ihnen die zurückgekehrten Intellektuellen Bertolt Brecht, Anna Seghers, Ernst Bloch und Hans Mayer, sah im Kapitalismus und Imperialismus die quasi-‐faschistischen Ursachen des Zweiten Weltkrieges und der NS-‐Diktatur 4 . Desweiteren traf eine antifaschistische Staatskonzeption den Zeitgeist. Die spezifisch deutschen Vorbedingungen, die Schuldgefühle innerhalb der Bevölkerung aufgrund der Mittäterschaft während des Nationalsozialismus und das Bewusstsein über die Notwendigkeit eines Neuanfangs, gaben der antifaschistischen Staatsausrichtung ihre Existenzberechtigung.
Doch entsprach die zwingende Flucht in den Antifaschismus der mehrheitlichen Empfindung und Wunsch der Bevölkerung? Brinks merkt dazu an, dass lediglich ein Prozent der ostdeutschen Bevölkerung aus Veteranen des antifaschistischen Widerstandskampfes bestand und diese Gruppe, neben Exilheimkehrern wie Ulbricht, den Mythos vom einzigen echten antifaschistischen Staat auf deutschem Boden prägte 5 . Der sowjetische Mythos vom „Sieger der Geschichte“ und seine enge Verbindung mit dem antifaschistischen Kampf erschafften eine Drucksituation. Die Kommunisten sprachen von Kollektivschuld und verlangten Sühne, boten aber gleichzeitig Vergebung an. „Sie bestraften die obersten Nazifunktionäre und gewährten den Mitläufern Entlastung, indem sie sie zur Bewährung im neuen Staat aufforderten 6 “. Die Strategie funktionierte. Antifaschismus wurde zum kleinsten gemeinsamen Nenner von Staat und Gesellschaft. Beide Seiten hielten ihn für notwendig, für die SMAD und spätere DDR-‐Regierung stellte er zunächst ein legitimes Mittel zur Staatsbildung dar, für die Bevölkerung schien ein Neuanfang ohne völlige Zerschlagung der Grundstruktur der Gesellschaft angemessen zu sein.
Interessant bleibt in diesem Zusammenhang vor allem die Frage, warum sich Autoren wie Fühmann 1973, Wolf 1976 und Kant im Jahr 1977 dazu entschieden, die Thematik der Vergangenheitsauseinandersetzung im Kontext der nationalsozialistischen Identität zu literarisieren. Dabei erscheinen zwei Deutungszusammenhänge plausibel. Zum ersten wirkten die Liberalisierungstendenzen und Kurskorrekturen, die durch die Wahl Erich Honeckers 1971 zum Generalsekretär des ZK der SED eingeleitet wurden, nach und schufen so die Basis, um problemorientierte und kritische Vergangenheitsromane und Prosa schreiben und veröffentlichen zu können. Auch der kurz nach Einsetzung Honeckers stattfindende VIII. Parteitag der SED verstärkte diese Liberalisierungssignale. Zum zweiten wuchs das öffentliche Interesse an einer Auseinandersetzung mit der NS-‐Vergangenheit und dem Holocaust seit Ende der sechziger Jahre. Jurek Beckers „Jakob der Lügner“, Fred Wanders autobiographische Schilderung seines Aufenthalts im KZ Buchenwald und die späte Erlaubnis an Frank Beyer die Dreharbeiten an der Umsetzung
4 Grunenberg, Antonia: Antifaschismus - ein deutscher Mythos. Reinbek 1993, S. 127.
5 Vgl. Brinks, Jan Herman: Political Anti-‐Fascism in the German Democratic Republic, S. 209.
6 Grunenberg, Antonia: Antifaschismus - ein deutscher Mythos, S. 132. 2
Beckers Roman abzuschließen unterstreichen diese Tendenz. Es gab nun eine Generation, welche die Umstände und Schrecken des Nationalsozialismus nicht direkt miterlebt hatte und Interesse an der für sie fremden Vergangenheit entwickelte.
Antifaschismus in „Kindheitsmuster“
Die Veröffentlichung des Romans „Kindheitsmuster“ im Jahr 1976 war von gesellschaftlichen Tabus umgeben, Christa Wolf betrat literarisches Neuland. Kern der Geschichte bildet die Wandlung eines Kindes, Nelly, zur nationalsozialistisch beeinflussten Jugendlichen. Wolf ging es allerdings weder darum die Figur der Nelly als reines Produkt ihrer Umwelt zu skizzieren, noch eine kommunistische Siegergeschichte zu erzählen. Der Roman, wird auf vier Zeitebenen erzählt - 1933-‐1947, Reise nach Polen 1971, Schreibprozess 1972-‐1975 und Gegenwartsebene 7 - und bewegt sich stets zwischen Erinnern und Vergessen, er erzählt eine Geschichte von Prägung und Selbsterkenntnis.
Von Anfang an war klar, „dass ein Antifaschismus auf Schwierigkeiten stoßen würde, der als subjektive, innere Auseinandersetzung betrieben wurde“ 8 . Die bestehende Konzeption des Antifaschismus in der DDR, und ihre Idee der Einheit der sozialen, kulturellen und politischen Kräfte schaffte ein Fundament, welches die Literaten in ein Netz von Machtstrukturen einband und Kritik an der offiziellen Linie unmöglich machte. Wolf hingegen sah ihre Aufgabe mit „Kindheitsmuster“ eher darin zu erklären, wie und warum Menschen zum Teil des Systems Faschismus wurden 9 , anstatt die spätere Wandlung vom faschistischen zum sozialistischen Mitglied der Gesellschaft zu erzählen, die der Parteispitze vorschwebte. Dieser literarischer Anspruch an die Schriftsteller bezog seine Berechtigung vor allem aus der eigenen Geschichte: 1929 geboren, gehörte Christa Wolf zu einer Generation, die bei Kriegsende mit der Forderung konfrontiert wurde, diejenigen zu entdecken, die Opfer geworden waren und diejenigen, die Widerstand geleistet haben 10 . Doch Wolf wollte keine solche Geschichte schreiben. Die Erzählfigur Nelly wurde keineswegs Opfer fremder Anschauungen,
sondern stellt ihre eigene Sicht oft genug in Frage. Sie entspricht nicht dem klassischen Stereotyp: Sie wächst nicht in einer deutlich nationalsozialistisch geprägten Umwelt auf, ihre Eltern sind Sozialdemokraten und auch sie buhlt, wie viele ihrer Klassenkameraden, um die Aufmerksamkeit ihre Lehrervorbilder Warsinski und Strauch. Immer wieder führt Wolf im ersten Kapitel Situationen vor, in denen Nelly wichtige Einsichten über ihre Umwelt hätte sammeln können, in denen sie aber stets nur das Erwünschte wahrnimmt. Trotz Nellys Erkenntnis, dass die antisemitischen Vorurteile und
7 Vgl. Opitz-‐Wiemers, Carola: s. v. Christa Wolf. In: Opitz, Michael/Hofmann, Michael (Hrsg.): Metzler Lexikon DDR Literatur. Autoren - Institutionen - Debatten. Stuttgart 2009, S. 367.
8 Magenau, Jörg: Christa Wolf. Eine Biographie. Berlin 2002, S. 249.
9 Pinkert, Anke: Pleasures of Fear. Antifascist Myth, Holocaust, and Soft Dissidence in Christa Wolf’s Kindheitsmuster. In: The German Quarterly. Nr. 76, 1-‐4/2003, S. 27.
10 Vgl. Opitz-‐Wiemers, Carola: s. v. Christa Wolf, S. 367. 3
Einstellungen fremden Ursprungs sind, übernimmt sie diese, um mit ihrer Umwelt im Einklang zu leben. Ihre Wandlung zum nationalsozialistisch geprägten Mädchen vollzieht sich mit einer „unheimlichen Unmerklichkeit“ 11 .
Ähnlich wie Hermann Kant in seinem Roman „Der Aufenthalt“ von 1977 geht es Wolf in „Kindheitsmuster“ vor allem um die Schilderung von Prägungen und die Erklärung der hierdurch bedingten Haltungen in der Gegenwart 12 . Problematisch ist dieser Ansatz vor allem in Bezug zum gesellschaftsumfassenden Phänomen des Antifaschismus als Teil der DDR-‐Ideologie. Denn im Gegensatz zum Staatsmythos der DDR vom kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus und dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges einsetzenden kollektiven Wandlungsprozesses, plädiert „Kindheitsmuster“ für eine Anerkennung und Sichtbarmachung der nationalsozialistischen
Vergangenheit der Bürger beider deutscher Staaten 13 . Christa Wolf versucht sich in ihrem Roman gerade an diesem diffizilen Unterfangen: Sie erzählt ein zweischichtige Trauergeschichte, in der sich die Erzählfigur mit jenen Prägungen aus ihrer nationalsozialistischen Jugend auseinandersetzt, die neben dem Austausch der „bewussten Denkinhalte“ 14 in ihrem Unbewussten erhalten geblieben sind, und versucht gleichwohl zu ihrem wahren Selbst zu finden, dass unter dieser Schicht von Prägungen in frühester Jugend unterdrückt wurde. „Kindheitsmuster“ stellt die kindliche Sozialisierung als Teil der nationalsozialistischen Gesellschaft vornehmlich als innerfamiliären Prozess dar, eine Darstellung, die den Erklärungsansätzen der Faschismustheorie in Bezug auf den Einfluss von Massenmedien, Konsumgesellschaft und Imperialismus klar widerspricht 15 . Die Quintessenz des Buches widerstrebt der Idee des kollektiven Antifaschismus in jeder Weise: Die Verhaltensmuster und Dogmas des Nationalsozialismus sind, auch nach Ende des Regimes und nach Beginn eines neuen Lebens im neuen Staat, weiter Teil des Alltags und Teil der individuellen Erinnerung und Prägung.
Antifaschismus in „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“
Franz Fühmanns 1973 veröffentlichte Prosa „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ sollte für den Autor zu einer wichtigen Standortbestimmung werden. Das Buch, zunächst als lose Sammlung von Reisenotizen und Tagebucheinträgen geplant, entwickelte sich im Laufe seiner Erarbeitungsphase zu einer kritischen Selbstbefragung Fühmanns. Fühmann gelang mit seiner Prosa ein literarischer Neuanfang, nachdem die Ereignisse in Prag 1968 und der Einzug der Warschauer-‐
11 Wittstock, Uwe: Über die Fähigkeit zu trauern. Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fühmann. Frankfurt am Main 1987, S. 123.
12 Vgl. Gabler, Wolfgang: s. v. Hermann Kant. In: Opitz, Michael/Hofmann, Michael (Hrsg.): Metzler Lexikon DDR Literatur. Autoren - Institutionen - Debatten. Stuttgart 2009, S. 157.
13 Vgl. Pinkert, Anke: Pleasures of Fear, S. 26.
14 Wittstock, Uwe: Über die Fähigkeit zu trauern, S. 122.
15 Vgl. Ebd., S. 126. 4
Arbeit zitieren:
Thomas Schulze, 2010, Mythos Antifaschismus? Ein Mythos im Spiegel von „Kindheitsmuster“ und „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“, München, GRIN Verlag GmbH
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