Inhalt
1. Einleitung 1
2. Der Aufsatz 2
3. Die Identität 3 6
4. Namen - Sinn und Bedeutung
4.1. Eigennamen und Sinn 6 8
4.2. Sinn ohne Bedeutung 8 9
4.3. Vorstellung, Sinn, Bedeutung und Verknüpfung 9 13
4.4. Zahlen - Sinn, Bedeutung 13 15
5. Sätze - Sinn und Bedeutung
5.1. Der Sinn des Satzes 15 16
5.2. Die Bedeutung des Satzes 16 22
6. Abschluss, Kritik und Ausblick 22 23
7. Literatur 24 25
Wir wissen nicht, ob Wolfgang Grams, als er 1993 in Bad Kleinen erschossen wird, weiß, dass er dort 68 Jahre nach Gottlob Frege stirbt. Frege, der "Aristoteles von Mecklenburg-Vorpommern", 2 der Großvater der modernen Logik, der Vater der Sprachphilosophie, der selbst nie eigene Kinder hatte, wird mit unterschiedlichsten Prädikaten bezeichnet - "analytic philosopher", "rationalist", "neokantian“, "platonist" "neophytagorean", 3 wie sie etwa Wolfgang Carl aufzeigt. Obwohl Frege mit philosophischen Größen seiner Zeit wie Russell und Wittgenstein in Kontakt steht, wird seine Philosophie zunächst, vor allem im deutschen Raum, geringgeschätzt oder gar ignoriert. Die Differenz von Geltung zu Lebzeiten und posthumer Wirkung - ist fast tragisch zu nennen. Doch sein schmales Werk gewinnt mit der Ausdehnung der analytischen Philosophie im 20. Jahrhundert großen Einfluss. Fragen nach Sprache und ihrem Verstehen erlangen in der Metaphysik neuen Stellenwert. An der paradigmatischen Wende hin zur Sprachphilosophie hat Frege wesentlichen Anteil. In seinem Streben, die Beziehungen zwischen Gedanken, Sprache und Welt darzustellen, ist ihm erstmals seit Aristoteles, in Logik und Semantik ein Durchbruch gelungen. Ihn interessiert es, die Struktur des Denkens zu begreifen, was es heißt, Sprache zu verstehen, was Wahrheit ausmacht, was Zahlen darstellen. Obwohl oder weil seine Fragestellungen sowohl psychologischer als auch philosophischer und mathematischer Natur sind, finden seine Schriften zunächst nur begrenzte Rezeption, und sein Stil, der Distinktion und Präzision vor pathetischen Gestus stellt, stößt im wissenschaftlichen Umfeld auf Befremdung. Wenn Frege auch in seinen semantischen Studien großen Wert auf unbedingte Kohärenz legt und sich bemüht, auf unsinnige Spekulationen und falsche Ambitionen zu verzichten, so ist er doch kein Systemdenker im eigentlichen Sinne, sein Philosophieren mehr ein Streben, das bereit ist, Irrungen einzugestehen und neue Wege zu gehen. So stellt sein Aufsatz Über Sinn und Bedeutung eine Abwendung von der Begriffsschrift dar. In ihm entwirft er einen „Urtext der modernen Semantik“ 4
1 Gottlob Freges Briefwechsel mit D. Hilbert, E. Husserl, B. Russell, sowie ausgewählte Einzelbriefe Freges. Hg. v. Gabriel Gottfried u.a. Hamburg: 1980. S. 100. (Frege an Russell 9.6. 1912)
2 Böttcher, Dirk: Der Aristoteles von Mecklenburg-Vorpommern. In: Frankfurter Rundschau (06.11.2002).
3 Carl, Wolfgang: Frege's Theory of Sense and Reference. Its Origins and Scope. Cambridge: 1994. S.1.
1
Grundlegende semantische Fragen wie „Was sind die Bedeutungen von Zeichen und sprachlichen Ausdrücken“ und „Wie unterscheidet sich die Bedeutung von Begriffswörtern, Prädikaten, Namen, Sätzen?“ versucht Frege in den Aufsätzen Funktion und Begriff, Über Begriff und Gegenstand und Über Sinn und Bedeutung, die in den Jahren 1892/93 erscheinen, neu zu beantworten. In ihnen revidiert Frege Auffassungen der Begriffsschrift und der Grundlagen der Arithmetik und gelangt von früheren Unklarheiten und Unstimmigkeiten auf den semiotischen Ebenen zur Unterscheidung von Sinn und Bedeutung sowie zur Differenzierung des beurteilbaren Inhalts in Gedanke und Wahrheitswert. In Über Sinn und Bedeutung setzt Frege die Termini Bedeutung, Sinn, Vorstellung, Gedanke und Wahrheitswert in Beziehung zueinander. Vor allem die Wörter Sinn und Bedeutung verwendet Frege abweichend von alltagssprachlichem Gebrauch. Und eben seine Definition dieser Termini, die ja in gewöhnlicher Rede meist synonym gebraucht werden, macht den innovativen Schnitt in der Semantik aus. Es sei dahingestellt, ob man hier vom differenzieren, zerlegen oder auffächern wie Gabriel Falkenberg 6 sprechen sollte - es geht gleichwohl um Unterscheidungsweisen, um Probleme der Sprache, um Fragen nach ihrem Inhalt, nach ihrem Bezug, nach ihrer Form und Funktion. In Über Sinn und Bedeutung fragt Frege nach Sinn und Bedeutung von singulären und generellen Termini, Funktionsausdrücken, Gedanken und Sätzen und gelangt so zu einer generellen philosophischen Theorie der Ausdruckskategorien der Sprache. Wenn auch das Bild der semantischen Trias von Bedeutung, Sinn und Vorstellung nicht ohne katachrestische Gefahr 7 besteht, veranschaulicht es doch die drei ontologischen Ebenen von Welt, Objektivität und Subjektivität, die die zentralen semantischen Fragen betreffen. Doch trotz der Novität des Fregeschen Entwurfs wäre es falsch, vorschnell Freges Bedeutung mit modernen Termini gleichzusetzen. Freges Bedeutung entspricht eben nicht der Extension und Freges Sinn nicht der Intension, worauf Verena Mayer zu recht 8 hinweist.
4 Bartlett, J.M., zit. n. Speck, Josef: Grundprobleme der großen Philosophen - Philosophie der Gegenwart I. Göttingen: 1985. S. 16.
5 Frege, Gottlob: Über die wissenschaftliche Berechtigung einer Begriffsschrift. In: Funktion, Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien. Hg. v. Günther Patzig. 7. Auflage. Göttingen: 1994. S. 97.
6 Falkenberg, Gabriel: Sinn, Bedeutung, Intensionalität. Der Fregesche Weg. Tübingen: 1998. S. 6.
7 Ebd. (Eben wegen der unterschiedlichen ontologischen Stufen von Sinn, Bedeutung, Vorstellung).
8 Mayer, Verena: Gottlob Frege. München 1996. S. 102. f. (Begriffsgleichsetzung z.B: Kutschera, Franz von: Gottlob Frege. Eine Einführung in sein Werk. Berlin, New York: 1989. S. 82-83).
2
Jesus ist, was das Begriffswort 'Mensch' bedeutet in dem Sinne von "Jesus ist ein Mensch". 9
3. Die Identität
Es scheint sophistisch zu sein, zu bemerken, dass im ersten Satz des Aufsatzes Über Sinn und Bedeutung der Gegenstand der Untersuchung selbst - die Gleichheit - zum Subjekt wird: "Die Gleichheit fordert das Nachdenken heraus durch Fragen [...]. 10 " Darauf folgen drei Fragen, von denen die ersten beiden gar nicht, und die letzte verneinend beantwortet wird.
Die erste Frage - "Ist sie eine Beziehung?" 11 - scheint rein rhetorische Funktion zu haben und die Alternative - ob sie eine Eigenschaft ist - wird nicht in Betracht gezogen. Der zweiten Frage, in der Identität als "eine Beziehung zwischen Gegenständen" gedacht wird, wird ebenso wenig Beachtung geschenkt. Häufig zitiert man in diesem Kontext Wittgensteins Tractatus: "Beiläufig gesprochen: Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist ein Unsinn [...]." 12 Genauso oft wird wohl übersehen, dass Wittgenstein vorangehend mit der Behauptung "Daß die Identität keine Relation zwischen Gegenständen ist, leuchtet ein." 13 einen weit verhalteneren Gestus gebraucht. Mit der dritten Frage, die Gleichheit als Beziehung "zwischen Namen oder Zeichen für Gegenstände" 14 annimmt, rekapituliert Frege die Identitätsauffassung seiner Begriffschrift. Doch während es in dieser darum ging, ein Zeichen für die Inhaltsgleichheit einzuführen und zu begründen, so fragt er in Über Sinn und Bedeutung, "wie ist die Gleichheit zu kennzeichnen, damit dem unterschiedlichen Erkenntniswert von "a = a" und "a = b" Rechnung getragen wird?" 15 Im Folgenden wird die Notwendigkeit dieser Revision begründet und erläutert.
Zunächst stellt Frege mit Rekurs auf kantische Terminologie Sätze der Form "a = a", die a priori bestehen und analytisch genannt werden, Sätzen der Form "a = b" gegenüber. Doch prima facie fällt auf, dass Frege Sätze der Form "a = b" nicht mit dem Pendant a posteriori und synthetisch versieht. Mit dieser Zurückhaltung ist wohl der Umstand,
9 Frege, Gottlob: Nachgelassene Schriften. Hg. v. Hans Hermes u.a. Hamburg: 1969. S. 133.
10 Frege, Gottlob: Über Sinn und Bedeutung. In: Funktion, Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien. Hg. v. Günther Patzig. 7. Auflage. Göttingen: 1994. S. 40.
11 Ebd.
12 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Frankfurt a. M.: 1960. S. 83.
13 Ebd. S. 82.
14 Ebd.
15 Schirn, Matthias: Identität und Identitätsaussage bei Frege. In: Studien zu Frege II. Logik und Sprachphilosophie. Hg. v. Schirn Stuttgart: 1976. S. 181.
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dass es synthetische Urteile a priori gibt, die keinen eigentlichen Erkenntnisgewinn liefern, beachtet.
Im Gegensatz zu diesen gibt es jedoch Sätze der Form a = b, die durchaus erkenntniserweiternd und nicht a priori zu erkennen sind. Während die Aussage "Der Morgenstern ist der Morgenstern" analytisch zu treffen und ebenso richtig wie banal 16 ist, drückt die Aussage "Der Morgenstern ist der Abendstern" eine astronomische Wiederentdeckung aus. Der unterschiedliche Erkenntniswert dieser Identitätsaussagen ist die Motivation für Freges neuen semantischen Ansatz, in dem er dem Umstand, dass Identitätssätze nicht nur wahr, sondern auch informativ sein können, gerecht werden will. 17 Wenn Gleichheit nämlich lediglich heißt, dass eine Beziehung zwischen dem ausgedrückt wird, wofür die Bezeichnungen stehen, dann kann a = b von a = a nicht unterschieden werden, vorausgesetzt, dass a = b wahr ist. Identitätsaussagen können aber, wie der Fall der Morgenstern-AbendsternÜbereinstimmung gezeigt hat, mehr ausdrücken, als diese Entsprechung, die letztlich die simple Selbstidentität darstellt. Und die Auffassung der Identität, die sie als Beziehung zwischen Gegenständen sieht, wird als unzulänglich verworfen. Doch auch die Alternative, die Beziehung zwischen den Zeichen, die sich auf denselben Gegenstand beziehen, kann nicht befriedigen. Denn da die Verknüpfung des Zeichens mit dem Bezeichneten willkürlich ist, würde ein Satz der Form a = b "nicht mehr die Sache selbst, sondern nur noch unsere Bezeichnungsweise betreffen [...]." 18 Da die Zeichen "a" und "b" sich aber nur in ihrer Gestalt unterscheiden, nicht jedoch in ihrer Beziehung zum Gegenstand, wäre wieder der Erkenntnisgewinn in dieser Identitätsauffassung missachtet.
Konstruieren wir eine Person, die die Anwendung des Zeichens "Moliere" kennt und erfährt, dass sie genauso gut auch "Poquelin" sagen kann, so hätten wir nach dem vorangehenden Fregeschen Argument den Fall, dass die Kenntnis eines weiteren Zeichens einen Informationsgewinn darstellt. (Kritisch muss angemerkt werden, dass hier nicht eine ausschließliche Beziehung zwischen den Zeichen "Moliere" und "Poquelin" besteht, sondern die neue Information nur besteht, wenn es sich um eine korrekte Verknüpfung mit dem französischen Lustspieldichter handelt.) Eine genuine
16 Wittgenstein: Tractatus: "[...] und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts." S. 83.
17 Es fällt auf, dass die Autoren, der Verfasser nicht ausgenommen, ihr Hauptaugenmerk vor allem auf den zweiten astronomischen Sachverhalt des Aufsatzes richten (Morgenstern und Abendstern = Venus). Ist doch der erste, "Die Entdeckung, daß nicht jeden Morgen eine neue Sonne aufgeht, sondern immer dieselbe [...]", ungleich tröstender. Frege: Über Sinn und Bedeutung. S. 40.
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Daniel Seibel, 2003, Gottlob Freges Semantik. Über Sinn und Bedeutung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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