1. Einleitung
Rückblickend auf das von mir besuchte Seminar im Wintersemester 2009/10 „Grundfragen und Konzepte religiöser Bildung” werde ich mich mit der Thematik des interreligiösen Lernens und dies anhand des Buddhismus‘ beschäftigen.
Ich werde mich den Fragen widmen, die sich um den Begriff des interreligiösen Lernens und seiner eigentlichen Bedeutung drehen. Außerdem möchte ich im Sinne des interreligiösen Lernens herausfinden, wie genau die Theologie des Buddhismus und wichtige Rahmenfaktoren hierfür aussehen und im Anschluss die Frage nach der Begegnung mit dem Buddhismus in den Vordergrund stellen.
Die Leitfrage, die während der gesamten Arbeit im Hintergrund steht ist: „Wie funktioniert interreligiöses Lernen von Seiten der Christen, wenn man mit dem Buddhismus in den Dialog tritt?“. Soweit dies möglich ist, werde ich auch versuchen, hierbei den Bezug zum Religionsunterricht herzustellen.
Zum Abschluss werden dann noch die Erkenntnisse, die ich während des Verlaufs der Arbeit gewonnen habe, in Lehr- und Lernziele zusammengefasst.
2. Interreligiöses Lernen
Zu Beginn dieses Kapitels wird der Begriff des interreligiösen Lernens als solcher betrachtet und dabei auf die historische Entwicklung dieses Begriffs eingegangen. Anschließend tritt die Bedeutung des interreligiösen Lernens mehr in den Vordergrund, indem den Fragen nach dem Grund für die Entwicklung und den Aufgaben des interreligiösen Lernens nachgegangen wird.
2.1 Der Begriff
Um es zunächst einmal allgemein und an den Worten Tworuschkas angelehnt auszudrücken: „Interreligiöses Lernen“ bzw. „interreligiöser Dialog“ meinen im eigentlichen Sinne die Begegnung von unterschiedlichen religiösen Traditionen. 1 Es geht um einen Dialog zwischen
1 Vgl. TWORUSCHKA, UDO, Weltreligionen im Unterricht oder Interreligiöses Lernen? In: VAN DER VEN, JOHANNES
A./ZIEBERTZ, HANS-GEORG (Hg.), Religiöses Pluralismus und Interreligiöses Lernen. Weinheim 1994, 171-196 (hier:
2
Religionen, bei dem der religiöse Mensch als Subjekt im Vordergrund steht und vor allen Dingen Lernprozesse, die zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen stattfinden.
Der Begriff „interreligiöses Lernen“ taucht als solcher in der Religionspädagogik in den 1990er Jahren zum ersten Mal auf. 2 Erst in diesen Jahren fand ein regelrechter „Boom“ in diesem Feld statt. Interreligiöses Lernen ist zunehmen als eine zu integrierende Gesamtaufgabe für den Religionsunterricht in Kooperation mit anderen Fächern und dem Schulleben überhaupt verstanden worden. 3 Eine allgemeine Entwicklung in Richtung eines Dialoges zwischen Religionen wurde bereits durch das II. Vatikanum ausgelöst. Dementsprechend gab es erste Versuche in den frühen 1970er Jahren, „Religionskunde“ in den Unterricht einzuführen, sie blieben jedoch erfolglos. 4 Schließlich fand ein Wandel statt, der von einem „Lernen über“ zum Begegnungs-lernen führte. 5 Weshalb es nun in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts zu diesem Boom der Forderung nach interreligiösem Lernen und den unzähligen Diskussionen hierum kam, scheint mehrere Ursachen zu haben. Ein sehr gewichtiger Auslöser war, Lähnemann zu Folge, die globale Auswirkung der islamischen Revolution 1979 und die religiös-ethnisch mitbedingten Konflikte in den 90ern. 6 Nipkow sieht ebenfalls den Grund für seine Beschäftigung mit interreligiösem Lernen im weltweiten religiösen Pluralismus, der sich „zunehmend auch innergesellschaftlich ausbreitet“; „aus christlich geprägten Gesellschaften werden multikulturell und multireligiös gemischte Gesellschaften“ 7 . Zuletzt, so Lähnemann, habe der 11. September 2001 „eine direkte Hektik in der Auseinandersetzung um den Dialog der Religionen“ ausgelöst.
179).
2 Vgl. RÖTTING, MARTIN, Interreligiöses Lernen im buddhistisch-christlichen Dialog. München 2006, 21.
3 Vgl. LÄHNEMANN, JOHANNES, Religionsunterricht und interreligiöses Lernen. Heft 2, 34-46. In: Theo-Web.
Zeitschrift für Religionspädagogik 7 (2008), auf: http://www.theo-web.de/zeitschrift/ausgabe-2008-02/4.pdf
(Stand: 23.03.2010), 36.
4 Vgl. TWORUSCHKA, UDO, Weltreligionen im Unterricht oder Interreligiöses Lernen? 172.
5 Vgl. LÄHNEMANN, JOHANNES, Religionsunterricht und interreligiöses Lernen, 36.
6 Ebd.
7 NIPKOW, KARL ERNST, Ziele Interreligiösen Lernens als mehrdimensionales Problem. In: VAN DER VEN, JOHANNES
A./ZIEBERTZ, HANS-GEORG (Hg.), Religiöses Pluralismus und Interreligiöses Lernen. Weinheim 1994, 197-232 (hier:
197).
3
2.2 Rahmenbedingungen und Herausforderungen
Nun stellt sich die Frage, warum interreligiöses Lernen im Gegensatz zur „Religionskunde“, in der Religionen als Objekte im Mittelpunkt stehen, so gefragt ist zurzeit. Wozu brauchen wir das?
Lähnemann knüpft an die oben genannten zeitgeschichtlichen Entwicklungen an und stellt die These auf, dass interreligiöses Lernen zunehmend Friedens- und Umwelterziehung als Bewährungsfeld interreligiöser Bildung mit sich bringe: „Kein Religionsfriede ohne interreligiöses Lernen!“ 8 . Doch dies scheint nur einer von mehreren Gründen, der für interreligiöses Lernen im Religionsunterricht spricht, zu sein. Tworuschka knüpft ebenfalls an die zunehmende Pluralität in unserer Gesellschaft an. Religionen seien auf vielfältige, real existierende Weisen präsent. Nicht zuletzt durch die Menschen selbst, durch unsere Geschichte, durch ihre Präsentation in den Medien, in der Sprache usw. . 9 Halbfas spricht von „religiösem Analphabetismus“, der sich in unserer Gesellschaft breit macht. Deshalb sollte eine religiöse und christliche Alphabetisierung der Schüler gerade durch den Umgang mit Religion(en) angestrebt werden. 10 Im Grunde kann man sagen, dass die heutigen gesellschaftlichen Bedingungen selbst nach einem neuen, respektvolleren Umgang miteinander rufen. Als einen Gesamtauftrag des interreligiösen Lernens sieht Nipkow die Erziehung zu Toleranz. 11 Allerdings ist Toleranz ein sehr weit gefasster Begriff und auch die Erziehung hierzu ist keineswegs einfach. Die Frage nach dem „Wie?“ muss hierfür genauer in den Blick genommen werden. Worauf muss beim interreligiösen Lernen geachtet werden, damit es funktioniert? Wie findet religiöses Lernen statt?
Es scheint ein wesentliches Anliegen zu sein, ein Gesamtbild der verschiedenen Religionen im Religionsunterricht zu vermitteln, das authentisch ist. Dieser Gedanke resultiert aus den Problemen, die sich im Verhältnis der Religionen zueinander ergeben: Fremdheit, Nichtwissen, einseitige, fehlerhafte Informationen, falsche Vorurteile, Wahrheitsansprüche, die einander ausschließen und geschichtliche Belastungen, die teilweise über Jahrhunderte nachwirken. 12 Authentisch ist in diesem Zusammenhang zu verstehen als möglichst unverzerrt und vorurteilsfrei. Es geht darum „Religionen in der Eigentümlichkeit ihrer
8 Vgl. LÄHNEMANN, JOHANNES, Religionsunterricht und interreligiöses Lernen, 37.
9 Vgl. TWORUSCHKA, UDO, Weltreligionen im Unterricht oder Interreligiöses Lernen? 174.
10 Vgl. ebd., 183.
11 Vgl. NIPKOW, KARL ERNST, Ziele Interreligiösen Lernens als mehrdimensionales Problem, 202.
12 Vgl. LÄHNEMANN, JOHANNES, Religionsunterricht und interreligiöses Lernen, 37.
4
Sprache im Unterricht zu Wort kommen zu lassen“ und „die Welt mit der Brille des anderen zu sehen“ . Zudem werden die klassischen Inhalte zurückgestellt und die Einbeziehung „alltäglich-elementarer Handlungsweisen“ treten in den Mittelpunkt eines solchen Religionsunterrichts. 13 Konkret auf den Religionsunterricht bezogen bedeutet dies, das neben Schulbüchern, Medien aus Funk, Fernsehen und Internet auch der Besuch einer Moschee oder eines buddhistischen Zentrums mit in den Unterricht integriert werden sollen. Auch der Kontakt zu Menschen, die nach diesen Religionen leben, die buddhistisch, muslimisch, jüdisch oder hinduistisch sind, sollte einen interreligiösen Religionsunterricht mitbestimmen. Religion in der öffentlichen Bildung, so Lähnemann, braucht den Kontakt mit den Religionsgemeinschaften, um nicht steril und unauthentisch zu sein. 14 Doch einfach umzusetzen ist das Vermitteln eines authentischen Bildes bzw. das eigene authentische Einbringen in den Dialog nicht. Im Gegenteil: Lähnemann zu Folge ist es sogar schwer konkret zu realisieren, denn neben dem einander verstehen ist auch Positionalität gefordert. Wir können nur dann Authenzität verlangen, wenn wir uns selbst authentisch darstellen. Er beschreibt interreligiöses Lernen wie folgt: „Die Wahrheitserfahrung der eigenen Tradition und die Aufgabe der Mission *…+ wird nicht beiseite gelassen, aber in einen offenen Prozess eingebracht, der Toleranz und Achtung der Anderen einschließt, Lernen voneinander ermöglicht und sich bewusst ist, dass unser irdisches Wissen und Reden in irdischer Begrenzung geschieht.“ 15 Es gilt neben dem authentischen Einbringen in den Dialog, zu versuchen, einander zu verstehen, Verbindendes zu entdecken, voneinander zu lernen, aber auch Unvereinbares zu erkennen, Fremdes wahrzunehmen und auszuhalten, falsche Vorurteile abzuräumen und, wie schon erwähnt, Position zu beziehen. Dies alles sind Faktoren, die mit in den Prozess des interreligiösen Lernens einfließen. Genau diese Faktoren müssen auch berücksichtigt werden, wenn es um den christlichbuddhistischen Dialog geht. Wo gibt es Gemeinsamkeiten? Wo Unterschiede? Was können wir von Buddhisten lernen? Was ist uns besonders fremd? Welche Vorurteile haben oder hatten wir möglicherweise dem Buddhismus gegenüber?
13 Vgl. TWORUSCHKA, UDO, Weltreligionen im Unterricht oder Interreligiöses Lernen? 175-177.
14 Vgl. LÄHNEMANN, JOHANNES, Religionsunterricht und interreligiöses Lernen, 44.
15 Ebd., 39.
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Arbeit zitieren:
Mareike Janßen, 2010, Interreligiöses Lernen im Religionsunterricht - Dem Buddismus begegnen, München, GRIN Verlag GmbH
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