Die nachfolgende Arbeit wurde im März 2011 vom Verfasser an der Ruhr-Universität Bochum als Hausarbeit zur Erlangung des Bachelor of Arts
eingereicht. Die Arbeit liegt bis auf kleinere Korrekturen in der ursprünglichen
Fassung vor.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Hauptteil 4
2.1. Absturz im Schacht 5
2.1.1. Innovationen bei der Fahrtechnik 5
2.1.. Sicherheitsverordnungen 7
2.1.. Fazit 7
2.2. Verschüttung 8
2.2.1. Abbautechnik 9
2.2.. Sicherheitsverordnungen 10
2.2.. Fazit 10
2.3. Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosionen 11
2.3.1. Ursachen 11
2.3.2. Innovationen bei der Bewetterung 14
2.3.3. Innovationen bei der Sprengarbeit 18
2.3.4. Innovationen bei dem Geleucht 22
2.3.. Sicherheitsverordnungen 25
2.3.. Fazit 25
2.4. Allgemeine Sicherheitsbestimmungen und Gesetze 26
3. Schluss 29
Anhang 30
Abk ürzungen 30
Quellenverzeichnis 30
Gl ückauf Zeitschrift 30
Sonstige Quellen 31
Literaturverzeichnis 32
Bachelor-Arbeit
Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts
1. Einleitung
Unter den mancherlei Beschäftigungen, wodurch sich der Mensch das tägliche Brot erwerben muß, ist die Arbeit des Bergmanns wenig lohnend, mit vielen Gefahren verbunden und sein Los darum nicht beneidenswert. 1
Mit diesen Worten eröffnet Johann Eduard Heuchler, seines Zeichens Professor der Zeichenkunst an der Bergakademie im sächsischen Freiberg, im Jahre 1867 sein Buch „Des Bergmanns Lebenslauf“, in dem er die unterschiedlichen Stationen im Arbeitsleben eines zeitgenössischen Bergmanns beschreibt. Auffällig ist, dass er hier schon im ersten Satz auf die Gefährlichkeit dieses Berufs zu sprechen kommt. Und tatsächlich gehörte die Arbeit unter Tage im 19. Jahrhundert zu den gefährlichsten Berufen überhaupt. Der Bergmann musste sich darüber im Klaren sein, dass er sich mit jeder Schicht aufs Neue enorm vielen spezifischen Gefahren aussetzte, was nicht selten zur Folge hatte, dass er unter Tage schwer verwundet wurde oder gar sein Leben ließ. Und sollte er das Glück gehabt haben, nicht verunglückt zu sein, waren gesundheitliche und psychische Folgeschäden wie zum Beispiel Silikose dafür verantwortlich, dass ein Hauer mitunter nicht älter als 35 Jahre wurde. 2
Doch der Steinkohlebergbau boomte im 19. Jahrhundert eminent, denn das „schwarze Gold“ stellte aufgrund seiner hohen Energiedichte „die entscheidende energetische Basis für die industrielle Revolution dar“ und war darüber hinaus noch wichtigster Rohstoff bei der Eisen- und Stahlerzeugung, weshalb man es als doppelten „Beschleuniger der Industrialisierung“ ansehen konnte. 3 Gerade weil 1847/9 der erste Kokshochofen in Mühlheim gebaut wurde und dies eine neue Ära für Kohle und Stahl einleitete, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Steinkohlebergbau im Ruhrrevier radikal ausgeweitet und die Förderleistung um ein Vielfaches gesteigert. 4 Dadurch stieg freilich das Unfallrisiko für die Bergleute ebenfalls erheblich an. Das Spannungsverhältnis von Sicherheit der Arbeiter und Produktionsinteresse der Unternehmer ist dabei besonders bedeutsam. Dies und noch vieles mehr sind Gründe, warum die Betrachtung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Sicherheit im Bergbau von entscheidender Wichtigkeit ist.
1 Heuchler, E.: Des Bergmanns Lebenslauf, Freiberg 1867, S. 5, im Folgenden zitiert als: „Heuchler: Lebenslauf“.
2 Arnold, W.; Junghans, R.; Wagenbreth, O.: Die Entwicklung der technischen Sicherheit beim Vordringen in die Tiefe und bei der Rettung gefährdeter Bergleute, in: Arnold, W. (Hrsg.): Eroberung der Tiefe, Leipzig 1977, S. 174-184, hier: S. 178, im Folgenden zitiert als: „Arnold, Junghans, Wagenbreth: Sicherheit“.
3 König, W. u. Weber, W.: Netzwerke Stahl und Strom 1840-1914, in: König, W. (Hrsg.): Propyläen Technikgeschichte, Bd. IV, Berlin 1990, im Folgenden zitiert als: „König: Propyläen IV“.
4 Radkau, J.: Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute, Frankfurt/New York 1989, S. 130, im Folgenden zitiert als: „Radkau: Technik“.
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Bachelor-Arbeit
Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts Die vorliegende Arbeit setzt sich mit diesen spezifischen Gefahren im Bergbau auseinander und zeigt auf, welche Innovationen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu beitrugen, die Sicherheit der Bergleute adäquat zu optimieren. Innovationen, die man per definitionem als freiwilligen „Bruch mit Gewohnheiten durch die Anwendung neuer Verfahren oder Objekte“ verstehen kann, 5 sind für die Optimierung der Bergbausicherheit von höchster Bedeutung. Und gerade im 19. Jahrhundert hat die Sicherheitstechnik unter Tage einige revolutionäre Innovationen erlebt.
Was war der ausschlaggebende Grund, dass gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so viele Innovationen zur Sicherheit der Bergleute eingeführt wurden?
Wieso traten in einigen Bereichen der Bergbautechnik sehr viele und in anderen Bereichen vergleichsweise wenig Innovationen auf?
Wie stellt sich das Verhältnis von technischen Errungenschaften sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen auf der einen und gesetzlichen Verordnungen sowie behördlichen Anforderungen und sozialpolitischen Gesetzen auf der anderen Seite dar?
Dies sind Fragen, die an diese Thematik gestellt und im Zuge der Arbeit beantwortet werden sollen.
Die Gliederung dieser Arbeit wird sich an den spezifischen Gefahren orientieren. Zunächst wird in dieser Einleitung Auskunft über das Thema „Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts“ gegeben und die verwendete Literatur sowie die besonders eminenten Quellen vorgestellt. Im Hauptteil der Arbeit geht es dann ganz konkret um die Entwicklung der Sicherheit anhand signifikanter Unfallkategorien, wie Absturz im Schacht, Steinfall und Verschüttung sowie Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosionen. Dabei wird zuerst auf die technischen Innovationen im Bereich der Sicherheit eingegangen. Doch wie schon zuvor erwähnt, ist das Zusammenspiel der Technik mit der Sozialgeschichte der behördlichen Legislativen besonders wichtig, sodass im letzten Abschnitt eines jeden Gliederungspunktes stets gerade die, die spezifischen Risiken betreffenden, Sicherheitsmaßnahmen und Bergpolizeiverordnungen vorgestellt werden. Darüber hinaus jedoch wird im letzten Punkt der Arbeit noch auf allgemeine Unfallverhütungsvorschriften und Berggesetze eingegangen. Zuletzt wird noch ein obligatorisches Fazit aus den Erkenntnissen, die diese Arbeit liefert, gezogen und ein kurzer Ausblick auf spätere Zeiträume gegeben, um Ansätze für weitere Betrachtungsweisen dieses Themas zu geben.
5 Mahlerwein, G.: Art. Innovation, in: Jaeger, Friedrich (Hrsg.): EDN V, Stuttgart/Weimar 2007, Sp. 1004-1015, hier: Sp. 1004.
2
Bachelor-Arbeit
Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts Das Thema Sicherheit und Bergbau wurde in den letzten Jahren aus mehreren Perspektiven intensiv beleuchtet. Doch besonders in den letzten drei Dekaden fand in der historischen Betrachtung der Montanindustrie ein Paradigmenwechsel statt, wobei nun stärker auf die strukturelle Sozialgeschichte der Industrialisierung und die „Mining Community“ des Ruhrreviers eingegangen wird. 6 Noch um die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Sicherheit im Bergbau nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung. So haben beispielsweise Wilhelm Gumz und Rudolf Regul zwar mit dem Titel „Die Kohle. Entstehung, Eigenschaften, Gewinnung und Verwendung“ eine umfassende Übersicht über den Bergbau und das Produkt Kohle sowie dessen Verwendung geschrieben, jedoch erlangen der Bergmann und seine Sicherheit darin keinerlei Betrachtung, obwohl durchaus Stichworte wie Schlagwetter und Grubengas fallen. 7 Der Bergmann selbst, der mit „oft heldenhaftem Einsatz“ den Gefahren trotzte, 8 wurde erst in den letzten 30 Jahren zum interessanten Forschungsgegenstand. Besonders Evelyn Kroker, Klaus Tenfelde und Michael Farrenkopf haben sich in den letzten Jahrzehnten eindringlich mit dem spannenden Problem beschäftigt und Farrenkopf ist der Meinung, dass Grubenunglücke „ein integraler Bestandteil der Montangeschichte“ sind und „aus diesem Grund aus der historischen Erforschung des Bergbaus nicht ausgeblendet werden“ dürfen. 9 Infolgedessen haben er und Evelyn Kroker einen sehr umfangreichen Katalog aller bekannten „Grubenunglücke im deutschsprachigen Raum“ zwischen 1575 und 1994 zusammengestellt, aus dem sich sehr anschaulich entnehmen lässt, welche Arten von Unglücken es überhaupt gab, wie sie entstanden, wie viele Opfer - ob tot oder verletzt - sie forderten und welche Unfälle besonders häufig auftraten. Unabhängig von diesem Katalog ist die Monografie „Schlagwetter und Kohlenstaub“, die in dieser Arbeit auch noch besonders häufig Verwendung finden wird. In dieser „ungekürzten und geringfügig überarbeiteten“ Dissertation Michael Farrenkopfs geht es um ein ganz besonders wichtiges Sicherheitsproblem unter Tage, 10 das vor allem im Betrachtungszeitraum „den Ruhrbergbau im Verlauf seiner Geschichte in unterschiedlicher Anzahl und Stärke getroffen hat“ und außerordentlich viele Opfer forderte: Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosionen. 11
6 Farrenkopf, M.: Schlagwetter und Kohlenstaub. Das Explosionsrisiko im industriellen Ruhrbergbau 1850-1914, Bochum 2003, S. 13, im Folgenden zitiert als: „Farrenkopf: Schlagwetter“.
7 Gumz, W. u. Regul, R.: Die Kohle. Entstehung, Eigenschaften, Gewinnung und Verwendung, Essen 1954.
8 König: Propyläen, S. 28.
9 Farrenkopf, M.: Grubenunglücke in der historischen Forschung. Ansätze, Fragestellungen, Perspektiven, in: Kroker, E und Farrenkopf, M.: Grubenunglücke im deutschsprachigen Raum, Bochum 1999, S. 17-39, hier: S. 17, im Folgenden zitiert als: „Kroker, Farrenkopf: Grubenunglücke“.
10 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 10.
11 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 13.
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Bachelor-Arbeit
Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts Neben der verwendeten Literatur ist vor allem die Auswertung spezifischer Quellen wesentlich. Denn gerade im Betrachtungszeitraum dieser Arbeit, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde die Zeitschrift „Glückauf. Berg- und Hüttenmännische Zeitung“ ins Leben gerufen. Die erste Ausgabe dieser Zeitung erschien am Sonntag den 1. Januar 1865 als „Beilage zur Essener Zeitung“ mit den folgenden, fast schon heroisch klingenden, Worten:
Für jeden, der an der wirtschaftlichen Entwickelung unseres Landes Interesse nimmt, gibt es sicher nichts Lehrreicheres und zugleich Erfreulicheres, als an der Hand der erläuternden Statistik zu beobachten, wie der vaterländische Bergbau, namentlich die Steinkohlen-Gewinnung und die mit dem Bergbau eng verschwisterte Eisen-Industrie, von schwachen Anfänge ausgehend, sich zu der jetzigen Größe und Bedeutung emporgerichtet hat. 12 Innerhalb dieser zunächst einmal, später sogar zweimal wöchentlich erscheinenden Zeitung wird nun stets von technischen, geschichtlichen, statistischen, volkswirtschaftlichen und bergrechtlichen Neuerungen sowie vielem mehr rund um den Bergbau berichtet, weshalb sie sich für diese Arbeit als außerordentlich wichtig erweist.
2. Hauptteil
Im Hauptteil dieser Arbeit soll es nun anhand dreier spezifischer Gefahren darum gehen, welche technischen und rechtlichen Innovationen zur Vorbeugung dieser Risiken beigetragen haben: Absturz im Schacht, Verschüttung und Explosionen. Natürlich ereigneten sich im Bergbau noch wesentlich mehr Gefahren, doch hier soll aufgrund ihrer Häufigkeit und ihrer verheerenden Ausmaße nur auf diese drei Hauptgefahren eingegangen werden. Gerade für die Sicherheitsbestimmungen, die bezogen auf jeden Unterpunkt sowie am Ende noch einmal allgemein zur Betrachtung kommen sollen, ist ein Artikel aus der Glückauf Zeitschrift prädestiniert. 1894 überreichte Frédéric Delafond dem internationalen Kongress für Unfallverhütung in Mailand einen Artikel über die „Maßregeln zur Verhütung von Unfällen im Bergbaubetriebe nebst den damit erzielten Resultaten“, 13 worin er einige sehr wichtige Sicherheitsbestimmungen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich beschlossen worden waren, zusammenfasste. Dieser Artikel wurde in der Glückauf Zeitschrift abgedruckt und soll hier an einigen Stellen zur Anwendung kommen.
12 Ein Rückblick, in: GL, 1 (1865), S. 1 f, hier: S. 1. - Bezüglich der Seitenzahlen sei zu erwähnen, dass die erste gebundene Zusammenfassung der Jahrgänge 1865-1868 keine durchgängige Seitenzählung aufweist. Deshalb wird hierbei die Seitenzahl innerhalb der jeweiligen Ausgabe angegeben. In späteren zusammengefasten Ausgaben werden die Seiten durchgängig nummeriert und auch dementsprechend angegeben.
13 Delafond, F.: Maßregeln zur Verhütung von Unfällen im Bergbaubetriebe nebst den damit erzielten Resultaten, in: GL 95 (1894), S. 1701-1703, hier: S. 1701, im Folgenden zitiert als: „GL, 95 (1894)“.
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Arbeit zitieren:
Alexander Batzke, 2011, Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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