ungefährlich scheinen, bei näherem Betrachten eine unbeschreibliche Gefahr an den Tag
legen können. Ein wichtiges Merkmal der Sprache des Dritten Reiches ist, nach Klemperer
zu urteilen, der Sprachwandel. Früher negativ konnotiert Wörter verwandeln sich ins Positive
und gehen in den alltäglichen Sprachgebrauch über. Ein Beispiel dafür ist das Adjektiv
„fanatisch“: 1926 wird es im Duden mit „hitzig eifernd“ erklärt, verändert sich aber unter
Hitler, bis es plötzlich „treu, pflichtbewusst einer guten Idee folgend“ heißt. Hinzu kommt,
dass in dieser Zeit kaum neue Worte entstanden sind, sondern vielmehr althergebrachte
Worte übernommen werden. Sie werden häufig in der Öffentlichkeit benutzt und gehen ganz
still und heimlich in den alltäglichen Sprachgebrauch über. Klemperer bezeichnet die
Sprache des Dritten Reiches als „ihr stärkstes, ihr öffentlichstes und geheimstes
Werbemittel“ (Z.30f.), was sicherlich richtig ist. Auffällig wird dies schon bei flüchtigem
Hinsehen, denn welches Land besitzt einen Propagandaminister? Goebbels übernimmt
diese Aufgabe pflichtbewusst und gemeinsam mit Hitler und anderen Nationalsozialisten
entwickelt er eine völlig neue Art, Sprache als Mittel der Macht zu verwenden. Dies beginnt
schon, bevor überhaupt angefangen wird, zu sprechen: Jede Rede wird, wie nach dem
Vorbild der Wagneropern, zu einem Gesamtkunstwerk aus Licht, Bühnenbild, Sprache und
Aufmachung. Massenveranstaltungen finden meist abends statt, sodass Fackeln die
Stimmung der Zuhörer beeinflussen und emotionalisieren. Über riesige Lautsprecher wird
das Gesagte überall hin verbreitet, zusätzlich werden Reden live im Radio übertragen, später
gibt es dann auch Druckfassungen, die man immer wieder lesen kann. Das NS-Regime
macht sich also die neu entwickelten Massenmedien zu Nutze, die, wie der Volksempfänger
zum Beispiel, in fast jedem Haushalt zu finden sind. Dieses Verhalten zeigt, dass Politik nicht
nur die Macht über die Verwendung von Sprache hat, sondern besonders auch über die
Medien, die mit Sprache verbunden sind. Gerade unter dem NS-Regime wird dies deutlich:
Es gibt keine Oppositionen, da andere Parteien neben der NSDAP verboten sind, kritische
Journalisten werden zensiert oder dürfen gar nicht erst veröffentlichen. Es kann sich also
kaum eine andere Meinung als die der Nationalsozialisten verbreiten. Und wer es doch
versucht, hat einen langen, schwierigen und gefährlichen Weg vor sich. Hans und Sophie
Scholl, Christoph Probst und andere Mitglieder der Weißen Rose haben Nationalsozialisten
widersprochen und sind dafür des Hochverrats angeklagt und exekutiert worden.
Wie bei der Redesituation bereits dargestellt, kommt es häufig zur Inszenierung von
Wirklichkeit. Die Nationalsozialisten schrecken nicht davor zurück, Lügen zu verbreiten und
bewusst Unwahrheiten zu propagieren. So wird Deutschland oft als armes Land dargestellt,
das von allen anderen isoliert werde und sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg
von anderen angegriffen worden sei, obwohl es völlig unschuldig sei. Genauso betreiben sie
bewusst Kolportage, indem sie Feindbilder erschaffen, in denen beispielsweise Russen zu
wilden Barbaren oder Tieren werden. Die Nationalsozialisten selektieren die Fakten, sie
verschweigen sie oder verdrehen sie ins Gegenteil. So behauptet selbst der
Propagandaminister Goebbels in seiner Rede im Berliner Sportpalast am 18. Januar 1943,
der Endsieg sei nah, wenn sich alle Deutschen am totalen Krieg beteiligten, obwohl aus
seinen Tagebüchern eindeutig hervor geht, dass er selbst nicht mehr an einen Sieg glaubt.
Kaum einen Monat zuvor haben zahlreiche deutsche Truppen in Stalingrad kapituliert,
sodass die Russen immer weiter in den Westen drängen.
Außerdem legen es die Nazis darauf an, die Menschen zu manipulieren. Mit Hilfe von
performativen Techniken, wie Emotionalisierung, Romantisierung, Glorifizierung und
Versachlichung, schaffen sie es, die Menschen nachhaltig zu beeinflussen. Es kommt zu
einer regelrechten Demagogie, die durch Kolportage und argumenta ad populum verstärkt
wird.
Ganz langsam geht die bewusst veränderte Sprache in den Alltag über. Die Deutschen
werden förmlich überrannt von der Inszenierung der Reden, die sämtliche Sinnesorgane
beanspruchen, und dem Sprachwandel. Bereits in den sechs Jahren vor Kriegsbeginn
(1933-39) verändert sich die Sprache dahingehend, um auf einen Krieg vorzubereiten. Dazu
gehört zum Beispiel das Idealbild eines Deutschen, eines Ariers, der groß, stark,
entschlossen, siegessicher, ausdauernd, „hart wie Kruppstahl“ und „zäh wie Leder“ sein
sollte. Ständig werden sie mit diesem Bild konfrontiert, während als Kontrast dazu die Juden,
Sinti und Roma als „unwertes Leben“ und „Inkarnation des Bösen“ bezeichnet werden. In
Zusammenhang mit den Deutschen stechen also die Adjektive hervor, die meist Superlative
sind, um die Perfektion, Überlegenheit und Stärke zu signalisieren. Juden hingegen werden
versachlicht und so kommt es vor, dass sie von Aufsehern eines KZ kalt als „Stück
Gefangene“ gesehen werden. Ihnen wird alles Menschliche abgesprochen, stattdessen
werden sie wie Tiere behandelt, die zur „Kadaververwertung“ gebraucht werden. Diese
Substantive beweisen, dass die Nazis keinerlei Respekt vor anderen Menschen haben, da
sie sie ja als minderwertige Rasse ansehen, was keinesfalls wissenschaftlich bewiesen
werden kann.
Die Nationalsozialisten arbeiten also mit Kontrasten und Polarisierung, indem sie das Gute
(die Deutschen) dem Bösen (alle anderen) gegenüberstellen. Dabei spielen Märtyrertum und
Glorifizierung eine große Rolle. Um zu zeigen, dass dieses Vorgehen zunächst unauffällig
vorangeht, kann man mehrere Beispiele heranziehen. Die Nazis wollen ihre Kultur mit der
germanischen verbinden, weshalb auch die Rune des Sonnenzeichens zum Hakenkreuz
wird. Neben der Verwendung dieser Symbole treten auch immer wieder germanische
Vornamen wie Hartmut auf, was nicht gefährlich ist, jedoch ein Zeichen setzt. Hinzu kommen
die zahlreichen ritualisierten Handlungen. Angefangen bei dem Hitlergruß, der zunächst nur
in Anwesenheit des Führers gezeigt wird, später aber als alltägliche Begrüßung in der Armee
und unter Freunden verwendet wird, bis hin zum fanatischen „Sieg Heil“. Diese Parolen
Arbeit zitieren:
Mitsie Sande, 2009, Analyse zum Einfluss der Sprache in der Zeit des Nationalsozialismus auf Propaganda, Menschen und Politik auf Basis des „LTI“ von Victor Klemperer, München, GRIN Verlag GmbH
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