Die Hamletmaschine, dieses nur wenige Seiten umfassende Kernstück des Dramatikers Heiner Müllers, ist zugleich eines seiner rätselhaftesten. In diesem Drama, das eigentlich keines ist, eröffnet Müller einen Diskursraum voller Assoziationen, Motive und Zitate, die sich keineswegs auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen, sondern die unterschiedlichsten geistigen Strömungen, literarischen Anleihen und historischen Begebenheiten seiner Zeit in einem Kontext zusammenbringt. Das bewirkte schon bei zeitgenössischen Rezipienten Ratlosigkeit: „Die einen begreifen Müller als dogmatischen Marxisten, [...] als einen Autor, der
nicht Theatertexte, sondern literarische Pamphlete und Manifeste schreibt. Die
anderen sehen in ihm den letzten Repräsentanten eines Dichtertypus, hinter dessen
dramatischer Technik und ,Sprachgewalt‘ sein politisches Selbstverständnis erst an
zweiter Stelle erscheint [...].“ 1
fasst Theo Girshausen 1978 die Meinungsdichotomie über den DDR-Autor, der in der BRD gespielt wurde, zusammen.
Dreissig Jahre später, in der Spielzeit 2007/08, bringt der Regisseur Stephan Kimmig Die Hamletmaschine am Staatstheater Stuttgart als Teil eines Stückquartetts auf die Bühne und in einen gezielten Diskurs zum Jahr 1977, den Ereignissen des „Deutschen Herbstes“ und dem Terror der RAF. Inwiefern sich im Text des Hamletmaschine Hinweise ausmachen lassen können, die eine derartige politische (Teil-)Intention Müllers nahelegen und wie Stephan Kimmig diese Motive aufgreift, möchte diese Arbeit auf Grundlage einer Filmaufnahme der Inszenierung näher analysieren.
1 Girshausen, Theo (Hg.): Die Hamletmaschine. Heiner Müllers Endspiel. Köln: Prometh Verlag 1978, S. 6
2.1 Heiner Müller und sein Text 1977
2.1.1 Skizzierung der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse
Nach dem Sturz Willy Brandts 1974 war Helmut Schmidt neuer Bundeskanzler der BRD geworden. Keines der der wirtschafts- oder außenpolitischen Ereignisse dominierte die öffentliche Diskussion und das politische Handeln in seiner Amtszeit so sehr wie die Bedrohung durch den Terrorismus. Die erste RAF-Generation saß zwar bereits in Stammheim ein, Ulrike Meinhof war schon 1975 gestorben, doch Nachfolger aus Sympathisantengruppen mit nicht weniger radikalen Ansätzen fanden sich rasch zusammen. 1977 erreichte der mit der RAF in Verbindung stehende Terror mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ und der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer seinen „blutigen Höhepunkt“. 2 Die DDR-Regierung hatte sich in den Siebziger Jahren trotz eines gewissen Abgrenzungskurses gegen die BRD zu Abkommen bezüglich Transit und Verkehr mit der BRD bereit erklärt. Dieser Umstand löset in den folgenden Jahren einen regelrechten Reiseboom in beide Richtungen aus. Die verkehrstechnische Entwicklung dürfte dem „Ost-West-Pendler“ und „Wanderer zwischen den Welten“ 3 Heiner Müller gewiss zugute gekommen sein.
2.1.2 Heiner Müller in dieser Zeit
1977 befindet sich Müller in der paradoxen Situation, als DDR-Autor in der BRD weitaus anerkannter zu sein und sich und sein Werk mehr gewürdigt zu wissen als in seiner Heimat. Viele seiner Dramen, die in der DDR nicht aufgeführt wurden, fanden in der BRD breiten Zuspruch und wurden rasch nach ihrem Erscheinen auf
2 Weber, Jürgen: Kleine Geschichte Deutschlands seit 1945. 2. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002, S. 176-177
3 Lehman, Hans-Thies u. Primavesi, Patrick (Hg.): Heiner Müller Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart u. Weimar: Verlag J.B. Metzler 2003, S. 9
3
die Bühne gebracht. 4 Der Zeitgenosse Girshausen spricht ein Jahr später schon von einem regelrechten „Müller-Boom“ in der Bundesrepublik. 5 Müller selbst war 1976 von einer ausgedehnten USA-Reise mit neuen Sehweisen und Denkansätzen in die DDR zurückgekehrt, hatte sich daraufhin zusammen mit Matthias Langhoff an eine Übersetzung von Shakespeares Hamlet für Benno Besson und der Ost-Berliner Volksbühne gemacht und sich im Winter zum Arbeiten nach Bulgarien zurückgezogen. 6 Auf dieser Reise von West nach Ost, vom Kernland des Kapitalismus bis in die äußerste Enklave des Ostblocks dürfte Müller neben der intensiven Arbeit an Shakespeare einige Eindrücke gesammelt haben, die ihn zum Verfassen der Hamletmaschine motivierten.
2.1.3 Motive und geschichtsphilosophischer Ansatz
Es gehört zu den Schwierigkeiten des Textes, dass Die Hamletmaschine vielfältige Bezüge zur historischen Wirklichkeit ihrer Entstehungszeit aufweist, sich aber eben nicht als eine bloße Verarbeitung historischer Begebenheiten eingebettet in eine shakespeare‘sche Hamletfabel lesen lässt. Dieser simple Ansatz wird allein schon durch die alle Dramennormen dekonstruierende Form des Stücks verhindert und auch „Müllers Verwenden des Hamletvorgangs ist zugleich dessen Demontage“ 7 . Insgesamt lässt sich ein Bezug zur Geschichte des Sozialismus erkennen, konkretisiert im 1. Bild, das auf das Staatsbegräbnis des rehabilitierten Politikers Lazlo Rajk anspielt und im 4. Bild, welches den gescheiterten Aufstand in Budapest assoziiert. 8 Zahlreiche Zitate aus Müllers eigenen vorangegangenen Dramen, etwa Der Bau, deuten darauf hin, dass hier auch mit der eigenen Geschichte und der der DDR kritisch umgegangen wird. „ ,Something is rotten‘ auch im Zeitalter der (sozialistischen) Hoffnung.“ 9 An der Figur des Hamlet, der selber verneint, Hamlet
4 vgl. dazu Lehman u. Primavesi 2003, S. 402 - 427
5 Girshausen 1978, S. 6 6 Lehman u. Primavesi 2003, S. 399
7 Girshausen 1978, S. 10
8 Lehmann u. Primavesi 2003, S. 222-223
9 Girshausen 1978, S. 10
Arbeit zitieren:
Christine Binder, 2009, "Die Hamletmaschine" und ihre Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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