Das Paradox in Herrschaftssystemen, die auf nicht extrinsischer
Motivation beruhen am Beispiel der Demokratie.
Gliederung
1. Einleitung
1.1. Definition authority system
1.2. Mikrofundierung
1.3. Die Makro-Ebene
2. Handlungsoptionen in Herrschaftssystemen
2.1. Der Übergeordnete
2.2. Der Untergeordnete
2.3. Der Agent
3. Kontrollrechtabgabe
3.1. Extrinsische Motivation
3.2. Nicht extrinsische Motivation
4. Das Paradoxe in Herrschaftssystemen
4.1. Das Beispiel Demokratie
4.2. Kosten des Ausstiegs
5. Schlussfolgerungen
5.1. Politikvorschläge
5.2. Ausblick
6. Literaturverzeichnis
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extrinsischer Motivation beruhen am Beispiel der Demokratie.
1. Einleitung
Es gibt aus den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen Anregungen und Überlegungen zum Themengebiet der politischen Steuerung. In dieser Arbeit wird ein Aspekt des
amerikanischen Soziologen und Rationaltheoretikers 1 Coleman genauer untersucht. Allen Theorien der politischen Steuerung ist gemein, dass sie das politische Wirken versuchen zu verstehen und letztlich auch Erklärungen und Handlungsanweisungen für Steuerungswillige abgeben wollen. Untersuchungsgegenstand ist somit Steuerung oder Regelung selbst. Wie funktioniert diese, was sind ihre Grenzen und positiver gefragt, was sind ihre Möglichkeiten? Mit der Theorie der authority systems nach Coleman (1979) gelingt es Herrschaftssysteme zu kategorisieren. Steuerung findet auch in Herrschaftssystemen statt. Regelungsmaßnahmen führen zu einer Realisation von Verhaltensweisen, sind also Resultat der Steuerungsleistung. Hierbei beschreibt Coleman ein Paradox in konjunkt komplexen Herrschaftssystemen. Dieses werde ich am Beispiel der Demokratie versuchen zu illustrieren. Der Staat wird demnach als Akteur betrachtet (Vgl. Schneider 1999). Welcher Art dieser Akteur ist, orientiert sich maßgeblich an „der amerikanischen Politikwissenschaft, in denen besonders stark auf die Handlungsautonomie des Staates abgehoben wird“ (Schneider 1999: 21). In der Literatur (Maurer 2004, Coleman 1979 und 1991) finden sich grundsätzlich beide Übersetzungen für authority systems, die der Herrschaftssysteme und die der Herrschaftsbeziehungen. Im Augenmerk der jeweiligen Übersetzung scheint dabei der Bedeutungshintergrund zu liegen. Beide Bezeichnungen haben Vorteile, so deutet der Kompositateil „Systeme“ darauf hin, dass es sich um mehrere Akteure handelt, diese innerhalb eines zumindest teilweise abtrennbaren Raumes agieren und es andere Systeme, andere Arenen, Räume oder Umwelten geben kann. Die Beschreibung als Herrschaftsbeziehungen hingegen veranschaulicht sprachlich die jeweilige Interdependenz der Akteure in besonderer Weise. In dieser Arbeit wird die Übersetzung der Herrschaftssysteme
vorgenommen 2 .
Bei dem von Coleman skizzierten Paradox handelt es sich im Wesentlichen um Vertrauen und die Motivation eines Individuums in ein Herrschaftssystem einzutreten oder darin zu bleiben.
1 Vgl. Boudon 1998.
2 Staaten sind eher komplex und zeichnen sich durch einen systematischen Charakter aus, während Gemeinschaften sich aufgrund personaler Beziehungen aufrechterhalten (Coleman 1979: 91).
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Ähnlich wie auch Simmel (1950) kommt Coleman zu dem Schluss, dass Individuen stets eine
Wahl haben, und sei der zwingende Charakter 3 eines Herrschaftssystems noch so groß und unüberbrückbar (Maurer 2004).
Ferner gibt es Herrschaftssysteme, die aufgrund von Vertrauen zu Stande kommen, doch, so will Coleman entdeckt haben, vertrauen die Untergeordneten gerade in solchen Systemen den Übergeordneten eigentlich weniger als in Herrschaftssystemen, die bloßer Kosten-Nutzen Überlegungen zu Folge eingegangen worden sind. Steuerung gestaltet sich daher in konjunkten Herrschaftssystemen deutlich schwieriger als in disjunkten (Coleman 1980). Diese Arbeit bedeutet bei gelungener Illustration des Paradoxes nach Coleman am Beispiel der Demokratie ein Voranschreiten der Wissenschaft, da sich die Erklärungen Colemans als erneut bewährt gezeigt haben. Bei deren Scheitern müssen die Ursachen und Methoden untersucht werden um mit dem Verwerfen Colemans Theorie und der letztendlichen Falsifikation anfangen zu können. In letzterem Falle sollten jedoch Hilfshypothesen aufgestellt werden und keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Eine Einstufung bleibt den Ergebnissen überlassen.
Im Nachfolgenden findet eine Besprechung der Theorie en detail statt. Hierzu wird zunächst das Konstrukt Herrschaftssystem definiert und anschließend wird die Mikroperspektive der Makroperspektive gegenübergestellt. Insbesondere wird auf die Handlungsoptionen der Übergeordneten und der Untergeordneten eingegangen. Anschließend werde ich die Beweggründe für eine Kontrollrechtabgabe der im Fokus stehenden Untergeordneten erläutern. Mit diesem Wissen kann dann versucht werden das Paradox von Herrschaftssystemen am Beispiel der Demokratie zu besprechen. Gefolgt von einer Einstufung der Ergebnisse sowie den daraus folgenden Politikvorschlägen wird mit einem Ausblick die Arbeit abgerundet
1.1. Definition eines Herrschaftssystems
Ein Herrschaftssystem besteht aus mindestens zwei Akteuren. Wobei es einen superordinate
und einen subordinate 4 gibt. Nachfolgend werden diese als Übergeordneter und Untergeordneter respektiv bezeichnet.
3 Beiden Autoren ist bewusst, dass es Belohnungen und auch Sanktionen in einem Herrschaftssystem geben kann. Dennoch bleibe jedes Herrschaftssystem ein Tauschprozess, der jederzeit abgebrochen werden kann; auch von dem Untergeordneten.
4 Die Übersetzung mit Über- und Untergeordneter spiegelt am eindrucksstärksten die Metapher der Austauschbarkeit wieder. Während Vorgesetzter und Untergebener eher mit festen Rollenbildern assoziiert werden.
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Die Basis für das zu Stande kommen eines Herrschaftssystems bildet der Tausch von Gütern. Coleman betrachtet auch die Kontrollrechte eines Individuums als solches Gut. Genauer
sogar, werden diese als private Güter betrachtet 5 . Angenommen wird, dass der Untergeordnete freie Wahl über verschiedene Handlungsoptionen besitzt. Eine davon ist die Kontrollrechtabgabe an einen Übergeordneten, der somit zu einem Kontrollrechteinhaber wird. Im Lichte der Betrachtung steht jedoch nicht die Person, die die Kontrollrechte innehat, sondern die Position. Somit haben wir es meist mit korporativen Akteuren zu tun. „What has naturally evolved as a convenient devise is invention of the concept of ‘positions’, so that the authority and the recourses to exercise it are delegated to the position, remain the property of the position (which is part of the authority system), and are merely used by the person who occupies that position” (Coleman 1980: 150 ff.).
Gibt der Untergeordnete seine Kontrollrechte ab meint dies: Über ein bestimmtes Zeitintervall kann der Übergeordnete an einem bestimmten Ort die Handlungen des Untergeordneten kontrollieren. Kontrolle meint hierbei Ausübung von Herrschaft (vgl. Maurer 2004). „Ein Akteur übt in einem bestimmten Handlungsbereich Herrschaft über einen anderen Akteur aus, wenn er das Recht besitzt, die Handlungen der anderen in diesem Bereich zu kontrollieren“ (Coleman 1991: 83).
Der Untergeordnete 6 erhält dafür eine Gegenleistung.
Ein sicher eingängiges Beispiel ist das eines Arbeitgebers und eines Arbeitnehmers. Der Arbeitgeber ist dabei der Übergeordnete, der durch Anreizsetzung den Untergeordneten zum Tausch ermutigt. Dieser gibt daraufhin seine Kontrollrechte ab und der Übergeordnete verpflichtet den Untergeordneten beispielsweise für acht Stunden am Tag seiner Arbeitstätigkeit, mit den entsprechenden Auslebungen des gewünschten Rollenverhaltens, nachzugehen. „When a prospective employee transfers to a prospective employer the right to control certain of his actions during certain periods of time during the day, he does so in return for monetary payment” (Coleman 1980: 147).
Der Kontrollrechteinhaber, also der Übergeordnete kann seine ihm übertragenen Kontrollrechte auch an einen dritten delegieren. Dieser wird in der Regel als Agent bezeichnet. Er führt im Idealfall im Sinne des Übergeordneten die Kontrollrechte des Untergeordneten aus. Er übt also Herrschaft aus gegenüber dem Untergeordneten und wird beherrscht vom Übergeordneten.
5 Somit ist klar, dass Dritte von der Nutzung ausgeschlossen werden können und es zu Angebot-Nachfrage Effekten kommen kann (Mankiw 2001: 246).
6 Oder auf Colemans Zitat adaptiert der andere Akteur.
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Hieraus folgt auch, dass die Rollen in einem Herrschaftssystem sich aus der Relation der zu betrachtenden Teilnehmer ergeben. Der Agent ist also um an das oben erwähnte Beispiel anzuknüpfen der Untergeordnete in Relation zum Arbeitgeber, jedoch der Übergeordnete in Bezug auf den Arbeitnehmer. Aus diesem System ergeben sich für Über- und Untergeordneten jeweils zwei konkurrierende Handlungsoptionen. Hierzu später mehr (vgl. 2.1. und 2.2.).
Ein Herrschaftssystem beschreibt damit also die Reduktion von Handlungsoptionen eines Untergeordneten von einer unendlichen Anzahl an Möglichkeiten auf zwei konkurrierende Verhaltensweisen. Solange er sich in einem Herrschaftssystem bewegt ist er eingeschränkt und unter wirft sich dem Willen eines anderen.
Hieraus lässt sich die Bedeutsamkeit und der Durchdringungsgrad Colemans Theorie erkennen. Menschen sind frei in ihrer Entscheidung, was die Teilnahme an Herrschaftssystemen angeht. Doch einmal teilgenommen, beginnt deren Unfreiheit in Form von Handlungsvorgaben, die sie aufgrund einer Steuerungshandlung ausführen müssen.
1.2. Mirkofundierung
Herrschaftssysteme dienen Coleman als Grundlage um menschliches Verhalten auf einer Mikro-Ebene zu erklären. Es geht also nicht um holistisches Schraubendrehen, sondern um die Begründung und das Verstehen von Individualverhalten. Aufbauend darauf können Massenphänomene besser veranschaulicht werden (Coleman 1979 und 1980, Maurer 2004). Mit Hilfe der Theorie der Herrschaftssysteme können Zusammenhänge geklärt werden, warum sich Individuen in ihren Handlungen einschränken lassen und wie dieses passiert. Hierbei wird von einem rationalen Individuum ausgegangen das eine hohe Informationsverarbeitungskapazität aufweist. Ob es vollständige Information besitzt oder nicht, spielt in diesem engen Kontext keine Rolle, auch wenn unter Umständen Verhalten auf der Analyse unvollständiger Informationen unerwünscht sein könnte, gilt es lediglich zu erklären wie es zu diesem Verhalten gekommen ist. Ferner sind die möglichen Ereignisse transitiv geordnet, das heißt ein Individuum kann eine klare Affinität der möglichen Handlungen in Form einer Rangfolge angeben. Letztlich handeln alle Akteure auf Gründen basierend. „Although it is tautological to define “rationality“ by the notion“ of “strong reasons“ it is the only way of getting rid of the discussions as to “what rationality really
Arbeit zitieren:
Frank Weinert, 2006, Das Paradox in Herrschaftssystemen, die nicht auf extrinsischer Motivation beruhen, München, GRIN Verlag GmbH
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