Abstract
In der gebauten Umwelt findet die Kultur einer Gesellschaft ihren Ausdruck. Ihre Werte, Ästhetik, Strukturen, Technologien, das Verhalten der Menschen und die menschlichen Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft sind alle im reichen Erbe der gebauten Umwelt ausgedrückt. Dies reicht von Konstruktionsdetails und Handwerk über das Baumaterial, die Bautechniken und die architektonische Komposition bis hin zum Design der Städte. In der gebauten Umwelt finden auch bereits umgesetzte Innovationen und der wachsende Wohlstand ihren materiellen Ausdruck. Das Bild der gebauten Umwelt unterliegt andauernden technischen, gesellschaftlichen und biosphärischen Änderungen, die sich über Trends und Megatrends identifizieren lassen.
Unternehmen der deutschen Bauindustrie sind direkt von den neuen Anforderungen der gebauten Umwelt betroffen. Verborgen in den einzelnen Trends oder in deren Kombination liegen die potentielle Nachfrage sowie der dazugehörige Markt. Bekannte Megatrends sind beispielsweise der Klimawandel, das Umsteuern bei Ressourcen und Energie, die Globalisierung, neue Mobilitätsmuster sowie der demographische Wandel. Doch wie wirken sich diese Zukunftstreiber auf die gebaute Umwelt aus? Und kann der Status Quo der deutschen Bauindustrie die Zukunft zufriedenstellend bedienen? Wie muss eine kompetente, lösungsfähige und kundenorientierte Bauindustrie aufgestellt sein, um die Bedürfnisse der zukünftigen Marktbedingungen zu decken?
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Entwicklung verschiedener Szenarien darüber, wie die gebaute Umwelt im Jahr 2050 aussehen könnte und welche Herausforderungen sie an die Unternehmen der deutschen Bauindustrie stellt, aber auch die Erörterung der Chancen, die sich hieraus für den Wirtschaftszweig ergeben. Aus den entwickelten Szenarien werden sowohl strategische Handlungsoptionen zum Verhalten im Wettbewerb entwickelt, als auch die notwendigen Managementkompetenzen, welche es in die Unternehmen zu integrieren und zu implementieren gilt, abgeleitet.
Eine allgemeine Einführung in die Thematik in Kapitel 1, die das Wesen der gebauten Umwelt und der deutschen Bauindustrie beleuchtet, sensibilisiert den Leser für die Problemstellung der vorliegenden Arbeit. In Kapitel 2 werden aufbauend auf ausgewählten Megatrends mit Hilfe von Expertenmeinungen und -interviews unterschiedliche Szenarien dafür entwickelt, wie die gebaute Umwelt im Jahr 2050 aussehen könnte.
Kapitel 3 wechselt in die Perspektive der deutschen Bauindustrie: Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich aus dem Zukunftsbild der gebauten Umwelt für Unternehmen der deutschen Bauindustrie? Eine abschließende SWOT-Analyse bildet die Grundlage für die Gewinnung strategischer Handlungsoptionen in Kapitel 4. Da in Zeiten des Wandels der Führung eines Unternehmens besondere Bedeutung zukommt, werden anschließend die wichtigsten Managementfunktionen bestimmt, die ein stabiles Unternehmen der Zukunft beherrschen muss.
Das Fazit in Kapitel 5 schließt zusammenfassend und ausblickend die Gedanken der vorliegenden Arbeit ab.
I
Summary
The culture of a society is being reflected in its built surroundings. Its values, aesthetics, structures, technologies, people’s actions and human interactions within a society are all being expressed in the opulent heritage of the built environment. This can be seen in constructional details, craftsmanship, materials, techniques and architectural composition and urban design. Implemented innovations and a growth in wealth are being materially expressed in built structures and their appearance is subject to constant technical, societal and biospheral change that can be identified in trends and mega trends.
German construction enterprises are influenced directly by new requirements of the built environment. Potential demand and its associated market are hidden in the specific trends or their combination. Well-known mega trends are climate change, redirection in uses of resources and energy, globalisation, new patterns of mobility and demographic change. But how do those future drivers affect the built surroundings? Can the German constructional industry serve future demands satisfactorily? How must a competent, able to provide solutions and customer-oriented constructional business be organised, in order to meet the future market’s needs?
Objective of this master’s thesis is to develop various scenarios how the built environment could be shaped in 2050 and what challenges the German construction industry must face, but also to demonstrate the opportunities for this economic sector. Strategic courses of action in the competition and necessary managerial competences that must be integrated and implemented in the businesses are being derived from the different scenarios.
The reader will be sensitised of the problem raised in this work in chapter 1 in which a general introduction shines a light on the character of the built environment and German building industry. In chapter 2 an outlook on built structures in 2050 is being constructed with the help of different scenarios developed based on mega trends, expert opinions and interviews of experts.
Chapter 3 changes to the perspective of German construction business and raises the question of challenges and opportunities for German enterprises due to the future of the built environment. A conclusive SWOT analysis serves as a basis to develop strategic courses of action in chapter 4. The management of a corporation is especially essential in times of change. Therefore managerial functions necessary to provide a stable business in the future are being identified.
Chapter 5 summarises the most important findings and concludes with an outlook.
II
Inhaltsverzeichnis
Abstract I
Summary II
Inhaltsverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis V
Tabellenverzeichnis VI
Abk ürzungsverzeichnis VII
1 EINLEITUNG 1
1.1 Hintergrund und Veranlassung 1
1.2 Problemstellung und Zielsetzung 5
1.3 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit 7
2 PERSPEKTIVE DER GEBAUTEN UMWELT 2050 8
2.1 Megatrends 8
2.1.1 Klimawandel 10
2.1.2 Umsteuern bei Ressourcen und Energie. 14
2.1.3 Globalisierung 19
2.1.4 Demographischer Wandel. 20
2.1.5 Neue Mobilitätsmuster und Verkehrsentwicklung 27
2.1.6 Wissen und Information 29
2.1.7 Individuum und Gesellschaft 30
2.2 Zukunftsszenarien 32
2.2.1 Natur und gebaute Umwelt 33
2.2.2 Energieversorgung 36
2.2.3 Stadt und Raum 41
2.2.4 Wohnen und Bauen 48
2.2.5 Verkehr und Mobilität 55
3 PERSPEKTIVE DER DEUTSCHEN BAUINDUSTRIE 61
3.1 Herausforderungen und neue Märkte 61
3.1.1 Sicherung der Daseinsvorsorge 61
3.1.2 Bestandsorientierte Siedlungsentwicklung 70
3.1.3 Ökologie und Nachhaltigkeit 75
III
3.1.4 Markt- und Kundenorientierung 84
3.1.5 Bildung als Schlüsselelement 88
3.2 SWOT-Analyse 90
4 ZUKUNFT ERFOLGREICH GESTALTEN 93
4.1 Strategische Handlungsoptionen 93
4.1.1 Marktorientierte Strategien 94
4.1.2 Zusammenarbeit von Unternehmen und Branchen 98
4.1.3 Erschließung neuer Märkte 106
4.2 Managementkompetenzen 108
5 FAZIT 115
5.1 Zusammenfassung 115
5.2 Ausblick 117
Quellenverzeichnis IX
IV
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Strategische Handlungsfelder und Stoßrichtungen in der Bauwirtschaft
Abbildung 2: Strukturanalyse der deutschen Bauindustrie
Abbildung 3: Produzentenanteile Bauinvestitionen (jew. Preise)
Abbildung 4: Modell der Zukunftsfaktoren
Abbildung 5: Entwicklung Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2050
Abbildung 6: Modellvergleich: Jahresmitteltemperatur in Deutschland
Abbildung 7: Rohstoffproduktivität und Wirtschaftswachstum
Abbildung 8: Entwicklung der Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Energien und des
Bruttostromverbrauchs in Deutschland bis 2050
Abbildung 9: Prognostizierte Entwicklung der Bevölkerungszahl von 1950 bis 2060
Abbildung 10: Künftige Bevölkerungsdynamik 2008 bis 2025
Abbildung 11: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 2008 und 2060
Abbildung 12: Zusammensetzung der Privathaushalte nach Haushaltsgröße
Abbildung 13: Trend der Siedlungsflächenentwicklung 2000 bis 2020
Abbildung 14: Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens
Abbildung 15: Extreme Wetterereignisse richten schwere Schäden an
Abbildung 16: Übersicht über den Ausschöpfungsgrad der erneuerbaren
Energiepotentiale
Abbildung 17: Ausbau des Stromnetzes in Deutschland
Abbildung 18: Urbane Erholung - Grünanlagen als „Kälteinseln“
Abbildung 19: Shared Space: Ortsmittelpunkt 2008 und nach dem Umbau
Abbildung 20: Smart Cities: Mobilität - ökologischer Fußabdruck - Städtische Aktivität
Abbildung 21: Neue Nutzergruppen suchen individuell anpassbaren Wohnraum
Abbildung 22: Plusenergiewohnhaus mit Solardach und -lamellen
Abbildung 23: Aktive Energieerzeugung kombiniert mit Energie sparender Bautechnik
Abbildung 24: Anforderungen an neue Materialien
Abbildung 25: Der Weg zum Erfolg
Abbildung 26: Kooperationssystem der deutschen Bauindustrie
Abbildung 27: Kooperationsnetzwerk - Virtuelles Unternehmen
Abbildung 28: Vision im „Leitbild Bau“ und daraus abgeleitete Managementkompetenzen
V
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Mögliche Wirkungen des Klimawandels in ausgewählten Sektoren 13
Tabelle 2: Schutzgüter und -ziele des Nachhaltigen Bauens 78
Tabelle 3: SWOT-Analyse der deutschen Bauindustrie 92
VI
Einleitung - Hintergrund und Veranlassung
1 EINLEITUNG
1.1 Hintergrund und Veranlassung
Neben der Langlebigkeit von Bauwerken erfüllt die Bauwirtschaft das Grundbedürfnis des Wohnens und schafft über die Infrastruktur die Basis für die Warenproduktion und das Angebot von Dienstleistungen. Im Zuge dessen ist sie als Voraussetzung von Produktion, Vertrieb und Warenverwendung sowie der Erbringung von Dienstleistungen eng mit anderen Wirtschaftszweigen verbunden. Die zukünftige Entwicklung der Bauindustrie ist auf-grund ihrer wichtigen Stellung innerhalb der deutschen Volkswirtschaft von entscheidender Bedeutung. 1 Dabei sind die Unternehmen der Bauindustrie insbesondere von einem durch Trends permanent beeinflussten Markt betroffen, der gebauten Umwelt. Das Bild der gebauten Umwelt wird nachhaltig durch die Zukunftstreiber der Umwelt, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft verändert.
Im Jahr 2050 sind die „peaks“ der globalen Megatrends, „peak oil“, Bevölkerungswachs- tumund Urbanisierungsgrad, gerade auf dem Scheitelpunkt oder bereits überschritten. Die Treibhausgasemissionen müssen bis zu diesem Zeitpunkt auf ein Minimum beschränkt sein, um die Folgen des Klimawandels in Grenzen zu halten. 2 Doch wie wird sich diese Entwicklung auf die gebaute Umwelt im Jahr 2050 in Deutschland auswirken? Und kann der Status Quo der deutschen Bauindustrie die Zukunft zufriedenstellend bedienen? Wie muss eine kompetente, lösungsfähige und kundenorientierte Bauindustrie aufgestellt sein, um die Bedürfnisse der zukünftigen Marktbedingungen bedienen zu können?
Um für diese Problemstellung ein Gespür zu entwickeln sowie im Verlauf der vorliegenden Arbeit mögliche Antworten auf diese Fragen zu finden, folgt an dieser Stelle als Einführung in die Thematik eine kurze Charakterisierung der Merkmale der gebauten Umwelt sowie der derzeitigen Situation und Struktur der Bauindustrie.
1.1.1 Merkmale der gebauten Umwelt
Nach Karl Marx stehen der Mensch und die ihn umgebende Welt, seine Umwelt, in Wechselbeziehung zueinander. Dabei wird die Umwelt im gleichen Maße vom Menschen ge-formt wie der Mensch von der Umwelt. Die sichtbaren, gegenständlichen Resultate der direkt wirksamen Beziehung zwischen Mensch und Umwelt sind beispielsweise Städte, Gemeinden, Industriegebiete, Parks, Bergwerke, Straßen und Kanäle. Die Gesamtheit der Umweltgestaltung bezeichnet man als die gebaute Umwelt. 3
Die gebaute Umwelt ist somit ein fester Bestandteil der alltäglichen Lebenswelt, sie prägt die menschliche Sinneswahrnehmung und Entwicklung. Sie spiegelt das Selbstverständnis und die Werthaltungen einer Gesellschaft wider, ihr kulturelles Erbe und die Achtung der Geschichte sowie auch ihre Leistungsfähigkeit und ihren Modernisierungswillen. In
1 Vgl. Pekrul (2006), S. 6.
2 Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung (2011a), S. 9.
3 Vgl. Karl Marx (1818 - 1883), Philosoph, Nationalökonom und Journalist.
1
Einleitung - Hintergrund und Veranlassung
diesem Zusammenhang muss die gebaute Umwelt bereits in ihrem Erscheinungsbild bestimmte Qualitäten zum Ausdruck bringen: Funktionstüchtigkeit, Wirtschaftlichkeit und Gebrauchsnutzen ebenso wie Offenheit, Formenvielfalt und Gestaltqualität, regionale und nationale Identität sowie Umweltbewusstsein und soziale Integration. 4
Dabei unterliegt die gebaute Umwelt andauernden technischen, gesellschaftlichen und biosphärischen Änderungen. Trotz der hohen Lebensdauer sämtlicher Infrastrukturen muss sie die Nachfrage der Nutzer bedarfsgerecht und rechtzeitig bedienen. Ein Anspruch bei der zukunftsverträglichen und nachhaltigen Entwicklung der gebauten Umwelt ist hierbei die Verknüpfung sozialer, wirtschaftlicher, ökologischer, kultureller und planerischer Aspekte. 5 Darüber hinaus finden in der gebauten Umwelt umgesetzte Innovationen und wachsender Wohlstand einer Gesellschaft ihren materiellen Ausdruck. 6 Die Planung und Gestaltung der gebauten Umwelt trägt maßgeblich zur Identität von Städten, Ortschaften und einzelnen Quartieren bei und muss sich in einer Zeit demographischen Wandels mehr denn je als anpassungsfähig erweisen. 7
Nachhaltigkeit ist die Forderung des 21. Jahrhunderts. Dabei befriedigt eine nachhaltige Entwicklung die Bedürfnisse der heutigen Generation, ohne die Chancen zukünftiger Generationen zu gefährden. Dies betrifft gleichermaßen die Befriedigung sozialer und ökonomischer Bedürfnisse und damit die Schonung der natürlichen Lebensgrundlage. 8
1.1.2 Die deutsche Bauindustrie
Die Bauwirtschaft im engeren Sinne umfasst das Bauhauptgewerbe und das Ausbaugewerbe. Hierbei wird das Bauhauptgewerbe in Bauindustrie und Bauhandwerk unterteilt. 9 Laut des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie e.V. wird der Begriff „Bauindustrie“ jedoch zumeist synonym für das „Bauhauptgewerbe“ verwendet. 10 Nach der nationalen Klassifikation der Wirtschaftszweige umfasst das Bauhauptgewerbe diejenigen Wirtschaftszweige, die sich überwiegend mit Arbeiten im Hoch- und Tiefbau sowie spezialisierten Bautätigkeiten, wie zum Beispiel Zimmerei und Ingenieurholzbau, beschäftigen. 11
Im Jahr 2005 hatte die Bauwirtschaft mit einem Bauvolumen von 235 Milliarden Euro die Talsohle einer langjährigen rückläufigen Entwicklung erreicht, seitdem legen die Umsätze wieder zu. Zwar kam es während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 zu einem leichten Rückgang der Bauaktivitäten, allerdings haben die zur Krisenlinderung verabschiedeten Konjunkturpakete wirksame Wachstumsimpulse für die Branche gesetzt. 12
4 Vgl. Deutscher Bundestag (2002), S. 1f.
5 Vgl. BMBF (2002), S. 7.
6 Vgl. ZDB (2009), S. 4.
7 Vgl. BMBF (2002), S. 7.
8 Vgl. Eberl (2011), S. 33.
9 Vgl. Pekrul (2006), S. 8.
10 Vgl. Hauptverband der deutschen Bauindustrie e.V. (o.J.).
11 Vgl. Statistisches Bundesamt (2008), S. 2.
12 Vgl. UniCredit Bank AG (2011), S. 6.
2
Einleitung - Hintergrund und Veranlassung
Eine aktuelle Roland-Berger-Studie prognostiziert dem deutschen Bauvolumen auch zukünftig ein moderates Wachstum, das langfristig positiv ausfallen soll. 13
Die Geschäftsmodelle in der deutschen Bauwirtschaft lassen sich anhand der bedienten Segmente, der Aktivitäten entlang der Wertschöpfungskette sowie Größe und geographischer Ausrichtung eines Unternehmens charakterisieren (Abbildung 1).
Abbildung 1: Strategische Handlungsfelder und Stoßrichtungen in der Bauwirtschaft Quelle: UniCredit Bank AG (2011), S. 15.
Anhand dieser Merkmale lassen sich fünf Typen von Geschäftsmodellen identifizieren: 14
(1) Internationale Konzerne decken gleichzeitig viele verschiedene Segmente im Hoch- und Tiefbau sowie Wertschöpfungsaktivitäten ab, ihre Umsätze liegen oft bei über einer Milliarde Euro.
(2) Breit aufgestellte Mittelständler hingegen richten sich auf den nationalen Markt aus und haben einen geringeren Umsatz.
(3) Lokale/regionale Bauunternehmen sind deutlich kleiner, jedoch ebenfalls mit einer Vielzahl von Aktivitäten entlang der Wertschöpfungskette und bedienten Segmenten (Wohnungsbau, lokaler Tiefbau, Renovierung) vertreten. Sie stellen hinsichtlich ihrer Anzahl die größte Gruppe unter den Unternehmen der deutschen Bauwirtschaft.
(4) Im Gegensatz zu den genannten drei Geschäftsmodellen fokussieren sich die Spezialisten im klassischen Bau auf bestimmte Segmente (Schienen-, Wasser-, Fertigbau) und/oder Aktivitäten entlang der Wertschöpfungskette (Projektplanung, -finanzierung).
(5) Spezialisten der Gebäudetechnik bieten im Wesentlichen die Bauausführung spezifischer Gebäudetechnik in bestimmten Segmenten an.
13 Vgl. UniCredit Bank AG (2011), S. 10.
14 a.a.O., S. 15f.
3
Einleitung - Hintergrund und Veranlassung
Die Struktur des Bauhauptgewerbes in Deutschland ist kleinteilig, rund 90 % der Betriebe haben weniger als 20 Beschäftigte. Allerdings vereinen die etwa 1 % aller Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten rund 20 % aller Beschäftigten auf sich. 15
Die Unternehmen der jeweiligen Geschäftsmodelle stehen aufgrund schwieriger Rahmenbedingungen enorm unter Druck. Abbildung 2 zeigt diejenigen Faktoren, die zu der hohen Wettbewerbsintensität zwischen den Bauunternehmen führen.
Abbildung 2: Strukturanalyse der deutschen Bauindustrie
Quelle: UniCredit Bank AG (2011), S. 11.
Auf der einen Seite haben Bauunternehmen eine relativ geringe Verhandlungsmacht gegenüber ihren Lieferanten, auf der anderen Seite ist die Verhandlungsstärke der Abnehmer in der Bauindustrie jedoch besonders hoch. Darüber hinaus erhalten Bauunterneh- menKonkurrenz durch neue „Wettbewerber“. Ersatzprodukte verstärken den Wettbewerb im Baugewerbe zusätzlich.
Die Branche unterliegt einem starken Strukturwandel, in dessen Folge sich zwischen den einzelnen Bereichen der Wertschöpfungskette Bau teils erhebliche Verschiebungen ergeben haben. So entwickelten sich die Branchen im Umfeld des Bauhauptgewerbes deutlich günstiger als der Kernbereich der Bauwirtschaft (Abbildung 3). 16
15 Vgl. ZDB (2011), S. 23f.
16 Vgl. Bosch (2007), S. 9.
4
Einleitung - Problemstellung und Zielsetzung
Abbildung 3: Produzentenanteile Bauinvestitionen (jew. Preise)
Quelle: ZDB (2011), S. 11.
Während das Bauhauptgewerbe von 1995 bis 2010 fast 11 %-Punkte an Bauinvestitionen verloren hat, haben das Ausbaugewerbe und die übrigen Produzenten (verarbeitendes Gewerbe, Dienst- und Eigenleistungen) diese Anteile hinzugewonnen. 17 Diese Zahlen drücken die langfristigen Veränderungen in der Baunachfrage sowie in der Bauproduktion aus: Verschiebungen von der Produktion hin zu den begleitenden Dienstleistungen, vom Bau selbst hin zu Instandhaltung und Wartung sowie von der direkten Herstellung von Gebäuden in die Vorfertigung von Teilen. 18
1.2 Problemstellung und Zielsetzung
Das Bild der gebauten Umwelt unterliegt andauernden technischen, gesellschaftlichen und biosphärischen Änderungen, die sich ihrerseits über Trends und Megatrends identifizieren lassen. Unternehmen der deutschen Bauindustrie wiederum sind direkt von den Entwicklungen auf dem Markt der gebauten Umwelt betroffen. Verborgen in den einzelnen Trends oder in deren Kombination sind die potentielle Nachfrage sowie der zuständige Markt. 19 Untersuchungen des Strukturwandels in der Wertschöpfungskette Bau zeigen, dass das Modell der Bauwirtschaft überdacht werden muss. Aufgrund der Konzentration auf die technische Qualität der Produkte wurden die Effektivierung der Prozesse und die Kundenorientierung vernachlässigt. Im Übergang zu einem Nachfragermarkt stellt dies die Unternehmen bei der aktiven Erschließung von Märkten und der konsequenten Umsetzung von Innovationen vor erhebliche Schwierigkeiten. 20
Die Bauwirtschaft wird bei der Erreichung von ehrgeizigen Zielen im Klimaschutz und bei der Ressourcenschonung sowie bei der notwendigen Anpassung in Wohnungen und Infrastruktur aufgrund der demographischen Entwicklung eine zentrale Rolle mit hoher
17 Vgl. ZDB (2011), S. 10.
18 Vgl. Bosch (2007), S. 9.
19 Vgl. van Someren (2005), S. 57.
20 Vgl. Bosch (2007), S. 15f.
5
Einleitung - Problemstellung und Zielsetzung
Bedeutung für das wirtschaftliche Wachstum in Deutschland spielen. 21 Bauen ist Zukunft, und so ist auch die gemeinsame strategische Vision der Wertschöpfungskette Bau im „Leitbild Bau“ aus dem Jahr 2009 die Vision einer zukunftsorientierten Branche:
„Unsere Vision ist eine kompetente und lernende Wertschöpfungskette Bau mit innovativen Unternehmen und qualifiziertem Personal, die in unterschiedlichen Koo-perationsformen und Netzwerken ihren Kunden maßgeschneiderte und umfassende Leistungen mit hoher Qualität liefert.“ 22
Die theoretische Umsetzung ihrer Vision wird von den Akteuren der Planungs- und Bauwirtschaft im Leitbild Bau angesprochen. Das Tempo der wirtschaftlichen Veränderungen soll aktiv aufgenommen und die Innovationsfähigkeit der Branche erhalten und darüber hinaus erhöht werden. 23 Jedoch muss dieses in Worte gefasste Leitbild jetzt in die Praxis umgesetzt und mit Leben gefüllt werden. Nur dann verbessert sich das Ansehen der Branche bei Kunden, in der Öffentlichkeit und Politik sowie auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig. 24 Bereits heute kann die Zukunft gestaltet werden, wenn die Megatrends zur erfolgreichen Positionierung eines Unternehmens genutzt werden, so dass die gesamte Wertschöpfungskette Bau, in deren Zentrum die Bauwirtschaft selbst steht, weiterhin mit etwa 10 % der Bruttowertschöpfung ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Deutschland bleibt und auch zukünftig etwa 12 % aller Sozialversicherungspflichtigen beschäftigen kann. 25
Um bereits heute die Zukunft aktiv zu gestalten ist es erforderlich, dass sich die deutsche Bauindustrie sowohl den neuen Anforderungen und wachsenden Herausforderungen aus der oben zitierten Vision im „Leitbild Bau“ stellt als auch sich der Megatrends als langfristige und übergreifende Transformationsprozesse im Zusammenhang bewusst wird und ihnen strategisch begegnet. Die Stärkung des Bewusstseins der vielen Unternehmen in der Wertschöpfungskette Bau für eine verbesserte Zusammenarbeit und für gemeinsame Entscheidungen und Darstellungen nach außen helfen ihnen, den vielfältigen neuen An-forderungen gerecht zu werden. 26
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, verschiedene Szenarien zu entwickeln, an denen verdeutlicht wird, wie die gebaute Umwelt im Jahr 2050 aussehen könnte. Aus diesen entwickelten Szenarien sollen Strategien zum Verhalten im Wettbewerb sowie notwendige Managementkompetenzen, welche es in den Unternehmen zu integrieren und zu implementieren gilt, abgeleitet werden. Die Ergebnisse sollen den Unternehmen der deutschen Bauindustrie dabei helfen, die Megatrends und damit verbundene Herausforderungen in Deutschland zu erkennen, die Erfordernisse der gemeinsamen Vision im „Leitbild Bau“ zu realisieren und sich anschließend erfolgreich für die Zukunft zu positionieren.
21 Vgl. ZDB (2009), S. 7.
22 ZDB (2009), S. 5.
23 Vgl. ZDB (2009), S. 4.
24 a.a.O., S. 15.
25 a.a.O., S. 3.
26 a.a.O., S. 8.
6
Einleitung - Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit
1.3 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit
Kapitel 1 beginnt mit der Problemstellung, die den Hintergrund sowie die Motivation der Arbeit skizziert. Hieran schließen sich die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit sowie eine Beschreibung des weiteren Vorgehens an.
Kapitel 2 widmet sich verschiedenen Perspektiven für das Jahr 2050. Bekannte Megatrends, die unser aller Leben in den nächsten Jahren nachdrücklich beeinflussen, werden zusammen mit ihren jeweiligen Auswirkungen charakterisiert. Auf den beschriebenen Zukunftstreibern basierend werden mit Hilfe von Expertenmeinungen und -interviews unterschiedliche Szenarien entwickelt, die veranschaulichen, wie die gebaute Umwelt im Jahr 2050 aussehen könnte, wenn man alle derzeit bekannten Parameter berücksichtigt und deutet. Ein Leitfaden mit offenen Fragen und einem weiten möglichen Antwortrahmen diente als strukturierender Orientierungsrahmen für die Experteninterviews. Auf diesem Weg wurden aus dem Blickwinkel der befragten Experten die Auswirkungen der Megatrends sowie Handlungserfordernisse und mögliche Strategien erfragt.
Kapitel 3 wechselt in die Perspektive der deutschen Bauindustrie: Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich aus dem Zukunftsbild der gebauten Umwelt für Unternehmen der deutschen Bauindustrie? Neue Märkte werden aufgezeigt und beschrieben sowie die Bedürfnisse an neue Marktprodukte und Dienstleistungen abgeleitet. Die wesentlichen Ergebnisse hinsichtlich der Stärken und Schwächen der deutschen Bauindustrie sowie den sich daraus ergebenden Chancen und Risiken bezüglich der externen Ein-flussfaktoren werden abschließend in einer SWOT-Analyse gegenübergestellt.
Diese bildet die Grundlage für die Gewinnung strategischer Handlungsoptionen in Kapitel 4. Denn die Zukunft der Unternehmen in der deutschen Bauindustrie wird wesentlich von ihrer Fähigkeit abhängen, flexibel zu reagieren und sich den externen Bedingungen anzupassen. Da in Zeiten des Wandels der Führung eines Unternehmens besondere Bedeutung zukommt, werden anschließend die wichtigsten Managementfunktionen bestimmt, die ein stabiles Unternehmen der Zukunft beherrschen muss.
Das Fazit in Kapitel 5 schließt zusammenfassend und ausblickend die Gedanken der vorliegenden Arbeit ab.
7
Perspektive der gebauten Umwelt 2050 - Megatrends
2 PERSPEKTIVE DER GEBAUTEN UMWELT 2050
In der gebauten Umwelt findet die Kultur einer Gesellschaft ihren Ausdruck. Die Werte, Ästhetik, Strukturen, Technologien, das Verhalten und die menschlichen Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft sind alle in dem reichen Erbe der gebauten Umwelt ausgedrückt, von Konstruktionsdetails und Handwerk über das Baumaterial, die Bautechniken und die architektonische Komposition bis zum Design der Städte. 27 Über die gebaute Umwelt hat das Bauwesen weit über die ökonomischen Aspekte hinaus eine grundlegende soziale, ökologische und kulturelle Relevanz. Doch wie wird die gebaute Umwelt im Jahr 2050 aussehen?
2.1 Megatrends
„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ 28
Der Blick in die Zukunft ist stets durch Ungewissheit geprägt. Die Vorstellung von der Zukunft hängt immer erheblich von dem derzeitigen Wissensstand ab. Aufbauend auf den Daten der Vergangenheit kann man unter Berücksichtigung von Randbedingungen und weiteren Annahmen Vermutungen über die Zukunft generieren - allerdings mit der Unsicherheit über den exakten Verlauf und die dadurch entstehende Bandbreite der Entwicklung. 29 So bestehen Trends auf der einen Seite aus Fakten, Daten und dokumentierten In-formationen. Auf der anderen Seite sind sie Projektionen der Zukunft, geprägt durch Visionen, Einschätzungen und Vermutungen. 30
„Megatrend“ 31 oder „Zukunftsfaktor“ ist immer ein langfristiger und übergreifender Trans-formationsprozess, der sich in dreierlei Hinsicht von dem Begriff „Trend“ abhebt: 32
(1) Zeithorizont: Der Megatrend ist über einen Zeitraum von Jahrzehnten zu beobachten.
(2) Reichweite: Sein Geltungsbereich umfasst alle Weltregionen und alle Akteure.
(3) Wirkungsstärke: Er bewirkt tiefgreifende, mehrdimensionale Umwälzungen aller gesellschaftlichen Teilsysteme.
Megatrends ermöglichen es zudem, die unterschiedlichsten Phänomene der Trends, Themen und Gesetzmäßigkeiten des Wandels sowie der menschlichen Triebkräfte, in einem einzigen Gedanken zu erfassen. 33 Die Zukunftsfaktoren als Treiber des Wandels
27 Vgl. Bauhaus-Universität Weimar (2009).
28 Mark Twain (1835 - 1910), Schriftsteller.
29 Vgl. Pillkahn (2007), S. 125.
30 a.a.O., S. 127.
31 Der Begriff „Mega-Trend“ ist in der Soziologie und Zukunftsforschung gleichbedeutend mit „Zu-kunftsfaktor“. [Vgl. Mićić (2007), S. 64].
32 Vgl. Z_punkt GmbH (2008), S. 4.
33 Vgl. Mićić (2007), S. 64.
8
Perspektive der gebauten Umwelt 2050 - Megatrends
werden nach Mićić auf drei Ebenen klassifiziert, als: Grundlegende, Verstärkende und Resultierende Zukunftsfaktoren (Abbildung 4).
Abbildung 4: Modell der Zukunftsfaktoren
Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Mićić (2007), S. 67.
Grundlegende menschliche und biosphärische Zukunftsfaktoren verursachen gemeinsam mit den verstärkenden technologischen und politischen Zukunftsfaktoren wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, die ihrerseits wieder als Zukunftsfaktor wirken können.
Megatrends prägen als wirkungsmächtige Einflussgrößen die Märkte der Zukunft. Die Globalisierung von Wirtschaft und Kultur, die Bevölkerungsentwicklung und die zunehmende Lebenserwartung, die Verstädterung sowie der Klimawandel und die Durchdringung aller Lebensbereiche mit Informations- und Kommunikationstechnologien sind bereits relevante strategische Themen in den Zentralen vieler Konzerne. 34
Die folgenden Kapitel bieten einen Überblick über ausgewählte relevante Megatrends der Zukunft. Des Weiteren werden die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Trends herausgearbeitet. Die gewählte Reihenfolge orientiert sich hierbei an dem vorgestellten Modell der Zukunftsfaktoren (Abbildung 4), wie oben beschrieben von den ursächlichen Megatrends hin zu den resultierenden.
34 Vgl. Z_punkt GmbH (2008), S. 3.
9
Perspektive der gebauten Umwelt 2050 - Megatrends
2.1.1 Klimawandel
In der öffentlichen Wahrnehmung und auf politischer Ebene hat kaum einer der Megatrends des globalen Wandels eine solch große Bedeutung erlangt wie der Klimawandel. Dabei ist er kein neues Phänomen. Neu an der gegenwärtigen Entwicklung sind allerdings das Tempo der klimatischen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten und das Tempo, in dem dieser Prozess voraussichtlich verlaufen wird. 35 Wesentliches Kennzeichen ist die Erwärmung der Erdatmosphäre. 36 Hierbei ist inzwischen der menschliche Einfluss unumstritten - deswegen nennt man diesen Klimawandel auch anthropogenen Klimawandel. Maßgebliche Größe des Klimawandels ist der vom Menschen verursachte Anstieg der Treibhausgase 37 in der Atmosphäre. 38 Verursacht wird dieser durch das Wachstum der Weltbevölkerung und die wirtschaftliche Expansion, primär durch die Erzeugung und Verbrennung fossiler Brennstoffe, die Ausweitung der Landwirtschaft sowie die fortschreitende Entwaldung großer Flächen. 39
Da Klimaveränderungen 40 weltweit zu beobachten sind, ist Umweltschutz eine globale Aufgabe. Über das exakte Ausmaß, die zu erwartende Stärke und regionale Verteilung der Auswirkungen wird noch diskutiert. Nichtsdestotrotz kommt es heute darauf an, die notwendige Trendänderung zugunsten des Klimaschutzes frühzeitig einzuleiten. 41 Selbst wenn man sofort alle CO 2 -Emissionen einstellen könnte, würde es noch 50 bis 60 Jahre dauern, bis der Temperaturanstieg aufhört. 42 International anerkanntes Ziel ist es, die globale Erwärmung bis 2100 auf höchstens 2°C gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. 43 Für Deutschland und andere Industrieländer bedeutet dies, aufgrund ihrer historischen Verantwortung und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 zwischen 80 % und 95 % zu reduzieren. 44
Beim internationalen Klimaschutz nimmt Deutschland eine Führungsrolle ein. Seit 1990 gehen die Treibhausgasemissionen in Deutschland zurück (Abbildung 5). Neben der Klimapolitik ist diese Entwicklung auch auf die wirtschaftliche Umstrukturierung in den neuen Bundesländern zurückzuführen. Hier wurden zum einen veraltete emissionsintensive
35 Vgl. Grömling/Haß (2009), S. 41.
36 Mićić (2007), S. 101.
37 Darunter fallen Kohlendioxid, Methan, Distickstoffoxid, teilfluorierte Kohlenwasserstoffe, fluorierte Kohlenwasserstoffe und Schwefelhexafluorid. [Vgl. UBA (2011b), S. 2].
38 Vgl. UBA (2008), S. 4.
39 Vgl. OECD (2008), S. 142.
40 Zwischen 1906 und 2005 stieg die globale bodennahe Mitteltemperatur um 0,74°C. Gebirgsgletscher und Schneebedeckung nahmen auf der Nord- und Südhalbkugel ab. Der Meeresspiegel stieg im 20. Jahrhundert um etwa 17 cm. [UBA (2008), S. 4].
41 Wissenschaftler erwarten einen Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 um 1,8 bis 4,0°C, wenn die Menschheit weiter ungebremst klimaschädliche Gase in die Atmosphäre entlässt. Der Meeresspiegel könnte um 18 bis 59 cm steigen. [Vgl. BMU (2009), S. 12f.].
42 Vgl. Eberl (2011), S. 28.
43 Vgl. UBA (2011a), S. 3.
44 Vgl. UBA (2011b), S. 4.
10
Perspektive der gebauten Umwelt 2050 - Megatrends
Energieträger stillgelegt, zum anderen konnte die Energieeffizienz gesteigert werden. Auch der deutliche Rückgang der Emissionen im Jahr 2009 ist in erster Linie nicht auf klimapolitische Maßnahmen, sondern auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen. 45
Die Bundesregierung hat sich 2009 im Vorfeld der Klimaverhandlungen von Kopenhagen das Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 % gegenüber 1990 zu reduzieren. 46,47 Dieses klimapolitische Ziel stellt jedoch nur ein Etappenziel dar: minus 55 % bis 2030, minus 70 % bis 2040 und schließlich minus 80 % bis 95 % bis 2050 (Abbildung 5). 48
Abbildung 5: Entwicklung Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2050 Quelle: UBA (2011b), S. 15.
Abbildung 5 ist darüber hinaus zu entnehmen, dass der Energiesektor den weitaus größten Anteil des Treibhausgasausstoßes in Deutschland verursacht. Folglich erfährt dieser Bereich die meiste Aufmerksamkeit für die Umsetzung der Ziele des Klimaschutzes. 49
Die direkten und indirekten Folgen des Klimawandels werden regional stark unterschiedlich ausfallen. Die Prognosen gehen davon aus, dass sich sowohl Jahreszeiten als auch Klima- und Vegetationszonen verschieben werden. Die extremen Wetterereignisse werden in ihrer Ausprägung zukünftig noch drastischer ausfallen. 50 In Abbildung 6 sind verschiedene regionale Klimamodelle für Deutschland bezüglich der Jahresmitteltemperatur
45 Vgl. UBA (2011b), S. 2. 46 a.a.O., S. 4.
47 Eine Minderung der THG-Emissionen um 40 % bis 2020 im Vergleich zu 1990 bedeutet in absoluten Zahlen eine Reduktion um 499 Mio. t CO 2 -Äquivalente. Davon wurden zwischen 1990 und 2009 schon 326 Mio. t CO 2 -Äquivalente eingespart. [Vgl. UBA (2011b), S. 4].
48 Vgl. Die Bundesregierung (2011a).
49 Vgl. Abschnitt 2.1.2.2 Wandel im Energiesystem, S. 16.
50 Vgl. BMU (2010), S. 45f.
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zusammengefasst, die in den vergangenen 100 Jahren bereits um etwa 0,9°C gestiegen ist. 51
Abbildung 6: Modellvergleich: Jahresmitteltemperatur in Deutschland Quelle: BMU (2009), S. 16.
Die Berechnungen für die Periode 2021 bis 2050 im Vergleich zum Referenzzeitraum 1961 bis 1990 sind in den oberen Bildern dargestellt, die Bilder unten zeigen den Zeitraum 2071 bis 2100. Die Ergebnisse zeigen deutliche Trends. So stimmen drei der Modelle hinsichtlich der Struktur einer sich nach Süden verstärkenden Erwärmung weitgehend überein (für den Zeitraum 2021 - 2050 von 0,5°C bis 1,5°C), zu spüren insbesondere in den Wintermonaten. Nach 100 Jahren hat sich die Erwärmung deutlich erhöht. Für den Zeitraum 2071 - 2100 projizieren die Modelle eine weitere Erwärmung von 1,5°C bis zu 3,5°C im Vergleich zum Referenzzeitraum, in den deutschen Alpenländern auch leicht darüber. Um wie viel Grad das Klima genau ansteigen wird, hängt vor allem davon ab, wie stark die Erdbevölkerung das Treibhaus Erde weiter anheizt. 52
Die Klimamodelle für Deutschland zeigen ferner, dass es weniger Frosttage, mehr heiße Tage und mehr Tropennächte geben wird und dass die Zahl und Dauer von Hitzewellen zunehmen wird. Darüber hinaus werden die Gletscher und Schneebedeckung in den Alpen zurückgehen. Der Meeresspiegel kann bis zum Jahr 2100 im Mittel rund 30 cm höher liegen. 53
Auch bei den Niederschlagsmengen wird der Klimawandel in Deutschland besonders deutlich. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts nahmen die Niederschläge um etwa 9 % zu. Die Niederschlagsmengen bleiben zukünftig zwar über das Jahr gesehen annähernd kon- 51 Vgl.BMU (2009), S. 13.
52 a.a.O., S. 16.
53 Vgl. UBA (2008), S. 5.
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stant, doch ist mit einer Verschiebung des Niederschlagszyklus zu rechnen. So werden die Niederschläge im Sommer bis zum Jahr 2100 um bis zu 40 % abnehmen (insbesondere im Südwesten Deutschlands) und andererseits im Winter nahezu überall um bis zu 40 % zunehmen. 54
Die beschriebenen Temperatur- und Niederschlagsprojektionen lassen zukünftig weitere Klimafolgen erwarten. Dabei wirkt sich der globale Klimawandel neben der Bevölkerungsentwicklung oder der Siedlungsstruktur sowohl auf die Umwelt als auch auf Wirtschaft und Gesellschaft aus. 55 Tabelle 1 zeigt Beispiele für mögliche Wirkungen des Klimawandels in folgenden Sektoren Deutschlands: Gesundheit, Land-, Forst- und Wasserwirtschaft, Naturschutz, Verkehr, Tourismus, Hochwasser- und Küstenschutz sowie der Raum- und Siedlungsentwicklung.
Tabelle 1: Mögliche Wirkungen des Klimawandels in ausgewählten Sektoren Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an UBA (2008), S. 7.
Tabelle 1 verdeutlicht, dass die meisten Gesellschaftsbereiche gegenüber Klimaänderungen mäßig bis hoch anfällig sind. Stellen sich die oben skizzierten Veränderungen ein, so hat dies auch markante Auswirkungen auf die Wirtschaft.
54 Vgl. BMU (2009), S. 16.
55 Vgl. BMU (2010), S. 45f.
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Generell lassen sich aus dem Klimawandel zwei Handlungsoptionen ableiten, die untrennbar miteinander verbunden sind. Zum einen das Abbremsen des Klimawandels durch Verringerung der Treibhaushausemissionen, beispielsweise über Steuern und staatliche Regulierungen oder neue Technik und eine höhere Energieeffizienz. Zum anderen die Anpassung über verschiedene Maßnahmen an jene Folgen des Klimawandels, die bereits heute nicht mehr zu vermeiden sind, zum Beispiel durch Infrastrukturmaßnahmen wie Hochwasserschutzanlagen oder durch Produktinnovationen. 56
2.1.2 Umsteuern bei Ressourcen und Energie
Die zukünftige Veränderung des Klimas ist nicht mehr aufzuhalten, aber das Ausmaß der globalen Erwärmung und ihre Folgen können noch abgeschwächt werden. Jedoch ist die Zeit, innerhalb der ein Umsteuern noch möglich ist, begrenzt. Ein ambitionierter Klimaschutz beinhaltet neben der nachhaltigen Nutzung aller verfügbaren Ressourcen auch die drastische Verringerung der Treibhausgasemissionen.
2.1.2.1 Ressourcenknappheit
Für die wirtschaftliche Entwicklung ist die Nutzung von Rohstoffen unverzichtbar. Dabei stellen die in den letzten Jahren insgesamt stark gestiegenen Rohstoffpreise, Spekulationen auf den Rohstoffmärkten, Währungsschwankungen sowie die Entwicklung von rohstoffintensiven Zukunftstechnologien und die mitunter hohe Konzentration der Weltrohstoffproduktion auf wenige, teils politisch und wirtschaftlich instabile, Länder neue Heraus-forderungen an die von Importen abhängige deutsche und europäische Wirtschaft. Insbesondere die Wettbewerbsverzerrungen auf den internationalen Rohstoffmärkten und die hohe Preisvolatilität schränken die Planungssicherheit der Unternehmen ein. 57
Die steigende Nutzung von Rohstoffen verursacht über ihre gesamte Wertschöpfungskette massive Umweltbelastungen, wie zum Beispiel Emissionen in Boden, Wasser und Luft. 58 Darüber hinaus werden nicht erneuerbare Bodenschätze, die heute verbraucht werden, künftigen Generationen nicht mehr zur Verfügung stehen. Deswegen ist ein sparsamerer Umgang mit Rohstoffen unbedingt erforderlich: 59
„Die Erde benötigt eine Million Jahre, um so viele fossile Brennstoffe zu bilden, wie sie die Menschheit derzeit in einem Jahr verbraucht.“ 60
Der Umfang der Ressourcennutzung hat heutzutage ein Ausmaß erreicht, das weder nachhaltig ist noch dauerhaft beibehalten werden kann. 61 Insbesondere aufgrund des ra-
56 Vgl.Grömling/Haß (2009), S. 43.
57 Vgl. BGR (2010), S. 16.
58 Vgl. UBA (2011a), S. 14.
59 Vgl. Statistisches Bundesamt (2010a), S. 8.
60 UBA (2011a), S. 15.
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santen Wirtschaftswachstums der Schwellenländer, allen voran China 62 , steigt die Rohstoffnachfrage weltweit kontinuierlich. 63 So werden strategische Ressourcen wie fossile Energieträger, Frischwasser, Mineralstoffe und Metalle immer knapper. 64 Daher liegt ein wesentlicher Schlüssel zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft im effizienteren und nachhaltigen Umgang mit den knappen natürlichen Ressourcen der Erde. 65
Abbildung 7 zeigt die Rohstoffproduktivität 66 in Deutschland ab 1994 beziehungsweise, wie effizient die Volkswirtschaft mit nicht erneuerbaren Rohstoffen umgeht. 67 Die deutsche Bundesregierung gibt das Ziel vor, die Rohstoffproduktivität bis zum Jahr 2020 bezogen auf das Basisjahr 1994 zu verdoppeln.
Abbildung 7: Rohstoffproduktivität und Wirtschaftswachstum
Quelle: Statistisches Bundesamt (2010a), S. 8.
Wie Abbildung 7 zeigt, hat sich zwischen 1994 und 2008 die Rohstoffproduktivität insgesamt um 39,6 % erhöht. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im gleichen Zeitraum bei rückläu-
61 DieEntnahme abiotischer und biotischer Rohstoffe ist seit Ende des 2. Weltkrieges kontinuierlich angestiegen und erreichte 2005 das Dreifache der Rohstoffentnahme zu Beginn der 50er Jahre. [Vgl. UBA (2011a), S. 14]. Für 2020 prognostizieren Szenarien eine Rohstoffentnahme von bis zu 80 Mrd. Tonnen. Würden alle Menschen bis 2050 ähnliche Materialverbräuche wie in den Industriestaaten erreichen, stiege der globale Rohstoffverbrauch um das zwei- bis fünffache. [Vgl. BMU (2010), S. 137].
62 China als drittgrößte Volkswirtschaft und Handelsnation gilt als maßgeblicher Treiber der Weltwirtschaft und der Rohstoffnachfrag. [Vgl. BGR (2010), S. 13].
63 Vgl. BGR (2010), S. 9.
64 Vgl. Z_punkt GmbH (2008), S. 20.
65 Vgl. BMU (2010), S. 136.
66 Rohstoffproduktivität = Bruttoinlandsprodukt / Einsatz von abiotischem Primärmaterial im Inland. [Vgl. Statistisches Bundesamt (2010a), S. 70].
67 Vgl. Statistisches Bundesamt (2010a), S. 70.
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figem Materialeinsatz (-11,1 %) um 24,1 %. Die Zunahme der Rohstoffproduktivität rührt jedoch hauptsächlich aus einem Strukturwandel hin zu weniger rohstoffintensiven Branchen. Während die Branchen mit niedrigem Materialverbrauch (z.B. Dienstleistungsbereiche) gewachsen sind, sind materialintensive Branchen eher geschrumpft (z.B. das Baugewerbe 68 ). Allerdings ist zu beachten, dass der Materialeinsatz zunehmend durch Importe gedeckt wird - so hat sich der Anteil importierter Güter am gesamten Primärmaterialeinsatz im genannten Zeitraum von 26 % auf gut 37 % erhöht. Findet dieser Faktor Berücksichtigung, so ist der tatsächliche Produktivitätsfortschritt deutlich geringer. 69
Begrenzte fossile Rohstoffe müssen Schritt für Schritt durch erneuerbare, nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden, sofern dies nicht die Nahrungsmittelerzeugung oder den Erhalt der Biodiversität und der Ökosystemdienstleistungen beeinträchtigt. 70 Die langfristige Verfügbarkeit von Kohle, Erdgas, Uran, Metallrohstoffen und Industriemineralen ist aus geologischer Sicht gegeben, die Erdölvorkommen hingegen sind begrenzt. Allerdings ist nur ein Bruchteil der bestehenden geologischen Rohstoffpotentiale tatsächlich bekannt, da dank fortschreitender technologischer Entwicklungen werden laufend neue Rohstoffvorkommen auf der Erde entdeckt. Ob sie tatsächlich auch wirtschaftlich genutzt werden können, ist maßgeblich eine Frage der Zugänglichkeit und damit der Investitionen und des Rohstoffpreises. 71
Auch in Zukunft werden sich die Zyklizität der Märkte für mineralische Rohstoffe sowie die hohe Preisvolatilität fortsetzen. Darüber hinaus sind weiterhin hohe und volatile Erdölpreise zu erwarten. Auf der anderen Seite wird die Entwicklung von Zukunftstechnologien, beispielsweise die Fortentwicklung regenerativer Energien wie Wind- und Solarkraft, die zukünftige Rohstoffnachfrage stark beeinflussen. 72
2.1.2.2 Wandel im Energiesystem
Eine Wende im Energiesektor muss aus drei Gründen erreicht werden: 73
(1) Fossile Energieträger tragen die Hauptverantwortung für den Klimawandel.
(2) Fossile Energieträger sind endlich und werden nicht auf unbegrenzte Zeit verfügbar und bezahlbar bleiben.
(3) Die noch vorhandenen Vorräte konzentrieren sich auf nur wenige Regionen der Welt, so dass Staaten, die selbst nur über wenige Ressourcen verfügen, erpressbar werden.
68 Zwischen 1994 und 2007 deutlich verminderte Bauaktivitäten und somit verminderter Einsatz von Baurohstoffen (26 % bzw. -211 Mio. t). [Vgl. UBA (2009)].
69 Vgl. Statistisches Bundesamt (2010a), S. 9.
70 Vgl. BMU (2010), S. 138.
71 Vgl. BGR (2010), S. 15f.
72 a.a.O., S. 14f, 18.
73 Vgl. Burmeister/Glockner (2009), S. 28.
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Dem Energiesektor kommt, wie bereits erwähnt, eine Schlüsselfunktion für die Senkung der Treibhausgasemissionen zu. 74 Die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf maximal 2°C erfordert die Reduktion der energiebedingten Kohlendioxidemissionen in der Europäischen Union und Deutschlands um mindestens 90 % und damit den vollständigen Umbau des gesamten Energiesystems. 75 Dieser grundlegende Wandel im Energiesystem, genauer gesagt die Stromerzeugung aus Wind, Sonne, Wasser, Geothermie und Biomasse sowie die effizientere Nutzung und gesteigerte Produktivität von Energie 76 , ist die zentrale Voraussetzung für den Schutz des globalen Klimas und die Schonung wertvoller Ressourcen. Nach und nach werden deshalb fossile Energieträger in sämtlichen Energieanwendungsbereichen (Strom, Wärme, Verkehr) zunehmend durch erneuerbare Energien ersetzt. 77 Erneuerbare Energien sind prinzipiell dazu in der Lage, ein Vielfaches des globalen Energiebedarfs zu decken. Außerdem sind sie sauber und bieten auf lange Sicht ein erhebliches Kostensenkungspotential. 78 Erneuerbare Energien als heimische Energiequellen reduzieren darüber hinaus die Abhängigkeit von Energieimporten, erhöhen die Energiewertschöpfung im Land und schaffen Arbeitsplätze. 79
Nach dem Super-GAU in Japan 80 hat die Bundesregierung 2011 eine Kehrtwende in der Atompolitik vollzogen - weg von der Laufzeitverlängerung hin zu einem raschen Ausstieg. Acht deutsche Kernkraftwerke wurden sofort stillgelegt, die neun verbleibenden Meiler sollen nun bis zum Jahr 2021 vom Netz gehen, wobei die drei modernsten Meiler als „Sicherheitspuffer“ bei Bedarf bis 2022 Strom produzieren sollen. Gleichzeitig soll die alternative Energiegewinnung mittels neuer Gesetze gefördert werden. 81
Das BMU hat gegenwärtig das Ziel gesetzt, die Energieversorgung in Deutschland bis zum Jahr 2050 vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen. 82 Laut dem Umwelt-bundesamt ist die Umsetzung dieses Zieles in Deutschland als hoch entwickeltem Indust-rieland mit Erhaltung des heutigen Lebensstils und der Konsum- und Verhaltensmuster technisch möglich. 83 Abbildung 8 zeigt eine von vielen möglichen Lösungsoptionen hin zu einer rein regenerativen Energieversorgung in Deutschland bis zum Jahr 2050. Insgesamt muss unter anderem aufgrund eines wesentlich höheren Elektrifizierungsgrads des Ver-kehrssektors ein höherer Strombedarf gedeckt werden.
74 Vgl. Abbildung 5: Entwicklung Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2050, S. 11.
75 FVEE-Fachausschuss „Nachhaltiges Energiesystem 2050“ (2010), S. 10.
76 Vgl. Ethik-Kommission (2011), S. 4.
77 Vgl. BMU (2010), S. 55.
78 Vgl. Burmeister/Glockner (2009), S. 28.
79 Vgl. FVEE-Fachausschuss „Nachhaltiges Energiesystem 2050“ (2010), S. 6.
80 Am 11. März 2011 beschädigten ein schweres Erdbeben und ein anschließender Tsunami den japanischen Reaktorkomplex Fukushima Daiichi schwer. Dadurch fiel das Kühlsystem aus und Radioaktivität gelangt in die Umgebung. Arbeiter versuchen noch immer, die Kontrolle wiederzuerlangen und die nukleare Katastrophe einzudämmen. [Vgl. Spiegel Online GmbH (2011)].
81 Vgl. tagesschau.de (2011a).
82 FVEE-Fachausschuss „Nachhaltiges Energiesystem 2050“ (2010), S. 8.
83 Vgl. UBA (2010), S. 4.
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Perspektive der gebauten Umwelt 2050 - Megatrends
Abbildung 8: Entwicklung der Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Energien und des Bruttostromverbrauchs in Deutschland bis 2050
Quelle: FVEE-Fachausschuss „Nachhaltiges Energiesystem 2050“ (2010), S. 36.
Wie Abbildung 8 zu entnehmen ist, wird die Stromerzeugung im Jahr 2050 wohl hauptsächlich mit Wind- und Solarenergie erfolgen, da diese Techniken das größte Potential aufweisen und zu den kostengünstigsten Stromquellen zählen werden. Die fossile Wärmeerzeugung wird durch Solarwärme- und Geothermieanlagen ersetzt. Schnell reagierende Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung ergänzen die direkte erneuerbare Stromerzeugung. 84 Das Ziel einer 100 % regenerativen Energieversorgung ist sehr robust: Falls eine Technologie nicht das im Mengengerüst angegebene Ausbauziel erreicht, so wird der ausfallende Anteil von einer oder mehreren Alternativtechnologien aufgefangen werden. 85
Neben der Stärkung der Erneuerbaren Energien sind Energiesparen und -effizienz weitere Maßnahmen der Energiewende in Deutschland. Bis zum Jahr 2050 soll der Bedarf an Primärenergie 86 um 50 % gesenkt werden. Darüber hinaus ist ein Ausbau des Stromnetzes für die Versorgungssicherheit und den reibungslosen Ausbau der Erneuerbaren Energien dringend notwendig, um das bestehende Ungleichgewicht der Stromproduktion und des Stromverbrauches zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands besser ausgleichen zu können. Zusätzlich speichern moderne Energiespeicher Strom aus Wind- und Sonnenenergie und speisen ihn bei Bedarf ins Netz ein. 87
84 Vgl. FVEE-Fachausschuss „Nachhaltiges Energiesystem 2050“ (2010), S. 23f.
85 a.a.O., S. 35.
86 Primärenergie setzt sich aus verschiedenen im Inland gewonnenen oder importierten Energieträgern zusammen. Nach der Umwandlung wird sie, abzüglich von Umwandlungsverlusten und dem Verbrauch im Energiesektor, den unterschiedlichen Nutzern (z.B. Industrie, Haushalte, Verkehr) als Endenergie zur Verfügung gestellt. [Vgl. FOCUS medialine.de (2009a), S. 5, 11].
87 Vgl. Die Bundesregierung (2011a).
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Der grundlegende Wandel im deutschen Energiesystem ist nicht nur eine große Kraftanstrengung - er bietet gleichzeitig die große Chance für Deutschland, weltweit Vorreiter und Vorbild für eine wirtschaftlich erfolgreiche und nachhaltige Energiewende zu werden. 88
2.1.3 Globalisierung
Der Begriff „Globalisierung“ beschreibt grundsätzlich den Prozess einer immer stärkeren globalen Interaktion und Interdependenz zwischen den Gesellschaften, Volkswirtschaften, Regierungen, Unternehmen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Einzelpersonen in aller Welt. Zu den wichtigsten Antriebskräften der Globalisierung zählen internationale Kooperationen, die Liberalisierung von Handel und Dienstleistungen, Tourismus, Interkulturisierung sowie die technologischen Entwicklungen im Bereich der Information und Kommunikation (IuK). 89 Die Globalisierung verändert auch die Produktionsprozesse: Unternehmen gliedern verstärkt einzelne Schritte oder ganze Stufen der Wertschöpfung an andere Anbieter aus (Outsourcing) und/oder verlagern sie in Niedriglohnländer (Offshoring). Auch der Einkauf (Sourcing) wandelt sich. Global-Sourcing-Anbieter analysieren im Firmenauftrag weltweit Bezugsquellen und helfen, diese auszuschöpfen, indem sie am jeweiligen Ort Personal und Infrastruktur zur Verfügung stellen. Aufgrund der geringeren Lohnkosten im Ausland bei vergleichbarer Produktivität können hier bis zu 60 % gespart werden. 90
Inzwischen nehmen fast alle Länder der Welt an der globalen Arbeitsteilung teil. Das Tempo und der Umfang des heutigen Globalisierungsprozesses sind in der Geschichte einmalig. Entscheidendes Merkmal ist hierbei neben dem Auftreten wichtiger neuer Akteure wie China, Indien, Russland und Brasilien auch der Einfluss nichtstaatlicher Akteure wie multinationaler Unternehmen und Finanzinstitutionen auf die weltwirtschaftliche Agenda. 91 Trotz des aufwärtsgerichteten Trends der vergangenen Dekaden sind bereits heute Rückschlags- oder zumindest Bremspotentiale im Globalisierungsprozess erkennbar. Neben den tiefgreifenden Verwerfungen an den globalen Finanz- und Kapitalmärkten sind in diesem Zusammenhang weiter denkbar: weltweite Verteilungskonflikte um knapper und teurer werdende Ressourcen, neue Sicherheitsfragen in der Weltwirtschaft sowie Armutsszenarien infolge der globalen Bevölkerungszunahme, die zusätzlich durch den weltweiten Klimawandel verschärft werden. 92
Langfristig kann man jedoch von einem weiteren Fortschreiten der weltwirtschaftlichen Integration ausgehen, auch wenn der Prozess der Globalisierung kurzzeitig und vorübergehend ins Stocken gerät. Das Wachstum der Weltwirtschaft wird sich im Trend fortsetzen,
88 Vgl. Die Bundesregierung (2011a).
89 Vgl. Mićić (2007), S. 216.
90 Vgl. Burmeister/Glockner (2009). S. 179.
91 Vgl. OECD (2008), S. 91.
92 Vgl. Grömling/Haß (2009), S. 9f.
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