In dieser Ausarbeitung soll erörtert werden, auf welcher Grundlage Methoden für den Religionsunterricht ausgewählt werden sollen, um interreligiöses Lernen in der Unterrichtspraxis zu ermöglichen. Diesbezüglich stellt sich zuerst die Frage, was unter interreligiösem Lernen zu verstehen ist und warum es ein solider Bestandteil eines jeden Religionsunterrichts sein sollte. Außerdem werden in diesem Zusammenhang etwaige theologische Grundlagen bezüglich des II. Vatikanums für interreligiöses Lernen beschrieben. Hinsichtlich dessen werden didaktische Überlegungen aufgezeigt, aber auch was interreligiöses Lernen beinhaltet und welche Ziele es verfolgt.
Religionsunterricht transformiert religiöse „Inhalte in die Sprache und Sphäre der gesellschaftlichen Öffentlichkeit“. 1 Nach Clauß Peter Sajak ist es daher von Bedeutung, interreligiöse Lernprozesse in den Religionsunterricht zu integrieren und damit auch andere Religionen einfließen zu lassen. Daraus ergibt sich für interreligiöses Lernen zuvorderst die Definition, es sei „die Auseinandersetzung mit fremden Religionen“. 2 Nach dieser Definition findet interreligiöses Lernen bereits dann statt, wenn Schülerinnen und Schüler (im Folgenden als SuS bezeichnet) SuS mit einer anderen Religion begegnen und über diese ausgetauscht wird. Interreligiöses Lernen muss gerade deshalb einen Bestandteil von Religionsunterricht darstellen, weil in Schulen viele verschiedene Religionen aufeinander treffen und weil das II. Vatikanum den Dialog und die Verständigung mit anderen Religionen als notwendig aufgezeigt hat. Bis es zu diesem Entschluss gekommen ist, musste sich „die Haltung der Kirche gegenüber den anderen, nichtchristlichen Religionen“ 3 grundsätzlich verändern. Dies geschah erst im Konzil des 20. Jahrhunderts, welches seitdem auf „eine gründliche Auseinandersetzung mit den Traditionen und Praktiken der nichtchristlichen Religionen“ 4 besteht. So kam es im II. Vatikanum von der Abkehr von einem ekklesiozentrischen Exklusivismus zu einer Hinwendung zu einem christozentrischem Inklusivismus. Das heißt: Die Grundeinstellung, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gäbe - „Extra ecclesiam nulla salus.“, 5 wurde dadurch ersetzt, dass „auch andere Religionen ‚Strahlen der Wahrheit‘“ 6 enthalten und somit kam es zur Entscheidung für die Notwendigkeit interreligiösen Lernens. Christian Hellmann führt dagegen vier verschiedene Begründungsfelder auf, um für das dringende Bedürfnis nach interreligiösem Lernen im Religionsunterricht zu argumentieren: „Die Identität der Schüler und Schülerinnen“, „Gesellschaft und Religion“, „Religionspädagogik und Theologie“, „Schu-
1 SAJAK,C. P., Interreligiöses Lernen im Religionsunterricht, S. 7
2 Ebd. S. 9
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Ebd. S. 10
6 Ebd.
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le/Bildung/Pädagogik“. 7 Das erstgenannte Begründungsfeld der Identität zielt darauf ab, dass im Religionsunterricht Fragen besprochen werden, die „uns alle gemeinsam angehen […], und den Jugendlichen Hilfe bei der Identitätsfindung“ 8 bieten. Die SuS sollen durch Erziehung eine neue Identität entwickeln. Dies soll mithilfe von drei Schritten passieren: „1. Restauration der Konfession; 2. Kulturbegegnung (als das Leben verändernde Begegnung); 3. besseres Verständnis des anderen Glaubens, besseres Verständnis des eigenen Glaubens.“ 9 Das Feld „Gesellschaft und Religion“ begründet sich auf zwei Thesen. Die erste besagt, „daß die Gesellschaft bisher eine einheitliche Gesellschaftsstruktur hatte und jetzt eine plurale Gesellschaftsstruktur hat.“ 10 Die fett gedruckten Wörter in diesem Zitat wollte Hellmann besonders akzentuieren. In These zwei zieht er daraus eine Schlussfolgerung: Bisher habe es in der Gesellschaft einheitliche Werte und Normen gegeben und jetzt seien plurale Wertungs-normen der Gesellschaft vorhanden. 11 Da sich daher die Gesellschaft zum Pluralismus hin verändert hat, ist interreligiöses Lernen notwendig. Denn es ermöglicht Pluralismus. Das dritte Begründungsfeld „Religionspädagogik und Theologie“ führt Hellmann sehr weitläufig aus. Um den Rahmen der Ausarbeitung nicht zu sprengen, wird hier nur auf die Basisargumentation interreligiösen Lernens eingegangen. So heißt es in der Literatur, dass die SuS im Religionsunterricht „religiöse Orientierung oder religiöse Allgemeinbildung erlangen“ 12 sollen. Mithilfe von drei Schritten sollen sie von der Frage der Sinnfindung zur religiösen Orientierung gelangen: „1. das Kennenlernen von Religion und Religionen; 2. das Verstehenlernen von Religion und Religionen; 3. Kritikfähigkeit entwickeln im Bezug auf Religion und Religionen“. 13 Eben diese drei Schritte können durch interreligiöses Lernen ermöglicht werden. Das letzte Feld „Schule/Bildung/Pädagogik“ befasst sich mit der Thematik, ob und inwiefern interreligiöser Religionsunterrichtet in das pädagogische Konzept einer öffentlichen Schule eingearbeitet werden kann. Nun stellt sich aber die Frage, welche Ziele und Inhalte dafür sorgen, dass interreligiöses Lernen das oben Genannte ermöglichen kann. Neben der Definition von Sajak bezeichnet Richard Schlüter interreligiöses Lernen als „ein Lernen am und aus dem Konflikt und ein partizipatorisches Lernen“. 14 Dies zeigt, dass es für interreligiöses Lernen keine punktgenaue Definition gibt. Viel mehr lässt es sich durch didaktische Überlegungen, aber auch durch seine Ziele und Inhalte beschreiben. Der Reli-
7 HELLMANN,C., Religiöse Bildung, Interreligiöses Lernen und Interkulturelle Pädagogik, S. III
8 Ebd. S. 23
9 Ebd. S. 24
10 Ebd. S. 26
11 Vgl. ebd.
12 Ebd. S. 29
13 Ebd.
14 SCHLÜTER, R., Methoden des interreligiösen Lernens: Grundsätzliche Überlegungen, S. 563
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gionsunterricht im Rahmen interreligiösen Lernens soll nach Sajak „einen Prozess des Austauschs und des Verstehens“ 15 initiieren. Dieser Prozess soll dazu führen, dass fremde Religionen durch Kommunikation und Austausch erschlossen werden. Der Begriff der Konvivenz steht dabei als ein wichtiges Ziel interreligiösen Lernens im Vordergrund. Darunter ist die Wahrnehmung der anderen Religion (ohne sie sich selbst anzueignen), die Anerkennung der Differenzen innerhalb der unterschiedlichen Religionen und das Begreifen der fremden Religion zu verstehen. 16 Nach Schlüter sind die Zielsetzungen, welche gleichzeitig Inhalte und Methoden bedingen, sowohl gesellschaftlich und pädagogisch begründet als auch von theologischen Entscheidungen bestimmt. Interreligiöses Lernen soll die SuS zur Pluralität befähigen. Das Modell des Pluralismus setzt auf die Entstehung eines Dialogs und geht dabei von gleichwertigen Religionen aus, die aber dennoch als unterschiedliche wahrgenommen werden sollen. 17 Dem Pluralismus steht das Modell des Inklusivismus gegenüber. Bei diesem geht es darum, dass andere Religionen anerkannt werden, wenn sie irgendwie mit der eigenen kon-form gehen und jene an dieser teilhaben. Neben diesem Ziel soll das Modell des Inklusivismus „zur Klärung, Stärkung und Bereicherung der eigenen Glaubensposition führen und Verständnis und Toleranz gegenüber anderen Überzeugungen fördern“. 18 Es bezieht sowohl das Offensein als auch die Bereitschaft und Fähigkeit zum Dialog mit ein. Der Dialog ist eine methodische Grundstruktur interreligiösen Lernens und daher ein wichtiges Element in der Unterrichtspraxis. Dabei geht es nicht nur um das Miteinander-Reden, sondern auch um „den Dialog des Lebens, des Handelns, des theologischen Austausches und den Dialog der religiösen Erfahrungen“. 19 Leonard Swidler hat aufgrund der Wichtigkeit des Dialogs zehn Regeln dazu verfasst, die im Wesentlichen den Zweck des Dialogs und seine Ausübung beinhaltenaber auch, wie sich die jeweiligen Dialogpartner zu verhalten haben und wann erst ein Dialog stattfinden kann. 20 Da die didaktischen Überlegungen über die zwei vorgestellten Modelle hinaus noch eine große Menge an weiteren didaktischen Ansätzen beinhalten und dies ebenfalls den Rahmen der Arbeit sprengen würde, belasse ich es dabei. Da Ziele die Methoden und Inhalte des Unterrichts bestimmen, müssen diese vorweg dem agierenden Lehrer (gilt im Folgenden für beide Geschlechter) klar sein. Es macht erst Sinn die Methode auszuwählen, wenn bereits die Ziele und folglich auch die Inhalte festgelegt wurden. Neben den bereits genannten Zielen interreligiösen Lernens soll es außerdem zur
15 SAJAK 2005: S. 13
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. SCHLÜTER 2005: S. 556-558
18 Ebd. S. 557
19 Ebd. S. 558
20 Vgl. SWIDLER, L., Interreligiöser und interideologischer Dialog, S. 315-317
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Arbeit zitieren:
Antonia Zentgraf, 2011, Methodenauswahl für den Religionsunterricht im interreligiösen Kontext, München, GRIN Verlag GmbH
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