Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Historischer Abriss des baskischen Nationalismus 4
2.1 Die Anfänge des baskischen Nationalismus 4
2.2 Die baskische Regierung im Exil 5
3. Gesellschaftlicher Kontext der Gewalteruption 7
3.1 Wirtschaftlicher und sozialer Wandel 7
3.2 Das Problem der Sprache 8
3.3 Baskische Kultur im Franquismus 10
3.4 Die Rolle der Kirche 11
3.5 Franquistische Repressionspolitik 12
3.6 Die Sondersituation der Provinzen Guipúzcoa und Vizcaya 14
4. Eigendynamik der Gewalt 16
4.1 Entstehung und Entwicklung der ETA 16
4.2 Ideologie und Ziele der ETA 17
5. Fazit 19
Bibliographie 21
1
1. Einleitung
Spanien ist ein Land mit vier verschiedenen Sprachen und mindestens drei verschiedenen „Nationalitäten“, dessen 17 autonome Regionen zentral von Madrid aus regiert werden. Der Regionalismus und auch der regionale Nationalismus spielen in Spanien eine große Rolle. Vieles lässt sich als Reaktion gegen die Diskreditierung des Zentralismus und die Repression unter Franco erklären. Die am wirkungsvollsten organisierte und spektakulärste Opposition gegen den Franquismus seit den 50er Jahren kommt aus den Reihen der baskischen Nationalisten. Die klassischen Wurzeln des baskischen Nationalismus sind vor allem die baskische Sprache, sie ist das einzige vorindogermanische Überbleibsel in Europa, sowie die Bewahrung der alten Rechte, der fueros, die schon immer ein Leitmotiv der baskischen Politik, die eine möglichst breite Autonomie anstrebte, war. Doch ist das Baskenland eine Nation? Was ist überhaupt eine Nation und durch welche Attribute wird sie charakterisiert?
1882 hielt Ernest Joseph Renan, Orientalist, Sprach- und Religionswissenschaftler sowie Archäologe, eine berühmte Vorlesung an der Sorbonne mit dem Titel: Qu`estce qu`une nation? Er definiert die Nation als konstruiert durch den täglichen Akt der Zustimmung ihrer Mitglieder, die diesen in der Regel aus einem Gefühl historischer Verbundenheit heraus erbringen. Er sieht eine Nation als große Solidargemeinschaft, getragen von dem Gefühl der Opfer, die man gebracht hat und der Opfer, die man noch gewillt ist zu bringen. Wichtig ist die gemeinsame Vergangenheit, die gemeinsame Geschichte, jedoch auch die Gegenwart, die von dem Wunsch gekennzeichnet ist, auch weiterhin gemeinsam zusammenleben zu wollen. Es macht also das Wesen einer Nation aus, dass alle Individuen etwas miteinander gemeinsam haben, aber auch, dass sie viele Dinge vergessen haben. Die moderne Nation sieht er als das historische Ergebnis einer Reihe von Tatsachen, die dieselbe Richtung haben. Auch zu seiner Zeit beschäftigte sich Renan insofern schon mit dem europäischen Gedanken als er die Nationen als abgelöst von der europäischen Konföderation sieht. 1 Im Folgenden ist nun zu klären, ob man das Baskenland als Nation ansehen kann, ob die nationalistischen Tendenzen und Forderungen gerechtfertigt sind und wie es dazu kam, dass eine gewaltbereite Organisation wie die ETA entstehen konnte.
1 Ernest Renan: Qu`est-ce qu`une nation? Paris 1882, in Vogt, Hannah (Hrsg. Und Übers.): Natio-
nalismus gestern und heute. Opladen 1967, S. 138-143
2
Es existiert eine Reihe von Theorien darüber, wie es zu diesem gewaltsamen Aufbegehren kommen konnte. Marxistische Autoren führen die Gründung der ETA auf die „franquistische Wirtschaftspolitik“ zurück und vertreten damit eine ökonomischsoziologische Theorie. Die PNV (Partido Nacionalista Vasco) ist der Auffassung, die ETA sei aus einem Generationenkonflikt heraus entstanden. Payne vertritt die These, dass politische Differenzen ausschlaggebend für die Gründung der ETA waren. Lang erkennt richtigerweise, dass all diese Erklärungsansätze „eine […] methodische Schwäche“ haben, denn „sie greifen ein Erklärungselement heraus und verabsolutieren es.“ 2 Einen weitaus umfassenderen Ansatz liefert Waldmann, indem er ein analytisches Schema zu den Ursachen des ETA-Terrorismus aufstellt. Er unterteilt drei Ebenen: Die Quellen der allgemeinen Unzufriedenheit, die Lenkung der Unzufriedenheit in Richtung politischen und sozialen Protests und schließlich die Umsetzung des Potentials in organisierte Gewalt. 3
Diese Arbeit soll nicht die aufgestellten Theorien, sondern vielmehr die Ursachen analysieren. Zwar orientiert sie sich an einem Kausalmodell nach dem Vorbild Waldmanns, doch verfolgt sie die Untersuchung nicht auf den genannten Ebenen. Es soll zuerst die Entstehung des baskischen Nationalismus im 19. Jahrhundert betrachtet werden, um anschließend sein Verhalten in der Franco-Ära zu erforschen. Im Zweiten Teil wird eingehend der gesellschaftliche Kontext zu untersuchen sein, der von Industrialisierung und Repression geprägt war. Letztlich wird die Perspektive auf die ETA selbst gerichtet, um herauszufinden, ob innerhalb der Organisation Gründe für die Gewaltanwendung zu finden sind.
2 Josef Lang: Das baskische Labyrinth. Unterdrückung und Widerstand in Euskadi, Frankfurt (Main)
1988, S.121.
3 Peter Waldmann: Militanter Nationalismus im Baskenland, Frankfurt (Main) 1990, S.97.
3
2. Historischer Abriss des baskischen Nationalismus
2.1 Die Anfänge des baskischen Nationalismus
Der baskische Nationalismus ist die Folge von zwei historischen Ereignissen, die in engem Verhältnis zueinander stehen: Erstens die Abschaffung der fueros nach den Karlistenkriegen (1833-39; 1873-76), die über Jahrhunderte hinweg den Basken einen hohen Grad an Autonomie und persönlichen Freiheitsrechten garantiert hatten. 4 Zweitens die Industrialisierung, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzog und die eine starke Einwanderungswelle und massive gesellschaftliche Veränderungen hervorriefen. 5 Es kam zu einer Identitätskrise des baskischen Volkes, die durch zentralistische Politik sowie schnelle Industrialisierung und Modernisierung ausgelöst wurde. Der baskische Nationalismus entstand „nicht auf der Grundlage eines gesteigerten Selbstbewusstseins der Region, sondern als Reaktion auf eine tiefgreifende Struktur- und Identitätskrise“. 6 Doch wie wirkten sich diese historischen Ereignisse auf die Entwicklung des Baskenlandes aus? Bereits die Karlistenkriege spalteten die baskische Gesellschaft: Die Karlisten fanden in ländlichen Gegenden Unterstützung, während die Bourgeoisie für die zentralistische Regierung war. 7 Dieser Prozess verstärkte sich nach den Kriegen durch die Industrialisierung und war der Ursprung des radikalen Nationalismus, der von Sabino de Arana ins Leben gerufen wurde. Die 1895 von Arana gegründete Partido Nacionalista Vasco fand ihren Unterstützerkreis in jener Schicht, die zwischen der baskischen Finanzoligarchie auf der einen und dem Proletariat der spanischen Einwanderer auf der anderen Seite gefangen war. Der Nationalismus war die Bewegung einer Klasse, die durch die Industrialisierung an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde. 8 Es erscheint logisch, dass jene Bewegung durch eine anti-moderne Haltung geprägt war, die sich gegen Industrialisierung und Modernisierung sowie gegen den politischzentralistischen Liberalismus wandte. 9 Die Strukturveränderungen wirkten bedrohlich, die zunehmende Einwanderung nichtbaskischer Arbeitskräfte führte zur Angst vor Überfremdung. Die Verstädterung stellte sich „als Bedrohung der kleinen Gemeinden
4 Walther L. Bernecker: Das Baskenland zwischen Terrorismus und Friedenssehnsucht, in: Rainer
Wandler (Hg.): Euskadi. Ein Lesebuch zu Politik, Geschichte und Kultur des Baskenlandes, Berlin
1999, S.9-41, S.9.
5 John Sullivan: ETA and Basque Nationalism. The Fight for Euskadi 1890-1986, London 1988, S.1.
6 Peter Waldmann: Katalonien und Baskenland. Historische Entwicklung der nationalistischen Bewe-
gungen und Formen des Widerstands in der Franco-Zeit, in: Ders. u.a. (Hg.): Sozialer Wandel und
Herrschaft im Spanien Francos, Paderborn u.a. 1984, S.155-192, S.165.
7 Sullivan: ETA and Basque Nationalism, S.4.
8 Marianne Heiberg: The Making of the Basque Nation, Cambridge 1990, S.103.
9 Bernecker: Das Baskenland zwischen Terrorismus und Friedenssehnsucht, S.11.
4
als traditionelle Keimzelle baskischer Sprache und Wertorientierungen“ dar. 10 Zwar war die Situation hervorragend für wirtschaftliche Interessen, doch gleichzeitig beunruhigte sie die junge Intelligenzija, die auf der Suche nach Identität war und sich durch die Modernisierung die baskischen Werte bedroht sah. Payne definiert die Geburt des Nationalismus als „die Kreuzung von Traditionalismus und Modernisierung, […] das Bedürfnis sich an die Modernisierung anzupassen und sie zu erreichen und gleichzeitig so viel wie möglich vom Traditionalismus zu bewahren“ 11 [Übers.d.Verf., ebenso alle folgenden Zitate]. Die Wortneuschöpfung Euskadi (Baskenland) geht auf die Renaissance der baskischen Sprache am Ende des 19. Jahrhunderts zurück, ebenso wie die Entstehung einer eigenen Hymne und Flagge sowie weiterer baskischer Symbole. 12 Wie stark die nationalistische Idee in der baskischen Bevölkerung auf Zustimmung stieß, lässt sich an den ersten Wahlen der 2. Republik im Jahre 1931 erkennen, als es zu einem deutlichen Sieg der Koalition aus PNV und Karlisten kam. Doch ein Jahr später zerbrach die Koalition, weil die Einführung eines Autonomiestatuts für das Bas-kenland an den Karlisten scheiterte. Die Durchsetzung des Statuts gelang erst im Jahre 1936. Da es schon im folgenden Jahr zur franquistischen Besatzung kam - in Navarra und Alava nicht zuletzt durch die Unterstützung der Karlisten -, fand de facto keine Umsetzung statt. 13
2.2 Die baskische Regierung im Exil
Die Machtübernahme Francos läutete einen jahrelangen Stillstand in der baskischen Nationalbewegung ein; noch 1937 flüchtete die baskische Regierung ins französische Exil. Der Glaube vieler Basken an ein schnelles Ende der Diktatur und an eine Wiedererrichtung der Republik mit baskischem Autonomiestatut hielt sich bis in die frühen 50er Jahre. 14 Die PNV setzte ihre Hoffnung auf die Mobilisierung der Weltmeinung, was zu Beginn auch von Erfolg gekrönt war: Die Exilregierung erhielt nach dem 2.Weltkrieg Unterstützung von den Alliierten; sogar ein amerikanischer Oberst kam nach Frankreich, um in der Nähe von Paris 150 baskische Streitkräfte drei Monate lang
10 Renate Brinck: Regionalistische Bewegungen zwischen internationaler Integration und regionaler
Eigenständigkeit. Baskenland und Katalonien, Hamburg 1996, S.70.
11 Stanley G. Payne: Basque Nationalism, Nevada 1975, S.64.
12 Bernecker: Das Baskenland zwischen Terrorismus und Friedenssehnsucht, S.10.
13 Hartmut Heine: Zwei Wege zur Autonomie in Spanien. Katalonien und Baskenland, in: Knut Ipsen
/ Volker Rittberger / Christian Tomuschat (Hg.): Die Friedenswarte 72/1, Berlin 1997, S.61-70, S.64 f.
14 Robert P. Clark: The Basque Insurgents. ETA 1952-1980, Madison 1984, S.20.
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Arbeit zitieren:
Andrea Köbler, 2010, Der baskische Nationalismus im Zusammenhang mit der Entstehung und Entwicklung der ETA, München, GRIN Verlag GmbH
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