1. Einleitung: Die Besonderheit der jüdischen Salons
Die Berliner Salons, die ihre Blütezeit um 1800, also in der Romantik, hatten, waren die ersten Sozietäten, die Frauen und Juden, wenn man von den jüdischen Gesellschaften Mendelssohns und Co. absieht, nicht ausschlossen. Sie wurden sogar von Frauen, zu einem großen Teil auch jüdischen Frauen, geleitet. Dabei galten selbst in der Aufklärungsperiode Frauen als zu unintelligent und Juden als zu verdorben und gottgläubig um an aufgeklärten Diskussionen teilnehmen zu können. Doch da viele Gelehrte und Männer hohen Standes diese jüdischen Salons besuchten, stellt sich die Frage, ob jüdische Frauen ihre soziale Stellung mithilfe der Berliner Salons verbessern konnten. Während ein Teil der Historiker die Salons als Grundstein der weiblichen Emanzipation ansahen, bemängelten andere, dass Salonfrauen kaum publizierten und somit nur als Musen der Männer betrachten werden können. Ebenso befürworteten einige Wissenschaftler den starken Assimilationsdrang vieler jüdischer Salondamen- und besucherinnen, wobei vor allem jüdische Historiker jedoch dieses Verhalten als Verrat an der jüdischen Gemeinde ansahen.
Über die Quellenlage lässt sich sagen, dass es zwar keine offiziellen Dokumentationen der Berliner Salons gibt, doch zu dieser Zeit gab es einen regen Austausch von Briefen, auch über die Teilnahme an den Salons, und es wurden Tagebücher geschrieben, in denen die Eindrücke aus der Salongesellschaft schriftlich fixiert wurden.
In meiner Ausarbeitung möchte ich zunächst an dem Beispiel der Rahel Levin aufzeigen, wie schwierig es für eine jüdische Frau zu dieser Zeit war, sich trotz der Bekanntschaft vieler bedeutender Persönlichkeiten in der christlich-deutschen Gesellschaft Akzeptanz zu verschaffen. Jedoch im darauffolgenden Kapitel werde ich dann die wohl effektivste Methode für eine Jüdin, in Berlin gesellschaftlich aufzusteigen, nämlich die Heirat eines Adligen, vorstellen. Diese Mischehen wurden durch die Salons begünstigt. Danach werden die Konzepte verschiedener Salonbesucher über deren Juden- und Frauenbild aufgezeigt, da diese Meinungen teilweise durch die Salons geprägt wurden und eine Resonanz der damaligen gesellschaftlichen Ansichten über jüdische Frauen bieten. Im vierten Kapitel wird schließlich das preußische Emanzipationsedikt erläutert, woraufhin die schriftstellerischen Tätigkeiten der jüdischen Salonfrauen analysiert werden. Ich habe dabei versucht, die Pro- und Contraargumente immer einander gegenüber zu stellen um zu zeigen, dass zwar eine gesellschaftliche Verbesserung stattfand, die Menschen aber trotzdem nicht komplett ihr vorgefertigtes Bild über jüdische Frauen vergessen konnten.
1
2. Rahel Levins Versuch einer Assimilation
„Der Jude muß aus uns ausgerottet werden; das ist heilig wahr, und sollte das Leben mitgehen.“. Diese Worte schreibt Rahel Levin kurz nach der Auflösung ihres ersten Salons an ihren Bruder 1 und beschreibt damit das Gefühl vieler ihrer gebildeten jüdischen Zeitgenossen im alten Berlin. Das Ziel war es nicht, die soziale Stellung der gesamten Juden zu verbessern, sondern sich als Einzelner zu emanzipieren und zu assimilieren. 2 Juden wurden seit Jahrhunderten unterdrückt und weitgehend von Bildung ausgeschlossen, 3 doch eine kleine jüdische Elite in Berlin gelang im 18. Jh. zu Reichtum und konnte sich dadurch Wissen aneignen 4 . Somit grenzten sie sich von den „meisten Juden Mittel- und Osteuropas, [die] noch […] Jiddisch sprachen und ihrer traditionellen Lebensweise anhingen“ 5 ab. Doch da „jüdisch“ immer noch mit einem ungebildeten Menschen in Verbindung gebracht wurde, 6 leugnete Rahel ihre Existenz als Jüdin: „Es wird mir nie einkommen, daß ich ein Schlemihl und eine Jüdin bin“ 7 . Sie bezeichnete ihren Ursprung als „infame Geburt“ 8 und fand keinen Zusammenhang zwischen ihrer Intelligenz und ihrer Existenz als Jüdin: „Ich habe solche Phantasie; als wenn ein außerirdisches Wesen […] mir […] diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestoßen hätte: 'Ja, […] sei groß und edel, ein ewiges Denken kann ich dir auch nicht nehmen. Eins hat man aber vergessen: sei eine Jüdin!'“ 9
Als sie schließlich zwischen 1795 und 1806 ihren eigenen Salon unterhielt, konnte sie für kurze Zeit ihr Ansehen erhöhen und durch ihren Esprit und ihr Einfühlungsvermögen „Vertreter der deutschen geistigen Oberschicht“ für sich gewinnen 10 . Prinz Louis Ferdinand bezeichnete sie z. B. als „eine moralische Hebamme, und [sie] accouchierte einen so sanft und schmerzlos, dass selbst von den peinlichsten Ideen dadurch ein sanftes Gefühl zurückbliebe“ 11 .
Doch als 1806 Berlin durch Napoleon besetzt wurde, verstärkte sich das patriotische Gefühl vieler preußischer Intellektueller, wodurch auch der Antisemitismus wieder an Resonanz gewann. 12 Infolgedessen zogen sich viele Besucher aus den jüdischen Salons zurück und judenfeindliche Bemerkungen, die vorher nur „hinter vorgehaltener Hand gemacht wurden“, wurden nun öffentlich geäußert. 13 Rahel, deren Salon dadurch verschwand, geriet nun in eine tiefe Einsamkeit: „So ist alles
1 Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. München, 1959, S. 126.
2 Ebd., S. 18 3 Ebd., S. 19
4 Deborah Hertz: Die jüdischen Salons. Frankfurt a. M., 1991, S. 77. 5 Ebd., S. 16
6 Franz Reuss: Christian Dohms Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“. Hildesheim, 1973, S. 23. 7 Arendt, S. 20. 8 Ebd., S. 59. 9 Ebd., S. 18.
10 Simon Dubnow: Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes. Berlin, 1928, S. 261. 11 Arendt, S. 61. 12 Hertz, S. 284. 13 Ebd., S. 291. 2
anders! Nie war ich so allein. Absolut. Nie so durchaus und bestimmt ennuyiert.“. 14 “ und sie bekam es deutlich zu spüren, eine Außenseiterin zu sein: „die bittersten Schwühre legt ich ich [sic] mir Gestern im concert ab, nicht mehr in eines zu gehen […] seit meiner infamen Geburth musste das ja Alles so kommen.“. 15 Und bereits 1800 musste Rahel miterleben, wie ihr Verlobter Graf Finkenstein „das Judenmädchen ohne Mitgift“ nicht heiraten wollte. 16
Doch trotz aller Anfeindungen war Rahel, abgesehen von ihrer Sympathisierung mit Napoleon, weitgehend patriotisch gestimmt. Sie war eine Verehrerin Friedrichs II. und nannte sich dementsprechend, als sie im Sinne ihrer Assimilation einen deutschen Namen annahm, Friederike Robert 17 und schließlich „erreichte“ ihr Patriotismus „seinen Höhepunkt in den Jahren 1812 und 1813, als sie in Prag freiwillige Helfer zur Pflege verwundeter preußischer Soldaten organisierte.“ 18 Doch damit konnte sie nicht verhindern, dass sie immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert wurde: „Was ist es garstig sich immer legitimieren zu müssen! Darum ist es nur so ekelhaft eine Jüdin zu sein!“ 19 Ebenso fühlte sie sich in Preußen nie wirklich zuhause: „Ich fühle es ewig, u. tief, daß ich keine bürgerin bin; u. unser Thal keine Gegend, kein Klima hat.“ 20 Assimilation war nur erfolgreich, wenn ein gewisses Vermögen vorhanden war. Rahel war zwar die Tochter eines reichen Juwelenhändlers 21 , doch nach dem Tod ihrer Eltern war sie auf die Gunst ihrer Brüder angewiesen. 22 Als sie schließlich August Varnhagen kennenlernt, ist dieser noch sozial unbedeutend und hat keine sofortigen Berufschancen in Aussicht: „Weder geliebt von der Welt noch von ihr ausgezeichnet erblickst Du mich.“ 23 Doch schließlich, als Varnhagen Hauptmann und politischer Schriftsteller wird, ändert sich die Situation 24 : bald darauf heiratet er Rahel im Jahre 1814 und die frischgebackene Frau Varnhagen konvertiert zum Christentum. 25
Nun ändert sich ihre soziale Stellung. Sie ist nun nicht mehr das Judenmädchen, sondern „die Frau des preußischen Geschäftsträgers“ und verkehrt wie selbstverständlich mit Adligen ohne auf deren „Extravaganz“ angewiesen zu sein. 26 Zwischen 1819 und 1833 betreibt sie schließlich ihren zweiten Salon, der wieder Besucher aus sämtlichen Gesellschaftsschichten anzieht 27 . Doch während sie außerhalb Preußens ihre Vergangenheit komplett abschütteln kann, ist sie in Berlin immer noch als die Jüdin bekannt: „[...] zu Hause […] wo ich immer noch beweisen soll, daß ich das Recht habe edel
15 Deborah Hertz.: Briefe an eine Freundin. Köln, 1988, S. 99
16 Arendt, S. 46.
17 Ebd, S. 117.
18 Hertz: Briefe, S. 249.
19 Friedhelm Kemp: Rahel Varnhagen. Briefwechsel. München, 1979, S. 286.
20 Hertz: Briefe, S. 263.
21 Petra Wilhelmy-Dollinger: Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert. Berlin, 1989, S. 17.
22 Arendt, S. 168.
23 Ebd., S. 173..
24 Ebd., S. 184.
25 Hertz, S. 328.
26 Arendt, S. 190.
27 Wilhelmy, S. 865. 3
Arbeit zitieren:
Melanie Bader, 2011, Konnten jüdische Frauen mithilfe der Berliner Salons ihre soziale Situation verbessern?, München, GRIN Verlag GmbH
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