Michael Rösel Michael Rösel Michael Rösel Michael Rösel
Thema: DER GÖTTERAPPARAT IN DER ILIA Thema: DER GÖTTERAPPARAT IN DER ILIAS S S S Thema: DER GÖTTERAPPARAT IN DER ILIA Thema: DER GÖTTERAPPARAT IN DER ILIA
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INHALT INHALT INHALT INHALT
I Einleitung S.3
II Die einzelnen Götter S.4
III Sonstige Personifikationen S.6
IV Moira S.8
V Die Gegnerschaft der Götter untereinander S.11
VI Die Vermenschlichung der Götter S.12
VII Die Schaulustigen S.16
VIII Mangelnde menschliche Ehrfurcht S.18
IX Der Götterapparat S.21
X Determination S.31
XI Literaturliste S.33
XII Erklärung S.34
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Der „Götterapparat“ 1 der Ilias ist in der Weltliteratur einzigartig. Homer, ein für uns unbekannter Dichter, dessen Existenz umstritten ist, hat mit der von ihm beschriebenen Art des Eingreifens der Götter, die für die ganze Antike gültige Vorstellung vom göttlichen Wirken geprägt. Kein Mensch, vor oder nach ihm, hat in ähnlich umfangreichem Maße das Wirken von Göttern artikuliert 2 - die Bibel vielleicht ausgenommen. Bezeichnenderweise ist, neben unserem christlichen Kernwerk, die Ilias die umstrittenste Schrift. Homerforscher aus aller Welt „prügeln“ sich um die endgültige Auslegung von diesem Epos. Vermutlich ein ausichtsloses Unterfangen, denn dazu ist das Werk in sich selbst zu widersprüchlich. Wolfgang Kullmann beschreibt in seinem Buch „Das Wirken der Ilias“ die (möglichen) Ursprünge der einzelnen Göttersagen. Er nennt drei dichterische Entwicklungsstufen, die der Ilias vorausgehen:
1.) Die Götterlieder (bzw. die Heldenlieder) 2.) Die Kleinepik (z. B. Heraklesepos)
3.) Eine mittlere Epik (umrißhaft aus den Resten des Kyklos und aus der Ilias rekonstruierbar)
Diese Entwicklungsstufen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Weltsicht und der Vorstellung vom Wirken der Götter. Dabei geht die Tendenz zu einer immer stärker werdenden Einmischung der Götter in die Angelegenheiten der Menschen. 3 Natürlich erfüllt das Wirken der Götter innnerhalb der Handlung der Ilias auch eine dramaturgische Funktion. So sieht Schmid-Stählin den Götterapparat als ein bequemes Mittel des Dichters, bestimmte Geschehnisse und Handlungen der Erzählung besser zu motivieren. 4 Herkunft und dramaturgische Funktion des Götterapparates sind jedoch nicht Hauptthema dieser Arbeit. Hier geht es um die Art und Weise, wie der Leser der Ilias die Götter Homers erfährt und welche Weltanschauung sich dahinter verbirgt.
1 Wolfgang Kullmann bezeichnet so das Wirken der Götter in der Ilias (Kullmann, „Das Wirken der Götter in der Ilias“, S.42)
2 Kullmann, „Das Wirken der Götter in der Ilias“, S.148
3 Kullmann, „Das Wirken der Götter in der Ilias“, S.38
4 Kullmann, „Das Wirken der Götter in der Ilias“, S.46
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Die bestimmenden Figuren in Homers Epos sind die Bewohner des Olymp, allen voran ZEUS, Vater der Menschen und Götter. Er, der „Wolkenversammler“ (V 522) besitzt die Macht über Blitz und Donner und damit über die Naturgewalten. Neben Regen, Schnee und Hagel sendet er auch Krieg (X 5ff). 5 Bei der Aufteilung der Welt wurde ihm der Himmel zuerkannt. Zeus definiert sich selbst als „mächtigster von den Göttern“ (VII 17). Er wird aber auch von anderen - Göttern wie Menschen - in seiner Macht und Kraft bestätigt. 6 Die Ilias berichtet von mehreren wirkungsvollen Machtdemonstrationen Zeus’ gegenüber seinesgleichen:
I 592ff Hephaistos erzählt, wie Zeus ihn vom Himmel warf „und ich flog einen ganzen Tag, mit der sinkenden Sonne, fiel in Lemnos hinab und atmete kaum noch Leben“ (Vgl. IV 56ff)
XV 21ff Here wurde an unzerreißbare Ketten aufgehängt und von Zeus ausgepeitscht. „Da waren die Götter empört im weiten Olympos. Keiner konnte jedoch sich nahen, die Fessel zu lösen.“
Das eindrucksvollste Zeugnis seiner Überlegenheit findet sich bei VIII 18, wo er die anderen Götter rhetorisch zu einem Tauziehen auffordert:
„Auf ihr Götter, versucht es, damit ihr es alle nun wisset: Eine goldene Kette befestigt ihr oben am Himmel, hängt euch alle daran, ihr Götter und Göttinen alle; dennoch zöget ihr nie vom Himmel herab auf den Boden Zeus, den Ordner der Welt, wie sehr ihr strebet und ränget! Aber sobald auch mir im Ernst es gefiele zu ziehen, selbst mit der Erd’ euch zög ich empor und selbst mit dem Meere, und die Kette darauf um das Felsenhaupt des Olympos bände ich fest, daß schwebend das Weltall hing’ in der Höhe! So hoch stehe ich über den Göttern und über den Menschen!“
Zeus ist zwar mächtig, aber nicht allmächtig, klug, aber nicht allwissend. So erzählt Homer die Sage von einer ehemaligen, nahezu erfolgreichen Fesselung des Zeus durch Here und ihre Mitverschwörer Poseidon und Athene. Dieser Aufstand wurde jedoch durch Thetis’ Hilfe niedergeschlagen (I 396-406). Zeus wäre wohl alleine nicht dazu imstande gewesen. Darüberhinaus untersteht er - bis zu einem gewissen Grad - Moira, der „Schicksalsgöttin“. (Auf diese Verhältnis werde ich später noch einmal gesondert eingehen.) Kullmann definiert Zeus als den „Inbegriff dessen, was als „göttlich“ bezeichnet wird, weil er über die übernatürlichen Fähigkeiten der Götter im ganz besonderem Maße verfügt.“ 7 An seiner Seite herrscht HERE, Schwester und Gattin in einer Person. Ein rechter Hausdrache, (wenn ich das mal so lapidar ausdrücken darf,) der Zeus das Leben zur Hölle macht. Here haßt Zeus (XIV 158ff), , , , aber trotz ihrer Tyrannei liebt er sie und zieht sie allen
anderen Göttern vor. Athene, die sich einmal seinem Willen widersetzt, gesteht er: „weniger freilich vermag mich Here zum Zorne zu reizen“ (VIII 407). Doch der unglückliche Gatte kann sich einer gewißen Schwermut nicht erwehren: „immer nur ferner wirst meinem Herzen du (Here) sein“ (I 362ff).
5 Von ihm kommen auch die Träume (I 63).
6 Er ist „mächtig vor allen“ (I 581, II 118, VIII 17, VIII 144, VIII 211, IX 25), „ist der stärkste vor allen“ (XX 243), ist folglich „an Macht und Stärke der erste“ (XV 108).
7 Kullmann, „Das Wirken der Götter in der Ilias“, S. 60
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POSEIDON, Zeus’ Bruder, ist Herrscher über das Meer. Seine Waffe ist der Dreizack. Eigentlich steht Poseidons Macht mit Zeus’ auf einer Stufe: „Wenn er (Zeus) den gleichbedeutenden Gott an Rang und an Schicksal anzufahren beliebt und zu schelten mit zornigen Worten“ (XV 209ff), fühlt sich Poseidon rechtschaffen gekränkt. Auch ihm untersteht ein gewaltiger Teil der Erde. Auf dem Festland ist er Zeus gleichberechtigt. Daß er sich dennoch Zeus’ Drohung fügt und sein eigentlich rechtmäßiges Gebiet räumt (XV 211ff), beweist seine Unterlegenheit.
HADES ist ebenfalls ein Bruder des Zeus. Ihm fiel bei der Teilung der Welt das Totenreich zu. Es wird darum nach seinem Herrscher ebenfalls „Hades“ genannt. Homer zeichnet ihn als verhaßt und abscheulich. 8
Zeus’ Sohn APOLLON wird als Phoibos, der „Strahlende“, mit dem Sonnengott gleichgesetzt. Er ist der Gott der Weissagung, aber auch der Gott mit dem Bogen. Er, der Tod und Verderben bringt, kann zugleich heilen. Seine vierte Domäne ist die Musik: er singt zur Leier. Die Ilias räumt der apollonischen Ethik einen großen Platz ein. Homer beschreibt Apollon als Hüter des Gleichmaßes, der gerecht und „nichts zuviel“ verteilt. Durch ihn vermittelt der Dichter die Lehre von der (goldenen) Mitte zwischen Extremen. Innerhalb des Götterkreises zeichnet sich Apollon in erster Linie durch seine Besonnenheit aus. Bei dem Götterkampf ist er (neben Zeus) der einzige, der die Würde bewahrt, indem er den Kampf mit seinem Herausforderer Poseidon verweigert. Seine Schwester ARTEMIS ist bezeichnenderweise die „Pfeilgöttin“.
HEPHAISTOS gilt als der kunstfertigste unter den Göttern. Zugleich ist er eine Mißgeburt, lahm geboren und deswegen von seiner Mutter Here ins Meer geworfen, wo ihn Thetis auffing und pflegte. Durch Dionysos in den Olympos zurückgeholt, baute er den Göttern herrliche Paläste. Kullmann vermutet, die Figur des Hephaistos sei an den Bauernstand angelehnt. Er schlußfolgert daraus, daß der Ursprung der Ilias in den Mythen des einfachen Volkes begründet liegt. 9
ARES, der „männermordende“ Kriegsgott wird sogar von seinem Vater verabscheut (V 891 Zeus: „Wahrlich, du bist mir verhaßt vor allen olympischen Göttern.“). Seine Schwester ATHENE (Beiname PALLAS - „Heldenjungfrau“) wirkt als dessen Gegenstück. 10 Ihre Klugheit demonstriert die Überlegenheit des Geistes über die rohe Wildheit des Ares.
Zuletzt wäre noch APHRODITE zu nennen, die Liebesgöttin und Gattin des Hephaistos. Daneben bevölkern noch zahlreiche Musen und Nereiden 11 den Olymp bzw. den Grund des Meeres. 12 Diese Götter spielen allerdings in der Handlung der Ilias eine untergeordnete Rolle. Ebenso Iris und Hermes, die Götterboten.
8 Im Vergleich zu den Christen, hatten die Griechen eine eher düstere Auffasung von dem Leben nach dem Tod.
9 Kullmann, „Das Wirken der Götter in der Ilias“, S.19
10 Sie hat den Menschen den Schiffsbau gelehrt (XV 412).
11 Tut mir leid! Meine Computertastatur besitzt leider keinen griechischen Doppelpunkt über dem „i“. Ich hoffe, der Leser wird das entschuldigen und das fehlende Pünktlein gedanklich selbst hinzuaddieren. Danke!
12 Ein genaues Personalverzeichnis der Nereiden findet sich bei XVIII 38ff.
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Wie ich oben bereits angedeutet habe, werden in der Ilias jedem Gott bestimmte festumrissene Funktionen zugeschrieben. Es gibt einige Parallelen, wo der dem Gott zugeordnete Bereich mit der Gottheit selbst identifiziert wird. So steht z. B. Hephaistos für Feuer: IX 468 „...und sengten es über der Glut des Hephaistos“
XVII 88 Hektor wütendes Gebrüll wird verglichen mit der „lodernden Glut des Hephaistos“. Vor allem Ares wirkt als die Personifikation des Krieges: IV 351ff Odysseus: „Sobald wir Achaier gegen die reisigen Troer die Wut des Ares erregen“
XIX 143 Agamemnon zu Achill: „Wie sehr du dich sehnest nach Ares“ (Vgl. XIX 189) XVII 490 Hektor: „Wagten sie, uns entgegenzutreten zum Kampfe des Ares“ XVIII 303 Hektor: „Früh mit dem dämmernden Morgen dann wollen wir waffengerüstet wecken des Ares bitteren Kampf“
Homers Helden „erwecken den Grimm des Ares“ (XIX 237), kämpfen in seinem „Getümmel“ (VII 147) und ertragen seinen „Jammer“ (XIX 318). Der Krieg ist ein Gottesdienst für Ares: VII 241 Hektor „weiß im Nahkampf auch den verderblichen Ares zu ehren!“ Ares hält sich in jeder Kriegstat auf. Krieg bedeutet: „Ares mit Blut zu sättigen“ (V 289, XX 78). Dazu Kullmann: „Der Mensch der Ilias identifiziert beim intensiven Erleben oder Vorstellen einer sachlichen Begebenheit, wie Feuer, Kampf, Liebe und eben Tod die Erscheinungen mit den ihnen zugeordneten Mächten.“ 13
Aber Homer zeichnet nicht nur die olympischen Götter als Personifikationen verschiedener Leidenschaften, Fähigkeiten oder Elemente. Er versucht selbst dem der Natur nach Gestaltlosen noch Gestalt zu verleihen. So erscheinen die Winde als Götter, denen geopfert wird, die ihre eigenen Häuser besitzen und darin beim Mahle sitzen (XXIII 199ff). Auch der Flußgott Skamandros ist personifiziertes Element, wenn er Achill in Menschengestalt anruft (XXI 212ff). Den Tageszeiten werden Namen einzelner Gottheiten zugeschrieben: Erebos ist die Göttin des Dunkel (IX 572) 14 und Eos die „rosige Göttin der Frühe“ (I 478). Der Schlaf ist der Bruder des Todes (XIV 231; Vgl. I 610) und Eris die Göttin des Streits (XI 3ff). Die „Bitten“, die Töchter des Zeus, erscheinen „hinkenden Fußes, runzlig, mit seitwärts schielenden Augen“ (IX 502). II 16ff erscheint der Trugtraum des Zeus dem schlafenden Agamemnon in Gestalt des alten Nestor. Agamemnon entschuldigt seine Ungerechtigkeit gegenüber Achill mit Ate, der Göttin der Schuld (XIX 126, IX 502) und der Verblendung: XIX 90ff „Vollbrachte doch alles dies die Gottheit, Zeus’ erhabene Tochter Verblendung, die alle zum Unsal leitete; sie schwebt mit geschmeidigem Fuß, den Boden der Erde nie berührend, doch wandelt sie über den Köpfen der Menschen, schadet ihnen und führte schon manch einen Mann in die Irre.“ Ferner wirken mit: „Auch die Dämonen des Schreckens, der Furcht und die lechzende Zwietracht, sie, des mordenden Ares vebündete Freundin und Schwester. Anfangs ist sie noch klein und erhebt sich kaum, doch in Bälde stemmt sie gegen den Himmel das Haupt und geht auf die Erde“ (IV 440ff).
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Kullmann, „Das Wirken der Götter in der Ilias“, S. 53
14 Inwiefern diese von der Nacht (XIV 259) differiert, konnte ich nicht ermitteln.
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Arbeit zitieren:
Michael Rösel, 1995, Der Götterapparat in der Ilias, München, GRIN Verlag GmbH
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