Inhalt
1. Einleitung 2
2. Hintergründe: Die Frischzellentherapie und ihr Kontext 3
2.1 Die Frischzellentherapie nach Paul Niehans 3
2.2 Der zeitliche Kontext 4
3. Entwicklungen in der Frischzellentherapie 6
3.1 Vorläufer 6
3.2 Entdeckung der Frischzellentherapie 6
3.3 Der Boom 7
3.4 Kritiker in der Ärzteschaft 8
3.5 Weitere Entwicklung der Frischzellentherapie 10
4. Faktoren der Popularität 10
4.1 Niehans’ Publikationen 10
4.2 Die Person Paul Niehans 13
4.3 Berühmte Patienten 15
5. Fazit 16
6. Bibliografie 18
1
1. Einleitung
Die „American Academy of Anti-Aging Medicine“ veranstaltete 1999 an der Perperdine University in Los Angeles einen Kurs, der es sich unter anderem zum Ziel setzte, wichtige Forscher der Gerontologie von Kurpfuschern, Betrügern und Scharlatanen zu trennen. Paul Niehans fiel in letztere Kategorie. 1 Ob dies dem Erfinder der Frischzellentherapie gerecht wird oder nicht, konnte zu seinen Lebzeiten nicht geklärt werden und ist immer noch umstritten, da die Therapie auch heute noch angeboten wird und das Thema nicht zuletzt wegen der vielen Verbotsversuche weiterhin aktuell ist. Wie konnte es passieren, dass eine Therapie, deren Wirksamkeit bis heute nicht schulmedizinisch bewiesen ist, allein bis 1956 über eine halbe Million Patienten fand, unter ihnen ein Papst? Diese Frage und auch der Einfluss der gesellschaftlichen Gegebenheiten und der Medien soll in dieser Arbeit geklärt werden. Dabei fungiert das Thema als Paradebeispiel dafür, dass in der (alternativen) Medizin Medienwirksamkeit wichtiger werden kann als eine fundierte Beweisführung.
Zunächst werden in einem einleitenden Teil das Wesen der Frischzellentherapie und ihr zeitlicher Kontext dargestellt, damit die anschließenden erläuterten Entwicklungen nachvollzogen werden können. Dabei sollen auch die Argumente der Kritiker miteinbezogen werden. Anschließend folgt eine Untersuchung der Faktoren, die die Popularität der Frischzellentherapie während der 50er/60er-Jahre in Deutschland bedingten. Grundlage dieser Arbeit ist Niehans’ „Einführung in die Zellulartherapie“ aus dem Jahr 1957, sowie zeitgenössische Zeitschriften. Nicht nur Niehans’ Werk, mit dem er selbstverständlich seine eigenen Interessen verfolgte, sondern auch die Zeitschriftenartikel müssen kritisch betrachtet werden. Ein Boulevardmagazin wie die BZ ist meist auf Sensationen und Aufmacher aus, Autoren in Ärztezeitschriften haben auf ihren Ruf zu achten und sind deswegen oft voreingenommen, was das Anwenden von Therapien ohne fundierte wissenschaftliche Grundlage betrifft. Der Artikel aus dem Spiegel erscheint jedoch gut recherchiert und objektiv zu sein, weswegen sich die Arbeit auch des Öfteren darauf beziehen wird.
Die Monografien zum Thema, die in der Bibliografie aufgeführt sind, wurden von glühenden Anhängern Niehans’ verfasst, was ihnen jegliche Objektivität nimmt. Fischer stellt Niehans als Helden dar und lässt wörtliche Dialoge zwischen Niehans und dem Papst einfließen, die niemals exakt so stattgefunden haben können. Auch Block schreibt im Stil eines Romans.
1 Vgl. Heiko STOFF: Ewige Jugend. Konzepte der Verjüngung vom späten 19. Jahrhundert bis ins Dritte Reich, Köln 2004, S. 22. [Im Folgenden zitiert als „STOFF 2004“.]
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Trotzdem sind die Texte relevant, da schließlich die subjektive Auffassung von Niehans und der Frischzellentherapie zur damaligen Zeit Bestandteil dieser Arbeit sind. Jedoch sind sie somit als Quellen und nicht als Sekundärliteratur zu betrachten. Die Monografie von Siegfried Block, die nicht in den zu untersuchenden Zeitraum fällt, wird jedoch unter Sekundärliteratur aufgeführt.
2. Hintergründe: Die Frischzellentherapie und ihr Kontext
2.1 Die Frischzellentherapie nach Paul Niehans
„Die Zellulartherapie ist eine den ganzen Organismus erfassende biologische Heilmethode, die dem menschlichen Zellenstaat mit seinen Trillionen Zellen diejenigen therapeutisch wirksamen Zellelemente aus frischen, embryonalen oder jugendlichen Geweben zuführt, die er zu seiner Revitalisation benötigt. Zellen sämtlicher Organe stehen zur Verfügung, Kunst des Arztes die richtigen zu verwenden [sic].“ 2
So definiert Niehans seine Zellular- bzw. Frischzellentherapie in der 1957 erschienenen „Einführung in die Zellulartherapie“. Unter dem „Zuführen“ ist die Injektion von Zellaufschwemmungen zu verstehen, bei den Geweben handelt es sich um die von ungeborenen oder jungen Kälbern und Lämmern. Die Organe werden per Hand mit einem speziellen Messer zerkleinert und dann „jedes Organ in eigener Spritze an eigener Stelle“ 3 gespritzt. „Im Allgemeinen werden bei Unterfunktion eines Organs die entsprechenden Zellen des Tierorganismus gegeben. Bei Überfunktion gilt es die Antagonisten zu stärken“ 4 . Niehans konnte jedoch nicht erklären, wie die Organe nun genau gestärkt wurden. Er ging von drei Möglichkeiten aus: Erstens ein Wandern der Zellen zum Sitz der Krankheit, zweitens eine Fernwirkung von der Injektionsstelle aus und drittens der Abbau der Zellen, damit sie zum Neuaufbau von Gewebe beitragen konnten. 5
Der Wirkungszeitraum ist laut Niehans von Organ zu Organ verschieden und kann von einer unmittelbaren Wirkung bis hin zu einer Verzögerung von zwei Monaten oder noch länger reichen. 6 Meistens reiche eine einmalige Behandlung aus.
Die Krankheiten, die sich angeblich mit der Zellulartherapie „günstig beeinflussen“ lassen, stellen ein sehr breites Spektrum dar, das zum Beispiel Fettsucht und Magersucht, Neigung zu Migränen, Mongolismus und Wetterempfindlichkeit miteinschließt. 7 Auch Homosexualität
2 Paul NIEHANS: Einführung in die Zellulartherapie, Bern 1957, S. 9. [Im Folgenden zitiert als „Niehans 1957“.]
3 NIEHANS 1957, S. 25.
4 Ebd., S. 19.
5 Vgl. Ebd., S. 31.
6 Vgl. Ebd., S. 35.
7 Vgl. Ebd., S. 99-102.
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lässt sich seiner Meinung nach therapieren. 8 Vor allem jedoch bot Niehans seine Therapie zur Linderung von Altersbeschwerden und zur Vorbeugung gegen Krebs an. Die Risiken der Injektion von artfremdem Eiweiß bagatellisiert Niehans: Allergische Reaktionen seien sehr selten und dann auch meist schwach und da er bei über 12.000 Injektionen noch keinen Todesfall zu verzeichnen habe, könne man das Verfahren wohl als „gefahrenlos“ bezeichnen. 9
Die Schulmedizin hat sich zwar mit der Zellulartherapie befasst, jedoch wurde ihre Wirksamkeit nie allgemein bestätigt. Man sah allerdings im Gegensatz zu Niehans mit Sorge die Gefahren, die das artfremde Eiweiß in sich barg. So stellt der damaligen Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen, Bennhold, in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift vom 23. April 1954 drei Krankheitsfälle dar, die er auf die Frischzellentherapie zurückführt, kann und will jedoch zur Frage der Wirksamkeit der Therapie keine Stellung nehmen. 10 Auch in der Ausgabe vom 5. November 1954 wird von zwei Fällen berichtet, bei denen nach der Injektion allergische Reaktionen auftraten. 11 Sämtliche Versuche, die Therapie in Deutschland zu verbieten, scheiterten jedoch bisher (zuletzt 2000). 12
2.2 Der zeitliche Kontext
Der Wunsch nach Jugend ist so alt wie der Mensch selbst. Dennoch bildeten das Wirtschaftswunder der späten 50er/60er-Jahre einen ganz besonders guten Nährboten für neue Therapieformen, die der Verjüngung dienten.
„Unter ökonomischen Gesichtspunkten erschienen die 60er-Jahre wie ein kleines goldenes Zeitalter: immer mehr, immer größer, immer schneller. Von den Grenzen des Wachstums sprach noch niemand […]“. 13
Tatsächlich waren die 60er-Jahre für die Bundesrepublik eine Zeit der Superlative. Zwischen 1950 und 1960 stiegen die Nettolöhne um 70 Prozent an, bis 1970 noch einmal um ganze 100 Prozent. 14 Ab 1957 war zudem der freie Samstag die Regel, was bedeutete, dass die Freizeit immer mehr an Bedeutung gewann und die Arbeitswoche oft nur noch als Mittel für die
8 Vgl. Ebd., S. 20.
9 Vgl. Ebd., S. 34-37.
10 Vgl. H. BENNHOLD: Gefahren der Frischzellentherapie, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 79,1 (1954), S. 704.
11 Vgl. H. G. RIETSCHEL: Gefahren der Frischzellentherapie, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 79,2 (1954), S. 1671.
12 Vgl. Eberhard WOLFF: Vor 50 Jahren: Paul Niehans bringt den Begriff „Zellulartherapie“ in die Öffentlichkeit, in: Schweizerische Ärztezeitung 83 (2002), S. 1727. [Im Folgenden zitiert als „WOLFF 2002“.]
13 Edgar WOLFRUM: Die 60er Jahre. Eine dynamische Gesellschaft, Darmstadt 2006, S. 73. [Im Folgenden zitiert als: „WOLFRUM 60er 2006“.]
14 Vgl. Ebd., S. 73.
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finanzielle Absicherung der Freizeitgestaltung angesehen wurde. Zeit und Geld für Luxus waren da, nach den Entbehrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit, an die man sich noch lebhaft erinnerte, wollte und konnte man das Leben wieder genießen. Wolfrum fasst dies folgendermaßen zusammen: „Nicht mehr auf Entbehren richtete sich der Blick des Konsumenten, sondern auf Begehrtes.“ 15
Diese neuen Lebensbedingungen wirkten sich auch auf den Wunsch nach Jugend, nach Fitness aus. Man wollte jetzt, wo man das Leben in Deutschland wieder genießen konnte, nicht akzeptieren, dass Krankheit oder Altersbeschwerden diese Lebensfreude zu mindern vermochten. Weiterhin schien es keine Grenzen nach oben zu geben - alles war im Aufbruch, alles entwickelte sich vorwärts - warum sollten jetzt auch nicht wichtige wissenschaftliche Durchbrüche erreicht werden? Wenn Frauen sich dank der Anti-Baby-Pille entscheiden konnten, ob sie schwanger werden wollten oder nicht, warum sollte der Hormonhaushalt des Menschen dann nicht auch dahingehend „ausgetrickst“ werden, dass er vergaß zu altern? Ein weiterer Faktor war der mit höheren Löhnen und mehr Freizeit verbundene Massenkonsum, der wiederum den Träger des Jugendgedankens schlechthin förderte: Werbung. Als dem Fernsehen Ende der 50er-Jahre der Durchbruch gelungen war und auch Fernsehwerbung ausgestrahlt wurde - neben dem normalen Programm, das ja auch massenhaft junge, attraktive Schauspieler zeigte - holte sich jeder Haushalt, in dem ein Fernseher stand, täglich jugendliche Gesichter ins Wohnzimmer. Auch die Filme der 50er, die als das „Kino-Jahrzehnt“ gelten, und Werbeanzeigen in den Zeitungen und Zeitschriften trugen bereits zu dieser Entwicklung bei. Mehr Kosumbereitschaft bedeutet mehr Werbung, mehr Werbung bedeutet, dass Werte wie Jugend an Bedeutung zunehmen. Hinzu kam, dass sich die sexuelle Revolution der 60er-Jahre ebenfalls in der Werbung niederschlug - so zeigte zum Beispiel die Werbung der „Fa“-Seife eine nackte Frau. 16 Der Babyboom tat sein übriges um in den Köpfen der Menschen zu verankern, dass sexuelle Attraktivität - d.h. die augenscheinliche körperliche Eignung zur Fortpflanzungerstrebenswert war.
Dies alles trug dazu bei, dass es Männer wie Frauen in die Praxen von Niehans trieb, der seine Aufgabe im Kampf gegen das Altern folgendermaßen auffasste:
„Was ich erstrebe, ist nicht nur dem Leben mehr Jahre, besonders aber den Jahren mehr Leben zu schenken. So haben denn auch über 2000 Männer und Frauen, die sich im Alter mit vollem Recht mit einem vorzeitigen körperlichen Verfall nicht abfinden
15 Edgar WOLFRUM: Die 50er Jahre. Kalter Krieg und Wirtschaftswunder, Darmstadt 2006, S. 74.
16 Vgl. WOLFRUM: 60er 2006, S. 98.
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Arbeit zitieren:
Sonja Kaupp, 2009, Faktoren der Popularität von Paul Niehans’ Frischzellentherapie in den 50er/60er Jahren, München, GRIN Verlag GmbH
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