Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Regierung der Gegenwart 2
2.1 Gouvernementalität im Neoliberalismus
2.2. Das Subjekt der Beratung
3. Stefanie Duttweiler: Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie 11
3.1 Duttweilers Analyse anhand der Problematisierungsformel „Glück“
3.2 Die Ergebnisse der Studie Duttweilers
3.2.1 Konstellationen des Glücks in Ratgebern
3.2.3 Techniken des Glücks in Ratgebern
3.2.4 Glück als neoliberale Regierungstechnologie
4. Philosophie und Lebenskunst: Philosophische Anleitungen in der Moderne? 23
4.1 Die Debatte um Lebenskunst
4.2 Lebenskunst in der Moderne - Paradoxe Selbstermächtigung?
5. Fazit 40
1. Einleitung
„Sei glücklich!“ Ein Imperativ, der sich seiner Unmöglichkeit nicht bewusst zu sein scheint. Denn Glück ist vermeintlich überall zu kaufen: Es existiert ein unüberschaubares Angebot an Glücks-Gummibärchen, Glücks-Schokolade, Glücks-Tee, Glücks-Bonbons. Glücklich sein ist demnach nicht nur Lebensziel und auch nicht so ungreifbar und zufällig wie der Ausdruck „Glück haben“. Vielmehr handelt es sich um einen jederzeit herstellbaren Zustand - so suggerieren es die Konsumgüter, die das Glücksversprechen als Label tragen. Doch was, wenn das Glücksbonbon nicht glücklich macht, sondern lediglich süß schmeckt und den Mund verklebt? Wenn sich der Symbolgehalt der Verpackung nicht erfüllt, das Bonbon nur „Materie“ bleibt und nicht zu einer emotionalen Explosion führt, sich weder die Sicht auf das eigene Leben noch die Stimmung verändert? Möglicherweise wurde das Bonbon nicht mit der richtigen Einstellung gegessen, mit einer falschen oder einer pessimistischen Grundhaltung. Die Gedanken aber sind in der Moderne steuerbar. Das Bonbon kann glücklich machen, wenn dies nur gewollt ist. Es sind die kleinen Dinge, die glücklich machen, weil diese Symbolcharakter haben, der die Umsetzung in Glück einzig in den Menschen selbst hinein verlegt. So wird ein Bonbon zum Medium für einen Zustand, der immer da, immer nah und erreichbar ist. Zu dem die Menschen aber hingeleitet werden müssen. Glück ist immer individuelles Glück und Glück ist immer machbar. Dies suggerieren nicht nur symbolbehaftete Konsumgüter, sondern auch - so die Ergebnisse einer Studie Stefanie Duttweilers - die zeitgenössische Lebenshilfeliteratur. Die vorliegende Arbeit möchte dieses Mantra des erreichbaren glücklichen Lebens betrachten. Dafür setzt sie sich mit der Studie Duttweilers „Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie“ auseinander und fragt anschließend nach philosophischen Anleitungen zum Glück. Welche Orientierungen hält die Philosophie der (Post-)Moderne für die Menschen bereit? Diese letzte Frage stellt sich vor allem deshalb, weil der Lebensbewältigungspsychologie der modernen Beratung seit dem >>Psychoboom<< (Duttweiler, S. 61) Tür und Tor offen scheint dafür, die führende Rolle der Anleitung des orientierungslosen modernen Subjekts einzunehmen. Hat die Philosophie der Antike Normen und Werte debattiert, Lebensentwürfe und Handlungsanweisungen vorgeschlagen, so scheint diese Aufgabe in der Moderne ausgelagert. Managementliteratur, Glücksratgeber, sozio-psychologische Beratung - das Individuum steht mehr als vorher im Zentrum gesellschaftlicher Betrachtung. Die_der Einzelne wird sichtbar gemacht in den eigenen „Daten“ - in den Eigenschaften, Fähigkeiten etc. Was also tut die Philosophie - wie reagiert sie auf die Unsicherheiten der Moderne, was setzt sie der modernen Lebenshilfeliteratur entgegen? Duttweiler spricht die aktuelle wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit der Frage um das gelungene Leben nur am Rand an: Zwar arbeiten einige Vertreter_innen der Philosophie an einer „Lebenskunst“, die eigentliche Auseinandersetzung mit individuellem guten Leben finde aber außerhalb wissenschaftlicher Auseinandersetzung statt
(vgl.: Duttweiler, S. 11f.). Die vorliegende Arbeit widmet sich zunächst Duttweilers Studie und der modernen Regierungsweise als deren Fundament. Anschließend soll die zeitgenössische Lebenskunst am Beispiel von Wilhelm Schmid und einiger seiner Kritiker stark verkürzt betrachtet werden. Ziel der Arbeit ist es, nicht nur den Umgang mit Glück in der Moderne zu thematisieren, sondern auch die Frage anzusprechen und teilweise zu beantworten, inwieweit wissenschaftliche und außer-wissenschaftliche Ratgeberkultur auf ähnlichen Annahmen fußt. Kann die philosophische Lebenskunst Anleitungen geben, ohne sich zum Wegbereiter des Neoliberalismus zu machen - wie es die Glücksratgeberliteratur tut?
2. Regierung der Gegenwart
Stefanie Duttweiler verbindet in Ihrer Arbeit „Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie“ das Foucaultsche Konzept der Gouvernementalität, den Neoliberalismus und das unternehmerische Selbst der Beratung mit einer eigenen Studie zu Glücksratgebern. Diese Begrifflichkeiten, die als Grundpfeiler und Rahmen der Arbeit Duttweilers dienen, sollen im Folgenden zusammenfassend dargestellt werden. Dabei konzentriert sich der Text auf die Frage, wie in der Moderne regiert wird und in welchen Wechselwirkungen sich Staatsform und Subjektform befinden. Kapitel 2.1 behandelt die Gouvernementalität zu Zeiten des Neoliberalismus, Kapitel 2.2 das Subjekt der modernen Beratung.
2.1 Gouvernementalität im Neoliberalismus
Die folgende Darstellung der Gouvernementalität verzichtet auf die Erläuterung der Entstehung des Begriffs „Gouvernementalität“ und der Foucaultschen Herleitung anhand antiker und christlich-religiöser Führungstechniken, um den Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu überschreiten. Desweiteren ist eine solche Ausführung für die Darstellung der modernen Gouvernementalität im Glücksdiskurs nicht zwingend notwendig.
Der Gouvernementalitätsbegriff nach Michel Foucault bezeichnet das Regieren im modernen Staat und denkt somit zwei Dinge zusammen: Subjektivierung und Staatsformierung (vgl.: Duttweiler, S. 18). Damit stellt er eine Verbindung her zwischen der Regierung von und der (Selbst-)Regierung durch Individuen. Regierung ist demnach nicht nur das Regieren durch einen Souverän, sondern bezeichnet zahlreiche und unterschiedliche Handlungsformen und Praxisfelder, die in vielfältiger Weise auf die Lenkung, Kontrolle und Leitung von Individuen und Kollektiven zielen und gleichermaßen Formen der Selbstführung wie Techniken der Fremdführung umfassen. Durch diese Art der Staatsführung und der Selbstregierung werden die Individuen subjektiviert. In Institutionen, die durch zeitgenössisches Wissen über die Welt und die Menschen entstehen, manifestieren sich Vorgehensweisen und Praktiken, mit denen die Menschen angeleitet werden. So zum Beispiel Schulen, Universitäten oder Ämter wie z.B. die
Bundesagentur für Arbeit: Hier wird das jeweilige Wissen über Pädagogik in Bildungseinrichtungen als Führungsform umgesetzt. Das jeweilige Menschenbild schlägt sich z.B. in der Vergabe der Sozialleistungen nieder. Werden Menschen zu „Sozialfällen“ oder „Kunden“, so steckt hinter diesen Bezeichnungen immer ein aktueller politischer und gesellschaftlicher Diskurs, der sowohl von Außen an die Subjekte herangetragen wird als auch das Verhältnis derer zu sich selbst bedingt. Lemke schreibt dazu: „Das charakteristische Merkmal von Regierung besteht darin, dass sie eine Form der Macht etabliert, die Individuen nicht direkt unterwirft oder beherrscht, sondern sie durch die Produktion von „Wahrheit“ anleitet und führt.“ (Lemke 1997, S. 328). Mithilfe der Produktion und der Verbreitung von Wahrheiten, die Menschen auf sich selbst beziehen und anhand derer Politik als Führung von Menschen gemacht wird, werden Menschen in der Moderne angeleitet. Ein rein repressiver Regierungsbegriff ist hierbei nicht mehr haltbar. Dieses Verständnis von Regierung spiegelt auch Foucaults Machtverständnis wieder, das nicht von einem einlinearen Prozess des Machtausübens ausgeht, sondern von einem fließenden, kriegerischen Prozess einer Macht „im Kleinen“, der Mikrophysik der Macht (Foucault 1976, S. 115). Macht wird nicht besessen und ist auch nicht von Reichtum oder Herkunft abhängig (ebd.). Angeleitet durch eine Wahrheit, die in diesem Machtspiel entsteht, richten die Menschen ihr Selbstbild und ihr Handeln nach den mit dieser Wahrheit verbundenen Menschenbildern aus. So wird unter einem spezifischen pädagogischen Verständnis auch ein_e Schüler_in dem durch diese Pädagogik vermittelten Menschenbild folgen und z.B. Arbeitsweise, Lebensstil und Selbstverständnis danach ausrichten. Auch werden die Subjekte sich selbst auf die Ansprüche des Arbeitsmarktes formen. Diese Macht der (Selbst-) Subjektivierung bezeichnet Foucault als „eine zugleich individualisierende und totalisierende Form der Macht“ (Foucault 1982, S. 152.). Damit sagt er, dass die Macht der modernen Regierung den Menschen zwar auf sich selbst zurückwirft, also individualisiert, indem sich das Individuum „frei“ an Möglichkeiten und Wissen orientieren kann, dass die Macht zugleich aber den Menschen in seiner Gesamtheit durchzieht: Sie reicht „bis in die letzte Faser des Individuums“ (Miller 1995, S. 440), beeinflusst also Körper, Denken, Seele, Lebensausrichtung. Nichts ist jemals schon da, sondern ist immer dahingehend zu betrachten, inwiefern es produziert wird - indem Wahrheiten von außen auferlegt und selbst angenommen werden. Das macht es plausibel, dass Foucault vor allem auch die Wissenschaften als Tragende der moderne Regierung kenntlich macht. Denn diese geben vor, das Subjekt in dessen Natur zu erfassen. Durch das Festschreiben von Wahrheiten über den Menschen erschaffen die Wissenschaften diesen allerdings erst und schreiben ihm eine Natur vor, die Foucault „Quasi-Subjekt“ nennt:
„Wir sind noch sehr weit von einer Hermeneutik des Subjekts entfernt. Es geht vielmehr darum, das Subjekt mit einer Wahrheit auszurüsten, die es nicht bereits kannte und die nicht bereits in ihm vorhanden war. Es geht darum, aus der gelernten, dem Gedächtnis einverleibten und schrittweise in Anwendung gebrachten Wahrheit ein Quasi-Subjekt zu machen, das souverän in uns herrscht.“ (Foucault 2005, S. 434)
Das, was später Ulrich Bröckling eine „Realfiktion“ nennt, hat Foucault hier bereits beschrieben: Das von der Wahrheit konstruierte Subjekt. Der Vorgang von Individualisierung und Totalisierung, Unterwerfung und Selbstunterwerfung wird hier beschrieben als Prozess der Wissensproduktion und der Wissensaneignung: Nicht nur nimmt zum Beispiel der_die Schüler_in ein Menschenbild auf und richtet sich daran aus, sondern vielmehr ist dieses Menschenbild eine Fiktion, etwas von den Wissenschaften produziertes und als Wahrheit deklariertes. Wissenschaft beobachtet und beschreibt nicht nur das Subjekt, sondern produziert es entlang dieser Beobachtung und durch die Erstellung von Theorien. So nähern sich die Schüler_innen, die die eigene Arbeitsweise und das Selbstverständnis an dieser Fiktion ausrichtet, auch in Eigenarbeit an diese Fiktion der Wissenschaften an, die Fiktion wird real. Institutionen also, sowohl Bildungseinrichtungen als auch Verwaltungseinrichtungen geben Wissen weiter, die anfängliche Fiktion institutionalisiert sich, realisiert sich in Strukturen, welche wiederum das Verständnis von Menschen prägt und sie dazu zwingt bzw. anhält, sich an diesem Menschenbild auszurichten. Je nach zeitgenössischem Menschenbild wird zum Beispiel Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Kindergeld vergeben oder nicht vergeben, es werden Menschen danach erzogen, etc. Diese Totalisierung fußt in der Moderne darauf, dass die Bevölkerung verstärkt zum Gegenstand der Beobachtung wird (vgl.: Lemke, S. 162f.; S. 222f.): Gesellschaft wird statistisch beschreibbar, sichtbar. Indem sich der Bevölkerung als Potenzial (der Arbeitskraft, der Streitmacht etc.) gewidmet wird, ihr Verhalten zum Ziel der Kontrolle wird, regiert in der Moderne keine repressive Macht, sondern Wissen, das Gesellschaften in ihrer Gesamtheit im Blick hat und Abweichungen durch Statistiken erfasst, beobachtet und durch Wahrheiten eindämmt. Hier bezieht sich die Totalisierung durch die modernen Regierungsweisen auf den gesamten Gesellschaftskörper.
Des weiteren bedingt diese Art der Kontrolle des Gesellschaftskörpers eine Anpassung der Individuen, die wiederum totalisierend wirkt, weil die Bedingungen von Ausgrenzung in die Individuen selbst eingeschrieben sind und so auf eine radikale Art und Weise unumkehrbar und stark selektierend wirken. Dies wird kurz erläutert: Die Ausgrenzungen der modernen Gesellschaft verlaufen entlang der Grenzen des eigenen Willens: In Zeiten des flexiblen, unternehmerischen Subjekts, das nur durch Leistung, nicht durch Status oder Herkunft bewertet wird, liegt das Leben ganz in der Verantwortung des_der Einzelnen (siehe unten). Dieses Prinzip der modernen Regierungen, das im neuen Kapitalismus das unternehmerische Subjekt als Menschenbild produziert, ist insofern totalisierend, als es Einschließung und Ausschließung ebenfalls in den Menschen hineinverlagern. Die Individualisierung wird zum Zwang. Selbstverantwortung macht Scheitern zu einem unmöglichen Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, das denjenigen, die etwas nicht erreichen, das Recht nimmt, etwas einzufordern. Vielmehr macht Scheitern Menschen auf eine Art und Weise unsichtbar, die ihnen das Recht, als
gleichwertig in einer selbstverantwortlichen Welt zu gelten, abspricht. Die Wirkungen der Selbstverantwortung in der modernen Gouvernementalität ist auch wichtiger Bestandteil der Duttweilerschen Analysen und Kennzeichen der neoliberalen Gouvernementalität. Diese besondere Regierung des Neoliberalismus wird nun kurz zusammengefasst: Das zeitgenössische Verständnis von Glück bettet sich ein in den Kapitalismus und den Neoliberalismus, aus denen das Subjekt - das unternehmerische Selbst, also die_der selbstverantwortliche Unternehmer_in in eigener Sache - hervorgeht. Kapitalismus wird als eine Marktform bezeichnet, die von der sozialen Marktwirtschaft zu trennen ist (vgl.: Boltanski; Chiapello, S. 40) und deren Eigenschaft es ist, dass eine dauerhafte Kapitalakkumulation stattfindet, für die es keinen Sättigungsgrad gibt (vgl: ebd., S. 39). In einer ständigen Wettbewerbssituation muss nicht nur das Produkt, sondern auch das Subjekt ein eigenständiges Profil entwickeln, um einzigartig und somit auf dem Markt begehrt zu sein: Der Mensch macht sich selbst zum Kapital, zum Produkt mit einzigartiger Identität bzw. Persönlichkeit (vgl.: Michalitsch, S. 14). Durch diese Forderung nach Authentizität und Persönlichkeit entsteht also für das Subjekt ein Imperativ zur Eigenvermarktung. Auch wird Selbstverwirklichung gefordert: laut Boltanski und Chiapello entspringt die der Kritik an entfremdeten Arbeits- und Gesellschaftsstrukturen aus der 1968er-Bewegung (vgl: Boltanski; Chiapello, S. 48; S. 64). Durch die Forderung nach authentischer, kreativer Beschäftigung wird Arbeit zur Berufung: Arbeit muss eine Quelle der Begeisterung sein (vgl.: 54). Vom kapitalistischen System übernommen wird dies zu einem Muss: Möchte der_die Arbeitend_e Erfolg haben, muss Arbeit als Berufung ausgeübt werden und somit als Selbstverwirklichung verstanden werden. Dies sind die neuen Wertigkeiten des Kapitalismus (vgl.: ebd., S. 13ff.). Selbstverwirklichung und freiheitliches Leben fungieren als Motivation, sich dem Markt gemäß auszurichten und das eigene Leben in den Dienst eines Berufs zu stellen. Deswegen hebt sich die Trennung von Arbeits- und Privatleben auf und es geht nun darum, den gesamten Menschen an dessen Beruf zu binden und ihm die Möglichkeit zu geben, darin „aufzugehen“. Auf diese Art und Weise eignet sich der neoliberale Kapitalismus die Forderung nach Freiheit und Selbstverwirklichung an und nutzt sie. Die Bildung von Humankapital lässt sich in diesem System nicht vom Prozess der Selbstkonstituierung trennendurch das Überschneiden von Fremd- und Selbstführung bedingen sie sich. Die Besonderheit des Neoliberalismus ist zudem das Marktparadigma als Kennzeichen, das deutlich macht, dass der Markt zum regulierenden und organisierenden Prinzip wird und der Staat so unter der Kontrolle des Marktes steht (vgl.: Lemke 1997, S.241). Hat der Liberalismus das Menschenbild eines regierten, aber eines durch seine menschliche Natur freien Individuums als Ausgangspunkt, so gründet der Neoliberalismus gemäß Lemke auf einer künstlichen Natur des Menschen (vgl.: ebd.). Damit meint der Autor, dass der Markt im Verständnis des Liberalismus deswegen frei agieren kann, weil freie Individuen aus ihrer Natur heraus rational handeln. Die
Voraussetzung eines rationalen Handelns ist demnach die Freiheit, also das Nicht-Regulieren der Geschehnisse auf dem Markt. Der Neoliberalismus aber führt die Rationalität des Handelns auf unternehmerisches Verhalten zurück. Der Markt soll also frei sein, weil Menschen rational handeln, wenn sie unternehmerisch handeln. Unternehmerisch sein ist hier gleichbedeutend mit „frei“ sein und „natürlich“ sein. Das Unternehmertum wird auf diese Art und Weise naturalisiert und als Norm für rationales und freies Agieren gesetzt. Die beschriebene künstliche Natur des Menschen ermöglicht ein Subjekt, das sich vollständig durch Eigenvermarktung definiert: das unternehmerische Selbst ist eine Realfiktion - ein Quasi-Subjekt (s.o.) -, das vorwiegend von den Wirtschaftswissenschaften implementiert wird (vgl.: Boltanski; Chiapello, S. 48; Michalitsch, S.15). Die Deutungshoheit über das Verständnis vom Subjekt und dessen Natur haben demnach aktuell die Wissenschaften, die den homo oeconomicus und daraus entstehend das unternehmerische Subjekt propagieren.
2.2. Das Subjekt der Beratung
Stefanie Duttweiler betrachtet das Konstrukt des unternehmerischen Subjekts auch in dessen Eigenschaft, ein beratenes zu sein. Damit steht ihre Studie im Kontext der Zeit des „Psychobooms“ - in der der Mensch „alles im Hinblick auf psychologisches Wissen“ interpretieren muss. Die Betrachtung des Menschen - und dessen Selbstbetrachtung - zielen im Neoliberalismus auf den Menschen in seiner Gesamtheit ab, also auch auf das, was vorher als „verborgen“ oder nicht zugänglich galt: die moderne Gouvernementalität ist demnach eine Regierung auch der Psyche. Das Immaterielle scheint in den Vordergrund getreten zu sein Diese neue Weise des Selbstbezugs wird mit einem Anstieg an Beratungs- und Therapienangeboten institutionalisiert (vgl.: Duttweiler, S. 61). Zwar gibt es Beratung bereits seit dem Kaiserreich, doch erfuhr sie im 20. Jahrhundert erheblichen Aufschwung (vgl.: Nußbeck, S. 13): Nachdem 1927 die staatliche Berufsberatung per Gesetz eingeführt wurde, um arbeitsuchende Menschen zu unterstützen, erfuhr Beratung vor allem nach den 68er Jahren einen Wandel hin zu psychosozialer Beratung (vgl.: ebd., S. 15). Spezifische Problemlagen und das Individuum treten nun in den Vordergrund, Beratung lehnt sich stärker an psychotherapeutische Verfahren an. In diesem Rahmen weiten sich auch die Felder der beratenden Berufsfelder aus: In den 1960er Jahren etablierten sich Bildungsberatung und Studienberatung als neue Zweige (vgl.: ebd., S. 16), in den 1970er Jahren bilden sich Selbsthilfegruppen. Auf die Gründe für diese Entwicklung und die Entstehungsbedingungen des Psychobooms im allgemeinen, soll hier nur wenig eingegangen werden. Lediglich ist zu erwähnen, dass die Moderne eine Zeit ist, die sich durch Ratlosigkeit der Menschen auszeichnet (vgl.: Duttweiler, S.47). Dies meint unter anderem den Verlust universeller Werte, der Handlungsmöglichkeiten sowie Welt- wie Selbstverhältnisse stark vervielfacht. Denn von einem festen Wissen, von einer Wahrheit, wird nicht mehr in dem gleichen Maß wie vorher
ausgegangen (vgl.: ebd., S. 54; 56f.). Des weiteren verliert der Mensch insofern sein Leben aus der Hand, dass die Postmoderne - als Verstärkung der Moderne - extrem beschleunigend wirkt (vgl.: Schmid, S. 101) und grenzenlos werdende Freiheit gleichzeitig begrenzend wirkt (vgl.: ebd., S. 113). Diese (post-)modernen Umstände führen zu dem zeitgenössisch starken Beratungsbedarf. Beratung aber verändert sich in deren Wirkung und Ausrichtung: Boris Traues Genealogie des Beratungswissens diagnostiziert einen Bruch zwischen dem frühen 20. Jahrhundert und den sich seit den 1970er Jahren verbreitenden Beratungspraktiken (vgl.: Traue, S. 262), den die kybernetische Wende mit sich bringt. Diese These wird im Folgenden knapp nachvollzogen. Zunächst wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestimmte Strömungen, auch die kulturkritische Strömung, von der Psychoanalyse ausgegrenzt und von den humanistischen Therapien aufgegriffen. Humanistische Therapien beinhalteten Ansätze, die sich mit „alternativen Wirklichkeiten“ auseinandersetzten, mit der „Vorstellung der Entfaltung ‚innerer Potenziale’ in therapeutischen Gruppen ‚gegen’ die Gefahr der Vereinnahmung durch Maschinen, ‚kulturelle Konserven’ und ökonomisches Denken“ (ebd., S. 263). Das Anrufen der Eigenkräfte des Menschen war also zunächst ein kritisches Element, das sich gegen die Mechanisierung von Menschen in der zunehmenden Industrialisierung und Technisierung und gegen die ökonomische Indienstnahme richtete. Aus diesen humanistischen Therapien heraus etabliert sich nach Traue in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren Beratung als „Element der öffentlichen Daseinsvorsorge“ (ebd.): So werden ab 1975 aufgrund der Psychiatrie-Enquète Beratungs- und Betreuungsangebote für psychisch kranke Menschen außerhalb von Psychiatrie innerhalb der Beratung geschaffen (vgl.: Nußbeck, S. 16). Von Angeboten institutionalisierte sich Beratung aber auch als Pflicht, als Einschränkung für Entscheidungen: Seit 1976 ist vor einem Schwangerschaftsabbruch ein Beratungsgespräch verpflichtend (vgl.: ebd.). Die kybernetische Wende, die einen Bruch in den Human- und Ingenieurwissenschaften herbeiführte, erfolgte aufgrund des Verständnisses der Kybernetik von Leben, Technik und Gesellschaft: Die Kybernetik nimmt an, der „Lebendigkeit von Organismen und ihrer Anpassungsfähigkeit“ liege ein „Prinzip der Selbststeuerung“ zugrunde (ebd., S. 264). Wie beispielsweise das Regulat der Heizung durch Rückkopplung von Informationen über Temperatur eine konstante Wärme erzeugt, so funktionieren auch Gesellschaften nach dem Prinzip der Selbstregulierung. So werden kapitalistische Prinzipien kybernetisch begründet (vgl.: ebd., S. 158) wie zum Beispiel das Prinzip der freien Märkte, die durch Individuen gestaltet werden (vgl.: ebd.). Die Individuen werden über Rückkopplungen gesteuert bzw. steuern sich selbst anhand der Reaktionen auf dem Markt, also anhand der Reaktionen anderer. So herrscht immer gewisse Kontinuität auf dem Markt, weil Ausbrüche in verschiedene Richtungen sind nicht möglich. So schlägt sich Kybernetik in der Beratung nieder als Verständnis von Gesellschaft und Individuum als sich selbst regulierend. Damit einher geht zum Beispiel die Ablehnung zentraler oder hierarchischer Regulierung von Verhalten (vgl.: ebd.,
S. 265). Denn Regulierung wird über Eigenregulierung initiiert, die über die Einrichtung von „Feedbackschleifen“ (ebd.) möglich wird. Das Wort Feedback, das mittlerweile in den Alltagsgebrauch übergegangen ist, bedeutet Rückmeldung. Diese kann auch in der Beratung in beide Richtungen - sowohl an Beratende_n als auch an Berater_in gehen - so z.B. in der Supervision wie sie Nußbeck beschreibt. Niemand ist von Feedback ausgeschlossen: Auch die beratende Person kann beobachtet werden, erhält im Anschluss ebenfalls eine Beratung durch Rückmeldung zu der geleisteten Arbeit. Feedback wird hier vor allem als Bestätigung wichtig, als
emotionale Absicherung und zur Vorbeugung von Burn-outs: „Er [der Berater; Anmerk. d. Verf.] kann Bestätigung für seine Bemühungen bekommen, die er trotz hohen Einsatzes vom Klienten oft nicht erhält.“ (Nußbeck, S. 123) Auch können in einer Feedbackrunde Dinge angesprochen werden, die der_mjenigen, die_der Feedback erhält nicht selbst aufgefallen sind, vor allem Gefühle, die hier als verborgen und von außen besser beobachtbar scheinen (vgl.: ebd.). Der Berater, der hier beraten wird, wird damit im jeweiligen Zustand erfasst, unterstützt und durch Anerkennung im eigenen Tun bestätigt. Der Berater, der möglicherweise nach seinem Gespräch mit der Klientel negative Gefühle hätte, negative Selbstbezüge herstellen könnte, entwickelt diese nicht bzw. die Negativität soll abgefangen werden, möglichst ins Positive verkehrt werden. Der feedback-gebenden Person ist es so erlaubt, als „objektive“ Instanz das Selbstbild zu korrigieren. Damit wird Feedback zu einem ausrichtenden Instrument, das Menschen durch Mitteilungen steuert. Boris Traue schreibt über Feedback im Beratungskontext: Formen der Kontrolle und Messung von Leistungen geben dem Individuum ‚Feedback’ über das Gelingen oder Scheitern der selbst angestrebten oder von Organisationen eingeforderten Ziele. Die Verallgemeinerung des ‚Feedbacks’ als Metapher impliziert, dass eine große Anzahl von Mitteilungen nicht als Kritik, als Lob, als Gemeinheit, als Drohung etc. sondern eben als Feedback, d.h. als Information über das eigene Handeln verstanden werden (soll). (Traue, S. 285)
Zunächst auffällig ist, dass Beratung „Beobachtung von Leistung“ ist. Feedback misst diese Leistung. Für Beratung bedeutet dies, dass Rückmeldung wichtiger Bestandteil, Instrument und somit relevant dafür ist, dass die beratenen Personen Leistungs-Ziele erreichen. Der feedbackgebenden, beratenden Person wiederum wird die Legitimation gegeben, Rückmeldung zu geben und somit die Situation zu beurteilen, die beratenen Menschen zu beurteilen. Mit dem Begriff ‚Feedback’ als Metapher wird deutlich, wie stark die Aussagen neutralisiert werden. Feedback ist eine eigene Art von Aussage, eine Form von Information, mit der keine spezifische Wertung verbunden sein soll. Feedback in der Beratung, das über Scheitern und Gelingen der beratenen Person entscheidet, verlegt den Inhalt, die Wertung des Gesagten, in das beratene Individuum. Die Information, die gegeben wird, ist eine über innere Prozesse des Menschen, die nun sichtbar gemacht werden (vgl.: Traue, S. 157). Feedback geht nach Traue mit Selbstreflexion einher (vgl.: ebd.) Das moderne Subjekt der Beratung ist deshalb ein kybernetische Subjekt: es steuert sich anhand von Selbstreflexion und Feedback, das in die Selbststeuerung einfließt. Dieses Subjekt der
Beratung, das zugleich das der Kybernetik ist, gründet auf der Selbstbestimmung des Menschen. Hier weist Duttweiler auf das Paradox der Beratung hin: Beratung hat zum Ziel, Menschen zu mehr Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit zu verhelfen (vgl.: Duttweiler 2004, S. 24), setzt aber hierfür zugleich ein Subjekt voraus, das in der Lage ist, sich selbst zu verändern, zu bestimmen. Beratung ist so bereits immer ein widersprüchliches Konstrukt (vgl.: ebd.). „Damit
errichtet die Form der Beratung einen >>paradoxen Zwang zur Freiheit<< [...], indem sie die Ratsuchenden als selbstbestimmt handelnde Subjekte adressiert und auf diese Position verpflichtet.“ (Duttweiler 2007, S. 73) Der Mensch muss also frei sein, um die Beratung wählen zu können, sich ihr zuzuwenden und in ihr verändern zu können. Durch Beratung aber wird das Subjekt kontinuierlich in der Schwebe, also dauerhaft offen gehalten für Veränderung. Es kann sich nicht für weniger Freiheit und Selbstbestimmung entscheiden. Selbstbestimmung fungiert des weiteren als Einsatzpunkt von Beratung: wer sich beraten lässt, sucht Rat, also eine Entlastung der Selbstbestimmtheit (vgl.: ebd.); sie fungiert als Fluchtpunkt der Beratung: so hat das Individuum freie Wahl in der individuellen Lebensentfaltung, darf sich der Wahl und somit der Selbstbestimmung aber nicht verweigern (vgl.: ebd., S. 74). Durch Selbstbestimmung als voraussetzendes sowie strukturierendes Prinzip und zugleich als Ziel wird in der Beratung der Ratlosigkeit der Moderne nicht entgangen (vgl.: ebd., S. 75). Vielmehr verstärkt sich diese, da die Beratung Möglichkeiten vervielfältigt. Traue bezeichnet die moderne Gesellschaft deswegen als „Optionalisierungsgesellschaft“ (Traue, S. 259) Die Beratung ist demnach eine Form der helfenden Kommunikation, die auf die Zukunft und deren Potenziale gerichtet ist und nicht, wie die Psychoanalyse, auf die Vergangenheit. Damit hat die Beratung den Gegenstand der individuellen Optionen: „In der Beratung werden unterschiedliche Handlungsprobleme als Problem der Generierung von Optionen, zwischen denen sich entschieden werden muss, aufgefasst.“ (ebd., S. 284) Die Welt der Individuen wird also vielfältiger durch Kommunikation über Gelegenheiten, Chancen etc.. Hierdurch wird aber die Anforderung an das Individuum wiederum höher und die Bewältigung des Lebens durch selbstverantwortliches Handeln führt zurück zum unternehmerischen Subjekt. Traue unterstützt hiermit die These Duttweilers, Beratung erweise sich durch den Zwang zur kontinuierlicher Neujustierung als passgenau zu der ambivalenten Freiheit im Neoliberalismus (vgl.: Duttweiler, S. 76). In seiner Studie, die auf der Grundlage des Konzepts der Gouvernementalität und der sozialen Technologie im Sinne einer strategischen Bearbeitung des Sozialen fußt (vgl.: Traue, S. 25f.), zeigt die Verbindung von Therapie und Ökonomie:
„Die Personalberatung ist eines dieser Territorien, in denen das Wissen der Therapeutik als Psycho-Technik in Dispositive der Steigerung von Humankapital eingebaut sind; in dieser Funktion ist dieses Wissen Bestandteil einer unternehmerischen Rationalität, ohne den diese Rationalität weniger kohärent wäre und ihre Wirksamkeit teilweise einbüßen würde.“ (Traue, S. 259).
Ohne auf Traues begriffliche und methodische Instrumente - die Psychotechnik und die Dispositive - genau einzugehen, möchte die Arbeit die Wirksamkeit von Beratung für das Unternehmertum einbeziehen. Wissen - seit dem 20. Jahrhundert vor allem aus der sozialpsychologischen Beratung (s.o.) - wird in den Dienst der Arbeitswelt gestellt. Gesundheit und Bildung der Individuen wurden als relevant für die Produktivität erkannt (vgl.: Traue 176f.), weshalb deren Förderung durch Beratung Förderung der Produktivität verspricht. Im Zentrum steht somit die Verfassung der Menschen, nicht z.B. das Material dessen, was produziert wird. Der Mensch wird durch die Anforderung, das eigene Potenzial immer weiter zu steigern, dauerhaft körperlich, geistig und psychisch für die Gesellschaft und ihre Ziele ansprechbar zu sein, dem Dogma der Steigerung des Kapitals unterstellt. Unersättlich ist im Kapitalismus die Steigerung des Kapitals (s.o.) - das finanzielle Kapital ebenso wie das Humankapital. So entsteht eine neue Weise der Subjektivierung, deren Form in ihrer neoliberalen Passform für Duttweiler vor allem auch politische Relevanz hat. Denn Beratung wird so zu einer „entscheidenden Akzeptabilitätsbedingung der aktuellen politischen Rationalität“ (Duttweiler, S. 76). Für das Subjekt bedeutet dies, dass es durch Beratung eine Realität anerkennt, die mit der aktuellen politischen Rationalität übereinstimmt. Der herrschende Diskurs, die herrschende Wahrheit der Selbstbestimmtheit und der Selbstverantwortung des Subjekts, die von der Politik im Neoliberalismus propagiert wird, wird durch die Produktion dieser neuen Subjektform unterstützt. Beratung wird so zum konstitutiven Element des unternehmerischen Subjekts. Neben der Verbindung von Therapie und Ökonomie, die Duttweiler und Traue gemein ist, betonen auch beide die politische Wirksamkeit dieser Verbindung - und des daraus entstehenden Menschenbildes des unternehmerischen Subjekts. Traue schreibt:
„Die Frage nach dem Möglichen verschiebt die Reflexion auf gesellschaftliche, kollektive oder transzendente Möglichkeiten, auf je meine Möglichkeiten, gemessen an je meiner Ausstattung an
Bildung, Ressourcen, Motivation etc. Dabei bleibt die gesellschaftliche Vermittlung dieser Bildung, dieser Ressourcen und dieser Affekte für den Einzelnen unverstanden.“
Die Totalisierung der modernen Gouvernementalität bei gleichzeitiger Individualisierung wurde bereits in 2.1 thematisiert. Traute spricht die Ausschließungsmechanismen dieser Gouvernementalität an: Das Subjekt wird in einem Maße auf sich selbst zurückgeworfen, dass eine Abweisung der Selbstverantwortung nicht mehr formulierbar ist. Das Subjekt wird wichtig in dem Maße seines Kapitals - also der Eigenschaften, die den Menschen in der modernen Gesellschaft verwertbar machen. Die Betrachtung des Subjekts bringt eine entsprechende Selbstbetrachtung mit sich, die den Menschen dazu anhält, sich als Produkt seiner_ihrer selbst zu verstehen und das eigene Kapital zu fördern. Die Verantwortung zurückzugeben und den Blick von sich selbst auf äußere Umstände zu lenken, ist für das Individuum durch diese Anrufung nicht mehr möglich. Traue spricht sogar davon, dass das Subjekt die gesellschaftlichen Bedingungen des eigenen Kapitals nicht durchblicken und verstehen kann - eben weil das Aufzeigen von
Optionen durch Beratung Zwänge, Grenzen und Entstehungsbedingungen unsichtbar macht. Sollte das Individuum sich aber darüber aufklären können und die unternehmerische Anrufung abweisen wollen, entwertet sich das Subjekt in den zeitgenössischen Wertigkeiten des Kapitalismus. Formulierbar wird dies - in der Norm der Selbstverantwortung - als selbstbestimmte Verweigerung. Das Paradox ist demnach, dass die Anrufung als selbstverantwortlich kein Außen ermöglicht: Auch die Verweigerung ist eine eigene Entscheidung. Ein Nicht-Können gibt es nicht. Dieses Subjekt steht auch in der Beratungsform der „Glückshilferatgeber“ im Mittelpunkt. Diese wollen Abhilfe schaffen, die Menschen in ihrer Suche nach Orientierung unterstützen. Sind diese Ratgeber tatsächlich ein Ausweg aus der Moderne, die ihrem Anspruch gemäß den Menschen zu einem glücklichen Leben verhelfen möchte?
3. Stefanie Duttweiler: Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechnologie
Die Arbeit Duttweilers hat zum Ziel, eine Analyse aktueller Glücksratgeber vorzunehmen (vgl.: Duttweiler 2007, S. 45). Die übergreifende Frage ist, auf welche Art und Weise Glücksratgeber die Verpflichtung erschaffen, sich an der Problematisierungsformel Glück auszurichten und „wie die Orientierung am Glück so zu einem privilegierten Kontaktpunkt für neoliberale Regierungspraktiken werden kann“ (ebd.). Glück soll durch diese Studie endnaturalisiert, also der Selbstverständlichkeit enthoben werden (vgl.: ebd., S. 45). Duttweiler möchte die politische Bedeutung - die Steuerung durch Glück - deutlich machen und somit als neoliberale Praktik aufzeigen bzw. als Gegenstand, der mit neoliberalen Praktiken und Menschenbildern zusammenfällt und sich in dessen Dienst stellen lässt.
Dafür untersuchte sie diskursanalytisch ca. 100 Publikationen. In der Feinanalyse wurde der Korpus auf 30 Bücher beschränkt, da sich Argumentationslinien wiederholten. Es wurden Ratgeber ausgesucht, in denen „Glück“ im Titel vorkommt und die von dem Ende der 1990er Jahre bis 2004 in deutschsprachigen Buchhandlungen gut zugänglich zum Verkauf standen oder in öffentlichen Büchereien zum Verleih angeboten wurden. Religiöser oder esoterischer Inhalt wurde nicht ausgewählt (vgl.: ebd., S. 31f.). Nachdem Duttweiler ihrer Analyse die Gouvernementalität der Gegenwart zugrunde legt und mit einem systemtheoretischen Ansatz das Phänomen der Beratung des 20. Jahrhunderts untersucht, analysiert sie die Glücksratgeber hinsichtlich ihrer Wissensproduktion über Glück und die Techniken, mit denen dieses Wissen verinnerlicht werden soll. Anschließend werden die gewonnen Einzelergebnisse im Hinblick auf die politische Bedeutung der Arbeit am eigenen Glück zusammengeführt (vgl.: ebd., S. 45f.). Nicht behandelt wird die systemtheoretische Untersuchung Duttweilers, anhand derer sie die Ratlosigkeit der Moderne aus der funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft erklärt (vgl.:
ebd., S. 41f.). Wichtig ist für die vorliegende Arbeit die Konzentration auf die Entstehungsbedingungen der Glücksratgeberliteratur - die bereits in Kapitel 2 ausgeführt wurden -, auf die Darstellung des modernen Glücks und anschließend auf die Philosophie der Lebenskunst.
3.1 Duttweilers Analyse anhand der Problematisierungsformel „Glück“
Stefanie Duttweiler interessiert sich im hinsichtlich des Gouvernementalitätsbegriffs für die bereits vielfach angesprochenen Momente der Überschneidungen von Fremdführung und Selbstführung der modernen Gouvernementalität, also zum Einen für die Überführung von Herrschaftstechniken in Techniken der Individuen zur Selbstführung und zum Anderen für die Übernahme von Selbsttechniken in Herrschaftstechniken: Sie möchte eine Analyse der Verschränkung der „Führung Anderer“ und der „Führung des Selbst“ vornehmen (Duttweiler S. 19). Für dieses Vorhaben setzt Duttweiler ein Instrument ein, das sie als „Problematisierungsformel“ bezeichnet (vgl.: ebd., S. 14ff.). Damit weist sie Verschränkungen und Kontaktpunkte von Selbst- und Fremdführung aus (vgl.: ebd., S. 16). Eine Problematisierungsformel ist demnach ein Moment, ein Ziel oder ein Gegenstand, mit dem und in dem sich Fremdführungen sowie Selbstführungen wiederfinden.
In diesen Kontaktpunkten treffen gesellschaftliche Normen auf Individuen: an den sozial vorgegebenen Normen orientiert sich die Selbstführung der Individuen. Es existieren Schemata in der Kultur, die performativ, also produktiv, wirken (vgl.: ebd., S. 15). Diese Schemata stellen mit Wissen, das sie über Menschen generieren und mit Praktiken, die sie hervorbringen, die Instanz her, anhand derer sich die Individuen selbst problematisieren. Glück fungiert ebenfalls in Form einer Problematisierungsformel: Der Aufruf zur Arbeit am Glück ist eine sozial vorgegebene und legitimierte Norm, die durch verschiedene Medien in Form der Beratung unterstützt wird, so z.B. in Lebenshilferatgebern (vgl.: ebd., S. 61). Die dort popagierte Arbeit am Glück beinhaltet Techniken, die anzuwenden notwendig sind, um das Ziel - die Grundlage, nach deren Erfordernissen sich das Individuum selbst problematisiert und nach der es sich ausrichtet - zu erreichen. Duttweiler übernimmt hier Foucaults Begriff „Technologien des Selbst“, mit dem Foucault den Umstand bezeichnet, dass sich das Subjekt durch eine gewisse Menge von Praktiken, die Wahrheitsspiele, Machtpraktiken usw. sind, selbst konstituiert. (Foucault 1985). Wie bereits oben ausgeführt, konstituiert sich das Subjekt in der modernen Gouvernementalität entlang gesellschaftlich vorgegebener Normen selbst. Im zeitgenössischen Diskurs um Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung, ist das Glück das Sagbare, das, was im Gespräch und in der Vermittlung durch Medien und Politik verstanden wird und außerdem auf alle Lebensbereiche und Lebensfragen anwendbar ist: Glück ist das >>geheime Zentrum der Moderne<< (ebd., S. 11) Das bedeutet, dass Glück ein Konstrukt ist, das zu dem passt, was in der modernen Gouvernementalität als „richtig“ bzw. als „wahr“ angesehen wird. Wichtig ist bei der
Ausrichtung am Glück - und Duttweiler formuliert dies als Kennzeichen einer Problematisierungsformel - das gesamte Leben im Hinblick auf dieses eine Ergebnis umzuformen (vgl.: ebd., S. 15). Demnach ist Glück ein wesentlicher Moment der Subjektivierung. Auf welche Art und Weise Glücksratgeber das Phänomen „Glück“ konstruieren, wie sie es besetzen und dadurch als legitime Selbstführung einführen, legt nachfolgendes Kapitel dar.
3.2 Die Ergebnisse der Studie Duttweilers
Im Folgenden legt die Arbeit Duttweilers Ergebnisse dar. Dabei lässt sie einiges aus und erweitert manch anderes um versinnbildlichende Beispiele und oder Gedankengänge und Fragestellungen. Glücksratgeber stellen oftmals ihr Buch den Zwängen, die auf das Individuum in der Gesellschaft wirken, entgegen. Das tun sie, indem sie zunächst Kultur und Gesellschaft das richtige Verständnis von Glück absprechen (vgl.: S. 95f.). Damit erklären die Autor_innen, im Gegensatz zur „äußeren Umwelt“, selbst zu wissen, wann etwas wirkliches Glück ist und wann es das nicht ist. Die Zumutungen, die der Mensch im Neoliberalismus erlebt - Stress als Begriff für alle individuellen Überforderungserfahrungen, Unglück - und deren Konsequenzen - Depression, Passivität, Scheitern etc. - werden so zunächst zu außerhalb des Individuum liegenden, durch die Gesellschaft verursachten Phänomenen. Die Ratgeber wollen den Menschen auf einen anderen Weg bringen, ihn von diesen Zwängen unabhängig machen. Duttweiler fasst dies noch weiter und schreibt dazu, die propagierte Lebensführung stehe einer unternehmerischen Lebensführung zunächst entgegen (vgl.: ebd., S. 27). Dies wird an einem Beispiel von Küstenmacher und Seiwert aus „simplify your life“ deutlich, ein Ratgeber, der nach eigenen Angaben seit Jahren in diversen Bestsellerlisten steht (vgl.: Küstenmacher, Seiwert, S. 11). Das Versprechen der Erlösung von gesellschaftlich bedingtem Leiden erfolgt prompt:
„Liebe Leserin, lieber Leser! Das Buch, das Sie hier in den Händen halten, wird eines der wichtigsten Bücher in Ihrem Leben werden.“ (Küstenmacher, Seiwert, S. 13)
„Sie leiden unter der stillschweigenden Forderung >>mehr, mehr, mehr<< in ihrer Umgebung. Für sie bedeutet die Überfülle des Angebots in einem Großmarkt nicht Befreiung, sondern Belastung. Sei leiden unter den ständig steigenden Anforderungen in ihrem Beruf, unter der ausgesprochenen oder
unausgesprochenen Drohung: Mach mit, oder Du bist draußen. [...] simplify ist das Gegenteil einer Forderung. Es ist ein Angebot. Eine Fähigkeit, die sie längst besitzen. Im Grunde ist der Mensch ein simplify-Lebewesen.“ (ebd., S. 15f.)
Individuelles Leiden wird dem Glückskonzept der Autoren entgegen gestellt. Das „mehr, mehr, mehr“, das den Theorien der Gouvernementalitätsforschung gemäß aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Wissen um das Unternehmertum generiert wird (s.o.), wird abgelehnt und dem Erreichbaren, dem Glück, gegenübergestellt. Dabei aber wird auch der Mensch seiner eigenen Mangelhaftigkeit gegenübergestellt, indem die Situation in der Gesellschaft dargestellt und dadurch manifestiert wird. Das Individuum wird dem gegenüber zum Ausnahmefall, das angesichts „ganz normaler Phänomene“ oder sogar „Luxusphänomene“ leidet: Dem Luxus des Überangebots, das als solches nicht als schlecht befunden werden kann, ist das
mangelhafte Einzelwesen nicht gewachsen. Der Mangel wird so ins Subjekt verschoben. Dies auch deshalb, weil die Anleitung aus dem Leiden vermeintlich zu „sich selbst führt“, zu der eigenen wahren Natur. Denn die Lösung ist immer schon da, liegt in den Menschen, gar in deren Erbgut. Das aktuelle Leiden stellt demnach einen Mangel da, der die Entfremdung des Menschen von seinem eigentlichen „simplify“-Wesen deutlich macht. Die Autoren aber bieten an, den Menschen zu sich selbst (zurück) zu führen. Duttweiler schreibt zu der Behandlung kultureller Phänomene durch Glücksratgeber: „Gesellschaftliche Bedingungen gelten jedoch nie als alleiniger Ursprung mangelnden Glücks. Im Gegenteil, sie bilden zwar den Hintergrund, auf dem sich das Glück des Einzelnen zu bewähren hat, doch entscheidend ist der Umgang mit ihnen.“ (Duttweiler, S. 96) Eigentliche Ursache für das Leiden ist demnach das Individuum. An diese Herangehensweise von Glücksratgebern schließen Fragen an, die auf die zentralen Ergebnisse der Duttweiler`schen Studie verweist: Bieten Glücksratgeber tatsächlich einen Ausweg, einen Weg, der von den Zwängen gesellschaftlicher Strukturen unabhängig macht bzw. einen Weg, durch den negative Erfahrungen in der modernen Gesellschaften verhindert werden können? Bringen Glücksratgeber den Menschen tatsächlich in ein inneres „Außen“ kultureller Zwänge? Und angesichts des Ziels der Untersuchung noch relevanter: steht die in den Ratgebern propagierte Lebensführung tatsächlich im Gegensatz zur unternehmerischen Lebensführung? Diese Fragen sollen im vorliegenden Kapitel beantwortet werden. Zunächst folgt die Darstellung den Schritten Duttweilers: In diesem diskursanalytischen Teil der Studie beantwortet Duttweiler die Fragen danach, auf welche Art und Weise Glück als selbstverständlich zur „privilegierten Problematisierungsformel der Selbstführung“ gemacht wird; wie Ratgeber plausibel machen, ihren Rat anzunehmen; weshalb sich alle Menschen angehalten fühlen, am eigenen Glück zu arbeiten und welches „Selbst- und Weltverhältnis“ sich aus dieser Selbstführung ergibt (ebd., S. 38) . Zur Beantwortung dieser Fragen geht sie zunächst darauf ein, wie Glück als Gegenstand in Ratgebern konstruiert wird. Im Anschluss fragt sie nach den Techniken, die diesen Gegenstand verinnerlichen.
3.2.1 Konstellationen des Glücks in Ratgebern
Duttweiler baut ihre Analyse in drei Stufen: Die Analyse des „ersten Blicks“ auf die Bücher, die Betrachtung der Konstellation des Gegenstandes „Glück“ und die Analyse der Konstellation des Wissens. Zunächst zum „ersten Blick auf die Bücher“ - Titel, Vorstellung in den Klappentexten, Vorworte. Duttweiler schreibt hierzu, Glück habe keine Zielgruppe: Die Ansprache durch Glück richtet sich an alle Menschen - dies ist plausibel vor dem Hintergrund der Individualisierung von Beratung, an die Ratgeberliteratur anschließt (vgl.: ebd., S. 41). Dies macht auch deutlich, dass Glück ausnahmslos für alle Menschen ein Ziel ist. Glück ist darüber hinaus immer steigerbar (vgl.: ebd., S.78), wird also immer noch mehr gebraucht. Zwar konstruieren Ratgeber Glück in vielfältiger Form, alle Ratgeber aber konstruieren die Suche nach dem Glück in der Form „Glück
ist kein Zufall“, sondern machbar (vgl.: ebd., S. 91). Allerdings braucht Glück wissens- und expertengeleitete Arbeit an sich selbst (vgl.: ebd.) - und diese Arbeit besteht nicht nur in dem Lesen der Verheißung versprechenden Bücher, vielmehr muss die_der Lernende mit eigenem Einsatz dabei sein (vgl.: ebd). Diese Darstellung macht Glück zu einem bestimmbaren und erzeugbaren Gegenstand (vgl.: ebd., S. 92) und begründet somit die Existenz der Lebenshilferatgeber: Erst, indem Glück als „gestalt-, erreich-, und steigerbar“ bestimmt wird, wird Beratung benötigt, um dieses zu generieren (vgl.: ebd). Weil Glück dauerhaft optimiert werden und nur situativ ermittelt werden kann (vgl.: ebd., S. 110), werden Ratgeber auch zu keiner Zeit überflüssig. Dies bedarf einer Erläuterung: Das gesamte Phänomen Beratung ist darauf ausgerichtet, das Individuum dauerhaft anzurufen. Denn jedes neue Problem schafft neuen Beratungsbedarf (vgl.: ebd., S. 76). Fellmann schreibt dazu: „Es ist kein Geheimnis, dass den Ratsuchenden durch die populäre Lebenskunstliteratur kaum wirklich geholfen wird.“ (Fellmann, S. 15) Sollte dies richtig sein, so machen sich Ratgeber niemals dadurch obsolet, dass sie den Menschen zu einem endgültigen glücklichen Dasein verhelfen. Heilung ist allein deswegen nicht zu erwarten, weil sich die Ratgeber in die Moderne einpassen, indem sie der Fortschrittslogik folgen: „Alles ist Evolution, Weiterentwicklung, Höherentwicklung“ (Enkelmann zit. n. Duttweiler, S. 110), das Streben nach Glück ist ein „kontinuierlicher Verbesserungsprozess“ (ebd.). Das bedeutet auch, dass Glück je nach Lebenssituation anders vom Individuum bestimmt wird. Was also können Glücksratgeber über Glück überhaupt aussagen?
Oftmals wird Glück mit anderen Zielen wie Gesundheit, Erfolg, Wohlstand etc. verbunden (vgl.: ebd., S. 94) und nicht als alleiniges Ziel angegeben. Alle Ratgeber verstehen unter Glück aber ein „ erfülltes und gelungenes Leben“ (ebd., S. 95). Dieses kann nur erreicht werden, wenn die Menschen sich über die glücksverhindernden und die glücksfördernden Faktoren des Lebens bewusst sind, über die Ratgeber aufklären (vgl.: ebd., 95ff.). Und auch nur dann, wenn sie sich der eigenen Verantwortung bewusst sind, denn Glücksverhinderer existieren nur durch falschen Umgang mit dem Leben (vgl.: ebd., S. 96f.). Ob ein Mensch also - egal, in welcher Lebenslageglücklich ist, liegt in der eigenen Verantwortung. Die Wirklichkeit wird zum Gestaltungsraum unabhängig z.B. von materiellen Umständen. Glück wird zum einzigen und dauerhaften Problem, indem das Leben nur von der eigenen Perspektive abhängt: „Damit postulieren die Ratgeber einen universellen Beratungsbedarf, stabilisieren ihre Autorität als Ratgebende und verweisen die Leser auf ihre ratsuchende Position.“ (ebd., S. 98) Auf die Autorität der Autor_innen geht die Arbeit im Anschluss detaillierter ein. Zunächst interessant ist, wie sich innerhalb der Problematisierungsformel Glück die Wechselwirkung der Gouvernementalität der Gegenwart zeigt: Der universelle Beratungsbedarf, dem sich niemand entziehen kann, ist ein totalisierendes Prinzip. Durch die Offenheit des Glücks kann sich Jede_r zugleich ein eigenes Glück schaffen, einen eigenen Glücksbegriff finden, zugleich aber muss sich auch Jede_r zu dem Phänomen
Glück verhalten. Andererseits ist Glück stark individualisierend: Glück ist das „je subjektiv Wesentliche“, ist es frei bestimmbar (vgl.: ebd., S. 100). Nicht bestimmbar aber ist es, dass sich der Mensch dieser Frage nach dem eigenen Wesentlichen stellen muss. Denn für das eigene Unglück ist das Individuum dann selbst verantwortlich, sollte es sich dieser Frage entziehenebenso wie es bei der Konstitution als unternehmerisches Subjekt der Fall ist (siehe oben). Duttweiler verwendet an dieser Stelle das Wort „Sinn“ (vgl.: ebd.). Dies macht den Universalanspruch des Glückes deutlich: Glücklich zu sein ist nicht nur ein Ziel von vielen, sondern das entscheidende Ziel. Wer den Sinn des Lebens sucht und findet, ist glücklich. Wer das Glück sucht und findet, lebt ein sinnvolles Leben - natürlich immer unter der Prämisse, dass sowohl das eine als auch das andere vom Individuum her bestimmt werden muss. Doch sind hier Glücksratgeber wirklich derart frei? Wird die individuelle Sinnfrage durch ein Überstülpen des Begriffs Glück nicht vereinnahmt, also endindividualisiert, indem die Ratgeber bereits Implikationen vorgeben? Ein Zitat aus „simplify ypur life“ zu dieser Frage:
„In diesem Buch geht es um die Kunst, das Leben zu meistern: die Fähigkeit, glücklich und erfüllt das volle Potenzial Ihres Lebens auszuschöpfen. Das alte Wort dafür ist >>Sinn<<. Wir sind überzeugt: Den Sinn des Lebens kann Ihnen niemand von außen geben, er liegt in Ihnen. Wie eine Knospe tragen Sie ihn in sich. Sinnvoll leben heißt, die eigenen Möglichkeiten optimal zu entwickeln und den Platz in der Gemeinschaft einzunehmen, an dem Sie sich selbst und die Gemeinschaft optimal weiterbringen - die bestmögliche Balance also von Selbst- und Nächstenliebe. Wenn Sie den im Folgenden simplify-Weg gehen, werden Sie den Sinn und das Ziel Ihres Lebens finden.“ (Küstenmacher, Seiwert, S. 13f.)
Der angeblich individuelle Sinn des Lebens wird hier bereits stark vorgegeben: es muss ein Leben gemeistert werden, ein Nicht-Meistern ist hierbei bereits ausgeschlossen. Wer ein sinnvolles Leben lebt, ist glücklich, erfüllt, schöpft das volle Potenzial aus. All dies sind bereits starke Vorgaben, die hier als Selbstverständlichkeit präsentiert werden - als Implikationen, die vorgeben, keine zu sein. Sinnvolles Leben und das, wie es die Autoren definieren, wird zur universellen Wahrheit: Denn erneut werden die Menschen an ihrer „Natur“ gepackt: Das, was die Autoren definieren, ist keine eigene Definition, sondern die Biologie des Menschen - „es liegt bereits in ihnen“. Deshalb kann Sinn auch nur individuell sein und individuell erzeugt werden. Kaum aber ist das Individuum als einzigartig angesprochen, definieren die Autoren im nächsten Satz erneut, was Sinn, also Glück, bedeuten. Diese Widersprüchlichkeit lässt die Menschen sich nicht entziehen: verfolgt sie_er es nicht, den Sinn in sich zu entdecken, ist er nicht das wahre Ich, weil er_sie der Natur nicht folgt. Nimmt er_sie die Sinnfrage aber an, so folgt dessen Definition auf dem Fuße und die Vorgaben der Autoren sind Grundlegung für die eigene Ausrichtung. Nun zurück zu Duttweiler. Unter Glück wird in Ratgebern außerdem verstanden, sich nicht für ein falsches Leben zu entscheiden. Aktive Gestaltung des Lebens ist richtig, Entfremdung und Distanzierung zum eigenen Leben sind falsch (vgl.: ebd., S. 100f.). Je nach den Worten des Ratgebers für „gut“ und „böse“ muss sich jeweils bewusst entschieden werden, „auf welcher >Seite<“ gelebt werden will (vgl.: ebd., S. 103). Aktive Gestaltung zu einem glücklichen Leben
bedeutet Aktivität in allen Bereichen - sogar bei schlechten Ereignissen. Denn diese können umgewertet werden (vgl.: ebd., S. 104). Aktiv widmet sich der glückliche Mensch den eigenen Aufgaben, er_sie ist aufgeschlossen, mutig, risikobereit (vgl.: ebd., S. 104f.). Geht der Mensch so in die Welt hinaus, kann das Glück folgen - das den gesamten Menschen mit Seele und Körper einnehmen wird, den Menschen also „lebendig“ macht (vgl.: ebd., S. 105f.). Glück wird sich in Freude, Wohlfühlen, Energie und Stärke bemerkbar machen (vgl.: ebd., S. 106ff.). Das Leben wird intensiver, sinnlicher - und leichter: Für glückliche Menschen kommt Erfolg, Freude und oder Souveränität von alleine (vgl.: ebd., S. 109). So bekommt Glück doppelte Bedeutung: „Es ist Mittel und Zweck, nach ihm zu streben wird so nahezu unabweisbar.“ (ebd.) Denn wer möchte nicht leistungsstärker, erfolgreicher, materiell besser gestellt sein oder mehr Freude empfinden? Der Zustand des Glücklichseins scheint so als der produktivere, optimistischere, intensivere, sinnlichere - also insgesamt bessere - Zustand. Verbunden mit dem kontinuierlichen Streben nach weiterem Glück und anderem Glück werden Wachstum, Leben und Glück zu identischen Begriffen (vgl.: ebd., S. 110). So wird „immer mehr“ doch erneut zu einer wichtigen Aufforderung - entgegen der anfänglichen Versprechungen (s.o., S. 16). Damit aber leistet die Problematisierungsformel dem unternehmerischen Selbst Vorschub das ebenso auf Wachstum, auf ständige Optimierung ausgerichtet ist und sich die Frage nach dem eigenen Leben selbstverantwortlich beantworten muss. Das Dogma der Selbstverantwortlichkeit bringt es des weiteren mit sich, dass Glück immer und überall erreichbar ist - denn es existiert nur in der Gegenwart, ist allerdings in jedem Augenblick herstellbar (vgl: ebd., S. 110ff.). Das bedeutet aber auch, dass der Glückfrage nichts entgeht: Die Vergangenheit spielt keine weitere Rollehöchstens in der eigenen und dann positiven Betrachtung -, sie findet mit dem neuen Leben hin zur eigenen Identität, das durch den Ratgeber entsteht, ein Ende (vgl.: ebd., S. 93). Die Zukunft, in der alles besser wird, ist immer schon da, muss positiv betrachtet werden (vgl.: ebd.), in diese muss mutig geschritten werden. Mit dem Blick auf die Zukunft lässt sich das ständige Streben nach einem Mehr an Glück erklären. Das Leben muss daran ausgerichtet werden, damit in der Zukunft Glück herrscht. Doch erreichbar ist Glück zugleich immer nur in der Gegenwart. Weder ein Zurücklassen oder ein Umdeuten des Negativen aus der Vergangenheit, noch eine hoffnungsvolle Betrachtung der glücklichen Zukunft, beinhaltet das konkrete Glücksgefühl. Dieses ist immer möglich, aber genau jetzt. Kein Moment des Lebens ist von dem Imperativ „sei glücklich!“ verschont. Glück ist Mittel, um Dinge zu erreichen. Ist Sinn und Zweck, um genau jetzt und hier zu leben und es ist das Ziel für die Zukunft. Negative Gefühle sind daher immer abzulehnen, sind falsch (vgl.: ebd., S. 118) und zu verändern. Der Mensch lässt sich somit über sein Glücklichsein auch messen, direkt adressieren (vgl.: ebd., S. 116). Was sagt dieser Glücksdiskurs, der als Bestandteil des herrschenden Diskurses betrachtet werden kann (der Boom der Beratungsangebote und der Ratgeberliteratur sagt nichts anderes, als dass diese Form der
Lebensbewältigungspsychologie große Akzeptanz findet), über den Menschen aus, der angesehen wird? Ist sie_er glücklich, erfolgreich, aktiv? Dann ist sie_er „gut“, kann mit sich selbst umgehen. Unglück und Leid wiederum verweisen auf einen falschen Umgang mit sich selbst, der im Dogma der Selbstverantwortung schnell zur Absicht wird: Denn das Glück liegt in Jeder_m, man muss nur zugreifen. Tut man das nicht, will man leiden.
Damit aber Glück ausschlaggebend für die gesamte Lebensführung werden kann (vgl.: ebd.), müssen Autor_innen glaubwürdig sein. Sie inszenieren sich als Menschen mit besonderem Zugang zum Glück (vgl.: ebd., S. 121) und sie vermischen Wissen aus verschiedenen Wissensformen, aus verschiedenen Disziplinen, um ihre Aussagen plausibel zu unterstützen bzw. zu generieren. Glücksratgeber generieren ein „Wissen von neuer Qualität“, indem sie mit einer „spezifischen Wissensproduktion“ hybrides Wissen erzeugen (vgl.: ebd., S. 145). Das bedeutet, dass Wissen aus ihre ursprünglichen Kontexten gelöst und neu „genutzt“ wird (vgl.: ebd., S. 144) und des weiteren Wissensformen wie z.B. Erfahrungswissen und Fachwissen, vermischt werden (vgl.: ebd.), um Aussagen treffen zu können, Weltanschauungen plausibel zu machen. So baut z.B.: Stefan Klein in „Einfach glücklich. Die Glücksformel für jeden Tag“ seine Aussagen auf biologisches, neurologisches uns psychologisches Wissen auf (vgl.: Klein, S. 7, 13, 80), Martha Beck zitiert in ihrem Ratgeber „Enjoy your life. 10 kleine Schritte zum Glück“ unter anderem Max Weber und stützt sich auch auf neurologisches und religiöses Wissen (vgl.: Beck. S. 19 -23), unterfüttert dies zusätzlich mit eigenen Erfahrungen (z.B.: vgl.: ebd., S. 64). Durch geringe Absicherung durch wissenschaftliche Standards und die Verbindung zur persönlichen Erfahrung des Autors wird diese Wissensform stark angreifbar (vgl.: ebd., S 146). Ist eine solche Vorgehensweise in einem solch stark nachgefragten Feld nicht auch sehr gefährlich? Gerade, weil die Individuen die Aussagen auf sich selbst beziehen, sich danach ausrichten. Wie muss Wissen beschaffen sein, um legitime Anleitungen geben zu dürfen und den fruchtbaren Boden der verunsicherten Individuen in der Moderne zu „nutzen“? Diese moralisch anklingenden Fragen werden in Kapitel vier in anderer Form erneut auftreten. Sie stellen sich in Verbindung mit Duttweilers Arbeit vor allem deswegen, weil in ihrer Studie deutlich wird, wie stark Ratgeber daran arbeiten, ihre Botschaften im Individuum zu verfestigen. Nachdem sich die Autor_innen als wissend, als vertrauenswürdig positioniert haben (vgl.: ebd., S. 120 - 122) und über die Zusammenstellung von Aussagen aus verschiedenen Wissensformen den Zustand Glück definiert haben, geben sie Anweisungen zur Umsetzung des Wissens, zur neuen Lebensführung der Menschen. Diese werden nachfolgend zusammengefasst.
3.2.3 Techniken des Glücks in Ratgebern
Nachdem die Leser_innen der Ratgeber das Expertenwissen über Glück aufgenommen haben, gilt es, sich immer wieder für die Ausrichtung am Glück zu entscheiden: Wissen allein ist nicht ausreichend, vielmehr müssen die Menschen gemäß der meisten Ratgeber dieses Wissen in regelmäßigen Übungen verinnerlichen (vgl.: Duttweiler, S. 151). Diese Übungen sollen eine Umwertung von Erfahrung erreichen. Neue Erfahrungen werden mit der neuen Perspektive gemacht, alte Erfahrungen umgedeutet (vgl.: ebd.). Eigene Erfahrungen geben dem Wissen aus Ratgebern eine neue Qualität: Es wird wahr durch das eigene Erleben - das allerdings hinsichtlich dieses Wissens zunächst interpretiert wird: Die rationale Einsicht wird mit positiven Emotionen verknüpft, „die das Glückskonzept und nicht zuletzt den daraus abgeleiteten Rat plausibilisiert“ (vgl.: ebd.). Indem die Menschen selbst aktiv werden müssen, können sie Glück als Arbeitserlös erleben. Dies ist erneut ein Zirkelschluss, mit dem sich Ratgeberwissen unangreifbar macht: Nehmen die Menschen die Übungen nicht an, so wird mit ausbleibendem Glück gedroht. Werden die Übungen gemacht, so werden Erfahrungen aus der verinnerlichten Perspektive des Ratgebers gedeutet und bestätigen somit die Aussagen des Ratgebers. Duttweiler betrachtet die Techniken des Glücks in dem Foucault`schen Verständnis der Technologien des Selbst. Eine Betrachtungsweise, die den selbstführenden Charakter der Techniken hervorhebt. Diese sind „Weisen, nach Maßgabe eigener Vorstellungen und mit Hilfe anderer auf sich selbst einzuwirken“ (ebd., S. 152). In 3.2.2 wurde erörtert, dass Glück gemäß der Ratgeberliteratur dauerhaft ein vom Individuum zu bestimmender Begriff bleibt. So ist auch die konkrete Glückserfahrung individuell. Der Ratgeber soll der Weg zum individuellen Glück sein. Konkrete Einwirkungsweisen müssen demnach vom Individuum selbst getragen und umgesetzt werden. Eine Überprüfung des Erfolgs der Ratgeber wird so kaum möglich.
Ratgeberwissen kann durch drei Modi verinnerlicht werden: Durch die Technik des Erforschens der eigenen Wahrheit - der Modus der Selbsterkenntnis - , die Erfüllung von selbstgesetzten Zielen - der Modus der Selbstgestaltung - und die Technik des genießerischen Umgangs mit sich selbst - der Modus der Selbststimulation (vgl.: ebd.). Ohne auf die einzelnen von Duttweiler extrahierten Übungsformen in Glücksratgebern genau einzugehen, werden diese Modi im Folgenden zusammenfassend und mit Beispielen unterlegt dargestellt.
Techniken ersterer Art, der Selbsterkenntnis, orientieren sich an der Form des Geständnisses (vgl.: ebd., S. 171) und verlangen vom Individuum einen dauerhaften ehrlichen Rekurs auf sich selbst. Viele verschiedenen Übungen werden hierfür wirksam: Selbstbeobachtung, Selbstkontrolle, Selbstreflexion, Selbstbefragung, Selbsteinschätzungen in Tests, Projektionen auf die Zukunft durch das Phantasieren der eigenen Zukunft, Planung der eigenen Zukunft etc. (vgl.: ebd., S. 152
- S. 171). Diese führen zu einer Suche nach verschiedenen Facetten der Individualität (vgl.: ebd., S. 172) und zu einer gesteigerten Selbstaufmerksamkeit (vgl.: ebd.), mit dem Ziel, die individuellen Eigenschaften herauszuarbeiten, die Individualität also zu steigern, um sich ein Profil zu schaffen (vgl.: ebd., S. 173). Mit den neuen Wahrheiten, die der Mensch über sich findet, sollen Zukunftsplanungen entstehen, das Profil also umgesetzt werden. Auf diese Weisen konstruiert diese Technik das Selbsterkennen über das Auffinden oder Erfinden von Wahrheiten über das authentische, echte Ich (vgl.: ebd., S. 174f.). Beck führt das Individuum zu der eigenen Wahrheit, indem sie von Herzenswünschen spricht, die entdeckt werden sollen (vgl.: Beck, S. 57
- 78). Das Wissen „über unsere Bestimmung und die Veränderungen, die wir auf der Welt bewirken werden“ (vgl.: ebd., S. 57) liegt in uns, auf dieses muss nur zugegriffen werden. Das Buch möchte den Menschen zu sich selbst führen durch Übungen mit sich selbst: Durch das tägliche Praktizieren wird Selbstkontrolle verlangt, die einen kontinuierlichen Bezug auf sich selbst ermöglicht. Über die Gestaltung des eigenen inneren Raumes - des eigenen Bewusstseinswird der Boden geschaffen für das Erkennen der eigenen Wahrheit (vgl.: ebd., S. 65). Kontinuierliche Selbstbefragungen und Suggestionen sollen diese Wahrheit ans Tageslicht bringen (vgl.: ebd., S. 67 - 72). Ist ein Wunsch einmal erfasst, muss an diesem auch festgehalten werden (vgl.: ebd., S. 72 - 77). Auf diese Weise konstruiert der Ratgeber einen Gedanken, der
durch Suggestion und Reflexion entstanden ist als Herzenswunsch: „Glauben Sie es einfach [...] Es ist die zentrale Sache in Ihrem Leben. (ebd., S. 77).“ So wird das, was da ist, zum
Herzenswunsch konstruiert. Der Ratgeber „simplify your life“ hält das Subjekt an, sich selbst zu finden über das Finden des eigenen Lebensziels, das Auffinden und Entwickeln der eigenen Stärken, die Entlastung des eigenen Gewissens und die Enträtselung der eigenen Person (vgl.: Küstenmacher, Seiwert, S. 335 - 384). Unter Anleitungen und mit Suggestionsübungen werden z.B. Stärken und Wünsche des Menschen herausgearbeitet. Anhand eines Tests wird herausgefunden, wie der Mensch ist, welcher Typologie er also entspricht und was seine Eigenschaften sind (vgl.: ebd., S. 353ff.). Dass dieser Test sehr einschränkend ist, wird ebenfalls thematisiert, mögliche Kritik wird also vorweggenommen. Trotz der Typisierung wird die Individualität als entscheidend betont und der Mensch dazu angehalten, sie auch zu finden und die Schubladen mit dem eigenen Profil zu füllen: „Die jeweiligen Schubladen sind so unermesslich groß, dass für Ihre unverwechselbare Individualität dort mehr als genug Platz ist.“ (ebd., S. 382). Auch hier werden Wahrheiten geschaffen, die die lesende Person anhand bestimmter Übungen über sich selbst findet. Ergebnis ist das eigene Profil, das sich aus den Übungen heraus generiert (vgl.: Duttweiler, S. 174).
Dieses gefundene Profil wird nun in den Modi der Selbstgestaltung und der Selbststimulation verwirklicht. Die Ziele, die in der Selbsterkenntnis als die eigenen konstituiert wurden, werden nun aus Eigeninitiative heraus erfüllt. Durch die schlussendlich eigene Glückserfahrung wird das
Individuum in diesem Vorhaben bestärkt. Zunächst zu den Übungen und Wirkungen der Selbstgestaltung: Alle Bereiche des Lebens - der Alltag, die Beziehung zu Anderen, das Denken und das Fühlen - sollen gestaltet werden. Grundlage hierfür ist, dass alles veränderbar ist. Duttweiler bezeichnet dies als „triumphale Selbstermächtigung“ (vgl.: Duttweiler, S. 196). Das Individuum hat es in der Hand, konkrete Handlungsschritte zu unternehmen, die zum Glück führen. Im Planen eines funktionierenden und ausgewogenen Lebens, dem richtigen Begegnen der Freund_innen und Partner_innen, der Einrichtung der richtigen Spiritualität sowie der richtigen, also positiven, Gestaltung der eigenen Gedankengänge und Emotionen (vgl.: ebd., S. 175 - S. 196). Glücksratgeber verschieben somit den eigenen Freiheits- und Zugriffsraum des „Ich“ (ebd., S. 197) hin zu einer Gestaltung von Selbst und Welt: „Wunsch und Wirklichkeit, Wille und Welt werden identisch.“ (ebd., S. 198). Kleins macht dies auf eindrucksvolle Weise deutlich: Gestützt auf die Arbeit des Gehirns und des Körpers entwirft er Übungen, um negative Gefühle zu dämpfen, positive Gefühle wachzurufen und so glücklich zu sein (vgl.: Klein, S. 30). Da der eigene Zugriff auf die Welt lediglich im „eigenen Kopf“ entsteht (vgl.: ebd., S. 36), können Ärger, Angst und Glück ebenfalls individuell im Kopf kontrolliert werden (vgl.: ebd., S. 38 - S. 40). Über das Schaffen von Abwechslung im eigenen Leben, ein gewisses Maß an Bewegung und der Hingabe an eine Arbeit kann das Hirn ebenso umprogrammiert werden wie durch die Schulung der eigenen Sinne und die Gestaltung der Beziehungen (vgl.: ebd., S. 62 - 87). Was aber bedeutet das? Die Ratgeberliteratur geht davon aus, dass z.B. durch Projektion, Suggestion oder Meditation Gedanken positiviert werden können und Erfahrungen anders wahrgenommen werden. Einzig die Herangehensweise an das Leben bestimmt auf diese Art und Weise die Erfahrungen - die Welt wird radikal subjektiviert (vgl.: Duttweiler, S. 197). Jeder Mensch kann, wenn gewünscht, andere Muster verinnerlichen: wie Klein verdeutlicht, lassen sich Hirn und Körper verändern. Der Zustand eines Menschen wird so stark selbstbezogen, dass Leid, weder psychisches noch physisches Leid erklärbar, gerechtfertigt werden kann. Die Umdeutungsmöglichkeiten von Wahrnehmungen scheinen das gesamte Leben zu bestimmen. Somit wird der Mensch freier in der Gestaltung und im Weltverhältnis, die Selbstverantwortlichkeit steigert sich aber in dem Maße, dass der Mensch unabhängig von den eigenen Umständen glücklich zu sein hat. Duttweiler diagnostiziert hier, die Methodik dieser Beratungsform arbeite einer Gesellschaft zu, „die auf glückliche, sich selbst befried(ig)ende Individuen angewiesen ist“ (ebd., S. 199). Somit lehnen Ratgeber sich in ihrer Form der Beratung an die Beratung des 20. Jahrhunderts an, die, wie bereits dargestellt, die neoliberale Gouvernementalität stärken.
Damit diese Zumutungen plausibel werden, muss sich Erfolg einstellen. Für Glücksratgeber ist dies das individuelle Empfinden von Glück. Um diese Erfahrungen zu erzeugen, wird Anleitung dazu gegeben, konkret auf den Körper einzuwirken: Essen, Düfte, Berührungen, Konzentration auf den Körper in Bewegung, im Atmen, im Tun und im Entspannen soll den Menschen zu der
unmittelbar spürbaren Glückserfahrung bringen (vgl.: ebd., S. 199 - S. 209). So wird das Wissen des Ratgebers wirksam, die Ausrichtung am Glück also legitimiert. Der Körper rückt ins Zentrum, ihm wird eine eigene Weisheit unterstellt, die zu dem Glück führt, das schon immer da ist. Der Körper wird dabei naturalisiert (vgl.: ebd., S. 211). Das bedeutet, dass die körperliche Erfahrung als das Echte interpretiert, also als authentisch erlebt wird. Damit wird das Selbst und dessen Verbesserung durch die Eigenarbeit erfahrbar (vgl.: ebd.). Zusammenfassend lässt sich mit Stefanie Duttweiler feststellen:
„Glücksratgeber sind somit nicht nur >Mythenbildner< des autonomen Subjekts, die eine falsche Ideologie erzeugen oder die gesellschaftliche Notwendigkeit und Bildung der Form der Autonomie und Einzigartigkeit verdecken, sie haben wesentlichen Anteil, dieses Subjekt herzustellen.“ (ebd., S. 220) Über Lebenshilferatgeber werden Menschen konstruiert. Ebenso wie die
Wirtschaftswissenschaften das unternehmerische Selbst als Quasi-Subjekt, als Realfiktion eingesetzt und damit erzeugt haben, produzieren Glücksratgeber, wie Duttweiler hier schreibt, das glücksuchende Subjekt und das Glück als Gegenstand dieser Suche. Die Subjektivierung geht dabei weiter als das Quasi-Subjekt der Wissenschaft, wie Foucault es beschreibt: Die Übungen, vorwiegend Körperübungen, „schreiben“ den Menschen die Glücksuche auf den Leib. Doch kann eine solche Subjektivierungsform tatsächlich in realen Subjekten umgesetzt werden? Wie anschlussfähig ist diese Form an gesellschaftliche Wertigkeiten? Dies soll nun in der Zusammenfassung der Ergebnisse Duttweilers beantwortet werden.
3.2.4 Glück als neoliberale Regierungstechnologie
Die Problematisierungsformel „Glück“ schließt - entgegen der Behauptungen der Ratgeberliteratur - an die Problematisierungsformel „unternehmerisches Subjekt“ an, indem Ratgeberliteratur jene Eigenschaften und Fähigkeiten produziert, die für das unternehmerische Selbst relevant sind (vgl.: ebd., S. 232). Damit bestätigt sich eine der Eingangsthesen Duttweilers (vgl.: ebd., S. 27): Beide Problematisierungsformeln hängen miteinander zusammen bzw. die moderne Auffassung von Glück fällt zusammen mit der Vorstellung des neoliberalen Subjekts. Anhand der Hilfe zum Glück wird die Leistungsfähigkeit der Menschen gesteigert - die Fähigkeiten, die das unternehmerische Selbst benötigt, werden von der Beratung hergestellt (vgl.: ebd., S. 232). Damit wird die neoliberale Gouvernementalität insofern gestärkt, als dass sich das Individuum auf kybernetische Art und Weise (vgl.: ebd., S. 218) immer wieder aus sich selbst heraus rehabilitieren kann. Das Erleben von Glück macht die neoliberale Gouvernementalität für die Menschen erträglich, aushaltbar. Das ist Duttweilers Hauptthese: Glücksratgeber konstruieren das Subjekt nicht nur mit denselben Wertigkeiten und Grundannahmen, die auch das
unternehmerische Selbst kennzeichnen. Sie schaffen auch die Grundlage dafür, dass der Mensch die Anrufung zum unternehmerischen Subjekt annehmen und durchführen kann (vgl.: ebd., S. 232). Das heißt: Kritik an negativen Konsequenzen des herrschenden Systems, der neoliberalen Anforderungen, wird zu einem Instrument des angeprangerten Systems:
„Für die Entwicklung der aktuellen Gesellschaft ist es von größter Bedeutung >>…wie einerseits das Subjekt dem ökonomischen Prozess einverleibt wird und wie es andererseits durch institutionelle Regelungen oder individuellen Widerstand vor einer vollständigen Ökonomisierung geschützt bleibt<< (Pongratz/Voß 2003, 225f.).“ (Duttweiler S. 233)
Die Beratungskultur, die sich aus einer kulturkritischen Strömung ableitet, fungiert nun zwar weiterhin als Bewahrung der Menschen vor Ökonomisierung, doch steht sie damit im Dienst eben dieser Ökonomisierung: Indem die Ratgeber die Menschen zur Selbstführung anhand von Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung anhalten und ihnen die Möglichkeit von Glückserfahrungen geben, stabilisieren sie die Anforderungen des neoliberalen Kapitalismus und somit das unternehmerische Subjekt (vgl.: ebd., S. 232). „Individueller Widerstand“ bedeutet hier: sich zunächst von den belastenden Wirklichkeiten befreien, das Selbst stark machen - in die volle Verantwortung nehmen und ihm alle Macht (zurück)geben - und schließlich Erfolg und Produktivität des Subjekts durch Techniken der Selbstoptimierung steigern (vgl.: ebd.). Das Subjekt, das in sich ruht und mit sich glücklich ist, bringt die notwendige Stabilität für das flexible Subjekt mit sich (vgl.: ebd., S. 234). Damit entsteht aus dem privaten Glück ein Politikum: Individuen können durch diese Form der Beratung eingebunden werden in die zeitgenössische Ökonomie (vgl.: ebd., S. 233), und produzieren das System deshalb mit. Wie Boltanski und Chiapello es über die Kritik der 1968er Bewegung darstellen, schreibt es auch Duttweiler: Die individuelle Kritik wird zu einer Rechtfertigung für das System: Der vermeintliche Rückzug zum eigenen Glück wird zu etwas, das für die Individuen das Funktionieren im System ermöglicht und gerechtfertigt (vgl.: ebd., S. 235).
4. Philosophie und Lebenskunst: Philosophische Anleitungen in der Moderne?
Die Diskussion um Anleitung der Menschen in der Gouvernementalität der Gegenwart, in der Ratlosigkeit der Moderne, sowie die kritische Betrachtung von Lebenshilferatgeber wirft die Frage nach dem „Woher“ auf: Woher erlangen Menschen Anleitung, wenn sie diese benötigen? Stellt sich die moderne Beratung in den Dienst der Anpassung der Menschen an die Anforderungen der neoliberalen Ordnung und deklariert dies als Hilfe zur Selbsthilfe, so stellt sich die Frage nach Alternativen. Wo kann nach Orientierung gebeten werden? Es liegt nahe, die Philosophie anzufragen - ist sie doch Ausgangspunkt altbewährter Verhaltenskodizes, die den Weg zum besseren Leben bereiten sollen. In dieser Tradition wird von der Philosophie als
„>Orientierungswissenschaft<“ verlangt, „klare Orientierungen“ zu geben (Mohr, S. 230). Die dringende Hilfe aber „verweigere die Philosophie“ der Gegenwart, so der aktuell zu vernehmende Vorwurf (ebd, S. 235.). Diesen Forderungen nach „handfesten Antworten“ (ebd.), also nach klaren Handlungsanweisungen, muss allerdings kritisch begegnet werden: Einerseits kann zwar prognostiziert werden, dass Philosophie nach der postmodernen Wende eine veränderte
Rolle einnimmt gegenüber der, die sie in der Antike hatte. Auch, so Sandkühler, „ist [...] nicht zu leugnen, dass die Philosophie von vielen Menschen als unzugänglich, abstrakt, lebensfern empfunden wird“ (ebd., S. 234). Die Veränderung von der philosophischen Anleitung durch universelle, moralische Festlegungen hin zur erkenntniskritischen Analyse verschiebt den Fokus des zu bearbeitenden Feldes der Philosophie vom direkten Leben auf den „Text“, die Interpretation. Für die jeweilige gelebte Erfahrung der Menschen wird Philosophie hierdurch lebensfern - Philosophie wird zu einer Beschäftigung außerhalb dessen, was das Leben an alltäglichen Erfahrungen hervorbringt, so kann Mohrs Aussage interpretiert werden. Andererseits aber muss den Forderungen nach Orientierung entgegen gehalten werden, dass eine simple Rückkehr zur vormodernen Moralphilosophie nicht möglich ist: Weder würde eine solche Herangehensweise dem individualisierten Menschen der Moderne gerecht und hilfreich, noch können Philosophen wie Nietzsche und Foucault übergangen werden. Diese eliminieren das Ziel
jeder Selbstgestaltung außerhalb des Subjekts 1 . Diese Problematik der zeitgenössischen Philosophie macht sich in der Debatte um Lebenskunst bemerkbar: Lebenskunst aus dem philosophischen Feld - oder aber „Philosophie der Lebenskunst“ - versucht diesen Spagat zwischen postmodernem Subjekt und konkreter, individueller Lebenserfahrung. Wichtig für die vorliegende Arbeit ist neben der Diskussion um die Lebenskunst - und damit um mögliche philosophische Handlungsanleitungen in der Moderne - vor allem die Frage, inwiefern sich Elemente philosophischer Lebenskunst und Lebenskunst, wie sie in der modernen Lebenshilfeliteratur produziert wird, unterscheiden bzw. inwiefern beide Formen möglicherweise auf ähnlichen Annahmen beruhen. Das folgende Kapitel möchte also die philosophische Einbettung von Glücksratgeberliteratur ergründen. Wie bildet sich das aktuelle Wissen um gutes Leben und um Glück in der Philosophie ab? Die vorliegende Arbeit bietet im Rahmen ihrer Möglichkeiten lediglich einen selektiven, stark punktuellen Einstieg in diese, für die zeitgenössische Philosophie und die Funktionsweisen der Beratung wichtige, Frage. Der Anspruch ist demnach weder eine vollständige Aufschlüsselung des Themenkomplex der modernen Lebenskunst, noch eine erschöpfende Darstellung der Diskussion philosophischer
1 Zu Nietzsche und Foucault siehe Kersting; Auch wenn laut Kersting Nietzsche falsch interpretiert würde, würde aus seiner Philosophie ein sich in unbedingter Freiheit selbst erschaffendes Selbst folgen (vgl.: S. 21), so spricht Nietzsche dennoch davon, dass Freiheit nur mit der eigenen Befreiung von der äußeren Besatzungsmacht beginnt (vgl.: S. 20). Von Kersting als sehr erstaunlich bewertet (vgl.: S. 22) ist das Foucaultsche Verständnis eines freien Selbst das von einem ästhetischen Lebenskünstler, der in freier Entscheidung (vgl.: S. 28) aus seinem Leben etwas völlig Neues erschafft (vgl.: S. 29).
Aufgaben in der Gegenwart. Vielmehr soll dem neoliberalen Denksystem, in dem Glücksratgeber das unternehmerische Subjekt der Beratung produzieren, ein Zugang zu „glücklichem Leben“ und „Rat geben“ gegenübergestellt werden, der der Philosophie entstammt, also auf methodischem Zweifel beruht und demnach stark in den Möglichkeiten praktischer, universell geltender Anleitungen eingeschränkt ist.
Um das schwierige, pluralistische Gebiet der Lebenskunst exemplarisch darzustellen - Kersting spricht von einem vielgestaltigen, unterschiedlichen Feld (vgl.: Kersting, S. 13), bezieht sich die Arbeit hauptsächlich auf Wilhelm Schmid, der neben Hans Krämer die Lebenskunst Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland als Philosophie etabliert hat (vgl.: Fellmann, S. 14). Zunächst wird, um die Debatte um die Seinsberechtigung der Lebenskunst in der Philosophie darzustellen, Schmids Ansatz erläutert, ebenso die Ansätze zweier seiner Kritiker: Ferdinand Fellmann und Wolfgang Kersting. Anschließend in Kapitel 4.2 stellt die Arbeit die Lebenskunst in Glücksratgebern und die philosophische Lebenskunst von Wilhelm Schmid gegenüber und fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden.
4.1 Die Debatte um Lebenskunst
Bisher stellt die Philosophie der Lebenskunst „keine wissenschaftstheoretisch etablierte Disziplin dar“ (Fellmann, S. 19). Es bleibt für Fellmann zunächst sogar gänzlich fraglich, ob eine solche Philosophie einen systematischen Ort im Rahmen der Philosophie finden wird (vgl.: ebd., S. 20). Im Folgenden möchte die Arbeit darstellen, was in der Moderne unter Lebenskunst verstanden werden kann und wie eine philosophische Anleitung in der Individualisierung aussehen könnte. Die Rechtfertigung einer Philosophie der Lebenskunst liegt für Wilhelm Schmid in seiner Zusammenlegung von Philosophie und Lebenskunst (siehe unten) und zugleich in der Notwendigkeit eines Raumes in der Moderne, in der der verunsicherte Mensch in der rasenden Zeit, innehalten kann und zudem Anleitung für sein Leben erfahren kann (vgl.: ebd., S. 24f.). So stellt Schmid die Philosophie der zeitgenössischen Philosophie entgegen, spricht von der Notwendigkeit einer Lebenskunst nach der Postmoderne und einer anderen Moderne, die geschaffen werden muss, um den Problemen der Postmoderne auszuweichen (vgl.: ebd., S. 89f.). Damit versucht er einen Spagat zwischen einem Zugang zur Anleitung des Lebens als Philosophie und der zeitgenössischen Philosophie, mit der er ebenfalls arbeiten möchte und hinter die er mit Rekurs auf Foucault nicht zurückfallen möchte. Er stützt sich in seiner Theorie auf Foucaults Vorstellungen von Selbstsorge und Existenzästhetik (vgl.: ebd., S. 9), die ihm diesen Spagat zu ermöglichen scheinen. Wolfgang Kersting wiederum gesteht einer Lebenskunst keinen Platz in der Philosophie zu (siehe unten). Diese Debatte um Lebenskunst, ihre Berechtigung und ihre Inhalte sollen im Folgenden anhand der vorgestellten drei Autoren ausgeführt werden. Denn warum stellt sich diese Frage nach der Lebenskunst überhaupt? Warum kann sich eine Philosophie der Lebenskunst nicht problemlos in den pluralistischen Bereich der Philosophie
einfügen? Die Bereiche der Philosophie bzw. die Philosophien, entwerfen - ebenso wie andere Denksysteme - Menschenbilder, die zugleich die Grenzen des Sagbaren innerhalb der Philosophie abstecken. Wie also geht die Philosophie mit dem Menschenbild um, das die Philosophie der Postmoderne selbst geschaffen hat - wie geht sie mit dem „wahren“ Diskurses der zeitgenössischen Philosophie um? Kann das autonome, sich seiner selbst bemächtigte Individuum in der Zeit des verschwundenen Subjekts bestehen? Können über das eigene Leben hinausgehende Normen und Werte festgelegt werden, in einer Zeit, in der alles Wissen aus der jeweiligen Perspektive her betrachtet werden muss? Kann der Mensch der Moderne von der Philosophie Anleitung erfahren oder entfällt dies gänzlich auf andere Disziplinen, weil es das Subjektbild der Philosophie nicht zulässt? An diesen Fragen zeigt sich, wie viel die Verortung der Philosophie der Lebenskunst aussagt über die Philosophie in ihrer zeitgenössischen Form. Fellmann formuliert das folgendermaßen: „Wie sehen die Zukunftsperspektiven für eine Philosophie der Lebenskunst aus? Das ist keine rein akademische Frage, sondern geradezu eine >>Schicksalsfrage<<, da sie das Selbstverständnis unserer Zeit berührt“ (vgl.: Fellmann, S. 183). Der Umgang mit Lebenskunst wird Fellmann gemäß einen Blick in die Zukunft der Philosophie werfen. Mehr noch: er wird zur Schicksalsfrage: Welchen Platz wird Philosophie künftig einnehmen? Wird sie überhaupt relevant sein für die Menschen? Dies hängt von dem zeitgenössischen Selbstverständnis ab - welches ebenfalls die Philosophie mit gestalten kann. Welches Menschenbild hält die Philosophie für richtig? Wie soll sich das Individuum selbst verstehen und entwerfen? Sollte sich die Philosophie tatsächlich jeglicher Orientierungsfragen verweigern, so konstruiert sie damit zugleich ein Subjekt, das auf sich selbst zurück gewiesen ist und keine übergeordneten Handlungsanweisungen erwarten kann. So entfaltet sich in der Frage nach dem Ort der Lebenskunst die gesamte Paradoxie der Moderne: Beratung zur Selbstermächtigung, zur Selbstgestaltung des Lebens steht neben der Entmachtung des Individuum, Individualisierung neben Totalisierung, Wahlmöglichkeiten neben strukturellen Zwängen, persönliche Entfaltung neben vorgegebenem Menschenbild. Das Individuum ist zugleich Akteur und den Mächteverhältnissen ausgeliefert. Wie wird sich die Philosophie in diesem Zwiespalt entwickeln?
Schmid führt in seinem Werk „Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung“ zu Beginn das Bild „Exkursion in die Philosophie“ von Edward Hopper an, um den Beginn eines philosophischen Denkens und der Frage nach dem „Was soll ich tun?“ greifbar zu machen (Schmid S. 15-26). Philosophie ist hier bereits Lebenskunst: Der Moment des Auseinanderfallens von unmittelbarer Erfahrung und Leben, der Moment, in dem der Mensch seinem Leben wie einem Objekt gegenüber steht, ist der Exkurs in die Philosophie. Die Ratlosigkeit des Menschen, der in diesem Moment seine gesamte Existenz in Frage stellt, ist der Eintritt in die Philosophie,
die den Raum bereit stellt, „in dem die Frage nach dem Leben gestellt werden kann, um die Antwort zu suchen, die das Lebenkönnen wieder ermöglicht“ (Schmid S. 21). Die Frage des Individuums nach der eigenen Lebensgestaltung wird in der Philosophie nach Schmid ernst genommen. Er betont hier auch den existenziellen Charakter dieser Frage - spricht von der Ermöglichung des Lebens - und spricht so der Philosophie eine grundlegende Rolle im Leben des Menschen zu. Beziehen sich also die beiden Worte „Leben“ und „Kunst“ aufeinander und ist hiermit ein bewusster Prozess der Lebensgestaltung verbunden (vgl.: Schmid S.72), der von der unmittelbaren Erfahrung „Leben“ abweicht, so bedeutet „Lebenskunst üben“ nichts anderes als
„Philosophie machen“ 2 . Schmid definiert Philosophie demnach auch als den „Moment des Innehaltens und Nachdenkens“, als den „Raum der Freiheit und der Muße, Fragen zu stellen, die andernorts, wo die Räume genauer definiert und die Zeiten knapper bemessen sind, ausser Acht gelassen werden“ (ebd. S. 27). Die existenziellen Fragen der Moderne werden von Schmid in den Bezug zu Zeit und Raum gesetzt und er spricht damit die Schwierigkeit einer Philosophie der Lebenskunst in der (Post-)Moderne an: Er spricht davon, dass diese Fragen, trotz ihrer existenziellen Bedeutung, nur in offenen Räumen und mit einem weiteren Maßstab der Zeitbemessung gestellt und beantwortet werden können. Davon scheint es nicht viele zu gebendie Philosophie scheint der einzig legitime Ort. Über diese Rechtfertigung der Zuordnung der Lebenskunst zur Philosophie totalisiert er desweiteren die Notwendigkeit zur Beratung der Menschen, indem er die Geschichte der Philosophie durcharbeitet und die Ansätze philosophischer Antworten auf die Frage nach gelungenem Leben von der Antike bis zur Moderne beschreibt (vgl.: ebd., S. 27 - 49) - und somit Philosophie als Orientierungsraum festlegt. Die Bedeutung, die Philosophie den Lebensfragen eingeräumt hat, das neu erwachte philosophische Interesse an „der gelebten Existenz“ belegt, dass die Behandlung dieser Fragen zur Philosophie gehört (vgl.: ebd., S. 49). Daraus folgt: „[...]wer da der Lebenskunst die Philosophie-und Theoriefähigkeit abspricht, hat jedenfalls einen beträchtlichen Teil der Geschichte der Philosophie gegen sich.“ (ebd.) Schmid argumentiert nicht mit Positivitäten moderner Philosophie („Zeitgenössische Philosophie ist...“), sondern mit dem, was Philosophie war. Inwiefern Schmid dabei aber den Bruch der postmodernen Wende zu wenig beachtet, ist zu diskutieren. Denn auch wenn er sich vorgeblich auf Foucault stützt, so greift er doch vorwiegend auf antike Bestandteile von Lebenskunst zu (siehe unten). Inwiefern also ist Schmids Vorgehen unzulässige Gleichmacherei philosophischer Fragen zu unterschiedlichen historischen Situationen? Indem er den roten Faden der Philosophie zu beschreiben vorgibt, begradigt er auch die Unterschiede im Verständnis von Theoriebildung: Weil Philosophie als theoriebildende Disziplin gilt, werden die
2 Zu diesem Schluss kommt auch Ferdinand Fellmann: „Der philosophische Anspruch von Schmid kommt darin zum Ausdruck, dass er philosophische Lebenskunst nicht als Beratung und Therapie aufgefasst wissen will, sondern als begriffliche Klärung von existenziellen Fragen, die das Selbstverständnis des Menschen bestimmen. Philosophie der Lebenskunst ist für Schmid identisch mit dem Bewusstsein, >>eine Philosophie zu haben<<. (S. 140)
antiken Texte als Theorie deklariert und neben zeitgenössische Texte gestellt, ohne das möglicherweise veränderte Verständnis von Theorie und Theoriebildung in der (Post-)Moderne mit einzubeziehen. Auch wird die Situation der Verunsicherung vereinheitlicht: Lebenskunst wird als ein Verlangen der Menschen in unsicheren Zeiten beschrieben, die in der Geschichte immer wieder zu sehen sind - dort, „wo Traditionen, Konventionen und Normen, und seien es die der Moderne, nicht mehr überzeugend sind und die Individuen sich um sich selbst zu sorgen beginnen.“ (ebd., S. 9). Lebenskunst wird hier als Begriff für alle jemals von der Philosophie gegebenen Anleitungen und Diskussionen um Moral, Ethik etc. verstanden. Die allerdings vom Individuum eingefordert wurden. Das Individuum steht somit immer schon im Mittelpunkt der Schmid`schen Lebenskunst. Die Möglichkeit, der Begriff „Lebenskunst“ und dessen Verwendung könne bereit Instrument sein, eine möglicherweise bereits mit Implikationen versehene Methode, die spezielle Antworten gibt bzw. auch ein spezielles Menschenbild trägt und produziert, spielt hier keine Rolle. Schmids Lebenskunst ist ein neutraler Begriff für den Ruf nach Hilfestellung, der im Menschen als nachdenkendes, innehaltendes Wesen angelegt ist - in gesellschaftlich unsicheren Zeiten. Damit aber werden Zusammenhänge und Bedeutungen unsichtbar - auf die insbesondere Kersting hinweist, wie unten noch dargestellt wird. Schmid extrahiert aus Klassikern der Antike Aspekte, Begriffe und Methoden: „antike Elemente“ (ebd., S. 50), die Schmids Ansicht nach für eine Philosophie der Lebenskunst wichtig sind (vgl.: ebd., S. 49 - 60). Auch wenn diese Elemente weitgehend bereits inhaltliche Anleitungen und Zielsetzungen für die Lebenspraxis geben - wie zum Beispiel das epikureische Element, das die Ausrichtung am lustvollen Leben in die Lebenskunst einbringt -, so versteht Schmid sein Vorhaben nicht als „Philosophie als Lebenspraxis“, sondern als „theoretische Reflexion des Lebens“, also
„Philosophie der Lebenskunst“ (ebd., S. 10). Damit meint Schmid die theoretische Behandlung
von Bereichen menschlichen Lebens, die das Subjekt als reflektierendes Subjekt konstruiert. Handlungsanweisungen sollen mit Rückgriff auf die antiken Elemente diskutiert werden. Schmid möchte so zu einem „erfüllten Leben“ beitragen (vgl.: ebd., S. 94). Allerdings möchte er keine Inhalte vorgegeben, das Subjekt bestimmt die Ausrichtung des eigenen Lebens selbst (vgl.: S. 93). Wie genau also ein erfülltes Leben aussieht, bleibt individuell. Die andere Moderne gestaltendas scheint die „Philosophie der Lebenskunst“ auszumachen: Die andere Moderne zeichnet sich
vor allem durch kontinuierliche Reflexion aus - was die Machtverhältnisse angeht, die Jede_n einschränken, was die Wahlmöglichkeiten, das Verhältnis zur Umwelt etc. angeht. Was genau Schmid aber unter dieser Philosophie versteht, bleibt vage: Er tastet sich über die kontinuierliche Aufzählung von Elementen, von Bestandteilen und Themenfeldern an eine philosophische Lebenskunst heran. Seine Lebenskunst ist zu verorten als „Individualethik“ (ebd., S. 66), die individuelles Wählen, Handeln und eigenverantwortliches Leben begründet (vgl.: ebd., S. 66f.); des weiteren als „Klugheitsethik“ (ebd., S. 67), da der einzelne Mensch dazu angeleitet werden
soll, in Achtsamkeit Gemeinschaft, eigene und fremde Interessen zu gestalten; außerdem versteht Schmid Lebenskunst als eine „Ethik des guten Lebens“ (ebd.), die individuelles Glück und dessen Bedingungen thematisiert - da es „das Gute“ ist, das Leben in der Moderne „lebenswert macht“ (ebd.). Diese Verortung trifft bereits bestimmte Grundannahmen, die dem Individuum wiederum als Zielsetzung vorgegeben werden, bleibt bei der Durchführung der Ziele aber auch sehr unkonkret.
Deutlich wird, dass Schmid von dem Verständnis des Lebens als Kunstwerk ausgeht: als Leben, das kreativ und erfinderisch Möglichkeiten erschließen kann und diese realisieren sowie kunstvoll, also gekonnt und zielgerichtet, umsetzen kann (vgl.: ebd., S. 72). Bei diesem Kunstwerk handelt es sich um ein individuelles Werk, das als Zielsetzung ein erfülltes Leben hat und in Klugheit, also in reflektiertem, achtsamen Verhalten, gestaltet wird. Klug und reflektiert handelt der Mensch dann, wenn er_sie sich in allen Bereichen der eigenen Möglichkeiten und Schranken bewusst ist: Schmids andere Moderne ist eine, in der der_die Einzelne mit Widersprüchen leben lernt (vgl.: ebd., S. 107). Diese Widersprüche zeichnen sich vor allem durch eine kontinuierliche Diskussion um Gestaltungsmacht und Zwänge aus: Umgehen lernen soll das Individuum in der anderen Moderne mit dem Widerspruch des „Politischen“ - dass Leben gestaltet werden muss, auch ohne vorhergehendes völliges „Freisein[s] von strukturellen Zusammenhängen“ (ebd., S. 147)- ; mit dem Widerspruch der Wahl - denn der (post-)moderne Mensch lebt in dem Zwang zur Wahl (vgl.: ebd., S. 188f.), erwählt sich mit allem Tun und Nicht-Tun aktiv oder passiv seine Umgebung und soll dies in der reflektierten Lebenskunst auf eine bewusste Art und Weise tun (vgl.: ebd., S. 216f.). Das Subjekt ist hier bereits immer ein „Subjekt der Sorge um sich“ (ebd., S. 244), d.h. ein Subjekt, das sich um sich selbst, seine Beziehungen zu Anderen, seine Identität und um eine gerecht Gesellschaft bemüht (vgl.: ebd., S. 239 - 285). In einer geradezu zweiten Aufklärung bespricht Schmid den gebildeten, sich seiner Möglichkeiten bewussten Menschen - von den Bedingungen einer gelungenen Interpretation von Welt, der Erziehung zur Klugheit und zum „Leben lernen“ (vgl.: ebd., S. 286 - 324) bis hin zu dem richtigen Umgang mit Lüsten, Körper, Melancholie (vgl.: ebd., S. 325 - 398). Schmid ist sich darüber bewusst, dass das Individuum auch in der Moderne nicht frei ist (vgl.: ebd., S. 89f.), zugleich aber zielen alle seine Ausführungen darauf hin, das Selbst zu dessen Ermächtigung zu führen. Je mehr Schmids Ausführungen in die Breite gehen, um so weniger greifbar wird sein Ziel der philosophischen Lebenskunst. Es scheint ihm darum zu gehen, in analytischer Manier und mit Diskussion klassischer Ansätze in den jeweiligen Themenbereichen, Umstände zu beschreiben. Diese Beschreibungen dienen dazu, das Individuum über sich selbst und dessen Bezug zu Leben und Welt in der Moderne aufzuklären. Das Ergebnis ergibt sich so für Schmid von selbst: Das Wissen und der Bezug auf sich selbst, macht den Menschen reflektierend und fähig, in der Welt das Richtige für sich und Andere zu tun und zu einem erfüllten Leben zu finden.
Schmids Ansatz zur Lebenskunst, dabei auch seine Gleichsetzung von Lebenskunst und Philosophie, wird nicht widerspruchsfrei hingenommen. Doch anhand dieser Gleichsetzung und der antiken Tradition begründet Schmid Lebenskunst als Philosophie - ein Fundament, das Fellmann gemäß nicht ausreichend ist, vielmehr sogar jegliche Distanz zur Gestaltung des Lebens unmöglich macht (vgl.: Fellmann, S. 142), er spricht gar von einer „unreflektierte[n; Anmerk. d. Verf.] Einheit von Form und Inhalt des Lebens“ (ebd.). Damit spricht er Schmid nicht nur die Wissenschaftlichkeit, also den Theoriestatus ab, er macht auch deutlich, was Philosophie der Lebenskunst seiner Ansicht nach nicht sein kann: Das gelungene Leben als unhinterfragtes und unbegründetes Ziel menschlichen Lebens setzen und Rahmenbedingungen des westlichen Lebens (Form) als Lebensinhalte des Subjekts setzt (Inhalt). Fellmann könnte damit aber auch Schmids Ziel der kontinuierlichen Reflexion ansprechen, die als Form und Inhalt gedacht wird. So erfülle Schmid den Standard einer Theorie nicht, vermische Begriffe und vermittle ein naives Lebensgefühl (vgl.: ebd.). Fellmann verortet Philosophie der Lebenskunst in der Moralphilosophie - genauer der Lebensphilosophie - und entwirft Zeit als wichtigen Beschäftigungsgegenstand für die Philosophie der Lebenskunst. Dies soll nachfolgend kurz skizziert werden: Für Fellmann ist Lebenskunst in der Philosophie deshalb richtig und wichtig, weil trotz der „Versprechungen und Befreiungen der Lebenskunst“ Orientierungslosigkeit und Zukunftsängste den modernen Menschen auszeichnen (vgl.: ebd., S. 185). Anders als Kersting (siehe unten) stellt er Lebenskunst als Aufgabe der Philosophie lediglich anfänglich in Frage, geht in der eigenen Darstellung aber nicht mehr auf diese Frage ein, sondern sieht die Philosophie hier unzweifelhaft in der Pflicht, auf die Menschen einzugehen und eben diese Orientierungsschwierigkeiten anzugehen - mit philosophischen Beiträgen, die aber „nicht vom Nullpunkt eines transzendentalen Subjekts ausgehen kann“ (ebd., S. 143) sondern die einen „Begriff >>individueller Allgemeinheit<< bilden“ müssen (ebd., S. 186) und zugleich aber das Leben als individuellen, nicht planbaren Prozess zu behandeln wissen (vgl.: S. 187). Diese Aspekte der Fellmanns Lebenskunstphilosophie machen erneut die Schwierigkeiten bewusst, die eine Philosophie der Moderne mit der Lebenskunst hat: Der Ausgangspunkt „Orientierungslosigkeit“ verweist auf das individuelle Leben, dem aber überindividuelle Rahmenbedingungen, Anweisungen und Vorstellungen fehlen. Zugleich ist der Mensch bzw. das Subjekt bereits vorhanden und nicht in dessen Gesamtheit konstruierbar oder veränderbar. Überindividuelle Aussagen kann und soll gemäß Fellmann auch die (post-)moderne Philosophie herstellen können, muss dabei aber auf einem Fundament der Erkenntnis des Subjekts aufbauen und Begriffe wie „Leben“ und „Zeit“ diskutieren. Die Frage nach dem „gelingenden Leben“ wird dabei abgeschwächt zum „ Leben als Prozess, der seinen Maßstab in sich selbst hat.“ (ebd., S. 186). Fellmann löst sich hier von dem Glücksbegriff und konkreten Vorstellungen eines gelungenen, guten Lebens. Vielmehr verlagert er über den Begriff des Lebens als Prozess - als
Selbstbewegung des Bewusstseins (vgl.: ebd., S. 188) -, den er aus der Lebensphilosophie übernimmt, das Leben und die Lebenskunst zurück ins Subjekt: Die Anleitung des Prozesses „Leben“ soll die Philosophie insoweit übernehmen, indem sie den Gegenstand jeglicher moderner Selbstorganisation, die Zeit, in das Blickfeld rückt. Nur so könne es eine „praktische Antwort auf die theoretisch unbeantwortbare Frage nach dem Sinn des Lebens geben.“ (ebd., S. 191) Fellmann sieht demnach Philosophie in der Pflicht, sich mit zeitgenössisch prägenden Lebensumständen, Begrifflichkeiten auseinanderzusetzen, um den Individuen eine Basis zu geben, in Auseinandersetzung damit den eigenen praktischen, theoretisch aber nicht greifbaren Sinn zu finden. Damit wird philosophische Lebenskunst zu einer Beschäftigung mit der Zeit in der Moderne. Das Verbringen des Lebens und die Sinnfindung liegt weiterhin in dem Individuum selbst, die Gestaltung des Lebens bleibt weiterhin dem Menschen überlassen. Überindividuelle Werte soll die Lebenskunst nicht schaffen, sie soll durch die Beschäftigung mit problematischen Themen der Moderne den Menschen wieder zu mehr „gelebter Zeit“ verhelfen (vgl.: ebd., S. 206, f.). Der Beschwörung der Möglichkeiten des Individuums der Moderne und dem Mantra des „Verwirkliche Dich selbst“ wird so die Priorität genommen. Wichtig ist jetzt, Lebenszeit als etwas zurück zu erobern, das in dem Prozess, dem Werden und Vergehen des Lebens, hingenommen werden kann. Zeit als etwas, das nicht mit Handeln verbracht werden muss, das nicht knappes Gut darstellt, das -„verwendet“ werden muss, um das eigene Leben zum Kunstwerk zu machen. Sondern Zeit als Leben, auf das sich eingelassen werden kann und das auch vergehen darf. „Bereit sein für alles“ (ebd., S. 207) ist hier nicht gleichzusetzen mit „Sei flexibel; alles ist möglich; nutze diese Möglichkeiten“. Sondern bereit sein für das Leben, das nicht immer frei, problemlos und glücklich sein muss (vgl.: ebd., S. 188). Dies greift die Ängste des Individuums der Moderne auf, die Angst vor der Planung und somit dem Funktionieren der Zukunft sind (vgl.: ebd., S. 206) und eliminiert das Fundament dieser Ängste. Inwiefern dies allerdings romantische Vorstellungen sind oder umsetzbare Anleitungen, bleibt der Lebenspraxis herauszufinden.
Kersting 3 positioniert sich deutlich gegen Schmid und Fellmann: Es gibt keine Theorie und somit keine Philosophie der Lebenskunst (vgl.: Kersting, S. 12). Er widerspricht damit Schmids Auffassung, Philosophie und Lebenskunst würden zusammen fallen - vielmehr dekonstruiert er das Konzept der Lebenskunst als widersprüchlich und oberflächlich (vgl.: S. 87f.). Dies wird nun genauer betrachtet: Zwar gehören die Klassiker der Lebenskunst zur „Ahnengalerie der Philosophie“: „Die Moralphilosophie hat als Lebensführungsethik, als Lebenskunst und als praktische Weisheitslehre begonnen“ (ebd., S. 43), in der Neuzeit aber hat sich Philosophie gewandelt, entwickelt keine Konzeptionen des guten Lebens für Individuen mehr. Vielmehr dient
3 Das Buch „Kritik der Lebenskunst“, das Kersting und Langbehn herausgaben, ist 2007, also zwei Jahre vor der Veröffentlichung von Fellmanns Einführung entstanden. Fellmann wird deswegen nicht von Kersting aufgenommen, dessen Ansätze keiner Kritik unterzogen.
die Moralphilosophie nach dem Traditionsbruch hin zu Wissenschaftlichkeits- und Allgemeingültigkeitsanspruch (vgl.: ebd., S. 43f.), also weg vom Individuum, nicht mehr als Ort für Lebenskunst. Weil individuelles Leben kein Regelwissen ermöglicht, kann Lebenskunst nicht Gegenstand philosophischer Modell- und Regelbildung sein. Lebenskunst braucht Philosophie nicht (vgl.: S. 44). Vielmehr werden Bedürfnisse nach lebenspraktischer Beratung, wird die Tradition der Lebenskunst nun in dem sich etablierenden Literaturmarkt vielfältig bedient (vgl.: ebd.). Das bedeutet, dass die zeitgenössische Philosophie nicht mehr das beinhaltet, was die Lebenskunst voraussetzt: Entgegen universeller Moral den Besonderheitsmenschen, das Individuum, in dessen einzigartigem Leben, in dem es keine Prinzipien gibt, zu beraten (vgl.: ebd. S. 10); den Alltag hinsichtlich des gelingenden Lebens zu betrachten und zu gestalten - entgegen der Moral, die universale Prinzipen des Handelns erarbeitet (vgl.: ebd., S. 11). Das bedeutet auch, dass die Lebenskunst in das herrschende Wissen der zeitgenössischen Philosophie nicht mehr hineinpasst. Es scheint, als sei die Zeit der philosophischen Anleitung der Menschen vorbei. Dies schreibt Kersting ebenfalls: Das Fundament der Praktischen Philosophie hat sich gemäß Kersting in der Moderne verändert, so dass Lebenskunst ihren „philosophischen Sockel“ verloren hat (vgl.: ebd.). Das Vorhaben einer Lebenskunst ist in sich widersprüchlich, da Leben und Selbst nicht als Gestaltungsfeld von Kunst und Technik verstanden werden kann (vgl.: ebd., S. 31) - so ist z.B. Lebensfreude nicht planbar, entzieht sich jedem Versuch, sie zu gestalten (vgl.: ebd., S. 87). Lebenskunst ist demnach - so, wie sie aktuell in der Philosophie praktiziert wird, aber auch in dem Vorhaben an sich - widersprüchlich, geradezu oberflächlich: Es fehlt ihr der nötige Ernst (vgl.: S. 88). Das Ergebnis Kerstings ist, dass die übrig gebliebenen „losen Schwebeteile des lebenspraktischen Wissens, die Ratschläge und Lebensweisheiten“ heute vornehmlich im Bereich der Schriften der Lebensbewältigungspsychologie neu formuliert werden können (vgl.: ebd.). Damit gibt Kersting allerdings auch den Anspruch gänzlich auf, individuelle philosophische Anleitung zu geben. Dieses Feld wird somit der „nahezu industriell“ produzierten Lebenshilfepsychologie überlassen (vgl.: ebd.). Im Bezug auf die Frage, wie die Philosophie auf die aktuelle Lebenshilferatgeber einwirkt, lässt sich aus dieser Perspektive sagen, dass Veränderungen innerhalb der Philosophie die Auslagerung der Lebenskunst bedingt haben. Diese Form der Anleitung des Menschen sollte nun nach Kersting sich selbst ohne den inhaltlichen Zugriff in der Philosophie überlassen bleiben. Doch gibt die Philosophie damit nicht ein ureigenes Gebiet auf und damit auch das ursprüngliche Ziel der Philosophie, lebensnah Menschen anzuleiten, zu unterstützen? Es stellt sich die Frage, was dieser Rückzug langfristig für das Leben der Menschen bedeuten wird. Es lässt sich aber mit Kerstings Perspektive folgern, dass die Vervielfältigungen in der Moderne zugleich der Auslöser in der Philosophie dafür waren, die Lebenskunst nicht mehr in der Moralphilosophie unterzubringen. Das heißt: Die zeitgenössische Philosophie ist nur aus dieser Vervielfältigung - der Auflösung absoluten Wissens - heraus
erklärbar. Demnach bedeutet auch der Rückzug der Philosophie, die Zugriffe auf Lebenskunst wiederum zu vervielfältigen - weil klare Anleitungen nicht mehr gegeben werden können. Damit leistet die Philosophie der Individualisierung Vorschub, gestaltet sie mit. Und zugleich entfernt sie sich von der Lebenswelt. Es zeigt sich, welche Bereiche der (post-)modernen Philosophie nicht zugänglich sind: „Es scheint, daß die Philosophie dort, wo es wichtig ist, wo es jedem Individuum um sich selbst und sein Leben geht, die Begriffe ausgehen, die Worte fehlen“ (ebd., S. 12). Sollte diese Einschätzung Kerstings richtig sein, kann und sollte die Philosophie wieder Worte finden, um die Individuen selbst und deren Leben zu begreifen? Und ist es tatsächlich so, dass Philosophie, da sich der Lebensalltag allen Regelungen entzieht (vgl.: ebd.), keine individuellen Anleitungen geben kann?
Ist die Trennung der Philosophie zum Alltag der Menschen in der Moderne wirklich derart groß? Nida-Rümelin schreibt zum Gegenüber und Miteinander von wissenschaftlicher philosophischer Theorie und Lebenswelt: „Realismus und Objektivismus kommen in die wissenschaftlichen Modelle in dem Maß, in dem sie eine Anbindung haben an die Lebenswelt, und nur in diesem Maße.“ (Nida-Rümelin, S. 72) Vorausgesetzt, Realismus und Objektivismus sind perspektivistisch zu verstehen und gelten nicht als Abbildung absoluter Realität bzw. Wahrheit, bedeutet dies, dass wissenschaftliche Theorie und „Realität“ nicht von einander zu trennen sind. Das, was beobachtet und das, was beobachtet wird, konstruieren sich gegenseitig und sind nicht voneinander loszulösen. Wissenschaftliches kann - um in Nida-Rümelins Worten zu bleibenniemals ohne Bezug zur Lebenswelt entstehen. Wissenschaftliche und damit auch philosophische Modelle, also Strukturen, Ansätze, Erklärungen oder Handlungsanweisungen, können nicht aus sich selbst heraus konstruiert werden, sondern bedürfen des beobachtbaren Gegenstandes. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass jenes in die philosophische Theoriebildung einfließt, welches aus der Lebenswelt heraus akquiriert wird. Steht in der Moderne das individuell geführte Leben im Mittelpunkt und nimmt für die Subjektkonstruktion eine grundlegende Rolle ein, wie kann dann diese Lebensführung nicht Gegenstand philosophischer Theoriebildung sein? Wie Duttweilers Arbeit zeigt, kann Lebensführung und individuelle Anleitung auch Gegenstand theoretischer Analyse sein, ohne selbst Anleitungen zu geben. Der dekonstruktivistische Ansatz schafft ein kontinuierliches Aufdecken von Macht und Naturalisierungen und dadurch ein Aufbrechen von Strukturen hin zu deren Erschütterung. Wird sich die Philosophie auf diese Position zurückziehen? Dies knüpft an Schmid an, der Beschreibungen und dekonstruktivistische Analyse vornimmt, um die Lebenswelt zu beschreiben und daraus Handlungsanleitungen erschließen möchte. Fellmann trifft zu dieser Art der Analyse zwei Aussagen. Zunächst unterscheidet er Wissenssoziologie und Kulturwissenschaften von Philosophie, indem er erstere beiden als theorielastig begreift - „deren Interesse sich weniger auf die Inhalte aus auf deren soziale Voraussetzungen und Wirkungen richtet“ - und letztere versteht als „Position“, die nicht
nur theoretisch bleiben kann, sondern auch „moralische Situationen“ und „fundamentale Werthaltungen“ beschreiben und formulieren muss (vgl.: Fellmann, S. 18). Doch ist diese Unterscheidung so problemlos zu treffen? Sollte Fellmann hier Recht haben, so steht moralischen Begründungen durch die Philosophie nichts im Wege. Allerdings würden kulturwissenschaftliche und wissenssoziologische Analysen auch immer anschlusslos bestehen bleiben, wenn sie nicht von einer Wissenschaft aufgenommen werden. Anders Schmid: Fellmann bezeichnet dessen Herangehensweise als beschreibend und bringt ihn mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen in Verbindung: Der Trend in der Lebenskunstliteratur gehe hin zu einer kulturwissenschaftlichen Bearbeitung, innerhalb derer die Aufforderung und der Wunsch „authentisch leben!“ durch „dichte Beschreibung“ gelebt werden können soll, ohne dass Vorschriften und Verbote das Leben begrenzen müssen. Damit meint Fellmann, dass das Beschreiben, die Analyse von dem, wie sich etwas darstellt, wie sich soziale Phänomene darstellen, dient als eine Art Aufklärung über das, wie es ist. Diese kulturwissenschaftliche Aufklärung scheint Normen obsolet zu machen: „In soziologischen oder psychologischen Kategorien werden einzelne Lebensbereiche beschrieben, ohne dass klare Normen zu erkennen wären.“ (ebd., S. 184). Ist die Deutung, die hier von
Fellmanns Aussagen vorgenommen wurde, richtig 4 , so kritisiert er den aktuellen Trend hin zu einer beschreibenden Form und sieht Lebenskunstphilosophie dort verankert, wo Wertungen vorgenommen werden können. Dies kann die Philosophie, die Fellmann von der beschreibenden Form, wie sie zum Beispiel Schmid in kulturwissenschaftlicher Manier anwendet, abgrenzt. So lagert er das Problem der Veränderungen in der Philosophie in die Kulturwissenschaften und die Wissenssoziologie aus. Doch die vorliegende Arbeit widerspricht dem - auch anhand der Aussagen Mohrs und Kerstings, die gerade innerhalb der Philosophie an der Frage hadern, inwieweit moralische Urteile, Wertungen und Normungen überhaupt noch möglich sind. Auch bleibt gerade bei Schmid die kulturwissenschaftliche Analyse nicht folgenlos, ganz im Gegenteil begründet er die Philosophie der Lebenskunst in Deutschland neu (vgl.: ebd., S. 14) und leitet
Handlungsanweisungen für Menschen aus seinen Analysen ab 5 . Neben Analysen, wie sie zum Beispiel Duttweiler angefertigt hat, wird also auch weiterer Bedarf an Aufklärung und Anweisung diagnostiziert: Innerhalb der „verbreitete[n] Skepsis hinsichtlich der Rechtfertigbarkeit ethischer Normen“ (Nida-Rümelin, S. 194) ist das Bedürfnis nach moralischen Urteilen (vgl.: ebd., S. 202f.) und philosophischer Anleitung vorhanden. Gemäß Schmid ist das Bedürfnis nach „einer bewussten Lebensführung“ bedingt durch die „Ungewissheiten der jeweiligen Zeit“ (Schmid, S. 29). Beides zusammenzudenken - die Unmöglichkeit ethischer Normen und die philosophische Anleitung von Individuen - versuchen die Vertreter zeitgenössischer Lebenskunst bzw.
4 Fellmann erläutert die von ihm getroffenen Aussagen leider wenig, auch wenn diese große Reichweite haben und wissenschaftliche Aufgabenfelder beurteilen.
5 Nicht diskutiert bleibt hier, inwiefern es sich im strengen akademischen Sinn bei Schmids Aussagen tatsächlich um kulturwissenschaftliche Ansätze handelt.
Philosophie der Lebenskunst. Dies eben auch deshalb, weil die Lebenskunst für die Menschen große Bedeutung bekommen hat. Ferdinand Fellmann schreibt in: „Der Erfolg der Lebenskunst im Rahmen der Ethik ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass sie zur soziologischen Individualisierungsthese passte, die einen in der Moderne stetig zunehmenden Zwang zur reflexiven Lebensführung beschreibt.“ (Fellmann, S. 20) Fellmann spricht damit die Passform der Lebenskunst zur Moderne an. Sie kann sich aufgrund des Verzichts auf universelle Werte an den flexiblen Menschen anpassen und läuft deshalb „der normativen Ethik klassischen Zuschnitts den Rang“ (ebd.) ab. Hier wird deutlich, wie sehr die aktuelle Entwicklung die Philosophie auf sich selbst zurückwirft: Die Philosophie der Lebenskunst rekontextualisiert die moderne Praktische Philosophie (vgl.: Kersting, Langbehn, S. 8). Der Erfolg der Lebenskunst macht also auf die Versäumnisse der Praktischen Philosophie aufmerksam, bringt ein anderes Verständnis von Lebenswelt ein und ist deshalb für die Philosophie wichtig: „[...]weil sie die moderne Praktische Philosophie über die Kosten ihrer methodologischen Grundentscheidungen aufklärt und zur Revision ihrer Basiskonzepte anregt.“ (ebd.) Muss die Praktische Philosophie tatsächlich ihre Grundlagen überprüfen? Deutlich ist, dass die moderne Philosophie - gemäß der hier zitierten Autoren - den Menschen nicht das bietet, was das individualisierte Leben benötigt. Allerdings stellt Fellmann (s.o.) die Lebenskunst auch in den Kontext des dem Individuum äußerlichen Zwang zur Selbstjustierung und macht damit deutlich, dass die Hinwendung zur Lebenskunst nicht nur Lösung für eine Problemlage des eigenen Lebens ist, sondern auch Reaktion auf die totalisierende Realität der Moderne, die alle Menschen auf sich selbst zurückwirft. Auf welche Art und Weise die Lebenskunst bzw. die Philosophie der Lebenskunst der Gegenwart sich zwischen den Widersprüchen bewegt, zeigt im Nachfolgenden eine kurze Gegenüberstellung der Philosophie der Lebenskunst und der Lebenshilferatgeber. Wie unterscheiden sich die Grundlagen philosophischer Lebenskunst von der der Lebensbewältigungspsychologie?
4.2 Lebenskunst in der Moderne - Paradoxe Selbstermächtigung?
Das abschließende Kapitel möchte sich mit der Frage nach Überlappungen und Abgrenzungen von Lebenskunst in der Philosophie und Lebenskunst in Glücksratgebern beschäftigen. Dieser Themenkomplex reicht über die hier vorgenommene Darstellung allerdings weit hinaus und sollte auch aufgrund seiner hohen Relevanz in weiteren Texten bearbeitet werden. Zunächst fallen beim Begriff „Lebenskunst“ die beiden Worte „Leben“ und „Kunst“ in ihrer Zusammenstellung auf, da dies eine Hinwendung zum Leben als etwas zu Erschaffendes, zu Formendes - nach Schmid als Kunstwerk (vgl.: Schmid S. 71) - bedeutet. Das Leben als etwas zu verstehen, das in künstlerischer Gestaltung verbracht werden kann, legt mehrere Schlussfolgerungen nahe. Zum Einen setzt diese Herangehensweise das Subjekt als handlungsfähig voraus - das gestalten kann und bis zu einem bestimmten Grad frei ist von äußeren Zwängen. Zum Anderen weist der Zugang des Lebens über „Kunst“ auf den ästhetischen
und künstlerischen Charakters des Lebens hin und somit auch auf die zielgerichtete Gestaltung des Lebens als etwas „wertvolles“, „durchdachtes“, das das Subjekt so gestalten kann, wie es das möchte. Diese beiden Implikationen finden sowohl bei Schmid als auch in Ratgebern Entsprechung. Schmid spricht von einem reflektierten, sich seiner selbst bewussten Menschen und von einem Leben als Kunstwerk. Die Analyse der Glücksratgeber hat gezeigt, wie sehr in der modernen Gouvernementalität, der damit einhergehenden Form der Beratung und der Lebenskunst in Ratgebern, das unternehmerische Subjekt propagiert wird, welches sich selbst bis in die Gedanken und Gefühle hinein gestalten kann und sich dauerhaft optimieren muss und möchte - ein aus einer vollständig künstlichen Natur hergeleitetes Kunstwerk. Ziel dieser Lebenskunst ist das „Funktionieren“ in der neoliberalen Gesellschaft und damit zusammenhängend der individuelle Umgang mit den Zwängen, Vorgaben und Werten der Gesellschaft. Der neoliberale Ruf nach Selbstverwirklichung, der zugleich auch immer mit Leistung und Erfolg einhergeht, wird in der Lebensbewältigungspsychologie bestärkt. Inwiefern aber zielt auch die Lebenskunst nach Schmid darauf ab, Menschen so als Kunstwerk zu führen, bzw. sich als Kunstwerk auf eine Art und Weise selbst führen zu lassen, dass sie für die Anforderungen des Neoliberalismus gerüstet sind?
Gemeinsam ist den Glücksratgebern und Schmid die Selbstermächtigung des Menschen. Zum Einen verweist auch Schmid das Individuum auf sich selbst, wenn es um die konkrete Ausgestaltung dessen Lebens geht und zum Anderen verlangt Schmid Selbstbestimmtheit in allen Bereichen - eine Selbstkontrolle, die an die Techniken der Glücksratgeber erinnert. Zunächst zu ersterem: Schmid legt den Grundstein für ein Subjekt, das in allen Bereichen denkt, dekonstruiert und Fragen stellt und möchte so zum gelingenden Leben helfen. Wie aber ein solches aussehen solle, bestimmen die Individuen selbst (vgl.: Schmid, S. 11). Schmid ruft demnach dazu auf, das eigene Denken, die Vernunft, zu schulen und nicht einfach zu handeln (vgl.: ebd., S. 223). Damit vervielfältigt er also die Optionen der Menschen, macht ihr Welt- und Selbstverständnis komplexer, und lässt sie dann mit den Handlungsweisen in dieser Komplexität alleine. Das Individuum ist hier in der Pflicht, die Welt so gut als möglich „so zu begreifen, wie sie ist“. Es ist in der Pflicht, kontinuierlich reflektiert und wach zu sein. Damit werden Schmids Ausführungen aber auch beliebig, indem er alle möglichen Bereiche, Phänomene, Fragen diskutiert, aber auf einer sehr oberflächlichen Ebene bleibt, ohne wirklich zu sagen, was daraus für die Menschen folgt - vielmehr inszeniert er das Individuum als generell mächtig. Denn auch, wenn er immer wieder darauf hinweißt, der Mensch müsse sich seiner Zwänge bewusst sein, so setzt er dennoch die Menschen als Individuen ins Bild, die mit der Moderne umgehen können, indem sie sich auf sich selbst und ihre Fähigkeiten besinnen, der Reflektiertheit höchsten Rang geben und alles durchdenken wollen. Der Wille zu dem kontinuierlich achtsamen Leben - eine Lebenskunst, die
auf kontinuierlichem Zweifel basiert - macht auch deutlich, wie sehr Schmid das entwurzelte Subjekt der Ratlosigkeit bestärkt: Keine Gewohnheit, kein Lustgewinn, keine Erotik, keine Melancholie ohne künstlerischen, bewussten - und in diesem Sinne durchdachten, kontrollierten -Umgang. Hier kommt die zweite Gemeinsamkeit mit den Glücksratgebern ins Spiel: Schmid möchte Befreiung schaffen, in dem das Individuum mit den eigenen Möglichkeiten umgehen lernt. Stattdessen aber erhöht sich der Druck auf die Menschen, indem er vom Selbst - auch wenn es sich gemäß Schmid dabei nicht um eine „creatio ex nihilo“ (ebd., S. 243) handelt - verlangt, „das ganze Leben prophairetisch durchzurütteln und alles als wählbar aufzufassen“ (Kersting, S. 57). Die gedankliche, reflexive Bewusstheit stellt hohe Ansprüche an das Individuum. Durch diese Ermächtigung seiner selbst, hat es nun auch die Möglichkeit, zu agieren, das Leben zu verbessern - und in all den von Schmid vorgestellten Bereichen „besser“, weil reflektierter zu sein und mit mehr Möglichkeiten umgehen zu können. Alles wird einer Kontrolle unterzogen und das Ergebnis Schmids ist, dass alles erwählt werden kann - das Individuum aktiv oder passiv immer wählt. Damit erinnert es eher an die von Kersting im Zusammenhang mit dem Foucaultschen Kunstwerk diagnostizierte „unternehmerische Bastelbiographie“, die sich der unversehrte moderne Mensch nach Belieben zusammenstellt (ebd., S. 29). Dieser Eindruck entsteht auch deshalb, weil Schmid selbst in seinen Ausführungen nicht zusammenfasst und weil er - außer seinen kontinuierlichen Aufruf an die Selbstbezüglichkeit, die Reflexionsfähigkeit, des Individuums - keine Schwerpunkte setzt oder aber inhaltliche Konsequenzen vorschlägt, Richtungen vorgibt etc.. Vielmehr bleibt er hier seinen Vorstellungen der Moderne und der anderen Moderne treu: Nach und nach erweitert er seine Aussagen, vervielfältigt unentwegt die vom Menschen zu bedenkenden Aspekte des Seins und des Zeitgeists, ohne diese zu werten oder aufzulösen. Aufgelöst wird immer nur hinsichtlich des Umgangs mit diesen Themen: Das Individuum muss offen, kritisch, reflektiert sein. Es soll zwar zugleich für sich selbst sorgen und damit die eigenen Bedürfnisse, Prioritäten etc. kennen, aber naiv oder ausklammernd darf es bei der Lebensführung nicht vorgehen. Die Ausschlussmechanismen, die die neoliberale Selbstermächtigungsphantasie mit sich bringt, wird damit noch verstärkt: Denn gerade weil Schmid die fehlende Macht des Individuums feststellt, anschließend aber alle Bewegungen der neuen, anderen Moderne vom Individuum aus diskutiert, wird es unmöglich, sich mit Hinweis auf äußere Zwänge bzw. Umstände in einer Entscheidungssituation oder einer Leidenssituation zu rechtfertigen. Er bedenkt die dem Individuum im Weg stehenden Hindernisse und löst sie immer in die Richtung des Subjekts auf: Ein reflektierter, aufgeklärter Mensch kann mit den Widersprüchen umgehen.
Damit folgt Schmid gemäß Kersting Foucault, dessen Existenzästhetik Kersting ebenfalls als inhaltsleer bezeichnet (vgl.: Kersting, S. 33.). Die Schriften des späten Foucaults seien ein „unaufhörlich repetierendes Selbstzitat“, keine gehaltvolle Konzeption (vgl.: ebd., S. 34).
Kontinuierlich wird auf das Subjekt als sich selbst erschaffendes zurückgegriffen, aber ignoriert, dass Worte wie Selbstverwirklichung, Selbsterfindung und Selbsterschaffung in sich widersprüchlich sind, weil sie das Subjekt bereits voraussetzen, das es zu verwirklichen, erschaffen, vorgibt: Das Subjekt, das sich selbst in seiner Verwirklichung erkennt, war bereits vorher existent (vgl.: ebd., S. 32). Das Arbeiten mit solcherlei Metaphern produziert Machbarkeit, die gesamten Menschen als in der Zukunft konstruierbar versteht (vgl.: ebd., S. 32f.). Dies erinnert an das Versprechen der Glücksratgeber, ab dem Lesen des Buches werde sich die Welt verändern. Auch Kersting sieht eine Ähnlichkeit zum herrschenden System: Die ästhetische Selbsterschaffungsdynamik gleicht „in diesem konstitutionellen Futurismus der nutzenmaximierenden Unrast des Kapitalismus“ (ebd., S. 36.). Passend also dazu das unternehmerische, kapitalistische Subjekt, das sich ein eigenes Profil schafft, das eigene Leben und Selbst als Eigenprodukt versteht und flexibel in der Identität oder in der Handhabung mit sich selbst ist. Das auf die Zukunft gerichtet das Potenzial ausschöpft und sich immer weiter optimieren möchte. Versprechungen für das künftige Leben sind das, was antreibt, was funktionieren lässt. Diese „Lebenskunst der Selbsterschaffung“ stellt nach Kersting außerdem die „Selbstermächtigungsmaske“ für die Selbstmanagementliteratur bereit (vgl.: ebd., S. 63) - die er „kapitalistische Travestie der Lebenskunst“ (ebd., S. 59) nennt. Damit sagt Kersting, der Duktus innerhalb der Lebenskunst - Schmid und Fellmann würden diese die philosophische Lebenskunst nennen - hat zur Verwendung der Selbstermächtigung durch Selbstmanagementliteratur und somit zur Verwendung durch den Kapitalismus geführt. Vor allem Schmid nimmt er in die Pflicht - dieser habe dem Subjekt „eine Verantwortung aufgebürdet, die Menschenmaß übersteigt“ (ebd., S. 63). Auch wenn Schmid andere Themen anspricht als dies Glücksratgeber tun, so setzen auch letztere das Subjekt als eines ein, das sowohl Gedanken als auch Gefühle kontrollieren kann. Bei Schmid liegt die Verantwortung darin, sich über die eigene Situation und deren Herkunft bewusst zu werden und durch Reflexion zu einer geeigneten Lösung zu kommen, um den Umstand zu verändern oder als gewinnbringend zu erkennen. Glücksratgeber nehmen die Menschen in die Verantwortung, z.B. negatives Erleben zu verwandeln und sich die Welt „schön zu denken und zu fühlen“. Die eigene Perspektive verändert in beiden Fällen das Verständnis von Welt und Selbst. Doch Schmid geht weiter: nicht nur fühlt und denkt das Individuum anders als ohne diese Lebenskunst, auch die Welt wird durch das Tun verändert: Jede Wahl muss hinsichtlich politischer, ökologischer, gesellschaftlicher Auswirkungen bedacht werden. Auch hier ist der Mensch voll verantwortlich. Kersting spricht von einer „Globalsorge“ (ebd., S. 49), die aufgebürdet wird und die nicht getragen werden kann.
Die kontinuierliche Reflexion und Selbstausrichtung ist allerdings auch Kennzeichen kybernetischer Beratung, so dass auch Schmids Lebenskunst der Vorwurf gemacht werden
könnte, die Menschen programmieren sich immer wieder neu auf die angeblich eigenen Ziele. Das Ziel ist auch bei Schmid gelingendes Leben - ohne dies zu hinterfragen. Somit justiert sich das Individuum auch an Schmids Vorgaben immer wieder neu, soll bemüht sein darum, all die von Schmid eingebrachten Lebensbereiche zu berücksichtigen. Allerdings muss hier auch ein gewichtiger Unterschied geltend gemacht werden: Weil Schmid keine Normen abgeben möchte und weil er aus der Philosophie heraus argumentiert, produziert er Wissen, das von einer anderen Qualität ist als das der Ratgeber: Schmid möchte nicht anhand von Wissen seine Zieleglückliches Leben - und seine Techniken dafür - Reflexion - rechtfertigen. Sondern er betrachtet Situation des modernen Menschen aus verschiedenen Perspektiven und diskutiert diese, diskutiert auch Zwänge und Möglichkeiten. Dies ist ein erheblicher Unterschied zu Ratgebern, die eine Mischung aus Wissensformen einsetzen, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen und die Menschen dazu zu bringen, ihre Ratschläge zu befolgen. Einziges Ziel ist es, glücklich zu werden nach den jeweiligen Vorstellungen, die der Ratgeber als glücklich versteht bzw. nach den Verbindungen, die der jeweilige Ratgeber vornimmt - z.B. Erfolg, gutes Aussehen, Zufriedenheit, Geld etc.. Auch wenn Fellmann Schmid die Wissenschaftlichkeit abgesprochen hat - eine Aussage, die hier nicht bewertet wird -, so agiert er dennoch mit disziplinärem, wissenschaftlich verankertem Wissen. Eine Ausrichtung am neoliberalen, unreflektierten Glücksbegriff durch kybernetische Feedbackschleifen findet hier nicht statt. Denn kontinuierliches Reflektieren auf Lebensbereiche und die eigenen Möglichkeiten könnte ebenso heißen, sich gegen das Bestehende aufzulehnen. Ratgeber allerdings verlagern das eigene Leben so sehr ins Innere, dass jede Unzufriedenheit mit Verhältnissen keine äußere, sondern nur eine innere Rechtfertigung und Lösung findet.
Weitere Gemeinsamkeiten von Autor_innen der Ratgeber und Schmid finden sich darin, dass ein Zurückweisen der Möglichkeiten, die der Mensch in der Moderne hat, nicht möglich ist. Neben der Unmöglichkeit, den Optionen zu entkommen und dem Zwang, immer mehr aquirieren zu müssen - durch kontinuierliche Reflexion -, hat dies auch zur Folge, dass oftmals der Blick auf Zwänge verstellt wird. Freiheit gilt beinahe als etwas für die (Post-)Moderne selbstverständliches, wird aber nicht grundsätzlich hinterfragt. Desweiteren ließt sich Schmids Grundlegung oftmals ebenso romantisch und vielversprechend, wie dies Ratgeber tun. Ohne zu beschreiben, wie der Mensch tatsächlich agieren sollte, spricht er begeistert von dem neuen, aufgeklärten Zustand des gelungenen Lebens. Anders Fellmann: Indem er den Umgang mit dem eigenen Zeitgeist, den eigenen Prozessen und Veränderungen, sowie dem Leben als nicht immer steuerbares Schicksal (vgl.: ebd., S. 208f.) in den Mittelpunkt stellt, rückt die Priorität des Gestaltenwollens und Gestaltenkönnens des flexiblen, unternehmerischen Selbst in den Hintergrund. Indem Fellmann gelebte Zeit anders definiert als dies die Lebensbewältigungspsychologie tut - die den Menschen nicht aus dem „Rädchen des Tuns, des Gestaltens, des Funktionierens“ heraus lässt - schafft er
ein Entspannungsfeld für die Menschen und verknüpft Lebenskunst mit der Aufgabe, die Menschen anzuleiten, sich auf das eigene Leben einzulassen. Doch auch Fellmanns Vorschlag möchte darauf hinaus, dass die Zeit in der Lebenskunst zunächst philosophisch aufgearbeitet werden muss. Inwiefern aus einer solchen Beschreibung dann aktive Anleitungen entstehen können, bleibt abzuwarten.
Festzuhalten bleibt am Ende der groben Gegenüberstellung von Ratgebern und philosophischer Lebenskunst nach Schmid, dass die Grundannahmen über das Subjekt dieselben sind. Dass Möglichkeiten noch weiter vervielfältigt werden und der Mensch dem Zwang nicht entkommt, trotz dieser funktionieren zu müssen. Doch können alle Ansätze, die dem Menschen zu Autonomie verhelfen möchten, in einer kapitalistischen Travestie nutzbar gemacht werden, um den neoliberalen Duktus zu bestärken? Wie kann der Mensch in der Moderne gedacht werden? Wie kann Philosophie agieren, ohne das herrschende Selbsterschaffungsparadigma mit dessen Implikationen zu reproduzieren?
5. Fazit
Eine Philosophie, die sich der Frage nach dem konkreten Vollzug des Leben entzieht, macht es sich zu einfach: Sie überlässt ein schwieriges Feld wissenschaftlich nicht fundierter Lebensbewältigungspsychologie. Eine Philosophie allerdings, die das Selbst als Kunstwerk feiert und zur bedingungslosen Selbstgestaltung aufruft, spielt ebenso wie die Glücksliteratur der neoliberalen Regierung in die Hände. Zeitgenössische Philosophie kann zwar keine universellen Werte aufzuzeigen, kann aber Phänomene betrachten, dekonstruieren und möglicherweise auch Vorschläge zum Umgang mit diesen Phänomenen unterbreiten. Damit kann aus der Negativität der analytischen Philosophie positive Orientierung erfolgen. Das Aufbrechen von Selbstverständlichkeiten, von Normalität, befreit Menschen von den Zwängen der Moderne. Dies folgt dem, was Fellmann kulturwissenschaftlich und wissenssoziologisch nennt - und was Schmid versucht, umzusetzen. Das Aufdecken dessen, was ist und dessen, wie etwas scheint zu sein, ist das Fundament dafür, dass Menschen eine andere Perspektive einnehmen können. Zugleich aber muss sich Philosophie ernsthaft darum bemühen, das durch eine solche Vervielfältigung der Perspektiven in eine verstärkte Freiheit und Ratlosigkeit gestürzte Subjekt, mit begründeten Vorschlägen aufzufangen. So kann ein Aufbrechen der Metaphern „Selbstverwirklichung“ (Kersting) oder „Zeit“ (Fellmann) zu einem neuen Verständnis von Leben führen. Relevant ist, nun auch Vorschläge dazu zu machen, wie entgegen dem Strom der neoliberalen Mantras das Individuum diese neuen Verständnisse in die Realität umsetzen kann. Dabei nimmt Philosophie die Rolle ein, Anleitungen zum widerständigen Leben gegen den herrschenden Diskurs zu geben und zu diskutieren. Der kontinuierliche Zweifel, der Philosophie
prägt, darf dabei nicht unter universellen Aussagen begraben werden. Er muss vielleicht aber auch nicht - so wie Schmid das tut - komplett in die Individuen verlagert werden. Philosophie kann sich auch deswegen nicht aus dem Bereich des individuellen Lebens heraushalten, weil die Abwesenheit von Anleitung auch zugleich ein Mehr an Ratlosigkeit, an Vervielfältigung und an „Lückenfüllern“ wie der Lebensbewältigungspsychologie bedeutet. Philosophie befindet sich also in jedem Fall dauerhaft im Diskurs. Eine kontinuierliche Kritik muss demnach einhergehen mit neuen Subjektentwürfen oder Zielen - auch wenn das Ziel heißt, Leben als Kunstwerk aufzugeben. Andernfalls beteiligt sich die Philosophie an der kybernetischen Reproduktion der ratlosen Individuen, die sich aus den Paradigmen des Neoliberalismus nicht emanzipieren können und von Angst geleitet werden. Ratlosigkeit und Vervielfältigung von Möglichkeiten sind nicht per se schlecht oder neoliberal - sie können durchaus Kennzeichen von Freiheit sein -, doch müssen Wege aufgezeigt werden, wie sich aus dem Zwang zur Freiheit und zur neoliberalen Optionalisierung emanzipiert werden kann. Wie können Möglichkeiten nicht zum Zwang werden? Im unternehmerischen Prinzip kann das Subjekt lediglich aufgefangen werden von der eigenen Leistung, die bestärkt und Anerkennung verschafft. - ebenso wie „Glücklichsein“, das ebenfalls Leistung ist und in der eigenen Verantwortung liegt. Glücksratgeber können dem Individuum möglicherweise einen temporären Umgang mit Anforderungen ermöglichen, Zurückweisen oder Ablehnen dieser Normen ist aber nicht möglich bzw. ist nur Kennzeichen der eigenen Schwäche, mit der eigenen Umgebung nicht umgehen zu können.
Dieses neoliberale Glück erinnert hier stark an Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, in der die Menschen durch Glückserfahrungen - durch die Abwesenheit von Unglück und Leid - gesteuert werden, ihre Leistungsfähigkeit wiederherstellen und sich die Erfahrung zuführen, die das Leben angenehm und erträglich gestaltet. Veränderungen werden dadurch obsolet. Andere Lebenswirklichkeiten wie Leiden, Alter oder auch nur Nachdenken und kritisches Agieren spielen in dieser Welt keine Rolle. Auch im unternehmerischen Glücksdiskurs gibt es außerhalb des glücklichen, selbstbestimmten Menschen nichts, das ohne Schuldeingeständnis gerechtfertigt werden kann. Philosophie muss also Möglichkeiten beschreiben, wie Anforderungen auch zurückgewiesen werden können, muss Anrufungen und Zwängen etwas entgegensetzen und Ziele auch fernab der unternehmerischen zu diskutieren. Individuelles Streben und Begriffe wie Glück, gelungenes Leben, Selbstverwirklichung, müssen neu besetzt werden. Die tatsächliche Wirkungsmacht der Menschen in der Moderne muss diskutiert werden, neue Utopien entworfen werden. Die zeitgenössische(n) Philosophie(n) müssen sich dem Glück annehmen, weil sie sich ansonsten dem Individuum verweigern.
Literaturverzeichnis
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Duttweiler, Stefanie: Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungtstechnologie. Konstanz 2007.
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Daniela Steinert, 2011, Sinnsuche im Nichts - Glücksratgeber und philosophische Lebenskunst in der Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
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