dem Tod Stalins im Jahr 1953 3 . Im Jahr 1956 wurde diesen reformpolitischen Ansätzen durch den XX. Parteitag der KPdSU weiterer Raum zur Entfaltung geöffnet.
Der erste Parteitag der KPdSU nach dem Tod Josef Stalins 1953 sollte eine erdbebenhafte Wirkung für die politische Stimmung der Sowjetunion und DDR haben. Als Nikita Sergejewitsch Chruschtschow am 25. Februar 1956 seine Rede „Über den Personenkult und seine Folgen“ verlas, wurde dies die erste Abrechnung mit dem System Stalin. Chruschtschow benannte zum ersten Mal offiziell die millionenfachen Verhaftungen und Verfolgungen unter Stalins Herrschaft, benannte dessen tiefe
Schuld an der Krise der Landwirtschaft sowie der Entstehung des Personenkults um Stalin. Es sei dem Geiste des Marxismus-‐Leninismus fremd gewesen eine Person herauszuheben und „sie in eine Art Übermensch mit übernatürlichen, gottähnlichen Eigenschaften zu verwandeln“ 4 . Doch obwohl die Einsicht, Stalin als Despoten zu klassifizieren und das um ihn entstandene System zu kritisieren zunächst eindimensional blieb, sollte die Rede nachhaltige Wirkung haben. Der Parteitag hatte in der DDR, nach dem ersten Schock, auflockernde Wirkung und innerhalb der SED entwickelte sich eine offenere politische Diskussion. Walter Ulbricht konstatierte bereits einen Monat nach dem Parteitag der KPdSU, es sei notwendig, die eigene Parteiarbeit zu überprüfen 5 . Auch der Philosoph und Zeitzeuge Ernst Bloch versprach sich von den Ereignissen des XX. Parteitages der KPdSU Ergebnisse für die Kultur-‐ und Parteitagpolitik der DDR. Bloch spricht dabei von der Aufhebung des Trugschlusses, die Partei habe immer Recht und erkennt im Parteitag den Arbeitsauftrag zur offenen Fehlerdiskussion 6 . Doch genauso wie Ulbrichts Versprechung leer blieb, so sollten auch Blochs Hoffnungen auf die Entstehung einer vermeintlich offeneren Diskussionsplattform innerhalb des Staates und der SED unerfüllt bleiben.
Für die Intellektuellen und Studenten der DDR stellte der XX. Parteitag der KPdSU vor allem eine Chance auf mehr Freiheiten dar. Der sowjetische Parteitag schien neue sozialistische Reformen realisierbar zu machen und eine andere Politik der SED zu erlauben. Viele Künstler hofften sogar auf die Aufhebung der auf dem 8. Parteitag des Zentralkomitees der SED 1951 getroffenen Limitierungen der literarischen Kunst. In der Tat rehabilitierte die SED-‐Führung nach dem XX. Parteitag der KPdSU 691 ehemalige Sozialdemokraten und entließ fast 12000 Häftlinge 7 aufgrund veränderter politischer Bedingungen. Die im Juli 1956 stattfindende 28. Plenartagung des ZK der SED erwirkte außerdem die
3 Vgl. ebd., S. 436.
4 Chruschtschow, Nikita Sergejewitsch: Über den Personenkult und seine Folgen. Rede vom 25. Februar 1956, in: Gabert, Josef/Prieß, Lutz (Hrsg.): SED und Stalinismus, S. 8.
5 Vgl. Diskussionsrede Walter Ulbrichts auf der Berliner Bezirksdelegiertenkonferenz der SED vom 17. März 1956, zitiert nach: Gabert, Josef/Prieß Lutz (Hrsg.): SED und Stalinismus, S. 127.
6 Vgl. Bloch, Ernst: Über die Bedeutung des XX. Parteitages, in: Crusius, Reinhard/Wilke, Manfred (Hrsg.): Entstalinisierung, S. 424; S. 430.
7 Vgl. Kieslich, Lothar: Kommunisten gegen Kommunisten, S. 28. 2
politische Rehabilitierung des SED-‐Funktionärs Franz Dahlem. All diese positiven Zeichen musste zweifelsohne erhebliche Wirkung auf die Intellektuellen der DDR gehabt haben. Mit Einsatz des „Tauwetters“ schienen sie sich immer größere Handlungsspielräume zurückerobern zu können. Besonders der vom eingangs erwähnten Wolfgang Harich veröffentlichte Text „Plattform eines besonderen deutschen Weges zum Sozialismus“ ist Ausdruck dieses wiedergewonnen künstlerischen Mutes. Die politische Denkschrift, von Harich 1956 veröffentlicht und an führende SED-‐Mitglieder, darunter Walter Ulbricht, versandt, forderte die Umgestaltung der SED und eine Befreiung der Partei von Dogmatisierungen 8 . Im Bereich der Kultur forderte Harich die Auflösung der Ministerien für Kultur und Volksbildung sowie des Amtes für Literatur-‐ und Verlagswesens und sprach sich unmissverständlich für eine maximale Dezentralisierung der Kultur der DDR aus. Doch Harichs Forderungen stießen in der SED-‐Führung rund um Walter Ulbricht auf wenig Gegenliebe und im Angesicht des Ungarn-‐Aufstandes im November 1956 wurden die eigentlichen Reformisten wie Bloch und Harich zu Revisionisten erklärt.
So viel sich die Intellektuellen der DDR vom Ereignis des XX. Parteitages der KPdSU versprachen, so wenig war die DDR-‐Führung bereit diesen Forderungen mit Zugeständnissen entgegenzukommen. Der Begeisterung des Zeitzeugen Ralph Giordano über den „Kongreß Junger Künstler“ und der dort getroffenen Feststellung, Künstler in der DDR seien zu entpersönlichten Wesen geworden 9 , steht die Linientreue der DDR-‐Regierung gegenüber. Innerhalb der SED entwickelte sich nach dem XX. Parteitag eine heftige Diskussion darüber, inwieweit die Rede Chruschtschows Folgen für die ostdeutsche Innenpolitik haben müsse. Ulbricht war bestrebt reformistische Züge wenn möglich zu
verhindern, sie in jedem Falle aber hinauszuzögern. Zu groß war die Angst nach einer erneuten Welle der Kritik wie sie der 17. Juni 1953 in Form einer Reaktion der Arbeiterschaft erzeugt hatte. Spätestens mit der bereits erwähnten Verhaftung Wolfgang Harichs im Oktober 1956, der Verhaftung der „Harich-‐Gruppe“ zwischen November 1956 und März 1957 und der Zwangsemeritierung Ernst Blochs 1957 wurden die Hoffnungen auf eine reformorientierte Liberalisierung der Künste und Wissenschaften zerstört.
Entstalinisierung, Konsolidierung und Inhaftierungen
Es bleibt die Frage, inwieweit die Prozesse ab dem März 1956 als Prozess der „Entstalinisierung“ bezeichnet werden können. Zum einen erleichterte der XX. Parteitag den Umgang mit der Thematik Stalin in der DDR und eröffnete einen begrenzten offenen Austausch im Rahmen der sowjetischen Geschichte. Wie die Haftentlassungen 1956 als Reaktion auf Chruschtschows erstmaliger Kritik am
8 Vgl. Kieslich, Lothar: Kommunisten gegen Kommunisten, S. 48.
9 Vgl. Giordano, Ralph: Die Partei hat immer Recht, S. 196-‐197. 3
Arbeit zitieren:
Thomas Schulze, 2009, Auswirkungen des XX. Parteitages der KPdSU – Debatten um Entstalinisierung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg: neuer Titel erschienen: Auswirkungen des XX. Parteitages der KPdSU – Debatten um Entstalinisierung
Thomas Schulze hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare