Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Die Expansion wohltätiger Aktivitäten des Königshauses
von Georg III. bis Viktoria. 2
2.1 Georg III.
2.2 Georg IV. und Wilhelm IV.
2.3 Königin Viktoria und Prinz Albert
3. Der Effekt auf die Gesellschaft. 6
3.1 Der karitative Nutzen königlicher Philanthropie
3.2 Kritische Wahrnehmung königlicher Philanthropie durch das Volk
4. Der Nutzen von königlicher Wohltätigkeit für das
Überdauern der britischen Monarchie. 8
4.1 Noblesse oblige oder Abwehr von Republikanismus?
4.2 Das Überdauern der britischen Monarchie
5. Zusammenfassung. 11
6. Quellen und Literatur 12
1. Einleitung
Einer der lebendigsten Aspekte der modernen britischen Monarchie sind die wohltätigen Aktivitäten der Königsfamilie. Ob es sich um Prinzessin Dianas Engagement für die britische Aidshilfe oder Prinz Williams Hilfsprojekte für Obdachlose handeltkönigliche Wohltätigkeit wird in der heutigen Zeit als eine selbstverständliche Begleiterscheinung der zeremoniellen britischen Monarchie angesehen. Als Hauptgegenstand historischer Forschung wurde sie allerdings lange Zeit vernachlässigt. Während das Schwinden der politischen Bedeutung der Monarchie historisch umfangreich erforscht ist, findet die Entwicklung und Expansion ihres wohltätigen Wirkens wenig Beachtung. Vielmehr wird es als peripheres Phänomen in den größeren Kontext der Entwicklung der Monarchie eingeordnet, das weder eine eigene Dynamik noch signifikante Auswirkungen hatte. Eine Publikation, die dieses Thema in den Mittelpunkt der historischen Auseinandersetzung stellt, kann Prochaska vorweisen, der mit seinem Buch „Royal Bounty. The Making of a Welfare Monarchy“ eine umfassende Analyse der Wohltätigkeiten der Königsfamilie von Georg III. bis Elisabeth II. vorgenommen hat. Vereinzelt hat das Thema auch bei Colley und Kuhn Beachtung gefunden, insgesamt besteht jedoch noch Forschungsbedarf. Zu den Fragen, die die Thematik aufwirft, gehört unter anderem die Motivation der Königsfamilie, sich abseits der politischen Arena für sozial Benachteiligte einzusetzen und ein breites Spektrum karitativer Initiativen zu unterstützen. Außerdem muss die Frage nach dem Nutzen dieses Engagements und der unterliegenden Dynamik durch die Loslösung der Monarchie vom politischen Entscheidungsprozess gestellt werden. Primärquellen werfen zudem die Frage auf, inwiefern sich zeitgenössische kritische Stimmen dem Thema angenommen haben. Auch die Rolle der zunehmenden medialen Berichterstattung über die Monarchie darf nicht außer Acht gelassen werden. In dieser Hausarbeit möchte ich die Expansion der wohltätigen Aktivitäten und deren Einfluss auf die Monarchie im Speziellen und auf die Gesellschaft im Allgemeinen untersuchen. Die Auseinandersetzung beschränke ich auf den Zeitraum zwischen der Thronbesteigung Georg III. und dem Tod Viktorias, in dem die größte Expansion wohltätiger Aktivität stattfand. Abschließend werde ich Wohltätigkeit als zivilgesellschaftliche Funktion des Königshauses in den Mittelpunkt stellen und im Kontext des Überdauerns der britischen Monarchie bis in die Moderne hinein betrachten.
1
2. Die Expansion wohltätiger Aktivitäten des Königshauses von
Nach Peter Wende spielte die Monarchie im politischen Geschehen Großbritanniens nach 1784 keine zentrale Rolle mehr. 1 Zwar gab es auch später noch vereinzelt politische Einflussnahme der Krone, so zum Beispiel 1831-2 durch Wilhelm IV., die Peripherie des politischen Entscheidungsprozesses verließ die Monarchie allerdings nicht mehr. 2 Auch Versuche informeller Politik, wie Königin Viktorias außenpolitische Einflussnahme auf ihr Kabinett während der Schleswig-Holstein Krise 1863-4 sorgten eher für eine Behinderung der Regierung und bewegten sich zudem am Rande konstitutioneller Angemessenheit. 3
Durch das langsame Herauslösen der Krone aus der Politik taten sich für sie andere Betätigungsfelder auf, in erster Linie das Engagement in der Zivilgesellschaft. Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Großbritannien eine Reihe von schwerwiegenden sozialen Problemen, zu denen unter anderem Lebensmittelknappheit, Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und unzureichende Bildung gehörten. Die Bevölkerung ging aber nicht davon aus, dass die Linderung der meisten Probleme durch staatliche Intervention besorgt werden könne, weshalb man sie größtenteils privaten und wohltätigen Initiativen überließ. 4 Während diese Formen der privaten Wohltätigkeit auch vor Georg III. schon eine lange Tradition hatten, expandierte die ambitionierte kollektive Wohltätigkeit in der Form von Wohltätigkeitsorganisationen in seiner Regierungszeit außerordentlich stark. 5
Diese Expansion basierte zunächst auf der Arbeit religiös motivierter Philanthropen. Es entsprach der christlichen Lehre, dem Beispiel Christi zu folgen, welches für die Frommen untrennbar mit Wohltätigkeit verbunden war. Religiöse Tugendhaftigkeit beförderte so individuelles karitatives Engagement, was durch die alt-kalvinistische Skepsis gegenüber
1 Peter Wende, Großbritannien 1500-2000. München 2001, S. 41.
2 Wende, 2001, S. 44.
3 Siehe hierzu: W. E. Mosse, Queen Victoria and her Ministers in the Schleswig-Holstein Crisis 1863-1864, in: English Historical Review, LXXVIII, 1963, S. 263-283.
4 Peter Jupp, The Governing of Britain 1688-1848. The Executive, Parliament, and the People. London 2006. S.108.
5 Frank Prochaska, Royal Bounty. The Making of a Welfare Monarchy. New Haven, Conn. 1995, S. 1
2
persönlichem Reichtum verstärkt wurde, indem sie zur Weggabe desselben ermutigte. 6 Das soziale Engagement der Kirche ließ gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder nach, wovon auch die Wohlfahrtsorganisationen betroffen waren. 7 Allerdings hatten sie in der Gesellschaft, mit all ihren sozialen und religiösen Spaltungen und Veränderungen, längst Fuß gefasst. In dem Maße wie ihre Zahl stieg, standen sie auch zunehmend in Konkurrenz zueinander und reüssierten durch Kalkulation und Innovation. Dies äußerte sich in ihrem Interesse, prominente Unterstützer für ihre Anliegen zu finden, was insbesondere das Königshaus in ihren Fokus rücken ließ. 8
Wie Colley gezeigt hat, verschob sich die öffentliche Wahrnehmung der Monarchie während der Regierungszeit Georgs III. zunehmend in Richtung patriotischen Zeremoniells. Öffentliche Feste mit Beteiligung des Monarchen konzentrierten sich nun auf bürgerlichen Stolz und bürgerliche Wohltätigkeit. Die Jubiläumsfeier 1809 löste eine Welle von verschiedenen Initiativen aus. So wurden nicht nur mehrere wohltätige Institutionen gegründet, der König selbst spendete £6,000 für bedürftige Schuldner und veranlasste, dass die Summe gleichmäßig zwischen England und Wales, Schottland und Irland aufgeteilt wurde. 9
Wie viel Geld Georg III. insgesamt für wohltätige Zwecke ausgab, ist nicht leicht zu rekonstruieren, aber ein Komitee, das im Jahre 1789 die Ausgaben des Königs untersuchte, konstatierte, dass er nie weniger als £14,000 pro Jahr spendete. 10 Dies entsprach ungefähr einem Viertel seines Einkommens aus der Privy Purse, gegen dessen Beschneidung durch das Parlament er sich wehrte, denn es sei „the only fund from whence I pay every act of private benevolence“. 11
Zusätzlich zu Einzelspenden, die in seiner Regierungszeit noch die Hauptform königlicher Wohltätigkeit bleiben sollten, übernahm Georg III. die formelle Schirmherrschaft für insgesamt neun wohltätige Organisationen und Krankenhäuser. Durch die Assoziation mit der Krone gewannen diese Initiativen enorm an Prestige, was für ihre Zwecke außerordentlich nützlich war, da sie so mehr potentielle Spender
6 Prochaska, 1995, S. 2-3.
7 Keith D.M. Snell, Parish and belonging: community, identity and welfare in England and Wales, 1700 -1950. Cambridge 2006. S. 445.
8 Prochaska, 1995, S. 4.
9 Linda Colley, The Apotheosis of George III. Loyalty, Royalty and the British Nation 1760-1820, in: Past & Present, No. 102, Feb. 1984, 94-129. S.117.
10 Prochaska, 1995, S. 12.
11 Zitiert nach: Ebd., S. 12.
3
Arbeit zitieren:
Moritz Mücke, 2011, Welfare Monarchy – Königliche Philantropie im Großbritannien des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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