Universität Leipzig Institut für Französistik Lehrstuhl Literaturwissenschaft
Seminar
Der französische Roman zwischen Romantik und Realismus. Erzählstragien im Vergleich. Sommersemester 2001
„Zeitarrangement(s) und Wirkpotenz“,
untersucht am Roman
„Vater Goriot“ von Honoré de Balzac
Susanne Richter
I
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Gliederung des Romans. 2
3. Elemente der Erzählstruktur im Expositions- und Handlungsteil 5
3.1 Zäsuren als bewußte Form der Zeitangabe
3.2 Zeit der Erzählung 7
3.2.1 Zeitenwechsel Gegenwart - Vergangenheit
3.3 Anachronien der Erzählung 9
3.3.1 Prolepse
3.3.2 Analepse oder Retrospektion 11
3.3.2.1 Analepse in der Analepse 12
3.3.2.2 Zeitüberlagerung 13
3.4 Dauer einer erzählten Geschichte 14
3.4.1 Isochronie
3.4.2 Anisochronie
3.4.2.1 Summary und Szene 15
3.4.2.2 Pause oder Zeitdehnung 17
3.4.2.3 Zeitliche Ellipse 18
3.5 Wiederholungsbeziehungen 19
4. Schlußbemerkung. 21
5. Literaturverzeichnis 22
II
Einleitung
„Eine Geschichte kann man ohne weiteres erzählen, ohne genau anzugeben, an welchem Ort sie spielt oder ob dieser Ort mehr oder weniger weit von dem Ort entfernt ist, wo man sie erzählt; während es so gut wie unmöglich ist, sie nicht zeitlich in Bezug zu dem narrativen Akt zu situieren, da man sie notwendigerweise in einer Zeitform der Gegenwart, der Vergangenheit oder der Zukunft erzählen muss.“ 1 Doch nicht nur diese Zeit der Narration spielt eine wichtige Rolle, sondern auch die gesamte zeitliche Organisation. Sie gilt als ein wesentlicher Teil der Textstruktur. Gérard Genette hat 1972 in seinem Buch „Die Erzählung“ ein Analyseinstrumentarium entwickelt, das geeignet ist, die „äußerst komplexen Strukturen der Zeitkonstitution zu erfassen“. 2
Robert Petsch (1934) erkannte die Zeitstruktur als eine unerläßliche Dimension im Text. Bahnbrechend waren die Feststellungen, dass bestimmte Formen der Zeitbehandlung ein Organisationsprinzip par excellence narrativer Texte seien und dass sie nicht nur eine handlungsbezogene Funktion hätten, sondern zugleich eine Bedeutung in Bezug auf den Leser. Die Zeitbehandlung wird also als Wirkinstrument entdeckt. Die temporale Struktur ist zum Beispiel Träger einer „Botschaft“, aber auch eine wichtige strukturierende Instanz und ein verbindendes Element zwischen Erzähler und Leser.
In meiner Hausarbeit möchte ich mich mit dem Thema „Zeitarrangement und Wirkpotenz“ am Beispiel von Honoré de Balzacs Roman „Vater Goriot“ beschäftigen. In meiner Analyse werde ich mich vor allem auf das Werk von Genette beziehen, in welchem er zwischen den Organisationsprinzipien ‚ordre‘, ‚durée‘ und ‚fréquence‘ 3 unterscheidet - mit der Absicht, die Rezeption des Lesers stärker zu lenken.
Honoré de Balzac ist am 20. Mai 1799 in Tours geboren und am 18. August 1850 in Paris gestorben. In nur 40 Tagen hat er den Roman „Vater Goriot“, mit dem er eine der ergreifendsten Gestalten seiner Menschlichen Komödie geschaffen hat, fertiggestellt. Es ist ein Meisterwerk der „Scènes de la vie privée“, wo er die Spezies Mensch als gesellschaftliches Wesen mit naturwissenschaftlicher Methode darzustellen versucht. Balzac
1 Vgl. Genette, Seite 153
2 Vgl. de Toro, Vorwort (geschrieben von Herausgeber Karl Alfred Blüher)
3 ordre = Kapitel 3.2 und 3.3, durée = Kapitel 3.4, fréquence = Kapitel 3.5
1
zeigt kraftvolle Charaktere, die sich gegen die herrschende Gesellschaft auflehnen. „Seine Geschöpfe, mögen sie noch so bizarr erscheinen, leben und sind wirklicher als die Wirklichkeit. Es sind Prototypen, die einen Stand, einen Charakter, eine Eigenschaft in übertriebener Weise vertreten: [...] Vater Goriot die Vaterliebe, Baron von Nucingen die Finanz [...].“ 4
Wie bei den Charakterstudien verwendet Balzac die gleiche Sorgfalt auf die genaue zeitliche Abmessung seiner Romanhandlung. In dem Roman sind die Episoden, die - chronologisch geordnet - die Fabel ergeben, nur zum Teil linear aneinandergereiht. Die Haupthandlungszeit wird durch Rückblenden überlagert, das Erzähltempus ist ungleichmäßig. Und die von Balzac dramatisch inszenierten Dialogszenen, die im Text einen breiten Raum einnehmen und dem Leser erlauben, das Leben der Figuren eine Stunde, einen Tag oder auch mehrere Tage lang kontinuierlich zu verfolgen, wechseln mit zeitraffenden Hinweisen auf Zeiträume, über die nur kurz referiert oder auch gar nichts erzählt wird.
1. Gliederung des Romans
Der klassische Roman „Vater Goriot“ ist durch eine berichtende Erzählung gekennzeichnet. Ein auktorialer und damit allwissender bzw. teilwissender Erzähler beschreibt auf 308 Seiten 5 das Verhalten der Romanfiguren, ihre Behausung und ihren Lebensstil und zugleich auch ihren gesellschaftlichen Werdegang und ihren Lebensweg in aller Ausführlichkeit und unter Einsatz eines breitgefächerten Arsenals an sprachlichen und romankompositorischen Mitteln. Der Erzähler greift in seine Geschichte auch als der ordnende Lenker ein und tut sich durch Einmengungen, Kommentare und Zwischenreden hervor. „Die Erzählung ist streng gegliedert in einen statischen Expositionsteil und in einen dynamischen Handlungsteil.“ 6 Auf das Ende der verhältnismäßig langen Exposition, die sich in der deutschen Ausgabe auf 93 Seiten erstreckt, also auf Seite 103 endet, weist der Erzähler ausdrücklich hin: „Hier endet die Vorgeschichte dieser ebenso unbekannten wie schrecklichen Pariser Tragödie“. 7 Damit signalisiert er dem Leser, dass er keine Verselbstständigung des einleitenden Teils zu
4 Vgl. Theiser, Seite 220
5 deutsche Ausgabe
6 Vgl. Dehloff, Seite 126
7 Doch obwohl er so direkt darauf aufmerksam macht, kann man meiner Meinung nach nicht sagen, dass sofort mit dem nächsten Satz der dynamische Handlungsteil beginnt. Dieser Übergang erfolgt eher unbemerkt. Für mich weist auch der, wie Dethloff sagt, statische Expositionsteil bereits eine gewisse Art von Dynamik auf, da schon dort verschiedene Handlungen ablaufen und Gespräche geführt werden.
2
befürchten habe und die Handlung jetzt endlich beginnt. Auf Grund des Wortes ‚tragédie‘ kann der Leser sofort erahnen, dass sich noch einige dramatische und tragische Dinge ereignen werden. Drei von insgesamt acht Kapiteln, in die sich der Roman untergliedern läßt, bilden den statischen Expositionsteil. Dieser kann modellhaft für die typische Balzacsche Beschreibungstechnik stehen: bevor die eigentliche Geschichte in Gang kommt, werden Schauplatz und Romanfiguren ausführlich vorgestellt.
Dabei kann man als aufmerksamer Leser beobachten, dass der Erzähler am Anfang im Präsens zu erzählen beginnt und allein im ersten Abschnitt drei Punkte anspricht, auf die er im Laufe des ersten Kapitels von Abschnitt zu Abschnitt immer tiefgründiger eingeht, er dringt immer mehr zu der Persönlichkeit der wichtigsten Figuren vor, indem der Erzähler stets etwas für den Leser Neues hinzufügt. Eine gewisse Chronologie wird angeschnitten und dann noch einmal aufgenommen:
1. „Madame Vauquer, geborene Conflans, ist eine alte Frau, die seit vierzig Jahren in Paris in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève zwischen dem Quartier Latin und dem Faubourg Saint-Marceau eine gutbürgerliche Pension führt.“ 8 Das ist der erste Satz auf der ersten Seite. Schon auf der nächsten Seite und was sich bis auf Seite 16 fortsetzt (nachdem der Erzähler einige weitere Anmerkungen gemacht hat), werden die Umgebung des Hauses, dann das Haus selbst und anschließend dessen Aufteilung und die Zimmer genau beschrieben. Und zum Schluß erfährt der Leser persönliches über die Dame des Hauses: „Ungefähr fünfzig Jahre alt, gleicht Madame Vauquer all den Frauen, die Unglück gehabt haben. [...] da sie, wie sie sagte, selbst alles gelitten habe, was nur irgend zu erleiden möglich sei.“
2. „Diese Pension, die unter dem Namen ‚Haus Vauquer‘ bekannt ist, nimmt Männer und Frauen, junge und alte Leute auf, ohne dass jemals die Moral jenes achtbaren Hauses angezweifelt worden wäre.“ Auf den Seiten 16 bis 26 werden nun die Pension beschrieben und die Menschen charakterisiert, sie bewohnen. Und je nach ihrer Wichtigkeit für die Geschichte räumt ihnen der Erzähler mehr oder weniger Platz ein. Ab Seite 32 bis zum Ende des ersten Kapitels (Seite 42) wird noch einmal auf die beiden Personen Goriot und Rastignac eingegangen. Das Porträt Goriots erhält dabei ein stärkeres Relief, weil die häufigen Frauenbesuche, deren Gründe der Erzähler zunächst verheimlicht, den alten Mann mit der Aura eines Lebemannes umgeben.
8 Vgl. „Vater Goriot“, Seite 9
3
Arbeit zitieren:
Susanne Richter, 2001, Zeitarrangement(s) und Wirkpotenz, untersucht am Roman "Vater Goriot" von Honoré de Balzac, München, GRIN Verlag GmbH
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