Gaillard (und dem Gerber Grimal) heranwächst, kann ihm deshalb wenig anhaben, da er
zum leben der Liebe nicht bedarf. „Für seine Seele brauchte er nichts“, so wird berichtet,
„Geborgenheit, Zuwendung, Zärtlichkeit, Liebe - oder wie die ganzen Dinge hießen,
deren ein Kind angeblich bedurfte - waren dem Kinde Grenouille völlig entbehrlich“
(S.28).
Diese Zähigkeit und Genügsamkeit Grenouilles verdeutlicht der Erzähler mit dem Bild
des Zecks, das als Leitmotiv den ganzen Roman durchzieht. Der Zeck ist äußerlich „klein“
(S.29) und hässlich, kann aber mit kleinsten Nahrungsmengen überleben. Was er ganz
besonders mit Grenouille gemein hat, ist seine Fähigkeit, „in sich versammelt“, „in sich
verkapselt“ (S.29) auf ein Opfer zu warten. Dadurch, dass er nur diesem
Überlebensprogramm folgt, fehlt ihm jegliches Moralempfinden, er zeigt „keine seelische
Regung“ (S.30). Moralische Werte und Regungen des Gewissens sind ihm unbekannt. So
ist es auch nicht verwunderlich, dass die gequälte und geschundene Kreatur Grenouille
nach dem ersten Mädchenmord nicht von Schuldgefühlen geplagt wird. Verblendet von
der Gier, in den Besitz dieses außergewöhnlichen Duftes zu kommen, erwürgt er das
Mädchen, um es vollständig abzuriechen und den Geruch in seinen „inneren Schotten
dicht [zu] verschließen (S.56). Im Mittelpunkt steht für ihn das Erlangen des Dufts, was
auch dadurch deutlich wird, dass die Mordtat nur im Nebensatz, wie beiläufig erwähnt
wird („während er sie würgte“ S.56). Bezeichnenderweise hält der Erzähler zum
Zeitpunkt des Mordgeschehens die Augen geschlossen. Der Erzähler vergleicht das
Mädchen mit einer Blume, die nach dem Pflücken nur noch kurze Zeit Duft verströmt.
Nachdem er sie „welkgerochen hatte“, lässt er das Mädchen im Hof zurück, wie man
auch eine verwelkte Blume wegwirft. „Vor lauter Glückseligkeit“ verbringt er nach
dieser Duftverführung schlaflose Stunden.
Er sieht sich als „Genie“ (S.57), das die „höhere Bestimmung habe, […] die Welt der Düfte
zu revolutionieren“ (S.57). Er glaubt sich aufgerufen, „der größte Parfumeur aller Zeiten“
(S.) zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, verbringt er einige Lehrjahre bei dem
Parfumeur Baldini. Nach dem Erwerb handwerklicher Grundkenntnisse verabschiedet
sich Grenouille in Richtung Grasse, wohin ihn neue Techniken der Duftgewinnung
treiben. Doch entgegen seinem ursprünglichen Plan, schnellstmöglich Grasse zu
erreichen, führt ihn seine Nase zu einem Ort größtmöglicher Einsamkeit. Dieser Weg in
die Höhle des Plomb du Cantal bedeutet gleichzeitig den Weg zu höchstem Glück. In
meditativer Selbstgenügsamkeit erlebt er auf imaginäre Weise noch einmal die Etappen
seines Lebens, tilgt unliebsame Gerüche aus seiner Erinnerung und entwickelt sein
Arbeit zitieren:
Lisa Maria Hirschfelder, 2011, Patrick Süskind, Das Parfum: Charakterisierung Grenouille - ausgewählte Textstellen, München, GRIN Verlag GmbH
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