Einleitung
Ein geläufiger Ausspruch von Nancy Fraser lautet, Feminismus müsse zwangsläufig links und antikapitalistisch sein. (Vgl. Haug, 2009: S.399) Allerdings ist meines Erachtens nach durchaus zu vermuten, dass jener feministische Antikapitalismus je nach gesellschaftlichen, politischen, historischen und ökonomischen Umständen deutlichen Transformationen unterliegt. Jene Veränderungen der Kapitalismuskritik innerhalb des Feminismus sollen im Folgenden im Zuge einer auf der inhaltsanalytischen Lektüre wissenschaftlicher Literatur basierenden Arbeit anhand von historischen und zeitgeschichtlichen Beispielen erhoben und systematisiert werden. Insbesondere soll dabei ergründet werden, welchen Einfluss exemplarisch gewählte Krisen auf jene Form der Kapitalismuskritik besitzen. Der Begriff der „Krise“ wird hier jedoch in einem relativ breiten Verständnis verwendet, inkludiert er doch auch Paradigmenwechsel und, zusammenfassend, Wendezeiten aller Art. Die Frage ist nicht nur, inwiefern sich die feministische Kapitalismuskritik von innen heraus veränderte, sondern, ferner, auch, inwiefern ihre Rezeption und Erfolgswahrscheinlichkeit Transformationen unterworfen war.
Beispielhaft werden dafür, nachdem einleitend wesentliche Begriffe und deren Schnittpunkte erläutert wurden, vier herausragende Krisen des 20. Jahrhunderts näher beleuchtet. Anhand jener Untersuchung soll eine Systematisierung erstellt werden, welche anschließend anhand der momentanen Weltwirtschaftskrise überprüft werden soll. In einer Betrachtung des 21. Jahrhunderts soll hierfür ein Kontrast zwischen der Rolle feministischer Kapitalismuskritik in der Zeit vor der globalen Finanz-, Banken- und Wirtschaftskrise und in der Zeit während jener Krise dargestellt werden. Es stellt sich die Frage, ob sich das auf vorangehender Untersuchung aufbauende Modell auch zur Beschreibung jener Krise bewährt. Im Anschluss soll eine verallgemeinernde Schlussfolgerung versucht werden, mithilfe welcher eventuell eine prognostische Aussage in Bezug auf Form und Rolle der feministischen Kapitalismuskritik in naher Zukunft zu erstellen probiert werden kann. Begriffsdefinitionen und Ursprünge
Der praktische Feminismus ist, wenn er auch erst recht spät mit einem theoretischen Fundament systematisiert wurde, viel älter als es in vielen Diskussionen scheinen mag. Bereits in mittelalterlichen Zeiten, zu Beginn des zweiten Jahrtausends, waren Frauen bestrebt, sich Gehör in den klerikalen Machtstrukturen zu verschaffen und ihre eigenen Organisations- und Glaubensprinzipien zu verlautbaren. (Vgl. Walters, 2005: S.6-7) In
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einigen Subsystemen - wie in der Gruppierung der Quäker - erlangten sie auch durchaus eine gewisse Geschlechtergleichheit. (Vgl. ed.: S.16) Mit der Säkularisierung der Gesellschaft wurde auch der Kampf um die allgemeine Gleichstellung von Mann und Frau von der Kirche auf den weltlichen Alltag ausgeweitet. Bereits früh entwickelten sich verschiedene feministische Strömungen, welche auch nach der Theoretisierung und Systematisierung des Feminismus bestehen blieben. Zu jeder Zeit gab es also Unterschiede in Ausprägung und Form jener Kritik, welche zeitlich, räumlich, gesellschaftlich und ideologisch bedingt waren. (Vgl. Howie, 2010: S.ix [sic!])
Insofern scheint es schwer, die wesentlichen Aspekte des wissenschaftlichen Konstruktes herauszufiltern, ohne die Vielseitigkeit dessen zu negieren. Im Allgemeinen kann der Feminismus wohl als eine Ideologie definiert werden, welche bestrebt ist, jegliche Form sexueller Hierarchie zu beseitigen, Frauen vermehrt in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Analysen zu stellen und frauenspezifische Problematiken zu lösen, wobei betont wird, dass die Arbeiten letztlich durchaus auch Männern zugute kommen können. Einige feministische Ansätze beinhalten kollektivistische Elemente. (Vgl. Beasley, 1999: S.36) Mit jener umfassenden Definition soll auch im Folgenden gearbeitet werden. Besonders beachtet sollte der Wunsch nach einem Aufbrechen hierarchischer Strukturen werden, ist er es doch, der Nancy Fraser zu der eingangs dargelegten Aussage gebracht haben dürfte, dass feministische Strömungen zwangsläufig links und antikapitalistisch sein müssen. Der Kapitalismus nämlich ist prinzipiell hierarchisch organisiert, denn er basiert auf dem „investment of money in the expectation of making a profit” (Fulcher, 2004: S.2). Meist werden darüber hinaus der Privatbesitz, die Trennung der ArbeiterInnen von den Produktionsmitteln sowie die Steuerung der Prozesse durch Profitorientierung in einem anonymen Markt als grundlegende Merkmale des kapitalistischen Systems betont. So zum Beispiel, wenn ein System beschrieben wird, „which is organized in such a way that what is being produced for consumption is distributed via exchange in the market and where some portion of what is being produced also goes to profit” (Turner, 2006: S.49). Durch jene Merkmale wird deutlich, was KritikerInnen außerdem aufzeigten: die beinahe zwangsläufig entstehenden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Kapitalismus, in welchem es immer GewinnerInnen und VerliererInnen geben müsse. Es ist bekannt, dass bereits Marx ausführlich beschrieb, dass das kapitalistische System der Lohnarbeit auf der Ausbeutung der ArbeiterInnen basiere, deren Produkte, auf welchen sie keinen rechtlichen Anspruch hätten, entwendet und von den Arbeitgebern - die männliche Form ist hier bewusst gewählt - unter finanzieller Bereicherung weiter vertrieben würden. Der Thematik
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entsprechend sei insbesondere darauf hingewiesen, dass FrauenforscherInnen bereits seit langer Zeit eine systematische Benachteiligung des weiblichen Geschlechtes aufzeigen, welche auch in den Schriften von den Theoretikern Smith und Ricardo auffindbar zu sein scheint. (Vgl. Brown, 1999: S. 33) Abgesehen von der kapitalistischen Ausbeutung der Frauen gelten weitere - teils materielle, teils psychologische - frauendiskriminierende Erscheinungen als kapitalismusinduziert. So werde die traditionelle Aufteilung des Lebens in einen männerdominierten öffentlichen und einen frauendominierten privaten Bereich durch die kapitalistischen Strukturen ebenso verstärkt wie auch soziale Benachteilungen und Diskreditierungen - wie zum Beispiel die ungleiche Verteilung politischer und wohlfahrtsstaatlicher Rechte- , welche in weniger ausgeprägter Form natürlich bereits zuvor existent waren. (Vgl. Cudd/Holmstrom, 2011: S. 97) Es scheint also, dass nicht weiter betont werden muss, dass die Ziele des Feminismus und des Kapitalismus einander diametral gegenüber zu stehen scheinen. Frasers Annahme scheint gerechtfertigt. Selbstredend ist zu betonen, dass das vorangehende Kapitel lediglich den Zweck einer Begriffsdefinition und eines - für jeglichen Vergleich notwendigen - historischen Rückblicks hatte. Was definitiv nicht Aussage jenes Kapitels sein sollte, ist, dass feministische Kapitalismuskritik - ebenso wie der Feminismus selbst - ein abgeschlossenes oder einheitliches Konstrukt sei. Im Gegenteil: Dem Forschungsinteresse entsprechend gilt es zu zeigen, dass die konkreten Forderungen der KapitalismuskritikerInnen ebenso wie die Radikalität ihrer Wünsche je nach situativen Faktoren variierte. Da Ideologien dazu neigen, sich in Krisensituationen zu verändern - sei es in Richtung einer Kompromissneigung oder einer, zum Teil propagandistisch motivierten, Radikalisierung - sollen insbesondere jene ökonomischen und gesellschaftlichen Krisen und deren Auswirkungen beleuchtet werden. Krisen und Wendezeiten im 20. Jahrhundert
Der Erste Weltkrieg
Als den gesamten europäischen Raum betreffende Krisen können selbstredend die beiden im 20. Jahrhundert stattfindenden Weltkriege gelten. Der Erste Weltkrieg, ausgelöst 1914 durch das Attentat in Sarajevo und die darauffolgende Julikrise, führte zunächst zu einer allgemeinen Herabwertung der feministischen Anliegen. Es gilt zu vermuten, dass der Wunsch nach sozialer Gleichstellung, nach der Veränderung einer jahrhundertealten gesellschaftlichen Struktur also, inmitten des Krieges und des Massensterbens nicht nur an Priorität verlor, sondern gar als selbstsüchtig abgetan wurde. Der Ausspruch, im Krieg würden nur Männer zählen, wurde zu dieser Zeit geprägt. Während also die
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Durchsetzungskraft der Feministinnen zu dieser Zeit ganz allgemein nahm, veränderte sich auch ihre Einstellung zum und ihre Stellung im Kapitalismus maßgeblich. Während die Mobilisierung der Nationen während der Julikrise zu der weltweiten Tendenz der Einstellung von Frauen in oft lukrativen Berufen führte, wurde dieses Anliegen von offizieller Seite bald wieder verworfen: Aufgrund der demographischen Mängel, aufgrund der Bevölkerungsabnahme also, wurde vielmehr das Konzept der Mutter und Hausfrau propagiert und (finanziell) gefördert. An dieser Stelle sei kurz an die viel später getätigte Aussage, der Uterus der Frauen sei die Waffe eines gesamten Staates, erinnert. (Vgl. Hawkesworth, 2006: S. 55-56)
Wenn sich Frauen zu dieser Zeit also kurzfristig vom privaten in den öffentlichen Bereich wagen könnten, war dennoch offensichtlich, dass sie stets im Dienste der (arbeitgebenden) Männern standen, waren sie doch lediglich deren Ersatz während des ruhmvollen Kampfes für das Vaterland. Es kann also weder von einem dauerhaften Umdenken in Richtung einer Akzeptanz der arbeitnehmenden Frau, noch von einem Systemwandel oder gar von einem feministischen Erfolg gesprochen werden.
Die Veränderung der Prioritätensetzung jedoch betraf, wie bereits kurz angemerkt, nicht nur die Männerwelt: Auch von feministischer Seite selbst ging eine vorübergehende Ignoranz ökonomischer und sozialer Ungleichheiten aus. Auch hier war der Krieg die primäre Problematik - wenn die Meinungen diesem gegenüber auch weit auseinander gingen. Ein Teil der Feministinnen begann, den Krieg als Ausgeburt das Kapitalismus auszulegen. Diese Gruppierung behielt ihre kapitalismuskritische Einstellung also eindeutig bei, wenn diese Überzeugungen nicht gar noch radikaler - da mit einer die gesamte Gesellschaft betreffenden Gefahr gleichsetzbar - wurde. Jedoch waren diese Personen rar gesät. Tatsächlich verloren viele ehemalige feministische Führerinnen die pazifistischen und sozialistischen Ziele aus den Augen. Sie förderten die Männer, welche an die Front zogen, und diskreditierten die Frauen, die durch ihr Festhalten an alten feministischen Zielen die Sicherheit der Nation gefährdeten. (Vgl. Small et al, 2002: S. 740-741)
Hierbei bleiben jedoch selbstredend einige Fragen offen. So stellt sich die Frage, inwiefern unter jenen Feministinnen, welche fortan den Krieg unterstützten, tatsächlich eine Abkehr von alten Werten stattfand und inwiefern sie nicht eher den politischen Weitblick besaßen, sich der Situation anpassen zu müssen, um später Durchsetzungskraft zu gewinnen. Dies scheint auch insofern plausibel, als die Furcht vor den pazifistischen (und damit in den Augen vieler: staatsgefährdenden) Idealen der Frau insbesondere in der Zeit vor dem Krieg als Argument gegen ein Frauenwahlrecht verwendet worden war. (Vgl. ed.) Mehr noch: Denn es könnte -
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zweitens - durchaus sein, dass der Feminismus als solcher erhalten blieb, dass sich viele Personen aber aus Furcht und gesellschaftlichem Druck von diesem abwendeten. In jedem Fall aber muss eine Verminderung der Radikalität der Kapitalismuskritik festgestellt werdensei es nun, dass diese aufgrund eines furchtvollen neuen Blickwinkels oder aufgrund eines tatsächlichen Umdenkens in Richtung positiver Sichtweise der kapitalistischen Strukturen stattfand.
An dieser Stelle sei noch angefügt, dass bereits die Vorkriegszeit zu einer Veränderung der Organisation der feministischen Kapitalismuskritikerinnen führte, welche aus unterschiedlichen Gründen als revolutionär bezeichnet werden kann. Zu dieser Zeit nämlich begann - ursprünglich aufgrund einer weltweit akkordierten Friedenskampagne feministischer Gruppierungen - die internationale Vernetzung der Feministinnen. Das Selbstbewusstsein und das Engagement jener führte dazu, dass sie ihre Pläne eines nicht-hierarchischen und damit friedlichen Weltsystems auf internationalen Konferenzen kundtun konnten. (Vgl. Hawkesworth, 2006: S. 57-58) Es kann davon ausgegangen werden, dass jene Erfahrungen nicht nur zu einer mentalen Präsenz der Frauen der globalen Peripherie und zu einer Verbesserung der Organisation führte, sondern auch zu einem wachsenden Problembewusstsein und damit, trotz der strukturellen Schwächung, zu einem vorläufigen -und letztlich kurzfristigen - Erstarken der feministischen Ideologie führte. Der Zweite Weltkrieg
Nachdem in der Zwischenkriegszeit interne Differenzen in den feministischen Gruppierungen spürbar gewesen waren, welche sich um die Frage drehten, inwiefern gleiche Bedingungen, und inwiefern nicht gar matriarchalische Strukturen wünschenswert seien, gingen die Tendenzen mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in eine gänzlich andere Richtung. Denn erneut verlautbarten die angesehenen feministischen Anführerinnen, dass die Frauen der Welt den Krieg nicht „ausnutzen“ sollten, um für ihre Rechte zu kämpfen, sondern dass sie vielmehr all ihre Fähigkeiten und ihre Kraft nutzen sollten, um die Männer und die politischen Akteure zu unterstützen. Man appellierte an das Verantwortungsgefühl der Frauen ihrem Vaterland gegenüber. Wiederum also wurde der Kampf um gleiche Rechte in eine marginalisierte Position gedrängt, wiederum freundete man sich mit den kapitalistischen Strukturen in Form des Krieges - um erneut auf jene erzfeministische Gleichsetzung zurückzugreifen - an. In vielen Fällen war dies verbunden mit einer aktiven Mitarbeit in militärischen Systemen. (Vgl. Hinton, 2002: S. 179-180)
Dies könnte zum Teil auch auf das berühmt-berüchtigte Ausruhen auf erworbenen Lorbeeren zurückzuführen sein, haben die Frauenrechtlerinnen doch in der Zwischenkriegszeit enorme
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Arbeit zitieren:
Claudia Liebeswar, 2011, Feministische Kapitalismuskritik, München, GRIN Verlag GmbH
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