1. Einleitung
Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung ist in der Bevölkerung im Gegensatz zu anderen Persönlichkeitsstörungen (wie z. B. Borderline) relativ unbekannt. Die Störung kann zunächst recht unauffällig bleiben. Laien verwechseln den Begriff der zwanghaften Persönlichkeit daher nur zu häufig mit der Zwangsstörung. Außerdem ist auch die Literatur zur zwanghaften Persönlichkeit recht schmal gefächert, was ihrem Bekanntheitsgrad nicht förderlich ist.
In dieser Arbeit geht es darum, zum einen die zwanghafte Persönlichkeitsstörung und die Zwangsstörung vorzustellen und zum anderen, beide zu vergleichen - mit dem Ziel, sie eindeutig von einander abzugrenzen. Dabei werden zunächst die Krankheitsbilder und deren Ätiologie und Epidemiologie vorgestellt. Weiterhin werden diagnostische Leitlinien und Instrumente vorgestellt und Beispiele für die therapeutische Behandlung gegeben.
2. Die zwanghafte Persönlichkeit
2.1 Krankheitsbild, Ätiologie und Diagnosekriterien
Wie bei allen Persönlichkeitsstörungen handelt es sich auch bei der zwanghaften Persönlichkeit um ein Krankheitsbild mit tief verwurzelten, anhaltenden Verhaltensmustern. Sie zeichnen sich durch ihre Stabilität aus und beziehen sich auf verschiedene Bereiche des Verhaltens und der psychischen Funktionen. Persönlichkeitsstörungen basieren nicht auf anderen psychischen Störungen, sie haben ihren Ursprung in der Kindheit und Adoleszenz, denn dies sind die Lebensphasen, in denen sich die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt und an deren Ende sie vermutlich ausgereift ist. Störungen der Persönlichkeit sind aus diesem Grund auch abzugrenzen von Änderungen der Persönlichkeit zu einem späteren Zeitpunkt im Leben.
Persönlichkeitsstörungen sind klassifizierte Krankheiten. Zur zwanghaften Persönlichkeitsstörung findet man in der ICD-10 (WHO, 2005) die anankastische
(zwanghafte) Persönlichkeitsstörung (F60.5). Diese ist typischerweise gekennzeichnet durch
1. übermäßigen Zweifel und Vorsicht,
2. ständige Beschäftigung mit Details, Regeln, Listen, Ordnung, Organisation und Plänen
3. Perfektionismus, der die Fertigstellung von Aufgaben behindert 4. übermäßige Gewissenhaftigkeit, Skrupelhaftigkeit und unverhältnismäßige Leistungsbezogenheit unter Vernachlässigung von Vergnügen und zwischenmenschlichen Beziehungen 5. übermäßige Pedanterie und Befolgung von Konventionen 6. Rigidität und Eigensinn
7. unbegründetes Bestehen auf der Unterordnung anderer unter eigene Gewohnheiten oder unbegründetes Zögern, Aufgaben zu delegieren 8. Andrängen beharrlicher und unerwünschter Gedanken oder Impulse.
Die diagnostischen Kriterien gemäß DSM-IV sind beinahe identisch. Sie enthalten allerdings noch einige Nebenaspekte der Störung, wie z. B. das häufige Einhergehen depressiver Verstimmungen und Ärger über Kritik (Fiedler, 2001). Dadurch, dass die stärksten Eigenschaften der zwanghaften Persönlichkeit -Ordnungsliebe und Ausdauer -in der Gesellschaft als positive
Charaktereigenschaften anerkannt sind, auf die man stolz sein kann und denen man entgegenstrebt, suchen Betroffene eher selten allein deswegen therapeutische Hilfe auf (Fiedler, 2001). Erst, wenn sich durch die Persönlichkeitseigenschaften Schwierigkeiten und Einschränkungen im Alltag und vor allem in den zwischenmenschlichen Beziehungen einstellen und ein Leidensdruck entsteht, wird Hilfe aufgesucht. Beispielsweise kann die übertriebene Ordnungsliebe mit erheblichem Zeitaufwand einhergehen, der betrieben wird um aufzuräumen, zu putzen, usw. So kann es passieren, dass Betroffene ihren anderen Aufgaben und Beziehungen nicht mehr ausreichend nachkommen können, da sie sich zu unwohl
fühlen, wenn sie ihren selbst auferlegten Pflichten nicht ausreichend nachkommen. Sie verlieren Freunde, machen kaum neue Bekanntschaften und verlassen immer seltener ihre Wohnungen. Ihre Gedanken kreisen fast ausschließlich um Pläne, Abläufe, Ordnung, Sauberkeit, usw. Somit herrscht ein schmaler Grad zwischen einer akzentuierten Persönlichkeit, z. B. einem sehr ordentlichen Menschen, und einem krankhaft ausgeprägten Zwangscharakter, dessen Ordnungssinn und Perfektionismus sein gesamtes Leben bestimmen und ihn im Endeffekt unglücklich machen. Die eigentlichen Probleme entstehen also erst aus der Zwanghaftigkeit. Ein relativ spätes Aufsuchen von professioneller Hilfe ist vielleicht auch auf die weitgehende Unbekanntheit der zwanghaften Persönlichkeitsstörung in der Bevölkerung zurückzuführen. Viele Betroffene kommen möglicherweise nicht auf den Gedanken, ihr Leiden sei tatsächlich als psychische Störung definierbar, da die Handlungen von den weitaus bekannteren Zwangsstörungen noch weit entfernt scheinen - also sieht man sich selbst auch nicht als krank an. Wie es zu einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung kommt, ist unklar. Es gibt allerdings einige unterschiedliche Erklärungsansätze (siehe Abbildung 1), von denen an dieser Stelle auf drei eingegangen werden soll, die von Fiedler (2001) beschrieben werden.
Abbildung 1: Erklärungsansätze zur Entstehung der zwanghaften Persönlichkeitsstörung (ZPS); erstellt v. Verf.
Die Psychoanalyse ging lange Zeit davon aus, dass zwanghafte Charaktereigenarten aus den sogenannten „analen Konflikten“ entstehen. Bis in die 60er Jahre hinein galt
eine falsche oder zu frühe Sauberkeitserziehung als der Hauptgrund für Zwanghaftigkeit. Dies konnte empirisch allerdings nicht bestätigt werden. Viel auffälliger ist, dass die Eltern betroffener Kinder selbst überzufällig häufig über ähnliche Eigenarten und Symptome verfügten.
Die kognitive Perspektive des Psychoanalytikers Shapiro geht davon aus, dass das Hauptproblem bei der Störung eher eine Intentionsstörung sei - die Betroffenen versuchen sich vor äußeren Einflüssen zu schützen und eine scheinbar autonome Handlungsfreiheit aufrecht zu erhalten, die aber sei leider wiederum getrieben von moralischen oder sozial angemessenen Regeln.
Weiterhin gibt es Sullivans interpersonelle Perspektive, die eine grundlegende interaktionelle Unsicherheit oder auch Hilflosigkeit des betroffenen Menschen voraussetzt. Der Wunsch, diese zwischenmenschliche Barriere zu überwinden, bringe die Person dazu, so gut es geht allgemeinen Regeln und Normen zu entsprechen - so könne übertriebene Ordnung usw. entstehen.
2.2 Epidemiologie Nach Fiedler (2001) liegen bisher epidemiologische Studien zu
Persönlichkeitsstörungen nur sehr begrenzt vor. Allerdings könne man davon ausgehen, dass Persönlichkeitsstörungen allgemein eine der am häufigsten auftretenden psychischen Krankheiten sind (Dittmann & Stieglitz, 2001). Aufgrund der wenigen Studien und der geringen Stichprobengrößen in den vorhandenen, lassen sich Zahlen nur schätzen. Schwankungen ergeben sich durch die unterschiedlichen Kriterien der Studien, wie Ein- und Ausschlusskriterien hinsichtlich der Krankheitsdefinition oder der Betrachtung von Einzelphasen oder des Gesamtverlaufs der Störung. Die Häufigkeit des Auftretens einer anankastischen Persönlichkeitsstörung liegt unter Berücksichtigung dieser Unterschiede bei etwa 1,7 bis 6,4 % der deutschen Bevölkerung (Engels, 2010). Die Borderline-Störung kommt seltener vor (schätzungsweise 1,1 bis 4,6 % der Bevölkerung), ist aber dennoch in der
Bevölkerung viel bekannter, wahrscheinlich aufgrund ihres auffälligeren und bedrohlicheren Erscheinungsbildes.
3. Die Zwangsstörung
3.1 Krankheitsbild, Ätiologie und Diagnosekriterien
Die Zwangsstörung ist eine Krankheit mit sehr hohem Leidensdruck. Sie ist laut ICD-10 gekennzeichnet durch zwei unterschiedlichen Symptomgruppen: Zum einen gibt es die Zwangsgedanken, die aus wiederkehrende Ideen, Vorstellungen und Impulsen bestehen, die den Betroffenen stereotyp und quälend beschäftigen (Fiedler, 2001). Dies kann z. B. die Vorstellung sein, dass alle Gegenstände mit Bakterien übersät sind. Vor allem bei Kindern drehen sich diese Vorstellungen häufig um Verunreinigung und Kontamination, aber auch um Symmetrie und Genauigkeit (Simons, 2009). Zum anderen gibt es Zwangshandlungen. Dies sind Rituale und Handlungswiederholungen, die meist sinnlos erscheinen. Trotz eines großen Leidensdrucks gelingt es den Betroffenen nicht, die Handlungen zu unterlassen. Beispielsweise fühlen einige Betroffene den Zwang, ständig zählen zu müssen, Lichtschalter wieder und wieder zu betätigen, oder auch sich die Hände wieder und wieder zu waschen. Aus solchen Zwängen können auch körperliche Schädigungen entstehen, z. B. wenn durch extrem häufiges (Hände-) Waschen die Haut wund und entzündlich wird.
Es gibt zahlreiche Störungstheorien und Ätiologiemodelle zu Zwangsstörungen. Einzuteilen sind diese in kognitive, lerntheoretische, neuropsychologische und familiäre bzw. soziokulturelle Modelle. Die neuropsychologische oder auch biologische Perspektive ist relativ neu und verweist auf einen genetischen Aspekt (Vererbung) bei der Wahrscheinlichkeit, an einer Zwangsstörung zu erkranken. Zwangserkrankungen treten familiär gehäuft auf, es ist also möglich, dass diese Krankheit vererbt wird - das Risiko für Kinder zwangserkrankter Eltern schwankt zwischen 5 und 25 % (Benkert & Lenzen-Schulte, zit. n. Niemierza, 2003). Auch bei
Arbeit zitieren:
Alice Herwig, 2010, Zwanghafte Persönlichkeitsstörung und Zwangsstörung, München, GRIN Verlag GmbH
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