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Inhaltsverzeichnis
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Einleitung
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Le Neveu de Rameau
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Vergleich zwischen Hypotext und Hypertext
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Schlusswort
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Bibliographie
Einleitung
In meiner Arbeit geht es um Denis Diderots Le Neveu de Rameau und Thomas Bernhards Wittgensteins Neffe. Es wird davon ausgegangen, dass der Text Thomas Bernhard als Vorlage gedient hat und eine produktive Rezeption stattgefunden hat. Wenn ich von Hypotext spreche, so lehne ich mich an die Theorie Gerard Genettes an, der den Begriff Hypotextualität wie folgend definiert:
Darunter verstehe ich jede Beziehung zwischen einem Text B (den ich als Hypertext bezeichne) und einem Text A (den ich, wie zu erwarten, als Hypotext bezeichne), wobei Text B Text A auf eine Art und Weise überlagert, die nicht die des Kommentars ist. [...] Oder, um es anders zu sagen: Wir gehen vom allgemeinen Begriff eines Textes zweiten Grades [...], d.h. eines Textes 1 aus, der von einem anderen, früheren Text abgeleitet ist.
Zuerst wird eine kurze Inhaltsangabe des Prätextes wiedergegeben, die in kurzen Worten veranschaulichen soll, wie das Werk strukturell aufgebaut ist, welche Themen in Le Neveu de Rameau angesprochen werden und welche Figuren in diesem Dialog eine Rolle spielen.
Das folgende Kapitel beschäftigt sich schließlich mit den Überschneidungen und Unterschieden von Hypo- und Hypertext und bildet das Zentrum dieser Arbeit. Es handelt sich hauptsächlich um inhaltliche Entsprechungen mit dem bearbeiteten Hypotext und um kreative Missverständnisse, wie ich es anhand einiger Zitate aus beiden Werken, erläutern werde.
s1 Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993. S. 14 f. Übersetzung durch Wolfram Bayer und Dieter Hornig.
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Le Neveu de Rameau
Le Neveu de Rameau ist ein philosophischer Dialog zwischen „Moi“, der sich am Anfang des Buches als Philosoph zu erkennen gibt, und dem heruntergekommenen Neffen des großen Musikers Rameau - im Buch als „Lui“ bezeichnet - der darunter leidet, nur der Neffe seines berühmten Onkels zu sein. Es gibt keine Handlung. Anstatt dessen werden nur gewisse Gesprächsthemen diskutiert. Es wird in hohem Maße philosophiert, außerdem werden einige Anekdoten aus dem Leben Rameaus wiedergegeben. Diese verschiedenen Episoden dienen der Veranschaulichung von Rameaus Amoral. 2
Dieser Neffe sieht sich zwar als einzigartig, wird hier allerdings als Repräsentant für eine ganze Spezies von Originalen vorgeführt. Diderot zeichnet ihn als einen nicht unsympathischen Nutznießer von fremdem Glanz. Der Dialog zwischen ‚Diderot -moi‘ und dem - an Jean-Francois Rameau angelehnten - Neffen ist von ungewöhnlicher Offenheit. Es werden Themen 3 angesprochen, die beispielhaft für die Widersprüchlichkeit des Lebens sind. Es geht in diesem Dialog darum, das gegenseitige Verständnis zu erleichtern und Missverständnisse durch ein offenes Gespräch aufzuklären.
Der durch „Moi“ bezeichnete Philosoph trifft im Café de la Régence, wo er es liebt Leute zu beobachten, auf Rameau und kommt mit ihm ins Gespräch. „Bei aller Unterschiedlichkeit scheinen sie großen Gefallen daran zu finden, die geistige und moralische Spannkraft ihres Gegenübers auszutesten.“ 4 Es werden die oft gegenteiligen moralischen Ansichten diskutiert und anhand von Beispielen, die dem Alltagsleben entnommen wurden, von beiden Seiten illustriert, um ihre Meinung zu verdeutlichen und ihr eine gewisse Standfestigkeit zu verleihen.
2 Vgl. Rutzendorfer, Marion: Les Neveux de Diderot. Enzensberger, Kundera und Bernhard. Wien: Univ. Dipl. 2005. S. 67 3 Ebenda
4 Ebenda, S. 69
Vergleich zwischen Hypotext und Hypertext
Meine Erläuterungen möchte ich mit einem Schlüsselzitat aus Wittgensteins Neffe beginnen, das anschaulich macht, worum es in diesem Werk geht:
Ein Jahrhundert haben die Wittgenstein Waffen und Maschinen erzeugt, bis sie schließlich endlich den Ludwig und den Paul erzeugt haben, den berühmten epochenmachenden Philosophen und den, wenigstens in Wien nicht weniger berühmten, oder gerade dort noch berühmteren Verrückten, der im Grunde genommen genauso philosophisch war wie sein Onkel Ludwig, wie umgekehrt der philosophische Ludwig so verrückt wie sein Neffe Paul, der eine, Ludwig, hatte seine Philosophie zu einer Berühmtheit gemacht, der andere, Paul, seine Verrücktheit. Der eine, Ludwig, war vielleicht philosophischer, der andere, Paul, vielleicht verrückter, aber möglicherweise glauben wir bei dem einen, philosophischen Wittgenstein nur deshalb, daß er der Philosoph sei, weil er seine Philosophie zu Papier gebracht hat und nicht seine Verrücktheit und von dem andern, dem Paul, er sei ein Verrückter, weil der seine Philosophie unterdrückt und nicht veröffentlicht und nur seine 5 Verrücktheit zur Schau gestellt hat.
Thomas Bernhard beschreibt also hier seine enge Freundschaft zu Paul Wittgenstein, dem Neffen des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Obwohl er einige Stilisierungen aufweist, gilt der Band als autobiographisch und ist trotz der anekdotischen Lockerheit sehr bewusst komponiert. 6 Stilistisch sind hier die musikalisierte Sprache und die ironischunterhaltsamen gebotenen Einzelszenen auffällig. 7 Wittgensteins Neffe folgt einem Modell, das bei Bernhard wiederholt vorkommt: Jemand stellt sich selbst dar, indem er sich an einen Verstorbenen erinnert und sich dabei (allerdings nur zum Teil) mit ihm identifiziert.“ 8 Er ist auch mit Montaignes Essay Von der Freundschaft vergleichbar, da beide als Nachruf konzipiert sind und quasi den verstorbene Freund wieder zum Leben erwecken. 9
Paul litt unter einer bipolaren Störung, war also manisch depressiv und war daher immer wieder zu einem längeren Aufenthalt im Otto Wagner Spital auf der Baumgartner Höhe, auch „Steinhof“ genannt, gezwungen. Thomas Bernhard selbst befand sich dafür wiederholt im angrenzenden Pulmologiezentrum, aufgrund seiner Lungenkrankheit. Dieser Ort am Wilhelminenberg wird schließlich zum literarischen Raum Thomas Bernhards, um die Parallelen zwischen ihm und Paul, zwischen den „Geisteskranken“ und den
5 Bernhard , Thomas: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1982
6 Vgl. Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. Leben, Werk und Wirkung. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006. S. 101
7 Vgl. Ebenda, S. 102
8 Ebenda
9 Vgl. Wagner, Walter: Was ich im Grunde nicht entbehren kann, will ich existieren. Zum Begriff der Freundschaft bei Thomas Bernhard. In: Thomas Bernhard Jahrbuch 2003. Hg. v. Huber, Martin; Schmidt- Dengler, Wendelin, u.a. Böhlau: Wien, Köln, Weimar 2003. S. 57-70. S. 62
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„Lungenkranken“ zu verdeutlichen. Andererseits grenzt er sich auch von Paul ab, indem er sagt, sein Freund hätte sich im Gegenteil zu ihm selbst von seiner Verrücktheit beherrschen lassen. „Aus genau demselben Grund erfolgt die letzte entscheidende Distanzierung des Erzählers von seinem Freund: Aus Angst vor der Konfrontation mit dem Tod sucht er den Sterbenskranken nicht mehr auf.“ 10
Gleich im Titel des Buches zeigt sich schon die erste Parallele zwischen Thomas Bernhards Roman, Wittgensteins Neffe, und seinem Hypotext. Wir finden zwar keine Zitate oder Hinweise auf Diderot oder dessen Werk, da beide im Roman nicht namentlich erwähnt werden. Doch schon der Buchtitel ist ein paratextueller Verweis auf Diderots Werk. Weiters sind beide Werke handlungsarm. Wie schon erwähnt, ist Le Neveu de Rameau ein philosophischer Dialog zwischen zwei Figuren, eine Handlung gibt es aber nicht. Auch in Wittgensteins Neffe werden die wichtigsten Gesprächsthemen zwischen Paul Wittgenstein und Thomas Bernhard erläutert, die sich mit jenen Rameaus und des Philosophen zum Großteil überschneiden. Es geht bei beiden zum Beispiel um das kulturelle Leben, die Oper, Philosophie oder die Rolle des Philosophen. Der Philosoph wird in Le Neveu de Rameau als Misanthrop dargestellt, der seine Urteile nicht der ruhigen Überlegung, sondern der Melancholie verdankt. 11 Auch in Wittgensteins Neffe haben wir es mit einer Art episodenhaften, anekdotischen Erzählung zu tun, die zum Teil im Stil einer Komödie dargestellt werden, wie zum Beispiel die Szene der Verleihung des Grillparzer-und Staatspreises und die der Uraufführung von Bernhards Stück Die Jagdgesellschaft. 12 Wenn man Inhalt und Figuren beider Werke vergleicht, so ist folgender Unterschied auffällig:
Rameaus wie Wittgensteins Neffe gelten als authentische Personen, die den fraglichen Autoren bekannt waren. Während Diderot das Porträt eines notorischen Bohemiens zeichnet, dem er vermutlich einmal begegnet ist, rekonstruiert Bernhard die wichtigsten Etappen einer 13 Freundschaft, die von 1967 bis 1979, dem Todesjahr Pauls, währte.
Dieses Zitat verdeutlicht bereits, dass es sich bei der Verarbeitung des Prätextes durch Bernhard hauptsächlich um ein kreatives Missverständnis handelt, um eine Instrumentalisierung zu Bernhards Zwecken. Durch die inhaltlichen Parallelen zwischen beiden Werken, vor allem denen zwischen Rameau und Paul Wittgenstein, wird das was
10 Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. S. 102
11 Vgl. Strähle, Michael: Ausnahmen der Regel. Rameaus Neffe, die Philosophie und das gute Leben. Wien: Univ. Diss. 1998
12 Vgl. Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. S. 102
13 Wagner, Walter: Franzose wär ich gern gewesen. Zur Rezeption französischer Literatur bei Thomas Bernhard. Peter Lang: Frankfurt am Main 1999. S. 71
anschaulicher.
Schon die Anfangsszenerie in Le Neveu de Rameau erinnert hier an die von Bernhard beschriebenen Momente zwischen ihm und seinem Freund Paul, in denen sie, im Café Sacher sitzend, andere Leute beobachten.
Da wir für Spaziergänge nichts übrig hatten, trafen wir uns und strebten augenblicklich auf das Sacher oder auf eines der andern unseren Zwecken geeignet erscheinenden Kaffeehäuser zu. Saßen wir im Sacher in unserem Winkel, hatten wir gleich ein Opfer für unsere Spekulationen. Von einem hier, wie sich denken läßt, nicht ohne totale Verkrampfung seine Torte oder seinen um das beliebte Krenobers gedrehten Prager Schinken essenden, Kaffe trinkenden, von den Strapazen einer vorausgegangenen Stadtbesichtigung ziemlich erschöpften und deshalb die Torte viel zu hastig essenden, den Kaffee viel zu gierig in sich hineinschüttenden Inländer oder 14 Ausländer [...].
So verhält es sich auch mit dem Philosophischen „Ich“ in Rameaus Neffe, dem im Café de la Régence die eigenartigsten Gestalten auffallen:
Si le temps est trop froid, ou trop pluvieux, je me réfugie au café de la Régence; là je m‘amuse à voir jouer aux échecs. Paris est l‘endroit du monde, et le café de la Régence est l‘endroit de Paris où l‘on joue le mieux à ce jeu. C‘est chez Rey que font assaut Légal le profond, Philidor le subtil, le solide Mayot, qu‘on voit les coups les plus surprenants, et qu‘on entend les plus 15 mauvais propos; [...].
Auffällig sind die ähnlichen Beschreibungen von Rameaus und Wittgensteins Neffen, wenn es um ihre Persönlichkeit geht. „Moi“ beschreibt den Neffen Rameaus als jemanden, der zu seinen Fehlern steht, sie sogar offen zu Schau stellt. Rameau besitzt weiters auch eine „äußerst lebhafte Einbildungskraft und eine(r) Zungenfertigkeit, die bemerkenswert ist“ 16 , zwei Eigenschaften, die auch auf Paul Wittgenstein zutreffen. Jean François Rameau scheint an starken Stimmungsschwankungen und an einem unregelmäßigen Lebensstil zu leiden, wie auch der manisch-depressive Paul Wittgenstein: Rien ne dissemble plus de lui que lui-même. Quelquefois il est maigre et hâve, comme un malade au dernier degré de la consomption; on compterait se dents à travers ses joues. On dirait qu‘il a passé plusieurs jours sans manger, ou qu‘il comme sort de la Trappe. Le mois suivant il est gras et replet, comme s‘il n‘avait pas quitté la table d‘un financier, ou qu‘il eût été renfermé dans un couvent de Bernardins. Aujourd‘hui, en linge sale, en culotte déchirée, couvert de lambeaux, presque sans souliers, il va la tête basse, il se dérobe, on serait tenté de l‘appeler, pour lui donner l‘aumône. Demain poudré, chaussé, frisé, bien vêtu, il marche la tête 17 haute, il se montre, [...].
Natürlich ist das unterschiedliche Befinden des Rameau nicht nur auf verschiedenen Stimmungen, sondern auch auf sein unregelmäßiges Einkommen zurückzuführen. Er geht
14 Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. S. 121
15 Diderot, Denis: Le Neveu de Rameau. In: Le Neveu de Rameau et autres dialogues philosophiques. Hg. v. Jean Varloot. Gallimard: Paris 1972. S. 31
16 Ebenda, S. 32. Deutsche Übersetzung durch Otto von Gemmingen, 1891. 17 Ebenda
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nämlich keiner geregelten Arbeit nach und lässt sich meistens von einem Gönner aushalten. Auch Paul Wittgenstein hat finanzielle Schwierigkeiten, auch wenn er am Anfang noch reich ist, da er ein großes Familienvermögen besitzt. Paul Wittgenstein, dem eine Erbschaft zunächst einen sorglosen Lebenswandel erlaubt, frönt zwei Leidenschaften: dem Autorennsport und der Musik. Es vermischt sich Profanes mit 18 : „C‘est un Sublimem ähnlich wie beim Neffen von Rameau, über den Diderot schreibt composé de hauteur et de basesse, de bon sens et de déraison. Il faut que les notions de 19 l‘honnête et du déshonnête soient bien étrangement brouillées dans da tête; [...].“
Da Paul Wittgenstein einen Großteil seines Vermögens ausgibt oder an Arme verschenkt, wird er im Laufe seines Lebens selbst mittellos und muss sich an eine vollkommen neue finanzielle Situation gewöhnen. Er ist schließlich von seiner Familie finanziell abhängig, hat aber im Gegenteil zu Rameau auch einen geringen Eigenverdienst, den er bestreitet, indem er arbeiten geht. Auch sagt Rameau einmal: „Le grand chien que je suis; j‘ai tout perdu! J‘ai tout perdu pour avoir eu le sens commun, une fois, une seule fois en ma vie; [...].“ 20
Dieses Zitat könnte man getrost auf Paul Wittgenstein anwenden mit der Differenz, dass Paul Wittgenstein - laut Thomas Bernhard - immer einen Gemeinschaftssinn hatte. Er war zwar rücksichtslos seinen Verwandten gegenüber, aber gleichzeitig bestrebt die Welt vor der Kluft zwischen Arm und Reich zu retten. Raumeau dagegen denkt nur an sich selbst und gibt auch offenzu, egoistisch zu sein. Das ist wohl der größte Unterschied zwischen den beiden: Paul Wittgenstein verhält sich sozial, Rameau hingegen ist ein Parasit.
Auch hat der Philosoph in Le Neveu de Rameau ähnliche Beobachtungen gemacht, wenn es darum geht, die Wirkung eines solchen „Verrückten“ auf seine Umwelt zu erforschen:
S‘il en paraît un dans un compagnie; c‘est un grain de levain qui fermente et qui restitue à chacun une portion de son individualité naturelle. Il secoue, il agite; il fait approuver ou blâmer; il fait sortir la vérité; il fait connaître les gens de bien; il démasque les coquins; c‘est alors que 21 l‘homme de bon sens écoute, et démêle son monde.
Auch Thomas Bernhard zieht es vor einer solchen Person zuzuhören und sieht Paul Wittgenstein in vielen Situationen als den Einzigen, der die Situation wirklich durchschaut und auch nicht zu ängstlich ist, seinen Unmut auszudrücken. Beispiele wären die Verleihung des Grillparzer-Preises an Thomas Bernhard, wo er über Paul Wittgenstein
18 Wagner, Walter: Franzose wäre ich gern gewesen. S. 72
19 Diderot, Denis: Le Neveu de Diderot. S. 32
20 Ebenda, S. 33 21 Ebenda
Pauls „Zungenfertigkeit“ wird in diesen beiden Zitaten deutlich:
Welche Rolle beispielsweise der Paul bei der sogenannten Verleihung des Grillparzerpreises an mich gespielt hat, fällt mir ein. Wie er als einziger neben meinem Lebensmenschen den ganzen durchtriebenen Unsinn dieser Preisverleihung durchschaut und diese Groteske als das 22 bezeichnet hat, das sie gewesen ist: eine echt österreichische Perfidie. Ich lief, die Meinigen mehr oder weniger mitreißend, hinaus auf die Straße und ich höre noch, wie der Paul währenddessen zu mir sagt: Du hast dich mißbrauchen lassen! Die haben dir auf den Kopf gemacht! Tatsächlich, dachte ich, sie haben dir auf den Kopf gemacht, wie sie dir 23 immer auf den Kopf gemacht haben.
Auch bei Diderot hat der Neffe eine ähnliche Funktion: Er sagt ungeniert und lautstark die Wahrheit und demaskiert sogar Lügner. Der Begriff der Wahrheit wird hier aber relativiert. Das Ausdrücken der Wahrheit hängt immer vom Gegenstand des Interesses ab. Auch kommt es für den Neffen immer darauf an, ob es sich lohnt die Wahrheit zu sagen oder nicht. Dadurch kann es vorkommen, dass Lüge und Wahrheit sich nicht mehr unterscheiden lassen. 24
Diderot und Bernhard sind sich auch beide darüber einig, dass Genie und Narr zwei untrennbare Eigenschaften sind, dass das Genie allerdings in seiner Entwicklung und seiner Lebensqualität deutlich behindert ist, wenn man sich nicht für eine Seite im Leben entscheidet oder es mit dem „Verrückt-Sein“ übertreibt:
Vous ne serrez jamais heureux, si le pour et le contre vous afflige également. Il faudrait prendre son parti, et y demeurer attaché. Tout en convenant avec vous que les hommes de génie sont communément singuliers, ou comme dit le proverbe, qu‘il n‘y a point des grands esprits sans un 25 grain de folie, on n‘en reviendra pas.
Aber der Paul ist nicht verrückter gewesen, als ich selbst bin, denn ich bin wenigstens so verrückt, wie der Paul gewesen ist [...]. Der Unterschied zwischen dem Paul und mir ist ja nur 26 der, daß der Paul sich von seiner Verrücktheit hat vollkommen beherrschen lassen [...]. Auch Thomas Bernhard berichtet von Paul, dass in dessen Kopf Genie und Wahnsinn gleichermaßen vorhanden waren und Paul letztendlich so von seiner Verrücktheit eingenommen war, dass „sein Kopf explodiert“ wäre. Auch die grotesken Handlungen der beiden, die aus dieser „Verrücktheit“ resultieren, werden ähnlich beschrieben:
22 Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. S. 106
23 Ebenda, S. 113
24 Vgl. Rey, Roselyne: La morale introuvable. In: Autour du Neveu de Rameau de Diderot. Hg. v. Chouillet, Anne-Marie. Edition Slatkine: Genf 1991. S. 76. Übersetzung durch mich. 25 Diderot, Denis: Le Neveu de Rameau. S. 37 26 Bernhard Thomas: Wittgensteins Neffe. S. 35
10
Comme je vis que je voudrais inutilement avoir pitié de mon homme, car la sonate su le violon l‘avait mis tout en eau, je pris le parti de le laisser faire. Le voilà donc assis au clavecin; les jambes fléchies, la tête élevée vers le plafond où l‘on eût dit qu‘il voyait une partition notée [...]. Enfin, vous voyez, dit il en se redressant et en essuyant les gouttes de sueur qui descendaient 27 le long de ses joues [...].
Auch wenn man hier nicht genau sagen kann, ob er den Narren nun spielt oder nicht, erinnert die Beschreibung an die Momente Paul Wittgensteins, in denen er wieder zurück in die Psychose verfällt. Auch er lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen, ist oft paranoid und sieht Dinge, die nicht da sind. Meistens wird er mit Schweißperlen auf der Stirn und Schaum vor dem Mund beschrieben. Bei Rameau wissen wir zwar nicht, ob er das Klavier für tatsächlich existent hält, oder es Teil seiner pantomimisch angelegten Kunst ist, und doch wirkt er hier auf uns als wäre er „wahnsinnig“. Wenn man dies nun mit einer Passage aus Wittgensteins Neffe vergleicht, so geht Paul Wittgenstein auf ähnliche Weise mit seiner Liebe zur Musik um, gerade dann, wenn ihm seine Psychose wieder zum Verhängnis wird:
Er konnte, war er wieder reif, wie er selbst sagte, kein Glas mehr halten und alle Augenblicke verlor er die Beherrschung und brach in Tränen aus. Er kam einem immer in hocheleganten Kleidern entgegen [...], und er saß beispielsweise um zehn Uhr vormittags in einem weißen Anzug im Sacher, um halb zwölf in einem graugestreiften im Bräunerhof [...]. Wo er ging oder stand, intonierte er nicht nur ganze Wagnerarien, sondern sehr oft auch den halben Siegfried 28 oder die halbe Walküre mit seiner brüchigen Stimme, unbekümmert um seine Umgebung.
Beide Autoren rechtfertigen durch dieses Auftreten von Rameau oder Paul Wittgenstein auch ihre Berührungsangst.
R.[ameau] wird von „Ich“ mit despektierlicher Distanz betrachtet. Er wünscht sich die Ziehung einer Trennungslinie; die Berührungsangst ist groß. So ist ihm schon ein vertraulicher Klaps auf die Schulter unangenehm. Sein Blick auf ihn ist lieblos, seine ganze Haltung ihm gegenüber verächtlich. [...] Es läßt sich überhaupt eine geradezu körperliche Abneigung aus den 29 Beschreibungen, die „Ich“ von R. gibt, ablesen.
Die gleiche Form von Abneigung finden wir in Wittgensteins Neffe wieder, wenn Bernhard über die Umarmungen des depressiven, verstörten Paul Wittgenstein berichtet, trotzdem zwischen den beiden ein enges, freundschaftliches Band besteht:
Die Tatsache, daß mich der Paul aufsucht, war mir schließlich zum Albtraum geworden. Ich hatte das Gefühl, jeden Augenblick könne die Tür aufgehen und der Paul könne hereinkommen. In seinem Verrücktenaufzug. [...] In seinen sogenannten kritischen Zuständen eilte er auf einen zu und umarmte einen so fest, daß man glaubte, unter seiner Umarmung ersticken zu müssen und heulte sich an der Brust des Umarmten aus. [...] Ich liebte ihn, aber ich wollte mich nicht von ihm umarmen lassen. [...] Sein ganzer Körper zitterte bei dieser Gelegenheit und er stammelte unverständliche Wörter. Und er hatte Schaum vor dem Mund und klammerte sich
27 Diderot, Denis: Le Neveu de Rameau. S. 53
28 Bernhard Thomas: Wittgensteins Neffe. S. 69
29 Karr, Susanne: Zur Figur des „modernen Narren“: Rameaus Neffe (Goethe/Sloterdijk). Wien: Univ. Dipl. 1993. S. 52
30 befreien mußte.
Obwohl Bernhard seinen Freund vor kurzem noch selbst besuchen wollte, bekommt er plötzlich Angst vor dessen körperlichen Zuneigungsbezeugungen und vor dessen Verzweiflung. Die Grenzen von Toleranz und Akzeptanz innerhalb einer Freundschaft sind für Bernhard spätestens dann erreicht, wenn einer von beiden den Sicherheitsabstand verletzt. 31
Auch, wenn man von Paul Wittgensteins, bzw. Rameaus Persönlichkeit absieht, lassen sich thematische Überschneidungen finden. An der folgenden Stelle in Le Neveu de Rameau ist hier von „idiotismes de métier“ die Rede. Dies erinnert nur allzu sehr an Thomas Bernhard Kritik an den Ärzten, Wissenschaftlern, Schauspielern oder Literaten. Einige Zeilen später unterhalten sich die beiden über die Vorteile, die es hat, wenn jemand einen guten Ruf und Geld vorzuweisen hat. Auch dies sind zwei Themen, die in Wittgensteins Neffe behandelt werden. So erzählt Bernhard zum Beispiel von einem weiteren Onkel Paul Wittgensteins, Dr. Salzer, der Arzt auf der Pulmologie des Otto Wagner Spitals war, wo Bernhard seinen Spitalsaufenthalt verbrachte. Dieser Dr. Salzer hatte zwar einen ausgezeichneten Ruf, laut Bernhard wäre es aber auch immer wieder passiert, dass er komplett versagte und der Patient starb. Dieser Dr. Salzer ist für Bernhard einer der Gründe, warum er dem Ruf eines Arztes nicht traut. Anschließend erzählt er davon, wie Paul mit den psychiatrischen Ärzten befreundet gewesen sei, aber nur so lange er Geld hatte. Danach hätten ihn die Ärzte vernachlässigt und schlecht behandelt.
Außer dieser inhaltlichen Entsprechungen lässt sich auch eine stilistische Gemeinsamkeit im Werk Diderots und Thomas Bernhards finden. Dazu zählt zum Beispiel ihr Sinn für Rhetorik, besonders für Wiederholungen, Antithesen und Ironie. Dieses Beispiel, die bereits oben erwähnte Stelle über die „idiotismes de métier“ aus Le Neveu de Rameau, könnte möglicherweise als vorbildlich für Thomas Bernhards Stil gelten: LUI. - Tout juste. Et bien, chaque état a ses exceptions à la conscience générale auxquelles je donnerais volontiers le nom d‘idiotismes de métier. [...]
Et le souverain, le ministre, le financier, le magistrat, le militaire, l‘homme de lettres, l‘avocat [...] sont de fort honnêtes gens, quoique leur conduite s‘écarte en remplie d‘idiotismes moreaux. Plus l‘institution des choses est ancienne, plus il y a d‘idiotismes; plus les temps sont 32 malheureux, plus les idiotismes se multiplient.
30 Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. S. 54 f.
31 Vgl. Wagner, Walter: Was ich im Grunde nicht entbehren kann, will ich existieren. S. 63 32 Diderot, Denis: Le Neveu de Rameau. S. 53
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Ein gutes Beispiel für den Sarkasmus bei Bernhard lässt sich wieder im Vergleich mit Diderot finden. In Le Neveu de Rameau finden wir eine Stelle, in der Rameau eine Szenerie aus dem Varieté beschreibt, in dem das Publikum keine Ahnung von Schauspielkunst beweist, in dem es Leuten zujubelte. Den Applaus hätten diese, seiner Ansicht nach, nicht verdient, da sie zweitklassige Schauspieler wären. Dies erinnert an Thomas Bernhards Anekdote über die Uraufführung seines Stückes Die Jagdgesellschaft, in dem er wieder Paul Wittgenstein als den einzigen Menschen nennt, der ehrlich zu ihm war und die Situation durchschaut hat. Eine Parallele zu der Szene mit dem Varieté wird schon dadurch gezogen, dass Thomas Bernhard die Schauspieler als „Burgtheaterprostituierte“ bezeichnet. Augenfällig ist auch, dass hier das Publikum genauso blind für die schlechte Leistung der Schauspieler ist, wie bei Diderot:
[...] denn in Wien entscheidet tatsächlich nicht, seit es das Theater gibt, der Direktor, sondern es entscheiden die Schauspieler, [...], die sogenannten Lieblingsschauspieler des Burgtheaters haben dort immer entschieden; nur diese Lieblingsschauspieler, die ohne weiteres als schwachsinnig bezeichnet werden können, weil sie einerseits von der Theaterkunst nichts verstehen, andererseits mit einer Unverfrorenheit ohnegleichen ihre Theaterprostitution betreiben zum Schaden des Theaters und zum Schaden des Publikums, muß ich sagen, daß sich diese Burgtheaterprostituierten seit Jahrzehnten [...] leisten [...], denn diese absolut talentlosen Schauspieler, die die Hauptrollen spielten, verbrüderten sich beim geringsten Widerstand mit dem Publikum genau auf diese schamlose Weise, wie sich die Wiener Schauspieler insgesamt seit Jahrhunderten traditionsgemäß immer mit dem Publikum verbrüdern [...]. Augenblicklich hatten sie sich mit dem ahnungslosen Publikum gemein 33 gemacht und mir und meinem Stück, wie gesagt wird, den Garaus gemacht [...].
In Le Neveu de Rameau werden weiters immer wieder Aussagen im Bezug auf die Freundschaft oder Familie getätigt, die auch für Thomas Bernhards und Paul Wittgensteins Freundschaft Gültigkeit haben, wie z. B. an dieser Stelle des Hypotextes: On en use à son aise avec ses familiers et j‘en étais ces jours-là, plus que personne. Je suis l‘apôtre de la familiarité et de l‘aisance. Je les prêchais là d‘exemple, sans qu‘on s‘en 34 formalisait: il n‘y avait qu‘à me laisser aller.
Abschließend kann man sagen, dass sowohl Jean-François Rameau als auch Paul Wittgenstein kein Werk hinterlassen haben. 35 Rameau soll Cembalostücke komponiert haben, die verschollen sind, Paul Wittgenstein schrieb sein ganzes Leben an einem einzigen Buch.
33 Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. S. 154-157
34 Diderot Denis: Le Neveu de Rameau. S. 91
35 Vgl. Wagner, Walter: Franzose wär ich gern gewesen. S. 73
Schlusswort
Wenn man die beiden Werke also im Vergleich betrachtet, kann man Überscheidungen mit dem bearbeiteten Hypotext auf verschiedenen Ebenen feststellen. Am deutlichsten sieht man dies in den Figuren des Jean François Rameau und des Paul Wittgenstein, die in ihrer Persönlichkeit und ihrer Liebe zur Musik sehr ähnlich dargestellt werden. Den größten Unterschied zwischen den beiden stellt das soziale Parasitentum Rameaus einerseits und die gemeinschaftliche Ader Paul Wittgensteins andererseits dar. Weiters lassen sich starke inhaltliche Entsprechungen finden, zum Beispiel lebensphilosophische Themen oder Kunst. Bei beiden fallen gesellschaftskritische Elemente auf, zum Beispiel wenn es um Moral, Ärzte oder Wissenschaft geht. Auch die Freundschaft nimmt in beiden Werken einen hohen Stellenwert ein und wird auf die gleiche Art, als etwas Ungezwungenes, beschrieben.
Am Rande fallen auch stilistische Ähnlichkeiten zwischen Diderot und Bernhard auf, wie die Verwendung rhetorischer Figuren, z. B. Antithesen, Ironie und verschiedene Formen der Wiederholung.
Die These, dass von Bernhards Seite her eine produktive Rezeption stattgefunden hat, kann als bestätigt angesehen werden.
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Bibliographie
Primärliteratur
Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1982
Diderot, Denis: Le Neveu de Rameau. In: Le Neveu de Rameau et autres dialogues philosophiques. Hg. v. Varloot, Jean. Gallimard: Paris 1972
Sekundärliteratur
Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993
Karr, Susanne: Zur Figur des „modernen Narren“: Rameaus Neffe (Goethe/Sloterdijk). Wien: Univ. Dipl. 1993
Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. Leben, Werk und Wirkung. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006
Rey, Roselyne: La morale introuvable. In: Autour du Neveu de Rameau de Diderot. Hg. v. Chouillet, Anne-Marie. Edition Slatkine: Genf 1991.
Rutzendorfer, Marion: Les Neveux de Diderot. Enzensberger, Kundera und Bernhard. Wien: Univ. Dipl. 2005.
Strähle, Michael: Ausnahmen der Regel. Rameaus Neffe, die Philosophie und das gute Leben. Wien: Univ. Diss. 1998.
Wagner, Walter: Franzose wär ich gern gewesen. Zur Rezeption französischer Literatur bei Thomas Bernhard. Peter Lang: Frankfurt am Main 1999
Wagner, Walter: Was ich im Grunde nicht entbehren kann, will ich existieren. Zum Begriff der Freundschaft bei Thomas Bernhard. In: Thomas Bernhard Jahrbuch 2003. Hg. v. Huber, Martin; Schmidt-Dengler, Wendelin, u. a. Böhlau: Wien, Köln, Weimar 2003. S. 57-70.
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Rubina Mirfattahi, 2009, Denis Diderots "Le Neveu de Rameau" als Hypotext von Thomas Bernhards "Wittgensteins Neffe", München, GRIN Verlag GmbH
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