Betrachtung des Inhalts jedoch keineswegs der Fall ist und somit den Kontrast zwischen
Gefühlswelt und scheinbarer Realität widerspiegeln soll.
Das Gedicht beginnt mit einer scheinbar sachlichen Beschreibung der Außenwelt des
lyrischen Ichs, nämlich, dass „in einem kühlen Grunde“ (V. 1) ein „Mühlenrad [geht]“ (V. 2).
Was oberflächlich wie eine reine Ortsbeschreibung wirkt, soll im übertragenden Sinne den
Gefühlszustand des lyrischen Ichs symbolisieren, so ist es innerlich „kühl“ (V. 1) und es ist
an einem emotionalen Nullpunkt. Wenn man sich den ersten und zweiten Vers jedoch
wirklich als Ortsbeschreibung vorstellt, so lässt sich auch noch eine zweite
Deutungsmöglichkeit erkennen. Der junge Mann befindet sich in einem tiefen Tal über
dessen Berge/Gipfel er nicht vermag hinweg zuschauen und somit sein mangelnde
Perspektive in Bezug auf sein weiteres Leben zum Ausdruck gebracht wird. Selbst die
Tatsache, dass seine „Liebste [verschwunden]“ ist (V. 3) klingt vorerst recht neutral und
ohne jegliche Emotionen. Das lässt sich jedoch auf die inneren Schmerzen des lyrischen
Ichs beziehen, welches wegen der Untreue so verzweifelt ist, dass es diese Tatsache noch
nicht wirklich realisiert hat. Schon in dieser Strophe lassen sich sprachliche Besonderheiten
ausmachen, so zum Beispiel die symbolische Verwendung des Wortes „Mühlenrad“ (V. 2,
aber auch V 17), welches sich wie ein bitterer Beigeschmack durch das ganze Gedicht zieht.
Hierzu gibt es mehrere Begriffsdeutungen, eine wäre zum Beispiel, dass das Mühlenrad das
Herz des lyrischen Ichs symbolisieren soll, in dem die Liebste „gewohnet hat“ (V. 4). Der
„kühle Grund“ ist sein vor Taubheit gelähmter Körper. Somit wird doch schon gleich zu
Anfang auf die (emotionale/gedankliche) Tiefe hingewiesen und die Gefühle des lyrischen
Ichs werden verdeutlicht. Eine weitere Überlegung wäre aber auch, dass das Mühlenrad
zum einen den unbarmherzigen Lauf des Lebens verkörpert, oder aber auch die Erinnerung
des lyrischen Ichs, an die zunächst schönen Zeiten mit seiner Geliebten, die sich dann
schlagartig durch die unverhoffte Trennung in einen ausweglosen Albtraum verwandelt
haben. Auf die weitere Bedeutung des Mühlenrades und die Auswirkung auf die Stimmung
des jungen Mannes, werde ich später noch genauer eingehen. Um die innere Traurigkeit
und den Schmerz des verlassenen Ichs zum Ausdruck zu bringen, bricht Joseph von
Eichendorff gleich zu Beginn das oben angesprochene Reimschema und erzeugt einen
unreinen Reim, welcher im Kontrast zur scheinbaren äußeren Ordnung steht, aber im
Bezug zum Gemütszustand und zur inneren Unruhe des lyrischen Ichs gesehen werden
muss.
In der ersten Strophe wird eine Art melancholische Stimmung erzeugt, deren Ursprung vor
allem in der zweiten Strophe genauer erläutert wird: „Sie hat die Treu gebrochen“ (V. 7).
Das lyrische Ich formuliert einen scheinbaren Widerspruch: „[Die] Liebste ist
verschwunden“ (V. 3) obwohl „[s]ie die Treu versprochen hat“ (V. 5). Symbolisch wird dies
durch den zerbrochenen „Ring“ (V. 6) illustriert. Hierbei nimmt der Ring, als Symbol für die
Treue und die Ewigkeit einen sehr wichtigen Stellenwert ein. Das Versprechen der ewigen
Treue gilt für die beiden nicht mehr, und der perfekten Erscheinung eines runden Ringes
wird durch die Abschwächung „Ringlein“ an Bedeutung genommen. Der Bezug zwischen
„Treu versprochen“ (V. 5) und „Treu gebrochen wird durch die Anapher „[s]ie hat […]“ (V.
5/7) verdeutlicht. Dieser Eindruck wird durch die Verwendung harter und starker Kadenzen
am Versende hervorgehoben.
Die dritte und vierte Strophe nehmen sowohl inhaltlich als auch im Bezug zur Intention des
Gedichts einen besonderen Stellenwert ein, da sie nicht in der Wirklichkeit stattfinden,
sondern in der Traum/Phantasiewelt des lyrischen Ichs. In der dritten Strophe äußert das
lyrische Ich seinen Wunsch als Spielmann, frei und ungebunden „von Haus zu Haus“ (V. 12)
zu gehen. Hier wird nicht mehr die Sehnsucht nach seiner Geliebten beschrieben, sondern
der Drang des lyrischen Ichs in die Ferne zu reisen tritt in den Mittelpunkt. Dieses Motiv
des Reisen und Wanderns ist ein epochentypisches Merkmal und wird oft mit dem
Entdeckerdrang in Verbindung gebracht. Dieser Drang wird durch die Anapher „Und“ (V.
11/12) am Anfang des 11. Und 12. Verses verdeutlicht und stellt eine
Entscheidungsmöglichkeit für den weiteren Verlauf im Leben des lyrischen Ichs dar. Des
Weiteren überlegt sich das lyrische Ich, als „Reiter“ (V. 13) in einer „blut´ge[n] Schlacht“ (V.
14) zu kämpfen. Der Wunsch „um stille Feuer [zu] liegen“ (V. 15) steht genauso wie der
Arbeit zitieren:
Tom Schnee, 2011, Analyse des Gedichtes "Das zerbrochene Ringlein" (Joseph von Eichendorff), München, GRIN Verlag GmbH
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