Inhalt
1. Einleitung 03
2. Forschungsgeschichtlicher Überblick 06
3. Völker zwischen Germanen und Kelten am Rhein - Quellenlage 09
3. 1. Schriftquellen 09
3. 1. 1. G. I. CAESAR - Commentarii de bello Gallico 09
3. 1. 2. P. C. TACITUS - Origine et situ Germanorum liber 12
3. 2. Archäologische Quellen 15
4. Völker zwischen Germanen und Kelten am Rhein - Theorien 19
4. 1. ROLF HACHMANN - Der Rhein wird kulturelle Grenze 19
4. 2. GEORG KOSSACK - Die Verbreitung der Elbgermanen 26
5. Fazit 28
6. Verzeichnisse 31
6. 1. Quellen- und Literaturverzeichnis 31
6. 2. Abbildungsverzeichnis 33
7. Abbildungen 34
2
1. Einleitung
„Germanien insgesamt ist von den Galliern, von den Rätern und Pannoniern durch Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch wechselseitiges Mißtrauen oder Gebirgszüge geschieden“. 1 So beschreibt Tacitus die Grenzen des freien Germanien. 2 Der Rhein trennt Germanen und Kelten. Was aber sind Germanen und Kelten? Sind sie archäologisch nachweisbar? Inwieweit fand diese Thematik Beachtung in der Forschung?
In der vorliegenden Arbeit sollen Antworten auf diese Fragen gefunden werden. Nach einem Überblick zur Forschungsgeschichte folgen die Zusammenstellung und Auswertung der Quellen. Begonnen wird mit den Schriftquellen. Es wird geklärt, welche schriftlichen Überlieferungen erhalten geblieben sind, was im Umgang mit ihnen zu beachten ist und welche Informationen sie zum Thema, Völker zwischen Germanen und Kelten und die Festlegung der Rheingrenze, liefern können. In Verbindung mit den Schriftquellen soll die Begriffsproblematik erläutert werden. Was bedeutet Germane, Gallier oder Kelte? Wer hat diese Begriffe geprägt und in welchem Kontext sind sie entstanden? Umfassen sie stets das gleiche oder wandelt sich ihre inhaltliche Bedeutung?
Nachfolgend sollen die archäologischen Funde und Befunde in den Gebieten westlich und östlich des mittleren und unteren Rhein vorgestellt und ausgewertet werden. Es wird untersucht, ob die Aussagen beider Quellengattungen synthetisierbar sind oder ob sie ein völlig konträres Bild ergeben. Weiterhin soll das Problem der ethnischen Interpretation beleuchtet werden. Lassen sich archäologische Sachgüter einer sozial und kulturell einheitlichen Gruppe zuordnen? Oder anders formuliert: Was sind Ethnien?
Zur Thematik Germanen und Kelten gibt es unüberschaubare Mengen an Literatur und ebenso viele unterschiedliche Ansätze im Umgang mit den Quellen und deren Interpretation.
Ein Beispiel ist das Werk von R. HACHMANN, G. KOSSACK und H. KUHN, Völker zwischen Germanen und Kelten, das 1962 erschienen ist. Es war für seine und die
1 M. FUHRMANN, P. Cornelius Tacitus - Germania (Stuttgart 2000), Kap. 1. (Im Folgenden abgekürzt:
Germ. Kap. 1).
2 Damit werden die Gebiete jenseits von Rhein und Donau bezeichnet, die nicht römische Provinz
waren.
3
nachfolgende Zeit innovativ. Beide Autoren 3 fassten zunächst alle Informationen aus den schriftlichen Überlieferungen zusammen und betrachteten anschließend das archäologische Fundgut. Für die Nachkriegszeit innovativ an dieser Vorgehensweise war, dass sie dabei die schriftlichen Quellen nicht als Grundlage nutzten, sondern archäologische und schriftliche Quellen gleichwertig nebeneinander stellten. Die Aussagen, die aufgrund beider Quellengattungen getroffen werden konnten, versuchten HACHMANN und KOSSACK abschließend zu vergleichen und zu verknüpfen. Bis 1945 und auch in den folgenden Jahrzehnten waren schriftliche Überlieferungen die Basis für die Erforschung der Besiedlung Mitteleuropas um Christi Geburt gewesen. Es wurden also zuerst diese Quellen ausgewertet und anschließend untersucht, ob die archäologischen Funde dazu passten bzw. wurden sie für passend gehalten. 4
Aus diesem Grund sollen die Ansätze und Konzepte von HACHMANN und KOSSACK, sowie die kritische Auseinandersetzung damit neben dem Überblick zu den Quellen den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden. Die Leitfragen sind: 1. War der Rhein kulturelle Grenze im ersten Jahrhundert v. Chr. bis in das erste Jahrhundert n. Chr.?
2. Existierten zu dieser Zeit am Rhein zwei Großgruppen - Germanen und Kelten -oder sind anhand der Quellen Belege für weitere verschiedene kulturelle Gruppen zu finden?
Das Thema „Völker zwischen Germanen und Kelten und die Festlegung der Rheingrenze“ eignet sich gut, um die Grenzen der Aussagemöglichkeiten schriftlicher und archäologischer Quellen zu verdeutlichen. Zum einen sind für dieses Thema beide Quellengattungen vorhanden und zum anderen können grundlegende Forschungsprobleme, wie die Synthetisierbarkeit der Quellengattungen und die Problematik der ethnischen Deutung, vorgestellt werden. Die räumliche Rahmen ist durch den Titel der Arbeit benannt und die zeitliche Beschränkung auf das erste Jahrhundert v. Chr. bis zum ersten Jahrhundert n. Chr. gründet auf die historischen Ereignisse zu dieser Zeit. Im ersten Jahrhundert v. Chr. gelangte zum ersten Mal ein Römer bis an den Rhein. 58-49 v. Chr. unterwarf Gaius Iulius Caesar Gallien, wobei er auch in Kontakt zu Germanen trat und den Rhein als Ostgrenze
3 Die Ausführungen KUHNS finden keine Beachtung, da in der vorliegenden Arbeit ausschließlich
schriftliche und archäologische, jedoch keine philologischen Quellen, ausgewertet werden.
4 Siehe Kapitel 2: Forschungsgeschichtlicher Überblick.
4
festlegte. 5 . Im Zuge des dessen wurde eine der wichtigsten schriftlichen Quellen zu Germanen und Kelten verfasst: Commentarii de bello Gallico von G. I. CAESAR. Durch die Unternehmungen von Augustus und Tiberius im ersten Jahrhundert n. Chr. östlich des Rheins blieb Germanien im Bewusstsein des römischen Volkes. So verfasste im ausgehenden ersten Jahrhundert n. Chr. P. C. TACITUS sein Werk: De origine et situ Germanorum liber, eine Beschreibung von Grenzen, Lebensgewohnheiten und anderer Charakteristika der Germanen. Die beiden wichtigsten schriftlichen Quellen für die vorliegende Arbeit stammen aus dem ersten Jahrhundert v. Chr. und dem ersten Jahrhundert n. Chr., womit die Festlegung des zeitlichen Rahmens erklärt ist.
5 Vgl. hierzu die Kurzübersicht der Ereignisse bei W. SCHLÜTER, Kalkriese - Ort der Varusschlacht?
Die
Ausgrabungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke. In: M. FANSA (Hrsg.), Varusschlacht und
Germanenmythos. Eine Vortragsreihe anläßlich der Sonderausstellung Kalkriese - Römer im
Osnabrücker Land 1993 (Oldenburg 1994) 11 f.
5
2. Forschungsgeschichtlicher Überblick
Die sich entwickelnde Archäologie des 19. Jahrhunderts vertraute ohne Einwände den antiken schriftlichen Quellen. Bereits in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich G. KOSSINNA mit der vorgeschichtlichen Ausbreitung der Germanen. 6 Er suchte in den historischen Quellen nach Hinweisen für deren Siedlungsgebiete im Raum (der heutigen Bundesrepublik) Deutschlands. Alle archäologischen Funde in diesen Gebieten waren für ihn germanisch. Frühe Formen entsprachen ersten Siedlungsgebieten. 7 K. SCHUMACHER wandte KOSSINNAS Vorgehensweise für Kelten an. 8
Kritik an KOSSINNA und SCHUMACHER übten K. SCHULLER und E. WAHLE. 9 Sie waren der Ansicht, dass ein Bevölkerungswechsel eintreten könne, ohne dass dies an Bodenfunden sichtbar werde. Ebenso kritisierten sie, dass sich SCHUMACHER und KOSSINNA nur mit je einer Quellengattung beschäftigten, ohne die Übereinstimmungen und Widersprüchlichkeiten im Aussagegehalt der verschiedenen Quellengattungen zu berücksichtigen und zu interpretieren. 10 Die Diskussion über die Siedlungsgebiete der Germanen begann zuerst in der skandinavischen Archäologie mit O. MONTELIUS u. a. 11 Er beschäftigte sich mit der Einwanderung germanischer Gruppen/Stämme o. ä. (Vorfahren) in Schweden und Norwegen und vermutete ihren Ursprung in den Gebieten um das Schwarze Meer und an der unteren Donau. 12 Etwa zeitgleich befasste sich KOSSINNA seit seiner Dissertation 1881 mit der germanischen Besiedlungsgeschichte, da aber noch ausschließlich philologisch. 13 In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte er seinen methodischen Hauptsatz: „Scharf umgrenzte archäologische Kulturprovinzen
6 R. HACHMANN, Germanen und Kelten am Rhein in der Zeit um Christi Geburt. In: R. HACHMANN,
G. KOSSACK, H. KUHN, Völker zwischen Germanen und Kelten (Neumünster 1962), 12.
7 Ebd.
8 K. SCHUMACHER, Siedlungs- und Kulturgeschichte der Rheinlande von der Urzeit bis in das
Mittelalter (Mainz 1921).
9 HACHMANN, 1962, 12. Vgl. auch: E. WAHLE, Zur ethnischen Deutung frühgeschichtlicher
Kulturprovinzen (Heidleberg 1941); E. WAHLE, Grenzen der frühgeschichtlichen Erkenntnis
(Heidelberg 1941); E. WAHLE, Deutsche Vorzeit (Basel 1952).
10 Ebd.
11 H. JANKUHN, Das Germanenproblem in der älteren archäologischen Forschung. In: H. BECK
(Hrsg.), Germanenprobleme in heutiger Sicht (Berlin/ New York 1986), 298.
12 JANKUHN, 1986, 298 ff.
13 G. KOSSINNA, Über die ältesten hochfränkischen Sprachdenkmäler - Ein Beitrag zur Grammatik
des Althochdeutschen ( veröffentlichte Dissertation), (Straßburg 1881).
6
decken sich zu allen Zeiten mit ganz bestimmten Völkern und Völkerstämmen.“ 14 Nach KOSSINNA sei die Urheimat der Germanen an der mittleren Donau zu suchen. Von dort hätten sie sich Oder- und Elbe abwärts ausgebreitet. Spätestens zu Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. siedelten Germanen, so KOSSINNA, in Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Dänemark und Südschweden. KOSSINNA wie MONTELIUS gingen von einer ungebrochenen Kontinuität germanischer Besiedlung vom Neolithikum bis zur Bronzezeit aus. 15
Obwohl es bereits seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts neue Ansätze zur Siedlungsarchäologischen Methode KOSSINNAS gab, bei denen mehr Wert auf die Untersuchung der Siedlung selbst/die archäologischen Funde und Befunde gelegt wurde 16 , war vor allem im Dritten Reich KOSSINNAS Methode maßgebend. 17 Sämtliche Interpretationsansätze der Germanen- und Keltenforschung gingen von einheitlichen Kulturgruppen aus, die den historisch überlieferten Völkern entsprechen.
Auch R. VON USLAR gibt an, schriftliche Quellen stellten die Grundlage dar auf der die weitere Forschung aufbauen müsse. 18 Für ihn ist es problematisch, Bodenfunde eines abgegrenzten Raumes von vornherein einem Stammesgebiet zuzuordnen. 19 Hauptprobleme der Germanenforschung im 20. Jahrhundert, auch in den Nachkriegsjahrzehnten, sind unter anderem die ethnische Deutung, d. h. die Gleichsetzung archäologisch fassbarer Kulturen mit historisch überlieferten politischen Verbänden und Stammesgruppen und die Definition des Wortes Germane. 20 WAHLE beispielsweise betonte, dass Fundprovinzen sich mit Ethnien decken können, aber nicht müssen. 21 Vertreten wurde weitgehend die Theorie, ein archäologisch einheitlicher Kulturraum kann mit aus der Antike überlieferten Stämmen gleichgesetzt werden (Abb. 1). 22 Aber die Diskussion um die ethnische
14 G. KOSSINNA, Die Herkunft der Germanen. Zur Methode der Siedlungsarchäologie (Leipzig 1920),
3.
15 JANKUHN, 1986, 304.
16 Hier zu nennen sei H. JANKUHN, Einführung in die Siedlungsarchäologie (Berlin/ New York 1977).
17 Da KOSSINNAS Vorstellungen von einem überlegenen germanischen Volk in Einklang mit der
nationalsozialistischen Ideologie war, konnten sich andere (schlüssige) Ansätze nicht durchsetzen.
18 R. VON USLAR, Westgermanische Bodenfunde. In: Römisch Germanische Kommission (Hrsg.),
Germanische Denkmäler der Frühzeit (Berlin 1938), 173.
19 VON USLAR, 1938, 174.
20 G. MILDENBERGER, Die Germanen in der archäologischen Forschung nach KOSSINNA. In: H. BECK
(Hrsg.), Germanenprobleme in heutiger Sicht (Berlin/ New York 1986), 310.
21 WAHLE, 1941a, 14.
22 MILDENBERGER, 1986, 311.
7
Deutung ist problematisch, da nach wie vor nicht geklärt ist, was unter germanisch zu verstehen ist.
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist in der Forschung hauptsächlich aus der „germanischen Richtung“ zu erschließen. Alle Werke, die sich mit Germanen und Kelten am Rhein im ersten Jahrhundert v. Chr. und im ersten Jahrhundert n. Chr. befassen, setzen den Schwerpunkt auf die germanische Besiedlung dieser Gebiete.
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Arbeit zitieren:
Alexandra Nowak, 2010, Völker zwischen Germanen und Kelten und die Festlegung der Rheingrenze, München, GRIN Verlag GmbH
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