Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Theoretische Grundlagen. 3
3 Methode. 5
4 Erhebung und Analyse empirischer Daten. 6
4.1 Empirische Datenerhebung. 6
4.2 Analyse der empirischen Daten. 7
4.2.1 Formale Analyse. 7
4.2.2 Inhaltliche Analyse. 10
4.2.2.1 Kategorie „Beziehungen/Liebe“ 12
4.2.2.2 Kategorie „Sexualität“ 13
4.2.2.3 Kategorie „Beschimpfungen“ 15
4.2.2.4 Kategorie „Lebensweisheiten“ 16
4.2.2.5 Kategorie „Uni/Studium“ 17
4.2.2.6 Kategorie „Religion“ 19
4.2.2.7 Kategorie „Kommunikation“ 21
4.2.2.8 Kategorie „Krankheiten“ 22
4.2.2.9 Kategorie „Politik“ 24
4.2.2.10 Kategorie „Sonstiges“ 25
5 Auswertung von Interviews. 27
6 Versuch der Modellbildung für Toilettenwandkommunikation. 30
7 Fazit. 35
8 Literaturverzeichnis. 38
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1 Einleitung
Als besonders interessante und reizvolle Art der Kommunikation fiel mir bei der Suche nach einer näher zu analysierenden Kommunikationsform die Kommunikation an den Wänden der Damentoiletten der Universität Bielefeld auf. Zu diesem Thema gab es bisher vergleichsweise wenig Literatur, obwohl es sich um eine Art der Kommunikation handelt, die den Besucherinnen der Universität Bielefeld täglich begegnet. Es werden Probleme und Meinungen über das Medium „Toilettenwand“ ausgetauscht und somit ein Stück des aktuellen Zeitgeschehens wiedergegeben. Gelegentlich verleiteten die Sprüche sogar dazu, sie weiterzuerzählen oder nachträglich über besonders provokante Statements zu diskutieren. Aus diesen Gründen habe ich mich dazu entschlossen, die Kommunikation an den Toilettenwänden im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit ausführlich zu analysieren.
2 Theoretische Grundlagen
Im Folgenden soll die Kommunikation an den Wänden der Damentoiletten der Universität Bielefeld in das Modell eines Kommunikationssystems von Hans Strohner eingebettet werden. Da es sich bei den Toiletten der Universität Bielefeld um öffentliche Toiletten einer Organisation handelt, fällt diese Art der Kommunikation unter organisationale Kommunikation, die auch gleichzeitig immer Aspekte interpersonaler Kommunikation beinhaltet. Da die Toiletten jedoch nicht nur den Mitgliedern der Organisation zugänglich sind, hat die Kommunikation an den Toilettenwänden ebenfalls einen leicht öffentlichen Charakter. Auch diese Mischform der Kommunikationsarten kann mittels des Kommunikationssystems von Hans Strohner hervorragend erklärt werden.
Kommunikation wird in der Wissenschaft allgemein „als ein Prozess im Rahmen eines Systems konzeptualisiert“ 1 , das dynamisch, d.h. durch die Situation veränderbar ist. Im Falle der Kommunikation an den Wänden von öffentlichen Toiletten verändert sich die Situation -und damit das System - einerseits dadurch, dass immer neue Sprüche hinzukommen, auf welche die Informationsrezipienten eingehen können und andererseits durch die Reinigung der Toilettenwände, bei der viele alte Sprüche verloren gehen.
1 Strohner, Hans: Kommunikation. Kognitive Grundlagen und praktische Anwendungen. Wiesbaden (2001): Westdeutscher Verlag. S. 12.
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Die Kommunikation an Toilettenwänden ist weniger dynamisch als Face-to-Face-Kommunikation, bei der sich die Partner direkt gegenüberstehen und abwechselnd antworten, da es meist länger dauert, bis der Informationsrezipient die Information des Informationsproduzenten an der Toilettenwand aufnimmt und gegebenenfalls antwortet. Dennoch ist die Dynamik des Systems von großer Bedeutung, da durch Eingriffe von außen, wie zum Beispiel die Reinigung der Toilettenwände, wichtige Informationen verloren gehen. So sind einige Sprüche noch gut lesbar, während die Sprüche, auf die sie sich einmal bezogen haben, fehlen, weshalb der Referenzbereich manchmal beim Lesen nicht eindeutig zu erschließen ist.
Bei der Kommunikation an Toilettenwänden gibt es, wie im Kommunikationssystem aufgeführt, mindestens zwei Kommunikationspartner, nämlich einen
Informationsproduzenten, der einen Spruch an die Wand schreibt und einen Informationsrezipienten, der über das Medium „Toilettenwand“ Information aufnimmt. Bei diesen Kommunikationspartnern handelt es sich nicht so sehr um einzelne Personengruppen, „sondern im Prinzip [um] die gesamte Bevölkerung einer Kommune, einer Region oder des ganzen Landes“ 2 , oder in diesem speziellen Fall um alle Benutzer der Universitätstoiletten, die oftmals - aber nicht zwangsläufig - der Organisation „Universität“ angehören.
Wie es laut Strohner häufig bei organisationaler und öffentlicher Kommunikation der Fall ist, spielen auch bei der Kommunikation an Toilettenwänden Aspekte interpersonaler Kommunikation eine große Rolle, da die Informationsproduzenten nicht nur über Dinge reden, die die Organisation selbst betreffen, oder die die Organisation selbst in ihrem Ziel, der Bildungsvermittlung, unterstützen, sondern auch viele private Probleme diskutieren. Die Kommunikation wird erst dadurch öffentlich, dass der Informationsproduzent sich nicht gezielt an einen einzelnen Rezipienten richtet, sondern an die „Öffentlichkeit“ bzw. die Mitglieder der Organisation. Mit der eigenen Äußerung an der Toilettenwand übt der Informationsproduzent einen - wenn auch geringen - Einfluss auf die öffentliche Meinung aus. Daher geht diese Art der Kommunikation über interpersonale Kommunikation hinaus, wenn sie sich auch oftmals mit dieser überschneidet.
Die Informationsrezipienten haben eine aktive Rolle und können noch viel direkter als bei öffentlicher Kommunikation per Fernsehen oder Radio an der Kommunikation teilnehmen
2 Ebd.: S.113.
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und durch eine Antwort auf das Rezipierte sogar selbst wieder zu Informationsproduzenten werden und somit die öffentliche Meinung zu einem kleinen Teil mitprägen. Durch die Interaktion vieler Interaktionspartner ergibt sich am Ende als Ergebnis an den Toilettenwänden etwas, das insgesamt gesehen einen kleinen Teil der öffentlichen Meinung ausmacht. Die Kommunikation verläuft außerdem asymmetrisch, da sich nicht jeder Toilettenbenutzer in gleichem Maße an ihr beteiligt. Einige Personen rezipieren nur das Geschriebene, andere werden in unterschiedlich stark ausgeprägtem Umfang wieder zu Informationsproduzenten. Außerdem verfügen nicht alle Kommunikationspartner über das gleiche Weltwissen oder das gleiche Wissen über den Referenzbereich.
Das gewählte Medium „Toilettenwand“ trägt dazu bei, dass die Kommunikation schriftlich und nicht mündlich geführt werden muss. Vorhandene Hierarchien, die innerhalb der Organisation „Universität“ vorherrschen, spielen bei der Kommunikation an den Toilettenwänden eine untergeordnete Rolle, da über das Medium „Toilettenwand“ nicht sofort erkennbar ist, welche Rolle der Informationsproduzent in der Organisation hat oder ob er überhaupt zur Organisation gehört.
Eine der Hypothesen, die in dieser Arbeit überprüft werden sollen, ist, dass die Referenzbereiche bei der Kommunikation an Damentoiletten sehr vielfältig und weitreichend ausfallen. Die Vermutung ist, dass an Frauentoiletten über viele verschiedene Gegenstände, Themen und Probleme geschrieben und sogar diskutiert wird, wobei auch oft Ratschläge eingeholt werden und eine hohe Emotionalität der Kommunikation erreicht wird. Eine zweite Hypothese bezieht sich auf die Reaktion der Rezipientinnen auf die Toilettensprüche. Es wird erwartet, dass die meisten Rezipientinnen die Sprüche lesen und die Diskussionen mit Interesse verfolgen. Dennoch wird vermutet, dass die meisten Rezipientinnen nicht selbst zu Informationsproduzentinnen werden, sondern oftmals in ihrer Rolle als Leserinnen bleiben.
3 Methode
Zur Überprüfung der formulierten Hypothesen möchte ich mich zweier quantitativer Methoden bedienen, nämlich einerseits der Inhaltsanalyse, andererseits der Umfrage. Bei der Inhaltsanalyse sollen die empirisch gewonnenen Daten in verschiedene Kategorien eingeteilt und in Hinblick auf ihren Referenzbereich und auf ihre jeweilige kategoriale Zugehörigkeit
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untersucht werden. Bei der Umfrage dagegen sollen Frauen zum Thema „Kommunikation an Toilettenwänden“ interviewt werden.
Mit Hilfe der Auswertung der empirischen Daten und der in den Interviews erlangten Informationen soll abschließend ein Modell für die Kommunikation an den Toilettenwänden in der Universität Bielefeld erstellt werden, das versuchen soll, zu erklären, aus welchen Gründen und worüber am Medium Toilettenwand diskutiert wird.
4 Erhebung und Analyse empirischer Daten
Um gezieltere Aussagen über die Kommunikation an den Wänden der Damentoiletten der Universität Bielefeld machen zu können, wurde für diese Arbeit eine Fülle von Datenmaterial erhoben, das exemplarische Aussagen über die Kommunikation an den Universitätstoilettenwänden von Frauen zulassen und später neben Interviews zur Modellbildung herangezogen werden soll.
4.1 Empirische Datenerhebung
Die Erhebung der empirischen Daten für diese Arbeit erfolgte, indem alle Sprüche und Skizzen, die an den Damentoiletten der Universität Bielefeld vorzufinden waren, sorgfältig abgeschrieben und datiert wurden. Rechtschreibfehler wurden dabei mit übernommen. Teilweise fehlten einige Worte in manchen Sprüchen, da die Wände mit Reinigungsmitteln bearbeitet wurden. Aus diesem Grund sind an einigen Toilettenwänden Sprüche zu lesen, die sich einmal auf Aussagen bezogen haben, die mittlerweile jedoch schon nicht mehr vorhanden sind. Trotzdem wurden nur teilweise vorhandene Sprüche und Sprüche, deren Referenzbereich nicht mehr klar zu rekonstruieren war, der Vollständigkeit halber mit bei der Datenerhebung aufgenommen. Insgesamt waren an den Damentoiletten der gesamten Universität 291 Sprüche zu finden. An fast allen Toilettenwänden war jedoch erkennbar, dass diese einmal mit wesentlich mehr Sprüchen versehen waren. Die Toiletten werden in regelmäßigen Abständen gereinigt, was die Erhebung von Daten erschwerte, da sich umfangreichere Diskussionen auf diese Art und Weise nur schwer entwickeln konnten und daher auch nur an den Haupttoiletten zu finden waren, die auch am häufigsten genutzt werden. Hier werden die Sprüche einerseits von den meisten Leuten gelesen, andererseits besteht auch die beste Gelegenheit, unbeobachtet neue Sprüche zu produzieren, da es nicht
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nur zwei Toilettenkabinen, wie in den einzelnen Fakultäten, sondern 20 regelmäßig genutzte Kabinen gibt.
4.2 Analyse der empirischen Daten
Die Analyse des erhobenen Datenmaterials soll in zwei Schritten erfolgen. Einerseits sollen die formalen Unterschiede der Kommunikation an den Toilettenwänden herausgearbeitet werden, andererseits sollen die Sprüche auf ihre inhaltlichen Aussagen hin untersucht werden. Dazu wurden verschiedene Kategorien erstellt, denen die einzelnen Sprüche jeweils zugeordnet wurden. Begonnen wird nun mit einer knappen formalen Analyse.
4.2.1 Formale Analyse
An den Wänden der Damentoilette in der Universität Bielefeld waren insgesamt 291 Sprüche und 21 Zeichnungen zu finden. Der größte Teil der Sprüche, nämlich 260, war in der Amtssprache Deutsch verfasst, die ja auch überwiegend zur Lehre in der Organisation verwendet wird, wenn man vom Fremdsprachenunterricht absieht. Das macht insgesamt 89,3% der gesamten Sprüche aus. Weitere 8,2% (24 Sprüche) waren in englischer Sprache geschrieben. Neben einigen Mischformen aus Deutsch und Englisch waren ein türkischer sowie ein dänischer Spruch die einzigen Ausnahmen, die nicht in einer der beiden Sprachen abgefasst waren. Zweimal konnte nicht eindeutig geklärt werden, in welcher Sprache der Spruch abgefasst war bzw. ob es sich nicht nur um eine Aneinanderreihung mehrerer Kürzel handelte.
Des Weiteren ließen sich die Sprüche formal dadurch unterscheiden, ob sie an die Öffentlichkeit, bzw. alle Benutzerinnen der Universitätstoiletten, oder nur an eine einzelne Person gerichtet waren. Auf Grund des gewählten Mediums Toilettenwand, das für alle öffentlich zugänglich ist, ließ sich bereits im Voraus vermuten, dass es seltener Sprüche gibt, die gezielt an eine bestimmte Person gerichtet sind. 93,4% der Sprüche richteten sich an alle Benutzerinnen der Toiletten, während 6,6% der Sprüche nur eine einzige Person ansprachen.
Unter den 6,6% der Sprüche, die sich an eine einzelne Person richteten, waren sechs Liebesbekenntnisse und dreizehn sonstige persönliche Anreden. Bei den Liebesbekenntnissen kann man jedoch, da diese in allen Fällen an Männer gerichtet waren, die keinen Zugang zu den Toiletten haben, davon ausgehen, dass sie nicht wirklich an den Geliebten adressiert waren, sondern eher wie eine allgemeine Aussage zu lesen sind, wie ein öffentliches Kundtun
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des eigenen Gefühls für eine bestimmte Person. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Sprüche oft wie der folgende auf den ersten Blick wie eine persönliche Anrede aussahen:
Vielmehr hat der Spruch hier eher die Funktion, kundzutun, dass die Schreiberin Serkan liebt, nicht aber, ihm das persönlich zu sagen, auch wenn hier das „dich“ eindeutiges Anzeichen einer direkten Anrede ist.
Bei den dreizehn anderen persönlich adressierten Sprüchen handelt es sich einmal um einen bloßen Gruß der Sekretärin („Hallo Frau Steffmann“ - C6-134), fünfmal um Sprüche, die wie ein persönlicher Brief an eine Person adressiert sind, wobei nur in einem Fall eine Antwort erfolgt, und sieben Sprüche sind als eine Art Serie anzusehen, bei denen sich Dolly und Helly auf verschiedenen Kabinen der großen Universitätstoilette in der Eingangshalle Lebensweisheiten schreiben. Auch diese sechs Sprüche sind also in einer Art Briefform verfasst, allerdings nicht nur einmal zu finden, sondern an vielen Toiletten. Da die Briefe nummeriert sind und ein Brief mit „Teil 11“ versehen ist, ist davon auszugehen, dass mehrere Sprüche an Helly bereits wieder vernichtet wurden, sich aber einmal an vermutlich fast jeder Kabine der Damentoilette im Eingangsbereich ein Spruch der beiden Schreiberinnen befunden hat. Inhaltlich sind die „Spruchwechsel“ der beiden immer gleich aufgebaut:
„Teil 11:
Hallo Helly my ☼shine
Die Menschen haben gelernt zu fliegen wie die Vögel u. zu schwimmen wie die Fische, doch sie haben nicht gelernt zu leben wie Schwestern (Brüder?)“ 4
Die Sprüche sind immer mit einer Nummer überschrieben, die verrät, um den wievielten Teil der Sprüche zwischen Dolly und Helly es sich handelt. Dann folgt die Anrede Hellys, die jedes Mal gleich lautet. Abschließend wird jeweils eine Lebensweisheit aufgeführt. Sprüche, die in dieser Art und Weise an Helly adressiert wurden, sind insgesamt fünfmal erhalten, wobei teilweise nur noch die Anrede lesbar war. Briefe von Helly an Dolly fanden sich dagegen nur zweimal. Einer davon lautete wie folgt:
3 Damentoilette D3-109.
4 Haupttoilette Eingangshalle. Linke Wandseite. Kabine Nummer 9.
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„Hallo, Dolly! Ein jeder soll angeblich Sehnsucht haben nach deinem schönen Gesicht, nach deinem schönen Gesicht! Deine Ex-Kollegin Helly“ 5
Ein anderes formales Merkmal, das an dieser Stelle untersucht werden soll, ist, ob auf einen Spruch geantwortet wurde. Es soll hierfür zunächst aufgezeigt werden, wie häufig Sprüche isoliert bzw. in einer Diskussion standen und dann geprüft werden, mit welchen Mitteln die Spruchproduzenten die Rezipienten zur Diskussion aufforderten und wie häufig dies der Fall war.
Problematisch bei der Analyse der Sprüche hinsichtlich isolierter oder kontextualisierter Aussagen, die sich auf andere Sprüche beziehen, ist, dass viele Äußerungen, die einst zu einer Diskussion gehörten, mittlerweile isoliert stehen, da die übrigen Sprüche zwischenzeitlich bei der Säuberung der Toilettenwände verloren gingen. Dennoch soll an dieser Stelle versucht werden, darzustellen, wie häufig auf Sprüche an Toilettenwänden geantwortet wurde.
Sprüche, die isoliert standen, kamen an den Toilettenwänden der Universität Bielefeld in 42,3% aller Fälle vor. 57,7% aller Sprüche bezogen sich auf andere Sprüche. Damit standen zwar über die Hälfte aller Sprüche in Diskussionen und nicht isoliert, es ist jedoch noch keine Aussage darüber gemacht, wie häufig es Diskussionen an den Wänden gab, da teilweise bis zu zehn Sprüche zu ein und derselben Diskussion gehörten. 73 Diskussionen waren unter den gesammelten Sprüchen noch nachweisbar, was im Vergleich zu den 123 isoliert stehenden Sprüchen weniger wäre. Es ist jedoch anzunehmen, dass auch einige der Sprüche, die nun zu den isolierten Aussagen gehören, ehemals zu Diskussionen gehört haben könnten.
Außerdem ist auffällig, dass unabhängig davon, ob auf einen Spruch geantwortet wurde, fast alle Informationsproduzenten Mittel benutzten, um eine Diskussion anzuregen. Häufig wurden Sprüche als Fragen formuliert, die eine Antwort herausfordern sollten. Allein 54 Mal fanden sich als Fragen gestellte Sprüche, auf die jedoch nicht immer geantwortet wurde und die daher teilweise zu den isoliert stehenden Sprüchen zählen, obwohl sie eindeutig die Intention der Diskussion beherbergten. Ein Beispiel für einen als Frage formulierten Klospruch, auf den auch geantwortet wurde, ist der folgende:
5 Haupttoilette Eingangshalle. Rechte Wandseite. Kabine Nummer 5.
9
„Mein Freund hat mich verlassen und ist mit einer anderen durchgebrannt! Was soll ich tun? Hilfe!“ 6
Auch direkte Aufforderungen wie „Ey Leute Schreibt mal was“ (Damentoilette B2-109) und provokante Äußerungen sind als Sprüche anzusehen, die darauf abzielen, Diskussionen anzufangen. So sind die wenigsten Sprüche einfach nur dazu gedacht, dass sie kommentarlos rezipiert werden sollen, sondern meist ist die Intention der Informationsproduzenten, auf den niedergeschriebenen Spruch auch eine Antwort zu bekommen und somit ein wechselseitiges „Gespräch“ über das Medium Toilettenwand anzuregen. Eine Ausnahme bilden lediglich Gedichte und zitierte Liedtexte, die auf Grund ihrer Reimform aus dem Rahmen fallen und daher seltener in eine Diskussion mit aufgenommen werden. Gedichte fanden sich an den Wänden insgesamt zwölfmal, wobei fünf der Gedichte Liebesgedichte waren. Lieder wurden zweimal zitiert, einmal handelte es sich um die erste Strophe eines englischen Kirchenliedes, einmal um ein türkisches Lied. Ein Beispiel für ein isoliert stehendes Gedicht, das auch nicht auf eine Antwort abzielte, ist das folgende:
(“Darkness come tonight
I have no fear of what you hold Darkness call any life You are the stories I´ve been told”) 7
4.2.2 Inhaltliche Analyse
Nachdem einige formale Aspekte der Kommunikation an den Wänden der Damentoilette der Universität Βielefeld analysiert wurden, soll nun eine inhaltliche Analyse der Klosprüche erfolgen. Hierzu werden im Folgenden Kategorien vorgestellt, denen die einzelnen Sprüche im nächsten Schritt jeweils zugeordnet werden.
6 Damentoilette U3-158.
7 Damentoilette C5-134.
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Die ausgewählten Kategorien sind „Politik“, „Sexualität“, „Religion“, „Beziehungen/Liebe“, „Kommunikation“, „Uni/Studium“, „Beschimpfungen“, „Lebensweisheiten“, „Krankheiten“ und „Sonstiges“. Zuerst soll nun dargelegt werden, wie viele Sprüche den einzelnen Kategorien jeweils zugeordnet werden konnten. Daran anschließend werden die einzelnen Kategorien genauer untersucht, um zu erkennen, welche Unterkategorien es gibt. Einige Sprüche hätten durchaus mehreren Kategorien gleichzeitig zugeordnet werden können. Hier wurden die Sprüche immer der Kategorie zugeordnet, die überwog, oder zu der die restlichen Sprüche der Diskussion gehörten. Auf diese Überschneidungen wird jedoch bei der Untersuchung der einzelnen Kategorien noch einmal eingegangen.
Am häufigsten (69 mal) waren an den Wänden der Damentoiletten der Universität Bielefeld Sprüche aus der Kategorie „Beziehungen/Liebe“ zu finden. Eng verbunden mit dieser Kategorie ist die Kategorie „Sexualität“, die mit 49 Sprüchen am zweithäufigsten vorkam. Diese beiden Kategorien machten zusammen bereits 40,5% aller Sprüche aus. „Beschimpfungen“ gab es 24 mal, dicht gefolgt von „Lebensweisheiten“ mit 23 Sprüchen. 17 Sprüche fielen unter die Kategorie „Uni/Studium“, 16 unter „Religion“ und 13 unter „Kommunikation“. „Krankheiten“ wurden elfmal diskutiert und Sprüche aus der Kategorie „Politik“ kamen neunmal vor. 38 Aussagen fielen außerdem unter die Kategorie „Sonstiges“ und 22 Sprüche konnten keiner Kategorie zugeordnet werden, da auf Grund der Säuberung der Toiletten wichtige Informationen verloren gegangen waren, die zur Zuordnung des Referenzbereiches vonnöten gewesen wären.
Diagramm 1: Einteilung der 291 Klosprüche in Kategorien.
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4.2.2.1 Kategorie „Beziehungen/Liebe“
23,7% aller Sprüche kamen aus der Kategorie „Beziehungen/Liebe“. Häufig wurden unter dieser Kategorie Probleme in vorhandenen Beziehungen diskutiert, Liebeserklärungen gemacht oder Ratschläge erbeten, wie der Geliebte zu erobern sei. Auch Liebeskummer und dessen Bewältigung wurden thematisiert. Teilweise überschnitten sich Sprüche aus dieser Kategorie mit Sprüchen aus der Kategorie „Sexualität“. Sprüche, in denen es sich um Beziehungsprobleme handelte, die sexueller Natur sind, wurden in dieser Auswertung daher in die Kategorie „Sexualität“ aufgenommen, bei den Sprüchen „Beziehungen/Liebe“ handelt es sich dagegen um Sprüche, die allein auf der emotionalen Ebene liegen und nichts mit sexuellen Aspekten von Beziehungen zu tun haben.
Am häufigsten versuchten sich die Spruchproduzentinnen mit Sprüchen dieser Kategorie Beziehungsratschläge einzuholen. Insgesamt 30 Sprüche waren Hilfegesuche oder Ratschläge zum Thema Liebe. Mit sieben Sprüchen wurde dabei das Problem angesprochen, sich in einen wesentlich älteren oder jüngeren Mann verliebt zu haben. In sieben weiteren Fällen drehte es sich ebenso um Liebe, die aus verschiedenen Gründen als problematisch angesehen wurde, wie die folgende Diskussion beispielhaft zeigt:
Acht Sprüche beschäftigten sich mit der Frage, wie der Exfreund am besten zurückzugewinnen bzw. der jetzige Freund zu halten sei, vier Ratschläge bezogen sich auf Dinge, die bei der Männerwahl zu beachten seien. Zweimal wurde Rat wegen Stress mit dem Freund gesucht und zweimal die Frage diskutiert, weshalb einige Frauen einen Partner haben und andere nicht.
Neben diesen Liebesratschlägen fielen fünfzehn Liebeserklärungen unter die Kategorie „Beziehungen/Liebe“. Achtmal fanden sich Stellungnahmen zur Frage, ob es sich überhaupt lohne, an die Liebe zu glauben, und siebenmal beschäftigten sich Sprüche mit der Frage, was
8 Damentoilette C6-134.
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Liebe überhaupt ist, wie auch die folgenden Sprüche, die nebeneinander an einer Toilette standen, belegen:
Wenn ich bei Dir bliebe obwohl ich Dich nicht ertrage. Das ist Liebe, Wenn ich Dich betrüge und es Dir hinterher sage. Das ist Liebe! Das ist Liebe!“ „Wenn Leben Liebe ist,
wie kann es sein, daß ihr das noch nicht wißt?“ 9
Des Weiteren beklagten vier Sprüche unerwiderte Liebe, vier Sprüche sagten aus, dass Frauen ohne Männer ohnehin viel besser dran seien und ein Spruch drückte den Wunsch nach einem „KERL“ (T3-158) aus.
4.2.2.2 Kategorie „Sexualität“
16,8% aller Sprüche an den Toilettenwänden fielen unter die Kategorie „Sexualität“. Hinzu kamen außerdem zwei Skizzen, einmal von einer nackten Frau, ein anderes Mal von einem nackten Männerkörper. Bei den Sprüchen handelte es sich in 24,5% der Aussagen um Äußerungen über Homosexualität. Bei den homosexuellen Aussagen handelte es sich fünfmal (41,7% aller homosexuellen Äußerungen) um eine Partnersuche zwecks sexuellen Austauschs. Auffällig hierbei war, dass auf den Damentoiletten des Fachbereichs Pädagogik/Philosophie/Psychologie viermal dieselbe Person nach sexuell gleichorientierten Partnerinnen suchte.
„Wer sucht süßes Lesben-Girl?
Tel 881409, es lohnt sich! Im Ernst! Britta“ 10
Aussagen derselben Adressatin waren außerdem noch an den Toilettenwänden der Räume T5-129, T5-158 und U5-129 zu finden, wobei letztgenannter Raum schon zum Fachbereich Soziologie gehört, der aber räumlich an den Bereich Pädagogik/Philosophie/Psychologie angrenzt. Dass Sprüche mit demselben Inhalt gezielt an mehreren Toiletten der Universität platziert wurden, war sonst nur noch in zwei anderen Fällen zu finden. Einmal im Austausch
9 Damentoilette S6-129.
10 Damentoilette T6-129.
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von Lebensweisheiten zwischen Dolly und Helly an der Haupttoilette der Universität, wobei hier die Weisheiten variierten, zum anderen ebenfalls an den Damentoiletten des Fachbereichs Pädagogik, wo eine Studentin nach einer Person suchte, die ihr die Diplomarbeit schreiben könnte. Auf diese Sprüche wird unter der Kategorie „Uni/Studium“ später noch eingegangen.
Von den Sprüchen aus der Unterkategorie „homosexuelle Sprüche“ enthielten vier Sprüche Diskussionen darüber, ob Männer oder Frauen die besseren Sexpartner seien und aus welchen Gründen.
Ein weiterer Spruch homosexuellen Inhalts beschimpfte Lesben, ein anderer widersprach der Beschimpfung. Hierauf wird unter der Kategorie „Beschimpfungen“ noch einmal eingegangen.
In 16,3% der Sprüche mit sexuellem Inhalt ging es allgemein um das Thema Sex, wobei größtenteils ein sehr vulgärer Sprachstil und häufig das Wort „ficken“ benutzt wurde, wie auch die folgende Aussage zeigt:
„Oh Oh Oh Kristana
meine Goldstück du bist ja so scharf beim Ficken Ficken Ficken Deine Schnecke“ 12
Drei Aussagen (6,1% der Sprüche aus dem Bereich Sexualität) hatten Selbstbefriedigung zum Inhalt, drei handelten das Thema „Sex mit Professoren“ ab. Weitere drei Sprüche befassten sich mit zu aufdringlichen Männern.
Eine heterosexuelle Partnersuche, bei der ein Mann nach einer Frau sucht, kam nur zweimal -und das sogar an der gleichen Toilettenkabine (S6-129) - vor, da sich Männer im Normalfall
11 Damentoilette C6-134.
12 Haupttoilette Eingangshalle. Rechte Wandseite. Kabine Nummer 8.
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ja auch nicht auf Frauentoiletten aufhalten und somit keine Gelegenheit haben, dort Sprüche zu produzieren.
Ebenfalls jeweils zwei Sprüche handelten die Themen „Spanner“ und „Jungfräulichkeit“ ab. Mit nur einem einzigen Spruch waren die Themenbereiche Schwangerschaft, Verhütung und Geschlechtskrankheiten vertreten. Außerdem gab es eine weitere sexuelle Beschimpfung.
Zehn aufeinander bezogene Sprüche handelten die sexuellen Phantasien eines Mannes in einer bestehenden Beziehung ab, zu denen die Frau die Meinung anderer Frauen einholen wollte:
Grafik 1: Diskussion über Sex mit Freund und bester Freundin. 13
Dieses Beispiel zeigt, dass zu bestimmten Themen an den Toilettenwänden durchaus umfangreiche Diskussionen entbrannten, bei denen die eigenen Meinungen kundgetan wurden oder ironische Bemerkungen folgten. Dieses Beispiel ist mit zehn aufeinander bezogenen Sprüchen die umfangreichste vorgefundene Diskussion an den Damentoiletten der Universität Bielefeld.
4.2.2.3 Kategorie „Beschimpfungen“
Unter die Kategorie „Beschimpfungen“ fielen 8,25% aller Sprüche, die an den Damentoiletten der Universität Bielefeld zu finden waren. Das beliebteste Schimpfwort, das in 33,4% aller Beschimpfungen vorkam, war die Bezeichnung „Scheiße“, „Scheiß“ oder „beschissen“, die ja
13 Haupttoilette Eingangshalle. Linke Wandseite. Kabine Nummer 4.
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Arbeit zitieren:
Kathrin Brinkmann, 2006, Kommunikation an Toilettenwänden, München, GRIN Verlag GmbH
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