Inhalt
1 Einführung 3
2 Begriffliche Präzisierungen 5
3 Zur Forschungslage 6
4 Deutschland zwischen 1945 und 1949 9
5 Konsum von Drogen in der DDR 11
5.1 Illegale Drogen 11
5.2 Medikamente 13
5.3 Alkohol 15
6 Drogenpolitische Strukturen in der DDR 17
6.1 Suchthilfe/Betreuung und Selbsthilfegruppen 18
6.2 Fachverbände 22
6.3 Wissenschaftliche Gremien 22
6.4 Sozialversicherung 23
6.5 Das Suchtmittelgesetz 23
6.6 Ideologie und Maßnahmen der DDR-Regierung 24
7 Kurzer Ausblick: Konsum nach der Wende 26
- „Die Drogenwelle“
8 Fazit 28
9 Literaturliste 29
2
1 Einführung
2009 ist ein Jahr, das in besonderer Weise veranlasst zurückzublicken in die deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus deutscher Sicht ist das Jahr 2009 ein Jahr der Jubiläen und Gedenkfeiern. Wir begehen den 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Verkündung des in vielerlei Hinsicht vorbildlichen wie wegweisenden Grundgesetzes. Einen besonders emotionalen Wert hat die vierzigste Jährung des wohl größten Musikfestivals aller Zeiten: Woodstock, das Event, das über den großen Teich bis nach Deutschland schwappte und die Konsumkultur und Lebensstile unserer (westdeutschen) Gesellschaft, aber auch die anderer europäischer Länder nachhaltig veränderte. Wir feiern vor allem aber 20 Jahre Mauerfall und, damit verbunden, den Niedergang der DDR durch, wie es das aktuelle Zeit Geschichte Magazin 1 im Untertitel bezeichnet, eine „geglückte Revolution“. Die Erinnerung dieser Wendezeit ist in den deutschen Medien in diesem Jahr zunehmend öffentlich. Zahlreiche Publikationen wissenschaftlicher wie literarischer Art erscheinen oder werden neu aufgelegt, nahezu alle (Print)Medien setzen sich mit dem Jahr 1989 auseinander, und sogar der Sender Vox widmet dem umwälzenden Jahr satte drei Stunden zur besten Sendezeit am Samstagabend. 2 Was sich dahinter, hinter den zum Teil sehr bewegten und bewegenden Bildern und Texten verbirgt, scheint noch nicht wirklich verarbeitet zu sein, denn weshalb wird so ein Aufwand und eine solche Inszenierung betrieben, wenn nicht um der Vergangenheitsbewältigung und -aufarbeitung willen? Die vierzigjährige Trennung Deutschlands ist offensichtlich noch nicht über-wunden, die Wiedervereinigung dauert noch an. Die vorliegende Arbeit möchte daher für die Aufarbeitung der Geschichte der untergegangenen DDR einen kleinen Beitrag leisten, indem sie auf das zurückblickt, was im Großen und Ganzen bisher kaum oder nur eingeschränkt erinnert wurde: Die Drogenpolitik in der ehemaligen DDR.
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Dimensionen dieses historischen Politikfeldes, also die Form/Struktur („Polity“), den Inhalt („Policy“) und den Prozess („Poli-tics“) der Drogenpolitik in der ehemaligen DDR in Grundzügen aufzuzeigen und ansatzweise herauszustellen, worin das Besondere dieser Drogenpolitik liegt. Eine besondere Bedeutung erhalten hierbei die strukturellen Aspekte („Polity“) der Drogenpolitik, schließlich manifestierte sich die DDR als „staatssozialistische Diktatur“ 3 , die sich für alle ersichtlich durch den Mauerbau 1961 vom Westen abwandte und ihre Grenzen noch verschlossener hielt als bereits zuvor. Dass Form, Inhalt und Prozess in der Drogenpolitik der ehemaligen DDR
1 Ausgabe „1989“, Heft2/2009.
2 Die Sendung „Der letzte Sommer in der DDR“ war am 04.07.2009 ab 20:15 Uhr zu sehen.
3 Vgl. BAUERKÄMPER 2005, S. 50.
3
miteinander verbunden sind und genauso „zusammenhängend gedacht werden“ 4 müssen, wie in jedem anderen Politikfeld auch, zeigt sich in dieser Arbeit an den Kapiteln 5 und 6, wenn es zuerst um die Darstellung des Drogenkonsums (Policy) geht und nachfolgend um die drogenpolitischen Strukturen (Polity) in der DDR. Diese drogenpolitischen Strukturen erscheinen einerseits als Reaktion auf das spezifische Konsumverhalten der DDR-Bürger, andererseits bedingten und prägten sie entscheidend die Konsumkultur von Drogen durch drogenpolitische Vorgaben und Sichtweisen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Besonderheit der DDR aufmerksam machen, nämlich auf das überwiegend für die Außendarstellung des SED-Staates eingerichtete Dopingsystem für Spitzensportler. Die Erfolge der gedopten Sportler dienten der Darstellung von Potenz und Wettbewerbsfähigkeit im sportlichen wie ideologischen Sinn der sozialistisch ausgerichteten DDR, insbesondere im Vergleich zur kapitalistischen BRD. Die so präparierten Sportler waren in gewisser Weise fleischgewordene Potemkinsche Dörfer. Die sonst zum Teil verbotenen Medikamente (etwa eine Reihe von Narkotika) und für andere Lebensbereiche innerhalb der DDR-Gesellschaft eher zwecklosen und wohl auch geächteten Methoden wie zum Beispiel Blutdoping wurden ausdrücklich legitimiert bzw. legalisiert. Ihre zu Gold werdende Anwendung war erwünscht und wurde von den Sportlern, wie sich nach der Wiedervereinigung bis heute zeigt, immer wieder als Chance ergriffen. Um allerdings den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, möchte ich es bei diesen Ausführungen belassen und das Dopingthema nicht weiter verfolgen. Aus diesem Grund, aber auch aufgrund der Forschungslage, die ich in Kapitel 3 skizziere, wird auf die legalen und extrem weit verbreiteten Alltagsdrogen Zigaretten, Kaffee und Tee, nicht weiter eingegangen. Das nachfolgende Kapitel 2 beinhaltet einige notwendig erscheinende Ausführungen, die den Fokus dieser Arbeit noch einmal explizieren sollen. Bleibt noch herauszustellen, welchen Sinn Kapitel 4 (Zwischen 1945 und 1949: Die sowjetische Besatzungszone) und Kapitel 7 (Ausblick: Nach der Wende) einnehmen. Kapitel 4 soll verdeutlichen, dass die Drogenpolitik in der DDR eine Vorgeschichte hat, die zwar zunächst ähnliche Konturen aufwies, wie die der späteren BRD, da in beiden Hälften Deutschlands die Versorgungslage in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg äußerst schlecht war, andererseits musste sich die spätere DDR den politischen Operationen der Sowjetischen Besatzungsmacht, der Ausgestaltung der sozialistischen Ideologie auf deutschem Boden unterziehen lassen, was sich insbesondere auf die spätere Form der ostdeutschen Drogenpolitik auswirkte. So soll herausgestellt werden, wie es zu den späteren, teilweise signifikanten Unterschieden zwischen der west- und ostdeutschen Drogenpolitik
4 SCHUBERT/BANDELOW 2009, S. 5.
4
kommen konnte. Mit dem Ausblick durch Kapitel 7 in die Zeit nach der Wende soll eine kurze Episode der Konsumentwicklung in den neuen Bundesländern aufgezeigt werden.
2 Begriffliche Präzisierungen
Im Rahmen dieser Arbeit gelten folgende begriffliche Einschränkungen und Handhabungen:
a) Drogen
Entsprechend der Beschaffenheit der herangezogenen Forschungsliteratur werden in dieser Untersuchung hauptsächlich der Konsum und die damit verbundenen drogen-politischen Strukturen folgender Drogen im Blickpunkt stehen: Die Alltagsdroge Alkohol,
Eine Reihe von Medikamenten, die in der hier zur Darstellung kommenden Forschungsliteratur auch unter den Bezeichnungen Sedativa und Hypnotika bzw. Beruhigungs- und Schlafmittel, Analgetika, Tranquilizer, Opioide und (Psycho) Stimulanzien geführt werden, sowie
Die illegalen/illegalisierten Substanzen Heroin, Cannabis, Kokain und LSD. In manchen Veröffentlichungen wird nach meinem Verständnis der Begriff Rauschgift dann verwendet, wenn von der Substanzgruppe Opioide (inklusive Heroin) sowie den (ebenfalls) kriminalisierten Substanzen Cannabis, Kokain, Ecstasy, (Met)Amphetamine und Halluzinogenen die Rede ist. Ähnliches gilt allerdings auch für fast alle Beiträge im Hinblick auf die Begriffe „Drogen“, Betäubungsmittel“, „Suchtmittel“ und „Suchtgift“. Gemeint sind damit meistens alle gerade genannten illegalen Drogen. Gleichbehandlung erfahren auch die Begriffe Medikament und Arzneimittel.
b) Drogenpolitik
Klar muss sein, dass in dieser Arbeit mit dem Begriff Drogenpolitik in Anlehnung an die Definition von JUNGBLUT (2005, S. 275) eben jener Teil der Politik gemeint ist, der sich mit dem Gebrauch, dem Missbrauch und der Abhängigkeit von den oben genannten Drogen, „sowie mit Strategien gegen sozialschädlichen Drogenkonsum und -handel beschäftigt.“
c) Missbrauch und Abhängigkeit von stoffgebundenen Drogen
Unter Missbrauch wird heute im Allgemeinen ein überhöhter, gleichsam schädlicher Konsum verstanden, der sich nachweisbar bzw. manifest abträglich auf den gesundheitlichen oder
5
sozialen Bereich auswirkt. 5 Soweit nicht anders ausgezeichnet, kommt in dieser Arbeit dieses Verständnis zur Anwendung.
Abhängigkeit steht in dieser Arbeit für einen chronifizierten Konsum, der i. d. R. gekennzeichnet ist durch die psychischen Symptome Verlangen nach der Droge („craving“) und Kontrollverlust einhergehend mit den physischen Symptomen Toleranzsteigerung, Dosissteigerung und Entzugserscheinungen. Das differenzierte Klassifikationssystem ICD-10, das Abhängigkeit als psychische Störung und Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen in mehrere klinisch-diagnostische Erscheinungsbildern auffächert 6 , ist aufgrund der disparaten Verwendungsweise des Begriffs in der vorliegenden Forschungsliteratur mit einem eher geringen Nutzen für die vorliegende Arbeit verbunden. Hinzu kommt, dass einige Autoren mit den Begriffen Alkoholismus und Sucht arbeiten. Für das Anliegen dieser Arbeit genügt es zu sagen, dass beide Begriffe synonym zum Begriff Abhängigkeit zum Einsatz kommen. 7 d) Ehemalige DDR
Fast überflüssig zu erwähnen, dass dieser Begriff den Staat bezeichnet, der am 7. Oktober 1949 aus der Sowjetischen Besatzungszone hervorging und rund 40 Jahre existierte. Aus meiner Sicht macht es Sinn, das Ende der ehemaligen DDR auf den 1. Juli 1990 zu datieren, da an diesem Tag die DDR mit dem ersten Staatsvertrag die Wirtschafts- und Rechtsordnung der Bundesrepublik übernahm. Mit diesem Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion endeten spätestens nämlich auch die Hemmnisse, welche die Etablierung eines illegalen Drogenmarktes in der DDR lange Zeit verhinderten (siehe vor allem Kapitel 5). In dieser Arbeit werden aus Darstellungsgründen die Begriffe Ostdeutschland, ehemalige DDR und DDR synonym verwendet. Entsprechendes gilt für Ostdeutsche und DDR-Bürger.
3 Zur Forschungslage
„Kein gewesener Staat ist besser dokumentiert als die DDR“ schreibt Christoph Diekmann auf der Einbandrückseite seines Erzählungen und Reportagen umfassenden Buches Rückwärts immer 8 . Bezogen auf die Dokumentation der Drogenpolitik dieses Landes trifft diese Aussage aber nur eingeschränkt zu. Passender scheint es da eher Christoph Kleßmann zu treffen, wenn er seinem Aufsatz über Der Umgang mit der DDR-Geschichte ist auch heute noch ein
5 Vgl. hierzu FACHLEXIKON DER SOZIALEN ARBEIT 2007, S. 13 und 217.
6 Vgl. DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT 2008, S. 95f.
7 Eine genauere Betrachtung dieser beiden Begriffe bietet z. B. das FACHLEXIKON DER SOZIALEN ARBEIT 2007, S. 1-2 (Abhängigkeit) und S. 952 (Sucht).
8 Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005.
6
Streitthema die Fragen Überforscht? Verklärt? Vergessen? 9 voranstellt. Der Forschungsstand zum Thema Drogenpolitik in der DDR lässt meiner Ansicht nach nämlich keinen anderen Schluss zu, als den, dass es der Wissenschaft bis in die 1990er Jahre im Großen und Ganzen nicht gelungen ist, die Geschichte der ostdeutschen Drogenpolitik in Ausschnitten, geschweige denn in einem größeren theoretisch-inhaltlichen Rahmen abzuhandeln. Es ist (mehr oder weniger) erstaunlich, dass in solchen wissenschaftlichen Publikationen wie Drogenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland 10 , Drogenhilfe in Deutschland. Entstehung und Entwicklung 1970 - 2000 11 , Drogenpolitik 12 und Drogen und Drogenpolitik. Ein Handbuch 13 die DDR mit keinem Satz oder nur sehr rudimentär beachtet wird. Für dieses „Versäumnis“ gibt es gemäß den vorliegenden Informationen zwei „mildernde Umstände“. (1) Das Thema wurde offensichtlich als uninteressant, marginal oder unwichtig angesehen. Wenn die DDR wissenschaftlich erfasst, aufgearbeitet und dargestellt wurde, galt die Aufmerksamkeit vor allem der Herrschaftsgeschichte, also der Parteiherrschaft der SED, dem Überwachungsstaat und der Kommandowirtschaft. 14 Das Hauptaugenmerk der empirischen Untersuchungen aus der DDR, die ab den 60er Jahren insbesondere von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften und der Akademie der Wissenschaften der DDR, beide in Berlin ansässig, von der Martin-Luther-Universität in Halle sowie vom frisch gegründeten Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig erbracht wurden, richtete sich ebenfalls nicht auf das Thema Drogen(politik). Von Interesse waren vielmehr Untersuchungen, in denen der Arbeitsalltag in Industrie, Dienstleistung und Landwirtschaft mit Fragen zur Zufriedenheit mit den Arbeits- und Lebensbedingungen oder zum wissenschaftlich-technischen Fortschritt in der DDR fokussiert wurde. 15 (2) Neben der einseitigen inhaltlichen Ausrichtung der westwie ostdeutschen DDR-Forschung kommt hinzu, dass die Erhebungen aus der DDR zum Großteil als ideologisch unterhöhlt und unrepräsentativ betrachtet werden müssen und somit für eine sachlich-korrekte wissenschaftliche Aufbereitung prinzipiell unbrauchbar sind. 16 Die Realität der Lebensverhältnisse in der DDR sollte im Spiegel der Wissenschaft nicht erkennbar werden, insbesondere dann nicht, wenn es dabei um Drogenabhängigkeit geht. 17 Um allen potentiellen Gefahren aus dem Weg zu gehen, wurden, wie es sich für einen guten
9 In: Zeit Geschichte, Heft „1989“, 2/2009, S. 86-90.
10 BEHR u. a. 1985. Selbst das Kapitel Kleiner Blick über Europa (S. 54 bis 56) ignoriert die DDR.
11 SCHMIDT 2003.
12 JUNGBLUT 2005.
13 SCHEERER/VOGT 1989
14 KAMINSKY 2003, S. 246f.
15 Vgl. GENSICKE 1992, S. 2f.
16 Näheres dazu bei GENSICKE 1992, S. 9.
17 Dies zeigt sich besonders gut in der Alkoholpolitik der DDR, auf die Kapitel 6 näher eingehen wird.
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Arbeit zitieren:
Michael Dengler, 2009, Über die Drogenpolitik in der ehemaligen DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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