1
I. Drostes Judenbuche und das Interpretationsdilemma
Die 1842 erschienene Erzählung Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff gehört zu den meist interpretierten Texten des 19. Jahrhunderts. Dabei hat sie sich im Spiegel der Forschung als überaus vielschichtiges Werk erschlossen. Der Radius der Deutungen spannt sich von der eindimensionalen Absolutsetzung eines Aspekts bis hin zur resignierenden Kapitulation vor ihrer Vieldimensionalität und ´Dunkelheit` 1 . Fast jeder Interpret hat die Lebensgeschichte des Protagonisten Friedrich Mergels auf seine Weise neu interpretiert und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass dies über lange Zeit mit dem Anspruch geschah, das Rätsel gelöst zu haben. 2
Die vielen verschiedenen Deutungen haben mit ihren jeweiligen Ansätzen alle ihre Berechtigung, denn die erzählte Geschichte bleibt unter vielen Gesichtspunkten offen und lässt somit die Vielfalt unterschiedlicher Interpretationen zu. 3 Dieser Spielraum, den Droste durch ihr Erzählprinzip, Zusammenhänge und Einzelheiten in der Judenbuche lückenhaft darzustellen, schafft, führt nun mehr oder weniger zu einem Interpretationsdilemma. Keine der zahlreichen Auflösungen wurde bisher zur allgemeingültigen Lösung erklärt.
Nicht selten musste Droste schon zu Lebzeiten den Vorwurf dichterischer, ´obscuritas` über sich ergehen lassen. Mit der Intensität dieser ´Dunkelheit` ging Droste allerdings soweit, dass sie selbst den Fachgelehrten in ungewöhnlichem Maße zu schaffen gemacht hat. Schon die Titel einzelner Forschungsbeiträge lassen dies erkennen: „Erzähltes Mysterium“ 4 , „Die Judenbuche: Das Ärgernis des Rätsels und der Auflösung“ 5
1 Schneider, Ronald: Realismus und Restauration. Kronberg 1976 S.250.
2 Begemann, Christian: Kommentar. In: Annette von Droste-Hülshoff. Begemann, Christian (Hrsg.): Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westphalen. Frankfurt am Main 1999 S. 110.
3 Gössmann, Wilhelm: „ Die Judenbuche“- eine Geschichte der Nichtheimkehr, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 99 (1980). S. 133.
4 Rölleke, Heinz: Erzähltes Mysterium. Studie zur Judenbuche der Annette von Droste- Hülshoff, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 42, 1968.
2
oder „Enthüllen und Verhüllen in Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche“ 6 .
Droste war sich dieser, ´Dunkelheit` selbst durchaus bewusst, entwirft sie doch in der Komödie Perdu! mit der Gestalt der Freiin Anna von Thielen ein dichterisches Selbstporträt, welche sie im Stück als
„ein bedeutendes Talent [charakterisiert] aber es scheint ihr doch so gar nicht daran gelegen, ob sie verstanden wird oder nicht: mit ein paar Worten, mit einer Zeile könnte sie zuweilen das Ganze klar machen, und sie thuts nicht“ 7 .
Die Judenbuche gilt zu recht als schwer verständlich, dunkel und rätselhaft- seit längerer Zeit ist genau dies ein weiterer Schwerpunkt der germanistischen Forschung. Heinrich Henel brachte es 1967 auf den Punkt: „Der Sinn der Novelle eben liegt in ihrer Dunkelheit.“ Die „Enthüllung und Verhüllung“ sind nach Henel Kalkül und Erzählstrategie Drostes. 8 Trotz der Mannigfaltigkeit der Deutungsansätze lassen sich durchgängige Interpretationsmuster erkennen: anfangs stand die metaphysische Deutung, unter die die religiöse Kategorie und die des Schicksals fallen, im Vordergrund; in den letzten 20 Jahren verschob sich der Schwerpunkt auf die sozialhistorischen und psychologischen Aspekte der Erzählung. 9
Seitdem die Forschung mit den Werkdeutungen der letzten Jahre immer stärker die ´Dunkelheit` des Werkes betont und als Erzählprinzip Drostes ausdeutet, ist das Textverständnis noch mehr als bisher auf die Analyse der sprachlichen, begrifflichen und motivlichen Organisation der Dichtung
5 Wittkowski, Wolfgang: „Die Judenbuche“: Das Ärgernis des Rätsels und der Auflösung“, in: Heselhaus, Clemens/ Woesler, Winfried(Hrsg.): Droste- Jahrbuch 1 1986/87. Münster 1986
6 Bernd, Albrecht Clifford: Enthüllen und Verhüllen in Annette von Droste- Hülshoffs Judenbuche, in: Günther, Vincent J. u.a.: Untersuchungen zur Literatur als Geschichte. Festschrift für Benno von Wiese. Berlin 1973.
7 Droste-Hülshoff: Perdu! In : Woesler, Winfried (Hrsg.) : Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe. Tübingen 1982, S.55.
8 Henel, Heinrich: Annette von Droste-Hülshoff: Erzählstil und Wirklichkeit. In: Schwarz, Egon u.a.:Festschrift für Bernhard Blume. Göttingen 1976 S.159.
9 Linder, Jutta: Strafe oder Gnade? Zur Judenbuche der Droste. In: Woesler, Winfried (Hrsg.): Droste-Jahrbuch 3 1991-1996. Pader- born 1997 S.85.
3
angewiesen. 10 In der vorliegenden Arbeit erfolgt unter II. und III. die Untersuchung des Erzählprinzips Drostes und der vermeintlich von ihr beabsichtigten Wirkung ihrer gesetzten Zeichen auf den Leser der Judenbuche.
Ob dieser Arbeit zum Schluss eine unwiderlegbare Auflösung des Rätsels um die Judenbuche gelingt, darf bereits im Vorfeld bezweifelt werden-und darf hier auch gar nicht das Ziel sein. Vielmehr gilt es den Indizienreichtum Drostes aufzuzeigen und die These zu untermauern, dass der Autorin an einer Auflösung oder einseitigen Interpretation ihres Werkes nicht gelegen war.
II. Erzählstrategien
II.I. Genre
Die Vorschläge welcher Gattung und Epoche die Judenbuche zuzuordnen sei, stehen weithin in Abhängigkeit von den skizzierten Konzepten, also von den interpretatorischen Vorentscheidungen, die der Rezipient vornimmt.
Diskutiert wird die Judenbuche in der Forschung vor allem als Novelle, Dorf-, Kriminal- und Dedektivgeschichte- und selbstverständlich als Sittengemälde. Den Terminus Sittengemälde übernahm Droste von August Wilhelm Iffland, dessen Erfolgsdrama Die Jäger von 1785 den ebenfalls unüblichen Untertitel Ein ländliches Sittengemälde führt. Durch die Ortsnamen, die meist abgekürzt sind und die auffällig oft eingesetzten Jahreszahlen beschreibt Droste im Gegensatz zu Ifflands Sittengemälde ein his-torisch und geographisch fixiertes Milieu. 11 Die Judenbuche-Rezeption tendiert dazu, die Erzählung auf das Genre festzulegen, die sie am plakativsten bedient- das des Kriminalstücks 12 ; überschreibt Droste selbst doch eine ihrer im Vorfeld handschriftlich ver-
10 Dick,Ernst S.: Schlag, schlagen, erschlagen: zur Wort- Begriffssymbolik der „Judenbuche“, in: Beckers, Hartmut und Schwarz, Hans: Gedenkschrift für Jost Trier. Wien 1975 S.262.
11 Ribbat, Ernst: Stimmen und Schriften. Zum Sprachbewusstsein in den Haidebildern und in der Judenbuche, in: Ribbat, Ernst: Dialoge mit der Droste. Paderborn 1998 S.241.
12 Liebrand, Claudia: Kreative Refrakturen. Annette von Droste- Hüsl- hoff. Freiburg 2007 S.219.
4
fassten Entwürfe mit dem Titel: „Friedrich Mergel, eine Criminalgeschichte des 18ten Jahrhunderts“ 13 .
Da es jedoch bei jeglicher Zuweisung zu lediglich einer Gattung immer auch Widersprüche gibt, ist ganz klar zu konstatieren: Drostes Judenbuche bedient sich mehrerer Genres dem Prinzip folgend, das Einzeltexte nicht mit den Genrekonventionen einer einzelnen Gattung operieren. 14
II. II. Der „Auszug aus den Akten“
Die Darstellung „Geschichte eines Algierer Sklaven“, die Drostes Onkels August von Haxthausen 1818 in der Göttinger Zeitschrift Die Wünschelruthe veröffentlichte, bezeichnet diese in einem Brief als „Auszug aus den Akten“ 15 . Somit misst sie dem Bericht, wie es auch die ältere Forschung tat, die Rolle eines zuverlässigem, objektivem Tatsachenberichts bei. 16 Gewiss liegt der Judenbuche historische Faktizität zugrunde: das Schicksal des Judenmörders und Algierer Sklaven Hermann Winkelhannes,
„den menschliches Gesetz nicht mehr erreichte“ [und der] „nachdem er lange Jahre fern umher geschweift, wieder durch des Geschicks geheimnisvoller Gewalt zu dem Kreis, Ort und Boden des Verbrechens zurückgebannt, dort sich selbst Ge- 17 rechtigkeit geübt“ .
Haxthausen hat den Stoff für uns heute erkennbar einer Literarisierung und Fiktionalisierung 18 unterworfen. In seiner Darstellung ist der Fall völlig klar: Hermann Winkelhannes hat sich rund 24 Jahre nach dem Mord an einem Juden, den er auch gesteht, am Ort des Verbrechens erhängt und sich somit selbst gerichtet.
13 Droste- Hülshoff, Annette:Historisch- kritische Ausgabe. Prosa. Bnd. V,2,, Hrsg. Woesler, WinfriedTübingen 1984, S. 258.
14 Liebrand, S. 216.
15 Schulte Kemminghausen, Karl ( Hrsg.): Die Briefe der Annette von Droste- Hülshoff. Gesamtausgabe. Erster Band Jena 1944 S. 367.
16 Begemann, S.91.
17 Haxthausen, A. Freiherr: Geschichte eines Algierer Sklaven, in: Begemann, Christian (Hrsg.): Annette von Droste-Hülshoff. Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westphalen. Frankfurt am Main 1999 S. 67
18 Begemann, S. 90.
Arbeit zitieren:
Jasmin Kamar, 2010, Fremde Zeichen in Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen: Fremde Zeichen in Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen: neuer Titel erschienen: Fremde Zeichen in Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche"
Jasmin Kamar hat einen neuen Text hochgeladen
Auf Annette von Droste-Hülshoffs Spuren
Eine Bildreise
Josef Bieker, Ulrike Romeis, Ulrich Wollheim
0 Kommentare