Inhaltsverzeichnis
0. Vorwort
1. Einleitung 3
1.1 Die katholische Kirche in Ostdeutschland 3
1.1.1 Die katholische Kirche in den ostdeutschen Bundesländern 4
1.1.2 Die katholische Kirche in Halle/Saale 5
1.2 Die Lebenssituation in Halle 5
1.2.1 Bevölkerung 6
1.2.2 Bildungsstand 6
1.2.3 Arbeitsmarktlage 7
1.3 Zwischenergebnis 7
2. Esoterische Religiosität - ein attraktiver Sonderweg
f ür die Menschen in Halle? 8
2.1 Begriffsklärung 8
2.1.1 Die Geschichte des Begriffs - vom geheimen Wissen zum
Modetrend 8
2.1.2 Kennzeichen der Esoterik 12
2.1.3 Esoterische Grundprinzipien 13
2.1.4 Ursachen für das Interesse an Esoterik 14
2.1.4.1 Anthropologische Hintergründe 14
2.1.4.2 Gesellschaftliche Hintergründe 15
2.1.4.3 Psychologische Hintergründe 16
2.2 Die Esoterik-Szene in Halle 17
2.2.1 Das „Zauberreich“ 17
2.2.2 Organisationen 19
2.2.2.1 Die Anthroposophen 19
2.2.2.2 Die Rosenkreuzer 22
2.2.3 Kommerzialisierte Szene 26
2.2.3 26
2.2.3 26
2.2.3.1 Die Familienstellen nach Hellinger 26 2.2.3.2 Diverse kommerzialisierte Angebote 28
2.2.4 Vereine 32 2.2.4.1 Lichtzentrum e.V. 32 2.2.4.2 Ganzheitliche Wege e.V. 35 2.2.4.3 Neudeutschland e.V. 37 2.2.5 Sonstiges 38 2.2.5.1 Bujinkan 38 2.2.5.2 International Paranormal Society 39 2.2.5.3 Bruno Gröning-Freundeskreis 41 2.3 Zwischenergebnis 42
3. Die theologisch-kritische Würdigung 45 3.1 Das Menschenbild 45 3.1.1 Das christliche Menschenbild 45 3.1.1.1 Die Freiheit 46 3.1.1.2 Die Sünde 47 3.1.1.3 Die „Gottfähigkeit“ des Menschen 47 3.1.1.4 Der Mensch und die Schöpfung 48 3.1.2 Esoterische Menschenbilder 49 3.1.2.1 Die Freiheit 49 3.1.2.2 Die Sünde 50 3.1.2.3 Die „Gottfähigkeit“ des Menschen 50 3.1.2.4 Der Mensch und die Schöpfung 51 3.1.3 Zwischenergebnis 51 3.2 Das Gottesbild 56 3.2.1 Das christliche Gottesbild 56 3.2.1.1 Die Trinität 56 3.2.1.2 Vater, Sohn und Heiliger Geist 57 3.2.1.3 Der persönliche Gott der Christen 57 3.2.1.4 Jesus Christus und die Erlösung 58
3.2.1.5 Das Herausragen der Liebe 59 3.2.2 Das esoterische Gottesbild 60 3.2.2.1 Göttliche Kräfte und Gotteskraft 60 3.2.2.2 Die Erkennbarkeit Gottes 60 3.2.3 Zwischenergebnis 60 3.3 Die Mystik 64 3.3.1 Mystik und Spiritualität im Christentum 64 3.3.1.1 Das Eins-Sein mit Gott als Mittelpunkt der christlichen Mystik 65 3.3.1.2 Charismatische Bewegungen 66 3.3.1.3 Christliche Mystik als Gotteserfahrung nach Karl Rahner 67 3.3.2 Mystik und Spiritualität in der Esoterik 69 3.3.2.1 Das „Ich“ als zu überwindendes Hindernis bei der Entfaltung „göttlicher“ Kräfte 69 3.3.2.2 Esoterische Mystik als Glaubensbeweis 70 3.4. Zwischenergebnis 70 3.5 „Außerhalb der Kirche kein Heil“? 72 3.5.1 Das Zweite Vatikanische Konzil und das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen 73 3.5.2 Historischer Wahrheitsanspruch in der Katholischen Kirche 73 3.5.3 Die Neuordnung durch das Zweite Vatikanische Konzil 75 3.5.4 Die Heilsökonomie und die notwendige Zugehörigkeit zu der Kirche 75 3.5.5 Zwischenergebnis 76
4. „Ich glaub nichts, mir fehlt nichts?“ -Persönliche Schlussfolgerung 78
0. Vorwort
Die folgende Arbeit thematisiert die vorhandene esoterische Religiosität in Halle/Saale und die kritische Würdigung jener aus Sicht der Theologie. Das Ziel der Arbeit ist es, einen Überblick über die Vielfalt esoterischer Religiosität in Halle zu geben, sowie die theologische Kritik an den einzelnen esoterischen Phänomenen darzustellen. Dem Leser wird so die Möglichkeit gegeben, sich über eine exemplarische Auswahl esoterischer Phänomene in Halle zu informieren und mithilfe eines Orientierungsmaßstabes aus christlicher Sicht die Angebote der esoterischen Szene zu beurteilen.
Der Inhalt der Arbeit ist vor allem für Religionslehrer 1 wichtig, da gerade diese Lehrer mit esoterischen Ideen konfrontiert werden können. Hierbei ist es notwendig, dass die Lehrkraft über ein grundlegendes Wissen verfügt, mit dessen Hilfe man Schüler und Eltern aufklären kann. Es soll die Frage beantwortet werden, inwieweit der katholische Glaube und die verschiedenen esoterischen Strömungen auseinanderliegen.
Das erste Kapitel der Arbeit beschäftigt sich mit den sozialen Bedingungen in Halle und den ostdeutschen Bundesländern. Es geht dabei vor allem auf die Situation in der Saalestadt ein. Insbesondere soll nach der Verbreitung des katholischen Glaubens, sowie nach der Organisation der katholischen Gemeinden gefragt werden. Des Weiteren werden die hallesche Bevölkerung, der Bildungsstand und die Arbeitsmarktlage der Saalestadt betrachtet. Das folgende Kapitel untersucht die vorhandenen esoterischen Phänomene in Halle/Saale. Hierbei werden einzelne Erscheinungen der esoterischen Szene vorgestellt. Nicht nur die Darstellung der esoterischen Religiosität in Halle wird in diesem Kapitel ausgeführt, sondern auch der Hintergrund der Esoterik im Allgemeinen. Neben der Begriffsklärung findet man in dem Kapitel eine Auflistung von Merkmalen, die darüber Aufschluss geben können, ob und inwieweit bei einer Weltanschauung, einem Glaubenssatz oder einer Organisation esoterische
1 Im Folgenden umfassen alle maskulinen Bezeichnungen auch die weiblichen.
Eigenschaften vorhanden sind. Ein weiterer Teil dieses Kapitels beschäftigt sich mit den möglichen Ursachen für das existierende Interesse an Esoterik. Dabei werden die anthropologischen, die gesellschaftlichen und die psychischen Ursachen näher betrachtet.
Im dritten Kapitel werden die esoterischen Angebote mithilfe der herrschenden Meinung seitens der katholischen Kirche beurteilt. Die negativen Auswirkungen esoterischer Praktiken und Lebensentwürfe werden betrachtet und das Christentum als humane Alternative aufgezeigt.
Im letzten Kapitel findet der Leser eine Zusammenfassung der Ergebnisse, die einen Überblick über den Inhalt der Arbeit vermittelt und ein Schlussfazit anführt.
1. Einleitung
Im Folgenden wird die Verbreitung der katholischen Kirche in Ostdeutschland betrachtet. Insbesondere wird die Situation der katholischen Kirche in der Stadt Halle/Saale untersucht.
Die Stadt Halle liegt im Bundesland Sachsen-Anhalt und liegt somit im Osten Deutschlands.
Dabei steht die Frage nach der katholischen Präsenz im Vordergrund. Aber auch weltliche Aspekte müssen untersucht und mit einbezogen werden. Die Bevölkerung, der Bildungsstand und die Arbeitsmarktlage sind Kriterien, mit deren Hilfe ein Einblick in das Leben der Saalestadt gegeben werden kann.
1.1 Die katholische Kirche in Ostdeutschland
Regelmäßig erstellte Statistiken der katholischen Kirche geben Aufschluss über die Verbreitung der Kirche im Bundesgebiet. Das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz gibt jährlich eine amtliche Statistik für die katholische Kirche in Deutschland heraus. Diese untersucht den Mitgliederbestand, die Beteiligung dieser Kirchenmitglieder am kirchlichen Leben und die Bereitstellung des organisatorischen Rahmens und des Personals für die Orientierung und Gestaltung des kirchlichen Lebens. Mithilfe dieser statistischen Jahreserhebung wird die Situation der katholischen Kirche in Ostdeutschland dargestellt.
3
1.1.1 Die katholische Kirche in den ostdeutschen Bundesländern
Die folgenden Aussagen sind der amtlichen Statistik aus dem Jahr 2008 entnommen und beziehen sich nur auf die Bistümer, die die ehemaligen Gebiete der DDR umfassen. 2
Das besondere Merkmal der katholischen Kirche in den ostdeutschen Bundesländern ist ihr Status als Diaspora 3 . Dies wird vor allem im Vergleich mit den westdeutschen Bundesländern deutlich. Der Status als Diaspora wird allein in der Anzahl der Pfarreien und weiterer kirchlicher Einrichtungen aufgezeigt. Hier findet man erheblich weniger Institutionen als dies in einigen westdeutschen Gebieten der Fall ist. Als Beispiel sei hier das Bistum Magdeburg mit 186 kirchlichen Einrichtungen genannt. Im Vergleich dazu befinden sich im Westen Deutschlands Bistümer, welche über 1000 Pfarreien und andere seelsorgerische Einrichtungen besitzen; so zum Beispiel verfügt das Bistum Freiburg über 1072 kirchliche Einrichtungen. 4 Auch die Anzahl der katholischen Gläubigen ist im Gebiet der Diaspora deutlich geringer als im übrigen Bundesgebiet. Im Bistum Magdeburg sind im Jahr 2008 92.000 katholische Christen verzeichnet worden. Im Bistum Dresden-Meißen waren es 143.000, im Bistum Erfurt 156.000, im Bistum Görlitz 33.000, im Bistum Berlin 107.000 und im Bistum Hamburg 102.000. Im Gegensatz dazu verfügen die Bistümer im westlichen Teil Deutschlands über eine deutlich höhere Anzahl katholischer Christen. In den Bistümern Freiburg, Aachen, Augsburg, Köln, München-Freising, Münster, Paderborn, Regensburg und Rottenburg-Stuttgart sind pro Bistum über eine Million Katholiken gezählt worden. 5
2 Bistümer mit ostdeutschen Gebieten: Magdeburg, Erfurt, Dresden‐Meißen, Görlitz, Berlin und Hamburg.
3 Diaspora: Gebiet, in welchem Katholiken in einer Minderheitssituation leben.
4 Vgl. Anhang 1.
5 Ebd.
4
1.1.2 Die katholische Kirche in Halle/Saale
Die Stadt Halle liegt im Zentrum des Diasporagebietes. Die Katholiken sind in Halle in drei große Gemeinden eingeteilt. Diese Gemeinden umfassen, über Halle/Saale hinausgehend, noch das ländliche Umfeld.
Die Abteilung Meldewesen und Statistik der Ressourcenverwaltung des Bischöflichen Ordinariats hat die im Anhang 2 zu findende Tabelle herausgegeben und zur Bearbeitung zur Verfügung gestellt. Die Statistik bezieht sich auf das Jahr 2009. Die Gemeinde „St. Franziskus und St. Elisabeth“ umfasste 2233 Katholiken. 6 Die dazu gehörige Nachbargemeinde „St. Mauritius und St. Paulus“ bestand 2009 aus 922 Gläubigen. Der Verbund „Halle-Nord“ wies im letzten Jahr 4354 Katholiken nach. Die Gemeinden „Heiligste Dreieinigkeit“ und „St. Marien“ bestanden 2009 aus 2495 katholischen Christen. 7 Somit gehören ca. 10.000 Menschen der katholischen Kirche in Halle an. Aus einer statistischen Erhebung des Landes Sachsen-Anhalt geht hervor, dass die Stadt Halle am 31.12.2008 233.013 Einwohner hatte. 8 Daraus ergibt sich, dass im Jahr 2009 ca. 4,3 Prozent der Bevölkerung in Halle Angehörige der katholischen Kirche waren.
1.2 Die Lebenssituation in Halle
Im Folgenden wird ein Einblick in die Lebenssituation der Stadt Halle gegeben. Mit der Betrachtung von Bevölkerung, Bildungsstand und der Arbeitsmarktlage soll kenntlich gemacht werden, wie es um Halle bestimmt ist. Auch wenn diese drei Kriterien allein nicht ausreichend für umfangreiche Darstellungen sind, so geben sie dem Leser dennoch die Möglichkeit, unter Berücksichtigung der Forschungsfrage Zusammenhänge zwischen der Situation in Halle und den esoterischen Angeboten zu erkennen.
6 Vgl. Anhang 2.
7 Ebd.
8 Vgl. Anhang 3. 5
1.2.1 Bevölkerung
Ein Drittel der Gesamteinwohnerzahl der Stadt Halle hat bereits das 60. Lebensjahr erreicht. Im Gegensatz dazu leben nur 3075 Menschen in Halle, die zwischen 16 und 18 Jahren alt sind, dies entspricht 1,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Der Rest der Bevölkerung setzt sich aus 11,3% der 0 -16jährigen und ca. 54% der 19-59jährigen Menschen zusammen. 9 Die separate Betrachtung der 16-18jährigen ist gerade vor dem Hintergrund wichtig, da sich diese Bevölkerungsgruppe in einer Phase der Neuorientierung befindet. Im fortlaufenden Erwachsenenalter bleibt die Einstellung zur Religion weitgehend stabil. Schicksalsschläge oder Lebenskrisen können die Religiosität jedoch intensivieren. 10 Aus der religionssoziologischen Sicht sind das Jugend- und das frühe Erwachsenenalter besonders entscheidend, um Rückschlüsse auf die Entwicklung religiöser Einstellungen zu ziehen. 11
1.2.2 Bildungsstand
Zum Bildungsangebot ist zu sagen, dass es in Halle/Saale 33 Grundschulen, 8 Sekundarschulen, 3 Gesamtschulen, 6 Gymnasien und 12 Förderschulen gibt. 12 Derzeitig lernen in Halle/Saale über 15.195 Schüler. Davon sind 3314 an Gymnasien, 1657 an Förderschulen, 2448 an Gesamtschulen und 2105 an Sekundarschulen. 13 An den Grundschulen sind 5671 Schüler aktiv. Mit diesen Informationen können mögliche Rückschlüsse auf die Religiosität unter Berücksichtigung des Bildungsstandes getroffen werden. Im Hinblick auf die Thematik der Arbeit ist die Frage nach den Schülerzahlen insofern relevant, da in Halle Bildungsangebote vorhanden sind, bei denen esoterische Elemente vermittelt werden. Darauf wird in Kapitel 2.2.2.1 der Arbeit näher eingegangen, welches sich mit der Anthroposophie und den Waldorfschulen auseinandersetzt.
9 Vgl. Anhang 3.
10 Vgl. Bucher, Religiosität, Religionen und Glaubens‐ und Wertegemeinschaften 2002, S.949.
11 Ebd.
12 Vgl. Anhang 4.
13 Ebd. 6
1.2.3 Arbeitsmarktlage
Die Untersuchung der esoterischen Religiosität in einer bestimmten Region erfordert auch die Betrachtung der Arbeitsmarktlage. Während des ersten Quartals 2010 hat man in Halle 15.969 Arbeitslose gezählt. 14 Dies entspricht 12 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Berücksichtigt man die Arbeitslosigkeit als möglichen Ausgangspunkt einer Lebenskrise, und diese als möglichen Ausgangspunkt einer religiösen Neuorientierung, bestätigt sich ein eng gegebener Zusammenhang zwischen der bestehenden Arbeitsmarktlage und Religionen beziehungsweise religionsähnlichen Weltanschauungen. Gerade die Praktiken des „Positiven Denkens“ 15 versprechen finanziellen Erfolg. 16
1.3 Zwischenergebnis
Die Anzahl der katholischen Gläubigen im Bistum Magdeburg, welches in den ostdeutschen Bundesländern liegt, ist zehnmal niedriger als zum Beispiel in einem westlichen Bistum. Die Stadt Halle gehört zum Bistum Magdeburg. Die Zahl der katholischen Gläubigen liegt knapp unter 5 Prozent der Bevölkerung. Vor dem Untersuchungsaspekt eines möglichen Zusammenhanges der Lebenssituation einer Stadt und dem Aufkommen esoterischer Angebote sind die Bevölkerungsgruppen, der Bildungsstand und die Arbeitsmarktlage ausschlaggebend. Der Wandel religiöser Einstellungen erfolgt hauptsächlich im Jugendalter beziehungsweise im frühen Erwachsenenalter. Eine Neuorientierung kann ebenfalls durch Lebenskrisen, wie zum Beispiel einer Arbeitslosigkeit, erfolgen. In Halle beträgt die Zahl der Arbeitslosen circa 12 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung.
14 Vgl. Anhang 5.
15 Sogenannte „praktische Lebenshilfe“. Glück, Erfolg, bzw. Unglück und Leid sind Produkte der menschlichen Denkmuster. Meditationen und Autosuggestionen sollen helfen, positive Grundgedanken zu entwickeln, die zu einem gelingenden Leben führen sollen.
16 Vgl. Pöhlmann, Esoterik 2003, S.51. 7
2. Esoterische Religiosität - ein attraktiver
Sonderweg für die Menschen in Halle?
Dieser Teil der Arbeit widmet sich der Untersuchung der esoterischen Angebote in Halle/Saale.
2.1 Begriffsklärung
Die begriffliche Verwendung des Wortes „Esoterik“ erstreckt sich von philosophischen Weltanschauungen bis hin zu verschiedenen spirituellen und okkulten Lehren und Praktiken. Neben der Herkunft des Wortes, werden vor allem die möglichen Ursachen und Kennzeichen esoterischer Religiosität vorgestellt.
2.1.1 Die Geschichte des Begriffs - vom geheimen Wissen zum Modetrend
Das Wort „Esoterik“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „nach innen gerichtet“ oder „zu einem inneren Kreis zugehörig“. Das griechische Wort für Esoterik ist „esoterikos“. Einige Lehren und Weltanschauungen wurden schon im alten Griechenland als „esoterisch“ bezeichnet. 17 Damit meinte man vorrangig jenes Wissen, welches nur für Mitglieder einer speziellen Gruppe zugänglich war. Es ging also um Kenntnisse, welche nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Das Wissen war nur für bestimmte Personen zugänglich. Mit der Bezeichnung „esoterikos“ wurde aber noch nichts über den Inhalt und die Bedeutung der Lehren gesagt. „Esoterikos“ stellte somit zunächst nur den Gegensatz zum frei erhältlichen Wissen dar. Bei den sogenannten esoterischen Lehren hat es sich primär um Geheimlehren gehandelt, die nur für Eingeweihte einer bestimmten Gemeinschaft zugänglich waren. In diesem Zusammenhang ist deutlich zu machen, dass Esoterik mit „Arcana“ in Verbindung gebracht wird. 18 Mit dem Wort „Arcana“ meint man ein Geheimnis. Die ursprüngliche Bedeutung lautet: „das in einem Kasten Eingesperrte“. Diese Wortgruppe soll
17 Vgl. Pilar, Yoga Astro Globuli 2009, S.22.
18 Vgl. Drury, Lexikon esoterischen Wissens 1988, S.176. 8
verständlich machen, dass es sich bei jener Form von Geheimnissen um Mysterien handelt, zu deren Verständnis eine bestimmte Voraussetzung, nämlich ein „Schlüssel“, notwendig sei. 19
Heute wird der Begriff „Esoterik“ generell mit den Ideen und Denkansätzen der Innerlichkeit verbunden. Er bezieht sich also auf Überlegungen, die sich mit dem „Inneren“ der Dinge befassen. Damit meint man den verborgenen Sinn der Dinge, sowie das verborgene, innere Wesen des Menschen. 20 Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist, wie man sieht, erhalten geblieben. Spricht man von Esoterik, so meint man damit etwas nach innen Gerichtetes. Der Wortinhalt hat sich aber gewandelt, denn die ursprüngliche Bezeichnung bezog sich auf konkrete Lehren, die nur für ausgewählte Menschen zugänglich waren. Heute meint man eine unüberschaubare Vielfalt diverser Theorien und Glaubenssätze, deren Zentrum die Lehre innerer Kräfte beziehungsweise innerer Wirkungen ist. Gegenwärtig erscheinen ständig neue esoterische Angebote auf dem Markt. Viele sind neue Denkrichtungen, andere sind traditioneller Natur und berufen sich auf eine eigene Vergangenheit. Sie sollen als Beweis dienen, dass esoterische Lehren eine lange Tradition besitzen und somit einen Gültigkeitsanspruch stellen dürfen. An dieser Stelle sind zu nennen: die Vorstellungen der Alchemisten 21 , die Kabbala 22 des Judentums, astrologische 23 Lehren und einige gnostische 24 Lehren der Antike. 25
19 Vgl. Drury, Lexikon esoterischen Wissens 1988, S.45.
20 Vgl. Pilar, Yoga Astro Globuli 2009, S.22.
21 Alchemie: abgeleitet vom Arabischen „al‐kimiya“. Es bedeutet so viel wie „schwarze Kunst“. Von ihrem Ursprung her ist die Alchemie eine praktische Kunst, die Metalle veredelt und Farben herstellt. Darüber hinaus hat sie eine religiös‐weltanschauliche Komponente. Vor allem die Gnosis griff auf alchemistische Praktiken zurück. So war das wichtigste Anliegen der mittelalterlichen Alchemie die Umwandlung des Menschen, seine Veredlung. Die Alchemie stellt einen gnostischen Heilsweg dar.
22 Kabbala: aus dem Hebräischen „Überlieferung“. Damit bezeichnet man die jüdische Mystik und Geheimlehre.
23 Astrologie: aus dem Griechischen „Sternenwissen“. Im Gegensatz zur Astronomie (griech. „Sternengesetze“; Wissenschaft) beschäftigt sich die Astrologie mit der Deutung des Zusammenhanges zwischen den Sternen und dem Leben auf der Erde, vor allem mit dem Einfluss der Gestirne auf das Leben der Menschen.
24 Von Gnosis (Griechisch für „Erkenntnis“). Als geheimes und spirituelles Wissen verstanden, war die Gnosis Glaubensinhalt vieler Sekten, die vor allem in der Zeit des frühen Christentums entstanden. Das geheime Wissen meint hier esoterische Wahrheiten, die den religiösen Ideen zugrunde lagen und zu Erleuchtung und Wahrheit führen. Die Gnostiker setzten die eigene Erkenntnis über den Glauben, damit differenzierten sie sich deutlich vom Christentum, wenn auch christliche Lehren in der Gnosis vorhanden waren. 9
Auch wenn die alten Geheimlehren eine bestimmte Tradition besitzen, so tauchte der Begriff „Esoterik“ in Hinblick auf die gegenwärtige Nutzung des Wortes erst im 19. Jahrhundert auf. In jener Zeit bezeichnete man damit alle freien, außerkirchlichen religiösen Strömungen. Größere Bekanntheit erhielt der Begriff durch Abbé Alphonse-Louis Constant (1809-1875), der Esoterik mit Okkultismus 26 gleichgesetzt hat. Diese Gleichsetzung sollte dazu dienen, alle Ideen, Praktiken und Rituale, die sich mit nicht sichtbaren und durch die Wissenschaft nicht erklärbaren Phänomenen, sowie den geheimen Zugängen zur Natur und des menschlichen Geistes, befassen, zusammenzuschließen. Diese weitformulierte Definition ist bis heute geläufig. Sämtliche Formen von Denkansätzen, die die Wirklichkeit nicht mit konventionellen und wissenschaftlichen Methoden erklären, sind unter dem Begriff „Esoterik“ vereint. Bereits in der Zeit der Renaissance 27 waren es Gelehrte, die ein neues Bewusstsein bezüglich geheimer antiker Lehren entwickelt haben. Man sammelte und übersetzte wichtige Texte des Neuplatonismus 28 , die bis in die Gegenwart hinein die Grundlage für magische und esoterische Spekulationen sind. 29 Bis zum 19. Jahrhundert war es so, dass sich vorrangig kleine Gruppen mit diesen Themen beschäftigt haben. Seit dem 19. Jahrhundert zeichnete sich hier ein Wandel ab. Diese Entwicklung geht mit der Veränderung des Begriffs „Esoterik“ einher. Der vormals „innere geheime Kreis“ erstreckt sich bis heute über alle religionsähnlichen Weltanschauungen. Ausgearbeitete Systeme gab es zwar bereits in der Antike. Doch die gängigsten esoterischen Strömungen wurden zum Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt. Seit den letzten 30 Jahren haben sich Teile der Esoterik dahingehend entwickelt, dass viele Praktiken und Riten auf die Steigerung des Wohlbefindens zielen. Auf diese Weise hatte die Esoterik die Möglichkeit, sich zu einem begehrten gesellschaftlichen Trend zu entwickeln. Vorrangig handelt es sich
25 Vgl. Pilar, Yoga Astro Globuli 2009, S.22.
26 Aus dem Lateinischen occulere. Bedeutung: „verbergen“. Die ursprüngliche Bedeutung meint ein verborgenes, geheimes nicht anerkanntes Gedankengut. Seit dem vorletzten Jahrhundert hat das Wort einen allgemeineren Charakter erhalten und umfasst die Gebiete der Magie, Mystik, Esoterik, Theosophie und den Spiritismus.
27 Wörtlich: „Wiedergeburt“. Ausgehendes 14. Jahrhundert bis Ende 16. Jahrhundert. Von Italien auf ganz Europa ausströmend. Geistige Bewegung, die sich u.a. an die Lehren, Lebensprinzipien und Kunstformen der Antike anlehnt.
28 Eine philosophische Richtung, welche die Lehren Platons unter orientalischem und christlichem Gedankengut weitergebildet hat. Die Ideen Platons wurden im 15. Jahrhundert wiederentdeckt.
29 Vgl. Pilar, Yoga Astro Globuli 2009, S.23. 10
um Praktiken, die verschiedenen religiösen Strömungen entnommen wurden und zur Entspannung, Heilung oder Bewusstseinserweiterung genutzt werden können. 30 Die gegenwärtige Anwendung esoterischer Praktiken ist durch eine besondere Form der Selektion gekennzeichnet. Anhand festgelegter Themen werden bestimmte Riten und Praktiken von ihrem kulturellen Kontext weitgehend unabhängig interpretiert und eigenständig verwendet. So zum Beispiel soll das festgelegte Thema „finanzieller Erfolg“ durch „Positives Denken“ erreicht werden. Dabei werden Meditationen und Gebete zur Autosuggestion umfunktioniert. 31 Gerade in der Vielzahl der esoterischen Angebote kann man erkennen, dass meditative, „magische“, therapeutische und andere Techniken von ihrem ursprünglichen Sinn und Zweck entfremdet werden. Sie werden für den schnellen Gebrauch angepasst. 32
„Die New-Age-Bewegung versteht sich als eine Sammlung von Aktivitäten und Denkformen, die die Geburt einer neuen Zeit aus der Krise des alten Zeitalters ankündigen, ihre Anfänge in der Gegenwart sehen und zukunftsweisende Wege für den Einzelnen und die Gesellschaft beschreiben.“ 33
Mit dem „New Age“ meint man eine neue Form des Denkens und des Bewusstseins. Ziel ist es, ein ganzheitliches Denken zu entwickeln. Eine zentrale Stütze des New Age ist es, östliche Weisheitslehren mit der westlichen Wissenschaft und Philosophie zu verbinden. Im 20. Jahrhundert entstanden immer mehr esoterische Ideen, welche den Weltfrieden und die Einheit aller Menschen zum Ziel hatten. Um diese beiden Ziele zu ermöglichen, wurde eine Vielzahl von Theorien und Praktiken entworfen. Ab den 1960er Jahren wurden diese gesellschaftsutopischen Ideen unter dem Wort „New Age“ zusammengefasst. 34 Den Höhepunkt hatte diese Strömung in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts bezeichnete man mit dem Begriff „New Age“ Esoterisches im Zusammenhang der Hippiebewegung. Seit dieser Zeit wurde die Bezeichnung „New Age“ jedoch unabhängig davon in sehr freier Weise vielfältig verwendet. Auch heute sind noch
30 Vgl. Pöhlmann, Esoterik 2003, S.51.
31 Ebd.
32 Ebd.
33 Ehmann, Neue Heilsversprechen 2004, S.59.
34 Vgl. Pilar, Yoga Astro Globuli 2009, S.25. 11
viele ihrer Denkweisen präsent. So wird zum Beispiel noch heute das Konzept des „Paradigmenwechsels“ verwendet. 35 Der Paradigmenwechsel beschreibt eine Änderung des Blickwinkels auf ein wissenschaftliches Feld.
2.1.2 Kennzeichen der Esoterik
Der historische Wandel des Begriffs „Esoterik“ wurde eben dargestellt. Dadurch wurde gezeigt, wie vielseitig das Wort bis heute verstanden werden kann. Um von Esoterik sprechen zu können, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Die moderne Esoterik geht davon aus, dass das Wissen, auf welches sie sich beruft, im allgemeinen oder kollektiven Unbewussten der gesamten Menschheit zu finden ist. Dieses Wissen kann vom Menschen selbst genutzt werden, wenn er es aktiviert. Er macht es sich dann individuell bewusst. Diese Form der Bewusstseinserweiterung ist typisch für esoterische Anschauungen. 36 Wie bereits beschrieben, wendet sich die Esoterik dem Inneren zu. Der Mensch erweitert durch spezifische Erfahrungen sein Selbst. Die Esoterik lehnt im Allgemeinen Dogmen und Lehrmeinungen ab und konzentriert sich stattdessen auf die Erfahrungsdimension des einzelnen Menschen.
Die gegenwärtige Esoterik ist dadurch gekennzeichnet, dass ihre Ideen die Nichtigkeit der materiellen Existenz betonen. Feste Materie und geschehene Ereignisse sind demnach nicht real. All das, was der Mensch in dieser Welt erkennt, sind diesen Lehren nach Erscheinungsformen einer sich ständig bewegenden Energie. Es wird viel vom Göttlichen und vom göttlichen Prinzip gesprochen. Dabei bezieht man sich oft auf die fernöstlichen Ideen, die vom Chi (oder auch Qi) sprechen. 37 Das göttliche Prinzip meint dabei weder das Chi mit seiner kulturellen Bedeutung, noch die Vorstellung eines persönlichen Gottes, sondern eine bestimmte undefinierbare Erfahrung spirituellen Charakters. Dem Geistigen wird Vorrang vor der Materie eingeräumt. 38
35 Vgl. Ehmann, Neue Heilsversprechen 2004, S.59.
36 Vgl. Pöhlmann, Esoterik 2003, S.49.
37 Ist ein Begriff der östlichen Philosophien, der nicht 100%ig übersetzt werden kann. Gängige Übersetzungen beziehungsweise Deutungen sind „Energie“, „Atem“, „Luft“, „Dampf“, „Hauch“ oder „Kraft“.
38 Vgl. Pöhlmann, Esoterik 2003, S.49. 12
Ein weiterer Aspekt ist die Betonung der Individualität. In der Esoterik werden traditionelle, organisierte oder gar institutionelle Formen der Religiosität abgelehnt, vordergründig wird das Sammeln eigener Erfahrungen gesehen. 39 Kennzeichnend für das esoterische Denken ist, dass der Mensch sich selbst als den Mittelpunkt der weltlichen Realität versteht. Der Mensch selbst ist angeblich Ursprung für die spirituelle Evolution. In esoterischen Kreisen spricht man davon, dass der Mensch im Innersten göttlich sei. Daher geht es in heutigen Themenbereichen der Esoterik sehr oft um Selbstverwirklichungsideen. 40
2.1.3 Esoterische Grundprinzipien
In Anlehnung an die geheimnisvollen Sätze des Hermes Trismegistos 41 sind vier Grundprinzipien der esoterischen Religiosität abzuleiten. Erstes Grundprinzip: „Alles, was auf einer oberen Ebene geschieht findet seine Entsprechung auch in den unteren Ebenen.“ 42 Zweites Grundprinzip: „Alles in der Welt ist polar (…) männlichweiblich, positiv - negativ, hell - dunkel, oben - unten, sichtbar - unsichtbar.“ 43 Drittes Grundprinzip: „Zwischen diesen (…) Polen herrscht ein gegenseitiger Kraftfluss, der etwas Neues (…) entstehen lässt, das mit den zwei ersten Polen zusammen eine neue Einheit bildet.“ 44 Viertes Grundprinzip: „Alles im Kosmos läuft zyklisch, rhythmisch ab und untersteht dem Gesetz der Balance.“ 45 Esoteriker glauben, dass wer diese Gesetzmäßigkeiten kenne und diese auch anwendet, dem würden extreme Kräfte zur Verfügung stehen. Jener kann durch den Eingriff „unten“ die Welt „oben“ ändern. An den Sternen, also „oben“, könne ein mögliches Schicksal des Menschen, also „unten“, gedeutet werden. Der Mensch könne demnach den „Kraftfluss des Kosmos“ magisch steuern. 46
39 Vgl. Pöhlmann, Esoterik 2003, S.49.
40 Ebd.
41 Verschmelzung des griechischen Gottes Hermes und des ägyptischen Gottes Thot. Bis in die Neuzeit glaubte man an die reale Existenz des Hermes Trismegistos. Die Schriften stammen aus dem 1. bis 4. Jahrhundert n.Chr. Der wahre Verfasser ist nach heutigem Stand der Wissenschaft unbekannt.
42 Sudbrack, Neue Religiosität 1987, S.110.
43 Sudbrack, Neue Religiosität 1987, S.110.
44 Sudbrack, Neue Religiosität 1987, S.110.
45 Sudbrack, Neue Religiosität 1987, S.110.
46 Vgl. Sudbrack, Neue Religiosität 1987, S.110. 13
2.1.4 Ursachen für das Interesse an Esoterik
Das Interesse nach esoterischem und spirituellem Wissen steigt seit einigen Jahren direkt mit dem Bedürfnis, sich anderen oder „neuen“ Werten zu zuwenden. Anthropologische, gesellschaftliche und psychologische Hintergründe sind mögliche Ursachen für das steigende Interesse.
2.1.4.1 Anthropologische Hintergründe
Der Mensch versucht seit Anbeginn seiner Existenz eine Lösung für unerklärbare Geschehnisse zu finden. Dabei steht auch immer die Frage nach dem Sinn und Zweck einer Existenz im Vordergrund. Als mögliche Lösungsansätze sind die Religionen und andere Weltanschauungen entstanden. Das irdische Leben ist eine Suche nach einer Vielzahl von Antworten, die dem Menschen den Lebenssinn näher bringen können. Dabei ist dieses „Ausforschen“ durch ein spezifisches Fragewort gekennzeichnet: „Warum?“. Kinder fragen bereits „Warum?“. Diese Frage bezieht sich auf alle Lebensbereiche. Aber am meisten wird das „Warum?“ auf den Menschen selbst gerichtet. „Warum existiere ich?“ Auf diese Frage geben sehr viele Religionen, Philosophien und Weltanschauungen viele verschiedene Antworten. Der Mensch ist von Natur aus religiös, er sucht den Sinn über die Alltäglichkeit des Lebens hinaus, gibt sich nicht mit schmalen Vertröstungen zufrieden, sondern er will in irgendeiner Weise das „Ganze“. 47 Die esoterischen Angebote, die den Menschen in den Mittelpunkt rücken, scheinen daher gerade ansprechend für die Suchenden zu sein. Aus esoterischer Sicht strebt der Mensch nach Vollkommenheit, indem er sich in seine eigene Göttlichkeit versenkt. Die Sinnfragen, die verbunden werden mit „dem Unerklärlichem“ und dem Transzendenten führen meist zu persönlichen Antworten. 48
47 Vgl. Sudbrack, Neue Religiosität 1987, S.129.
48 Vgl. Körbel, Heilssuche 2000, S.13. 14
2 1.4.2 Gesellschaftliche Hintergründe
Im Folgenden soll es darum gehen, welche gesellschaftlichen Faktoren den Zuwachs an esoterischen Angeboten und den daran Interessierten begünstigen. Das Individuum lebt in einer Gesellschaft, in welcher eine Wechselwirkung stattfindet. Die Gesellschaft beeinflusst das Individuum und das Individuum beeinflusst die Gesellschaft. Der Mensch wird zum Objekt der modernen Verhältnisse. 49 Er ist den Standards der Medien unterworfen. Eine Vielzahl an Freizeitangeboten lässt es nicht zu, sich genau orientieren zu können und mit der steigenden Erlebnissucht, wird der Mensch mehr und mehr beeinflusst, das zu suchen, was „aufregend“, „spannend“, „unerklärlich“ oder einfach „anders“ ist. Das Individuum steht somit in der postmodernen Gesellschaft in einer Lebens- und Verdrängungsdynamik. 50 Die menschliche Neugier ist ein möglicher Grund, weshalb Menschen beginnen, sich mit okkulten Riten auseinanderzusetzen. Aber auch das Interesse am
Außergewöhnlichen und die Unterhaltungslust, welche durch die Medien eine gesellschaftliche Verbreitung finden, sind mögliche Ursachen für das Interesse an esoterischen Denkweisen und Praktiken. 51 Die postmoderne Gesellschaft, welche von Säkularisierung und Individualisierung geprägt ist, fördert nicht nur das Unterhaltungsstreben des Individuums, sondern zugleich eine spezielle Form der Privatisierung des Einzelnen. Der Auszug vieler Menschen aus den großen Kirchen und die Hinwendung zu selbsternannten Kirchen, Sekten und
Sondergemeinschaften, machen deutlich, dass die Religion zu einer Privatsache wird. 52
49 Vgl. Ehmann, Neue Heilsversprechen 2004, S.13.
50 Vgl. Möde, Christliche Spiritualität 2009, S.11.
51 Vgl. Zinser, Der Markt der Religionen 1997, S.60.
52 Vgl. Ehmann, Neue Heilsversprechen 2004, S.11. 15
2.1.4.3 Psychologische Hintergründe
Ein weiterer Ansatz zur Erklärung der Hinwendung zur Esoterik sind psychische Aspekte. Das Interesse an esoterischen Angeboten wird häufig durch Probleme mit der eigenen Identität geweckt. Weiterhin können Schwierigkeiten mit der Gesundheit und familiäre Probleme den Betroffenen dazu anregen, das scheinbare Heil in der Esoterik zu suchen. 53 Lebenskrisen begünstigen den Einstieg in esoterische Gruppierungen. Bei befragten Aussteigern wurde festgestellt, dass diese Personen vor dem Eintritt schwerwiegende Probleme hatten. 54 Die Psyche des Menschen, insbesondere sein Verhalten, Erleben und Bewusstsein, ist von inneren und äußeren Faktoren abhängig. Esoterik dient in erster Linie der Identitätsfindung. Gerade bei Jugendlichen steht das Thema der Identitätssuche im Vordergrund. Die Adoleszenz ist die Phase der Neuorientierungen, was auch in Bezug auf das religiöse Empfinden deutlich wird. 55 Der Jugendliche möchte sich als Individuum von anderen abgrenzen. Randphänomene, wie Esoterik und Okkultismus, sind geradezu einladend, auf der Suche nach dem Besonderen und dem Exotischen. Der Einzelne ist bemüht, sich selbst zu erkennen und er strebt zugleich dahin, sich selbst zu gestalten, sich zu formen und an sich zu arbeiten. 56 Scheinbar befriedigende Antworten liefern esoterische Ideologien. Der Markt esoterischer Angebote passt sich den steigenden Bedürfnissen an. 57
53 Vgl. Bucher, Religiosität, Religionen und Glaubens‐ und Wertegemeinschaften 2002, S.952f.
54 Vgl. Bucher, Religiosität, Religionen und Glaubens‐ und Wertegemeinschaften 2002, S.951.
55 Vgl. Bucher, Religiosität, Religionen und Glaubens‐ und Wertegemeinschaften 2002, S.949.
56 Vgl. Dreher, Jugendalter 2002, S.292.
57 Vgl. Awadalla, Heimliches Wissen 1997, S.9. 16
2.2 Die Esoterik-Szene in Halle
Im folgenden Kapitel werden esoterische Angebote, die in Halle/Saale vertreten sind und exemplarisch Auskunft über die Vielfalt der esoterischen Ideen und Konzepte geben können, vorgestellt. Die Vorstellung der esoterischen Phänomene orientiert sich an fünf Anhaltspunkten, welche einen Einblick in das jeweilige Angebot vermitteln. Die nachstehenden Darstellungen werden unter Berücksichtigung der folgenden Schwerpunkte erklärt: Entstehung und Ausbreitung des esoterischen Angebotes, die zugrundeliegende Lehre und das Selbstverständnis, die Organisation, sowie das Vereinsleben der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
2.2.1 Das „Zauberreich“
Am 29.04.2010 fand ein Interview mit dem Besitzer des Ladens „Zauberreich“, Paul Kissenfeger, statt. 58 Herr Kissenfeger ist 24 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Franken. In Wittenberg hatte er Kontakt zur esoterischen Gruppierung „Lichtzentrum e.V.“. Für ihn persönlich ist die Suche nach seinem Selbst der vordergründige Lebensinhalt. Gerade diese Suche veranlasste ihn, sich mit esoterischen Ideen auseinanderzusetzen. Die Selbstreflexion und die Selbsterkenntnis sind für ihn wünschenswerte Ziele. Für ihn spielen Meditation, Magie und okkulte Praktiken eine große Rolle. Er ist ein Anhänger des „modernen Freidenkens“. Darüber hinaus liest er gern Bücher, die sich mit Persönlichkeitsentwicklung befassen. 59 Das Geschäft in der Leipzigerstraße 68 gibt es schon seit einigen Jahren. Wann genau das Geschäft eröffnet wurde, konnte Herr Kissenfeger nicht sagen. Er übernahm im Jahr 2009 den Laden, der schon vorher vielfältige Warenangebote aus der Esoterikszene zum Inhalt hatte. Er wollte seine Idee von einer Begegnungsstätte für Anhänger und Interessierte esoterischer Themen verwirklichen. Zum einen soll der Laden ein Treffpunkt für praktizierende Esoteriker sein, zum anderen soll das „Zauberreich“ als Informationsstelle dienen, die es interessierten Menschen ermöglicht, entsprechende Kontakte zu knüpfen und Material zu erwerben. Herr
58 Vgl. Anhang 6.
59 Ebd. 17
Kissenfeger ist ein Anhänger von Peter Fitzek, dem Leiter des Lichtzentrum e.V. in Wittenberg. Aus diesem Grund bestand von Anfang an ein enger Kontakt zwischen Halle und Wittenberg. Die Vermittlung des Geschäfts „Zauberreich“ an Herrn Kissenfeger erfolgte durch Herrn Fitzek. In dem Laden fanden schon vorher Seminare zu esoterischen Themen und Praktiken statt. Auch der jetzige Ladenbetreiber möchte mithilfe von Seminaren zur Verbreitung der Ideen des Lichtzentrum e.V. beitragen. 60 Herr Kissenfeger möchte den Anschein erwecken, seriös und ernsthaft zu sein. Er distanziert sich bewusst von bestimmten esoterischen Theorien und Praktiken. Er selbst lehnt Halbwissen ab und möchte seinen Kunden umfangreiche Informationen zur Verfügung stellen. Herr Kissenfeger betont, dass es stets wichtig sei, sich sehr intensiv mit der Materie zu befassen, damit man den eigentlichen Hintergrund bestimmter Handlungen verstehen kann. So lehnt er auch das Zukunftsdeuten mit Tarotkarten ab und erklärt, dass es beim Kartenlegen lediglich darum geht, mithilfe der Bilder neue Gedankenanreize zu bekommen und unbewusste Dinge bewusst werden zu lassen. 61 Das Geschäft wird von wenig Stammkunden besucht. Die Laufkundschaft ist seiner Meinung nach nur zu 20% ernsthaft an esoterischen Artikeln und Theorien interessiert. Die meistverkauften Bücher befassen sich mit den Themen „Selbstliebe“, „Positives Denken“ und „alternativen Heilmethoden“. Bei den meistverkauften Artikeln handelt es sich um Räucherstäbe und Räucherkerzen. 62 Diese können vorrangig für Meditationen und andere esoterische Riten verwendet werden. Gerade die verkehrsgünstige Lage des Ladens trägt dazu bei, dass so viele Kunden wie möglich angesprochen werden können. Der gezielte Einsatz von stark duftenden Räucherstäben wirbt offensiv um Kunden. Jeder Passant, der vom Bahnhof zum Markt oder in Gegenrichtung geht, kommt zwangsläufig an diesem Esoterikgeschäft vorbei.
60 Vgl. Anhang 6.
61 Vgl. Anhang 6.
62 Ebd. 18
Arbeit zitieren:
Christoph Eydt, 2011, „Ich glaub nichts, mir fehlt nichts"? Esoterische Religiosität in Halle, München, GRIN Verlag GmbH
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