Inhalt
1. Einleitung 3
2. Mythentheorie 4
2.1 Funktionen des Mythos, die Mythologie bis heute bedeutsam erhalten 4
2.2 Aspekte der für die Betrachtung essentiellen Eigenschaften des Mythos 8
2.3 Von der Oralität zur Literarizität und zurück? - Der Mythos im Medium 8
3. Vom Suchen und Finden der Liebe 10
3.1 Skizzierung der Handlung 10
3.2 Interpretation 11
3.2.1 Assoziative Bedeutung der vorkommenden Namen 11
3.2.2 Referenzen auf Kunstmythen 14
3.2.2.1 Orpheus und Eurydike 15
3.2.2.2 Hermes Aphroditos 17
19
3.2.2.3 Kalypso und Odysseus
3.2.3 Der Grundmythos der Liebe 20
4. Fazit 21
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1. Einleitung
Der Film „Vom Suchen und Finden der Liebe“ kam 2005 in die deutschen Kinos. Regie führte Helmut Dietl, der zusammen mit Patrick Süskind auch das Drehbuch schrieb. Das Besondere an diesem Film war sein Bezug auf antike mythische Stoffe. Dietls Komödie versucht, diese klassischen Geschichten für die moderne Gegenwart nutzbar zu machen. Es ergibt sich so eine Bearbeitung mythischer Stoffe, die auch eine Verarbeitung und (Um-)Deutung dieser beinhaltet. Der Film ist dadurch mehr als eine reine Wiedergabe oder Neuerzählung von Sagen, er ist eine „Arbeit am Mythos“, wie Blumenberg sie in seiner gleichnamigen Abhandlung 1979 beschrieb. Es ist hier besonders interessant, nach der spezifischen Nutzung mythischer Vorbilder zu fragen. Da der Film im Gegensatz zu den klassischen Künsten, wie Literatur, Theater und bildende Kunst, über andere Darstellungsmöglichkeiten verfügt, werden auch diese in die Betrachtung einbezogen. Die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit soll also lauten: Welche Funktion erfüllen Mythen innerhalb des Drehbuches und wie werden sie im Film umgesetzt?
Dazu muss zunächst einmal analysiert werden, welche Mythen im Film vorkommen, in welcher Funktion sie jeweils eingesetzt worden sind und durch welche Art der Darstellung sie ihre Wirkung entfalten. Die Arbeit am Mythos, die Dietls Film erkennen lässt, macht es möglich, ihn mit theoretischen Betrachtungen aus dem Bereich der modernen Mythentheorie zu verknüpfen. Um die mythischen Funktionen, die Dietl für seinen Film nutzt, zu analysieren, ist es zunächst einmal wichtig zu wissen, welche Funktionen Mythen überhaupt haben können. Um dies zu erfahren, werden essentielle Erkenntnisse aus der modernen Mythentheorie zusammengestellt und im Hinblick auf ihre mögliche Verwendung im Film ausgewertet.
Bereits der Titel des Filmes - „Vom Suchen und Finden der Liebe“ - deutet darauf hin, dass Mythen aus dem Themenkreis der Liebe verwendet werden. Durch die Verknüpfung einer modernen Liebesgeschichte mit mythischen Stoffen könnte durch den Film eine Verallgemeinerung menschlicher Liebessehnsucht über die Grenzen der Zeit hinweg suggeriert werden. Dabei könnte auch die Übertragung auf die moderne Metropole Berlin, in der der Film hauptsächlich spielt, von Bedeutung sein. Die leitende Arbeitshypothese lautet demnach: Der Mythos findet im Films „Vom Suchen und Finden der Liebe“ eine moderne Umdeutung, bei der er als Referenz für das als überzeitlich dargestellte Phänomen der Liebe auf eine Ursprünglichkeit genutzt wird. Die filmische Umsetzung zeigt die Abweichung vom klassischen Stoff durch die Übertragung auf moderne Drehorte.
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2. Mythentheorie
Zahlreiche Philosophen haben sich bis heute mit Mythentheorie befasst. Die schiere Unübersichtlichkeit 1 des Diskurses macht es für die vorliegende Arbeit notwendig, eine Auswahl zu treffen. Da der Untersuchungsgegenstand aus dem Jahre 2005 stammt, ist Aktualität ein wichtiges, wenn auch rein formales Auswahlkriterium. Aus diesem Grunde werden nur Texte aus dem 20. und 21. Jahrhundert in die Untersuchung einbezogen. Da hier die Funktionsweise von Mythen anhand eines konkreten Beispiels untersucht wird, sollen darüber hinaus Theorien zur Interpretation herangezogen werden, welche auf die Funktionen von Mythen eingehen.
Ein wichtiger Text aus dem Jahre 1979, der beide Voraussetzungen erfüllt, ist Hans Blumenbergs bereits erwähnte „Arbeit am Mythos“. Blumenberg geht darin der Frage nach, warum bis heute Arbeit am Mythos betrieben wird. Er stützt sich in seinem Werk auf Denker wie zum Beispiel Cassirer, Lévi-Strauss oder Heidegger, die hier zum Teil selbst herangezogen werden, zum Teil durch die Referenz Blumenbergs in die Betrachtungen einfließen.
Ein weiterer heute immer noch bedeutender Text, ist die „Dialektik der Aufklärung“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Für die Mythentheorie ist vor allem der Grundgedanke des Textes, dass Aufklärung und Mythos beide dazu dienen, die Welt begreifbar zu machen 2 , essentiell. Jean-Jaques Vernant und Kurt Hübner sind zwei Autoren, die nach Blumenberg publiziert haben und deren Thesen sich teilweise direkt mit seinen Ansichten auseinandersetzen, teilweise diesen neue Aspekte hinzufügen, sodass es hier sinnvoll erscheint sie einzubeziehen. Auf medientheoretischer Ebene wird eine Arbeit von Marshal McLuhan herangezogen, da sie sich mit dem Mythos im Film beschäftigen.
2.1 Funktionen des Mythos, die Mythologie bis heute bedeutsam erhalten
Sowohl Adorno/Horkheimer 3 als auch Blumenberg sehen es als eine dem Menschen natürliche Eigenschaft an, das Weltgeschehen durchdringen, vorhersehen und beherrschen zu wollen. Blumenberg nennt dies die „Arbeit am Abbau des Absolutismus der Wirklichkeit“ oder „Arbeit am Mythos“ 4 . Unter „Absolutismus der Wirklichkeit“ versteht er das Ausgeliefertsein des Menschen in Situationen, welche die Natur ihm vorgibt und mit denen er spontan überfordert ist. Diese Situationen versetzen den Menschen in eine Art Urangst, die er unter allen Umständen vermeiden
1 Vgl. Gottwald, Herwig: Spuren des Mythos in moderner deutschsprachiger Literatur: Theoretische Modelle und Fallstudien. 2007: 31
2 Vgl. Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max: „Die Dialektik der Aufklärung“ In: Barner, Wilfried; Detken, Anke; Wesche, Jörg: Texte zur modernen Mythentheorie. 2003: 26ff
3 Vgl. Adorno/Horkheimer 2003: 24ff
4 Vgl. Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. 1979: 13
4
möchte 5 . Er greift auf Kunstgriffe zurück, wie das Ersetzen des Unvertrauten durch Vertrautes, des Unerklärlichen durch Erklärungen usw. 6 . Es sei Teil dieses Prozesses, zunächst Namen, dann Metaphern und schließlich Geschichten zu erfinden 7 . Der Mythos ist demnach eine frühe Form der Verarbeitung unerklärlicher Naturphänomene. Cassirer weist zudem darauf hin, dass der Mythos eine symbolische Form sei und als solche auf jeden Gegenstand angewandt werden könne 8 . All diese Gedanken schreiben dem Mythos auf funktionaler Ebene zu, die Welt erklärbar zu machen. Nietzsches Einsicht, dass es eine Grundlage des Mythos sei, Geschehen als Tun auszulegen, stimmt Blumenberg prinzipiell zu, sieht jedoch den Hauptfaktor der Formel nicht im Kausalitätsprinzip, sondern in der Möglichkeit der Einflussnahme des Menschen auf dieses 9 . In einer Vorvergangenheit, die Blumenberg in Bezug auf Freud und Jünger als eine Art „status naturalis“ 10 konstruiert, sei „die einzige absolute Erfahrung“ 11 die „Übermacht des Anderen“ 12 . Dieses diffuse Konzept werde zu einem konkreten Anderen vereinfacht und in der Gestalt der Götter personifiziert. Durch die Vereinfachung scheint es dem Menschen möglich, mit Hilfe von Ritualen auf die angenommene Übermacht einzuwirken 13 . Nach Adorno/Horkheimer erwacht das Subjekt, indem es Macht als Ursprung aller Beziehungen anerkennt. Da der Mensch das Gefühl bekommt, auf die Götter einwirken zu können, wird die Unterscheidung zwischen Mensch und Gott als Verursacher beliebig bis hin zur Irrelevanz 14 . Der Mythos erhält also die Funktion des Eindämmens der Urängste des Menschen und des Aufbaus von Gefühlen der Macht. Mit Hilfe des Mythos kann es dem Menschen gelingen, Angst zu überwinden und er bekommt das Gefühl, selbst Urheber von Geschehen zu sein.
In Opposition zu Adorno/Horkheimer, die Mythen als Projektion des Subjektiven auf die Natur ansehen 15 , sieht Blumenberg den Ursprung des Polytheismus im Urfremden des Menschen 16 . Je mehr Götter durch diesen Prozess entstehen, desto beliebiger wird ihre Funktion in Bezug auf das Weltgeschehen 17 , sodass monotheistische Religionen 18 einerseits und die Philosophie 19 andererseits
5 Vgl. Blumenberg 1979: 10
6 Vgl. Blumenberg 1979: 11
7 Vgl. Blumenberg 1979: 12
8 Vgl. Cassirer, Ernst: Mythus des Staates. In: Barner, Wilfried; Detken, Anke; Wesche, Jörg: Texte zur modernen Mythentheorie. 2003: 39
9 Vgl. Blumenberg 1979: 19
10 Vgl. Blumenberg 1979. 14f
11 Blumenberg 1979: 28
12 Ebd.
13 Vgl. Blumenberg 1979: 29
14 Vgl. Adorno/Horkheimer 2003: 31
15 Vgl. Adorno/Horkheimer 2003: 28
16 Vgl. Blumenberg 1979: 35
17 Vgl. Blumenberg 1979: 32/33
18 Vgl. Blumenberg 1979: 30/31
19 Vgl. Blumenberg 1979: 32/33
5
die Funktion der Mythologie übernehmen, die damit aber keineswegs als überwunden betrachtet werden kann. Die Arbeit am Mythos bleibt lebendig 20 , ein Endpunkt scheint nicht erreichbar 21 . Kurt Hübner nimmt dagegen Adorno/Horkheimers Gedanken wieder auf und grenzt sich so von Blumenberg ab. Blumenberg verleugne nicht nur, dass Mythen auch aus dem Eigenen des Menschen entstehen 22 , sondern lasse im Konzept der „Arbeit am Mythos“ auch den Aspekt des Passiven außer Acht. Nach Blumenberg konstruiert der Mensch ein mythisches Erklärungssystem, welches er immer weiter verfeinert. Dabei bleibt unerklärlich, warum der Mythos als Produkt des Menschen nicht von ihm überwunden werden kann. Hübner fragt sich, ob hier eventuell ein Prozess des Rückwirkens auf den Menschen einsetze, welcher von diesem nicht mehr kontrolliert werden kann 23 . Jean-Jaques Wunenberger stellt ergänzend die These auf, dass gerade Phasen der Entmythologisierung und der Remythologisierung zum wandelbaren Wesen des Mythos gehören. Er sei keiner linearen Entwicklung unterworfen, sondern habe eine zyklische Gestalt 24 . Auch wenn sich aus diesen Betrachtungen nur schwer eine Funktion ableiten lässt, so bleiben diese Schlüsse als interessante Illustrationen mythischer Eigenschaften stehen, die bei der anschließenden Betrachtung des Untersuchungsgegenstandes nicht unbeachtet bleiben sollen. Blumenberg widmet ein ganzes Kapitel der Bedeutung von Namen im Zusammenhang mit der Erschließung des Weltgeschehens. Durch Benennung ihrer Geschöpfe werde die Schöpfung zugänglich 25 . Blumenberg stellt fest, dass Namen am Beginn eines Erkenntnisgewinns stünden, dessen Vollendung wieder zu ihnen zurückkehre. Die Geschichte könne in diesem Sinne zur „Vollstreckung des Namens“ 26 werden. Interessant an diesem Gedanken ist die Unklarheit, ob ein Name wirklich zum Ursprung einer Sache vordringen kann, oder ob durch die Benennung eine gewisse Macht über die Geschichte einer Sache erreicht wird. So stellt auch Blumenberg sich die Frage, ob Mythen die Schrecknisse der Welt durch Benennung tatsächlich aufdecken und damit ausräumen oder ob sie sie überhaupt erst produzieren 27 . Cassirer hingegen sieht die Parallele von Sprache und Mythos in ihrer Funktionsweise. Der Mythos objektiviere Gefühle, die Sprache Sinneseindrücke 28 . Lévi-Strauss kommt dagegen zu dem Schluss, dass Sprache lediglich als Voraussetzung des Mythos zu begreifen sei, der in ihr seinen Ausdruck finde, durch seinen
21 Vgl. Blumenberg 1979: 54/55
22 Vgl. Hübner, Kurt: Die nicht endende Geschichte des Mythischen. In: Barner, Wilfried; Detken, Anke; Wesche, Jörg: Texte zur modernen Mythentheorie. 2003: 251-255
23 Vgl. Hübner 2003: 259
24 Vgl. Wunenburger, Jean-Jaques: Mytho-Phorie. Formen und Transformationen des Mythos. In: Barner, Wilfried; Detken, Anke; Wesche, Jörg: Texte zur modernen Mythentheorie. 2003: 291f
25 Vgl. Blumenberg 1979: 45
26 Blumenberg 1979: 45
27 Vgl. Blumenberg 1979: 53ff
28 Vgl. Cassirer 2003: 45
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Sinngehalt aber über sie hinausweise 29 . Auch wenn Sprache hier nicht als wesentlicher Aspekt der Untersuchung dienen soll, bleibt festzustellen, dass der Name im Mythos seine Erweiterung findet. Das Entscheidende an der Benennungsfunktion ist die Eigenschaft der Rückwirkung auf die Geschichte des Gegenstandes, die Möglichkeit zur Einflussnahme auf die Entwicklung des Benannten.
Durch ihre Wiederholbarkeit rücken Mythen in die Nähe von Ritualen. Konkrete Erfahrung und aktuelles Geschehen können mit Hilfe des in Wiederholung und Neubearbeitung überlieferten Mythos in Altvertrautes eingebunden werden 30 . Auch Adorno/Horkheimer sehen im Mythos den Versuch von Erklärung durch Wiederholung. Sie nennen dies „Prinzip der Immanenz“ 31 . Die mythische Funktion, die sich daraus schließen lässt, ist das Schaffen von Zuverlässigkeit und Vertrautheit durch Wiederholbarkeit. Wiederholung und Wiederholbarkeit sind Aspekte der Zeitlichkeit des Mythos. Schon Lévi-Strauss hatte darauf hingewiesen, dass Zeit im Mythos eine ganz eigene und eigentümliche Rolle spiele. Obwohl man das Gefühl habe, dass der Mythos in einer grauen Vorzeit spiele, wirke er doch unzeitlich und werde so auf jede beliebige Zeit übertragbar 32 . Die in diesem Argumentationsstrang enthaltene mythische Funktion ist die Rückführung individueller Erlebnisse auf kollektive menschliche Erfahrungen. Durch seine eigenartige Zeitlichkeit und das Muster der Wiederholung erlangt der Mythos dabei eine Stellvertreterfunktion für menschliche Grunderfahrungen.
Blumenberg stellt fest, dass das Weltgeschehen selten sinnhaft erscheine 33 . Für ihn wie für Heidegger ist jedoch die Bedeutsamkeit ein wichtiger Faktor menschlichen „In-der-Welt-Seins“, der Mensch lade das Weltgeschehen mit Bedeutsamkeit auf, um es begreifbar zu machen 34 . Bedeutsamkeit sei das Verhältnis zwischen den Widrigkeiten des Lebens und der Energie, welche der Mensch aufbringt, um sie zu überstehen 35 . Hier wird die bedeutungszuschreibende Funktion sehr deutlich, die die im vorausgehenden Abschnitt beschriebene Funktion der Rückführung individueller auf kollektive Erfahrungen ergänzt bzw. weiterführt. Die Erfahrungen des Individuums werden als bedeutsam wahrgenommen bzw. mit Bedeutung aufgeladen, indem sie auf kollektive Erfahrungen zurückgeführt werden. Dabei bleibt von den angeführten Autoren der Faktor des Heldentums unbeachtet. Das Subjekt vergleicht seine individuellen Erfahrungen mit denen eines Helden im Mythos, wodurch seine Situation eine besondere Bedeutungsschwere bekommt.
29 Ebd.
30 Vgl. Blumenberg 1979: 70
31 Adorno/Horkheimer 2003: 32
32 Cassirer 2003: 62
33 Vgl. Blumenberg 1979: 84/85
34 Vgl. Blumenberg 1979: 78
35 Vgl. Blumenberg 1979: 86
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Mareike Höckendorff, 2011, Vom Suchen und Finden der Liebe - Antike Mythen im modernen Film, München, GRIN Verlag GmbH
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