Gliederung
1 Einleitung 3
1.1 Relevanz des Themas 3
1.2 Forschungsfrage 5
1.3 Bisherige Forschung. 7
2 Theoretisches Konzept: Ressourcen und Belastungen als moderierende Variablen 9
2.1 Ökonomische und soziale Ressourcen/Belastungen auf Individualebene:
Zufriedenheit mit der finanziellen Lage und der sozialen Unterstützung. 10
2.2 Ressourcen und Belastungen auf der Kontextebene: Ost/West-Differenz und
Regionstyp. 12
3 Methoden. 15
3.1 Datensatz und Untersuchungseinheiten 15
3.2 Operationalisierung der Variablen. 16
4 Ergebnisse 19
4.1 Deskriptive Untersuchungen 19
4.2 Bivariate Untersuchungen 21
4.3 Multivariate Regressionen. 26
5 Fazit. 32
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse und weitere Forschung. 32
5.2 Diskussion 35
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„Nach Jahrzehnten intensiver sozialwissenschaftlicher Public-Health-Forschung muss festgestellt werden:
1 Einleitung
1.1 Relevanz des Themas
Die Entkopplung von Ehe und Elternschaft ist längst ein sozialer Tatbestand: Statistiken verschiedener Institutionen belegen diese Entwicklung in zahlreichen Nationen (US Census Bureau; Bradshaw 2002). Diese sich verändernden Familienstrukturen tragen zu einer immer häufiger anzutreffenden Einelternschaft bei, die je nach Land spezifisch ausgeprägt ist und normativ bewertet wird. Dabei ist ein Phänomen in den meisten Ländern anzutreffen: Alleinerziehende befinden sich überdurchschnittlich oft in einer prekären sozialen und gesundheitlichen Lage (Lange 2006: 123; Lampert et al. 2005; US Census Bureau; Bradshaw 2002). Bereits durchgeführte Untersuchungen zeigen, dass Alleinerziehende insbesondere eine Schlechterstellung hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheit erfahren. Diese soll auch Ansatzpunkt dieser Untersuchung sein (Helfferich 2003: 11-15; Lange 2006: 125; Helbig 2006: 5).
Im internationalen Vergleich befindet sich Deutschland mit seinem Anteil an Einelternhaushalten im Mittelfeld. Als nationale Besonderheit sticht allerdings die geringe Rate an Geburten von unverheirateten Müttern hervor, welche auf das präferierte Familienmodell in Deutschland schließen lässt: Sowohl politisch-institutionell als auch gesellschaftlich sei das Aufziehen von Kindern innerhalb einer - lebenslangen - Ehe vorzuziehen. Stigmatisierung und Intoleranz lastet der oft als defizitär angesehenen Einelternschaft bis heute an. Allerdings scheint die Form der Elternschaft äußerst dynamisch zu sein: Im Jahr 2000 lag der Anteil der Alleinerziehenden im gesamten Bundesgebiet noch bei 13%, im Jahr 2009 waren es bereits 19%. Hierbei ist hervorzuheben, dass der Anteil in den Neuen Ländern weitaus höher ist: Im Jahr 2009 waren demnach auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sogar über ein Viertel alleinerziehend 1 (Egeler; Hammer).
1 Im Jahr 2000: 12% in West- und 18% in Ostdeutschland; Im Jahr 2009: 17% West- und 27% Ostdeutschland.
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Wie bereits erwähnt befinden sich Alleinerziehende häufig in einer prekären sozialen Lage: Studien zeigen, dass Allerziehende - verglichen mit verheirateten Eltern - ein geringeres Nettoäquivalenzeinkommen, geringere Bildung, höheres Armutsrisiko und einen höheren Anteil an Sozialhilfeempfängern aufweisen (Lange 2006: 123). Doch diese Gruppe erfährt nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine gesundheitliche Schlechterstellung; dies belegen Untersuchungen zum Gesundheitsstatus, welche einen negativen Effekt des Alleinerziehens postulieren, der zwar zum Teil, aber nicht gänzlich auf die sozioökonomische Lage zurückgeführt werden kann (Lampert et al. 2005; Lange 2006). Bisher nicht erfasste Faktoren dieser Lebens-form scheinen demzufolge ebenfalls Einfluss auf die Gesundheit zu nehmen. Die Notwendigkeit weiterer Forschung und Verbesserungsansätze wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, dass die Gesundheit der Eltern die Entwicklung des Nachwuchses beeinflussen kann (Lampert et al. 2005: 108; Seyda und Lampert 2009: 105-113). Gesunde Eltern sind demnach Voraussetzung für Chancengleichheit der nächsten Generation.
Ein Ziel dieser und diverser anderer Forschungsinitiativen ist das Aufdecken von Hinweisen und Strategien, wie Staat und Gesellschaft hinsichtlich politisch-institutioneller, ökonomischer, sozialer und psychologischer Sphäre den Gesundheitsstatus Alleinerziehender verbessern und so Chancengleichheit unterstützen können. Denn, wie Bernhard Badura so treffend bemerkt hat, hängen „Gesellschaft und Gesundheit [..] enger zusammen als wir bisher angenommen haben“ (Badura 2011: 23). Dieser Aussage soll in diesen Untersuchungen Rechnung getragen werden.
Um die Ergebnisse zu generieren, gliedert sich diese Untersuchung wie folgt: Die Forschungsfrage wird in Abschnitt 1.2 entwickelt und methodisch präzisiert, des Weiteren wird der bisherige Forschungsstand im Abschnitt 1.3 näher erläutert. Theoretische Grundlage bildet das zweite Kapitel, dessen Ausführungen sich in Mikro- und Kontextperspektive gliedern. Auf Grundlage der Belastungs- und Ressourcentheorie werden in Abschnitt 2.1 und 2.2 die Hypothesen generiert. Dem Methodenkapitel, welches auf Datensatz und Untersuchungseinheiten in Abschnitt 3.1 und auf die Operationalisierung der Variablen in Abschnitt 3.2 eingeht, folgen die Ergebnisse in Kapitel 4: Deskriptive (Abschnitt 4.1) und bivariate Berechnungen (Abschnitt 4.2) und anschließende Regressionsmodelle (Abschnitt 4.3) testen die Hypothesen. In Abschnitt 5.1 werden die Ergebnisse zusammengefasst und Implikationen für weitere For-schungsvorhaben erläutert. Abschließend werden innerhalb der Diskussion politischinstitutionelle, soziale und psychologische Handlungsmöglichkeiten analysiert.
Datengrundlage: Mikrozensus 2009.
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1.2 Forschungsfrage
Wie bereits erwähnt weisen Alleinerziehende durchschnittlich eine schlechtere psychische Gesundheit auf als Eltern, die Kinder mit Partner großziehen (Helfferich 2003: 11-15). So zeigen auch Berechnungen dieser Untersuchung (vgl. Tabelle 1), dass bei nur etwa 5% der mit Partner erziehenden Mütter eine depressive Erkrankung vom Arzt festgestellt wurde - dagegen liegt bei Alleinerziehenden der Anteil knapp drei Mal so hoch. Ähnlich ausgeprägt ist der Anteil derjenigen, die einen relativ niedrigen Mental Component Scale 2 (i. F. MCS) Wert, aufweisen: Nur etwa 16% der Mütter mit Partner im Haushalt besitzen einen auffällig niedrigen Wert, der auf eine beeinträchtigte psychische Gesundheit hinweist; dagegen zählen über ein Drittel der Alleinerziehenden in diese Kategorie.
Mütter mit Partner im HH Alleinerziehende Depressive Erkrankung in % 4,7 12,6
Geringer MCS-Wert (unter 40) in % 16,3 36,4
Mittelwert MCS (Summary Scale Mental) 49,3 45,0
Macht Alleinerziehen also krank?
Bei Betrachtung bereits durchgeführter Studien ist zu vermuten, dass dies stark von der individuellen Lebenssituation der/des Alleinerziehenden abhängt. Aus der Tatsache, dass eine Person alleinerziehend ist, leitet sich also nicht automatisch ab, dass diese Person statistisch betrachtet immer im gleichen Maße benachteiligt ist. Heterogene Lebenslagen können sehr unterschiedliche Effekte hinsichtlich der psychischen Gesundheit bewirken. Dies führt theoretisch so weit, dass unter bestimmten Bedingungen der Elterstatus „alleinerziehend“ theoretisch sogar positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben könnte. Eben dieser Pluralisierung der Lebensformen und deren Wirkung auf die psychische Gesundheit soll innerhalb dieser Untersuchung Rechnung getragen werden. Nach Analyse verschiedener Studien kann bei vier Ausprägungen der individuellen Lebenssituation vermutet werden, dass diese eine moderierende 3 Wirkung auf den Zusammenhang von Elternstatus und
2 Die Mental Component Summary Scale (Mental Health), i. F. MCS, basiert auf den multi-item Skalen des SF-
12. Die Skalen der MCS messen unter anderem das emotionale Wohlbefinden, Einschränkungen durch
emotionale Probleme und die soziale Rollenfunktion. Die MCS wurde mithilfe von Faktorenanalyse (PCA,
varimax rotation) erstellt; Mittelwert = 50, Standardabweichung=10; Hohe Werte repräsentieren eine bessere
psychische Gesundheit (Nübling 2007).
3 Moderation tritt auf, wenn der Zusammenhang zwischen zwei Variablen von einer dritten Variablen moduliert
wird (Diaz-Bone 2006: 207).
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psychischer Gesundheit besitzen.
Auf Grundlage des in Kapitel 2 näher erläuterten theoretischen Rahmens der Ressourcen- und Belastungstheorie soll vor allem die moderierende Wirkung von insgesamt vier individuellen und kontextuellen Variablen im Vordergrund stehen: Die subjektiv eingeschätzte Zufriedenheit mit der finanziellen Lage, die Zufriedenheit mit der sozialen Unterstützung, der soziale Kontext mit Wohnsitz in den neuen/alten Bundesländern und der Regionstyp (Stadt-Land Unterschiede).
Ist beispielsweise bei alleinerziehenden Müttern/Vätern die Zufriedenheit mit der finanziellen Lage gering, bewirkt diese zusätzliche Belastung einen viel stärkeren negativen Effekt auf die psychische Gesundheit als bei Eltern, die Kinder mit Partner großziehen. Hier stellt die Partnerschaft selbst eine wichtige Ressource dar: Eine gewisse finanzielle und emotionale Absicherung ist wahrscheinlich, wohingegen sich bei Alleinerziehenden die Alleinverantwortlichkeit gegenüber dem Nachwuchs, die fehlende partnerschaftliche Arbeitsteilung und Rollenkonflikte stark belastend auswirken.
Bewerten hingegen alleinerziehende Mütter oder Väter ihre finanzielle Lage gut, sind sie diesen Belastungen weniger ausgesetzt: Einerseits können sie diese ökonomischen Ressourcen in Betreuungs- und Entlastungsmöglichkeiten investieren, andererseits kann die Abwesenheit eines Partners auch zu psychischer Entlastung führen, da - gerade in dieser finanziellen Konstellation - Autonomie und Entscheidungsfreiheit die Lebensqualität der/des Alleinerziehenden verbessern. Demnach kann eine Partnerlosigkeit - beim gleichzeitigen Auftreten einer guten ökonomischen Lage - neutral oder sogar positiv auf den Gesundheitszustand wirken (Helfferich 2003: 19).
Auch das makrosoziale Umfeld unterscheidet sich wie bereits angedeutet nicht nur innerhalb verschiedener Nationen, auch innerhalb Deutschlands existieren unterschiedliche Einstellungen zu den Familienformen, welche einen kollektiven Einfluss auf den Gesundheitszustand haben können. Diese Unterschiede sind sicherlich sehr komplex und vielen Variablen wie der Historie, Bevölkerungsdichte, lokalen Besonderheiten und vielem mehr unterworfen. Von besonderem Interesse ist hierbei die Unterscheidung, ob Alleinerziehende in städtischen bzw.
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ländlichen Gebieten leben und ob deren Wohnsitz in den neuen oder in den alten Bundesländern liegt. Der soziale Kontext hinsichtlich des geschichtlichen Hintergrunds, der Sozialisation, der politisch-institutionellen Unterstützung und der gesellschaftlich anerkannten Einstellungen, Werte und Normen ist unterschiedlich ausgeprägt. Je nachdem, unter welchen Gegebenheiten man lebt, wirkt sich der Alleinerziehendenstatus stärker oder schwächer auf die psychische Gesundheit aus. So ist anzunehmen, dass in der Stadt und auf dem neuen Bundesgebiet wohnende Alleinerziehende weniger Stigmatisierung und bessere Betreuungsmöglichkeiten vorfinden, die sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Hinsichtlich der methodischen Vorgehensweise soll geprüft werden, ob ein statistischer Interaktionseffekt vorliegt. Aufklären sollen dies sowohl bivariate Berechnungen als auch Regressionsmodelle mit Interaktionsvariablen.
1.3 Bisherige Forschung
Hinsichtlich der Forschungsfrage sind es vor allem die empirischen Studien des Robert-Koch Instituts, welche auf die Pluralisierung der Lebensformen von Alleinerziehenden behandeln (Helfferich 2003; Lange 2006; Lampert et al. 2005; Helbig 2006: 5). Diese arbeiten hauptsächlich mit dem Bundesgesundheitssurvey von 1998 (i.F. BGS98), dem Sozioökonomischen Panel (i.F. SOEP) aus dem Jahr 2000 und dem Mikrozensus mit den Daten aus dem Jahr 1999. Da bisher nur im SOEP neue Daten hinsichtlich der spezifischen Fragestellung dieser Arbeit erhoben wurden, soll die SOEP-Welle aus dem Jahre 2009 verwendet werden, um aktuelle Ergebnisse zu generieren.
Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes ist inhaltlich die umfangreichste Studie und beinhaltet insbesondere empirische Untersuchungen zur „Gesundheitsbezogenen Lebensqualität“. Diese stellt die Benachteiligung alleinerziehender Mütter hinsichtlich psychologischer Krankheiten heraus (Helfferich 2003: 11-15), wobei moderierende Variablen nur indirekt untersucht werden (Helfferich 2003: 19). Dennoch wird die Relevanz der ökonomischen, sozialen und kontextuellen Ressourcen betont (Helfferich 2003: 6, 10), die auch in dieser Arbeit einen zentralen Ansatz bilden.
Neben diesen empirischen Untersuchungen wurden ebenfalls qualitative Studien durchgeführt, welche die individuelle Wahrnehmung des Alleinerziehens untersuchen. Hierbei sind insbesondere die Nachforschungen von Norbert F. Schneider hervorzuheben: So würden Frauen nicht nur eine materielle Besserstellung und günstigere Kinderbetreuung vermissen,
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sondern viel mehr die gesellschaftliche Anerkennung und den Respekt vor ihren Erziehungsleistungen (Schneider 2001: 358) - was wiederum auf die entscheidende Bedeutung des sozialen Kontexts hinweist. Als zentrale Idee Schneiders Studien sind moderierende Variablen zu nennen, welche er mithilfe qualitativer Interviews analysieren möchte: Demnach scheinen die subjektive Bewertung der finanziellen Lage und die Herkunft aus alten bzw. neuen Bundesländern eine moderierende Wirkung zu besitzen. Da diese Untersuchungen auf teilweise explorativen, qualitativen Interviews beruhen, sollen Individual- und Kontexthypothese in dieser Arbeit empirisch abgesichert werden. Auch die Frage nach positiven Lebensbereichen, die das Belastungserleben der Alleinerziehenden in einem differenzierteren Licht erscheinen lassen, wurde bisher kaum untersucht. Schneider sieht als erster die Relevanz dieser individuellen Ressourcen, welche für sozialpolitische Maßnahmen bedeutsamer sein sollten (Schneider 2001: 358).
Des Weiteren wurden bisher keine multivariaten linearen Regressionen zur Aufdeckung der moderierenden Variablen durchgeführt. Lediglich eine Studie untersucht mithilfe logistischer Regression die Prävalenz bestimmter psychischer Krankheiten und betrachtet hierbei auch zahlreiche Interaktionsvariablen. Allerdings wurde nur eine Interaktion hinsichtlich des Eltern- und Partnerschaftsstatus aufgedeckt: Die Wahrscheinlichkeit an einer psychischen Erkrankung zu leiden scheint unabhängig vom Partnerschaftsstatus zu sein. Erst wenn eine partnerlose Person auch Nachwuchs betreut, habe dies einen negativen Effekt (Helbig 2006). Dies ist jedoch für diese Untersuchungen nicht unmittelbar relevant, da Fragen nach weiteren Interaktionseffekten, welche individuelle Bewertungen und den sozialen Kontext betreffen, nicht beantwortet werden. Außerdem wurde lediglich eine 12-Monats-Prävalenz abgefragt, längerfristige Beeinträchtigungen und latente psychische Probleme werden unter Umständen nicht erfasst.
Deshalb sollen in dieser Untersuchung durch die bereits in Abschnitt 1.2 eingeführten MCS-Indikatoren verwendet werden. Dieser Index misst weniger das Auftreten einer Krankheit, sondern kann - ganz im Sinne des im folgenden Kapitel vorgestellten Salutogenese-Konzepts - als Messinstrument für „psychische Gesundheit“ interpretiert werden. Außerdem bietet die metrische MCS-Skala die Möglichkeit, positive und negative Gesundheitseffekte (i.e. Ressourcen und Belastungen) innerhalb einer multivariaten Regression adäquat zu quantifizieren.
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Arbeit zitieren:
Anja Köngeter, 2011, Macht Alleinerziehen krank?, München, GRIN Verlag GmbH
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