Inhalt
1. Einleitung 1
2. Die Entstehung des Kinos 3
2.1 Die institutionelle Entwicklung 3
2.2 Die Entstehung des Films 5
3. Kafka und das Kino 10
3.1 Kafkas frühes Interesse am Kino 10
3.2 Kafkas leidenschaftliches Interesse am Kino von 1910-1914 13
3.3 Kafka und die Bedeutung des Kinos nach 1914 16
4. Filmische Schreibweise 18
4.1 Entstehung der filmischen Schreibweise 18
4.2 Der filmische Blick in Kafkas „Der Verschollene“ 19
4.3 Filmisches Schreiben in „Der Process“ 25
5. Zusammenfassung 30
6. Literaturverzeichnis 33
1. Einleitung
„Seine Texte sind darauf angelegt, dass nicht zwischen
ihnen und ihrem Opfer ein konstanter Abstand bleibt, sondern dass sie seine Affekte derart aufrühren, dass er fürchten muss, das Erzählte käme auf ihn los wie Lokomotiven aufs Publikum in der jüngsten, dreidimensionalen Filmtechnik.“ 1
Dieses Zitat von Theodor W. Adorno zeigt wie sehr Kafka seine Leser direkt mit seinen Texten konfrontieren wollte. Zudem spricht Adorno den Film „L´arrivée d´un train en gare de la Ciotat“ der Lumière Brüder an, der als erster dokumentarischer Beweis seiner Kinogänge in seinen Tagebucheinträgen vermerkt ist.
Die Beziehung Franz Kafkas mit den Anfängen des Kinos wirft in der Forschung viele Fragen auf. Auf der einen Seite vertritt Peter-André Alt die These, dass die zahlreichen Kinobesuche, die neuartigen Techniken eines Edwin Porter oder Giovanni Pastrone, Kafka in seinem Schreiben beeinflusst haben. Auf der anderen Seite gibt es Kritiker, wie Hanns Zischler, die davon überzeugt sind, dass Kafka die im Kino gesehenen Bilder aus seinen Texten fern halten wollte.
Der Referent will mit dieser Arbeit den Denkansatz von Peter-André Alt verfolgen und damit beweisen, dass ein filmisches Schreiben in den Werken von Franz Kafka vorhanden ist.
Vom Aufbau her besteht die Arbeit aus drei verschiedenen Teilen. In einer ersten Phase werden die institutionelle Entstehung des Kinos und die Anfänge des Films von 1886 bis 1915 thematisiert. Exakt in diesem Zeitraum spielt auch das Interesse von Franz Kafka am Kino eine zentrale Rolle. Hierbei geht es aber weniger darum die wichtigsten Filme zusammen mit den wichtigsten Produzenten chronologisch aufzuführen, sondern viel mehr um die Art und Weise wie die Filme
1 Theodor W. Adorno. Aus: »Aufzeichnungen zu Kafka«. In: 'Prismen'. München 1955
1
dieser Zeit produziert wurden. Angesichts der rasanten Entwicklung von neuen Filmtechniken werden die Anfänge des Films in Frankreich, Italien und den USA näher untersucht werden. Techniken wie das „overlapping“ (Überlappen) oder der Szenenwechsel werden im Mittelpunkt der Analyse stehen. Zweifelsfrei kommt es jedem Kinobesucher auch auf den Inhalt der gezeigten Filme an. Kafka hingegen, beschäftigte sich fast ausschließlich mit der Konzeption der Filme.
Der deutsche Film wird daher nicht thematisiert werden, weil es dem Verfasser primär um die Produktionstechniken geht und diese in Deutschland zur damaligen Zeit keine bedeutende Rolle spielten. Nach diesem einführenden Kapitel, wird der Referent sich mit der Frage auseinandersetzen, welche Rolle das Kino im Leben von Franz Kafka einnahm. Dabei wird der Frage nachgegangen wie und wann Kafka mit dem Kino in Berührung kam und wie sich dieses Interesse entwickelte. Abgeschlossen wird dieser Teil mit der Frage, warum seine Leidenschaft ab 1914 ein abruptes Ende nahm.
Kafka kam erst gegen 1907 in Prag mit dem Kino in Berührung und wurde fortan in den Bann dieses neuen Mediums gezogen. Sein leidenschaftliches Interesse bekundete er vor allem in etlichen Tagebucheinträgen, wobei er selbst eine nächtliche Autofahrt in München in Zusammenhang mit einem Kinobesuch brachte. In einer letzten Phase soll ein Einblick in die Entwicklung der filmischen Schreibweise gegeben werden. Mit der Entstehung des Films und infolge der neuen technischen Möglichkeiten der menschlichen Gesellschaft wurden zunehmend Werke verfasst, die Elemente und Strukturen einer Schreibweise für den Film enthielten.
Abschließend wird die filmische Schreibweise bei Franz Kafka Grundlage der Analyse sein. Der Verfasser wird sich dabei auf zwei zentrale Werke Kafkas stützen. Sowohl „Der Verschollene“, der zwischen 1911 und 1914 entstand, als auch „Der Process“, den Kafka von 1914 bis 1915
2
niederschrieb, enthalten grundlegende Elemente filmischen Schreibens. Anhand von verschiedenen Textstellen aus den angesprochenen Werken wird verdeutlicht, wie ausgeklügelt die Schreibweise bei Franz Kafka war um dem Inhalt eine filmische Struktur zu verleihen. In der Schlussfolgerung werden die einzelnen Ergebnisse der Arbeit zusammengeführt und analysiert. Dabei soll die Position des Verfassers, dass in einzelnen Werken Kafkas Elemente einer filmischen Schreibweise zu finden sind, nochmals bestärkt werden.
2. Die Entstehung des Kinos
2.1 Die institutionelle Entwicklung
Vor kurzer Zeit fand die 83. Verleihung des „Academy Awards“ in Los Angeles statt. Vor allem „The King´s Speech“ vom britischen Regisseur Tom Hooper, der insgesamt 4 Oscars gewann, überzeugte die Kritiker in den USA. Heutzutage kann man sich ein Leben ohne Kinobesuche nicht mehr vorstellen. Die Institution Kino hat sich im kulturellen Alltagsleben unserer Gesellschaft fest verankert und versucht mit immer neuen Technologien, wie zum Beispiel 3D Filmen, diese Position zu wahren. Das Streben nach einem neuen Medium im 19. Jahrhundert war vor allem ein Vorhaben sich gegen die „literale Kultur“ 2 zu wehren. Kinovorführungen in großen Sälen, wie wir sie heute kennen, gab es um 1900 noch nicht. Es waren vielmehr kleine Wanderkinos, die vor allem auf den großen Jahrmärkten anwesend waren und ein breites Varietee-Programm anboten, die die Aufmerksamkeit der Besucher erregen sollten.
Auch knapp 100 Jahre nach der Entstehung der ersten Wanderkinos, wurde im Jahr 2007 auf der alljährlichen Schobermesse in Luxemburg mit der „Crazy Cinematographe“ eine Einrichtung ins Leben gerufen, die den Besuchern das Gefühl eines Kinobesuchs um 1900 vermitteln soll.
2 Werner Faulstich, Filmgeschichte, Paderborn 2005, S.17
3
Das Interesse an der Entwicklung am frühen Kino hat also bis heute nicht abgenommen.
Durch die besonders große Anzahl an Filmproduktionen ab 1900, entschloss man sich kleinere Läden zu sogenannten „Kintöppen“ umzubauen, um den Besuchern dort gegen Eintritt Filme vorzuführen. Solche Vorführungssäle waren keinesfalls bequem und oft waren sie nur mit dem Nötigsten eingerichtet.
„Noch hatten Kintöppe kein eigenes architektonisches
Gesicht, allein mit der überdimensionalen Reklame, machten sie die Passanten auf sich aufmerksam.“ 3
Erst ab 1908 entstanden in Europa und Amerika prächtige Einrichtungen, die wir heute als Kino bezeichnen würden. L´Estrange Fawcett (1847-1929), ein britischer Filmproduzent und Filmhistoriker, beschrieb einen New Yorker Kinopalast wie folgt:
„Schon das Vestibül ist sehenswert. Die
Raumverschwendung einer Kathedrale vereinigt sich dort mit der strahlenden Pracht überladener Ornamentik, was aber den Massen gefällt und sie anlockt. Betreten wir einmal an einem heißen Sommernachmittag nach Geschäftsschluss einen New-Yorker Kinopalast. Die überhitzte Atmosphäre, der Staub und der Trubel der hauptstädtischen Straßen sind unerträglich; wie matte Fliegen schleppen sich die Leute durch den glühenden Hexenkessel - da reißt ein prächtig uniformierter Portier die doppelten Flügeltüren des Lichtspieltheaters auf, und wenn wir eintreten, fühlen wir uns in eine schönere Welt versetzt.“ 4
Durch prunkvolle Bauten und durch den Unterhaltungswert der Filme konnten die Kinopaläste massenhaft Besucher anlocken. Dem Erfolg des neuen Mediums stand nun nichts mehr im Wege.
3 Karl Prümm, Die Stadt ist der Film…Film und Metropole in den zwanziger Jahren am Exempel Berlin. In:
Alter, Metropolen, S.111-130
4 L'Estrange Fawcett, Die Welt des Films, Wien 1928, S. 81
4
2.2 Die Entstehung des Films
Anders als für die Literatur oder für das Theater gibt es für die Geburt des Kinos eine bestimmte Datierung. Am 28. Dezember 1895 waren es Auguste und Louis Lumiére, die in Paris erstmals öffentlich einen Film vorführten. Mit dem Originaltitel „L´arrivée d´un train en gare de la Ciotat“ (Die Ankunft des Zuges am Bahnhof von Ciotat) versetzten die französischen Filmemacher die Massen in Staunen. Es waren einfache Filme aus dem alltäglichen Leben, die von nun an auf der Leinwand gezeigt wurden. Andere bekannte Werke der Gebrüder Lumière waren „Der begossene Gärtner“ oder der Klassiker „Arbeiter verlassen die Lumière Werke“.
In den ersten Jahren in denen das Kino sich langsam aber sicher in der Gesellschaft etablierte konnte man feststellen, dass das Interesse und die Neugier am neuen Medium im Vordergrund stand. Der Inhalt der gezeigten Kurzfilme spielte anfangs keine bedeutende Rolle. Schon sehr früh erkannten verschiedene Unternehmen das enorme Entwicklungspotenzial des Kinos. Der französische Filmregisseur Georges Méliès gründete 1896 seine eigene Produktionsfirma unter dem Namen „Star-Film“. Méliès wendete sich jedoch von den gezeigten Filmen der Lumière Brüder ab. „Er begriff, dass der Film mehr bieten müsse als die kunstlosen Streifen der Lumières, um das Schaubedürfnis der Massen zu befriedigen.“ 5 Vor allem war es die Technik der Illusion von der er Gebrauch machte. Es entstanden hauptsächlich Märchenfilme in denen Méliès zum Beispiel die Technik eines unsichtbaren Seils anwendete. Die Zuschauer selbst hatten das Gefühl schwebende Figuren zu beobachten. Etwa 500 Filme produzierte der französische Regisseur selbst, jedoch kann man auch hier nicht von einem neuartigen Stil sprechen. Die Filme der Anfangszeit orientierten sich nämlich noch sehr nah an Theateraufführungen.
5 Ulrich Gregor/Enno Patalas, Geschichte des Films 1895-1939, Reinbek bei Hamburg 1976, S.14
5
Arbeit zitieren:
Dany Scholten, 2011, Kafka und das Kino, München, GRIN Verlag GmbH
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