Inhalt:
Einleitung 3
1. Die Kulturphilosophie Cassirers: Der Mensch als „animal symbolicum“ 3
2. Arnold Gehlen: Der Mensch als Mängelwesen. 7
3. Resümee. 9
Literatur. 10
2
Einleitung
Ernst Cassirer gilt, zusammen mit einigen weiteren Autoren (Max Scheler, Helmuth Plessner, Arnold Gehlen), als Begründer einer modernen Kulturphilosophie, in der die Produktion von Kultur zum maßgeblichen Wesensmerkmal des Menschen erhoben und Entstehung und Auswirkungen dieser ergründet werden. Ernst Cassirer bezeichnet den Menschen in diesem Zusammenhang als „animal symbolicum“, das, im Gegensatz zum gesamten Tierreich, über symbolische Formen erkennt und kommuniziert. Damit rückt er die Verwendung, die Herstellung und den wechselseitigen Austausch von Symbolen in den Mittelpunkt seiner Philosophie. Wie aber kommt Cassirer zu dieser Erkenntnis? Um Inhalte und Anliegen der Cassirerschen Kulturphilosophie in seinen Grundzügen zu erfassen, werde ich im Laufe dieser Arbeit versuchen Basis und Notwendigkeit des Symbols herauszuarbeiten, indem ich das anthropologische Konzept Cassirers und das Arnold Gehlens vergleichend gegenüberstelle. Dabei sollen sowohl Unterschiede als auch Parallelen offenkundig werden. Als Textgrundlage dienen dabei vor allem Cassirers Versuch über den Menschen, sowie Gehlens Der Mensch: Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Im 1. Kapitel wird Cassirers Perspektive auf Leben und Wesen des Menschen beschrieben. Dazu gehören sowohl Ausführungen über die philosophische Anthropologie als auch über den Symbolbegriff. Im 2. Kapitel sollen die Gedanken Arnold Gehlens bezüglich Natur und Stellung des Menschen nachgezeichnet werden.
1. Die Kulturphilosophie Cassirers: Der Mensch als „animal symbolicum“
Erklärter Ausgangspunkt der Kulturphilosophie Cassirers ist die menschliche Selbsterkenntnis. So startet er sein 1. Kapitel mit dem Satz: „Daß menschliche Selbsterkenntnis das höchste Ziel philosophischen Fragens und Forschens ist, scheint allgemein anerkannt“ 1 . Wie für Cassirer bei der Bearbeitung der meisten Fragestellungen üblich, geht er auch hier philosophiehistorisch vor. Er bekräftigt seine Herangehensweise mit Denkern wie Heraklit, nach dem „das Gebot der Selbstreflexion“ 2 erfüllt sein müsse, oder Platon, der proklamiert: „Erkenne dich selbst“ 3 , sowie mit Sokrates, der behauptet „ein Leben
1 Cassirer, Ernst: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Natur. Felix Meiner Verlag,
Hamburg 2007, S. 15
2 Cassirer: Versuch über den Menschen, S. 19
3 Cassirer: Versuch über den Menschen, S. 108
3
ohne Selbsterforschung verdient gar nicht gelebt zu werden“ 4 . Cassirer stellt im Verlauf seiner Ausführungen über die Geschichte der philosophischen Anthropologie fest, dass die Frage nach dem Wesen des Menschen immer wieder neu gestellt, aber nie befriedigend beantwortet werden konnten. Zusammenfassend ist der aktuelle Forschungsstand in den Beschreibungen Cassirers geprägt von einer Vielzahl von unvereinbaren Theorien über das eigentliche Wesen des Menschen. „Jeder Denker entwirft sein eigenes Bild von der Natur des Menschen“ 5 . Der Reduktionismus der Einzelwissenschaften, also die Einnahme einer bestimmten Perspektive, die Hervorhebung eines Merkmals zum elementaren Merkmal, verhindert eine einheitliche Betrachtung des Menschen. 6 Ziel des Autors ist es deswegen, ein gemeinsames, letztes Merkmal des Menschen zu beschreiben, das nicht auf einem einzelnen Element des menschlichen Daseins basiert, sondern eines das all jene Einzelelemente sogar bedingt: das Symbol.
Cassirer begründet das Symbol mit dem Biologen und Philosophen Jakob Johann von Uexküll. Von Uexküll geht davon aus, dass jedes Lebewesen über ein bestimmtes Merk- und Wirknetz verfügt. Das Merknetz könnte als Input des jeweiligen Lebewesens angesehen werden, als Reizaufnahmeapparat oder dergleichen. Das Wirknetz umfasst dementsprechend die Reaktionen auf die aufgenommen Reize. Ihre jeweilige Struktur ist die Manifestation der Anpassung an die unmittelbare Umwelt und zusammen bilden sie den Funktionskreis des Lebewesens. 7 Dies trifft aber nur auf Tierarten zu. Laut Casirrer, habe „der Mensch gleichsam eine neue Methode entdeckt, sich an seine Umgebung anzupassen“ 8 , indem er den Funktionskreis um eine zusätzliche Komponente, dem Symbolnetz, erweitert. Es ist quasi zwischen das Merk- und Wirksystem geschaltet und verhindert dadurch unmittelbar auf Reize der Umwelt zu reagieren. Immer, so Cassirer, werde die Reaktion zu Gunsten eines zwischengeschalteten Denkprozesses verzögert, den der Mensch nicht umgehen kann. Damit beginnt der Mensch in einer „neuen Dimension der Wirklichkeit“ 9 zu leben, in der die Umwelt ihn nicht mehr unmittelbar reizt und kontrolliert, sondern in dem die Vorstellungen von den Dingen, ihr symbolischer Gehalt von entscheidendem Einfluss auf das Handeln ist. Der Mensch verliert also die Unmittelbarkeit zur Natur, das Merk- und Wirknetz. Anstelle dessen tritt das Symbolnetz, die symbolischen Formen, denn: „So sehr hat er sich (Anm. d. Verf.: der Mensch) mit sprachlichen Formen, künstlerischen Bildern, mythischen Symbolen
4 Sokrates zit. nach Cassirer: Versuch über den Menschen, S. 22
5 Cassirer: Versuch über den Menschen, S. 43
6 Vgl. Cassirer: Versuch über den Menschen, S. 43 ff.
7 Vgl. Cassirer: Versuch über den Menschen, S. 48
8 Cassirer: Versuch über den Menschen, S. 49
9 Cassirer: Versuch über den Menschen, S. 49
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Arbeit zitieren:
Kai Dreschmitt, 2011, Animal symbolicum oder Mängelwesen?, München, GRIN Verlag GmbH
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