Inhaltsverzeichnis
1. Entstehungshintergründe des Vietnam Veteran Memorial (S.3)
1.1 Die Gründung des Vietnam Veteran Memorial Fund (S.3)
1.2 Die gesellschaftliche Funktion des Gedenkens (S.4)
1.2.1 Das Gedenken an kontroverse Geschehnisse
1.2.2 Das individuelle und das kollektive Gedächtnis
1.2.3 Das Gedächtnis der Geschichte
2. Das Vietnam Veteran Memorial vor der Einweihung (S.7)
2.1 Wettbewerbsausschreibung (S.7)
2.2 Beschreibung des Vietnam Veteran Memorial von Maya Ling Ying (S.7)
2.2.1 Maya Ling Ying
2.3 Reaktionen auf den Denkmalsentwurf (S.9)
2.3.1 Kritik der Gegner des Abstrakten
2.3.2 Kritik der Vietnamveteranen
3. Die Modifikationsdebatte (S.10)
3.1 Die Soldatenstatue von Frederick Hart (S.10)
3.1.1 Die Beschreibung der Soldatenstatue von Frederick Hart
3.1.1.1 Frederick Hart
3.2 Die Frauenstatue von Glanna Goodacre (S.12)
3.2.1 Beschreibung der Frauenstatue von Glanna Goodacre
3.2.1.1 Kritik an der Frauenstatue von Glanna Goodacre
4. Das Vietnam Veteran Memorial nach der Einweihung (S.13)
4.1 Die Einweihung der Wall (S.13)
4.2 Interpretation des Denkmalskonzepts (S.14)
4.2.1 Funktionsweise des Denkmals
4.3 Interpretation der Modifikationsdebatte und Fazit (S.17)
5. The Other Vietnam Memorial von Chris Burden (S.17)
Literaturverzeichnis (S.19)
2
Die Arbeit stellt das Vietnam Veteran Memorial dem Denkmal “The Other Vietnam Memorial” von Chris Burden gegenüber. Zunächst werden die gesellschaftliche Funktion des Gedenkens und die Entstehungsgeschichte des Denkmals erläutert. Die Beschreibung der Funktionsweise und der Modifikationsdebatte des Denkmals sollen zeigen, wie der Vietnamkrieg, dessen zentraler Inhalt Spaltung und Dissens beinhaltet, und dessen Geschichte deshalb noch formbar ist, in der amerikanischen Gesellschaft zu einem Abschluss gebracht wird. Die Gegenüberstellung des Vietnam Veteran Memorial mit „The Other Vietnam Memorial“ von Chris Burden unterstreicht einen der zentralen Gesichtspunkte der Arbeitnämlich dass Gedenken zwangsläufig mit Vergessen einhergeht.
1. Entstehungshintergründe des Vietnam Veteran Memorial
1.1 Die Gründung des Vietnam Veteran Memorial Fund
Die Entstehung des Vietnam Veteran Memorial ist auf die Initiative des ehemaligen Kriegveteranen Jan Craig Scruggs zurückzuführen. Zeitlebens hat sich dieser mit der Stigmatisierung der Vietnamveteranen auseinandergesetzt. In einem Artikel in der Washington Post thematisiert er bereits 1977 die gesellschaftliche Randstellung der ehemaligen Veteranen und fordert den Präsidenten und den Kongress dazu auf, ihnen ein nationales Monument zu errichten. Zwei Jahre später gründen Jan Craig Scruggs und Robert W. Doubek schließlich den Vietnam Veterans Memorial Fund, eine gemeinnützige Organisation, die das Geld für die Errichtung eines Monuments aufbringen soll, welches den gefallenen Veteranen gewidmet ist und der amerikanischen Bevölkerung vor Augen führen soll, dass die Verurteilung des Krieges nicht notwendigerweise die Verurteilung der Soldaten nach sich ziehen soll. Der Kongress genehmigt eine Denkmalserrichtung und stellt ein Parkstück im Constitution Gardens, der so genannten Mall in Washington zur Verfügung. 1 Die Vorgaben eines landesweiten Wettbewerbs, der über den Entwurf entscheiden soll sehen ein Monument vor, das die Namen der Toten und Vermissten enthält und keine Aussage über den Krieg macht. 2 Nimmt man die soziologische Funktion des Gedenkens näher unter die Lupe, zeigt sich, dass diese Vorgaben wesentliche Voraussetzung für die Erinnerung an einen Krieg, der verloren wurde und über den Uneinigkeit in der Gesellschaft herrschte, waren.
1 vgl. Gessner (2000), S. 21ff
2 vgl. Koselleck (1994), S. 401
3
1.2 Die gesellschaftliche Funktion des Gedenkens
Gedenken verleiht Ereignissen eine gewisse Kohärenz; es ist eine universelle Komponente des menschlichen Daseins, Ereignissen Bedeutung zuzuschreiben. Dadurch, dass Gedenken Ereignisse zu einem Abschluss bringt, wird jenen nicht nur eine bestimmte Rolle innerhalb einer Erzählung zugewiesen, sondern sie erhalten aus der zeitlichen Entfernung heraus auch eine Bedeutung hinsichtlich der moralischen Position, die man ihnen gegenüber einnimmt. Gedenken spielt also eine wichtige Rolle bei der Erzeugung und Erhaltung eines sozialen und politischen Gewissens. Emile Durkheim versteht unter dem Begriff des kollektiven Bewusstseins die Ansichten, die eine Gruppe von sich selbst hat. Gedenkriten und Symbole dienen dazu, einer Gruppe die traditionellen Elemente ihres kollektiven Bewusstseins immer wieder zu vergegenwärtigen und das Ausgelöschtwerden aus ihrem kollektiven Gedächtnis zu verhindern. Sämtliche Formen der Erinnerung einer Gruppe, zum Beispiel einer Nation sind also wichtig für das Bewusstsein ihres Selbst. Wenn eine Nation das Bewusstsein ihrer Vergangenheit verliert, so Milan Kundera, verliert sie ihr Selbst. 3
1.2.1 Das Gedenken an kontroverse Geschehnisse
Unter Anbetracht der Tatsache, dass ein Vergangenheitsbewusstsein sehr wichtig für eine Nation ist, stellt sich die Frage, wie sie Ereignissen gedenkt, für die es keinen nationalen Konsens gibt. Ist es überhaupt möglich, kontroverse oder unangenehme Elemente der Vergangenheit im öffentlichen Bewusstsein zu bestimmen? 4 So hat der amerikanische Präsident Gerald Ford bereits 1975 versucht den Vietnamkrieg, welcher die Bevölkerung in Befürworter und Gegner gespalten hat aus dem öffentlichen Gedächtnis auszublenden, indem er vermieden hat, ihn zu erwähnen. 5 Erst im Laufe der 80er Jahre begann die zaghafte Suche nach einem Genre der Erinnerung. Zunächst wurde eine Gedenktafel in Washington errichtet, später zog der Kongress in Erwägung eine so genannte „Vietnam-Veteranen-Woche“ im Jahr einzurichten. Beiden Genres liegt die Formel zugrunde, welche die Erinnerung an kontroverse Geschehnisse wie dieses einer unehrenhaften Niederlage ermöglicht und welche verkürzt als der »Dualismus von Sache und Beteiligten« 6 beschrieben werden könnte. Indem nämlich die beteiligt gewesenen Individuen und nicht die verlorene Sache anerkannt werden, wird ein
3 vgl. Sturken (1998), S.7
4 vgl. Koselleck (1994), S.369
5 vgl. Kammen (1993), S.662
6 Koselleck (1994), S.399 nachsch.
4
Weg der Kompensation beschritten, der eine Niederlage für jene, die für ein Land gestorben sind ehrenhaft macht. Die Rühmung der Soldaten tritt also an die Stelle der Rühmung der Sache selbst, des Krieges. 7 Und so wird auf der Gedenktafel mit indirekten Formulierungen wie „Vietnam-Ära“ bewusst vermieden, einen Bezug zum Krieg herzustellen, und auch die Vorgaben des von Scrugg initiierten Wettbewerbs sehen ein Denkmal vor, das die gefallenen Soldaten ehrt ohne einen Bezug zum verlorenen Krieg herzustellen. Dass das Ausblenden von Erinnerungsbestandteilen, oder kurz - das Vergessen, nicht nur bei unangenehmen und störenden Ereignissen geschieht, sondern eine notwendige Komponente jeglicher Art von Erinnerung ist, und auch in einer Nation oft stark organisiert und strategisch ist, zeigt sich, wenn man das Konstrukt des kollektiven Gedächtnisses betrachtet. 8
1.2.2 Das individuelle und das kollektives Gedächtnis
Die Fähigkeit des Erinnerns ist nicht nur einzig mit einem individuellen Geist möglich, da sich Erinnerungen zwischen den Individuen innerhalb einer Gesellschaft verteilen. Dabei entstehen Teilbilder, die zwangsläufig auch Teil eines Gesamtbilds sind, welches als kollektives Gedächtnis bezeichnet werden könnte. Zum einen betrachtet jedes Individuum die eigenen Erinnerungen unter dem Aspekt, der für die Persönlichkeit und das persönliche Leben, also für das Individuum als ein sich von anderen Individuen unterscheidendes Individuum von Interesse ist. So formieren sich die individuellen Gedächtnisse, die Teilbilder des kollektiven Gedächtnisses sind. Zum anderen tragen die Individuen dazu bei, die unpersönlichen Erinnerungen des Gesamtbildes wachzuhalten und stützen sich gleichzeitig auch darauf, um eigene individuelle Erinnerungen zu bestätigen oder zu präzisieren. Das kollektive Gedächtnis, das auf diese Weise entsteht umfasst also die individuellen Gedächtnisse, verschmilzt jedoch nicht mit ihnen. 9
Besonders deutlich tritt der Unterschied zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis hervor, wenn man stattdessen zwischen autobiographischem und historischem Gedächtnis differenziert. Blickt ein Individuum auf die eigene Autobiographie zurück, so bringt es diese nicht nur automatisch mit der Erinnerung an historische Ereignisse in Verbindung, sondern orientiert sich umgekehrt auch an diesen, um persönliche Erinnerungen zu präzisieren und zu ordnen. Die Geschichte unseres Lebens gehört also untrennbar zur allgemeinen Geschichte. Das kollektive beziehungsweise historische Gedächtnis entspricht jedoch nicht der
7 vgl. ebd., S.399
8 vgl. Sturken (1998), S.7
9 vgl. Halbwachs (1967), S.34
5
Geschichte. Das kollektive Gedächtnis ist eine »Denkströmung« 10 , die von der Vergangenheit nur das behält, was im Bewusstsein der Gruppe fortleben kann. Außerdem ist die Gruppe als Träger des kollektiven Gedächtnisses räumlich und zeitlich begrenzt. Von Geschichte kann dann gesprochen werden, wenn sich das soziale Gedächtnis aufzulösen beginnt. Sie ist die Festlegung der Erinnerung. 11
1.2.3 Das Gedächtnis der Geschichte
Das Gedächtnis der Geschichte wiederum stützt sich auf Medien. Denkmäler, Gedenkstätten, Museen und Archive manifestieren die Erinnerungen der Zeitzeugen und machen sie so über Generationen hinweg tradierbar, wobei sich mit dem wandelnden Entwicklungsstand dieser Medien auch notwendigerweise die Verfasstheit des Gedächtnisses mit verändert und auch Bilder, Stimmen und Töne der Nachwelt überliefert werden können. Während Erinnerungsprozesse im Individuum weitgehend spontan ablaufen und dabei den Gesetzen allgemeiner psychischer Mechanismen folgen, werden sie auf der institutionellen Ebene von einer gezielten Erinnerns- und Vergessenspolitik gesteuert. Auch auf dieser Erinnerungsebene fallen notwendigerweise Aspekte dem Vergessen anheim, hier jedoch mit dem Unterschied, dass diese Aspekte von den Medien oder der Politik festgelegt werden, wobei die Gefahr besteht, dass die Erinnerung verzerrt und auch instrumentalisiert wird. 12 Die Anlage des nationalen historischen Gedächtnisses hat vor allem wann? bestimmten Selektionskriterien unterlegen. Jede Nation ist bestrebt, ein positives Selbstbildnis zu erzeugen und zu stärken, was bedeutet, dass alle Erinnerungen, die nicht in ein heroisches Bild passen dem Vergessen überantwortet werden. Die Erinnerungs- und Vergessenspolitik dient also der Sinnstiftung. Somit gilt zwar, dass Siege leichter als Niederlagen erinnert werden können, aber auch, dass Momente der Erniedrigung wie etwa Niederlagen erinnert werden können, wenn sie in der Semantik eines heroischen Geschichtsbildes verarbeitet werden können. Dies ist bei Momenten der Schuld und der Scham nicht möglich. 13 Bezeichnend dafür sind die Vorgaben für den Wettbewerb, der über den Entwurf für das Vietnamdenkmal entscheiden soll. Das Denkmal soll die Namen der gefallenen Soldaten enthalten und keine Aussage über den Krieg machen. Auf diese Weise kann der Aufopferung der Soldaten gedacht werden und die Schuldfrage vermieden werden. Sowohl die unter xx
10 ebd., S.70
11 vgl. ebd., S.70
12 vgl. Assmann (1999), S.18f
13 vgl. Wettengel (2000), S.23f
6
Arbeit zitieren:
Ann-Sophie Margan, 2011, Gegenüberstellung des Vietnam Veteran Memorial mit "The Other Vietnam Memorial" von Chris Burden, München, GRIN Verlag GmbH
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