz war somit nicht nur eine weltgeschichtliche Tatsache (Zeitrechnung), sondern mehr noch eine heilsgeschichtliche. Die Entscheidung, die wir hier auf Erden treffen - für oder gegen Jesus, bestimmt die Qualität der Ewigkeit (Joh 3,36).
Gemeinschaft Seiner Leiden ist aber nicht zu verwechseln mit dem Leiden um Christi willen. Gleichwohl erlebte Paulus beides. LANGENBERG führt dazu aus: Ersteres »ist Gegenstand des Erkennens. Gemeinschaft (koinonia) ist Streben um ein Gemeinsames (koinon)«. 2 Im Hohepriesterlichen Gebet (Joh 17) betet Jesus um diese Einheit Seiner Gemeinde. Wie bedroht die soziale Ausprägung, die einzelne bzw. lokale Gemeinde ist, darauf sind wir bereits in einem früheren Buch eingegangen. 3 Deutlich wurde in diesem Zusammenhang, dass es Menschen gibt, die die Gemeinschaft der Leiden Jesu teilen, wohingegen andere eher um Seines Namens willen leiden. Und vermutlich trifft dies auch auf die ganze Gemeinde zu. Dass dabei Sünde mit im Spiel ist, sollte klar sein. Es muss aber nicht eigene Sünde sein, wenn wir leiden bzw. leiden müssen. Vielleicht leiden wir - mangels offensichtlicher Verfolgung - in Deutschland nicht so sehr um des Namens Jesu willen; aber wir können Leid in den Gemeinden ausmachen. Nicht nur persönliches Leid. Es gibt auch Leiden, das durch die Gemeinden hindurchgeht und vielleicht selbst verursacht ist, wobei die kausale Ursache individuell hinterfragbar ist (vgl. spätere Kapitel zu Teufel, Dämonen, Wölfe und Mietlinge). Dennoch ist die Unterscheidung zwischen »Gemeinschaft Seiner Leiden« und »Leiden um Christi willen« sehr bedeutsam. Wir vermuten, dass ersteres Seine Gemeinde eher bewahrt, während letzteres diese eher aufbaut.
Von daher ist Epheser 4,11 auch anders zu lesen, als manche das vielleicht bislang getan haben. Propheten (2. Stelle) haben - im Neuen Testament und nach meinem Verständnis - mehr eine seelsorgerliche Berufung in Bezug auf die Bewahrung der Einheit der Gemeinde; Evangelisten stehen eher für den Aufbau der Gemeinde - durch Bekehrung und Wiedergeburt von Einzelnen. Ist es hier mehr die personale Funktion, so zielt das Amt des neutestamentlichen Propheten - aber fern von heilsgeschichtlicher Prophetie - eher
2 Heinrich Langenberg, Der Philipperbrief, 1965, S. 62
3 H. Karl Kopanitsak, Konfliktlösung in Gemeinden. Betrachtungen aus systemischer Sicht, 2011
auf die institutionelle Rolle der Gemeinde. Ihm geht es um die Bewahrung der Einheit der Gemeinde. Insofern macht es Sinn, wenn die Schrift Apostel zu Anfang erwähnt, während Hirten und Lehrer am Schluss dieser Aufzählung stehen.
Was heißt das für das Leiden der Gemeinde? Wir können nicht einfach auf die Vergangenheit, auf die Geschichte der Verfolgung oder auf die Verfolgung in Ländern wie China, Iran oder anderswo schielen. In Deutschland haben wir weniger mit Leiden um Christi willen und mit Verfolgung zu tun, als vielmehr mit der Frage nach der Gemeinschaft Seiner Leiden. Wie ist das nun zu verstehen? Leiden ist nicht immer gleich Leiden. Es gibt solches Leid, es gibt anderes Leid. Nicht immer sind die Ursachen dieselben. Stephanus z.B. wurde verfolgt, litt und wurde um Christi willen gesteinigt. Leiden gab es aber auch innerhalb der Gemeinde; es wurde von innen her verursacht. So brachte das Leid um Hananias und Saphira eine Reinigung in die Gemeinde, so dass »eine große [Ehr]furcht über die ganze Gemeinde« kam (APG 5, 1-11). Konsequenterweise, aber vielleicht sogar etwas irritierend, nennt Paulus in der Philipper-Stelle zuerst die Kraft der Auferstehung Jesu - und dann die Gemeinschaft Seiner Leiden. Man würde eher vermuten: zuerst die Leiden und dann die Kraft der Auferstehung. Aber offensichtlich weiß Paulus um ein Geheimnis, denn er formuliert: »… und so seinem Tode gleichgestaltet werden« (Phil 3,10). Und so. Also in dieser Reihenfolge. Er nennt - also nochmals: 1. Jesus 2. Auferstehung (Kraft Seiner) und 3. Leiden (Gemeinschaft Seiner). Offensichtlich ist die Auflistung nicht als Reihenfolge, sondern mehr in dialektischer Weise zu sehen! Dann macht es Sinn, dass die Leiden an dritter Stelle stehen. Entsprechend ist die Entwicklung der neutestamentlichen Gemeinde verlaufen: Die Jünger lernten Jesus kennen; sie erlebten Pfingsten und die Taufe im Heiligen Geist; sie erlebten Verfolgung. Dadurch wuchs die Gemeinde, und zwar in der Verfolgung.
Offensichtlich ist hiermit ein geistliches Prinzip beschrieben - anders als wir vermuten und uns vorstellen können. Warum sollte es also im persönlichen Leben und im Erleben der Gemeinde nicht ähnlich zugehen? Persönlich also: Begegnung mit Jesus - Taufe im Heiligen Geist - Leid und Zerrbruch des Ich. Gemeindlich: Gründung der Gemeinde - Wachstum - Leiden. Jesus sagte ja: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht« (Joh 12,24)). Tatsache ist: Es braucht erst eines Weizenkorns. Und zwar immer aufs Neue. Jesus selbst ist dieses erste Weizenkorn, dem wir nacheifern dürfen, gerade weil wir nicht erst Seinen Tod zu vollbringen haben, noch es überhaupt könnten. Es geht in diesem Text von daher um Kontraste. Jesus ist der Anfänger und Vollender unseres Glaubens (Hebr 12,2). Es geht folglich auch in der Ge-
meinde immer wieder um Kontraste, um Konflikte, um ein Sterben-Müssen und um ein Leben-Lassen, um Licht und Finsternis, um Irrtum bzw. Irrlehre und Wahrheit. 4 Wie gehen wir damit um? Verstehen wir, dass dies zum Leben der Gemeinde dazu gehört? Also: Ende - Anfang, Saat - Ernte, Trauer und Hoffnung, Tod - Leben. JUNG schreibt in seiner Auslegung zu Johannes 12:
»Wir denken über das Leiden Jesu nach. Jesus sagt: Das muss so sein. Ich muss leiden. Nur so kann etwas Neues entstehen. Und er nimmt das Bild des Weizens. Das Weizenkorn wird in die Erde gelegt. Und stirbt nach damaliger Vorstellung. Sterben. Jeder muss sterben. Aber auch die Hoffnung stirbt. Immer wieder. Die Hoffnung auf Leben. Die Hoffnung auf Frieden. Die Hoffnung auf Versöhnung. Auf Zukunft. Jesus verschweigt das nicht. Aber er sagt: das ist so. Doch durch den Tod hindurch kann etwas Neues wachsen. Und Frucht bringen… Es liegt eine Verheißung auf dem Säen. In der Hoffnung, dass das Weizenkorn stirbt, wie die Bibel sagt, und dann Frucht bringt. Jesus sagt: Wer mir nachfolgt, der kann die Hoffnung nicht aufgeben. Mir nachfolgen, heißt: es gibt Hoffnung und Zukunft. Auch wenn die Anzeichen oft dagegen sprechen. Und es gibt auch Verlust und Trauer und Krieg und Zerstörung. Aber wenn das Weizenkorn in die Erde gelegt wird und stirbt, dann wird es viel Frucht bringen. Wird. Nicht: kann. Nicht: vielleicht. Sondern: es wird Frucht bringen«. 5
Das heißt: Es gibt eine Erfahrung von Gottes Wirken und Herrlichkeit; aber vor allem im Leiden. Gott hält Gnade und Erbarmen für die bereit, die aus Unwissenheit und Schwachheit- oder vielleicht sogar aufgrund von List (wie Jakob) - in Sünde gefallen sind. Er wartet. Er erwartet, dass wir Ihm antworten. Wer gesündigt hat, darf die Gnade und Vergebung Gottes in Anspruch nehmen. Wer jedoch nicht von der Sünde lassen kann bzw. will, wird das Gericht Gottes ernten. Er mag sich gläubig nennen - oder ungläubig sein.
4 Wichtig ist zu unterscheiden zwischen Abfall (vom Glauben), was nur von bekennenden Christen gesagt werden kann; Irrtum (über die Wahrheit als Resultat von Unwissenheit; APG 19, 1-6); Irrlehre (als Auswirkung der List Satans; 2. Tim 2,25-26). Letztere können neben wahrem Glauben existieren. Vgl. Die Neue Scofield Bibel, 1985, S. 1288
5 Matthias Jung: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, Joh 20-26, Predigt
03 Die Gemeinde - warum sie leidet
Dass Leid oder Leiden zur Realität menschlichen Daseins gehören, steht nach dem oben Gesagten außer Frage. Egal in welcher Lebensphase wir uns auch befinden möchten, wir erfahren es - in Krankheit, Niederlagen, Zerbruch, Trauer und Tod. Auch der leidende Messias (vgl. Hebr 2,10; 5,9; Jes 53) ist eine Tatsache vor unseren Augen und also der Guten Nachricht. Ebenso macht das Leid vor der Gemeinde und damit vor Jesu Nachfolgern keinen Halt. Dabei trifft es die einen (vgl. Mt 5,10f; 10,23; Lk 11,49; 21,12; 2. Tim 3,12) schwerer als die anderen. Paulus beispielsweise bekommt schon bei seiner Bekehrung deutlich vor Augen geführt, wie viel er um des Namens Jesu willen wird leiden müssen (APG 9,16).
Und doch stellt sich heute zunehmend die Frage, welcher Art das Leiden der Gemeinde und jedes einzelnen tatsächlich ist. Dass Wölfe (Mt 7,15 »falsche Propheten«; APG 20,29-30; Joh 10,11ff) in die Gemeinde eingedrungen sind und unter uns sind, darauf werden wir noch in Kapitel 11 ausführlich eingehen. Doch wie reagieren wir darauf? Wir müssen sehen, dass wir weniger an den Umständen oder an anderen Menschen leiden, als vielmehr an uns selbst - und zwar an unserem immer noch existierenden fleischlichen Wesen. Das schmälert nicht die Leiden, die wir in den Gemeinden und durch die Geschwister erfahren. Aber es macht den Fokus deutlich, um was es bei dem Thema Leiden in der Gemeinde auch und sogar zunehmend geht. Wir sollen ja »zum vollen Maß der Fülle Christi« (Eph 4,13) gelangen. Wir sollen »Söhne« Gottes sein, die durch den Heiligen Geist Gottes geleitet werden (Röm 8,14). Und wir sollen Menschen sein, denen es um die Errettung der Seelen geht. Da wird es nicht ohne Züchtigung abgehen.
Galater 3,3 fragt uns jedenfalls ernsthaft: »Im Geist habt ihr angefangen und wollt nun im Fleisch vollenden«? Auch wenn es Paulus in seinem Brief an die Gläubigen in Galatien um die Auseinandersetzung mit Gesetzesdenkern (Gesetzlichkeit) ging - diese Frage gilt uns heute ebenso.
Sind wir also noch fleischliche oder doch schon geistliche Christen? Darf man überhaupt diese Frage stellen? In 1. Petr 2,11 werden wir aufgefordert: »Ent- halteteuch der fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten«. Auch die Korintherbriefe überzeugen uns, dass selbst in der neutestamentlichen Gemeinde dieses Problem äußerst aktuell war. Paulus musste der Gemeinde deutlich sagen: »Solange nämlich Eifersucht und Streit und Zwietracht unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise«? Und in 2. Kor 1,12 macht der Apostel klar, wie wir als Gläubige nicht wandeln sollen - nämlich »nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in göttlicher Gnade«. Offensichtlich war dieses Problem kein Einzelfall, denn in Kol 2,18 spricht er ebenfalls von einer
»fleischlichen Gesinnung«, die uns doch nur von Christus wegbringt und die von falschen Lehrern verursacht ist. In Gal 5,16 betonter: »Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr die Begierden des Fleisches nicht vollbringen«. Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch. Verse später (V. 19ff) zählt er die »Werke des Fleisches« auf, die da sind: Ehebruch, Unzucht, Unreinheit, Zügellosigkeit, Götzendienst (Habsucht), Zauberei, Feindschaft, Streitigkeiten, Eifersüchteleien, Zorn, Ehrgeiz, Zwietracht, Parteiungen, Neid, Mord (Rufmord), Trunkenheit, Gelage und dergleichen. Die Liste ist lang, sehr lang sogar. Nicht so, dass dies alles aus der Gemeinde von heute schon verschwunden wäre.
Darunter leidet die Gemeinde also auch heute noch. Bewusster oder unbewusster, das mag dahingestellt bleiben. Gal 5,24 sagt jedenfalls: »Die aber dem Christus (an)gehören, die haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden«. Daher sollen wir nicht nur aus dem Geist Geborene sein, sondern mehr noch in Ihm leben und sogar »im Geist wandeln« (Gal 5, 25). Nach der Schrift haben zwar, wie Oswald J. SMITH bemerkt, »alle Gläubige den Heiligen Geist, aber nur wenige sind mit dem Geist erfüllt«. 6 Wir sollen daher nicht in eigener Kraft unterwegs, sondern vom Heiligen Geist geleitet sein - und das heißt: Sieg über Sünde und Kraft zum vollmächtigen Dienst haben. Wo das aber fehlt, besteht immer die Gefahr, nach fleischlicher Weise zu wandeln. Dies jedoch sind allgegenwärtige Probleme und Nöte in vielen Gemeinden. Und darunter leidet sie - ganz offensichtlich. Darunter leiden vielfach Leiter, die die Situationen in ihren Gemeinden nicht mehr verstehen und kontrollieren können und vielleicht deswegen selbst auf fleischliche Weise reagieren.
Nach all dem Gesagten dürfen wir zu dem Schluss kommen, dass der häufig zu beobachtende Kampf in den Gemeinden wie schon damals in der neutestamentlichen Gemeinde nur das Anzeichen einer fleischlichen Gesinnung, also Ausdruck des Mangels an geistlicher Fülle, ist. Da und dort toben Auseinandersetzungen - und doch dürfen wir nicht vergessen und übersehen, dass wir es oft selbst sind, die den Wölfen die Tür weit geöffnet haben. Durch unser ungeistliches Verhalten, durch unser Nicht-Hören-Wollen auf Gottes Warnungen und durch das falsche Reagieren auf die Umstände einer gemeindlichen Situation. Das Leid kennt dabei »keine« Ursachen, sondern ist gelebter Alltag in den Gemeinden. Kaum dass es tatsächlich ernsthaft aufgearbeitet wird. Stattdessen herrschen Realitätsverlust und Gewalt und Lieblosigkeit in vielen Gemeinden. Die Menschlichkeit (Würde des einzelnen) bleibt häufig auf der Strecke.
6 Oswald J. Smith, Kraft von oben, 1988, a.a.O., S. 9
Die Tragik vieler Gemeinden ist, dass es oft keinerlei Gemeinsinn gibt. Es gibt zwar ein »Zusammensein«, aber keine wirkliche, geistliche Gemeinschaft (koinonia). Es gibt Treffen, aber ohne geistliche Ausstrahlung. Es gibt Austausch, aber man redet doch eher aneinander vorbei. Man spricht vielleicht die Wahrheit; aber man spricht sie nicht in Liebe (Eph 4,15). All das aber vertieft noch mehr die Gräben und das Leiden. Nachdem Paulus über die Auswahl von Männern für die Ämter der Gemeinde (1. Tim 3,1-16; Älteste, Diakone) gesprochen hat, kommt er in Kapitel 4 des ersten Timotheus-Briefes auf die Zukunft der Gemeinde zu sprechen. Diese aber sieht äußerst düster aus! Er sieht die Gemeinde nicht in einem Zustand der Reinheit, sondern sieht den Abfall vom Glauben voraus - und warnt vehement davor. Deutliche und vielfache Warnungen finden wir dabei auch an anderer Stelle in der Schrift (1. Tim 4,1; 2. Tim 3,1-5; Judas 17-19; APG 20,29-32). Gerade heute braucht die Gemeinde Leiter, die sich an der gesunden Lehre orientieren und sich also nicht in ihrer eigenen Theologie verlieren.
Es geht von daher in der Gemeinde und in ihrem Leiden vor allem um den Glauben - und darum, ob sie diesen verliert oder bewahrt. Darum geht auch ihr Kampf. Auf verschiedenen Seiten. Damals und vielleicht mehr noch heute. Auf dieses Leiden aber ist sie kaum vorbereitet. Sie versteht es nicht einmal. Sie versteht nicht, was in ihren Reihen vor sich geht; warum Geschwister sich plötzlich auflehnen, der Gemeinde fern bleiben oder sie sogar verlassen; Leiter versagen und ihre Macht missbrauchen und vieles mehr. Manches ist wie vernebelt und so, als ob man eine Decke vor Augen hätte oder als ob man träumen würde. Aber doch genau das Spiegelbild von dem, was wir momentan in der Welt (11.09.2001; Tsunami 2005 in Südostasien; Kriege in Irak und Afghanistan; Erdbeben in Haiti 2010, Erdbeben und Atomkatastrophe 2011 in Japan) beobachten.
Ein Teil der Gemeinde wird von daher den Glauben »preisgeben« oder sogar schon ganz aufgeben. Die Schrift ist an diesem Punkt radikal ehrlich. Paulus spricht von »einigen«, die sich auf »irreführende Geister und Lehren von Dämonen« (1. Tim 4,1; Jak 3,15) einlassen. Geistesmächte gebrauchen hier Menschen, um andere zu verführen. Sie machen sich »Männer« dienstbar, die sich von ihnen beeinflussen lassen und auf falsche Lehren hören. SCHLATTER führt dazu aus: »Während die Gemeinde des Christus der Wahrheit als Säule dient, reden Werkzeuge der verführerischen Geister Lügen; und während jene ihre inwendige Art am Glauben hat, haben sie diese an der Heuchelei«. 7 Die Gemeinde steht also mit solchen im Kampf, die den Glauben nur heucheln und vorgeben, ihr zu dienen. Das
7 Adolf Schlatter, Erläuterungen zum Neuen Testament, Band 8, 1965, a.a.O., S. 166
geschieht nicht als Automatismus, nicht so, als ob die Mächte Ansprüche an die Gemeinden hätten. Vielmehr ist der Mensch selbst nicht unbeteiligt. Denn die Finsternis-Mächte regen sich nur, wo Untreue und Schuld von menschlicher Seite ihnen vorangehen. Das aber sind »Einfallstore« für diese Mächte. Und von daher das nicht zu verstehende oder - besser gesagt - »unverstandene« Leid der Gemeinde.
Was bewirken solche Irrlehrer? Was richten sie an? Sie ziehen die Gemeinde vom Glauben weg, indem sie sie von den natürlichen, im Bau des Leibes begründeten Funktionen abschneiden. Im Timotheus-Brief spricht Paulus von »Heirat« und »Speise«. Heute sind es die Wirkungen des Heiligen Geistes, die (erneut) geleugnet werden, obwohl Jesus allein die Gemeinde ins Dasein gerufen hat, sie erhält und erbaut. Menschen, die den Geist nicht »haben«, also nicht geistgeleitet sind, wollen aber Gemeinde bauen und müssen doch scheitern. Sie tun es ohne Auftrag, ohne wirkliche Berufung, ohne Geisteswirkung. Sie tun es manchmal aus eigenem Antrieb, zu dem die Gemeinde oftmals sogar noch den »Segen« gegeben hat. Indem sie das Wirken des Heiligen Geistes aber leugnen und sogar davor warnen, bringen sie Gläubige in ihre Abhängigkeit. Konsequenterweise nicht in Abhängigkeit von Christus. In eigener Kraft wollen sie den Glauben aufrichten und zimmern sich doch nur ihre eigene Religion. Damit richten sie einen Schaden in der Gemeinde an, unter dem diese leidet und unter dem sie zusammenbricht. Von daher warnen Paulus und der Geist Gottes! Die Gemeinde leidet aber nicht nur unter diesen. Andere überbetonen die Wirkungen des Heiligen Geistes, indem sie Ihn »instrumentalisieren«, mit ihren Gaben prahlen und damit hausieren gehen (vgl. Healing-Rooms, Heilungs-Gottesdienste, Prophetenschulen, u.ä.). Damit aber binden sie Menschen an sich und an das, was sie - und nicht der Geist Gottes - reden. Aber woher bekommt die Gemeinde ihre Orientierung? Der HERR Jesus selbst sagt: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« (Mt 7,16; vgl. auch Joh 15). Das ist das erste und vornehmste Erkennungsmerkmal, wobei also »Frucht« nicht mit »Erfolg« zu verwechseln ist. Frucht ist unabhängig vom Menschen und geistgewirkt, während Erfolg an Menschen bindet. So können Gemeinden zwar äußerlich wachsen; aber innerlich gibt es kein echtes Wachstum. An der Freiheit in Christus (vgl. Kap. 12) erkennen wir, ob ein Mensch nur von anderen oder doch von Christus abhängig ist.
Paulus spricht daher in 1. Tim 4 von einem »gebrandmarkten Gewissen« (im Sinne von einbrennen) im Gegensatz zu einem »guten Gewissen«, eines Glaubens an Christus und nicht eines Glaubens aufgrund von Menschen (seelische Beeinflussung). Wir danken Gott also für Brot und Speise; wir danken Ihm aber auch für Seinen Heiligen Geist. Der Mensch und der natürliche Leib sind
Gottes Werk; aber auch der geistliche Mensch und die Gemeinde sind Wirkungen des Heiligen Geistes. Die Speise ist Gottes Gabe; ebenso ist der Heilige Geist die Gabe Gottes (APG 2,38; 10,45; 11, 17) an die Gläubigen. Die natürliche Speise erhält den Menschen; in gleicher Weise erhält der Heilige Geist die Gemeinde. Folglich: Alles, was Gott schafft, ist gut - und damit auch der Heilige Geist, der der Gemeinde gegeben ist, damit sie lebt. Was wir erbeten, kann also nicht unheilig sein. Um wie viel mehr wird jedoch der Vater uns den Heiligen Geist geben, wenn wir Ihn denn darum bitten. Wir werden aber nicht mehr Heiligen Geist haben; vielmehr wird der Heilige Geist mehr von uns haben wollen und dürfen. Das aber verstehen (noch) nicht alle. SCHLATTER ermutigt uns, wenn er schreibt: »Weil die Gemeinde der Verwirrung entgegengeht, tritt vor allem an ihre Führer die Pflicht heran, sich zu rüsten und über alle zerstörerischen Gedanken und versuchlichen Reizungen für sich selbst den Sieg zu gewinnen«. 8 Auch die Gemeinde muss sich gegen den Ansturm falscher Heiligungsmethoden wappnen und sich gegen die vom Glauben losreißende Verführung durch lügnerische Geister schützen. Schlechte oder gar falsche Unterweisung zerstört den Glauben und führt zu einer anderen - gesetzlichen - Frömmigkeit. LANGENBERG spricht sogar von solchen, die eine »überhöhte Heiligungstheorie propagieren«. 9 Demnach sind wir gerade hier aufgefordert, die Geister zu prüfen (Röm 12,2; Eph 5,10; 1. Thess 5,21; 1. Joh 4,1).
Was sind andererseits die Ergebnisse, wenn eine Gemeinde auf Gottes Wort hört? Sie distanziert sich von den irreführenden (Geistern und) Lehren der Dämonen. Sie macht eine klare Unterscheidung zwischen einer falschen und echten Frömmigkeit (vgl. Jesaja 58). Sie erkennt, dass nicht äußere Bedrängnis das Hemmnis für den Fortschritt des Evangeliums ist, sondern die Verfälschung der Wahrheit, die aus den eigenen Reihen kommt. Wir alle sind aber aufgefordert, diese Fälschung zu erkennen und sie - auf dem Boden der Gemeinde - zu überwinden, so LANGENBERG in seiner Auslegung. Er denkt dabei an »Gemeindepropheten«, die ein ausdrückliches Reden (rhätos) durch den Geist haben.
Der Abfall vom Glauben aber geschieht durch ein falsches Achtgeben. Der Sinn wird auf etwas anderes gerichtet. Es geht jedoch um die Herzenseinstellung, von der alles ausgeht. LANGENBERG: »Die Irreführung geschieht durch eine heimliche Weichenstellung und Hinüberleitung auf ein anderes Gleis«. 10 Er meint damit Menschen, die nicht bewusst Unwahres reden, sondern selbst Verführte sind. Sie verbreiten mit scheinbar aufrichtigem Eifer ihre Ansichten, stehen aber doch im Dienst des Lügners (vgl. 2. Thess 2,11). Hierin besteht der Kampf
8 A.a.O., S. 168
9 Heinrich Langenberg, Die beiden Timotheusbriefe, 1967, a.a.O., S. 61
10 A.a.O., S. 60
der Gemeinde in der Endzeit; darum geht es oder immer mehr, in ihrem Leiden. Sie leidet unter Menschen, die aus ihren eigenen Reihen kommen und sich von Mächten der Finsternis beeinflussen lassen. Eine ungewohnte und in unserer Zeit noch kaum bekannte Herausforderung. Die Verachtung der Gaben Gottes, auch der Gabe des Heiligen Geistes, ist aber das gerade Gegenteil von Glauben. Paulus ermahnt Timotheus, sich selbst vor falschem Wandel zu bewahren und sich für die gesunde Entwicklung des Glaubenslebens in der Gemeinde mit ganzer Kraft einzusetzen. Auch wir sollen als idealer »diakon« (vgl. 2. Kor 11,23; Kol 1,7; Eph 6,21) um den inneren Aufbau der Gemeinde bemüht sein.
Die Tragik, die Not und das große Leid in den Gemeinden liegen aber darin, dass viele die Gemeinden verlassen, wenn Verführung und Abfall vom Glauben drohen. Kaum dass Geschwister in den Gemeinden verbleiben und für den rechten Glauben streiten. Andererseits lassen sich aber auch nur wenige warnen, so dass oft ein unüberbrückbarer Graben in den Gemeinden entsteht. Von den sieben Gemeinden in der Offenbarung erfahren auch nur zwei Gemeinden (Smyrna, Off 2,8-11; Philadelphia, Off 3,7-13) uneingeschränkt die Zustimmung des HERRN Jesus. Bei allen anderen hat er ein klares »Aber«. Das zeigt die ganze Dimension und sogar das Dilemma, in der sich die Gemeinden damals wiederfanden - und wir uns heute erneut befinden.
04 Nur eine kleine Kraft
Philadelphia war eine schwache Gemeinde - und gerade deshalb gesegnet. Sie lebte aus dem Wort und nach dem Wort. Gott sah ihre Schwachheit, ihr Elend (vgl. auch Jes 66,2), ihr Leid. Aber gerade diesen Umständen gehört auch Seine großartige Verheißung. Er ist in den Schwachen mächtig (2. Kor 12,9-10; 13,9). Dagegen überführen uns die eigene Kraft und die eigene Stärke, so dass wir nicht mehr gänzlich und ausschließlich Gott vertrauen (wollen). Beispielsweise wurde Jakob, der Überlister, auch erst in dem Augenblick brauchbar für Gott, als seine Kraft endlich zerbrochen war (1. Mose 32, 24-32).
Die Frage gilt darum auch uns: Bin ich schwach genug, damit Gott durch mich handeln kann? Darf er auch mich »zerbrechen«. Oder ist noch immer das stolze Ego da, das sich nicht führen und leiten lassen will, wie wir anfänglich an Petrus gesehen haben. Erkennen wir das Glück der Schwachen, der Elenden, der Notleidenden und Ohnmächtigen, das Glück der »gebeutelten« und leidenden Gemeinde? Oder sehen wir darin nur einen Widerspruch? Sehen wir in Schwierigkeiten auch Chancen?
Was würde passieren, wenn unser starker Gott unsere Schwäche gebrauchen dürfte? Er würde aus dem Leiden der Gemeinde einen wahrhaftigen Sieg machen. Wenn Er doch im Leid ihr Heiland sein dürfte. Er würde Seine Kraft in unsere Schwachheit gießen. Was wäre das für eine Gemeinde! Eine leidende und zugleich siegreiche Gemeinde. In der Schrift liegt auch tatsächlich auf der kleinen Kraft eine große Verheißung. Der starke HERR ist auf unserer Seite (vgl. Rich 6,14.16; Jer 1,4-10). D.h.: Wir müssen nicht stark sein. Das Leid darf uns »einholen«. Wir dürfen schwach sein. Aber was für eine gnadenvolle Schwachheit ist das doch. Können wir das erfassen? Können wir es glauben? Können wir Ihm hier ganz vertrauen?
Wenn wir Gott so folgen, öffnet Er Türen, die wir selbst nie öffnen könnten; Türen, die einer Gemeinde bislang verschlossen waren. Türen, die wir nie gesehen haben, die Er uns aber wieder und wieder zeigen wollte. Türen, die eine Gemeinde ihrer Berufung entgegenbringen. Und Türen, die sich für zahlreiche Menschen öffnen, die den HERRN noch gar nicht kennen. Wenn wir daher das Leid nur tragen und ertragen könnten, damit sich der HERR verherrlichen kann. Damit Er der sein darf, der Er ist: der Heiland, der Retter, der Löser, der Tröster, der Allmächtige, der Helfer, der Gnadenvolle, der Liebende und Reinigende und Heiligende. Wir würden Ihn in Seiner ganzen Liebe erkennen, die Er an uns erwiesen hat, als Er all unsere Schwachheit getragen (Mt 8,7; Hebr 4,15) hat.
Philadelphia hatte zwar nur »eine kleine Kraft«; aber sie war eine starke Gemeinde. Sie behielt das Wort und bewahrte den Namen des HERRN Jesus. Solcher Glaube mit einer kleinen Kraft ist dem HERRN wertvoll. Denn umso mächtiger kann er wirken. Das gilt auch für eine Gemeinde, die sich ihrer Schwachheit tatsächlich bewusst wird. Das gilt ebenso für Leiter, die ihre Selbstanstrengung und Eigenmächtigkeit endlich aufgeben. In Off 3,8.10 wird der Gemeinde in Philadelphia gesagt, dass sie das »Wort meiner Geduld« bewahrt habe. JANTZEN spricht in seiner Anmerkung zum Text von dem Wort, das zur Ausdauer in der Nachfolge Christi aufruft. Dieses Wort von der Geduld sagt uns: Bleibe geduldig unter deiner Last. Sage »Ja« zu dieser Last. Wehre dich nicht. Lass das Kreuz auf dir (vgl. 2. Thess 1,4; Jak 1,2-4.12). Wir müssen verstehen, was der Geist Gottes der Gemeinde in Philadelphia tatsächlich zugesprochen hat. Das Wort von der Geduld bezieht sich ganz offensichtlich auf das Leiden Jesu. Er trug das Kreuz. Er nahm das Leiden auf sich. Er duldete. Er glaubte und vertraute ganz Seinem Vater im Himmel. Damit ist Er uns zum Vorbild in allem Leid geworden. Für alle Zeit und Ewigkeit. Gewiss, Er hätte dem Leid entfliehen können; Er hätte Legionen von Engeln rufen können, um diesen Weg, der Ihm vom Vater vorgezeichnet war, zu verlassen. Aber Er ging diesen Weg willig. Das Wort von der Geduld wird gerade dadurch zum Wort vom Kreuz. 11 Ihm als dem Gekreuzigten dürfen auch wir vertrauen. Wir kommen Ihm nie näher als in solchen Situationen.
Der HERR Jesus gibt uns die Kraft, dass wir unter unserem Kreuz bleiben. Warum? Weil Er uns klar und eindeutig zuspricht: »Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Mt 16,24; vgl. auch 10,38). Er macht uns damit auf drei lebenswirkende Tatsachen aufmerksam: 1. Selbstverleugnung 2. Kreuzestragen und 3. Nachfolge. Auf unserem Weg mit Jesus gibt es sicherlich keine Abkürzungen. Es gibt auch keine »billige Gnade« in der Nachfolge. Vielmehr arbeitet Gott in eben dieser Reihenfolge an uns. Das musste ein Petrus begreifen, der anfangs so selbstsicher und stolz war. Das musste auch Paulus erleben, der seinen Pfahl im Fleisch behielt und diesen nie loswurde. Aber so konnte Jesu Demut in ihm Gestalt annehmen. Das werden auch wir erfahren, wenn wir Jesus ernsthaft nachfolgen wollen und werden. Alle ernsthaften Nachfolger Jesu »müssen« folglich diesen Weg gehen. Es gibt keine Umwege, keine »leichten« Wege und auch keine Wege, die wir mal kurz verlassen könnten. Vielmehr ist genau dies der Weg, damit wir brauchbar für Jesus werden. Denn Er sagt auch: »Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis …« (Joh 8,12). Sein Wesen darf durch uns strahlen - in der Gemeinschaft mit Ihm und zum Zeugnis für andere, damit sie Christus in uns sehen (können).
11 Vgl. dazu Bibellesezettel, Diakonissenmutterhaus Aidlingen, II, 2000, S. 68
Paulus blieb auf diesem Weg. Und auch Petrus. Und Johannes. So waren sie dem HERRN näher als sonst irgendwie. Entsprechend konnte Er Seine mächtigen Taten durch sie wirken. Auch wir haben daher unser Kreuz auf uns zu nehmen. Wir sollen es nicht einfach - wie unliebsamen Ballast - abwerfen. Es dient uns zur Nachfolge; es ist sogar Gottes Werkzeug zu solch konsequenter Nachfolge. Nur so kommen wir auch von uns selbst los. Wollen wir das? Oder regt sich immer noch da Ego, das dagegen ankämpft? Eine der kostbarsten Wahrheiten spricht Hebr 12,11 in diesem Zusammenhang aus: »Alle Züchtigung scheint uns zwar für die Gegenwart nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; nachher aber gibt sie denen, die durch sie geübt sind, die friedvolle Frucht der Gerechtigkeit«. So nah will uns Jesus also sein, dass Er die Züchtigung als Mittel nimmt, uns näher und näher an IHN zu binden. Trotzdem zwingt Er niemanden. Er lädt vielmehr ein. In Seiner Gegenwart dürfen wir die Herrlichkeit erleben, nach der wir uns schon immer sehnen. Gottes Art der Erziehung ist aber weniger die »gewöhnliche« Bibelschule, als vielmehr der beschwerliche Weg des Lebens, der Zucht und des Kreuzes. Dennoch dürfen wir von Sieg zu Sieg gehen. Jeremia konnte sogar sagen: »Ich habe erkannt, HERR, dass der Weg des Menschen nicht in seiner Macht steht und dass es keinem, der geht, (gegeben ist,) seinen Schritt zu lenken. Züchtige mich, HERR, doch mit rechtem Maß, nicht in deinem Zorn, damit du mich nicht aufreibst« (Jer 10,23-24). Wir müssen es auch erst vollends erfassen, dass Gottes Liebe und Zucht nur zwei Seiten einer Medaille sind. Entsprechend lesen wir in Hebr 12,6: »Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er …«. So erfährt auch eine Gemeinde die züchtigende Hand Gottes. Wir erleben das, wenn sogar die eigenen Geschwister in der Gemeinde uns ein Kreuz auflegen. Aber so tragen und ertragen wir einander. So erleiden wir einander zu wahrer geistlicher Gemeinschaft. So wächst Gemeinschaft unter dem Beistand des Heiligen Geistes (APG 9,31). Denn wir erleiden den Bruder bzw. die Schwester; diese werden uns gerade dadurch als Geschwister nahe.
Tragen wir aber willig unser Kreuz? Leiden wir bereitwillig? Damit wir mitzuleiden vermögen mit anderen. Lassen wir uns die Züchtigung des HERRN gefallen, ohne dass wir murren und erschrecken? Lehnen wir uns nicht dagegen auf. Gott wird gewiss unsere Drangsal in Seinen Sieg verwandeln. Auch in den Sieg über unser (fleischliches) Ego, das den Bruder immer noch neidet, ängstigt und kritisiert.
Wie war das mit Petrus? Er wollte dem Leiden des HERRN ein jähes Ende bereiten. Er wollte Ihn davon abbringen, den Weg des Kreuzes und damit den Weg des Triumphes zu gehen. Weil er erst verstand, als er Jesus schon verleugnet hatte. Aber seine Intrige war so gewaltig, dass der HERR Jesus ihn bzw. Satan sogar heftig anfahren musste: »… und sprach zu Petrus: Weiche von
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