1. Einleitung
Troia und die dazugehörige Geschichte sind jedem bekannt. Ein seit über 3000 Jahren fest verankerter Mythos in den Köpfen der westlichen Welt, welcher unser heutiges Kulturverständnis ausschlaggebend geprägt hat. Entscheidend für die noch heute anhaltende Popularität ist ein Epos, der vom altgriechischen Dichter Homer verfasst wurde, der Ilias. 1 Eine Geschichte, die vom Raub der schönen Helena als kriegsauslösenden Grund zwischen den mykenischen Griechen und den Troianern berichtet. Ein Krieg, welcher zu zehn Jahren Belagerung vor den Toren Troias führte. Im Mittelpunkt stehen der Groll des Achilles, ein griechischer Heroe, und die Rache die er an Hektor, einem troianischen Prinzen, nahm, nachdem dieser seinen Freund Patroklos in einer Schlacht tötete.
Die Ilias hat der Menschheit schon immer viele Fragen aufgeworfen. Die Größte jedoch stellt sich immer wieder nach der Historizität des Troianischen Krieges und wie der Sagenstoff die Jahrhunderte bis zu Homer überdauern konnte. In der vorliegenden Hausarbeit soll hierauf näher eingegangen werden. Es wird wichtig zu sehen sein, ob der Hügel an den Dardanellen tatsächlich identisch mit dem Troia des Homers ist und inwiefern Homers Dichtung als Informationsquelle über das historische Troia genutzt werden kann. Eine entscheidende Rolle in der Troiaforschung der letzten 150 Jahren spielte die Archäologie. Diese wird bis heute in den Köpfen vieler Menschen mit der Geschichte um Troia gleichgesetzt. Doch durch die Popularität der Grabungen auf Hisarlik 2 kommt es oft zur Glorifizierung der Archäologie.
„Die Handgreiflichkeit dieser Ergebnisse einer solchen, Wissenschaft des Spatens`, die angeblich unmittelbare und eindeutige Aussagekraft der zutage geförderten Denkmäler, wurde durch die ernüchternde, Distanz schaffende Quellenanalyse des Historikers ausgespielt.“ 3
1 Die Ilias umfasst 15.693 Verse und 24 Gesänge. Vgl. Hampe, Roland (Hrsg.): Homer. Ilias. Ditzingen 1986.
2 Hügel nahe dem Hellespont, der für das historische Troia gehalten wird.
3 Vgl. Hertel, Dieter: Troia. Archäologie, Geschichte, Mythos. München 3 2008. S. 8.
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In der vorliegenden Hausarbeit soll deshalb ein vernünftiger Diskurs zwischen Archäologie und Geschichtswissenschaft bestehen. Auch in der modernen Forschung der letzten 20 Jahre werden diese Themen immer wieder erneut diskutiert und neue Hypothesen werden aufgestellt. So sorgte das erst kürzlich erschienene Buch von Raoul Schrott „Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe.“ für großes Aufsehen in der Fachwelt.
Der erste Teil der vorliegenden Hausarbeit soll einen kurzen Einblick in die Grabungsgeschichte am Hellespont und den damit verbunden archäologischen Befunden geben. Es soll erörtert werden, wie es zur Verbindung von Hisarlik und Troia kam und wie sich die Grabungen bis heute entwickelten. Das anschließende Themengebiet beschäftigt sich vor allem mit der Historizität des Troianischen Krieges und den damit verbunden aktuellen Forschungsdebatten.
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2. Mit der Ilias in der Hand am Hügel Hisarlik
Die Archäologie ist in unserer heutigen Gesellschaft eine der anerkanntesten Wissenschaften in der breiten Öffentlichkeit. Sie bringt lange Vergessenes wieder ans Licht und begeistert somit die breite Masse mit einer gewissen, kaum beschreibbaren Faszination. Ganz besonders in Deutschland trifft sie auf breite Anerkennung, welche zu guter letzt noch immer auf die Erfolge Heinrich Schliemanns zurückzuführen ist. Dieser tritt somit als immer wiederkehrende Symbolfigur der Archäologie auf. Auch wird gleichzeitig Troia mit dieser gleichgesetzt.
„Schliemanns Troia lebt. Er, nicht Homer, ist der heute lebendige Mythos der Archäologie als einer positiven Wissenschaft, die alte Rätsel durch die Realität ihrer Gegenstände verblüffend einfach löst.“ 4
Bis heute hält diese Faszination die Menschen fest im Griff und trägt ebenso dazu bei, das Interesse für die Antike immer und immer wieder zu wecken. Dies beweist der hohe Medienaufwand, der in den letzten Jahrzehnten um die derzeitigen Grabungsaktivitäten in Hisarlik betrieben wurde.
2.1. Die Wiederentdeckung einer lange vergessen Stadt
Im antiken Griechenland ging man davon aus, dass eine Burgruine, welche sich in der Landschaft der Troas 5 befand, mit dem von Homer besungen Ilios gleichzusetzten sei. 6 Ab dem 3. Jh. v. Chr. wurde der Hügel von den Griechen überbaut und eine neue Siedlung, Ilion, entstand. Unter der Herrschaft von Gaius Iulius Caesar wurde das Gebiet erneut überbaut und es entstand die römische Siedlung Ilium. Diese Siedlungen wurden von den Menschen in der
4 Cobet, Justus: „Schliemanns Troia.“ In: Zimmermann, Martin (Hrsg.): Der Traum von Troia. Geschichte und Mythos einer ewigen Stadt. München 2006. S. 163.
5 Landschaft im kleinasiatischen Teil der heutigen Türkei, unmittelbar an den Dardanellen gelegen. Vgl. Latacz, Joachim: Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels. Leipzig 5 2005. S. 23.
6 Vgl. ebd. S. 22.
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Antike als historische Stätten verehrt. 7 Auf Grund der Eroberung der Türken des Gebietes im 15. Jh. n. Chr. wurde der Hügel mit dem Namen Hisarlik versehen, welcher noch bis heute Bestand hat. 8 Somit geriet jedoch die ehemalige historische Bedeutung des Ortes in Vergessenheit.
Erst 1822 formulierte Charles Maclaren die These, dass das griechische Ilion bzw. das römische Ilium identisch mit der homerischen Stadt und deshalb ebenso mit Hisarlik gleichzusetzen sei. 9 Dies war der entscheidendste Durchbruch in der Lokalisierung des homerischen Troias. Auf Grund dieser These erwarb Frank Calvert 10 1885 fast die Hälfte des Hügels und veranstaltete Grabungen. Für wirklich effiziente Grabungen fehlten ihm jedoch die nötigen finanziellen Mittel. Dies war der entscheidende Punkt, an dem Heinrich Schliemann zu den Grabungen auf Hisarlik stieß. Mit seinem Vermögen finanzierte er die nun folgenden Großgrabungen. 11 Die Frage nach dem Ort des homerischen Troias war zu diesem Zeitpunkt jedoch längst geklärt.
Schliemann griff auf Calverts Anregungen hin zur Durchführung von Großgrabungen auf. Jedoch fehlte ihm der Zugang zur althistorischen Forschung und er ging fest von der Glaubwürdigkeit des Epos aus. Er war der Meinung, dass, wenn man die homerische Stadt gefunden habe, somit der Beweis erbracht sei, dass der Troianische Krieg wirklich historisch sei und glaubte, die Archäologie könne klare Indizien dafür erbringen, dass Troia belagert und erobert worden sei. Massive Fehler in der Grabungstechnik und folgenreiche Fehlurteile waren die Folge und führten zu interpretatorischen Schnellschüssen. Der fatalste Fehler in seiner Grabungstechnik ist der sogenannte „Schliemanngraben“, der sich von Norden nach Süden durch den Hügel zieht. 12 Die Zerstörung der darüber liegenden Reste war die Folge.
7 Vgl. Hertel, Troia, 2008. S. 20.
8 Wörtlich übersetzt bedeutet der Name Hisarlik „Hügel mit Burg versehen“ Vgl. Latacz, Troia und Homer, 2005. S. 24.
9 Vgl. Hertel, Troia, 2008. S. 24.
10 englischer Kaufmann und Konsul Vgl. Siebler, Michael: Troia. Geschichte. Grabungen. Kontroversen. Mainz 1994. S. 24.
11 Unter der Leitung von Schliemann wurden auf Hisarlik in den Jahren 1870- 1873, 1876, 1878- 1879, 1882- 1883 und 1889- 1890 Großgrabungen durchgeführt. Vgl. Hertel, Troia, 2008. S. 25.
12 Abbildung zum „Schliemanngraben“ siehe im Anhang S. 23.
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Schliemann teilte die Schichten, welche er freilegte, zunächst in fünf Ansiedlungen ein. Darüber hinaus identifizierte er ebenso die griechischen und römischen Ansiedlungen. 13 Die homerische Stadt setzte er mit der freigelegten Ansiedlung II gleich, welche er als „verbrannte Stadt“ titulierte. Diese wies jedoch nicht die imposante Größe wie im Epos auf. 14 Doch dies führte Schliemann auf die Übertreibung des Dichters zurück. Doch schon kurz nach Schliemanns Tod wurde dessen These widerlegt, da diese Ansiedlung sich als viel zu alt erwies und auch keine Spuren von griechischer Kultur nachweisbar waren. 15
2.2. Ein neuer Ansatz nach Heinrich Schliemann
Der Nachfolger Schliemanns nach dessen Tod wurde Wilhelm Dörpfeld, welcher schon seit 1882 an den Grabungen auf Hisarlik teilnahm. 16 Er führte die Grabungen in zwei großen Kampagnen von 1893 und 1894 fort. Er entschärfte Schliemanns These der verbrannten Stadt, da er in der Troia VI 17 Teile von mykenischer Keramik entdecken konnte. 18 So lässt sich diese Ausgrabungsschicht in die Zeit der ersten griechischen Hochkultur, welche im Epos besungen wird, einordnen. Dörpfeld konnte im Zerstörungsschutt dieser Burgphase häufig Brandspuren feststellen. Die eindrucksvollste lässt sich vor dem freigelegten Südosttor finden. Hier ist eine ca. einen Meter dicke Brandschicht nachweisbar. 19
Dörpfeld glaubte wie Schliemann an die Historizität des Troianischen Krieges. Somit war für ihn die logische Interpretation der Brandreste als eindeutiger Hinweis auf eine Eroberung zu sehen. Doch dies ist eine Interpretation, um den Troianischen Krieg um jeden Preis zu erzwingen. Es gibt keine Funde von Waffen und ebenfalls keine Skelettreste, die Spuren eines gewaltsamen Tod
13 Abbildung zur Abfolge der Siedlungsschichten auf dem Hügel Hisarlik nach dem Wissens-tand von Schliemann siehe im Anhang S. 24.
14 Die Maße des von Schliemann identifizierten homerischen Troias weisen nur eine Größe von 150 x 200m auf. Vgl. Siebler, Troia, 1994. S. 32.
15 Auf Grund des heutigen Wissenstandes wird diese Burgphase aus 2600- 2300 v. Chr. datiert. Vgl. Latacz, Troia und Homer, 2005. S. 29.
16 Vgl. Hertel, Troia, 2008. S. 27.
17 Dörpfeld ersetzte die aufgestellte Terminologie Schliemanns und teilte die Befunde der Grabungen in neun Schichten ein (Troia I - Troia IX).
18 Vgl. Hertel, Troia, 2008. S. 28.
19 Vgl. ebd. S. 60.
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aufweisen. Also jegliche Anzeichen einer Belagerung und einer Eroberung fehlen. Bei späteren Ausgrabungen wurde lediglich eine Pfeilspitze gefunden. 20 Es ist nicht abzustreiten, dass es zu einer Zerstörung der Stadt gekommen ist. Doch es lassen sich hierfür unzählige Gründe finden. Häufig wird jedoch in der modernen Forschung die These vertreten, dass Troia VI durch ein Erdeben zerstört wurde, da viele Indizien hierfür zu finden sind.
2.3. Weiterführung der Grabungen im 20. Jahrhundert
Nach den Grabungen unter der Leitung von Dörpfeld kamen die Untersuchen in Hisarlik zunächst zum Erliegen. Erst von 1932- 1938 kam es zu erneuten Ausgrabungen unter Carl William Blegen. 21 Das oberste Ziel der Untersuchungen war diesmal jedoch das Fundmaterial des Siedlungshügels lückenlos den entsprechenden Schichten zuordnen zu können. Blegen bestätigte bei seinen Analysen das von Dörpfeld stratigrafisch entworfene Bild der Grabungsstätte und teilte jede Schicht erneut in verschiedene Bauphasen ein. 22 Trotz der Bemühungen, ein historisch reales Bild von Hisarlik zu entwerfen, war Blegen während seiner Untersuchungen ebenfalls der Überzeugung, dass es einen Troianischen Krieg gegeben haben muss.
„Obwohl der Schwerpunkt der Arbeiten ein anderer war, hielt auch Blegen den Troianischen Krieg für ein historisches Ereignis und stufte nun aufgrund der Grabungsergebnisse nicht mehr Troia VI, sondern Troia VIIa als das homerische Troia ein.“ 23
Nachdem Dörpfeld die Zerstörung seiner homerischen Stadt, Troia VI, nachgewiesen hatte, vertrat Blegen nun zum ersten Mal die Erdbebentheorie, welche jedoch so nicht von Dörpfeld akzeptiert wurde.
„Alles was Blegen bei seinen neuen Grabungen beobachtet hat, nehme ich als gesichert an, weil ich weiß, wie sorgfältig er die Untersuchungen
20 Vgl. ebd. S. 61.
21 Blegen war amerikanischer Archäologe und die Ausgrabungen wurden durch die Universität Cincinnati/Ohio unterstützt. Vgl. Easton, Donald F.: „Mit Ilias im Gepäck - Die Erforschung Troias bis 1890.“ In: Korfmann, Manfred O. (Hrsg.): Troia. Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft. Mainz 2006. S. 120.
22 Insgesamt teilte Blegen die Schichten des Siedlungshügels von Hisarlik in 46 Bauphasen ein. Vgl. Hertel, Troia, 2008. S. 29.
23 Easton, Ilias im Gepäck, 2006. S. 120.
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Arbeit zitieren:
Julia Rudloff, 2011, Troia: Eine Gradwanderung zwischen Archäologie und Geschichtswissenschaft – Forschungsergebnisse und Kontroversen, München, GRIN Verlag GmbH
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