1. Einleitung
Die Bibel in der gegenwärtigen Form, mit ihren Texten ist nicht „vom Himmel gefallen“. Sie ist das Ergebnis eines Prozesses, der erst Anfangs des 5. Jahrhunderts endete und ca. 100n.Chr. begann. In diesem langwierigen Prozess hat man unterschiedliche Schriften begutachtet und zu einem Kanon zusammen gefügt. Kanon bedeutet zunächst einmal im übertragenen Sinne „Regel, Vorschrift, Norm“ 1 . Was nun eine biblische Norm ist, ist im Laufe der Jahrhunderte festgelegt worden. Der Kanonisierungsprozess muss vor dem Hintergrund einer aufkommenden, zunehmenden Differenzierung in der Rezeption der evangelischen Botschaft gesehen werden 2 . Nach dem Tode der Apostel verkündeten viele urchristliche Gemeinden weiterhin die Verheißung Jesu Christi, taten es aber nicht identisch. Zusätzlich entwickelten viele Gemeinden eigene Traditionen und eigene Texte, die sie bei ihren Gottesdiensten bevorzugten. Im Grunde war nur wenig wirklich einheitlich geregelt, was eine Kanonisierung notwendig machte, wenn man das Auseinanderdriften der christlichen Gemeinden verhindern wollte. Die Kanonisierung legte Kriterien fest, durch die bestimmt wurde, welche Mindestanforderungen ein Text erfüllen musste, um in die Bibel aufgenommen zu werden bzw. um von allen Gemeinden anerkannt werden zu können. Inspiration und Originalität sind dafür die Schlüsseleigenschaften 3 . D.h. ein Text muss so inspirieren, dass das Schriftstück im alltäglichen Leben der Glaubensgemeinschaften einen festen Platz haben und produktiv immer weiterentwickelt werden kann. Ein Kriterium war also in anderen Worten die Nützlichkeit des Textes hinsichtlich der Alltagsgegenwart und der zukünftigen Entwicklung der Lehre 4 . Zudem spielte die Bewahrung eines einheitlichen christlichen Gedankengutes eine wichtige Rolle. So war die Kanonbildung primär eine Schutzfunktion gegen Häresie und mögliche Fehlentwicklungen im
1 Vgl. Montanari, Franco: Art.: Kanon, I. Allgemein, in: Cancik, Hubert u. Schneider,
Helmuth (Hg.): DNP, Bd. 6, Stuttgart- Weimar 1999. Sp. 248.
2 Vgl. Künnteh, Walter: Art: Kanon, in: Müller, Gerhard: TRE, Bd 17, Berlin 1988.
3 Vgl. Dohmen, Christoph; Oeming, Manfred: Biblischer Kanon warum und wozu?,
Freiburg u.a. 1992. S.43. (Im Folgenden abgekürzt als Dohmen, Christoph)
4 Vgl. Dohmen, Christoph, S.48.
2
Alltagsleben der christlichen Gemeinden 5 .
Ziel dieser Hausarbeit ist es herauszufinden, welchen Einfluss Marcion auf den Kanonisierungsprozess hatte. Dazu wird zunächst das Leben Marcions resümiert und einen kurzen Überblick über seine Theologie geben.
5 Vgl. Künnteh, Walter: Art: Kanon, in: Müller, Gerhard: TRE, Bd 17, Berlin 1988.
3
Marcion wurde ca. 85 n.Chr. in Sinope geboren und starb ca.160 n.Chr. vermutlich in Rom. Es muss jedoch betont werden, dass Marcions Lebenszeit - in der Forschung - bisher nicht eindeutig festgelegt werden konnte.
Marcions Vater war als Bischof tätig. Somit kann man von Marcion behaupten, dass er aus einer wohlhabenden christlichen Familie stammte. Er selber arbeitete zunächst erfolgreich als Händler und Reeder. Nach dem er seinen Heimatort verlassen hatte, trat der wohlhabende Reeder Marcion nach erfolglosen Reisen durch Kleinasien im Jahr 139 n. Chr. der römischen christlichen Gemeinde bei und spendete ihr 200 000 Sesterzen, was sowohl seinen Wohlstand als auch sein religiöses Engagement widerspiegelt 6 . Die Behauptung, Marcion sei durch seinen Vater aus seiner Heimatgemeinde in Sinope ausgeschlossen worden, ist hingegen nicht glaubhaft. Zwar hätte ihn das wohl gezwungen sich einer anderen Gemeinde anzuschließen, wenn er weiterhin gemäß seinem christlichen Glauben in einer Gemeinde leben wollte, da aber die überlieferten Behauptungen einen auffälligen polemischen Charakter aufweisen, so soll Marcion angeblich eine Jungfrau verführt haben, sind sie eher unglaubwürdig 7 . Bereits im Jahre 144 n.Chr. kam es zwischen der römischen Gemeinde und Marcion zu einer endgültigen Entfremdung, der Grund hierfür ist in Marcions überspitzten Paulinismus und seinem doketischen Glauben auszumachen. Keiner der Gemeindevorsteher in der Gemeinde konnte sich mit Marcions Glaubensvorstellungen anfreunden. Als Reaktion auf den Ausschluss bildete sich auf der Grundlage der von ihm überarbeiteten Bibel und seinem Hauptwerk, den „Antithesen“, die Marcionitische Kirche. Marcion scharrte einige Gläubige um sich. Zahlreiche Christen schlossen sich der Marcionitischen Lehre an, so dass die Gruppe der Marcioniten in Rom bereits im Jahre 155 n.Chr. sehr zahlreich war 8 . Marcion reiste
6 Vgl. May, Gerhard: Art.: Marcion/Marcioniten, in: RGG4, Bd.5, Tübingen 2002. S. 834-
836. (Im Folgenden abgekürzt als May, Gerhard)
7 Vgl. Von Harnack, Adolf: Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott, Leipzig 1921, S.
21. (Im Folgenden abgekürzt als Harnack, Adolf ).
8 Vgl. May, Gerhard S. 834-836.
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Bachelor Thorsten Kozik, 2007, Die Bedeutung Marcions für die Entstehung des biblischen Kanons , München, GRIN Verlag GmbH
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