Inhalt
1. Einleitung 2
2. Der „Flussdrache“ und die Geschichte seiner Bändigung 3
2.1 Vorteile des Projektes 5
2.2 Nachteile des Projektes 7
3. Die Opposition 9
3.1. Dai Qing 10
3.2. Fu Xiancai 12
4. Bestandsaufnahme 14
4.1. Lösungsansätze 16
5. Chinesische Medien im Umgang mit
den entstandenen Problemen 17
6. Fazit 20
7. Anhang 22
8. Glossar 23
9. Bibliographie 25
1
1. Einleitung
Der Drei-Schluchten-Staudamm (Sanxia Daba 三峡大坝 1 ) in China, die größte Talsperre der
Welt, wurde schon lange vor Baubeginn 1994 weltweit kontrovers diskutiert. Die Diskurse unter Wissenschaftlern über den eigentlichen Nutzen und die unvorhersehbaren ökologischen Auswirkungen, die mit dem Projekt einhergehen könnten, begleiteten den gesamten Bau bis zur endgültigen Fertigstellung 2009 und dauern gegenwärtig noch an. Entgegen sämtlichen Warnungen vor einem „ökologischen Desaster“ hat die chinesische Regierung ihren „Megadamm“ errichtet. Nun, nach Fertigstellung, scheinen die ersten Folgen sichtbar zu werden. Als im November der Wasserlevel des Stausees die endgültige Marke von 175 m erreicht hatte und somit das Projekt offiziell als erfolgreich abgeschlossen galt, wurden erneut kritische Stimmen laut: Die Stauung verschlimmere die ohnehin im Jangtse-Delta bestehende Dürre drastisch. Die Blockierung des natürlichen Flusslaufs zerstöre wichtige Ökosysteme und bewirke damit das Aussterben vieler Fisch- und Tierarten. 2 Sogar die hiesige „Badische Zeitung“ (BZ) bemerkte Anfang März (05.03.2010) zu der fleißigen „Bibertätigkeit“ Chinas: „Dem Mekong geht das Wasser aus.“ Und das, so vermutet die seit 20 Jahren bestehende Gruppe „International Rivers“3, sei auf die unzähligen Staudämme in China zurückzuführen. Denn auch im Reich der Mitte ist der Mekong teilweise ausgetrocknet. Immerhin befinden sich in China zehn Staudämme in Planung oder sind bereits fertig gestellt. Dies, so wird vermutet, ist Ursache für das sukzessive Versiegen des Wassers. Angeblich wird der Mekong - an entscheidender Stelle in China - am Oberlauf aufgestaut und deshalb gelangt immer weniger Wasser bis nach Thailand und Vietnam. Doch auch China kämpft mit der
1 In dieser Arbeit verwende ich ausschließlich die gängige Umschrift Pinyin für chinesische
Begriffe und Wörter. Eine Auflistung aller chinesischen Zeichen (Schriftzeichen) findet sich
im Glossar.
2 Vgl. No fanfare for China's Three Gorges Dam. In: United Press International. Published: Nov.
3, 2009. 3 International Rivers: Eine 1985 gegründete Organisation, die sich dem Schutz und Erhalt von
Flüssen verschrieben hat.
2
Wasserknappheit des Mekong. Die Medien in China sprechen gar von der schlimmsten Dürre seit 50 Jahren (BZ 05.03.2010).
Dass solche Bauvorhaben wie der Drei-Schluchten-Staudamm Auswirkungen auf Umwelt und Natur mit sich bringen, ist selbstverständlich. Die entscheidende Frage aber ist: Wie stark sind die Auswirkungen und welche Gefahr geht von ihnen aus? Seit Jahren hatte die chinesische Regierung mit scharfem Gegenwind bezüglich dieses Projektes zu kämpfen. Auf zwei Beispiele möchte ich in dieser Arbeit näher eingehen. Da ist zum einen DAI QING, chinesische Schriftstellerin und Intellektuelle, die sich mit einer Lobby von Gleichgesinnten gegen den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms aussprach und für ihre dazu erschienenen Bücher starken Repressionen seitens der chinesischen Regierung ausgesetzt war. Auf der anderen Seite zeigt die tragische Geschichte von dem Bauern FU XIANCAI, dessen Leben durch den Bau des Dammes direkt betroffen war, ebenfalls, wie man gegen „unliebsame“ Kritiker vorging. FU XIANCAI ist heute querschnittsgelähmt, nachdem er überfallen und brutal zusammengeschlagen wurde. Diesen beiden Einzelschicksalen möchte ich einen chinesischen Propagandaartikel gegenüberstellen, der sich nur bedingt mit den katastrophalen Folgewirkungen auseinandersetzt und diese beschönigt.
Auch möchte ich beleuchten, welche Schwierigkeiten und Probleme nach dem Bau aufgetaucht und entstanden sind, was im Zuge der Zwangsumsiedlungen geschah und wie die chinesische Regierung mit der Rettung und Erhaltung der wichtigen Kulturgüter und -stätten verfahren ist. Ferner interessiert mich, welche Maßnahmen ergriffen wurden, um Flora und Fauna zum Schutz endemischer Arten weitestgehend zu schützen und zu erhalten.
2. Der „Flussdrache“ und die Geschichte seiner Bändigung
Der Jangtsekiang, mit 6.380 km der längste Strom Chinas und der drittlängste der Welt, fließt von Tibet durch das „rote Becken“ in Sichuan und dann durch die drei bekannten Schluchten Chinas (Qutang, Wushan und Xiling) in die Ebene von Yichang, bis er am Ende in Shanghai ins ostchinesische Meer mündet (Gellert 1988:71f/Gutowski 2001:12)). Seine Quellen entspringen im Hochland Xizang in mehr als 5000 Metern Höhe und wenn der Fluss die Ebene von Yichang erreicht, liegt er bereits nur noch 145 Meter über Meereshöhe. Charakteristisch für den Jangtsekiang sind die nach vielen Hochwassern entstandenen natürlichen Sammel- und Rückhaltebecken, die beiderseitig am Unterlauf des Jangtse liegen (ebd.:71). Das von ihm tangierte Gebiet umfasst eine Größe von ca. 2 Mio. km² und in ihm
3
lebt ein Drittel der chinesischen Bevölkerung. Ein Viertel der Agrarfläche Chinas liegt ebenfalls in diesem Gebiet. Sein mittleres Abflussvolumen beträgt 32.500 m³/s - im Vergleich dazu der Rhein: 2.000 m³/s (Onguru online Enzyklopädie). Ab Sichuan ist der Jangtse schiffbar und strömt durch Mittelchina, weshalb auf ihm der wichtigste Binnenverkehr Chinas stattfindet (Klett 2008). Der Verlauf des Jangtsekiang ist zweigeteilt: von seinem Ursprung in Qinghai bis Hubei wirkt er eher wie ein kleiner Gebirgsfluss mit einer schnellen Strömung (ebd.:2008). Nach dem Passieren der Drei-Schluchten ändert sich sein Aussehen: er mäandert bei einem sehr geringen Gefälle durch weites Schwemmland bis zum Ostchinesischen Meer (ebd.:2008). Der Jangtsekiang zeichnet sich durch eine hohe Artenvielfalt aus und ist Heimat vieler endemischer Arten und vom Aussterben bedrohter Tiere und Pflanzen.
Die Vision, den Jangtse zu bändigen und mit einer gigantischen Talsperre aufzustauen, hatte bereits SUN YATSEN im Jahr 1912 (Gutowski 2001:10). Ab diesem Zeitpunkt bereitete der Traum, den „Wasserdrachen“ zu beherrschen, Chinas Regierung schlaflose Nächte. Doch die nicht absehbaren Folgen und Konsequenzen ließen eine Realisierung dieses nahezu „utopischen“ Vorhabens nicht zu. Mit Chinas Weg in die Moderne schien eine Umsetzung dieses Projekts wieder in greifbare Nähe zu rücken und tatsächlich realisierbar zu sein. In den 50er Jahren wurde es als langfristiges Ziel unter MAO ZEDONG gefördert (ebd.:10). Als Teil des Programms des „Großen Sprungs nach vorn“ 4 wurde das Dammprojekt von der chinesischen Regierung propagiert. Die Partei machte in den 1980er Jahren das Projekt des „Megadamms“ zum Schlüsselprojekt in DENG XIAOPINGs Reform- und Modernisierungspolitik (ebd.:10). Zu hohe Kosten und damit einhergehende Finanzierungsschwierigkeiten ließen das Projekt immer wieder ruhen. Als einer der entscheidenden Befürworter für den Bau des Drei-Schluchten-Staudammes galt LI PENG, Vorsitzender der Energiekommission in den 80er Jahren. Er unterstützte die Expertengruppe des staatlichen Jangtse „Valley Planning Office“, welches 1985 die Untersuchungsgruppen leitete. Projektgegner waren bereits zu Beginn unterrepräsentiert (ebd.:11). Ab 1986 wurde auf Basis der bilateralen Vereinbarung zwischen Kanada und China ein kanadisches Konsortium erstmals mit der Aufgabe einer Durchführbarkeitsstudie beauftragt (ebd.:11). Die damaligen Kosten, durch eine Finanzierung der Weltbank gedeckt, beliefen sich auf 14 Mio. US-$.
4 „Der große Sprung nach vorn“ (大躍進/大跃进, dà yuè jìn) war von 1958 bis Anfang 1962 der
offizielle Wahlspruch für die Politik der Volksrepublik China. Sein Ziel sollte sein, dass China zur
wirtschaftlichen Großmacht wird. Folge dieser Maßnahmen war unter anderem die größte von
Menschen ausgelöste Hungersnot der Geschichte mit ca. 20 Millionen Toten.
4
Von diesem Zeitpunkt an äußerten zahlreiche Wissenschaftler (Ökonomen, Biologen, Seismologen, Klimatologen und Ökologen) Zweifel an der Durchführbarkeit dieses Mega-Projekts, so dass letztlich sogar ein Aufschub des Baubeginns erreicht werden konnte (ebd.:11). Zeitgleich mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 wurden Dammgegner und Kritiker im Vorfeld „mundtot“ gemacht. Die Debatte wurde politisiert und geriet symbolisch zur Machtdemonstration von LI PENG, der „China als Industriestaat von morgen mit wirtschaftlichem Aufschwung und Anschluss an die westlichen Industrienationen“ vorantrieb (ebd.:11). Die Überschwemmungskatastrophe von 1991 ließ das Vorhaben erneut auf den Fünf-Jahresplan von 1991-1995 rücken. Das gesamte Baugebiet wurde in diesem Zuge zur Wirtschaftszone ernannt, damit es die Vorteile der Regierung für die Sonderwirtschaftszonen genießen konnte. 1992 wurde das Projekt von der Regierung endgültig beschlossen, obwohl nur 67% der Abgeordneten sich für den Bau aussprachen (ebd.:12).
Mit dem Bau des Drei-Schluchten-Staudammes wurde zwei Jahre später, 1994, begonnen: 20.000 Arbeiter in drei Schichten Tag und Nacht arbeiteten 15 Jahre an dem größten Talsperrenprojekt der Welt (ebd.:12).
Der Staudamm wurde auf der Höhe der Stadt Yichang gebaut und der aufgestaute „See“ bzw. Jangtse zieht sich bis Chongqing: ein Wasserreservoir mit der Länge von ca. 660 km ist entstanden. In den berühmten Schluchten hat sich der Stausee von ca. 200-300 m Breite auf max. 2000 m verbreitert (Gutowski 2001:14). Der Jangtse-Stausee wird (nach vollständiger Flutung) 20-mal größer sein als der Bodensee (ebd.:14). 2.1. Vorteile des Projekts
Nicht nur sollte der Drei-Schluchten-Staudamm Chinas Ansehen in der Welt steigern und für nationales und internationales Prestige sorgen, sondern man versprach sich damit gleich eine ganze Reihe von Problemen zu lösen.
Die stärker werdende Energieknappheit Chinas ist ein schlagendes Argument für den Drei-Schluchten-Staudamm. Das rasante Wirtschaftswachstum beschleunigte den Energieverbrauch des Landes immens (Gutowski 2000:17). Schon in den 70er Jahren deutete alles auf eine offensichtliche Energieknappheit hin (ebd.:17). Das soziale Ungleichgewicht in der Bevölkerung ist mitunter auf das hohe Maß an fehlender Energie zurückzuführen. Noch immer leben große Teile der Bevölkerung auf dem Land ohne Strom. Die benötigte Energie
5
wird aus Biomasse wie Stroh, Gras oder Dung gewonnen und natürlich aus den Rohstoffen Holz und Kohle (ebd.:17). Obwohl China über enorme Wasserkraftressourcen verfügt, dominiert die Energiegewinnung aus Kohle (ca. 75%). Dies sollte sich ändern. Da bis dato nur ca. 10% der Wasserkraftressourcen für die Stromerzeugung genutzt wurden und China sich bemüht sah, einen Beitrag zur Verringerung der CO2 Emissionen zu leisten, kam diesem Land die Stromgewinnung durch die „saubere“ Energie des Staudamms wie gerufen (Keil 2003:16). Die Gewinnung alternativer Energiequellen sollte mit dem Drei-Schluchten-Staudamm möglichst umweltschonend erfolgen.
Ein anderes Hauptargument für den Bau des Damms war die Kontrolle des Flutwassers und die Verhinderung von Überschwemmungen unterhalb der Drei-Schluchten, zu denen es in den letzten Jahrhunderten vermehrt gekommen war und denen mehr als eine Million Menschen zum Opfer fiel. Schon SUN YATSEN hatte 1919 im „Plan zur Entwicklung der Industrie“ den Hochwasserschutz als primäres Ziel des Drei-Schluchten-Staudamms deklariert (Keil 2003:19). Die Überschwemmungen am Jangtse verursachen seit jeher enormen wirtschaftlichen Schaden und haben für Mensch und Umwelt verheerende Auswirkungen (Gutowski 2000:23). Neuere Beispiele solcher Katastrophen sind die Hochwasser von 1996 und 1998, die - abgesehen von der Zerstörung - auch mit dem Ausbruch von Krankheiten und Seuchen einhergingen. Die gesamte Entwicklung am Jangtse wurde im Laufe der Zeit durch die immer wieder kehrenden Hochwasser stark beeinträchtigt (Keil 2003:20). Der dritte Aspekt, der für das Projekt sprach, war die Verbesserung der „Schiffbarkeit“ auf dem Jangtsekiang. Sie war durch die geringe Wassertiefe stark eingeschränkt und große Frachtschiffe benötigen mehr Tiefe als zwei bis drei Meter. Darüber hinaus stellten seine hohen, engen Schluchten eine Gefahr für die Schifffahrt dar. Bisher konnte der Jangtsekiang nur von Schiffen bis zu 5.000 Bruttoregistertonnen (BRT) befahren werden (Gutowski 2000:31). Durch den Bau des Staudammes und die damit verbundene Aufstauung des Sees sollten die Schluchten breiter werden und die Wassertiefe im Durchschnitt um 70 Meter erhöht werden. Durch die vermehrte Binnenschifffahrt, so erhoffte man sich, könnten die Transport-Preise gesenkt und die Häfen attraktiver und lukrativer werden. Geplant war, dass der Hafen von Chongqing für 10.000-Tonnen-Schiffe erreichbar sein sollte (Keil 2003:18). Die Stadt Wuhan würde zum Zentrum der chinesischen Binnenschifffahrt werden und sollte von den veränderten Schifffahrtsbedingungen direkt profitieren (ebd:18). Eine ökonomische Entwicklung der Region sollte außerdem durch die Zentren Yichang und Chongqing erreicht werden.
6
Arbeit zitieren:
Cilia Neumann, 2009, Der Drei-Schluchten-Staudamm: Fluch oder Segen des Jangtse, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China: Der Drei-Schluchten-Staudamm: Fluch oder Segen des Jangtse ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China: neuer Titel erschienen: Der Drei-Schluchten-Staudamm: Fluch oder Segen des Jangtse
Cilia Neumann hat einen neuen Text hochgeladen
Chinas Drei-Schluchten-Staudamm und die Bauernumsiedlung
Wie der Damm den Alltag der Ba...
Jan Trouw
0 Kommentare