Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 3
2. Begriffe 6
3. Epos und Romanhaftigkeit 7
3.1. Darstellung von Realismus 8
3.2. Figurenanzahl 8
3.3. Erzähltempo 9
3.4. Atmosphäre 11
3.5. Gesellschaftlicher Kontext 13
4. Vergleich mit einer Diskussion im Literaturbetrieb 15
5. Rezeptionsweise 18
6. Die Rolle des Autors 21
7. Qualitätshierarchie 24
8. Fazit und Ausblick 26
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1. Einführung
Das deutsche Fernsehen hat in intellektuellen Kreisen einen eher niedrigen Stellenwert. Wenn das Thema überhaupt noch aufkommt, es scheint häufig schon alles gesagt zu sein, werden die immer gleichen Wutreden gehalten: Das Vor- und Nachmittagsprogramm der privaten Sender werde nur noch mit sinnfreien Dokusoaps gefüllt, die öffentlichen rechtlichen Sender gäben „unser“ Geld nur für Telenovelas aus und die guten Sachen kämen doch immer nur auf „Arte“ oder mitten in der Nacht. Aussagen, die vielleicht nicht wortwörtlich belegbar sind, die aber fast jeder aus eigener Erfahrung kennen dürfte. Diese Diskussion ist natürlich nicht neu, ihr bekanntestes Beispiel ist wahrscheinlich Adornos „Prolog zum Fernsehen“ (1977: 74-75). Nur im Kino oder in der Literatur, so scheint es, sei anspruchsvolle Unterhaltung zu erwarten; nur Filme und Bücher seien nicht nur Vergnügen, sondern auch Kunst, so die kulturpessimistische Betrachtungsweise.
Durch das Internet hat sich jedoch die Stellung des Konsumenten von bewegten Bildern zunehmend verändert, denn der Zuschauer hat die Möglichkeit, mündiger zu handeln als je zuvor. Ihm steht eine unzählbare Menge von Inhalten offen, die er jederzeit abrufen kann, um das Programm nach seinen eigenen Wünschen zusammenstellen, und das, ohne sich an Vorgaben von Fernsehsendern halten zu müssen. Diese scheinen die Entwicklung sogar selbst zu bemerken und bieten den Zuschauern durch Angebote wie Video-on-Demand und Online-Mediatheken ihre Inhalte ebenfalls zeitunabhängig an (vgl. Ji 2008: 7). All dies spricht eigentlich für einen baldigen Untergang des klassischen Fernsehens. Das Programm ist schlecht und das Format viel zu unflexibel für eine Generation, die es gewohnt ist, alle Inhalte, sei es Nachrichten, Unterhaltungsangebote oder sogar Werbung, individuell angepasst zu bekommen.
Blättert man heute jedoch durch deutschsprachige Tageszeitungen findet man im Feuilleton nicht nur Filmkritiken und Buchrezensionen. Seit einigen Jahren häufen sich neben den klassischen Themen
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überschwängliche Lobeshymnen auf fiktive Inhalte, die ihren Ursprung im Fernsehen haben: amerikanische Serien. Anders als in Deutschland ist der Pay-TV-Markt in den USA erfolgreich und hat eine Vielzahl an Kunden. Die Sender zeigen auch nicht nur Sportsendungen und eingekaufte Spielfilme, sondern bieten auch Eigenproduktionen; in den letzten Jahren insbesondere sehr erfolgreiche Fernsehserien. Führend in diesem Geschäft ist der Sender „HBO“, der Mitte der 1990er Jahre anfing, Serien zu entwickeln. Unter dem Slogan „It’s not TV, it’s HBO“ entstehen TV-Produktionen, die, wie der Slogan verspricht, vieles anders machen als die Serien, die in den normalen Kabelsendern empfangbar sind. 1 Ein amerikanischer Reporter bezeichnete den Slogan sogar als Kritik am gesamten amerikanischen kommerziellen Fernsehsystem (Gay 2002:2). Durch die finanzielle Unabhängigkeit, die die Abonnenten gewährleisten, kann bei HBO inhaltlich und auf der Formebene einiges gewagt werden, was im herkömmlichen amerikanischen Fernsehen unmöglich ist, weil auf Werbekunden achtgegeben und eine Programmstruktur eingehalten werden muss. So wurden zum Beispiel komplexere Erzähltechniken eingeführt und amerikanische Fernsehtabus, wie das Zeigen von Genitalien oder das Verwenden der so genannten „seven dirty words“, gebrochen (vgl. Leverett/Ott/Buckley 2008: 127-128; Seiler 2008: 6). Es ist eine Reihe von Serien entstanden, die fast alle von der Presse hochgelobt werden und teilweise auch ein breites Publikum an sich banden und immer noch binden. Auch andere Bezahlsender folgten dem Beispiel HBO und produzieren Serien mit ähnlich großem Zuspruch in den Medien und bei ihren Abonnenten. Denn eine neue Einnahmequelle war durch das neue Serienformat auch gefunden: Die komplexen Serien lassen sich eindeutig besser am Stück konsumieren als herkömmlich einmal in der Woche. Dadurch schnellten die DVD-Verkäufe nicht nur in den USA in die Höhe (vgl. Seidmann 2009).
Erfolgreiche Fernsehprodukte aus Amerika landen erfahrungsgemäß auch schnell in Deutschland. Die Vermarktung der Kabelserien von HBO und Co scheiterte jedoch fast ohne Ausnahme. Viele Sender wagten sich an die
Hits aus Amerika, aber die Einschaltquoten waren bisher katastrophal (Kreye 2008). Ob es daran liegt, dass die interessierten Deutschen die Serien schon durch eine US-importierte DVD kennen, oder ob die Ursache darin zu finden ist, dass der interessierte Deutsche sowieso kein Fernsehen schaut, soll in dieser Arbeit nicht thematisiert werden. Die Misere führte jedoch dazu, dass das Thema Fernsehserien durch ihre nicht abzusprechende Qualität auch im deutschen Feuilleton allgegenwärtig war, obwohl kaum jemand die Serien tatsächlich im deutschen Fernsehen schaute. Fleißig wird immer noch jede neue Serie besprochen, entweder weil eine neue Staffel bei irgendeinem digitalem Spartensender tatsächlich ausgestrahlt wird, oder weil sie der neue Hype in Amerika ist. Die Besprechungen haben dabei eine eigene Qualität entwickelt. In voneinander unabhängigen Artikeln zu unterschiedlichen
Neuerscheinungen werden immer wieder ähnliche Bausteine und Charakteristika benannt, die die neuen Serien auszeichnen. Häufig werden die Eigenschaften der Qualitätsserien auch bereits in einem übergeordneten Kontext besprochen bzw. miteinander verknüpft. In dieser Arbeit soll diese Diskussion über amerikanische Qualitätsserien im deutschsprachigen Feuilleton geordnet werden. Die Serieneigenschaften, die in den jeweiligen Artikeln benannt werden, sollen nach Themen sortiert werden. Hierbei wird danach geforscht, welche Begriffe besonders häufig genannt werden und welche Attribute eine übergeordnete Stellung einnehmen bzw. welche Eigenschaften eine Serie haben muss, um jenes Attribut verdient zu haben. Durch diese Systematisierung kann möglicherweise ein Kriterienkatalog entstehen, an dem neue Serien gemessen werden können. Es soll der Versuch gewagt werden, Serien anhand dieser Eigenschaften in ihrer Qualität zu hierarchisieren. Uninteressant sind bei der Untersuchung Qualitäten, die nur bei einzelnen Serien entdeckt werden. Hierbei wird der Qualitätsbegriff verwendet, den Jane Feuer in „HBO and the Concept of Quality TV“ als „journalistic“ bezeichnet: „[…] quality is an aesthetic choice of a particular kind defined by a consensus among programme creators and liberal intellectuals […]” (2007:148). Auch wenn die Artikel sich meistens nicht mit dem gesamten Phänomen Qualitätsserie auseinandersetzen, soll der Blick genau auf die
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eventuell unentdeckt gebliebenen Gemeinsamkeiten gerichtet werden. Zum Anderen sollen medienkulturelle Themen zusammengefasst werden, die in der Feuilletondiskussion mit angesprochen wurden, damit schließlich ein klar gegliederter Überblick über das Feuilleton-Thema „Amerikanische Qualitätsserien“ entsteht. Alle zugezogenen Artikel stammen aus dem Feuilleton bzw. Kulturteil deutschsprachiger Tages- und Wochenzeitungen.
2. Begriffe
Diese Arbeit will sich laut Titel mit dem Phänomen „Qualitätsserie“ beschäftigen. Dieser Begriff ist von dem Titel „Quality-TV“ abgeleitet und wird in den als Forschungsobjekt verwendeten Artikeln auch ab und zu verwendet (Kreye: 2008). Meistens verweigern die Feuilletonisten jedoch eine klare Titulierung oder es herrscht Uneinigkeit über die Bezeichnung des besprochenen Phänomens. So tauchen oft Begriffe auf, die sich auf die Ähnlichkeit dieser Serien mit Romanen berufen (dazu mehr in dieser Arbeit), wie „episch-romanhafte Serien“ (Kluger in Kämmerlings 2010), „gesendete Literatur“ (Schweizerhof 2010) oder wie der bekannte Serienschöpfer David Simon seine eigene Serie „The Wire“ 2 in einem Interview nannte: „broadcast literature“ (ebd.). Zudem tauchen Begriffe wie „TV-Saga“ (Praschl 2010) oder „Serien mit fortlaufender Handlung“ (Niggemeier 2010) auf. Der deutsche Regisseur Dominik Graf, der mit „Im Angesicht des Verbrechens“ eine der wenigen deutschen Fernsehserien geschaffen hat, die mit den amerikanischen verglichen werden, nennt diese Fernsehform „TV-Kino“ (Graf in Lueken 2010). Eine Bezeichnung, die auch zu Äußerungen in Publikationen der Fernsehwissenschaften passt, die Serien, wie beispielsweise „Six Feet Under“ 3 , eine Filmqualität zusprechen (Feuer 2007: 151) und dadurch zu Begriffsschöpfungen wie „Megamovie“ (Reinecke 2007) kommen. Alle Beschreibungen beziehen sich jedoch im Grunde auf den gleichen Kanon an Serien und stellen in ihrer Definition nur einen bestimmten Aspekt der Diskussion in den
Vordergrund. Diese Arbeit untersucht jedoch die gemeinsamen Qualitätskriterien, die im deutschen Feuilleton in Bezug auf amerikanische Serien genannt werden. Somit wird im Folgenden der Begriff „Qualitätsserie“ auch deshalb verwendet, weil er just diese Bezeichnung ergründen möchte.
3. Epos- und Romanhaftigkeit
Die Artikel, die bei dieser Arbeit als Forschungsgegenstand fungieren sollen, sind entweder Rezensionen von einzelnen Fernsehserien oder behandeln das Thema „TV-Serien“ übergeordnet. Liest man mehrere dieser Artikel stellt man fest, dass es bestimmte Begriffe gibt, die in diesen Artikeln immer wieder auftauchen. Insbesondere die Adjektive „episch“ und „romanhaft“ werden fast inflationär im Zusammenhang mit diesem Fernsehphänomen verwendet. Dieser Vergleich wird so oft gezogen, dass Christoph Anderson es in seinem Essay „Producing an Aristocracy of Culture in American Television“ bereits als ermüdendes Kritikerklischee bezeichnete (2008: 25). Im Griechischen steht das Wort „Epos“ für „die Rede“ oder „die Erzählung“, der Duden spricht von einer „erzählenden Verdichtung größeren Umfangs“ (vgl. Duden 2011) und der Literaturwissenschaftler Georg Lukács betont, dass der Gegenstand einer epischen Geschichte nicht das Einzelschicksal sei, sondern das einer Gemeinschaft (vgl. 1920:59). Im Brockhaus wird der Roman als „größere erzählende Dichtung, die eine zeitlich ausgedehnte Entwicklung von Menschen und Zuständen darstellt“ bezeichnet (vgl. Brockhaus 2005). Just diese Merkmale - Umfangreichtum, Gemeinschaftsschicksal, Zustandsbeschreibung - finden sich in den Texten der Feuilletonisten wieder, werden aber auch durch andere Eigenschaften ergänzt, die das „Gefühl“ des Epischen ausmachen sollen. Es gibt also eine Vielzahl von Kriterien, die erfüllt werden müssen, um die Bezeichnung „romanhaft“ oder „episch“ zu verdienen. In den folgenden Unterpunkten soll darauf eingegangen werden, was das Feuilleton unter einer epischen bzw. romanhaften Serie versteht.
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3.1. Darstellung von Realismus
Der amerikanische Autor Jonathan Franzen vergleicht in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)“, die neuen Serien mit den Gesellschaftsromanen des 19. Jahrhunderts; er selbst ist ebenfalls für umfangreiche Gesellschaftsportraits bekannt. Sie hätten die gleiche Funktion, „[…] die großen sozialen Probleme, anhand einer Vielzahl von Figuren, spannend zu verhandeln“ (vgl. Franzen in v. Lovenberg 2010). Es geht also nicht nur um den reinen Umfang, sondern auch um die Darstellung der umfangreichen Komplexität der Realität. So findet man eine Vielzahl an Textstellen in den entsprechenden Artikeln, die genau diese Merkmale hervorheben:
Die moderne Wirklichkeit ist auch in ihrer Komplexität potentiell darstellbar. (Kämmerlings 2010) Mich interessiert daran vor allem die narrative Struktur, wie das „Reale“ auf ganz neue Weise erzählt wird […]. (Peltzer in Kämmerlings 2010)
Das ist ein realistischer Familienroman über fünf Staffeln […] (Wagner in Kämmerlings 2010)
3.2. Figurenanzahl
Auch die Anzahl der Figuren scheint ein Schlüssel dafür zu sein, ein episches Gefühl herzustellen. Lars Jensen von der FAZ lobt in der Besprechung der Serie The Wire insbesondere, dass es sich bei dieser Serie um „gleichberechtigte Charaktere“ handele (2008). Dieses Lob bezieht sich also auf die oben genannte Definition von Lukács, der Fokussierung auf eine Gruppe - er nennt es „Gesellschaft“ - und somit nicht auf einzelne Personen. Es könnte aber auch ein Mittel sein, die vorher angesprochene Komplexität zu erzeugen, indem viele Geschichten auf den Schultern vieler Protagonisten miteinander verschlungen werden. Ein FAZ-Autor sieht in der Hierarchielosigkeit der Protagonisten der Mini-Serie „Band of
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Arbeit zitieren:
Alexander Lindh, 2011, Das Konzept "Amerikanische Qualitätsserie", München, GRIN Verlag GmbH
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