Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Schreiben nach Auschwitz
2.1 Adorno und sein Diktum gegen das Schreiben nach Auschwitz 3
2.2 Das historische Schreiben - der einzig angemessene Weg, den
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Holocaust zu literarisieren?
3 Literatur nach Auschwitz
3.1 Die Memoiren - Ein Überlebender erinnert: Ralph Giordanos
Erinnerungen eines Davongekommenen
3.1.1 Erinnerungen als Zeugnis - Die Faktizität von Memoiren 9
3.1.2 Die Erinnerungen eines Davongekommenen 12
3.2 Der Roman - Der Holocaust in der Belletristik: John Boynes
Der Junge im gestreiften Pyjama
3.2.1 Die Kritik am Roman 15
3.2.2 Bewertung des Romans hinsichtlich seiner Kritikpunkte 18
3.3 Graphic Novel - Der Holocaust als Comic: Art Spiegelmans
MAUS
3.3.1 Die Gattung des Comics - dem Holocaust angemessen? 21
3.3.2 Die Tiermetapher 24
3.3.3 MAUS - fiktional oder non-fiktional? 26
4 Schluss 28
5 Literaturverzeichnis 32
I
1 Einleitung
„ Man kann nach Auschwitz nicht mehr atmen, essen, lieben, lesen […]“ (Böll zitiert nach Kiedaisch, 90), so drückte Heinrich Böll seine Gedanken und Gefühle gegenüber dem Holocaust aus. Deutlich wird, dass Auschwitz eine Zäsur darstellt; danach ist nichts mehr, wie es einmal war. Die alltäglichsten Dinge scheinen in diesem Licht nicht nur verändert, sondern gar unmöglich. So stellt sich schnell die Frage, inwieweit denn das Schreiben nach Auschwitz noch möglich ist, noch möglich sein kann. Gibt es überhaupt Worte für die Schrecken, die die Opfer der Shoah tagtäglich erleben mussten? Und wenn ja, darf man sich anmaßen, den Versuch zu wagen, dieses Grauen in Worte zu kleiden? Ein Wagnis, das wird es wohl immer bleiben. Aber ist es gerechtfertigt, jegliche Literatur, die sich mit diesem Thema beschäftigt, zu verdammen oder gar zu verbieten? Adornos oft zitiertes Diktum, Gedichte nach Auschwitz zu schreiben sei „barbarisch“ (Kiedaisch, 49) ist zwar kein Verbot, wie er später feststellte, aber nichtsdestoweniger ein Rundumschlag gegen die Lyrik und bei genauerem Hinsehen auch gegen die Literatur und das Schreiben an sich. Adornos These wurde vielfach diskutiert und kritisiert, fand aber auch einigen Zuspruch. Oft wurde sie aus dem Zusammenhang gerissen und als rigides Verbot verstanden und infolgedessen mit Empörung und Unverständnis quittiert. Sicher ist jedenfalls, dass dieser Satz nicht unbeachtet blieb, vielmehr erregte er die Gemüter in der deutschen Literaturwelt.
So möchte auch ich mich bei der Beurteilung drei ausgewählter Beispiele aus der Literatur, vorwiegend von Adornos Diktum leiten lassen. Dies soll allerdings nicht auf die berühmte These, es sei „barbarisch“ (ibid) nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, beschränkt sein, sondern auch seine späteren Reaktionen und Ausführungen diesbezüglich beinhalten.
Demgemäß soll im ersten Teil meiner Arbeit Adornos Ansicht über Literatur nach dem Holocaust genauer betrachtet werden. Nicht gänzlich ausgespart werden sollen aber auch die zahlreichen literarischen Reaktionen, in denen die Einstellung vieler deutscher Autoren deutlich wird. Das zweite Kapitel soll einen Überblick über die von Adorno geschilderte Problematik liefern, zugleich aber auch mögliche Grauzonen in Adornos Argumentation aufdecken.
Die drei Literaturbeispiele im dritten Kapitel wurden mit Bedacht gewählt. Über die literarische Verwirklichung der Erfahrung von Konzentrationslagern wurde meines Erachtens schon viel geschrieben, sodass sich in meiner Arbeit kein derarti-
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ges Werk finden lässt. Trotzdem möchte ich die authentische, auf Tatsachen beruhende Erzählung nicht gänzlich ausschließen, weshalb ich mich für die Memoiren Ralph Giordanos entschieden habe, die Erinnerungen eines Davongekommenen. Da seine Mutter Jüdin war, musste auch Giordano die stetigen Repressalien der Nazischergen fürchten und letztlich untertauchen, um ihnen zu entgehen. Dieses Lebenskapitel hat er in seinen Memoiren festgehalten.
Das zweite Werk, John Boynes Der Junge im gestreiften Pyjama, ist komplett fiktional. Darüber hinaus hat der aus England stammende Autor Boyne keinerlei persönlichen Bezug zum Holocaust. Die Untersuchung dieses Romans ist zum einen interessant, weil es sich hier, wie bereits erwähnt, um eine erfundene Geschichte handelt; der Holocaust wird daher Gegenstand der fiktionalen Belletristik. Zum anderen handelt es sich um ein Buch, das sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche richtet. Der Holocaust taucht hier also als ein Thema von Kinder- und Jugendliteratur auf. Beide ‚Problematiken’ sollen später weiter ausgeführt werden. Bei dem dritten und letzten Werk, das in dieser Arbeit behandelt werden soll, handelt es sich um ein Graphic Novel, Art Spiegelman’s Maus. Ist es legitim, einen Comic über den Holocaust zu verfassen? Dieser Frage soll in Sektion 3.3 nachgegangen werden. Kursorisch soll dabei auch der Aspekt beachtet werden, dass es sich bei Spiegelman um einen Überlebenden der zweiten Generation handelt. Bei der Bewertung der drei Werke sollen auch die Autoren zu Wort kommen. Zu vielen der Aspekte, die ich in dieser Arbeit besprechen werde, haben sie sich in Interviews oder Buchbesprechungen geäußert. Diese Aussagen geben oftmals einen sehr guten Einblick in die Intentionen der Autoren und geben ferner über den Umgang mit häufigen Kritikpunkten Auskunft.
Ziel dieser Arbeit soll es letztlich sein, zu beurteilen, inwiefern die besprochenen Werke den Holocaust angemessen darstellen. Es ist bereits jetzt klar, dass ein literarisches Werk über den Holocaust diesem niemals gerecht werden kann. Trotzdem möchte ich zeigen, dass es Wege gibt, dem Schrecken Ausdruck zu verleihen, und das auf eine adäquate Art und Weise. „Die menschliche Sprache ist nicht zum Verstummen, sie ist zum Sprechen gedacht.“ (Schnurre zitiert nach Kiedaisch, 125). Was Wolfdietrich Schnurre hier so treffend ausdrückt, muss auch für die Literatur des Holocaust gelten, wenn sichergestellt sein will, dass dem Schrecken auch in Zukunft erinnert werden soll. Zu verstummen hieße zu resignieren.
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2 Schreiben nach Auschwitz
2.1 Adorno und sein Diktum gegen das Schreiben nach Auschwitz
Wie bereits angeschnitten, wurde die These „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ (Adorno zitiert nach Kiedaisch, 49), oftmals aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Zusätze oder Erklärungen zitiert. Auch wenn dieser Satz in seinen Ausführungen sicherlich am meisten heraussticht, kann doch nicht verleugnet werden, dass Adorno diese These nicht für sich stehen lässt und sie darüber hinaus 4 Jahre später im Jahre 1966 auch noch relativiert. Dieses Kapitel soll also dazu dienen, Adornos Diktum in seinem vollen Umfang zu verstehen. Ich habe bereits erwähnt, dass Adorno nicht nur die Lyrik an sich meinte, sondern vielmehr die gesamte Literatur indirekt miteinbezog. Folgendes Zitat lässt dies deutlich werden: „Der Begriff einer nach Auschwitz auferstandenen Kultur ist scheinhaft und widersinnig und dafür hat jedes Gebilde, das überhaupt noch entsteht, den bitteren Preis zu bezahlen.“ (ibid, 53). Hier wird deutlich, dass er die Kultur als Ganzes meint. Er kritisiert sie nicht nur, er spricht ihr gar ihre Funktion ab, indem er feststellt, dass sie nur noch „scheinhaft“, also gar nicht mehr wirklich vorhanden ist und darüber hinaus auch noch ihrem eigentlichen Zweck zuwider läuft. Der Ton dieser Aussage kommt der Ausgangsthese sehr nahe.
Das Zitat geht allerdings noch weiter und läutet einen anderen Ton ein: „Weil jedoch die Welt den eigenen Untergang überlebt hat, bedarf sie gleichwohl der Kunst als ihrer bewusstlosen Geschichtsschreibung. Die authentischen Künstler der Gegenwart sind die, in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert.“ (ibid). Es wird schnell klar, dass der vormalige Rundumschlag gegen die Literatur hier deutlich abgemildert wird. Adorno gesteht sich ein, dass Kunst und Kultur nicht nur erlaubt, sondern gar notwendig sind. Hier ist aber schon eine Präferenz erkennbar: er spricht von „Geschichtsschreibung“ und bezeichnet diejenigen Künstler als authentisch, die es schaffen, den Schrecken so wahrheitsgetreu wie möglich darzustellen. Dieser Aspekt zeigt auf, dass es ihm vordergründig um die Repräsentationsweise des Holocaust geht, und nicht etwa, wie von vielen angenommen, um die Darstellung an sich. (vgl. Freiburg & Bayer, 5 sowie Kröhler, 236). Folglich ist es erlaubt, den Holocaust literarisch darzustellen, dies muss aber auf eine - dem Thema angemessene Weisegeschehen.
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Um Adornos radikale Denkweise besser zu verstehen, soll folgendes Zitat herangezogen werden:
Aber indem es [das Leiden, SR], trotz aller Härte und Unversöhnlichkeit, zum Bild gemacht wird, ist es doch, als ob die Scham vor den Opfern verletzt wäre. Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte. Die sogenannte künstlerische Gestaltung des nackten körperlichen Schmerzes […] enthält, sei’s noch so entfernt, das Potential, Genuss herauszupressen. […] Durchs [sic!] ästhetische Stilisationsprinzip […] erscheint das unausdenkliche Schicksal doch, als hätte es irgendeinen Sinn gehabt […]. (Adorno zitiert nach Kiedaisch, 54).
Nach diesen Ausführungen scheint Adornos Ansicht gar nicht mehr so radikal, sondern wird deutlich nachvollziehbarer. Auch Freiburg und Bayer stellen sich die Frage, ob nicht die „Literarisierung des Grauens“ die Opfer nur weiter demütigt. (Freiburg & Bauer, 14). Hauptsächlich geht es also darum, dass es schier undenkbar ist, dem Holocaust einen Sinn oder gar Unterhaltung im weitesten Sinne zu entlehnen. Kunst, inklusive der ihr zugehörigen Literatur verfolgt aber, je nach Werk, einen Sinn und genau dort liegt die Schwierigkeit. Den Holocaust als reine Vorlage für einen bewegenden Roman oder einen spannenden Film zu betrachten, wäre definitiv nicht nur unangemessen, sondern auch geschmacklos. (vgl. Young, 109) Daher zielt Adorno auf die Authentizität, bis hin zur „Geschichtsschreibung“ (Adorno, 53) ab. Dies soll das alleinige Ziel von Holocaustliteratur sein: die traurige, eigentlich unglaubliche Wahrheit so exakt wie möglich darzustellen. Hier lässt sich ein erster Rechtfertigungsgrund seitens Adorno finden.
Eine weitere Rechtfertigung lässt sich wortwörtlich aus Adornos „Mediationen zur Metaphysik“ finden: „ Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht sich mehr schreiben.“ (Adorno zitiert nach Kiedaisch, 57). Nicht nur geht seine Aussage einem Widerruf seines Diktums nahe, Adorno ist sich außerdem darüber bewusst, dass vielen Opfern gerade die literarische Verarbeitung ihrer Leiden Linderung verschafft. Genauso wie seine ursprüngliche These radikal war, so gleicht seine Aussage jetzt fast einer Absolution: die Leiden dürften ausgedrückt werden. Der Vergleich mit einem Gemarterten macht weiter deutlich, dass Adorno sich darüber im Klaren ist, dass viele Opfer gar nicht anders können, als ihrem Leiden Ausdruck zu geben.
Offensichtlich ist nun, dass ein gewisses Paradoxon vorliegt. Einerseits besteht die Unmöglichkeit, den Holocaust überhaupt mit Worten zu beschreiben, ande-
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rerseits herrscht die absolute Notwendigkeit, damit Opfer im Schreiben psychische Entlastung finden und darüber hinaus Zeugnis ablegen können. (vgl. Rosenfeld, 16). Für diesen Widerspruch scheint es weder eine Lösung noch einen Ausweg zu geben, er stellt jeden Autor vor die gleiche Schwierigkeit. Möglich ist aber auch, dass genau diese ‚Barriere’ Autoren dazu zwingt, ihre Worte wie bei keinem anderen Thema abzuwägen und das Geschriebene immer wieder zu hinterfragen. Über den Holocaust zu schreiben wird nie einfach sein, und das sollte auch so bleiben. Adornos Diktum ist aber weder für jegliche Kunst noch für jegliche Literatur aufgehoben. Er gesteht den Opfern zu, von ihrem Leiden zu berichten. Weiter legt er einen Fokus auf das historische Schreiben, das sich so genau wie möglich an die Fakten hält. Die Literatur, die auf Tatsachen beruht und von diesen berichtet, ist aber nur ein kleiner Teil der gesamten Literaturlandschaft. Was aber ist mit dem Rest? Auch wenn Adorno sein ursprüngliches Diktum bis zu einem gewissen Grad zurückgenommen hat, hat er an Radikalität nichts eingebüßt, was an folgendem Zitat erkennbar ist:
„Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. Indem sie sich restaurierte nach dem, was in ihrer Landschaft ohne Widerstand sich zutrug, ist sie gänzlich zu der Ideologie geworden, die sie potentiell war […] (Adorno zitiert nach Kiedaisch, 62).
Abfall, Überreste, Schund, Dreck; all diese sind mögliche Synonyme für Müll. Dass dieser Begriff mit ausschließlich negativen Assoziationen verbunden wird, kann nicht bestritten werden. Trotz seiner Drastik hat diese Beschreibung aber etwas Zutreffendes. Der Müll, das sind Reste, das ist das, was übrig geblieben ist. Dabei handelt es sich sicher nicht um schöne Überbleibsel, aber viel wichtiger ist, dass überhaupt noch etwas da ist. Adorno macht also darauf aufmerksam, dass die Kultur nicht gänzlich verschwunden oder gar untergegangen ist. Es sind noch klägliche Überreste vorhanden, die jedoch im Angesicht des Holocausts nicht mehr bestehen können. Insgesamt kommt die Kultur aber alles andere als glimpflich davon. Im zweiten Teil des Zitats herrscht ein deutlich vorwurfsvoller Ton. Adorno verkehrt etwas eigentlich Positives, nämlich dass sich die Kultur nach dem Dritten Reich wieder erholte und präsenter wurde, in etwas Negatives. Für ihn ist es vollkommen unangemessen und empörend, dass sich die Kultur nach all dem Grauen wieder herstellen konnte. Er geht aber noch weiter indem er sagt, dass die Kultur nun ein Teil der Ideologie ist, die den Holocaust und die mit ihm verbundenen Grausamkeiten zu verant-
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Arbeit zitieren:
B.A. Sarah Ruhnau, 2011, Probleme der Darstellung des Holocaust - John Boyne, Ralph Giordano, Art Spiegelmann, München, GRIN Verlag GmbH
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