Überall stoßen wir auf vielfältige, sich oft direkt widersprechende Formen der Verteilung der Geschlechterrollen. Aber wir finden immer die Verteilung. Margaret Mead, 1949
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Theoretischer Zugang 2
1. Warum Männlichkeiten? 2
2. Was bedeutet Verunsicherung? 5
3. Was sind Ursachen der Verunsicherung? 5
3.1 Der Wandel der Geschlechterverhältnisse im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche 5
3.2 Der Wandel auf dem Arbeitsmarkt - vier Dilemmata 7
3.3 Der psychoanalytische Ansatz und der entwicklungsbiologische Ansatz - Abgrenzung zur
Weiblichkeit und Entwertung dieser 9
4. Warum problematisierte Jungen und Männer? 11
4.1 Gesundheitliche Probleme 13
4.2 Schulische Probleme 14
4.3 Psychosoziale Probleme 16
5. Was lässt sich daraus schließen? 18
III. Empirischer Zugang 20
1. Der Untersuchungsansatz 20
2. Der Forschungsprozess 20
IV. Ergebnisdarstellung 22
1. Themen der Jungen 22
2. Mögliche Ursachen für Probleme der Jungen 25
3. Männlichkeit als mögliche Ursache 28
4. Herausforderungen für die Jungenarbeit 34
5. Krise 34
V. Zusammenfassung 36
VI. Fazit und Ausblick 43
VII. Anhang 45
1. Quellenverzeichnis 46
2. Interviewleitfaden 54
3. Notationssystem zur Transkription 56
I. Einleitung
In der Genderforschung wurde den Frauenthemen viel Raum gegeben, auch in Gesellschaft und Politik sind Debatten über Gewalt an Frauen, Lohnungleichheit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Barrieren auf dem Arbeitsmarkt ‚en vogue‘. Die Männerthemen standen daher bis in die späten 80er Jahre im Schatten der Frauenbewegung, sie waren nicht ganz so breit aufgestellt und wurden sehr eindimensional diskutiert. Deutlich wird die Einseitigkeit daran, dass aus den Frauenthemen immer dann Männerthemen entstanden, wenn nach den Ursachen für (z.B. finanzielle) Ungleichheit gefragt wurde. Männer wurden dann als das hegemoniale, privilegierte Geschlecht dargestellt (vgl. Connell 2006: 13; vgl. Voigt-Kehlenbeck 2005: 117ff.). Im Kontrast hierzu finden sich aber seit etwa zwei Dekaden und besonders in den letzten Jahren Bewegungen in diesem Feld, die sich aus obiger Darstellung lösen und den Kontrast zwischen „kollektiver Privilegiertheit“ auf der einen Seite und „persönlicher Unsicherheit“ der Männer auf der anderen Seite in den Bick nehmen (Connell 2006: 13; vgl. Voigt-Kehlenbeck 2005: 117ff.). In diesem Rahmen bewegt sich auch die vorliegende Arbeit. Es soll nicht Ziel dieser Arbeit sein, die hegemoniale Position der Männer heraufzubeschwören und anzuprangern und ebenso wenig, die Krise der Jungen und Männer auszurufen. Beide Darstellungen bilden meiner Meinung nach die Wirklichkeit nicht ab und es bedarf stattdessen einer integrierenden Perspektive, die beide Blickwinkel nutzt um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten.
Wie im Titel bereits angedeutet, werde ich mich sowohl mit der Verunsicherung als auch mit den Problemen von Jungen und Männer beschäftigen. Das Thema deutet vielleicht auf den ersten Blick an, dass ich mich den ‚Männlichkeiten‘ aus der defizitorientierten Perspektive nähern werde, jedoch ist dies sozusagen ‚Mittel zum Zweck‘. Ich möchte vielmehr aufzeigen, wie wichtig der gendertheoretische Blick für die Arbeit mit Jungen (und Mädchen) ist, da Probleme die insbesondere Jungen mit in sozialpädagogische Institutionen bringen, immer auch vor dem Hintergrund ihrer Männlichkeiten betrachtet werden sollten. Um die Bedeutung dieses gendersensiblen Blickes zu unterstreichen, werde ich in der vorliegenden Arbeit einen meiner Ansicht nach zentralen Aspekt exemplarisch herausgreifen und untersuchen, inwieweit die Themen/Probleme von Jungen und Männern in Zusammenhang mit ihrer Geschlechtlichkeit stehen. Meine These ist hierbei, dass Jungen und Männer auf-grund der mit der Kategorie Geschlecht verbundenen Anforderungen, Bildern, Verhaltensweisen, Sozialisationsbedingungen etc. jungen- und männerspezifische Verunsicherungen erleben, die jungen- und männerspezifischen Probleme verursachen.
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Schwerpunkt des ersten Teils dieser Arbeit wird die Erläuterung der im Titel verwendeten Begriffe sein: Davon ausgehend werde ich die Bedeutung von ‚Männlichkeiten‘, ‚Verunsicherungen‘ und ‚Problematisierungen‘ im Kontext der wissenschaftlichen Debatte erläutern. Ich werde die Darstellung des Forschungsstandes aus dem ersten Teil der Arbeit im zweiten Teil erweitern um die Perspektive eines ‚Praktikers‘. Ich befragte hierzu einen Mitarbeiter von Jungen im Blick Stuttgart, einer Beratungsstelle für Jungen, zu seiner Sichtweise auf meine Fragestellung und hinsichtlich seiner Erfahrungen in der Beratungsstelle. Da im Rahmen dieser Arbeit nur ein Interview geführt werden konnte, hat dieses somit nur veranschaulichenden Charakter der im ersten Teil der vorliegenden Arbeit ausgeführten Analyse. Anzumerken ist ferner, dass ich im Folgenden nicht ausschließlich von Jungen sondern auch von Männern sprechen werde. Dies ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass sich die Themen/Strategien oder Lebenswelten der Jungen mit denen der Männer (also erwachsenen Jungen) überschneiden und ist zum anderen dadurch begründet, dass sich die Literatur des Öfteren ausschließlich auf den Terminus ‚Männer‘ bezieht.
II. Theoretischer Zugang
Im folgenden Kapitel möchte ich das Thema aus theoretischer Perspektive umreißen. Dabei werden nacheinander die zentralen Begriffe der Thematik aufgegriffen um sich der Diskussi- onum die ‚Verunsicherungen von Männlichkeiten‘ in der Männerforschung zu nähern. Zum einen muss geklärt werden, warum von Männlichkeiten im Plural gesprochen wird und was mit Verunsicherung gemeint ist. Zum anderen muss untersucht werden, was diesen Verunsicherungen ursächlich zugrunde liegen könnte. Schließlich werden jungen- und männerspezifischen Probleme gesammelt und daraufhin beleuchtet, inwieweit sie Folgen ‚verunsicherter Männlichkeiten‘ darstellen.
1. Warum Männlichkeiten?
Nach Jürgen Budde ist Männlichkeit nicht als einheitliche Konstruktion zu betrachten (vgl. Budde 2005: 29). Vielmehr gibt es - darüber ist sich die Männerforschung einig - eine Vielfalt an Männlichkeiten. Ich möchte hier drei Argumentationslinien vorstellen, die dies belegen.
Zum einen wird argumentiert, dass sich die Lebenswelten von Männern individuell unterscheiden. Jungen und Männer gestalten ihre Männlichkeit im Spannungsfeld ihrer Lebenswelt (vgl. Krall 2005: 7). Auch Pierre Bourdieu und Raewyn Connell beschreiben einen Zusammenhang der unterschiedlichen Lebenswelten und Milieus der Männer und Jungen mit unter-
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schiedlichen Identitäten und Habitusformen. Männer praktizieren demnach die Form von Männlichkeit, die dem jeweiligen sozialen Kontext angemessen ist und pflegen somit verschiedene geschlechtliche Habitus (vgl. Brandes 2002: 115f.): „Die Konstruktion einer Arbei- ter-Männlichkeitin den Fabriken unterliegt anderen Bedingungen und Dynamiken als die Konstruktion einer Mittelklassen-Männlichkeit in einem klimatisierten Büro“, so Connell (2006: 55). Michael Meuser beleuchtete in seiner qualitativen Studie die Deutungsmuster von Männlichkeit und fand milieu-abhängige Unterschiede männlicher Orientierungen (vgl. Meuser 2006: 310ff.).
Zweitens ist zu berücksichtigen, dass Geschlecht immer auch sozial konstruiert ist, das heißt in Aushandlungsprozessen, in Interaktion zwischen Menschen entsteht und institutionalisiert wird. Der konstruktivistische Ansatz 1 in der Geschlechterforschung, der die rollentheoretische Konzeption ablöste, führte zu einer Veränderung der Begrifflichkeit: „Der Plural ersetzt den Singular, an die Stelle einer einheitlichen Männlichkeit treten multiple Männlichkeiten. Mannsein wird als kontingent konzipiert“ (Meuser 2006: 92). Und Connell erklärt, „dass das soziale Geschlecht nicht von vornherein festgelegt ist, sondern erst durch soziale Interaktion entsteht, ist ein wichtiger Aspekt der modernen Soziologie vom sozialen Geschlecht“ (ebd. 2006: 54). Männlichkeit ist demzufolge eine Konfiguration von Geschlechterpraxis, wobei Connell hierbei das Prozesshafte betont und diese Prozesse der konfigurierenden Praxis als „Geschlechterprojekte“ versteht (vgl. ebd. 2006: 92).
Sowohl gesellschaftliche, milieuabhängige Zuschreibungen von Männlichkeiten als auch die eigene soziale Praxis bilden folglich den geschlechtlichen Habitus aus. „Der Habitus stellt eine Vermittlungsinstanz zwischen gesellschaftlichen Strukturen und der subjektiven oder kollektiven sozialen Praxis dar“ (Budde/Mammes 2009: 17f.) und dient somit als eine Art Orientierungssinn, der situationsangemessenes Verhalten ermöglicht (vgl. ebd.). Der Habitus wird, so Bourdieu, „zutiefst von der Geschlechtssozialisation beeinflusst“ (Bourdieu 1997: 224). Somit repräsentiert der Habitus nicht nur eine soziale Position im gesellschaftlichen Gefüge, sondern bezieht sich auch auf die jeweilige Form von Männlichkeit, die dem sozialen Gefüge entspricht. Grob vereinfacht kann man formulieren, dass ein Chefarzt demnach eher eine Form von Männlichkeit repräsentiert, die der der Oberklasse entspricht, ein Koch in der Klinikküche eher eine, die im proletarischen Milieu vorherrscht. Connell unterteilt in diesem Kontext hegemoniale, also dominierende, unterordnende, komplizenhafte und marginalisierte Männlichkeitsformen (vgl. Connell 2006: 97ff.).
1 Herstellung der sozialen Gegebenheiten durch Interaktion: „Soziale Tatbestände sind danach nicht einfach
‚gegeben‘, sondern sie sind [vom Menschen, N.H.] erzeugt“ (Fuchs-Heinritz 2011: 367f.).
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Der männliche Habitus wird aber nicht nur in sozialen Interaktionen oder innerhalb unterschiedlicher Milieus verschieden hergestellt, sondern unterliegt, so die dritte Argumentationslinie, einem gesellschafts-historischen Wandel. Die gesellschaftlichen Konzepte von Männlichkeit wandeln sich demnach in den westlichen Industrienationen und müssen neu ausge-handelt werden. „Hegemoniale Männlichkeit“ 2 scheint die Attraktivität als Orientierungsmodell verloren zu haben und die sie tragenden Institutionen, wie die Armee, die Kirchen oder die großen Wirtschaftsunternehmen, scheinen an einem Legitimitätsverlust zu leiden (vgl. Brandes/Bulliger 1998: 37ff.). Ingelore Mammes bestätigt dieses Bild: Ihres Erachtens lassen die Transformationen in der Geschlechterordnung das Bild vom Alleinernährer oder der Vorstellung, der Mann müsste einen höheren Bildungsabschluss vorweisen als die Frau, verblassen (vgl. Mammes 2009: 16). Die Orientierung an tradierten Vorstellungen lässt sich in weiten Teilen der Gesellschaft nicht halten, in Folge der Modernisierung lösen sich die alten, traditionellen Männlichkeitsbilder auf (vgl. Winter/Neubauer 2001: 30). Somit ergibt sich in der Moderne 3 eine „Vielfalt des Mannseins“ als Kontrast zur „Einfalt traditionell reduzierter Männlichkeit“ (ebd.). Winter und Neubauer umreißen drei Ebenen dieser Vielfalt. Zum einen die bereits erwähnte Tatsache, dass Männlichkeiten situativ hergestellt werden und sich somit unterscheiden. Zum zweiten stellen sie fest, dass sich das Bild von Männlichkeit auch im biografischen Verlauf wandelt und drittens ergeben sich Unterschiede in den Definitionen von Männlichkeit einfach aus den Unterschieden zwischen den Männern (vgl. ebd.: 31). Auch Connell beschreibt, dass Männlichkeit im modernen Gebrauch als individuelles Konzept angesehen wird (vgl. Connell 2006: 87). Weiterhin beschreibt sie das Konzept „Männlichkeit“ als relationales und dynamisches Modell. Relational, weil es in einem Kontrast zur Weiblichkeit entsteht (vgl. Connell 2006: 88) und dynamisch, weil es kein starres Gebilde ist (vgl. ebd.: 97).
Diese Vielfalt ist zum einen eine Chance, zum anderen birgt sie aber auch Unsicherheiten: Wie sieht der moderne Mann aus? Woran kann „Mann“ sich orientieren? Es scheint eine spannende Herausforderung zu sein, seine eigene männliche Identität in diesen Spannungsfeldern traditioneller und moderner Männlichkeit zu suchen und zu finden. Dieser Prozess kann aber auch von Verunsicherungen begleitet sein und zu Problemen führen, was ich in den folgenden Kapiteln näher beleuchten möchte.
2 Das Konzept der Hegemonie „bezieht sich auf die gesellschaftliche Dynamik, mit welcher eine Gruppe eine
Führungsposition im gesellschaftlichen Leben einnimmt und aufrechterhält“ (Connell 2006: 98). Hegemoniale
Männlichkeit beschreibt die kulturell herausgehobene Form von Männlichkeit an der Spitze einer Hierarchie von
Männlichkeiten (Wedgwood/Connell 2010: 116) und somit die Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis,
welche die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet und somit das Patriarchat
verkörpert (vgl. Connell 2006: 98).
3 ‚Modern‘ wird hier verwendet im Sinne von ‚zeitgenössisch‘.
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2. Was bedeutet Verunsicherung?
Die These von der jungen- oder männerspezifischen Verunsicherung wird im Diskurs der Männerforschung unter vielen Facetten beleuchtet. Wie in jedem Diskurs finden sich hier stimmige und weniger stimmige Modelle, die versuchen die Verunsicherung herzuleiten und greifbar zu machen. Auch in Hinblick auf die Ergebnisse des Experteninterviews im zweiten Teil dieser Arbeit, wird der vorliegenden Arbeit das Konzept der Verunsicherung zugrunde gelegt, welches auf der Furcht fußt, aus der männlichen Geschlechternormalität herauszufallen. Holger Brandes folgert Basis seiner empirischen Studien in Männergruppen, eine basale Angst des Mannes sei, „mit seinen individuellen Eigenarten aus dem sozialen Muster von Männlichkeit herauszufallen und als weiblich klassifiziert zu werden“ (Brandes 2001: 89). Winter und Neubauer stellen fest, dass die „Integrationsperspektive“, das Dazugehören zur Gruppe der Peers, das wichtigste für Jungen sei. „Männlichkeitsvorgaben“ oder die Ausei-nandersetzung mit „Männlichkeitsvorstellungen“ spielten noch keine bewusste Rolle (vgl. Winter/Neubauer 2001: 28). Erweitert man diese empirischen Beobachtungen jedoch um die Theorie Pierre Bourdieus, so zeigt sich, dass es beim „Normalsein“ im Kreis der Peers durch- ausauch eine geschlechtsbezogene Komponente gibt. Der sozialstrukturelle Habitus ist immer auch verschränkt mit der Dimension Geschlecht (vgl. Bourdieu 1997: 225), es geht also nie nur um das ‚normale Menschsein‘, sondern immer auch um das ‚normale Jungesein und Mannsein‘.
3. Was sind Ursachen der Verunsicherung?
Sucht man nach Ursachen dieser Verunsicherung so lassen sich fünf Erklärungsansätze unterscheiden. Diese beziehen sich I. auf den Wandel der Geschlechterverhältnisse, der eng einhergeht mit dem (II.) Wandel in modernen Gesellschaften, III. auf den Wandel des Arbeitsmarktes (ebenso eine Folgeerscheinung des gesamtgesellschaftlichen Wandels), IV. auf psychoanalytische Überlegungen zum Aufwachsen von Jungen und V. auf entwicklungsbiologische Ursachen. Im Folgenden sollen diese Ansätze jeweils gesondert beleuchtet werden, wobei ich die beiden erstgenannten und die beiden letztgenannten Ansätze aufgrund ihrer engen Verschränkung jeweils zusammengefasst betrachten werde.
3.1 Der Wandel der Geschlechterverhältnisse im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche Da Männlichkeit, wie bereits erläutert, „in allen Facetten des Lebens zum Ausdruck kommt, in der Berufstätigkeit, im Familienleben, in der Freizeitorientierung, im Umgang mit dem eigenen Körper etc., wird sie von Brüchen in diesen Lebensbereichen notwendig tangiert“
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(Brandes 2002: 130). Der gesellschaftliche Wandel stellt neue Herausforderungen an den modernen Menschen und somit auch den modernen Mann. Die „Bewältigung des Mannseins“ (Strenz 2009: 18) gestaltet sich in postindustriellen Gesellschaften zunehmend schwieriger, da die Individualisierung und Pluralisierung von Lebensentwürfen die Wahlmöglichkeiten für den einzelnen erweitern und mit dieser Offenheit auch Risiken einhergehen. Männer stehen vor der Aufgabe, ihre eigene, ganz individuelle Männlichkeit auszubilden (vgl. ebd.). Diese Darstellung geht zurück auf Ulrich Beck: „Individualisierung bedeutet in diesem Sinne, dass die Biografie der Menschen aus vorgegebenen Fixierungen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Handeln jedes einzelnen gelegt wird“ (Beck 1986: 216). Die sozial vorgegebene entscheidungsverschlossene Biografie werde abgelöst von der selbst hergestellten und herzustellenden Biografie (vgl. ebd.). Dieser „Zentralvorgang in der gegenwärtigen modernen Gesellschaft“ (Fuchs-Heinritz 2011: 299) und die damit einhergehende Freisetzung ist begleitet von Verlusten (vgl. ebd.). So kann zum Beispiel die Identität „nicht mehr schlüssig als widerspruchsfreie Einheit konzipiert [werden, N.H.], sondern muss als spannungsreicher Prozess verstanden werden“ (Meuser 2005: 104) um eine Balance zwischen zum Teil entgegengesetzten Erwartungen zu finden (vgl. ebd.). Nach Möller liegt das Hauptproblem für die Jungen bei der Gestaltung einer geschlechtsspezifischen Identität darin, dass die „herkömmlichen männlichen Geschlechtsstereotype in einer sich stetig modernisie- rendenGesellschaft dysfunktional werden“ und zwar ohne dass dabei neue Perspektiven ge- neriert werden,wie der „neue“ Mann zu sein habe (vgl. Möller 2005: 92). Auch Winter und Neubauer beschreiben die Auflösung traditioneller Männlichkeitsbilder infolge von Modernisierungsprozessen und weisen wie Meuser auf fehlende Alternativansätze zu neuen Männlichkeitsbildern hin (vgl. Winter/Neubauer 2001: 29). Lothar Böhnisch und Holger Strenz legten der von ihnen durchgeführten Sächsischen Männerstudie ebenso die Hypothese zu-grunde, dass die Aberkennung traditioneller Rollenvorgaben ohne Formulierung neuer Orientierungen zu Verunsicherung und Verwirrung der Jungen und Männer führt und infolgedessen Lebensbewältigungsprobleme auftreten (vgl. Strenz 2009: 4).
Bereswill und Ehlert gehen noch einen Schritt weiter. Ihre Überlegungen schließen sich den obigen an wenn sie feststellen, „dass die kulturellen Codierungen von Weiblichkeit und Männlichkeit an Bedeutung verloren hätten, die Geschlechterbeziehungen einem starken Wandel unterlägen und die eindeutigen Zuschreibungen von Geschlechterdifferenz brüchig geworden seien“ (Bereswill/Ehlert 2010: 149). Jedoch führe dies nicht einfach zu Orientierungslosigkeit, sondern im Gegenteil zur Reproduktion dieser alten Geschlechterhierarchien und sozialen Ungleichheiten (vgl. ebd.). Hier eröffnet sich ein Konflikt: Einerseits wird die
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Geschlechtertradition hinterfragt, andererseits lässt sich aber beobachten, dass ein „Großteil der Menschen täglich diese Geschlechterrollen nach wie vor unreflektiert herstellt“ (Strenz 2009: 18f.). Die hegemoniale Konstruktion von Männlichkeit ist zwar gesellschaftlich nicht länger zu legitimieren, jedoch scheint der Rückgriff auf sie fast notwendig, um einer Orientierungslosigkeit zu entgehen. Dieses Dilemma gelte es nun zu bewältigen (vgl. Strenz 2009: 19). Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Transformation tradierter Geschlechterrollen auch homosoziale Männerräume auflöst (vgl. Meuser 2005: 105). Frauen haben in den letzten Jahrzehnten Einzug in vormals reine Männerräume gehalten, sie sind vertreten in Sportvereinen, in Chefetagen der Wirtschaft, in der Bundespolitik, im Militär, am Stammtisch und selbst in männerbündisch ausgerichteten Clubs, wie dem Rotary-Club (vgl. Meuser 2002: 10/16). Für Jungen und Männer bietet die homosoziale Gemeinschaft einen Raum „für die Reproduktion des männlichen Habitus“ (ebd.: 4), in welchen „sich Männer wechselseitig der Normalität und Angemessenheit der eigenen Weltsicht und des eigenen Gesellschaftsverständnisses ver- gewissernkönnen“ (ebd.: 8). Dies geschieht natürlich nicht bewusst, denn explizit thematisiert wird Geschlechtlichkeit nicht (vgl. ebd.). Vielmehr pflegen junge Männer in homosozialen Gemeinschaften Männlichkeitsrituale, die eine hegemoniale Orientierung aufweisen (vgl. ebd.: 11). Homosoziale Gemeinschaften bieten „ihren Mitgliedern unter anderem die Mög- lichkeit,tradierte Bilder männlicher Hegemonie aufrechtzuerhalten auch gegenüber Irritationen, wie sie durch die Umbrüche im Geschlechterverhältnis erzeugt werden“ (ebd.: 12). Fehle diese „habituelle Sicherheit“, so könnten auch Verunsicherungen nicht aufgefangen werden, welche durch den Wandel der Geschlechterverhältnisse induziert würden (vgl. ebd.: 4).
3.2 Der Wandel auf dem Arbeitsmarkt - vier Dilemmata
Ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist die Erwerbsarbeit. Ulrich Beck bezeichnet diese als „Achse der Lebensführung“ (Beck 1986: 220) wobei Arbeit eng mit der Identität verknüpft ist: „Ich bin was ich beruflich bin“ (Gesterkamp 2007: 13). Im Besonderen gilt das für den männlichen Lebensentwurf, der sich sehr an äußeren Werten, wie Erfolg, Geld, Status und Statussymbolen orientiert (vgl. Hollstein 2007: 42). Die Erwerbsarbeit bildet einen wichtigen Eckpfeiler männlicher Identität, besonders vor dem Hintergrund sich wandelnder Geschlechter- und Gesellschaftsverhältnisse (vgl. ebd.; vgl. Gesterkamp 2007: 14; siehe vorheriges Kapitel). Blickt man auf Studien zu männlichen Orientierungen, die unter- suchten„welcher Lebensbereich das strukturgebende Zentrum männlicher Identitätsbildung ist“ so zeichnet sich ab: „Wenn es ein Zentrum des männlichen Selbst gibt, dann sind es - und dies nahezu ungebrochen - der Beruf und die Erwerbsarbeit“ (Meuser 2005: 104). Böhnisch
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und Winter bestätigen dies in Bezug auf die Biografie, die insbesondere für Männer traditionell eine Erwerbsbiografie sei (vgl. Böhnisch/Winter 1994: 138). Die beiden Autoren nehmen eine enge Verknüpfung von Geschlechtsidentität und erwerbsbiografischer Identität bei Männern an und sehen diese These durch empirische Ergebnisse untermauert (vgl. ebd.: 138). Diese enge Verzahnung von Erwerbsarbeit und männlicher Identität kann nun in viererlei Hinsicht problematisch werden. Das erste Dilemma speist sich daraus, dass nur ein kleiner Teil der Männer die oberen Stufen der Erfolgsleiter erklimmen kann, der Wert als Mann aber durchaus vom erworbenen Status abhängt. Somit erreicht nur ein kleiner Prozentsatz eine lebensweltliche Übereinstimmung mit den Standards hegemonialer Männlichkeit. Die Mehrheit der Männer kann dem Idealbild von Karriere und Erfolg hingegen gar nicht gerecht werden und das führt zu Stress (vgl. Hollstein 2007: 43). Das zweite Dilemma ergibt sich aus der zunehmenden Öffnung der Arbeitswelt für Frauen und der Aufwertung der mit Weiblichkeit assoziierten Kompetenzen, wie Teamarbeit, Kommunikationsfähigkeit, Netzwerkarbeit oder Kreativität (vgl. Böhnisch/Winter 1994: 142). Männer sehen sich nicht mehr nur im Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze mit Frauen konfrontiert, sondern müssen sich darüber hinaus aktiv mit den ‚neuen‘, ‚weiblichen‘ Kompetenzerwartungen auseinandersetzen (vgl. ebd.). Aus der zunehmenden Erwerbsarbeit der Frauen tut sich ein drittes Dilemma auf: Der Mann ist nicht mehr der Alleinernährer, die Frauen sind nicht mehr auf den Partner als ‚finanziellen Fürsorger“ angewiesen und somit unabhängiger. „Kein Mann [kann, N.H.] mehr mit dem herkömmlichen Muster rechnen, sich aufgrund ökonomischen Drucks durchzusetzen“ (Brandes/Bullinger 1996: 47). Zusätzlich zu diesem Machtverlust im häuslichen Bereich wird auch „der funktional[e] Kern männlichen Selbstverständnisses“ angegriffen (Böhnisch/Winter 1996: 137). Der positive Stabilisator der männlichen Ernährerrolle fällt zunehmend weg und wird reduziert auf die Hoffnung „im Zweifelsfall für die Familie sorgen zu können“ (ebd.). Ein letztes Dilemma lässt sich finden, wenn man auf die Veränderungen der Strukturen des Arbeitsmarktes blickt. Die Aushöhlung des Normalarbeitsverhältnisses in Form von Teilzeitarbeit, Mini-Jobs, Zeitarbeit, flexiblen Lohnverhältnissen oder befristeter Beschäftigung schürt Verunsicherung und Angst vor zukünftiger Arbeitslosigkeit, prekären Lebenslagen und Sorgen um die Existenzsicherung (vgl. Schilcher 2010: Vorlesung 6 Folie 7). Dies hat auch Auswirkungen auf die Jungen: Heiner Keupp stellt in diesem Zusammenhang fest, dass die Hoffnung auf einen Platz in der Gesellschaft, den man traditionell über die Erwerbsarbeit zuerkannt bekommt, unter jungen Erwachsenen abnimmt (vgl. Keupp 2008: 113). Aufgrund der Ergebnisse von Keupps Pilotstudie über die ersten zehn Nachwendejahre wird deutlich, dass Arbeit wieder zunehmend in Zusammenhang mit Existenzproblemen diskutiert wird (vgl.
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ebd.). Diese Verunsicherungen auf dem Arbeitsmarkt bedeuten auch eine direkte Verunsicherung der männlichen Identität (vgl. Gesterkamp 2007: 11). Überspielt wird diese Verunsicherung dann beispielsweise mit einer Betonung des Maskulinen. Besonders bei den unübersichtlichen und riskant erscheinenden Übergängen in die Arbeitswelt kann eine ausgeprägt gelebte Maskulinität bei jungen Erwachsenen als Bewältigungsressource fungieren (vgl. Böhnisch 2010: 520f.). Häufig kann das bei sozial benachteiligten Jungen beobachtet werden, wenn der männlich-starke Körper zum wichtigsten Inszenierungsmedium wird (vgl. ebd.: 532).
3.3 Der psychoanalytische Ansatz und der entwicklungsbiologische Ansatz - Abgrenzung zur
Weiblichkeit und Entwertung dieser
Kinder erwerben bis zum 6. Lebensjahr eine basale Geschlechtsidentität und ein grundlegendes Verständnis von Geschlechtsunterschieden. Sie entdecken, dass sie männliche, weibliche oder intersexuelle Genitalien haben und dass diese Menschen unterscheidet, was sich auch an geschlechtsstereotypem Verhalten bemerkbar macht (vgl. Pech/Herrschelmann/Leßner 2005: 56). Bereits in den 1940er Jahren führte die Kulturanthropologin Margaret Mead Analysen zur geschlechtlichen Identitätsentwicklung von Kindern, sie wollte die Schritte nachverfolgen, in denen Kinder ihre Geschlechtszugehörigkeit erlernen (vgl. Mead 1949: 9). Untersuchungen dieser Art sind noch immer aktuell und nähern sich dem Gegenstand von verschiedenen Richtungen. Im folgenden Abschnitt sollen zwei Argumentationslinien eröffnet werden: Ich nenne sie die psychoanalytische Herangehensweise und den entwicklungsbiologischen Ansatz. Ich verwende den Begriff ‚psychoanalytisch‘ weil der dargestellte Ansatz auf das Freud‘sche Konzept frühkindlicher Entwicklung zurückgeht und bezeichne den zweiten Ansatz als ‚entwicklungsbiologisch‘, da hier die Verunsicherung mit der natürlichen Entwicklung der Geschlechtsreife in Zusammenhang gebracht wird.
Lothar Böhnisch fasst zusammen, was beide Ansätze eint. Jungen begegnen im Prozess des Aufwachsens einer Vielzahl von “Bewältigungsfallen“, infolge derer ihr Bild von Männlichkeit idolisiert und das von Weiblichkeit abgewertet wird (vgl. Böhnisch 2010: 519). Nancy Chodorow, deren Analysen die neuere Männerforschung beeinflussten, untersuchte familiäre Beziehungsstrukturen in Verbindung mit der psychosexuellen Entwicklung von Jungen (vgl. Connell 2006: 38f.). Sie konzentrierte sich hierbei auf die vorödipale Trennung des Jungen von der Mutter, die dadurch ausgelöst wird, dass der Junge im Alter zwischen drei und sechs Jahren bereits die Geschlechterdifferenz zur Mutter erkennt (vgl. ebd.; vgl. Böhnisch 2010: 519). „Die Jungen werden damit früher und härter [als die Mädchen, N.H.] aus der symbiotischen Phase inniger Verschmolzenheit mit der Mutter gerissen (sofern sie über- hauptentstanden ist)“ (Böhnisch 1994: 53). Dieser Umstand führt nach Chodorow dazu, dass
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Nadine Hahm, 2011, Jungs in der Krise?, München, GRIN Verlag GmbH
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