Gliederung
1. Einleitung 2
2. Zur Bedeutung weiblicher Rede im Erec Hartmanns von Aue. 3
2.1 Exposition - gestörte Kommunikation in Karnant 4
2.2 Hartmann und die Dialektik von Reden und Schweigen in seiner
Zeit - Neubewertung des tugendhaften Schweigens ? 6
2.3 Ginover - die ideale Herrscherin als soziale Rolle 8
2.4 Körperliche Liebe und höfische Minne - ein Widerspruch? 9
2.5 Einen sûft nam si tiefe - Enites beredtes Schweigen in Karnant 10
2.6 Kommunikationsstrategien I: Zementierung der männlichen
Superiorit ät 13
2.6.1 Kommunikationsstrategien II Listiges Sprechen 17
2.6.2 Kommunikationsstrategien III: Verbale Manipulation 18
2.7 Revision - Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft 19
2.8 Die ideale Herrscherin - Hartmanns Frauenbild zwischen
Innovation und Restauration 20
3. Schluss 22
Literaturverzeichnis S. 24
1
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit möchte das Vorkommen einer typisch weiblichen Art der Kommunikation in Hartmanns von Aue Artusroman Erec untersuchen. Dabei wird das verbale Verhalten der Figur der Enite im Mittelpunkt stehen. Ausgehend von der die Handlung antreibenden Verligen-Szene, muss daher auch die Frage nach ihrer Teilschuld an Erecs Ehrverlust gestellt werden, die in der Forschung bereits kontrovers diskutiert wurde, möglicherweise aber trotzdem nicht final lösbar ist.
Damit verbunden wird zu untersuchen sein, inwiefern Hartmann sich auf Rede-und Schweigediskurse seiner Zeit bezieht und ob er diese repetiert oder variiert. Exemplarisch sei hier den Verhaltenskodex für Frauen genannt, wie er bei Thomasin von Zerklære, oder aber auch schon im alten Testament auftaucht, der die unterwürfige Schweigsamkeit der Frau zur Tugend erklärt. Zu untersuchen ist, inwieweit Hartmann diesen offensiv misogynen Vorgaben folgt. Oder ob er gar eine Umwertung der Geschlechterrollen vornimmt, hin zu einer Gleichrangigkeit in der Partnerschaft. Dabei wird genauer zu betrachten sein, wie Hartmann weibliches Reden gegenüber männlichem charakterisiert, ob er gar ein Modell einer genuin femininen Sprachkultur etabliert, die sich von der männlichen unterscheidet. Inwieweit stilisiert Hartmann Enite, als Vertreterin ihres Geschlechts, durch ihr kommunikatives Verhalten zu einer die Handlung lenkenden Person? Räumt er ihr sogar eine zentrale Rolle innerhalb der höfischen Hierarchie ein, wie Classen bemerkt?
[Hartmann] had developed a profound sensitivity regarding women’s role within courtly society and depicted them as key figures within their world responsible for the maintenance of the ideals of love, marriage, chivalric ethics, and religious morals. 1
Ausgehend von der Verligen-Szene, deren Tragik im fehlgeleiteten verbalen Austausch zwischen beiden Partnern besteht, soll zunächst Enites Verhalten vor der Hochzeit mit Erec betrachtet werden, da es sich besonders gut für einen Vergleich mit ihrem späteren Auftreten als Königin eignet. Auch ein Blick auf die Figur Ginovers, der idealen Herrscherin, soll dazu dienen, Enites kommunikatives Fehlverhalten in Karnant zu charakterisieren, die Frage ihrer Schuld zu klären.
1 Albrecht Classen: Woman speak up at the Medieval Court: Gender Roles and Public Influence in Hartmann von Aue’s ERec and Gottfried von Strassburg’s Tristan and Isolde. In: Ders.: The Power of a Womans’s Voice in Medieval and Early Modern Literature. Berlin (u.a): de Gruyter, 2007, S. 72.
2
Diesbezüglich ist auch das von Hartmann im Roman etablierte Ehe- und Minnemodell von Interesse. Welchen Stellenwert nimmt die körperliche Liebe am Artushof ein? Bezieht sich Hartmann auf den Topos des Evamotivs und ruft er somit die traditionelle Vorstellung von der Frau als ewige Verführerin auf? Daran anschließend sollen Enites sprachliche Äußerungen während der Aventiure genau betrachtet werden: welche rhetorischen Strategien benutzt sie, um Erecs und ihr Leben während ihrer Reise zu schützen? Wie bedeutend ist ihr Verhalten für den positiven Ausgang der Handlung? Ein Blick auf den Schluss des Romans soll schließlich klären, inwieweit Hartmann tatsächlich eine neue weibliche soziale Rolle geschaffen hat. Präsentiert der Autor in seinem Werk protofeministische Ansichten, oder transportiert sein Roman letztlich doch die stereotype Inferiorität der Frau?
Angesichts des Umfangs dieser Arbeit beschränkt sich der Vergleich mit Chrétiens des Troyes Vorlage Erec et Enide leider nur auf wenige Passagen, um exemplarisch die Verschiebung der Redeanteile von männlichen auf weibliche Protagonisten zu veranschaulichen. Ein genauer Vergleich aller Passagen, die in dieser Arbeit untersucht werden, ist zwar wünschenswert, muss jedoch ausbleiben.
Die Bedeutung der Thematik um Reden und Schweigen in Hartmanns Roman wurde in der Forschungsliteratur schon mehrfach thematisiert, Arbeiten, die sich intensiv an Enites Rolle abarbeiten sind jedoch weniger häufig vertreten, obwohl es nicht an feministischen Lesarten mittelalterlicher Literatur fehlt, die die Rolle der Frau in der mittelalterlichen Gesellschaf thematisieren. Der Gefahr der Verabsolutierung von misogynen Aussagen der Autoren, entgehen dabei jedoch nicht alle AutorInnen. Als relevant für diese Arbeit erwiesen sich vor allem Bussmanns Aufsatz über Sprache und Identität, sowie die Abhandlungen von McConeghy über weibliches Kommunniaktionsverhalten und Welz’ Überlegungen über das Geschehen in Karnant.
2. Zur Bedeutung von weiblichem Rede im Erec Hartmanns von Aue.
Das Seufzen Enites im Zuge des verligens des Paares auf Karnant gilt zweifelsohne als Auslöser für die folgenden Aventiure-Sequenzen im Erec. Im Gegensatz zur Handlungsstruktur des Märchens, das, wie Vladimir Propps
3
Untersuchung zur Morphologie des Märchens ergeben hat, mit der Vermählung des Paares und der Krönung des Helden endet, beginnt die Haupthandlung des Erec eigentlich erst an diesem Punkt. 2 Nach der Hochzeit des Paares kommt es zur entscheidenden Wende der Handlung. Erecs vorher vorbildliches, ritterliches und ehrenhaftes Verhalten verkehrt sich in sein Gegenteil, wie der6 Erzähler berichtet: Êrec was biderbe unde guot, ritterlîche stuont sî muot ê er wîp genæme und hin heim kæme: nû sô er heim komen ist, dô kêrte er allen sînen list an vrouwen Ênîten minne. ich vlizzen sîne sinne wie er alle sîne sache wante zuo gemache. (Erec, V. 2924-2933)
Erec konzentriert sich ganz auf die Ausübung der minne zu seiner Angetrauten und lebt ein hedonistisches, auf die Erfüllung seiner persönlichen Bedürfnisse konzentriertes Leben. 3 Dieser Rückzug ins Private hat weitreichende Folgen für Erec:
He not only neglects his chivalric duties in his pursuit of gemach, but all his professional, social and, as we shall see, his religious obligations. 4
In der Folge flieht alle Freude seinen Hof und sein vormals ehrenhafter Ruf verkehrt sich in Schande. 5 Bemerkenswert ist es, dass der Konsens an Erecs Hof dahingeht, seiner Gattin die Schuld für die Hinwendung zum gemache zu geben: si sprâchen alle: «wê der stunt daz uns mîn vrouwe ie wart kunt! des verdirbet unser herre.» Disiu rede geschach sô verre daz si die vrouwen ane kam. (Erec, V. 2996-3000)
2.1 Exposition - gestörte Kommunikation in Karnant
Diese Rede kommt bezeichnenderweise zuerst Enite zu Ohren, während Erec von all dem scheinbar unbehelligt bleibt. Dies lässt vermuten, dass Enites perzeptive
2 Vergleiche hierzu Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck, 2003 4 , S. 139.
3 Zweifelsohen wird mit dem verligen des Paares dessen leidenschaftliches erotisches Verhältnis angedeutet. Trotzdem meint Erecs Hinwendung zum gemache auch den allgemeinen Müßiggang, was in der Forschung oft zu gerne übersehen wird.
4 Silvia Ranawake Erec’s verligen and the Sin of Sloth. In: Timothy McFarland (u.a.) (Hrsg.): Hartmann von Aue. Changing Perspectives. London Hartmann Symposium 1985. Göppingen: Kümmerle, 1988, S.98-99. 5 Vgl. Erec, V. 2972-2990
4
Fähigkeiten trotz der Isolation des Paares von der Gesellschaft noch besser ausgeprägt sind, als die ihres Gatten, sie also obwohl sie selbst nicht kommuniziert oder handelt, zumindest die Signale ihrer Umwelt wahrnimmt. Ob und zu welchem Zeitpunkt Erec selbst auf die Anschuldigungen reagiert hätte bleibt daher unklar. Egozentrisch um das Erhalten des Status Quo besorgt, versäumt es Enite jedoch, ihren Mann über seinen prekären Status zu informieren: Êrecke engetorste siz niht klagen: si vorhte in dâ verliesen mite. (Erec, V.3011f.)
Erec wird mehr zufällig mit den Tatsachen vertraut, da Enite laut seufzt, während sie denkt, er schliefe in ihren Armen. Ihre Äußerung darf daher keinesfalls als ein freiwilliges Bekenntnis interpretiert werden. Sie will sich lediglich durch ihr lautes Seufzen Erleichterung verschaffen, ihre Aussage ist an keinen Adressaten gerichtet, sondern vielmehr laute Eigenrede. Dass sie zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung nicht die Absicht hatte, Erec von der Meinung des Hofes zu berichten, zeigt sich außerdem daran, dass Enite zunächst leugnet, etwas gesagt zu haben, als Erec insistiert, über die Situation aufgeklärt zu werden. 6 Erecs Reaktion auf Enites Bericht ist verwunderlich genug, besteht sie doch darin, Enites Erzählung zu unterbrechen und zum sofortigen Aufbruch der beiden zu drängen. 7 Darüber hinaus erteilt er Enite das für die Erzählung so maßgebliche Schweigegebot: Mit solher rede er ûz reit und gebôt sînem wîbe niuwan bî dem lîbe, der sch|nen vrouwen Ênîten, daz si muoste vür rîten, und verbôt ir dâ zestunt daz ze sprehhenne ir munt zer reise iht ûf kæme, swaz si vernæme oder swaz si gesæhe. 8
Im Gegensatz zu späteren arturischen Romanen ergibt sich hier die Besonderheit, dass der Held auf seiner Aventiure-Fahrt von seiner Gattin begleitet wird. Aber auch die ungewöhnlich harte Strafe, die Enite durch das Redeverbot bei Androhung des Todes, die spätere Aufhebung der Ehegemeinschaft mit ihrem Gatten durch die Separierung von Tisch und Bett, sowie des ihr aufgebürdeten Pferdedienstes, zuteil wird, verstören den Leser und haben zu den diversesten Interpretationen bezüglich Enites Mitschuld am Ehrverlust Erecs geführt. Die
6 Ebd., V. 3038.
7 Ebd. V. 3064-3066 .
8 Erec, V. 3093-3102.
5
Verunsicherung des Lesers wird hier dadurch ausgelöst, dass Erec sein Handeln in der Szene nicht hinreichend begründet, und, noch viel bedeutender, der Erzähler sich eines bewertenden Kommentars enthält, sondern lediglich berichtend das Handeln der Figuren wiedergibt:
Der erklärende Kommentar obliegt also ganz dem modernen Interpreten, und der steht oder stellt sich gemeinhin unter den - zumeist unausgesprochenen - Anspruch, den Hartmannschen Roman einer in sich stimmigen Gesamtdeutung zu unterziehen, die ihn als etwas Qualitäts- und Gehaltvolles, Hohes, Gültiges, Vorbildliches, kurzum als etwas klassisches erweist… 9
Hinsichtlich der Bestrafung Enites bieten sich in der Logik der Erzählung und mit Hinblick auf die zeitgenössischen Diskurse um Reden und Schweigen zwei potentielle Erklärungen an, die Erecs Reaktion begründen können. 1. Enite hat sich der Unterlassungssünde schuldig gemacht, indem sie Erec nicht über die Stimmung in seinem Reich informierte, ihre privaten Interessen über die der Gemeinheit gestellt und dadurch ihre Pflichten als Herrscherin an seiner Seite vernachlässigt.
2. Enite ist als Ehefrau „ein Status rechtlicher Nachgeordnetheit zugewiesen, eine Korrektur Erecs steht ihr nicht zu.“ 10
Um zu zeigen, dass Hartmann das herkömmliche Geschlechterverhältnis zwar nicht vollkommen revidiert, jedoch hin zu einer Gleichrangigkeit in der Partnerschaft modernisiert, erscheint es mir zunächst als sinnvoll, Enites (kommunikative) Entwicklung von ihrem Status als unverheiratete Jungfrau bis zum Verligen des Paares zu untersuchen.
2.2 Hartmann und die Dialektik von Reden und Schweigen in seiner Zeit -Neubewertung des tugendhaften Schweigens?
Joachim Bumke hat sich die Mühe gemacht, die Redeanteile von Erec und Enite in den einzelnen Teilen des Romans zu zählen und hat dabei eine erstaunliche Feststellung gemacht: Während der Anfangssequenz der Erzählung, bis zum Aufbruch vom Artushof äußert sich Enite nur in einem Vers in direkter Rede, und dies auch lediglich, um ihrem Vater gehorsam zu bezeugen. 11
9 Eva Willms: Ez was durch versuochen getân. Überlegungen zu Erecs und Enîtes Ausfahrt bei Hartmann von Aue. In: Orbis Litteratum 52 (1997), S. 61f.
10 Bruno Quast: Getriuwiu Wandelunge. Ehe und Minne in Harmanns ’Erec’. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und Literatur, 122 (1993), S. 171.
11 Vgl. Joachim Bumke: Der „Erec“ Hartmanns von der Aue. Eine Einführung. Berlin 2006, S. 120-123.
6
Arbeit zitieren:
Julia Linda Schulze, 2008, Zur Bedeutung weiblicher Rede im "Erec" Hartmanns von Aue, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: Zur Bedeutung weiblicher Rede im "Erec" Hartmanns von Aue ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: neuer Titel erschienen: Zur Bedeutung weiblicher Rede im "Erec" Hartmanns von Aue
Julia Linda Schulze hat einen neuen Text hochgeladen
Experimentelle und numerische Untersuchung des hygrothermischen Verhal...
Abschlussbericht
Stefan Winter, Claudia Fülle, Norman Werther
German Poetry from the Beginnings to 1750: Hartmann Von Aue, Wolfram V...
Ingrid Walsoe-Engel, Wolfram Von Eschenbach, George C. Schoolfield
0 Kommentare