Inhaltsverzeichnis
1. Der Mythos Kolumbus 1
2. Geschichtsverständnis und historische Romane 2
2.1 Von Walter Scott bis zur Postmoderne 2
2.2 Hayden White und die narrative Strukturiertheit
der Geschichtswissenschaft 4
2.3 Der transversalhistorische Roman 6
3. Vigilia del Almirante als transversalhistorischer Roman 8
3.1 Kurzer Abriss des Inhalts 8
3.2 El prólogo 9
3.3 Kapitel IX 10
3.4 Das Entdecken und das Verdecken der neuen Welt 12
3.5 Vigilia del Almirante als metafiktionaler Text 13
3.6 Der fiktive Kolumbus 14
3.7 El diario de a bordo 16
4. Zusammenfassung 17
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1. Der Mythos Kolumbus
Er wollte den westlichen Seeweg nach Indien und China entdecken, mit Gewürzen und Gold die spanischen Staatskassen und seine eigene Geldbörse füllen. Doch das hat Kolumbus nie geschafft, stattdessen war er für den Tod vieler Indios verantwortlich. Dennoch gilt er als Entdecker schlechthin, der Mythos und Kult rund um seine Person sind ungebrochen. Wiederzufinden ist dieser Kult um den angeblichen Entdecker der Neuen Welt auch in der Kunst und in der Literatur. Roa Bastos hat 1992, 500 Jahre nach der ersten Reise des Kolumbus, seinen eigenen Weg gewählt, um die seine Geschichte zu erzählen. Er schuf mit Vigilia del Almirante einen transversalhistorischen Roman, der die historischen Gegebenheiten zwar als Vorlage nimmt, sie jedoch neu zusammensetzt, mehrere Quellen benutzt, Lücken füllt und so eine mögliche Geschichte der damaligen Ereignisse erzählt.
Der Begriff "transversalhistorisch" erweitert als operationale Kategorie die bisher in der Hispanistik verwandte Bezeichnung "nueva novela histórica", um das Verhältnis zwischen den historischen und literarischen Diskursen zu verdeutlichen. Romane wie Vigilia del Almirante lediglich als neuhistorisch zu charakterisieren, hieße, das Maß ihrer diskursiven Neuerungen nicht in angemessener Form zu betrachten. Der Begriff transversalhistorisch erfüllt diese Aufgabe weitestgehend, denn er signalisiert in einem Wort besonders bildhaft die Art der Verknüpfung zwischen der Geschichte und der Fiktion: transversal. So wird die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Vertextungsverfahren innerhalb der literarischen Tradition gerichtet, sondern auch auf die epistemologischen Veränderungen, die sich im Schreiben, Lesen, Sprechen und Wahrnehmen äußern.
In dieser Arbeit wird der Roman „Vigila del Almirante“ von Augusto Roa Bastos dahingehend beleuchtet, was ihn als transversalhistorischen Roman kennzeichnet. Dazu wird zunächst geklärt, was der Begriff „transversalhistorisch“ eigentlich bedeutet und wo er herkommt. Danach werden verschiedene Elemente aufgezeigt, die Vigila del Almirante als
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transversalhistorischen Roman charakterisieren. Außerdem wird geklärt, wie Roa Bastos seinen Kolumbus 500 Jahre nach den Entdeckungsreisen darstellt.
2. Geschichtsverständnis und historische Romane
2.1 Von Walter Scott bis zur Postmoderne
Der historische Roman ist ein fiktionales Prosawerk, dessen Handlung sich in einer bestimmten historischen Zeit abspielt. Die jeweilige Epoche dient als Kulisse der Romanhandlung. Als Begründer des historischen Romans wird der schottische Schriftsteller Walter Scott (1771- 1832) gesehen, denn er übte mit seinen Romanen großen Einfluss auf die Konstituierung dieser Textsorte aus. Entstehung und Verbreitung des historischen Romans hängen laut ihm von verschiedenen Faktoren ab: der Roman hat die Geschichte selbst als Thema, die Geschichte bekommt Gestalt, im Zentrum steht ein mittlerer Held, ein Held der aus der Gesellschaft gegriffen ist. Die historischen Gestalten, deren Namen und Geschichten jeder kennt, treten dagegen nur als Nebenfiguren auf. Die fiktiven Gestalten handeln vor einem historischen Kontext, der eine zweitrangige Rolle spielt. Zwischen den Auftritten der historischen Persönlichkeiten ist der Schriftsteller innerhalb der historischen Gegebenheiten relativ frei in der Gestaltung des Lebensweges seiner Protagonisten. Weiterhin werfen die Romane die Frage nach dem Verhältnis des Romans zur Wirklichkeit auf. Scott hatte nicht den Anspruch die Wirklichkeit abzubilden, er wertet lediglich Schrifttum und Aussagen aus. Außerdem vergrößerte er den Abstand zwischen dem historischen Objekt und der Schreibergegenwart. (Aust 1994: 63ff) Das 19. Jahrhundert zeichnete sich durch ein vermehrtes Interesse an der Geschichte aus. Man begann mit dem Versuch geschichtliche Ereignisse zu rekonstruieren, man wollte vergangene Ereignisse durch Tatsachenforschung und Ereignissammlung thematisieren.
Im 20. Jahrhundert blieb die Geschichtsschreibung nicht statisch, es zeichneten sich dagegen bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts erste Wandlungen ab. Den ersten Wandel stellt die Schule der „Annales“ dar. Die Kritik der Annales-Schule war, dass dem früheren Historismus wirtschaftliche und strukturelle Veränderungen in seiner Betrachtung weitgehend ausgeschlossen bleiben. Man
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forderte eine engere Zusammenarbeit der verschiedenen Humanwissenschaften, um ein vollständigeres Bild zu erhalten, eine histoire totale zu schreiben. Dabei steht die Geschichte des menschlichen Handelns im Vordergrund und nicht die politische Geschichte. Methodenpluralismus und interdisziplinäre Arbeit sollen als Richtlinien der historischen Forschung gelten. Der Erfolg bestand darin, dass aus dieser Forderung neue Wissenschaften, wie Humangeographie, soziale Mathematik, die Geschichte der Mentalitäten, die Geschichte der Außenseiter, des Körpers, der Sexualität etc. entstanden. Die Historikergruppe wünschte sich also die Überwindung und Abkehr von monokausalen Erklärungen, die nur an der Oberfläche blieben und keine wissenschaftliche Konstruktion des Dokumentes ermöglichen. Die Arbeit der Annales hat gezeigt, dass Geschichte eben nicht geradlinig verlaufen ist und dass sie vor allem ein Konstrukt der Historiker ist. Denn um eine breitere Perspektive zu erreichen müssen die vielen kleinen, facettenreichen Geschichten auch berücksichtigt werden, die Geschichte als solches gibt es nicht. (Ceballos 2005: 24f) Die zweite wichtige Veränderung im Geschichtsverständnis erfolgte nach den Erkenntnissen der postmodernen und poststrukturalen Philosophie. Wurde traditionellerweise die Geschichte als ein teleologischer und abgeschlossener Vorgang verstanden, so besteht dagegen das Anliegen der postmodernen Geschichtsschreibung in der Erneuerung des historischen Denkens und in der Entwicklung einer gut abgewogenen Methode, die sowohl Vor- als auch Nachteile einer rationalistischen Untersuchung mit der Frage nach dem fiktionalen Charakter der Geschichtsschreibung verknüpft. Es geht um das Ineinanderfließen mehrerer Perspektiven, denn mit der Überlagerung von Perspektiven soll das Schreiben einer umfassenderen Geschichte ermöglicht werden. Damit verabschiedet sich die postmoderne Geschichtsschreibung von der Vorstellung, dass Geschichte so wiedergegeben werden muss, wie sie tatsächlich geschehen ist. Geschichte wird als etwas Konstrukthaftes verstanden, die Geschichtsschreiber sind Restauratoren von Tatschen. (Ceballos 2005: 36f) Auch Roa Bastos spricht in Vigilia del Almirante von einer Parallelisierung von Geschichte, Fiktion und Psychologie:
„El historiador científico debe siempre hablar de otra y en tercera persona. El yo le está vedado. Los historiadores son de hecho “restauradores” de hechos. A partir de documentos reales, fabrican la ficción de teorías interpretativas semejantes a las “historias” y los diagnósticos clínicos sobre la mente humana.
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[...] El yo de ellos es el yo del otro. [...] Su lenguaje es pues simbólico, no descriptivo. [...] Hay un punto extrem, sin embargo, en que las líneas paralelas de la ficción llamada historia y de la historia llamada ficción se tocan. El lenguaje simbólico siempre habla de una cosa para decir otra. Alguien escribe tales historias sobre Gengis Khan, Julio César o Juan el Evangelista. [...] Toma sus nombres e invita una vida totalmente nueva. O finge escribir una historia para contar otra, [...] como las escrituras superpuestas de los palimpsestos. (Roa Bastos 1992: 78-79)
Bolander fragt sich sogar, das das Schreiben überhaupt die beste Möglichkeit ist, historisch Ereignisse wiederzugeben. „La escritura nunca puede ser una buena herramienta para describir fielmente la historia, porque una vez occurido un hecho no hay forma de reproducirlo tal cual fue, y menos a través de la escritura.” (Bolander 2002: 31)
2.2 Hayden White und die narrative Strukturiertheit der Geschichtswissenschaft
,,Die Geschichtsschreibung ist nicht weniger eine Form von Fiktion, als der Roman eine Form historischer Darstellung ist.“ (White 1986: 146) Diese wichtigste These von White zeigt, dass er Texte nicht einfach vorher in fiktionale und wissenschaftliche Texte unterscheidet, sondern laut White gibt es viele Texte, aus denen man das Realistische herausziehen soll oder kann. Er kritisiert an der Geschichtsschreibung, dass sie das Irrationale nicht zulässt und daher realistisch, erklärend, kritisierend und logisch ist. „Solange sie das „Fabelhafte“ mit dem „Unwirklichen“ gleichsetzten und nicht sahen, dass „Fabulieren“ selbst als Mittel dazu dienen könnte, die Wahrheit über die Wirklichkeit zu erfassen, und nicht einfach eine Alternative oder Ausschmückung eines solchen Begreifens war, konnten sie niemals Zugang zu jenen Kulturen und Zuständen des Bewusstseins finden, in denen die Unterscheidung zwischen wahr und falsch nicht so klar gemacht worden war“ (White 1986: 169)
Bis zu Moderne galten Kunst und Wissenschaft als konträre Modelle um die Welt zu begreifen, sie galten als Dichotomien. Mit seiner „Poetik der Geschichte“ löst White diese Dichotomie auf, denn er sieht die Kunst als andere Art Geschichte zu begreifen. „History ia a kind of art.“ (White 1991: 27) Er fordert sowohl die Wissenschaft als auch die Kunst zu nutzen, um eine Transparenz des menschlichen Daseins zu schaffen und Möglichkeiten neuer Perspektiven für die Historiographie zu schaffen. „History today has an opportunity to avail itself of the new perspectives on the world which a
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Arbeit zitieren:
Andrea Köbler, 2010, Vigila del Almirante von Augusto Roa Bastos, München, GRIN Verlag GmbH
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