I. Definition
Unter dem Begriff Romanisierung versteht man in der modernen Geschichtswissenschaft das Zusammenwachsen der unterschiedlichen Völker und Stämme des römischen Reiches zu einer homogenen Reichsbevölkerung. Der Begriff dient als Konzept zur Erklärung dieses ökonomischen, politischen, geistigen und kulturellen Wandels in den Provinzen 1 . Dieser Wandel vollzog sich ohne klare Strategie im heutigen Sinne 2 , man kann eher von einer „Eigen-Romanisierung“ 3 der Pergerinen 4 Reichsbewohner als von einer von der Zentralmacht geplanten Strategie sprechen, d.h. sie erfolgte ohne zutun der Zentralgewalt. Interessant und wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass sie in allen Provinzen etwa gleichzeitig begann und das ganze Reich umfasste.
Diese Romanisierung bildete die Grundlage dafür, dass das römische Reich über mehrere hundert Jahre eine homogene Einheit bilden konnte 5 , die Bestand hatte.
II. Gründe für die Romanisierung der Provinzen
1. Urbanisierung
Die Urbanisierung der verschiedenen Provinzen ist einer der Hauptgründe für die Romanisierung des Reiches. Unter Augustus wurden vor allem im Westteil des Reiches neue Städte gegründet, um die Veteranen nach ihrem Ausscheiden aus der römischen Armee zu versorgen 6 .
Im Osten des Reiches konnte man bereits auf eine große Anzahl von Städten zurückgreifen, da dort die Urbanisierung bereits viel eher eingesetzt hatte. Hier bildete die Stadt schon immer die wichtigste Lebensform 7 für die Menschen. Erst die Urbanisierung macht die Provinzen für die Römer beherrschbar 8 . Die Städte dienten als Verwaltungszentren, in der die Provinzelite lebte, und bildeten den zentralen Punkt, auf den sich die umliegende Region hin ausrichtete. In ihnen zentrierte
1 Vgl. Woolf, Greg: Art. Romanisierung, Sp. 1122, Der Neue Pauly, Band 10, Stuttgart und Weimar 2001 (im folgenden zitiert als Woolf, Romanisierung)
2 Vgl. Salway, Peter, Roman Britain, Oxford 1981, S. 505 (im folgenden zitiert als Salway, Roman Britain)
3 Woolf, Romanisierung, Sp. 1124
4 Vgl. Bringmann, Klaus / Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums, Seite 376, Berlin 2002
5 Vgl. Bleicken, Jochen, Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaiserreiches, Band 2, 3. Auflage, Paderborn u. a. 1994. (im folgenden zitiert als Bleicken, Sozialgeschichte)
6 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S. 17
7 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S. 15
8 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S. 15
2
sich zum einen die Verwaltung und zum anderen bildete sie einen Anziehungspunkt 9 als Träger der römischen Kultur, Lebensweise und auch ihre Annehmlichkeiten.
2. Die Armee
Die römische Armee nimmt im Prozess der Romanisierung eine besondere Stellung ein 10 . Dies hatte verschiedene Gründe. Zum einen kamen die Provinzen durch die Truppen erstmals mit der römischen Kultur und Lebensweise in Kontakt. In den gerade eroberten Provinzen bildeten die dort stationierten Truppen einen ersten Anziehungspunkt. Sie bauten befestigte Stellungen und es entstanden erste Handelsbeziehungen zur Bevölkerung. So bildeten sich aus den befestigten Lagern an den Grenzen (etwa zu Germanien) mit der Zeit Städte, die gleichzeitig Militärlager, lokales Zentrum, Handelspunkt und Verwaltungszentrum wurden. Interessant ist in diesem Zusammenhang dass so gerade die Grenzprovinzen etwa zu Germanien sehr schnell urbanisiert wurden. Daneben trug das Heer auch durch zahlreiche Bauprojekte (etwa der Straßenbau) zur Urbanisierung und somit Romanisierung in verschiedenen Provinzen (z.B. Gallien und Afrika) bei. Hier ist festzuhalten, dass das Heer nicht gebraucht wurde um die Provinzen ruhig zu halten (bis auf wenige Ausnahmen), sondern um Sicherheit und Ruhe der Provinzbewohner zu gewährleisten 11 . Das Heer wurde nicht für den Dienst im Reich sondern für die Grenzsicherung des Reiches gebraucht.
Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang die Hilfstruppenrekrutierung. Diese Truppen bildeten neben den römischen Legionen die römische Armee. Während die römischen Legionäre römische Bürger sein mussten 12 , wurden die Hilfstruppen aus den verschiedenen Provinzen angeworben und im ganzen Reich stationiert. Bei ihrer Entlassung bekamen die Hilfstruppensoldaten dann das römische Bürgerrecht (das sog. Diploma 13 ). Diese Soldaten lernten während ihrer etwa 25 jährigen Militärzeit die römischen Denk- und Lebensformen kennen und verließen die Armee als überzeugte Römer 1415 um sich entweder in der Provinz, in der sie gedient hatten oder ihrer
9 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S. 39
10 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S. 18
11 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S.10
12 Vgl. Millar, Fergus, Das Reich und seine Nachbarn, in Weltgeschichte, Band 8, Augsburg 2000, S. 120 (im folgenden zitiert als Millar, Das Reich)
13 Vgl. Millar, Das Reich, S. 123 14 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S. 42 15 Vgl. Salway, Roman Britain, S. 508
3
Heimatprovinz niederzulassen. Dieses Verfahren trug zu einer stetigen Ausweitung der römischen Bürgerschaft in den Provinzen bei. 16
3. Die Oberschicht
Die Oberschicht der einzelnen Provinzen wurde von den Römern schnell assimiliert. Da man nur auf einen sehr begrenzten Beamtenapparat zurückgreifen konnte brauchte man die Oberschichten der einzelnen Völker und Stämme wenn man die riesigen Gebiete kontrollieren und verwalten wollte. Daher versuchte Rom sehr schnell, die verschiedenen Oberschichten durch die Verleihung des römischen Bürgerrechts aufzunehmen. Hier findet man einen wichtigen Punkt in der römischen Herrschaft. Sie beruhte nicht so sehr auf den Millionen Menschen sondern eher auf der jeweiligen Oberschicht, die man schnell romanisierte. Dadurch verband sie ein gemeinsames Interesse an der Erhaltung und Verwaltung des Reiches. Dadurch, dass man ihre Macht und ihren Einfluss nicht minderte, sondern ihnen auch noch Aufstiegsmöglichkeiten im römischen Reich bot gelang es Rom, eine Schicht aufzubauen, die sich selbst als Römer sah und dadurch in den Provinzen systemstabilisierend wirkte. Die Oberschicht der Provinzen war sehr schnell bereit dazu, die ihnen gebotenen Möglichkeiten zu nutzen. Natürlich ging dieser Prozess nicht ohne Konflikte vonstatten; gerade dies macht die Tacitus-Quelle zur Diskussion über den Zutritt gallischer Provinzen zum Senat deutlich. Dennoch gelang es den Römern schnell, aus ehemaligen Feinden Freunde und Verbündete zu machen, die sich als Römer fühlten, und sich für das Reich einsetzten. Dies geschah natürlich auch zu ihrem eigenen Nutzen, da man schnell die Chance bekam, bis in die höchsten Kreise des Imperiums, etwa den Senat, aufzusteigen.
Nach und nach wandelten sich die einzelnen Reichsaristokratien zu einer reichseinheitlichen Honoratiorenschicht 17 . In dieser Zeit gab es Senatoren aus den verschiedensten Provinzen und sogar Kaiser die aus den Provinzen kamen (z.B. Kaiser Hadrian der aus Spanien kam).
4. Der Handel
Auch der Handel und der mit ihm verbundene Wohlstand spielte eine beachtliche Rolle bei der Romanisierung. Durch die einsetzende Urbanisierung der Provinzen erfuhr der Handel im gesamten Imperium Aufschwung. Die Beherrschung und die wirtschaftliche
16 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S.44
17 Vgl. Bleicken, Sozialgeschichte, S. 42
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Arbeit zitieren:
Bachelor Thorsten Kozik, 2005, Romanisierung im Römischen Reich, München, GRIN Verlag GmbH
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