Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Personen 1
2.1 Eva Pogner und Walther von Stolzing 1
2.2 Sixtus Beckmesser und Hans Sachs 2
2.3 Magdalene und David 2
3 Beckmessers Ständchen in den verschiedenen Ebenen 2
3.1 Ebene 1 Handlung 2
3.2 Ebene 2 Das Ständchen 4
3.2.1 Form 4
3.2.2 Versmaß 6
3.2.3 Takt 7
3.2.4 Melodik 7
3.2.5 Form und Inhalt 8
3.2.6 Die Laute 9
3.3 Ebene 3 Die Schläge von Sachs 10
3.3.1 Verteilung der Schläge in Strophe 1 und 2 11
3.4 Ebene 4 Orchester 12
4 Parallelen 14
5 Fazit 14
6 Klavierauszug 17
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1 Einleitung
In der Mitte des 16. Jahrhunderts hatte sich eine neue soziale Schicht etabliert. Neben den großen Handelsstädten wie Florenz und Venedig, mit ihren einflussreichen Händlerfamilien wie den Medici, gab es auch in deutschen Städten ein immer einflussreicher werdendes Bürgertum. Dazu gehörten vor allem die Handwerker, Händler und Beamte, die einen gewissen Wohlstand erreicht hatten und dadurch auch die Zeit und Geld hatten, die Kunst als Mittel der Repräsentation ihrer Macht zu benutzen. Neben den Handwerkerzünften entwickelten sich auch zunftmäßige Singschulen, wie die Meistersingerzunft in Nürnberg [1], das schon durch die zukunftsweisende Malerei von Albrecht Dürer zu einem deutschen kulturellen Zentrum geworden war. Nach festen Regeln und Satzungen konnten dort Lehrlinge neben ihrer beruflichen Laufbahn zu Meistersingern ausgebildet werden. In der Oper "Die Meistersinger von Nürnberg", die 1868 in München uraufgeführt wurde, befasste sich Richard Wagner mit der Kunst der Meistersinger. Sowohl die Musik als auch der Text stammen von Richard Wagner. Das Stück zählt also zu Wagners Musikdramen. Neben seiner langjährigen Arbeit am Tristan schuf Wagner ein "komisches Spiel"[2].
Das zentrale Thema dieser Arbeit, die im Rahmen des Hauptseminars "Wagner - Die Meistersinger von Nürnberg"von Professor Dr. Hartmut Schick im Sommersemester 2003 an der Ludwig-Maximilians-Universität am Institut für Musikwissenschaft entstand, ist das Ständchen von dem Meistersinger Sixtus Beckmesser in der 6. Szene 2. Akt. In der Arbeit wird darauf eingegangen, welche Faktoren zum Scheitern Beckmessers führen. Das lässt sich zum Beispiel aus der missglückten Zusammenführung aus Form und Inhalt der Canzonetta schließen. Aber auch aus dem herausragenden Element in Beckmessers Ständchen, den Schlägen von Sachs, die im Kapitel 3.3 behandelt werden.
Zu den Meistersingern gibt es mehrere Klavierausgaben und Partituren. Die Angaben in dieser Arbeit beziehen sich auf den Klavierauszug [3] der mangels Taktangabe nur mit der Seitenzahl referiert werden kann. Die Taktverweise beziehen sich auf die Partitur [4].
2 Personen
Zur Orientierung des Lesers werden nun die Hauptpersonen der betreffenden Szene vorgestellt. So soll die Situierung der Canzonetta (des Ständchens) in der Oper erleichtert werden.
2.1 Eva Pogner und Walther von Stolzing
Walther von Stolzing ist ein Ritter, der sich in Nürnberg in Eva Pogner verliebt hat. Eva ist die Tochter des Oberhauptes der Zunft der Meistersinger. Ihr Vater, Veit Pogner, hat Eva jedoch demjenigen versprochen, der den Singwettbewerb der Meistersinger am Johannestag gewinnt. Walther ist weder ein Meistersinger, noch kennt er sich mit der Tabulatur, der Singkunst der Meistersinger, aus. Sein Versuch, während der Freiung zum Meistersinger aufzusteigen und sich für den Wettkampf zu qualifizieren, schlug deshalb fehl, und eine weitere Möglichkeit offiziell um Eva zu werben, ist nicht in Sicht. Eva und Walther entscheiden sich zur Flucht aus Nürnberg. Um zu fliehen, müssen Eva und Walther den Hof kreuzen, der zwischen dem Haus von Pogner und der Werkstatt von Hans Sachs liegt.
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2.2 Sixtus Beckmesser und Hans Sachs
Hans Sachs ist Schuster und Meistersinger. Seine Werkstatt befindet sich gegenüber dem Haus der Familie Pogner. Seine lange Freundschaft mit dem Hause Pogner und sein Wohlwollen gegenüber Walther machen ihn zu einem Verbündeten der beiden Liebenden. Sachs war der Einzige, der Walthers Talent während der Freiung erkannte und gegen den Willen der anderen Meister auf Fortführung des Lieds bestand („Darum so komm ich jetzt zum Schluss, daß den Junker man zu End hören muss.“, Seite 152[3]).
Auf der anderen Seite steht Sixtus Beckmesser, der Gegner von Walther. Beckmesser ist Meistersinger und Stadtschreiber. In der Zunft der Meistersinger bekleidet er das hohe Amt des Merkers, der die Fehler der Sänger bemerkt und auf eine Tafel aufzeichnet. Bei Walthers Freiung im 1. Akt bemängelt Beckmesser über 50 Fehler. Sieben Fehler hätte Walther machen dürfen. Beckmesser möchte außerdem ebenfalls um Eva werben. Die Regeln, die Veit Pogner, Evas Vater, für den Wettkampf festgelegt hat, besagen jedoch, dass Eva den Sieger aus freien Stücken wählen muss. Um Sympathie bei Eva zu wecken und die Wirkung seines Lieds zu erforschen, möchte Beckmesser Eva ein Ständchen vortragen. Der Zeitpunkt, an dem er mit seiner Laute vor dem Balkon Evas steht und ihr sein Preislied vortragen will und der Zeitpunkt der Flucht von Eva und Walther, fallen zusammen auf den Abend im 2. Akt 6. Szene.
2.3 Magdalene und David
Magdalene ist die Magd im Hause Pogner. Sie hat Eva die Nachricht von Beckmesser überbracht. Eva reagiert auf Beckmessers Ankündigung seines Ständchens mit der Bitte an Magdalene, sich verkleidet als Eva auf den Balkon zu stellen, um Beckmesser möglichst los zu werden. Magdalenes Verehrer David ist Schustergeselle bei Hans Sachs und ebenfalls Mitglied der Meistersinger-Zunft. Er kommt während Beckmessers Canzonetta hinzu, erkennt die verkleidete Magdalene am Balkon und sieht Beckmesser, der scheinbar für sie singt. Aus Zorn fällt David nach dem Ständchen über Beckmesser her. Die Rauferei alarmiert die Nachbarn und Passanten und eskaliert in einem Ansturm von unerklärlicher Aggressivität zu einer Massenschlägerei, die erst durch den nahenden Nachtwächter und seinen Ruf auf dem Horn beruhigt werden kann. Bei der Ankunft des Nachtwächters ist der Ort des Geschehens schon wieder wie leergefegt.
3 Beckmessers Ständchen in den verschiedenen Ebenen
3.1 Ebene 1 - Handlung
Es ergibt sich folgende Situation im 2. Aufzug 6. Szene. Eva und Walther haben sich versteckt, weil sie nicht über den Hof gehen können, der von Sachs’ Werkstattlicht beleuchtet wird. Beckmesser kommt, seine Laute stimmend, zu seinem angekündigten Vortrag. Der versteckte Walther zieht sein Schwert und möchte Beckmesser am liebsten gleich töten („Den Lungrer mach´ ich kalt.“ T. 868-869). Eva kann Walther nur mit Mühe zurückhalten und die beiden bleiben in ihrem Versteck. Beckmesser, der nichts davon gemerkt hat, will gerade zu seinem Ständchen ansetzen, da beginnt Sachs mit seinem Schusterlied. Beckmesser weiß nicht, wie ihm geschieht
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Abbildung 1: Szenenillustration der sechsten Szene des zweiten Aufzugs in einem Aquarell von Michael Echter drei Jahre nach der Münchner Uraufführung von 1868.[8]
und sucht den Übeltäter. Er bemerkt Sachs in der Werkstatt und versucht gegen sein Lied anzukommen, indem er immer höhere Töne von sich gibt („Verdammtes Schrei’n!“ S. 241[3]). Das verfehlt allerdings seine Wirkung, denn der Schuster lässt sich nicht von Beckmesser stören. Zwischen den Strophen von Sachs’ Lied kommt es zum Dialog zwischen Sachs und Beckmesser. Beckmesser will den Schuster mit allen Mitteln zum Aufhören bewegen. Erst verlangt Beckmesser von Sachs, seinen Gesang einzustellen („Gleich höret auf!“, Takt 959[6]), dann ändert Beckmesser die Taktik und behauptet, er wolle Sachs’ Meinung zu dem Lied, mit dem er morgen in den Wettkampf ziehen will, hören („Eu’r Urteil, glaubt, das halt’ ich wert; drum bitt’ ich, hört das Liedlein doch mit dem ich morgen möcht’ gewinnen, ob das auch recht nach euren Sinnen.“, Takt 1032-1038[6]). Später erklärt er Sachs seine Absicht, um Eva zu werben, und bittet ihn noch eindringlicher, sich nun sein Lied anzuhören und dann zu sagen, was ihm gefällt und was nicht („[...] will ich vor aller Welt nun morgen um die werben, sagt! könnt’s mich nicht verderben, wenn mein Lied ihr nicht gefällt? Drum hört mich ruhig an, und sang ich, sagt mir dann, was euch gefällt, was nicht,-“, Takt 1064-1071[6]). Beckmesser und Sachs einigen sich auf einen Kompromiss. Sachs übernimmt die Rolle des Merkers. Bei jedem Fehler schlägt Sachs mit dem Hammer auf den Schuh. Beckmesser kann also sein Lied vortragen und Sachs beim Zuhören an seinen Schuhen weiterarbeiten (B:„Was? Ihr wollt klopfen, und ich soll singen?“, S:„Euch muss das Lied, mir der Schuh gelingen.“, Takt 1139-1144[6]).
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3.2 Ebene 2 - Das Ständchen
Beckmesser unternimmt einige erfolglose Versuche, sein Ständchen zu singen. Jedoch wird er immer wieder schon nach dem Vorspiel der Laute von Sachs unterbrochen, so dass Beckmesser wieder von vorn beginnen muss („War das eu´r Lied?“, Takt 1117[6], „Fanget an, ´s pressiert: sonst sing´ ich für mich.“, Takt 1180-81[6]). Der erste zusammenhängende Vortrag des Ständchens beginnt in Takt 1242[6].
3.2.1 Form
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Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, besteht das Ständchen aus drei Strophen. Die Strophen bestehen jeweils aus zwei Stollen und einem Abgesang oder Gegenstollen. Die Stollen haben jeweils sieben Verse, während der Abgesang nur sechs Verse enthält. Diese strenge Form wird mit „Barform“ bezeichnet[1]. Das Reimschema bleibt in allen drei Strophen gleich (siehe Abbildung 2). Es folgt immer ein Paarreim auf einen Kreuzreim in den ersten beiden Stollen einer Strophe. Der siebte Vers der Stollen und der sechste Vers des Abgesangs bilden sogenannte „Körner“ (siehe Abbildung 3). Im Abgesang wiederholt sich ein Reim fünfmal. Die Verse wir-
ken durch diese Wiederholung künstlich und konstruiert, vor allem, weil die Worte im Verlauf in keiner semantischen Beziehung stehen (getrau, schau, Jungfrau, bau, blau). Zudem werden auf die letzte Silbe immer lange Kolloraturen gesungen, die die Eintönigkeit des Reims zusätzlich verstärken. Der Text passt sich hier deutlich der Reimform an und nicht umgekehrt, wie es bei der Dichtung normalerweise der Fall ist.
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3.2.2 Versmaß
Grundsätzlich haben die Verse, die sich reimen, auch die gleiche Anzahl an Silben. Die Ausnahmen bilden der Paarreim in den Stollen und die Reimfolge im Abgesang (siehe Abbildung 4). Ein Blick in die Partitur verrät, wie sich die Nichteinhaltung des Versmaßes an diesen Stellen auswirkt. Beckmesser singt an der Stelle, an der sich die Verse fünf und sechs um zwei Silben unterscheiden, eine Kolloratur auf „Werben“, die sich über den ganzen Takt 1249[6] zieht und die anscheinend die zwei fehlenden Silben ersetzen soll. Das Gleiche geschieht in Vers 13 in Takt 1257[6] auf „hat er“. Hier wird also versucht mit Hilfe der Melodie Fehler in der Übereinstimmung von Form und Text auszugleichen.
Die Folge von Reimen im Abgesang gliedert sich in drei Teile. Die beiden ersten Verse, in denen die Melodie wiederholt wird, bilden einen Teil. Den zweiten Teil bildet eine dreimalige Wiederholung der Melodie in den folgenden drei Versen mit einer langen Kolloratur im dritten Vers und schließlich der dritte kurze Teil, den das Korn bildet (letzter Vers des Abgesangs, der sich auf den letzten Vers der vorigen Stollen reimt). Diese Verteilung von Silben in den Versen bleibt auch in den anderen zwei Strophen erhalten.
Die Betonungen der Silben bilden den wohl auffallendsten Störfaktor in Beckmessers Ständchen. Jeder Vers beginnt mit einer unbetonten Silbe. Darauf folgt immer abwechselnd eine betonte und unbetonte Silbe. Obwohl der Jambus an vielen Stellen völlig wider die natürliche Betonung der Silben ist, wird er von Anfang bis Ende durchgehalten (siehe Abbildung 5), was auch den Vortrag enorm erschwert. Der Vortrag wirkt durch die unnatürlichen Betonungen holperig. Dies ist wieder ein Fall, bei dem der Text nicht zur Form, hier dem Versmaß, passt.
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Quote paper:
Ramon Schalleck, 2003, Beckmessers Ständchen (Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg), Munich, GRIN Publishing GmbH
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